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Levent Günes, Belastungssituationen der zweiten und dritten Ausländergenerationen in:

Levent Günes

Europäischer Ausweisungsschutz, page 86 - 88

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4003-4, ISBN online: 978-3-8452-1312-5 https://doi.org/10.5771/9783845213125

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86 Folgende Belastungssituationen lassen sich für die erste Ausländergeneration feststellen: Aufenthalts- und arbeitsrechtliche Situation Erleben des Ausgegrenztseins durch die Mehrheitsbevölkerung Trennungserfahrungen Anpassungsdruck an andere Normen und Werte Identitätskrisen Rollenverluste und -diffusionen Ungünstige Wohn- und Arbeitsbedingungen Kommunikationsschwierigkeiten Der Belastungssituation171, der die erste Ausländergeneration ausgesetzt ist, stehen jedoch Schutzfaktoren gegenüber. Denn diese Menschen haben ihre Sozialisation in einem sicheren und bekannten Umfeld erfahren. Innerhalb der kleinen Gemeinde, aus der sie in der Regel stammen, erfuhren sie intensive und herzliche Umgangsformen, die rollen- bzw. identitätsstiftend wirkten. Weiter kann davon ausgegangen werden, dass die Verfügbarkeit von Drogen in diesen Gemeinden nicht in dem Maße vorhanden war wie in Deutschland und somit ein Aufwachsen ohne Drogenkonsum vorlag.172 2.7.2 Belastungssituationen der zweiten und dritten Ausländergenerationen Das Verhältnis zwischen Belastungssituationen und Schutzfaktoren, wie es bei der ersten Ausländergeneration zu beobachten ist, verändert sich bei der zweiten und dritten Ausländergeneration zu Ungunsten der Schutzfaktoren. Es ist ein Ungleichgewicht zu beobachten, aus dem Belastungen heraus ein größeres Gewicht erhalten können. Entscheidend sind hierbei die Sozialisationsphasen dieser Generationen. Innerhalb der Familie erfahren die Jugendlichen eine traditionelle Erziehung, die sich an den heimatlichen kulturellen und religiösen Vorstellungen der Eltern ausrichtet. Außerhalb des Familienkreises sind sie Mitglieder eines Normen- und Wertesystems, das überwiegend konsumorientiert und individualisiert ist.173 Innerhalb der Familie entstehen für die Jugendlichen Belastungssituationen, die primär auf verunsicherten Familiensituationen beruhen. Die Eltern versuchen 171 Handbuch interkulturelle Suchthilfe: Modelle, Konzepte und Ansätze der Prävention, Beratung und Therapie, Gießen, S. 90. 171 Vgl. ebenda, S. 94 f. 172 Vgl. Aksoy, Nimettin (1997), Suchtvorbeugung mit türkischen Eltern, in: Landesstelle gegen die Suchtgefahren in Baden-Württemberg (Hg.) (1997), Sucht und Migration, Stuttgart, S. 94. 173 Vgl. Baudis, Rainer (1997), Gastarbeiterkinder, in: Landesstelle gegen die Suchtgefahren in Baden-Württemberg (Hg.) (1997), Sucht und Migration, Stuttgart, S. 57. 87 durch einen starken erzieherischen Einfluss dem unterschiedlichen Erziehungsstil der öffentlichen Bildungsträger entgegenzuwirken, dem sie selbst kritisch gegenüberstehen. Der Jugendliche befindet sich in der schwierigen Situation, beiden Kulturen gerecht werden zu wollen, obwohl diese widersprüchliche Anforderungen an ihn stellen.174 Für die Phase dieses konfliktorischen Jugendabschnittes werden folgende Phänomene beschrieben: Rollenunsicherheit und Statusungewißheit Veränderung des Selbstbildes Leistungsprobleme mit geschlechtsspezifischen Reaktionen Probleme der Selbstorientierung und Konfliktbewältigung Ablösung vom Elternhaus, das Streben nach Selbständigkeit In der unmittelbaren Alltagswelt der ausländischen175 Jugendlichen können somit stressfördernde Momente auftreten, die schwerwiegende Folgewirkungen mit sich bringen und Belastungen aufbauen. Die Ausgangssituation stellt hierbei der schulische Misserfolg – meist bedingt durch sprachliche Defizite und schlechte materielle Ausstattung – dar. Die damit einhergehenden schlechteren Zugangschancen zu Ausbildungs- und Arbeitsplätzen können zu negativen Zukunftserwartungen führen.176 Aufgrund der bikulturellen Sozialisation, Rollendiffusionen, Norm- und Wertdiskrepanz, fehlenden Zukunftsperspektive und schulischen Misserfolgen fehlt vielen Jugendlichen ein orientierungsstiftender Erziehungsrahmen. Cliquen und die »Szene« wirken dagegen identitätsstiftend und regulativ.177 Auch die Sucht stellt einen Fluchtweg aus diesen Verhältnissen dar178. AKSOY schreibt der Sucht weiterführend folgende Bedeutung zu: » (...) gleichzeitig bedeutet sie eine Suche nach Anerkennung, egal welcher Art und Herkunft. Sie griffen zu Drogen, weil sie für sich keine Perspektiven in dieser Gesellschaft sehen konnten.«179 174 Vgl. Tuna, Soner (1999), Entwicklungskrisen und migrationsbedingte Belastungen als Suchtgefährdungspotentiale jugendlicher Migranten, in: Salman, Ramazan (Hg.) (1999), Handbuch interkulturelle Suchthilfe: Modelle, Konzepte und Ansätze der Prävention, Beratung und Therapie, Gießen, S. 95. 175 Vgl. ebenda, S. 98. 176 Vgl. ebenda, S. 95 ff. 177 Vgl. ebenda, S. 101. 178 Die wurde insbesondere bei türkischen Jugendlichen beobachtet. Vgl. hierzu Aksoy, Nimettin (1997), Suchtvorbeugung mit türkischen Eltern, in: Landesstelle gegen die Suchtgefahren in Baden-Württemberg (Hg.) (1997), Sucht und Migration, Stuttgart, S. 92. 179 Aksoy, Nimettin (1997), Suchtvorbeugung mit türkischen Eltern, in: Landesstelle gegen die Suchtgefahren in Baden-Württemberg (Hg.) (1997), Sucht und Migration, Stuttgart, S. 92. 88 Erschwerend kommt hinzu, dass ausländische Eltern oftmals die Sucht ihrer Kinder nicht frühzeitig erkennen, um somit adäquat auf sie reagieren zu können. Hier ist eine nicht ausreichende Sensibilisierung zu beobachten. Eine fortgeschrittene Sucht und ihr Bekanntwerden innerhalb der Familie werden »privat« gehalten. Das Aufsuchen professioneller Hilfe setzt regelmäßig viel zu spät ein.180 2.8 Zusammenfassung Sowohl bei der Gruppe der Unionsbürger als auch der türkischen Staatsangehörigen konnten nahezu gleichlange Aufenthaltszeiten verzeichnet werden. Bezüglich des Aufenthaltsstatus waren jedoch erhebliche Unterschiede aufzufinden. Während Unionsbürger aufgrund des Freizügigkeitsrechtes meist über unbefristete Aufenthaltsrechte verfügen, sind die Aufenthaltsrechte von einem Großteil der türkischen Staatsangehörigen nicht eindeutig geklärt bzw. jedenfalls nicht verfestigt. Dies trifft überraschenderweise insbesondere bei der zweiten und dritten Generation der türkischen Staatsangehörigen in Deutschland zu. Der Integrationsprozess dieser zweiten und dritten Ausländergeneration ist allgemein durch erhebliche Mängel im Bereich Schulabschluss und Ausbildungsprofil gekennzeichnet. Es zeigt sich eine Stagnation der schulischen Bildung im Vergleich zu den deutschen Altersgenossen. Der Zugang zu weiterführenden Berufen mit Fach- und Hochschulreife gelingt lediglich einem geringen Anteil der ausländischen Jugendlichen. Ferner ist zu beobachten, dass eine Bildungsdivergenz zwischen Jugendlichen aus Unionsstaaten und denjenigen aus der Türkei vorhanden ist. Türkische Schüler weisen ein geringeres Bildungsprofil auf. Die für beide Gruppen zu beobachtende geringere Abschlussart im Vergleich zu deutschen Jugendlichen führt dazu, dass das Berufsspektrum eingeengt ist und demzufolge die Berufschancen geringer sind. Während deutsche Jugendliche qualitativ höhere Bildungsprofile und Ausbildungen anstreben, ist der Anteil dieser bei ausländischen Jugendlichen sehr gering. Erschreckend ist der hohe Anteil von ausländischen Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss. Die hohe Arbeitslosigkeit unter Ausländern dürfte hier ihre Wurzeln haben. Dass Ausländer statistisch doppelt so oft von Arbeitslosigkeit betroffen sind – insbesondere junge Ausländer der zweiten und dritten Generation – resultiert primär aus der schlechten Bildungsqualifikation. Schwache Schulbildung, schlechte Ausbildungen und hohe Arbeitslosigkeit führen unweigerlich zu beschränkten Teilhabemöglichkeiten innerhalb des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland und zu Integrationshindernissen. Die Folge 180 Türkische Eltern schicken ihre suchtkranken Kinder für die Behandlung häufig in die Türkei, was jedoch nur eine kurzfristige körperliche Entgiftung verursacht. Vgl. hierzu ebd. S. 93.

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Zusammenfassung

Für straffällige Ausländer, die in Deutschland geboren oder im Kindesalter eingereist sind, stellt sich eine Ausweisung regelmäßig als „Doppelbestrafung“ dar. Auch die Verwurzelung im Bundesgebiet schützt nach nationalen Maßstäben hiervor nur begrenzt. Betrachtet man das sozioökonomische Profil der Ausgewiesenen, so zeigt sich, dass diese fast ausnahmslos der sog. Unterschicht angehören. Bildungsarmut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit sowie der damit einhergehende unsichere Aufenthaltsstatus bestimmen ihr Leben. Im Gegensatz zum bisherigen nationalen Ausländerrecht stellt der Europäische Ausweisungsschutz nun insbesondere für Unionsbürger und assoziationsbegünstigte türkische Staatsangehörige stärker auf faktische Bindungen in der „Heimat“ ab. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist nachweisbar, dass er hierdurch ausgesprochen effektiv wirkt und die Ausweisungszahlen in der Ausländerpraxis deutlich reduziert hat.