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Dirk Freudenberg, Das COMISAF Advisory and Assistance Team (CAAT) als strategisches Instrument im Counterinsurgency-Einsatz in Afghanistan in:

Robin Schroeder, Stefan Hansen (ed.)

Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe, page 369 - 384

Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN)

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-0690-7, ISBN online: 978-3-8452-4901-8, https://doi.org/10.5771/9783845249018-369

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369 Kapitel 24 Das COMISAF Advisory and Assistance Team (CAAT) als strategisches Instrument im Counterinsurgency-Einsatz in Afghanistan Dirk Freudenberg 1. Einleitung Schwache Staatlichkeit bzw. der Zerfall staatlicher Ordnung kann durchaus eine Ursache für regionale Destabilität und auch globale Gefährdungen sein.1 Folglich entstehen heute Risiken und Bedrohungen auch aus zerfallenen und zerfallenden Staaten.2 Die Verantwortungsträger aus Politik und Exekutive sehen sich vor umfassende Anforderungen und Aufgaben gestellt, die einer eingehenden und vor allem realitätsbezogenen Analyse bedürfen.3 Dies ist umso notwendiger, da behauptet wird, dass Kriege von Irregulären nie gewonnen, aber von ihren Gegnern oft verloren würden.4 Dementsprechend stimmt wohl die Feststellung, dass es gerade angesichts des Phänomens Irregulärer Kräfte kaum klare Definitionen von Sieg und Niederlage gibt.5 Die Suche nach einer „richtigen“ – im Sinne einer erfolgreichen – Strategie ist zugleich immer die Suche nach den richtigen Mitteln zur Erreichung von be- ____________________ 1 Vgl. Freudenberg, Dirk: Counterinsurgency als Phase zur Überwindung schwacher Staatlichkeit und zur Etablierung einer stabilen Nachkriegsordnung, in: Möllers, Martin H.W./van Ooyen, Robert (Hrsg.): Jahrbuch Öffentliche Sicherheit 2012/2013, Frankfurt 2013, S. 285. 2 Vgl. Bundesministerium der Verteidigung – Der Bundesminister (Hrsg.): Verteidigungspolitische Richtlinien, Berlin 27. Mai 2011, S. 1; vgl. AA/BMVg/BMZ (Hrsg.): Für eine kohärente Politik der Bundesregierung gegenüber fragilen Staaten. Ressort- übergreifende Leitlinien, August 2012. 3 Vgl. Greiner, Gottfried: Heimatschutz – das veränderte Kriegsbild, in: Gerber, Johannes/Kühr, Manfred (Hrsg.): Landkriegführung. Operation. Taktik. Logistik. Mittel. Supplement zum Handbuch 1992, Bissendorf 2004, S. 126. 4 Vgl. Thayer, Charles W.: Guerillas und Partisanen. Wesen und Methodik der irregulären Kriegführung, München 1963, S. 19; vgl. Goertz, Stefan: Warum die Streitkräfte mancher Staaten den Kleinen Krieg verlieren – eine Kritik der westlichen Counterinsurgency-Doktrinen, in: Hagen, Ulrich vom (Hrsg.): Armee in der Demokratie. Zum Verhältnis von zivilen und militärischen Prinzipien, Wiesbaden 2006, S. 75. 5 Vgl. Riemer, Andrea/Vad, Erich: Leadership und Strategie: In Umbrüchen zeitgemäß führen, in: ÖMZ 2013, S. 18. Dirk Freudenberg 370 stimmten Zielen und dem diesen übergeordneten Zweck.6 Das heutige Verständnis von Theorie und Praxis ist grundlegend durch unsere Kenntnis von Wissenschaften geprägt, deren theoretische Einsichten sich unmittelbar in Handlungsanweisungen übersetzen lassen.7 Somit stehen Theorie und Praxis in enger Beziehung zueinander. Die Theorie muss sich an der Praxis messen lassen. Die Gültigkeit der Theorie ergibt sich aus ihrer Bewährung und Überlebensfähigkeit in der Praxis. Gleiches gilt für militärtheoretische Konzeptionen und Vorschriften sowie ihre Transformation auf konkrete Einsatzräume und ihre jeweiligen spezifischen Bedingungen. Die vor allem in den Medien in Deutschland geführte Diskussion über den Einsatz in Afghanistan und den Ausgang der Mission ist insgesamt von einer eher negativen Tendenz geprägt. In der medialen Berichterstattung überwiegen üblicherweise dramatische Berichte über negative Ereignisse; tiefgründigere Analysen entdeckt man hingegen selten. Der nachstehende Beitrag soll ein Führungs- und Beratungsinstrument des kommandierenden Generals in Afghanistan in einem hochkomplexen und komplizierten Einsatzumfeld vorstellen, um insgesamt ein tieferes Verständnis für den Gesamteinsatz und dessen Vielschichtigkeit zu vermitteln. 2. Counterinsurgency (COIN) und der bevölkerungsorientierte Comprehensive Approach Wenngleich sich die Bundeswehr mit der Bezeichnung schwer tut, gibt es derzeit erste konzeptionelle Überlegungen zum Thema „Counterinsurgency/Aufstandsbekämpfung“. Inzwischen hat die Führungsakademie der Bundeswehr zusammen mit der Universität Kiel eine entsprechende Studie erarbeitet, dennoch verfügten die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland bislang über keine verbindliche Vorschrift, die diesen Gegenstand umfassend behandelt. Gleichwohl existieren z.B. in der ZDv (Zentrale Dienstvorschrift) 3/11 wie auch in der HDv (Heeresdienstvorschrift) 100/100 mehr oder weniger vereinzelte und für sich stehende Anhalte und Verhaltenshinweise, aus denen sich zum Teil entsprechende Ableitungen herauslesen lassen. Eine umfassende Grundlage für diese, in seiner Komplexität und Sensibilität schwieri- ____________________ 6 Vgl. Freudenberg, Dirk: Ein „geführtes Teleskop“ – Das CAAT als strategisches Instrument der Aufstandsbekämpfung in Afghanistan, in: ZfAS, 6:1, 2013, S. 35–43. 7 Vgl. Lobkowicz, Nikolaus: Theorie und Praxis, in: Reinisch, Leonard (Hrsg.): Politische Wissenschaft heute, München 1971, S. 18. Das CAAT als strategisches Instrument im COIN-Einsatz in Afghanistan 371 ge und vielschichtige Einsatzaufgabe ist damit aber keinesfalls gegeben. Der im Jahre 2013 erlassene Leitfaden zur Aufstandsbewältigung geht über die allgemeinen Grundsätze der HDV 100/100 – deren Führungsgrundsätze uneingeschränkt fortgelten – hinaus und ergänzt diese.8 Basierend auf der amerikanischen Counterinsurgency-Vorschrift (FM 3- 24)9, welche in ihrer aktuellen inhaltlichen Ausgestaltung ganz maßgeblich auf General Petraeus zurückgeht und von diesem vor dem Hintergrund des Irak-Krieges (2003) entwickelt wurde, die er später auch auf Afghanistan übertragen hat, operieren die ISAF-Streitkräfte in Afghanistan nach diesen Grundsätzen. Der ganz wesentliche innovative Gedanke dieser Vorschrift ist – im Gegensatz zu klassischen Ansätzen der Kriegführung –, dass nicht der Gegner im Zentrum der militärischen Betrachtung steht, sondern dass es sich um einen bevölkerungszentrierten Ansatz handelt. Das bedeutet, dass bei jeder Maßnahme und Handlung die Auswirkungen auf die Bevölkerung zu beurteilen und gegebenenfalls feindschädigende Unternehmungen zu unterlassen sind, auch wenn dadurch ein militärischer Vorteil nicht ausgenutzt wird, wenn unter Umständen die Auswirkungen auf die Lage der Bevölkerung und das zivile Meinungsbild negativ sein könnten. Diese Einschränkungen gehen also weiter als die völkerrechtlichen Regelungen zum Schutze der Zivilbevölkerung. Sie haben gleichzeitig eine andere Wirkdimension als das weiterhin uneingeschränkt geltende Feindschädigungsrecht. Der hier zum Tragen kommende Grundgedanke entspricht dennoch überkommenden militärischen Grundsätzen: Das Ausnutzen eines möglichen taktischen Erfolges ist dann zu unterlassen, wenn dadurch absehbar, unmittelbar oder auch nur mittelbar eine schädigende Wirkung von strategischer Bedeutung eintritt. Weitere grundlegende Überlegung des FM 3-24 ist es zudem, dass Aufstandsbekämpfung zwar Teil der Kriegführung ist, dass aber zur Aufstandsbekämpfung prinzipiell zivile Maßnahmen der humanitären Nothilfe, des zivilen Wiederaufbaus, der Entwicklungshilfe und der Entwicklungszusammenarbeit sowie der Staats- und Regierungsbildung, wie auch des administrativen und des polizeilichen Bereichsgrundsätzlich unerlässlich sind und den militärischen Maßnahmen in ihrer Wertigkeit und Bedeutung für den Erfolg voranstehen. Somit entspricht dieser Ansatz dem Prinzip der vernetzten Sicherheit als Ausfluss des umfassenden Sicherheitsbegriffs, wie er auch in verschiede- ____________________ 8 Vgl. Inspekteur des Heeres: Handlungsempfehlungen zur Aufstandsbewältigung. Handreichung für Truppenführer, Strausberg 2013, S. 1. 9 Vgl. United States Department of the Army (Hrsg.): The U.S. Army/Marine Corps Counterinsurgency Field Manual: U.S. Army Field Manual No. 3-24: Marine Corps Warfighting Publication No. 3-33.5, Chicago 2007. Dirk Freudenberg 372 nen sicherheitspolitischen Grundlagendokumenten der Bundesrepublik Deutschland manifestiert ist, und der im internationalen Umfeld englischsprachig als Comprehensive Approach bezeichnet wird. Militärische Maßnahmen treten daher grundsätzlich gegenüber zivilen – nicht zwingend in der chronologischen Abfolge – als subsidiär zurück. Ein militärisches Engagement bedeutet in einem solchen Umfeld, dass man für Erfolge im Sicherheitssektor in der Regel einen langen Atem, viel Zeit und Geduld braucht, verbunden mit einer überzeugenden Kommunikation, und vor allem die Fähigkeit, sich von den irregulären Kämpfern nicht dazu hinreißen zu lassen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.10 Es kommt also nicht allein darauf an, mittels massivem militärischen Auftreten und kinetischer Operationen die möglicherweise dann doch nur zeitlich befristete Präsenz und somit die entsprechend begrenzte Überlegenheit im Raum herzustellen. Allerdings darf kein Zweifel darüber bestehen, dass kinetische Operationen, also militärische Kampfhandlungen, zur Befriedung bzw. Sicherung eines Raumes durchaus Voraussetzung für alles andere sein können, und der Einsatz von Spezialund Spezialisierten Kräften11 ebenso das „scharfe Ende“ einer Operation darstellen kann. Der grundlegende Unterschied zur klassischen konventionellen Kriegführung liegt in der besonderen Kontextbeziehung dieses in seiner Zusammenfassung innovativen und modernen Gesamtansatzes. Das FM 3-24 geht über den Ansatz einer klassischen Ausbildungsvorschrift hinaus, welche konkrete Handlungsverfahren und -abläufe für das taktische Verhalten vermitteln will. Sie leistet vielmehr einen Brückenschlag zwischen strategischen und operativen Überlegungen, welche auf die Wirkung im operativen Gesamtumfeld abzielen und konkreten taktischen Ansätzen zu deren Umsetzung. Dass die Operationsführung nicht in allen Einsatzgebieten unbedingt von durchschlagendem Erfolg gekrönt zu sein scheint, muss nicht zwingend darin begründet sein, dass das FM 3-24 dem Grunde nach fehlerhaft ist, sondern könnte unter Umständen daran liegen, dass die Lehren nicht ausreichend auf die entsprechenden Operationsgebiete umgesetzt bzw. nicht von allen Beteiligten in der notwendigen Tiefe durchdrungen und entsprechend abgestimmt umgesetzt sind. Es kommt also – hier genauso wie in jedem anderen Krieg – ganz be- ____________________ 10 Vgl. Vad, Erich: Asymmetrischer Krieg als Mittel der Politik, in: Thomas Jäger, Rasmus Beckmann (Hrsg.): Kriegstheorien, Wiesbaden 2011, S. 591. 11 Vgl. Freudenberg, Dirk: Spezial- und spezialisierte Kräfte im Spektrum des Comprehensive Approach, in: ZfAS, 4:3, 2011, S. 423–432. Das CAAT als strategisches Instrument im COIN-Einsatz in Afghanistan 373 sonders darauf an, dass die Doktrin nicht im Sinne einer Routine eingesetzt wird.12 Eine weitere wesentliche Voraussetzung zu einer erfolgreichen Umsetzung ist der Faktor Zeit. Der Counterinsurgency-Ansatz ist in seiner Gesamtheit auf lang andauernde Wirkungen und deren Nachwirkung angelegt. Erfolge können nicht unbedingt nur mit kurzfristig angesetzten und rasch durchgeführten Operationen (quick impact) erzielt werden. Das Handeln in diesem Ansatz setzt letztendlich die grundsätzliche Akzeptanz und Unterstützung einer breiten Mehrheit der Bevölkerung voraus. Zugleich wird deutlich, dass Counterinsurgency mehr ist als eine militärische Disziplin13, sondern in seiner Umfaßtheit durchaus ein strategischer Ansatz.14 Mithin besteht auf Grund unterschiedlicher Betrachtungen bereits auf der methodisch-inhaltlichen Ebene ein Zugangsproblem, welches zu grundlegenden Missverständnissen führen kann, die sich ihrerseits zwangsläufig auf die analytischen Ergebnisse auswirken müssen. Dieses grundlegende Missverständnis führt unter Umständen in der Fortführung dazu, dass die gewonnenen, richtigen Erkenntnisse möglicherweise auch nicht umfassend verstanden und diesbezüglich auf allen Ebenen entsprechend angepasst und umgesetzt werden. Die Folge hiervon kann taktisches Versagen und infolge dessen strategisches Scheitern sein.15 Die Herausforderung besteht also insbesondere darin, die Verantwortlichen auf den verschiedenen Führungsebenen frühzeitig – also von Beginn an – zu einem gemeinsamen wirkungsorientierten Planungs- und Führungsprozess zusammen zu führen, wobei unter Beachtung der unterschiedlichen Planungshorizonte die jeweiligen unterschiedlichen Wirkinstrumente auf der Zeitachse zu synchronisieren sind. 3. Das Counterinsurgency Advisory and Assistance Team (CAAT) Zur Unterstützung der Wahrnehmung und Durchsetzung des COIN-Ansatzes in seinem umfassenden bevölkerungs- und nicht feindzentrierten Grundgedanken in Afghanistan implementierte General McChrystal 2009 einen ca. ____________________ 12 Vgl. Beckmann, Rasmus: Clausewitz trifft Luhmann. Eine systemtheoretische Interpretation von Clausewitz‘ Handlungstheorie, Wiesbaden 2011, S. 222. 13 Vgl. Nagl, John/Weitz, Richard: Counterinsurgency and the Future of NATO, Chicago October 2010, S. 1. 14 Vgl. ebd.; vgl. Killebrew, Robert: „Understanding Future Irregular Warfare Challenges“, 27.03.2012, www.cnas.org, (10.11.2012), S. 3. 15 Vgl. Freudenberg, Counterinsurgency als Phase zur Überwindung schwacher Staatlichkeit und zur Etablierung einer stabilen Nachkriegsordnung, S. 290. Dirk Freudenberg 374 vierzigköpfigen Stab in seinem ISAF-Hauptquartier in Kabul zu seiner unmittelbaren Beratung. Dieser Stab wird von einem amerikanischen Oberst geführt, ist multinational zusammengesetzt und besteht aus militärischen Spezialisten sowie zivilen COIN-Beratern, zumeist ebenfalls mit militärischer Erfahrung: Das Counterinsurgency Advisory and Assistance Team (CAAT)16. Wenig später dislozierte General McChrystal bereits entsprechende Teams unterschiedlicher personeller Stärke in die einzelnen Regionalkommandos (RC). Der ursprüngliche Auftrag des CAAT war es, hinsichtlich aller COIN- Aktivitäten im Einsatzraum Beobachtungen zu machen und Feststellungen zu treffen, welche vor allem in das Identifizieren von Bewährtem (Best Practices) oder auch weniger Zweckmäßigem (Worst-Practices) münden sollten. Gleichzeitig war es die Aufgabe, die entsprechenden militärischen Führer auf allen taktischen Ebenen zu beraten und ihnen zu assistieren, um die Planung und Durchführung von effektiven Counterinsurgency-Operationen zu unterstützen. Aber auch Netzwerke zu allen anderen Akteuren in den jeweiligen Regionalkommandos galt es aufzubauen und deren Wissen und Erfahrungen auszutauschen sowie einander zugänglich zu machen. General Petraeus, in der Nachfolge General McChrystals, übernahm die CAAT-Organisation. General Petreaus Nachfolger, General Allen,sah sich seit Juli 2011 in einem schwierigen geopolitischen Umfeld mit Mächten im Raum (vor allem Pakistan, Iran, China, Russland) und deren eigenen geostrategischen Interessen mit der Aufgabe konfrontiert, die ISAF-Streitkräfte in Afghanistan bis 2015 signifikant zu reduzieren und die Sicherheitsverantwortung bis dahin sukzessive vollständig und irreversibel in afghanische Hände zu geben, damit Afghanistan nicht wieder in einen Bürgerkrieg zurückfällt und noch einmal zu einer sicheren Ausbildungs- und Operationsbasis für terroristische Organisationen wie auch zum Spielball interessierter Mächte in einem neuen „Great Game“ wird. Insbesondere Pakistan stellt hier ein Problemfeld dar, dessen wesentliches Zentrum vor ____________________ 16 Wegen der zivilen Ausschreibung und Besetzung des CAAT, wird es in der Literatur auch als Private-Military-Company (PMC) bezeichnet bzw. gleichgesetzt. Vgl. Lohninger, Emanuel: Die Privatisierung des US-Department of Defense am Beispiel Afghanistans, in: Möllers, Martin H.W./van Ooyen, Robert (Hrsg.): Jahrbuch Öffentliche Sicherheit 2012/2013, Frankfurt 2013, S. 563. Dieses ist allenfalls bedingt richtig. In der Tat bestehen das CAAT-HQ wie auch die CAAT-Teams in den RC Afghanistans zum Teil aus zivilen Mitarbeitern eines entsprechenden privatwirtschaftlichen Anbieters, doch unterstehen diese sowohl im HQ als auch in den RC jeweils einem verantwortlichen militärischen Führer und operieren auch in deren Auftrag für den Oberbefehlshaber, so dass die Organisation von seiner Aufgabenstellung her gesehen insgesamt als militärisches Instrument einzuordnen ist. Insofern unterscheidet sich das CAAT signifikant von einer PMC im klassischen Sinne. Das CAAT als strategisches Instrument im COIN-Einsatz in Afghanistan 375 allem in der Haltung seiner Sicherheitsakteure zu suchen ist.17 Insofern ist die Rolle fremder Mächte und Akteure als „Interessierte Dritte“18 beachtlich. Demzufolge sind im Kampf gegen die „Irregulären Kräfte“19 sowohl der besondere strategische Kontext des afghanischen Umfeldes als auch die landesspezifischen Besonderheiten für den Einsatz entscheidend. Konzepte, welche möglicherweise die Erfahrungen von Nationalstaaten oder auch der internationalen Gemeinschaft beispielsweise aus dem Libanon, dem Irak oder gar aus Somalia schablonenhaft über Afghanistan legen wollen, müssen vor dem Hintergrund einer völlig anders gearteten Gesellschaft und Kultur sowie der besonderen Historie scheitern. Das heißt, das jede Counterinsurgency-Planung eine der Problemstellung äquivalent komplexe Mixtur aus Wirkmitteln darstellen muss, welche auf die entsprechenden sozialen, politischen, psychologischen, ökonomischen und ideologischen Phänomenen abgestimmt sein müssen.20 Dementsprechend bietet die jeweilige Kontextabhängigkeit eine eigene Reihe von Herausforderungen.21 Mithin ist jeder Kontext neu auszuwerten und zu beurteilen. Demzufolge sind Operationen von Irregulären Kräften wie auch Counterinsurgency-Operationen komplexe Unterarten der Kriegsführung.22 Allerdings sind herkömmliche reguläre Streitkräfte nicht unbedingt auf diese Art der Kriegführung vorbereitet und befähigt, in einem solchen zu kämpfen.23 Dabei spielen die Befindlichkeiten der betroffenen Bevölkerung und ihrer jeweiligen Volksgruppen eine besondere Rolle. ____________________ 17 Vgl. Stahnke, Ulrich: Die Innere Lage der pakistanischen Streitkräfte. Motivation und Gefechtswert für die Aufstandsbekämpfung im eigenen Land, in: ÖMZ 2013, S. 307 ff. 18 Vgl. Freudenberg, Dirk: Irreguläre Kräfte und der Interessierte Dritte im modernen Kleinkrieg, in: Jäger, Thomas (Hrsg.): Die Komplexität der Kriege, Wiesbaden 2010, S. 179ff. 19 Siehe Freudenberg, Dirk: Theorie des Irregulären. Partisanen, Guerillas und Terroristen im modernen Kleinkrieg, Wiesbaden 2008. 20 Vgl. Pustay, John S.: Counterinsurgency Warfare, New York 1965, S. 21; vgl. Luttwak, Edward/Stuard L., Koehl: The Dictionary of Modern War. A Guide on the Ideas, Institutions and Weapons of Modern Military Power, New York 1991, S. 145; vgl. Freudenberg, Dirk: Die Interaktion von Staaten und parastaatlichen Akteuren, in: Möllers, Martin H.W./van Ooyen, Robert (Hrsg.): Jahrbuch Öffentliche Sicherheit 2010/2011. Zweiter Halbband, Frankfurt 2011, S. 329ff. 21 Vgl. Petraeus, David A./Amos, James F.: Foreword, in: United States Department of the Army (Hrsg.): The U.S. Army/Marine Corps Counterinsurgency Field Manual: U.S. Army Field Manual No. 3-24: Marine Corps Warfighting Publication No. 3-33.5, S. xlv f., S. xlvi. 22 Vgl. United States Department of the Army (Hrsg.), The U.S. Army/Marine Corps Counterinsurgency Field Manual, S. 1; vgl.Corum, James S.: Fighting the War on Terror. A Counterinsurgency Strategy, St. Paul, MN 2007, S. 14. 23 Vgl. Ebd., S. 14. Dirk Freudenberg 376 Die Beschwerden und Beweggründe der Aufständischen sind ernst zu nehmen und von der Politik aufzunehmen.24 Dementsprechend muss erfolgreiche und nachhaltige Aufstandsbekämpfung vorrangig auf die konstruktive und nachhaltige Bearbeitung der Konflikte zielen, die den Aufstand tragen.25 Daher bedarf es speziell für Afghanistan eines Ansatzes, welcher gewährleistet, dass die Sicherheitsverantwortung behutsam in afghanische Hände übergeht und die Koalitionskräfte nicht überstürzt das Land verlassen. Dieser als „Transition“ bezeichnete Prozess der Übergabe der Sicherheitsverantwortung beinhaltet zwei wesentliche Handlungslinien: Zum einen den Aufbau und die Befähigung der afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF), hierbei vor allem Militär (Afghan National Army, ANA) und verschiedene Polizeien. Die zweite wesentliche Handlungslinie der Transition, welche gleichzeitig ablaufen muss, ist der Aufbau eines von einer breiten Bevölkerungsmehrheit akzeptierten Regierungs- und Verwaltungsapparates. Mithin entsteht eine Schere zwischen anwachsender und zunehmend zum selbstständigen Agieren befähigter Sicherheitsakteure auf der einen Seite, und auf der anderen Seite eine stetig reduzierte Anzahl von Kräften der Koalitionstruppen, welche diesen assistieren. Die zentrale Herausforderung hierbei ist es, dieses in einem sehr kurzen Zeitfenster bei gleichzeitiger kontinuierlicher Reduzierung eigener Kräfte und Fähigkeiten zu leisten. Der Faktor Zeit ist hier wiederum von strategischer Bedeutung. Zudem entsprechen die politischen Entscheidungsprozesse der strategischen Ebene, also der daran beteiligten Staatengemeinschaft in ihrer Taktung nicht dem militärischen Planungsund Führungsprozess, welcher für die Umsetzung der politischen Vorgaben im Operationsgebiet notwendig ist. Dabei liegt die politische Verantwortung zunächst bei der afghanischen Regierung. Diese wurde gemäß dem Mandat der ISAF von den nationalen Regierungen der Truppensteller unterstützt, welche wiederum die eigene nationale politische Verantwortung trugen. Die Aufgabe des Militärs ist es, entsprechend der politischen Vorgaben der internationalen Staatengemeinschaft und der nationalen Regierungen das militärisch Verantwortbare umzusetzen. Gerade angesichts der kurzen Zeitlinie muss dabei vollkommen klar sein, dass die Bewertungsmaßstäbe für die verlangte Leistungsfähigkeit der ANSF nicht die gleichen sein können, wie man sie beispielsweise für westliche Sicherheitskräfte anwenden würde; und auch die ____________________ 24 Heuser, Beatrice: Santa Cruz de Marcenado (1684–1732): Aufstandsbekämpfung im Zeitalter der Aufklärung, in: Buciak, Sebastian (Hrsg.): Asymmetrische Konflikte im Spiegel der Zeit, Berlin 2008, S. 128. 25 Vgl. Inspekteur des Heeres: Handlungsempfehlungen zur Aufstandsbewältigung. Handreichung für Truppenführer, Strausberg 2013, S. 4. Das CAAT als strategisches Instrument im COIN-Einsatz in Afghanistan 377 Bewertung einer guten Regierungsbildung, also einer durchsetzungsfähigen Zentralregierung unter Einbindung regionaler und lokaler Akteure und Machtstrukturen ist nicht an einer lehrbuchmäßigen „good governance“ westlichen Standards zu messen. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass Maßnahmen in diesem Bereich einen langen Planungs- und Umsetzungshorizont haben, um zu greifen und tatsächlich erfolgreich zu sein. Das starke Aufwachsen der Sicherheitskräfte und die diesbezügliche Beschäftigung von Menschen im Sicherheitsapparat muss auf Dauer seine Entsprechung und Transformation in der Schaffung von Arbeitsplätzen in einer zivilen Wirtschaft und Verwaltung finden, welche einem Wertschöpfungsprozess dient und somit der wirtschaftlichen Stabilisierung des Landes sowie der Entwicklung von Auskommen und einem (zunächst bescheidenen) Wohlstand. In diesem Zusammenhang können die Sicherheitskräfte nur als vorübergehender Puffer dienen. Der Reintegration von (ehemaligen) Insurgenten und Talibankämpfern, insbesondere von Führern der unteren und mittleren Ebenen, kommt hierbei eine weitere zentrale Bedeutung zu. Dabei kann es bei der Reintegration nicht nur einseitig um die Resozialisierung dieser Menschen gehen, sondern es geht auf der anderen Seite auch um die Wiedereingliederung und Integration von Gewaltakteuren in die lokalen Gemeinschaften, welche ihrerseits unter den zu „Reintegrierenden“ zu leiden hatten. Mithin ist dieses ein mehr- und wechselseitiger Prozess, welcher in einer Gesellschaft, die seit über dreißig Jahren durch Krieg und Bürgerkrieg geprägt ist und in der sehr stark Gewalterfahrungen das „Weltbild“ mehrerer Generationen bestimmen, den Menschen sehr viel abverlangt. Das ist zugleich ein Thema, welches nicht nur landesweit und zentral gesteuert abzuarbeiten ist, sondern welches sich vor allem auf der lokalen Basis vor Ort entscheidet. Eine besondere Aufgabe ist es daher auch Akzeptanz für die Anwendung und Durchsetzung nationalen Rechts zu entwickeln. Akzeptanz ist die Voraussetzung für Rezeption, also die Annahme und Geltung in der Gesellschaft. In diesem Sinne kommt es darauf an, traditionales, lokales Recht und dessen Anwendung mit modernem staatlichen Recht in Einklang zu bringen, und damit auch Akzeptanz für den Staat und seine Institutionen bei zum Teil ungebildeten Menschen zu finden, welche zu einem nicht unerheblichen Anteil noch in tribalen Strukturen und partikularen Traditionen verhaftet sind.26 Bestimmte historische Erfahrungen müssen bei der Umsetzung dieser Prozessein der afghanischen Gesellschaft unter Umständen ebenso Berücksichtigung finden wie tradiertes und kulturadäquates Verhalten. Der bevölkerungszentrierte ____________________ 26 Vgl. Anderson, Troy: Insurgent Justice, in: COIN Common Sense, 1:3, 2010, S. 8. Dirk Freudenberg 378 Ansatz des Comprehensive Approach soll dabei zum Erfolg führen. Das dieser Ansatz der „vernetzten Sicherheit“ seit Jahren in allen sicherheitspolitischen Strategiepapieren der Bundesrepublik Deutschland eingefordert wird, erscheint derzeit allerdings eher als Indiz dafür, dass dieses Postulat nicht in allen Ressorts tatsächlich akzeptiert und verinnerlicht wird und dementsprechend auch seinen Niederschlag nicht in der erforderlichen Form findet.27 4. Das COMISAF Advisory and Assistance Team (CAAT) Um ein Instrument zu seiner direkten Unterstützung zu haben, wurde der Auftrag des CAAT im September 2011 modifiziert und die Organisation nun in COMISAF (Commander ISAF) Advisory and Assistance Team umbenannt. Der Auftrag des CAAT ist es nun, als „geführtes Teleskop“ für den COMI- SAF in die RCs hineinzuschauen und seinen strategischen Planungs- und Führungsprozess beeinflussende Wahrnehmungen, Ereignisse und Entwicklungen zu detektieren und aufzunehmen.28 Damit ist der Auftrag noch weiter gefasst, um den Erfolg von ISAF- Operationen zu maximieren. Nun wirken die einzelnen Teams in den einzelnen RCs quasi als Sensor und können den COMISAF durch ihr Meldewesen frühzeitig über entsprechende Beobachtungen auf kurzem Wege informieren und beraten. Unter Umständen können die Teams den Führern auf der taktischen Ebene durch ihre Beratung und Unterstützung frühzeitig im Sinne der strategischen Absicht des General Allen Impulse zur Operationsführung und Auftragserfüllunggeben – Hinweise auf Bewährtes (Best Practices) oder auch weniger Zweckmäßiges (Worst Practices) – sowie entsprechendes Wissen über die Grenzen der einzelnen Verantwortungsbereiche und RCs weiterreichen und verbreiten und damit Entwicklungen gemäß dem bevölkerungszentrierten Comprehensive Approach lokal, RC-weit oder im gesamten Operationsgebiet wirkungsorientiert und zielführend beeinflussen. Dazu binden sich ____________________ 27 Vgl. Freudenberg, Dirk: Bemerkungen zu strategischen Herausforderungen der Ressort- und Ebenen übergreifenden Abstimmung im Sinne des Ansatzes Vernetzter Sicherheit, in: Unger, Christoph/Mitschke, Thomas/Freudenberg, Dirk (Hrsg.): Krisenmanagement – Notfallplanung – Bevölkerungsschutz. Festschrift anlässlich 60 Jahre Ausbildung im Bevölkerungsschutz dargebracht von Partnern, Freunden und Mitarbeitern des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Berlin 2013, S. 71ff; vgl. Freudenberg, Dirk: Grundsätzliche Anmerkungen zu Problemen der Ressort- und Ebenen übergreifenden Abstimmung im Sinne des Ansatzes Vernetzter Sicherheit, in: Möllers, Martin H.W./van Ooyen, Robert (Hrsg.): Jahrbuch Öffentliche Sicherheit, Frankfurt 2012, S. 265ff. 28 Vgl. Freudenberg, Ein „geführtes Teleskop, S. 35ff. Das CAAT als strategisches Instrument im COIN-Einsatz in Afghanistan 379 die CAATs der einzelnen RCs gegebenenfalls in einzelne Operationen, phasenweise oder auch komplett vom initiierten Planungsprozess bis zur Abschluss- und Nachbesprechung ein und dislozieren sich im Laufe der Operationen auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen (Teil-)Einheiten, um ein möglichst komplettes Lagebild zu erfassen. Das Augenmerk gilt hier weniger den Koalitionstruppen, sondern vor allem den „gepartnerten“ und „ungepartnerten“ bzw. „gementorten“ und „ungementorten“ Einheiten der ANSF und ihrem (Zusammen-)Wirken im gesamten COIN-Spektrum. Die CAAT-Organisation versteht sich dabei als objektives und ungefiltertes „geführtes Teleskop“, um für den COMISAF und in dessen Auftrag Experten-Analysen zu erstellen. Die Idee des „geführten Teleskops“ als solches ist hingegen nicht wirklich neu: Gerne wird hier auf historische Beispiele großer Feldherren, beispielsweise Alexander den Großen, Julius Caesar, Napoleon Bonaparte oder auch Feldmarschall Montgomery und General Patton auf alliierter Seite im Zweiten Weltkrieg, verwiesen. Auch der preußische General Helmuth von Moltke hatte bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein entsprechendes Instrument entwickelt und sich dessen bedient.29 5. Das Regionalkommando im Norden Afghanistans Das von einem deutschen Zweisternegeneral geführte Regionalkommando Nord (RC N) war sowohl von der räumlichen Ausdehnung als auch vom Bevölkerungsanteil her gesehen das größte Regionalkommando in Afghanistan. Zugleich ist dieses Gebiet von seiner autochthonen Bevölkerungsstruktur, sowie der ethnischen Verwerfungen der jüngeren Vergangenheit uneinheitlich gegliedert und besiedelt. Die im RC N vertretenen Truppen repräsentierten eine Anzahl verschiedener Nationen mit ihren jeweils eigenen nationalen Interessen und Vorbehalten. Demzufolge war Komplexität ein Merkmal, das nicht nur das Ziel- und Wirkungsspektrum im Einsatzland bestimmte. Zudem waren die von Deutschland geführten Provincial Reconstruction Teams (PRT) von vier verschiedenen Ressorts der Bundesregierung (BMVg, AA, BMZ und BMI) besetzt, wobei auch hier die Führung sukzessive von der zivilmilitärischen Doppelspitze (AA, BMVg) zunächst ganz auf die zivile Seite ____________________ 29 Griffin, Gary B.: The Directed Telescope: A traditional Element of effective Command, Fort Leavenworth, Kansas 1991, S. 14. Dirk Freudenberg 380 übergegangen war und inzwischen auch die Sicherheitsverantwortung für Afghanistan insgesamt in die afghanischen Hände gelegt wurde. 6. Das CAAT RC N Das CAAT im RC N bestand aus einem deutschen Stabsoffizier als Führer, einem amerikanischen Oberstleutnant oder Major als Stellvertreter sowie jeweils einem deutschen und amerikanischen Ober- bzw. Stabsfeldwebel als COIN-Assistenten. Dazu kam ein sogenannter Senior-COIN-Berater und weitere zivile COIN-Berater, welche zum Teil über eine besondere – zum Teil wissenschaftliche – Expertise in bestimmten Spezialbereichen des umfassenden COIN-Ansatzes verfügen, zum Beispiel Regierungsaufbau- und Entwicklungszusammenarbeit oder auch Informations-Operationen. All diese zivilen Vertragsnehmer haben zudem eine militärische Vergangenheit in unterschiedlichen Spezialeinheiten oder Spezialisierten Verbänden (SF/SOF) der US- Streitkräfte und sind teilweise bereits seit 2001 immer wieder im Einsatzland. Dazu bestand außerdem die Möglichkeit, auf Expertise und Erfahrungen der Experten im CAAT-Hauptquartier wie auch der CAATs in den anderen RCs zurückzugreifen und einen Austausch zu gewährleisten. Der Ansatz des CAAT RC N war es, in partnerschaftlicher und kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit den Führern aller Ebenen und Vertretern der zivilen Seite im Sinne der Absicht des COMISAF und der gemeinsamen Auftragsdurchführung, sinnstiftende Hinweise zu geben, Verknüpfungen und Netzwerke zu bilden und zu unterstützen, um ziel- und wirkungsorientiert im gesamten COIN-Spektrum im Sinne des bevölkerungsorientierten Comprehensive Approach Beiträge zu leisten. 7. Zusammenfassung und Ausblick Insgesamt war das CAAT also eine Organisation, welche dem COMISAF unmittelbar unterstand und als sein „geführtes Teleskop“ ganz gezielt, auf bestimmte Fragestellungen fokussiert, in die einzelnen Regionalkommandos Afghanistans hineinschauen konnte, um diese für ihn ungefiltert zu analysieren und zu bewerten. Durch die Gliederung und Dislozierung der Organisation in die einzelnen RCs war dies vor allem schnell möglich. Damit wirkte das CAAT gleichzeitig als Sensor. Zudem konnten durch die CAATs in den einzelnen RCs entsprechende Problemstellungen vor dem Hintergrund der jeweiligen unterschiedlichen Einsatzbedingungen vor Ort zeitgleich untersucht werden. Der Austausch der Erfahrungen der CAATs in den einzelnen RCs hat Das CAAT als strategisches Instrument im COIN-Einsatz in Afghanistan 381 somit dazu beigetragen, Hinweise für zweckmäßiges Handeln zu geben und unzweckmäßiges, möglicherweise für die taktische, aber insbesondere für die strategische Ebene schädliches Verhalten zu unterlassen. Zugleich war das CAAT ein Werkzeug, um Botschaften und Sichtweisen der taktischen Ebene verständlich zu machen und gegebenenfalls ungefiltert auf die strategische Ebene zu transportieren. Somit war eine umfassende Grundlage für eine differenzierte Entscheidungsfindung entstanden. Weiterhin wurde durch die Zusammenführung und Aufbereitung der jeweiligen Einzelergebnisse eine ganzheitliche Gesamtbewertung möglich. Folglich konnte das CAAT als „geführtes Teleskop“ ziel- und wirkungsorientierte Untersuchungsergebnisse und gegebenenfalls konkrete Lösungsansätze für den strategischen Entscheidungsprozess des COMISAF liefern. Damit war das CAAT als Directed Telescope ein strategisches Instrument des COMISAF. Ein solches Instrument könnte auch durchaus in nationaler Verantwortung bei zukünftigen Einsätzen sinnhaft sein. Allerdings sollten zumindest folgende Standards – organisatorischer und qualitativer Art – abgebildet und durchgehalten werden: Unterstellung dieses Instruments direkt der Führung (Befehlshaber und ggf. ziviler Leitung) im Einsatzland. Ausreichende personelle Stärke zur Dislozierung und Spiegelung von Teams auf die taktische Ebene. Ressortübergreifende Ausbildung und Erfahrung der Mitglieder der Organisation. Ausgewiesene militärische Kenntnisse und Erfahrungen im Einsatzspektrum von Counterinsurgency und umfassende einschlägige wissenschaftliche Expertise und Qualifikation, welche in der Organisation die relevanten Wissenschaftszweige und landeskundliche Expertise im erforderlichen Umfang abbildet und auch im Sinne von Lessons Learned aufarbeitet und in geeigneter Form verfügbar macht. Entsprechend ausreichend fundierte Qualifikation bei den verantwortlichen Führern in Personalunion. Ausreichende „Stehzeiten“ im Einsatz und wiederholte Rotation der Mitglieder der Organisation in den Einsatz in der entsprechenden Verwendung, um die diesbezüglichen fundierten Erfahrungen langfristig (weiter) zu entwickeln, zu konservieren und im Einsatzland dauerhaft nutzbar zu machen. Unter diesen Voraussetzung könnte eine dem CAAT vergleichbare Organisation auch für Deutschland ein durchaus nützliches und sinnstiftendes strategisches Instrument darstellen. Die erforderliche fachliche Expertise ist zweifels- Dirk Freudenberg 382 ohne in den deutschen Think-Tanks, beispielsweise der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), der Deutschen Gesellschaft für Außen- und Sicherheitspolitik (DGAP), an einigen Universitäten und wissenschaftlichen Instituten sowie in den entsprechenden Bundesressorts und deren nachgeordneten Ämtern und Behörden vorhanden. 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References

Zusammenfassung

Der Stabilisierungseinsatz in Afghanistan hat die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik so nachhaltig geprägt wie kein internationales Engagement zuvor. Der deutsche Beitrag zum Wiederaufbau des Landes war dabei von einem gesamtstaatlichen Ansatz geprägt, bei dem Sicherheit und Entwicklung ineinandergreifen sollten. Die Realität im Einsatzland stellte die deutschen Soldaten, Diplomaten, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder jedoch vor enorme Herausforderungen.

Das Ende des Mandats der internationalen Schutztruppe ISAF zum Jahreswechsel 2015 gibt Anlass, die hier gewonnenen Erfahrungen und Lehren der unterschiedlichen zivilen und militärischen Akteure festzuhalten. Vor dem Hintergrund einer bestenfalls gemischten Erfolgsbilanz, aber auch angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte an den Rändern Europas, ist eine solche Aufarbeitung des Einsatzes von außerordentlicher Relevanz.

Der Sammelband bringt eine einzigartige Vielfalt an Perspektiven von einsatzerfahrenen militärischen und zivilen Führungskräften zusammen. Abgerundet wird das Bild durch Analysen der strategischen Konzepte, die den Einsatz prägten, der Perspektive aus den einzelnen Bundesministerien sowie der persönlichen Bilanz von bedeutenden politischen Entscheidungsträgern.

Mit Beiträgen von: Phillip Ackermann, Hans-Peter Bartels, Jörg Bentmann, Christian von Blumröder, Marcel Bohnert, Axel Dohmen, Udo Ewertz, Dirk Freudenberg, Hans-Werner Fritz, Axel Gablik, Dorothea Gieselmann, Volker Halbauer, Stefan Hansen, Jannis Jost, Bruno Kasdorf, Joachim Krause, Wolfgang Lauenroth, Winfried Nachtwei, John A. Nagl, Stefan Oswald, Wolf Plesmann, Hans-Joachim Ruff-Stahl, Helge Rücker, Marcus Schaper, Ulrich Schlie, Björn Schreiber, Robin Schroeder, Hendrik Staigis, Gerald Stöter, Christine Toetzke, Christopher Urbas, Florian Wätzel und Matthias Weber.