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Robin Schroeder, Einleitung in:

Robin Schroeder, Stefan Hansen (ed.)

Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe, page 19 - 42

Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN)

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-0690-7, ISBN online: 978-3-8452-4901-8, https://doi.org/10.5771/9783845249018-19

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19 Einleitung Robin Schroeder Am 31. Dezember 2014 endete das Mandat für die International Security Assistance Force (ISAF) in Afghanistan. Die damit einhergehende vollständige Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanische Regierung markiert einen Meilenstein für einen langen Weg, an dessen Ende einmal ein friedliches und stabiles Land stehen soll, in welchem terroristische Organisationen nicht erneut sichere Rückzugsräume finden können. Doch auch für Deutschland ist der Abschluss der ISAF-Mission von besonderer Bedeutung: Mit dem Ende des Kampfauftrages der internationalen Kräfte in Afghanistan und dem Übergang zur reinen Ausbildungs- und Beratungsmission endet ein einschneidendes Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Wie kein anderes außenpolitisches Unterfangen der Bundesrepublik zuvor ist der Afghanistaneinsatz zum Symbol für das veränderte Selbstverständnis Deutschlands in der Welt und eine neue deutsche Außen- und Sicherheitspolitik geworden. Gleichzeitig wirft das Ende dieses Einsatzes viele neue Fragen auf. Was sind die Möglichkeiten und Grenzen internationaler Interventionen? Welche Maßnahmen konnten aus welchen Gründen eine positive Veränderung der Situation vor Ort erzielen? Welche haben sich als ineffektiv erwiesen? Und wie können die Lehren aus Afghanistan die zukünftige Handlungsfähigkeit Deutschlands hinsichtlich der Stabilisierung fragiler Staaten stärken? Angesichts der aktuellen von Staatszerfall und Gewalteskalation geprägten Krisen an Europas Grenzen sind dies keine rein akademischen Diskussionsgegenstände, sondern Fragen, deren Beantwortung von hoher politischer Relevanz und Dringlichkeit ist. Dieses Buch soll dazu einen Beitrag leisten. 1. Begriffsverortung Stabilisierung Der Begriff „Stabilisierung“ wird im Zusammenhang mit Auslandseinsätzen schon seit Jahren regelmäßig verwendet. Eine ressortübergreifende offizielle deutsche Definition dieses Begriffes existiert jedoch überraschenderweise nicht. Da die Stabilisierung von Krisengebieten als gesamtstaatliche Aufgabe das Leitthema des vorliegenden Sammelbandes ist, soll an dieser Stelle daher die folgende Definition als Bezugspunkt bzw. thematischer Rahmen für die nachfolgenden Beiträge dienen: Robin Schroeder 20 „Stabilisierung verknüpft im Rahmen einer politischen Strategie zivile, polizeiliche und militärische Mittel, adressiert flexibel und gezielt Konflikte um Gewalt zu reduzieren, verbessert schnell spürbar die Lebensumstände der Bevölkerung und schafft die Voraussetzungen für nachhaltige Entwicklung und Frieden.“1 Die Definition lässt sich dabei auf sämtliche Formen von internationalen Interventionen zur Stabilisierung von Krisengebieten anwenden. Dabei stehen der Afghanistaneinsatz und dessen sehr hoher militärischer und ziviler Ressourcenaufwand zweifelsohne am oberen Ende eines breiten Spektrums von möglichen Ansätzen zur Stabilisierung von Krisengebieten. Die Definition deckt aber auch Stabilisierungseinsätze ab, bei denen internationales Militär keine direkte Sicherheitsverantwortung übernimmt, sondern im Rahmen von Ausbildung und Unterstützung lokaler Sicherheitskräfte, wenn überhaupt aus zweiter Reihe, agiert. Grundsätzlich gilt, dass es keine Blaupause für Stabilisierungseinsätze gibt. In Abhängigkeit von den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen und spezifischen Gegebenheiten im Einsatzgebiet werden militärische, polizeiliche und zivile Instrumente zur Stabilisierung von Krisengebieten in ihrer Gewichtung stets variieren. Da sich der vorliegende Sammelband allerdings auf den Afghanistaneinsatz fokussiert, in dem der Beitrag der Bundeswehr im Rahmen von ISAF eine sehr große Rolle spielte, wird die militärische Dimension dieses Stabilisierungseinsatzes hier entsprechend umfangreich berücksichtigt. 2. Ein Neuanfang für Afghanistan Nachdem aufgrund des Kollapses der Sowjetunion das afghanische Najibullah-Regime und dessen Sicherheitskräfte nicht mehr von Moskau finanziert wurden, dauerte es nur wenige Monate bis der fragile afghanische Staat dem militärischen Druck der oppositionellen Mudschaheddin-Gruppen nicht mehr gewachsen war. Der Sturz Najibullahs im April 1992 hinterließ ein Machtvakuum, in dessen Folge die großen Mudschaheddin-Fraktionen begannen, gegeneinander um die Vorherrschaft zu kämpfen. Die daraus resultierende neue Phase des Bürgerkriegs in Afghanistan stürze das Land endgültig in Chaos und Anarchie, zerstörte den Großteil der noch vorhandenen Infrastruktur, vor allem in der Hauptstadt Kabul, und verursachte eine Zuspitzung der humanitä- ____________________ 1 Reder, Philipp/Schneider, Sven/Schroeder, Robin: Was bedeutet Stabilisierung? Ein Impuls für die außen- und sicherheitspolitische Debatte in Deutschland, in: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik, 8:4, 2015, im Erscheinen. Einleitung 21 ren Notlage der Zivilbevölkerung von katastrophalem Ausmaß. Dies ebnete den Weg für eine radikal-islamische Bewegung, welche aus den kriegsversehrten paschtunischen Gebieten im Süden Afghanistans und den überquellenden Flüchtlingslagern in den pakistanischen Grenzgebieten entsprang. Der „Gottesstaat“, den die Taliban auf den Trümmern Afghanistans errichteten, wurde zum sicheren Rückzugsort und zur Operationsbasis des transnationalen terroristischen Netzwerks der al-Qaida.2 Die Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft waren sich der Folgen des Machtvakuums, welches der Sturz Najibullahs 1992 hinterlassen hatte, bewusst, als sie knapp zehn Jahre später, vom 27. November bis zum 5. Dezember 2001, auf dem Bonner Petersberg mit afghanischen Delegationen zusammentrafen, um über die Zukunft Afghanistans zu beraten. Die zum selben Zeitpunkt noch andauernde Militäroperation gegen die Taliban und al- Qaida, in der die Kämpfer der afghanischen Nordallianz und westliche Spezialkräfte nicht zuletzt aufgrund der überlegenen Feuerkraft der US-Luftwaffe nur noch auf geringen Widerstand stießen, hatte die Taliban-Herrschaft in Afghanistan effektiv beendet. Nun musste ein Weg gefunden werden, Afghanistan vor dem Chaos eines erneuten Machtvakuums zu bewahren und in eine Nachkriegsordnung zu überführen. Die auf der Bonner Konferenz versammelten Parteien waren sich schnell darüber einig, dass dies nur mit umfassender internationaler Unterstützung möglich sein würde.3 3. Staatsaufbau Der am 5. Dezember 2001 vereinbarte Bonn-Prozess setzte sich das Ziel einer stabilen Nachkriegsordnung Afghanistans durch den Wiederaufbau staatlicher Institutionen und wirtschaftlicher Strukturen sowie der Etablierung einer demokratisch legitimierten Regierung. Gleichzeitig wurde die Aufstellung der ISAF beschlossen, um den zivilen Wiederaufbau militärisch abzusichern, den Sicherheitssektor aufzubauen und den afghanischen Staat dabei zu unterstützen, schrittweise das Gewaltmonopol wiederzuerlangen. Angesichts der gegebenen Rahmenbedingungen in Afghanistan bedeuteten die in Bonn beschlos- ____________________ 2 Siehe z.B. Rashid, Ahmed: Taliban. The Power of Militant Islam and Beyond, New York 2010. 3 Vgl. O.V.: „Übereinkommen über vorläufige Regelungen in Afghanistan bis zur Wiederherstel-lung dauerhafter staatlicher Institutionen“, Abschlussdokument der Petersberger Konferenz vom 05.12.2001, http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/CD07400/ Dokumente/Dokument%20029.pdf, (10.07.2015). Robin Schroeder 22 senen Ziele eine enorme Aufgabe für die internationale Gemeinschaft: Mehr als zwanzig Jahre Krieg in Afghanistan hatten von dem bis in die 1970er Jahre vergleichsweise fortschrittlichen zentralasiatischen Land wenig übrig gelassen. Die wirtschaftliche und staatliche Infrastruktur des Landes war nahezu vollständig zerstört. Bildungs-, Sicherheits- oder Justizsektor existierten nicht mehr und die afghanische Gesellschaft war durch die fortdauernde Gewalt fragmentiert, traumatisiert und in Teilen radikalisiert. In Abwesenheit eines staatlichen Gewaltmonopols lag die Kontrolle über die lokalen Machtressourcen bei Warlords und zahlreichen bewaffneten Gruppen. Bis heute stellen alle hier genannten Probleme große Hürden für die Sicherheit und den Frieden in Afghanistan dar. Nicht zuletzt der Tagungsort der ersten Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg unterstrich, dass Deutschland von Beginn an eine bedeutende Rolle bei der Stabilisierung und dem Wiederaufbau Afghanistans annahm und auch weiterhin einnimmt. Deutschlands nationaler Beitrag im Rahmen der internationalen Maßnahmen zur Stabilisierung Afghanistans beinhaltet neben dem Einsatz der Bundeswehr ein substanzielles Engagement in den Bereichen Diplomatie, Entwicklungspolitik und Polizeiaufbau. Dadurch betrifft der deutsche Afghanistaneinsatz seit 2002 die Geschäftsbereiche (Ressorts) von vier verschiedenen Bundesministerien. Diese sind: das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg); das Auswärtige Amt (AA); das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ); das Bundesministerium des Inneren (BMI). Das öffentliche Bild des deutschen Engagements in Afghanistan wurde in erster Linie durch den militärischen Beitrag geprägt. Dies lag nicht zuletzt daran, dass die Anzahl der in Afghanistan stationierten deutschen Soldaten und Soldatinnen zu jedem Zeitpunkt des Einsatzes um ein Vielfaches größer war als die Anzahl der zivilen Kräfte, so dass die Bundeswehr stets deutlich sichtbarer war. Es liegt in der Natur des militärischen Auftrags, dass im Vergleich zu den zivilen Aufgaben ein ungleich höherer Personalansatz erforderlich ist. Dass sich die mediale Berichterstattung über das deutsche Engagement am Hindukusch vornehmlich auf den Bundeswehreinsatz fokussierte, wurde ab 2007 zusätzlich durch die sich rapide verschlechternde Sicherheitslage und die damit einhergehenden Gefechte und Anschläge bedingt. Die Wandlung des ISAF-Einsatzes in einen Kampfeinsatz gegen die wiedererstarkten Taliban Einleitung 23 und andere militante Gruppierungen4 traf die deutsche Politik, die deutsche Öffentlichkeit und auch die damalige Bundeswehrführung unerwartet. Neben den Bildern, die erstmalig seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs deutsche Soldaten in intensiven Bodengefechten zeigten, waren es die Meldungen über gefallene Soldaten, die den ISAF-Einsatz der Bundeswehr zu einer neuen, einschneidenden Erfahrung für die Bundesrepublik Deutschland werden lie- ßen. Zwischen 2001 und 2014 ließen 54 deutsche Soldaten sowie auch drei entsandte Angehörige der deutschen Botschaft sowie jeweils ein ziviler Entwicklungsexperte der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Einsatz ihr Leben.5 Auch wenn die Rolle der Bundeswehr in Afghanistan aus genannten Gründen stets im Vordergrund stand, so darf dies nicht den beachtlichen zivilen Beitrag zum Wiederaufbau Afghanistans relativieren. Parallel zum Militäreinsatz haben in den letzten 13 Jahren hunderte Diplomaten, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder das nicht zuletzt durch die Präsenz der ISAF geschaffene Window of Opportunity nutzen können, um den Wiederaufbau staatlicher und wirtschaftlicher Strukturen in Afghanistan voranzubringen. Deutschland ist nach den Vereinigten Staaten und Japan die drittgrößte Gebernation für Afghanistan. Für die zivilen Stabilisierungs-, Wiederaufbau- und Entwicklungsmaßnahmen hat die Bundesregierung seit 2002 etwa 2,8 Milliarden Euro ausgegeben. Darüberhinaus wurden Maßnahmen im Rahmen der humanitären Hilfe mit 290 Millionen Euro unterstützt.6 Auch nach dem Ende des ISAF- Einsatzes hat sich Deutschland dem zivilen Wiederaufbau und der Entwicklung Afghanistans ausdrücklich verpflichtet. 4. Stabilisierung als Comprehensive Approach Die Stabilisierung und der Wiederaufbau Afghanistans sind ein internationales Projekt von einzigartiger Dimension. Nicht nur die Bundesrepublik ____________________ 4 Die Begriffe „Aufstandsbewegung“, „Aufständische“ und „Taliban“ werden im Folgenden zur Vereinfachung synonym verwendet und schließen alle auf afghanischem Boden aktiven militanten oppositionellen Kräfte mit ein. Dazu zählen neben dem Islamischen Emirat Afghanistan als Dachorganisation der afghanischen Taliban die Suborganisationen der Quetta Shura, Peshawar Shura, Gerd Jangal Shura und Miramshar Shura (besser bekannt als Haqqani-Netzwerk) sowie auch assoziierte Organisationen wie die Islamischen Bewegung Usbekistan (IBU), der Hisb-e Islami Gulbudin (HIG) und al-Qaida. 5 Bundesregierung (Hrsg.): Antwort der Bundesregierung (18/4168) auf eine Große Anfrage der Fraktion Die Linke (18/2144), „Krieg in Afghanistan – Eine Bilanz“. 6 Einschließlich humanitärer Hilfe in Pakistan und Iran, vgl. ebd. Robin Schroeder 24 Deutschland, sondern auch die meisten anderen in Afghanistan engagierten Nationen haben hier nicht nur im sprichwörtlichen Sinn Neuland betreten. Wie keine andere internationale Intervention zuvor unterstrich der Afghanistaneinsatz dabei die überragende Bedeutung einer koordinierten Zusammenarbeit im Sinne eines Comprehensive Approach zwischen lokalen und internationalen Akteuren, zivilen und militärischen Organisationen sowie großen und kleinen Staaten. Keine dieser Konstellationen bot von Beginn an ideale Voraussetzungen für eine reibungslose Zusammenarbeit. Die Liste der Literatur über Friktionen in den einzelnen Bereichen ist lang, und nicht zuletzt die Beiträge im vorliegenden Band reflektieren in dieser Hinsicht Reibungspunkte. Noch nie zuvor wurde die Idee des Comprehensive Approach in einer Dimension umgesetzt, die vergleichbar mit dem multinationalen Afghanistaneinsatz gewesen wäre. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Akteuren war dabei keineswegs stets von vornherein gegeben und entwickelte sich seit 2001 schrittweise. Zahlreiche Widerstände und (organisations-) kulturelle Differenzen mussten dabei überwunden werden. Doch die mit den enormen Aufgaben des afghanischen Staatsaufbaus verbundenen Herausforderungen machten eine bessere Koordination und Vernetzung des Handelns schlicht alternativlos. Dies bedeutet mitnichten, dass bis heute ein idealer und universalgültiger modus operandi zwischen allen Akteuren gefunden wurde. Diesen wird es allein schon aufgrund stetig neuer Situationen und Herausforderungen in Afghanistan und anderswo kaum geben. Dennoch wurden eine beachtliche Summe an Lessons Learned generiert, auf deren Grundlage neue Wege und Möglichkeiten eines zielführenden gemeinsamen Handelns gefunden werden können. 5. Ressortübergreifendes Handeln zwischen Berlin und Kunduz Auch im Rahmen des nationalen Beitrags der Bundesrepublik zur Stabilisierung Afghanistans zeigte sich die dringende Notwendigkeit einer engen ressortübergreifenden Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr, dem Auswärtigen Amt, dem BMZ und dem BMI. „Vernetzte Sicherheit“ wurde in diesem Zusammenhang mit der Veröffentlichung des sicherheitspolitischen Weißbuches von 2006 zum Schlüsselbegriff. Die Umsetzung dieser Idee war jedoch nicht immer unproblematisch. So zeigte sich auf der nationalen politischstrategischen Ebene in Berlin schnell, dass das im Grundgesetz verankerte Ressortprinzip der deutschen Exekutive die Effektivität des deutschen gesamtstaatlichen Handelns in Auslandseinsätzen erschweren kann. Da die Bundesministerien ihre jeweiligen Geschäftsbereiche eigenverantwortlich und unabhängig führen und sich – wie oft betont – gegenseitig auf Augenhöhe be- Einleitung 25 gegnen, war die deutsche Afghanistanpolitik von Beginn an durch einen hohen politischen Koordinationsaufwand zwischen den Ressorts gekennzeichnet.7 Auch hinsichtlich des Begriffs der „Vernetzten Sicherheit“, letztendlich einer Wortschöpfung aus dem Weißbuch des Bundesministeriums der Verteidigung, sahen sich Vertreter anderer Ministerien aufgrund der sicherheitspolitischen Schwerpunktsetzung dieses Konzepts hier nicht immer vollständig repräsentiert. Nicht zuletzt deshalb wird heute auch der umfassendere, aber weniger zielorientierte Begriff des „Vernetzten Handelns“ verwendet. An dem Grundgedanken, dass die deutsche Politik zur Beendigung von Krisen und Konflikten nur durch effektive ressortübergreifende Zusammenarbeit erfolgreich sein kann, hat sich dabei nichts geändert. Das ursprüngliche ISAF-Mandat sah eine räumliche Begrenzung des Operationsgebiets auf die afghanische Hauptstadt Kabul vor. Doch die zunehmende Verschlechterung der Sicherheitslage außerhalb Kabuls hatte deutlich werden lassen, dass der durch die Stabilisierung Kabuls erhoffte „Ausstrahlungseffekt“ auf den Rest des Landes nicht eintreten wird, solange nicht auch in den Provinzen der Wiederaufbau staatlicher Strukturen aktiv unterstützt wird. Im August 2003 beschlossen die Regierungsvertreter der in Afghanistan aktiven Staaten daher, das Einsatzgebiet der ISAF in vier Phasen von den Provinzen im Norden Afghanistans über den Westen und Süden bis nach Osten auf ganz Afghanistan auszudehnen. Gleichsam wurde die operative Führung des ISAF-Einsatzes, die bis dahin noch in einem rotierenden Verfahren bei einzelnen Führungsnationen lag, an die NATO übertragen. Die Ausdehnung des ISAF-Einsatzes war eng verbunden mit dem Konzept des Provincial Reconstruction Team (PRT). Die Grundidee des PRT besteht darin, dass zivile und militärische Fachkräfte unter dem Schutz einer militärischen Sicherungskomponente Wiederaufbau und Stabilität in den Provinzen außerhalb Kabuls fördern. Mit der Aufstellung zweier deutscher PRT in Nordafghanistan leitete die Bundesrepublik die schrittweise Ausdehnung des ISAF-Einsatzes ein.8 Ende 2003 wurde das erste deutsche PRT im nordafghanischen Kunduz aufgestellt. Ein Jahr später folgte das zweite deutsche PRT in Faizabad in der Provinz Badakhshan. Bereits zuvor existierten einige amerikanische und – zu diesem Zeitpunkt noch in Mazar-e Sharif – ein britisches ____________________ 7 Vgl. Naumann, Klaus: Der blinde Spiegel. Deutschland im afghanischen Transformationskrieg, Hamburg 2013, S. 66–73; ebenso Zapfe, Martin: Sicherheitskultur und Strategiefähigkeit. Die ressortgemeinsame Kooperation der Bundesrepublik Deutschland für Afghanistan, Konstanz 2011. 8 Politische Entscheidung für Kunduz im Ausgleich zum Irak-Einsatz: Beendigung der Rolle als ISAF-Lead Nation in Kabul ermöglichte einen großen Teil des deutschen Einsatzkontingents von Kabul in den Nord zu verlegen. Robin Schroeder 26 PRT in Afghanistan. Diese unterstanden allerdings noch einer rein nationalen militärischen Führung. Die beiden deutschen PRT waren damit von Beginn an militärisch in die ISAF-Führungsstrukturen integriert. Einen noch bedeutenderen Unterschied zu den PRT der Verbündeten machte jedoch vor allem die Organisationstruktur der beiden deutschen PRT aus, welche nicht vorwiegend militärisch, sondern ressortübergreifend ausgelegt war. Dies spiegelte sich am deutlichsten in der Führung des PRT wider, die sich als gleichrangige zivil-militärische „Doppelspitze“ aus einem Diplomaten des Auswärtigen Amts und einem Oberst der Bundeswehr zusammensetzte. Der von den deutschen PRT verfolgte Stabilisierungsansatz kombinierte somit von Anfang an die zivilen Instrumente der Diplomatie (Auswärtiges Amt), der Entwicklungszusammenarbeit (BMZ) und des Polizeiaufbaus (BMI), während die Bundeswehr militärische Aufgaben im Rahmen des ISAF-Mandats wahrnahm und Schutz sowie auch Infrastruktur und Logistik bereitstellte. Das PRT wurde so zum Brennglas für die praktische Umsetzung ressortgemeinsamer Stabilisierungsarbeit vor Ort. Wie auch auf der interministeriellen Ebene in Berlin war die ressortübergreifende Zusammenarbeit im Einsatzland ein Lernprozess. Ganz unterschiedliche Denkweisen und Organisationskulturen mussten hier zusammenfinden. Für alle beteiligten Ressortvertreter galt es somit nicht nur, die komplexen afghanischen Konfliktstrukturen und Interessenkonstellationen zu verstehen, sondern es war gleichsam erforderlich, sich in die Arbeit und Planungsprozesse der anderen zivilen respektive militärischen Akteure hineinzuversetzen und so das gemeinsame Handeln zielführend zu koordinieren. 6. Rückkehr der Taliban Schon ab 2003 wiesen erste Angriffe darauf hin, dass die Taliban zwar vertrieben und politisch entmachtet, jedoch nicht militärisch besiegt waren. Aufgrund der geringen internationalen Militärpräsenz und kaum vorhandener regulärer afghanischer Sicherheitskräfte in weiten ländlichen Räumen konnten sich die Taliban in den folgenden Jahren in den südlichen und östlichen Provinzen entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze wieder etablieren. Politische Agitation und abschreckende Gewalt gegen Unterstützer der neuen Regierung wurden sehr effektiv angewandt, um die Kontrolle über die Dörfer zurückzuerlangen. Enttäuschte Erwartungen der Bevölkerung an die neue Regierung, das Nichteintreten des kaum zu realisierenden Wunsches auf eine sprunghafte Verbesserung der lokalen Lebensumstände durch internationale Hilfe, die Kriminalität und Willkür lokaler Warlords sowie Fälle von rücksichtslosem Vorgehen amerikanischer Kräfte, welche im Rahmen der OEF- Einleitung 27 Mission al-Qaida und hochrangige Taliban jagten, spielten diesen in die Hände. Auf der pakistanischen Seite der Grenze fanden die Taliban darüber hinaus nicht nur sichere Rückzugsräume, sondern auch Unterstützung in Form von Geld und Waffen. Diese Ausgangslage ermöglichte den Taliban in der südlichen Hälfte Afghanistans einen gut vorbereiteten bewaffneten Aufstand gegen den neuen afghanischen Staat unter der Regierung von Hamid Karzai sowie gegen die Präsenz internationaler Kräfte im Land zu entfalten.9 Im Norden Afghanistans, der nie eine Hochburg der Taliban war, galt die Lage ab 2002 als ruhig. Vor diesem Hintergrund entschied sich die Bundesregierung für eine vergleichsweise geringe militärische Präsenz im Zuge der Aufstellung der PRT in Kunduz und Faizabad. Auch das Bundestagsmandat der deutschen Soldaten entsprach der ruhigen Situation und hatte den Charakter einer klassischen Peacekeeping-Mission. Die deutschen Soldaten waren nur leicht bewaffnet und verfügten über keine geschützten Fahrzeuge – im Vergleich waren die zur selben Zeit im Kosovo stationierten Kräfte der Bundeswehr wesentlich besser ausgerüstet. Die deutschen Einsatzregeln (Rules of Engagement) sahen den Waffengebrauch nur zur Selbstverteidigung vor. Neben dem Schutz der eigenen Kräfte und dem Präsenzzeigen auf Erkundungspatrouillen bestand der Auftrag vor allem in der Überwachung des Prozesses der Demilitarisierung, Demobilisierung und Reintegration (DDR) ehemaliger Kombattanten und der Unterstützung bei der Reform des afghanischen Sicherheitssektors. Wie sich später zeigen sollte, wurden sowohl der DDR- Prozess als auch der Aufbau der afghanischen Armee und Polizei in den ersten Jahren des ISAF-Einsatzes von den beteiligten Nationen viel zu halbherzig und unkoordiniert angegangen, wodurch die Ergebnisse nur gering ausfielen und ein wertvolles Zeitfenster nicht genutzt wurde. Dies hatte zur Folge, dass professionelle afghanische Sicherheitskräfte auch sieben Jahre nach Beginn des ISAF-Einsatzes in viel zu geringer Zahl vorhanden und in weiten Teilen des Landes faktisch nicht präsent waren. Insgesamt hatte die 2002 in Genf beschlossene internationale Fünf-Säulen-Strategie zur Reform des afghanischen Sicherheitssektors weitgehend versagt. Fünf Nationen hatten in Genf für jeweils eine Säule die Verantwortung übernommen: Die Vereinigten Staaten für den Aufbau der afghanischen Armee, Deutschland für den Aufbau der Polizei, Italien für die Justizsektorreform, Japan für den DDR-Prozess und Großbri- ____________________ 9 Vgl. Giustozzi, Antonio: Koran Kalashnikov and Laptop. The Neo-Taliban Insurgency in Afghanistan, New York 2008; Rashid, Ahmed: Descent Into Chaos. How the War against Islamic Extremism Is Being Lost in Pakistan, Afghanistan, and Central Asia, London 2008. Robin Schroeder 28 tannien für die Drogenbekämpfung. Nach fünf Jahren konnte keine der Führungsnationen ausreichende Erfolge in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich vorweisen.10 Die zum Erreichen der Ziele aufgewendeten Ressourcen standen bis dahin zu keinem Zeitpunkt in einem angemessenen Verhältnis.11 Während im Süden Afghanistans die Sicherheitslage zunehmend schlechter wurde und britische, niederländische, kanadische und US-amerikanische Truppen nahezu täglich im Gefecht mit Talibankämpfern standen, blieb es im deutschen Einsatzgebiet im Norden bis 2006 weiterhin ruhig. Es bestand Bewegungsfreiheit für zivile und militärische Kräfte, Wiederaufbauprojekte konnten in der ganzen Region durchgeführt werden und die Bundeswehr hielt an ihrem Konzept des leichten Fußabdrucks in der Region fest. 2006 wurde Deutschland zur offiziellen Führungsnation des ISAF Regionalkommandos Nord (RC N), welches als flächenmäßig größtes Regionalkommando insgesamt neun Provinzen umfasste. In diesem Zusammenhang wurde Camp Marmal in Mazar-e Sharif zum Hauptquartier des Regionalkommandos Nord und zum logistischen Drehkreuz für die ganze Region.12 Ein Selbstmordanschlag auf deutsche Soldaten am 19. Mai 2007, bei dem drei Deutsche und fünf Afghanen starben, läutete den Beginn einer stetigen Verschlechterung der Sicherheitslage im deutschen Einsatzgebiet ein. Die zunehmende Gefahr von Hinterhalten, Sprengfallen, Selbstmordanschlägen und Raketenangriffen nahm den deutschen ISAF-Kräften die Bewegungsfreiheit. Die deutschen Rules of Engagement sowie auch Einschränkungen hinsichtlich der Ausrüstung nahmen der Bundeswehr wiederum den militärischen Handlungsspielraum. Ein gezieltes Vorgehen deutscher Soldaten gegen die Aufständischen war zum Unmut der afghanischen Zivilbevölkerung und der ISAF-Bündnispartner kaum möglich. So kam es, dass Gruppen bewaffneter Taliban trotz eines vergleichsweise geringen Rückhalts in der lokalen Bevölkerung viele der weder von ISAF noch durch afghanische Sicherheitskräfte effektiv geschützten Dörfern unter ihre Kontrolle brachten.13 Der zivile Wie- ____________________ 10 Vgl. United States Department of State (Hrsg.): Transcript. Afghan security needs discussed by donors in Geneva, 03.04.2002, http://reliefweb.int/report/afghanistan /transcript-afghan-security-needs-discussed-donors-geneva, (20.04.2015). 11 Vgl. Schroeder, Robin: Not too little, but too late – ISAF’s Strategic Restart of 2010 in Light of the Coalition’s Previous Mistakes, in: Krause, Joachim/Mallory, Charles King (Hrsg.), Afghanistan, Pakistan and Strategic Change – Adjusting Western Regional Policy, Oxon/New York 2014, S. 19–69. 12 Camp Marmal wurde so zum größten deutschen Feldlager in Afghanistan. Es besteht weiterhin im Rahmen der Ausbildungsmission Resolute Support. 13 Vgl. z.B. Giustozzi, Antonio/Reuter, Christoph: The Northern Front – The Afghan insurgency spreading beyond the Pashtuns, Afghanistan Analyst Network Briefing Paper 03/2010. Einleitung 29 deraufbau kam in Folge der Sicherheitslage in vielen Teilen des Landes zum Erliegen. 7. Aufstandsbewältigung (COIN) Die Zuspitzung der Lage führte ab dem Jahr 2009 zu einem erheblichen qualitativen Wandel des deutschen Afghanistan-Einsatzes. Unter dem zunehmenden Handlungsdruck wurden im Juli 2009 schließlich die Einsatzregeln geändert, so dass diese ein direktes Vorgehen gegen Aufständische zuließen. Die Bundeswehr hatte nun einen Kampfauftrag und führte erstmalig seit ihrem Bestehen offensive Bodenoperationen durch, um die Initiative in den Provinzen Kunduz und Baghlan zurück zu erlangen. Wie angespannt die Situation zu diesem Zeitpunkt war, wurde dabei insbesondere an dem umstrittenen Luftschlag in Kunduz am 4. September deutlich. Im August 2009 legte der neue ISAF-Kommandeur, US-General Stanley McChrystal, eine düstere Lageeinschätzung vor, welche von zahlreichen Beobachtern geteilt wurde. Nach Ansicht McChrystals konnte nur noch sofortiger konzertierter militärischer Aufwand zur Zurückdrängungen der Aufständischen bei gleichzeitiger Stärkung der afghanischen Sicherheitskräfte und der zivilen staatlichen Kapazitäten ein Scheitern des internationalen Statebuilding-Projekts verhindern.14 Nicht zuletzt diese prominente Einschätzung erwies sich als internationaler Weckruf. Unter Führung der neugewählten Regierung von Barack Obama beabsichtigten die Vereinigten Staaten, deren Aufmerksamkeit unter der Präsidentschaft von George W. Bush vornehmlich dem Irak galt, nun die Situation mit einem stark erhöhten militärischen und zivilen Ressourcenansatz zu wenden. Das strategische Ziel wurde auf der London-Konferenz im Januar 2010 und auf der Kabul-Konferenz im Juli desselben Jahres zwischen der afghanischen Regierung und der internationalen Koalition einvernehmlich beschlossen: Bis Ende 2014 sollte der afghanische Staat in die Lage versetzt werden, die vollständige Sicherheitsverantwortung für Afghanistan von ISAF zu übernehmen. Dazu sollte der Aufbau des afghanischen Sicherheitssektors intensiviert werden. Gleichzeitig wurde der Schutz ____________________ 14 Vgl. McChrystal, Stanley: Commander's Initial Assessment, Kabul, 30.08.2009, http://media.washingtonpost.com/wp-srv/politics/documents/AssessmencRedacted_ 092109.pdf, (27.04.2015). Robin Schroeder 30 der Bevölkerung zum Hauptauftrag der ISAF.15 Die ohnehin enorme Aufgabe des Staatsaufbaus wurde spätestens ab diesem Zeitpunkt um die nicht geringere Herausforderung der Aufstandsbewältigung ergänzt. Die in London beschlossene Strategie, welche den ISAF-Einsatz zu einem für die Afghanen und die internationale Koalition gleichermaßen akzeptablen Ende bringen sollte, basierte stark auf der US-amerikanischen Counterinsurgency-Doktrin bzw. COIN-Doktrin, die zu diesem Zeitpunkt im Irak wesentlich zu einer Verbesserung der Sicherheitslage beigetragen hatte.16 Im Mittelpunkt dieser Doktrin stand nicht mehr die alleinige Bekämpfung der Aufständischen (enemy-centric approach), sondern die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung, wie Sicherheit, Gerechtigkeit und Arbeit, von deren Erfüllung die Legitimität einer staatlichen Ordnung maßgeblich abhängig ist (population-centric approach). Die zugrundeliegende Idee der COIN-Doktrin ist somit ein dezidiert zivil-militärischer Ansatz, der auf operativer und taktischer Ebene durch das sogenannte Shape, Clear, Hold, and Build-Konzept geprägt wurde. Dieses Konzept lässt sich wie folgt zusammenfassen: In der Shape-Phase werden die Voraussetzung für die Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung in einem bestimmten Raum geschaffen. Dafür ist es von wesentlicher Bedeutung, das Verständnis und die Akzeptanz der Zivilbevölkerung für das Vorgehen der lokalen Regierung und der internationalen Kräfte zu gewinnen. Auch die Erarbeitung eines genauen Lagebilds oder die Herstellung von Bewegungsfreiheit durch das Räumen von Minen und Sprengfallen gehören zu diesen Voraussetzungen. Clear steht für die Phase in der militärische Kräfte die Aufständischen aus den Bevölkerungszentren verdrängen. In der Hold-Phase soll eine ständige Präsenz lokaler Sicherheitskräfte, wenn nötig mit internationaler Unterstützung, das Wiedereindringen der Aufständischen verhindern. Die gesicherten Räume sollen dann in der zeitlich überlappenden Build-Phase rasch von der (Wieder-)Herstellung staatlicher Dienstleistungen und öffentlicher Gütern profitieren, so dass die Legitimität des Staates gestärkt und die Unterstützung (Hearts and Minds) der lokalen Bevölkerung gewonnen wird. Das übergeordnete Ziel des Staatsaufbaus ist somit eng mit der COIN-Doktrin verknüpft. ____________________ 15 O.V.: Communiqué der Londoner Konferenz, 28.01.2010, http://www.bundes regierung.de/ContentArchiv/EN/Archiv17/_Anlagen/2010-01-28-abschlussdokumentafghanistankonferenz.pdf?__blob=publicationFile&v=1, (10.07.2015). 16 Vgl. West, Bing: The Strongest Tribe. War, Politics, and the Endgame in Iraq, New York 2008; Biddle, Stephen/Friedmann, Jeffrey A./Shapiro, Jacob N.: Testing the Surge. Why Did Violence Decline in Iraq in 2007, in: International Security, 37:1, 2012, S. 7–40. Einleitung 31 Für den deutschen Afghanistan-Einsatz hatte die neue Strategie weitreichende Konsequenzen. Die Bundeswehr, deren Einsatzkontingent auf 5.350 Soldaten aufgestockt wurde, zeigte nun ständige Präsenz in der Fläche. Gleichzeitig wurden die ISAF-Kräfte im Regionalkommando Nord ab 2010 von mindestens 2.500 US-Soldaten, einschließlich der Kampf-, Transport, und Luftrettungshubschrauber einer U.S. Army Combat Aviation Brigade, unterstützt. Mehrere permanent besetzte Außenposten wurden außerhalb der großen Feldlager errichtet, von denen aus nahezu täglich Patrouillen durchgeführt wurden. Dabei wurde Seite an Seite mit den afghanischen Sicherheitskräften operiert. Im Zuge der erheblich gesteigerten Bemühungen der internationalen Koalition, die afghanischen Sicherheitskräfte aufzubauen, wurde die Ausbildung und Beratung der afghanischen Armee intensiviert. Dasselbe galt auch für das deutsche Engagement im Rahmen der Polizeiausbildung. Für das Auswärtige Amt und das BMZ erforderte die neue Strategie eine noch engere Abstimmung und oft auch gemeinsame Planung mit dem Militär, um in Räumen, in denen ein ausreichendes Maß an Sicherheit wiederhergestellt werden konnte, Stabilisierungsarbeit und Entwicklungsprojekte durchzuführen. Durch die intensive Zusammenarbeit in dieser Phase des deutschen Afghanistaneinsatzes sammelten alle involvierten Bundesministerien ein gro- ßes Maß an Erfahrung hinsichtlich der praktischen Umsetzung des ressort- übergreifenden Ansatzes. Die widrigen Bedingungen des Stabilisierungseinsatzes in Afghanistan, welche eine Zusammenarbeit auch im Sinne der COIN- Doktrin unausweichlich machten, haben auf diese Weise in Deutschland – und auch auf internationaler Ebene – die Idee des Vernetzten Handelns in jedem Fall nachhaltig gestärkt.17 8. Übergabe der Sicherheitsverantwortung und Fortführung des Staatsaufbaus Im Zeitraum zwischen 2010 und 2013 konnte die Sicherheitslage in Nordafghanistan im Zuge des neuen operativen Ansatzes temporär verbessert wer- ____________________ 17 Dies wird in zentralen nationalen und internationalen Dokumenten deutlich, siehe z.B. Auswärtiges Amt/Bundesministerium der Verteidigung/Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Hrsg.): Für eine kohärente Politik der Bundesregierung gegenüber fragilen Staaten. Ressortübergreifende Leitlinien, Berlin 2012; Organization for Econmic Cooperation and Development (Hrsg.): Principles for Good International Engagement in Fragile States & Situations, www.oecd.org, Paris 2007, http://www.oecd.org/dacfragilestates/43463433.pdf, (30.05.2015). Robin Schroeder 32 den. Mitte 2012 wurde die Sicherheitsverantwortung daher planungsgemäß an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben, so dass ISAF im Regionalkommando Nord von nun an vorwiegend eine beratende und unterstützende Rolle einnahm. Im Oktober 2012 wurde das PRT Faizabad an afghanische Kräfte übergeben und das PRT Kunduz unter eine rein zivile Führung des Auswärtigen Amtes gestellt. Im Juni 2013 verließen die letzten deutschen Soldaten den Außenposten OP-North in der Provinz Baghlan. Im Oktober 2013 erfolgte schließlich – nach zehn Jahren – auch die Auflösung des PRT Kunduz. Das Camp Marmal bei Mazar-e Sharif bleibt damit das letzte große internationale Feldlager in Nordafghanistan und als solches mindestens bis Ende 2016 der Stützpunkt der Ausbildungs- und Beratungsmission Resolute Support. Das deutsche Generalkonsulat in Mazar-e Sharif ist heute neben der Botschaft in Kabul Ausgangspunkt für die Steuerung der zivilen Stabilisierungs- und Entwicklungsmaßnahmen Deutschlands in Afghanistan. Die Bundesregierung hat der afghanischen Regierung vor 2014 zugesichert, dass das deutsche Engagement für Afghanistan mit ISAF nicht enden wird. Die erneute Übernahme der militärischen Führung des Train Advise Assist Command North (TAAC-N) im Rahmen von Resolute Support sowie Deutschlands fortgesetztes ziviles Engagement bei der Stärkung staatlicher, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Strukturen machen dies deutlich. 9. Bilanz der Jahre 2001 bis 2014 Seit dem Ende des ISAF Einsatzes hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan wieder verschlechtert. Gerade in ländlichen Räumen ist es den afghanischen Sicherheitskräften oft nicht gelungen, die Kontrolle zu behalten. Die zunehmenden Konfrontationen zwischen Aufständischen und afghanischen Sicherheitskräften führen dabei zu hohen Verlusten auf beiden Seiten. Nach wie vor ist es jedoch die Zivilbevölkerung, welche die Hauptlast des Konfliktes trägt.18 Weiterhin bleiben die Drogenökonomie und die damit verbundenen kriminellen Netzwerke, welche auch viele staatlichen Institutionen durchdringen, eine erhebliche Ursache von Instabilität in Afghanistan. ____________________ 18 Das Jahr 2014 hat hier mit landesweit knapp 3.700 getöteten Zivilisten seit 2001 einen neuen Höchstwert erzielt. Mindestens dreiviertel der Toten sind Opfer von Anschlägen der Aufständischen; vgl. United Nations Assistance Mission in Afghanistan (Hrsg.): Annual Report on the Protection of Civilians in Armed Conflict in Afghanistan 2014. Einleitung 33 Im spezifischen Kontext dieses Buches darf es nicht unerwähnt bleiben, dass gerade die Provinz Kunduz ab 2014 in den besonderen Fokus der Taliban rückte. In der landesweiten Strategie der Aufständischen hat Kunduz damit im Vergleich zu den Vorjahren offenbar erheblich an Bedeutung gewonnen. Der neue afghanische Präsident Ashraf Ghani, der im September 2014 die Nachfolge Hamid Karzais antrat, erklärte in Reaktion auf diese Entwicklung Kunduz zu einer von fünf priorisierten Provinzen im Kampf gegen die Aufständischen. Die Offensiven der Taliban und anschließenden Gegenoffensiven der afghanischen Regierung führten zu einem Wiederanstieg des Gewaltniveaus in Kunduz. in diesem Zusammenhang haben lokale Milizen, welche zum Teil im Rahmen des Afghan Local Police Programms als benötigte Hilfstruppen der regulären Polizei und Armee die Dörfer gegen die Aufständischen schützen sollen, an Macht gewonnen. Zahlreiche Fälle von Machtmissbrauch zeugen jedoch davon, dass sich die Milizen, deren Loyalität in erster Linie ihren Feldkommandeuren gilt, für die Zivilbevölkerung zu einem ganz eigenen Sicherheitsproblem entwickelt haben.19 So frustrierend die Entwicklungen in Afghanistan seit 2014 sind, waren sie doch insgesamt absehbar. Selbst langjährige Kritiker des ISAF-Einsatzes merkten an, dass der vollständige Abzug der ISAF-Kampftruppen zu früh erfolgte.20 Doch nicht die tatsächliche Lage im Einsatzland, sondern fiskalische und innenpolitische Zwänge in den einzelnen NATO-Staaten bestimmten das Enddatum des ISAF-Einsatzes. Da die Folgemission Resolute Support eine reine Ausbildungsmission ist, sind die afghanischen Sicherheitskräfte im Feld heute auf sich allein gestellt. Auch wenn die quantitative Zielgröße von ca. 352.000 Sicherheitskräften bis 2014 erreicht werden konnte, so ist der Qualitätsstandard hinsichtlich Ausbildung und Disziplin in vielen Teilen der Armee und Polizei nach wie vor relativ niedrig. In Abwesenheit der ISAF haben sich die Kräfteverhältnisse in Afghanistan somit deutlich verschoben. Ein von einigen Beobachtern prophezeiter Kollaps der afghanischen Sicherheitskräfte ist allerdings nicht absehbar. Im Gegenteil, die Anbahnung neuer Gespräche zugunsten einer politischen Lösung des Konfliktes zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban deuten darauf hin, dass viele Aufständische des Kämpfens müde geworden sind und nicht mehr damit rechnen, den afghani- ____________________ 19 Zur Offensive der Taliban und aktuellen Lage in Kunduz siehe z.B.: Mashal, Mujib/ Sukhanyar, Jawad: Afghan Troops Rush to Kunduz as Taliban Flood In, in: New York Times, 29.04.2015; Matta, Bethany: The Failed Pilot Test: Kunduz‘ local governance crisis, Afghanistan Analyst Network Dispatch, 05.06.2015, (07.06.2015). 20 Siehe z.B. Ruttig, Thomas: Einiges besser, nichts wirklich gut. Afghanistan nach 34 Jahren Krieg – Eine Bilanz, in: WeltTrends – Zeitschrift für internationale Politik, 22:2, 2014, S. 27–39, hier S. 38. Robin Schroeder 34 schen Staat militärisch zu bezwingen.21 Die große Mehrheit der Afghanen hält den afghanischen Staat und dessen Regierung für legitim. Laut einer jährlichen Umfrage der Asia Foundation, die aufgrund ihrer Breite als einer der wichtigsten Indikatoren für die landesweite Stimmung in Afghanistan gilt, sind über 75 Prozent der Afghaninnen und Afghanen mit der Arbeit der nationalen Regierung zufrieden. Kaum eine westliche Regierung kann solche Zahlen vorweisen. Mit der Arbeit der Provinzregierungen sind immerhin noch mehr als zwei Drittel der Bevölkerung einverstanden. Gleichzeitig aber hat ebenfalls knapp ein Drittel der Bevölkerung zumindest etwas Sympathie für die Motive der Aufständischen.22 Letzteres ist wenig verwunderlich, da der afghanische Staatsapparat trotz der oben genannten positiven Umfragewerte weiterhin von Korruption, Nepotismus und Ineffektivität geprägt ist. Analog zum afghanischen Sicherheitssektor sind auch die anderen Institutionen des afghanischen Staates wie etwa der Gesundheits-, Bildungs- und vor allem Justizsektor weit entfernt von dem Ideal, das von der internationalen Gemeinschaft auf der Bonner Konferenz von 2001 anvisiert wurde. Darüber hinaus werden der afghanische Staat und dessen Institutionen mangels ausreichender Steuereinnahmen auf absehbare Zeit von der Finanzierung durch internationale Geber abhängig sein. Trotz der ernüchternden negativen Entwicklung der Sicherheitslage seit dem Ende der ISAF-Mission und dem Fortbestand altbekannter afghanischer Probleme sowie zahlreicher – oft vermeidbarer – Fehler der internationalen Gemeinschaft fällt die Bilanz der Jahre 2001 bis 2014 nicht vollends negativ aus. Im heutigen Afghanistan bestehen staatliche Institutionen, die in den Augen der lokalen Bevölkerung zumindest in ihren Grundzügen funktionieren. Dabei haben sowohl die Bereitstellung staatlicher Dienstleitungen als auch ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum die Lebenssituation von Millionen Afghanen verbessert. Unter diesen Bedingungen konnte eine neue Generation von Afghanen und Afghaninnen heranwachsen, die kein Interesse daran hat, dass ihr Land wieder in das Chaos der 1990er Jahre abdriftet. Der langwierige aber stets friedliche Prozess, der nach den Präsidentschaftswahlen 2014 zur Bildung einer neuen Regierung der nationalen Einheit geführt hat, ist hierfür ein guter Indikator. Auch die Wahlen selbst, welche landesweit unter großer Wahlbeteiligung erfolgten und trotz der Drohungen der Aufständischen von ____________________ 21 Vgl. Nordland, Rob: Some Progress Is Reported in Informal Afghan-Taliban Talks, in: New Yorks Times, 05.05.2015. 22 2014 wurden in allen 34 afghanischen Provinzen über 65.000 Afghanen und Afghaninnen befragt. Siehe Asia Foundation (Hrsg.): Afghanistan Survey 2014. A Survey of the Afghan People, Kabul 2014. Einleitung 35 nur wenigen Sicherheitsvorfällen begleitet wurden, zeigen, dass die afghanischen Bevölkerung grundsätzlich Vertrauen in ihre demokratischen Institutionen, den Staat und dessen Sicherheitskräfte hat. Dass Afghanistan einer transnational agierenden terroristischen Organisation wie al-Qaida wieder einen sicheren Rückzugsraum oder gar offene Unterstützung bietet, wird auf absehbare Zeit sehr unwahrscheinlich sein. Damit wurde das 2001 formulierte strategische Minimalziel der internationalen Gemeinschaft erreicht. Stabil, geschweige denn friedlich, ist Afghanistan jedoch noch lange nicht. Der ambitionierte Plan, in wenigen Jahren einen auf demokratischen Prozessen, Rechtsstaatlichkeit, freien Märkten und einem staatlichen Gewaltmonopol beruhenden konsolidierten Frieden zu schaffen, erwies sich in weiten Teilen als unrealistisch. Die Theorie des liberalen Friedens und deren normatives Fundament, welches die internationale Afghanistanpolitik seit 2001 leiteten, angesichts der Erfahrungen der vergangenen Jahre in Gänze zu verwerfen, hieße jedoch, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Alternativen bringen mindestens ebenso viele Probleme und Dilemmata mit sich oder sind schlichtweg zynisch. In Frage zu stellen ist allerdings die Idee, dass gesellschaftliche und politische Transformationen, welche in Europa Jahrhunderte dauerten, durch externe Intervention innerhalb einer Dekade erzielt werden können. Vor diesem Hintergrund wird das internationale Engagement in Afghanistan – in veränderter Form – wohl noch viele Jahre fortgeführt werden. Die Erfahrungen und Lehren der Jahre 2001 bis 2014 dürfen dabei, auch mit Hinblick auf mögliche zukünftige Stabilisierungseinsätze, nicht in Vergessenheit geraten. 10. Struktur und Inhalt des Buches Das vorliegende Buch nähert sich dem Stabilisierungseinsatz in Afghanistan auf vier Ebenen an. Im ersten Teil des Buches werden politisch-strategische und konzeptionelle Fragen analysiert, die das Handeln Deutschlands und seiner internationalen Partner mit Hinblick auf Stabilisierungseinsätze im Allgemeinen und in Afghanistan im Besonderen beeinflusst haben. In Kapitel 1 diskutieren Joachim Krause und Jannis Jost die strategische Frage, in welchen Situationen Stabilisierungseinsätze, die für die Intervenierenden stets ein beträchtliches außenpolitisches Risiko bedeuten, notwendig sein können. In Kapitel 2 wird vom Autor dieser Zeilen die grundsätzliche Logik des Zusammenwirkens von Sicherheit, Wiederaufbau und Entwicklung im Rahmen der Stabilisierung eines Krisengebietes dargestellt. Dabei werden auch die bedeutendsten Problemfelder und unlösbaren Dilemmata, die sich intervenierenden Staaten im Zuge eines Stabilisierungseinsatzes stellen, aufgezeigt. Robin Schroeder 36 Die Idee des Comprehensive Approach als Antwort auf die komplexen Herausforderungen in heutigen Stabilisierungseinsätzen wird in Kapitel 3 vom Kommandeur des Deutsch-Niederländischen Korps, Generalleutnant Volker Halbauer, reflektiert. Das Deutsch-Niederländische Korps hat als multinationaler militärischer Großverband eine Vorreiterrolle bei der Weiterentwicklung des Comprehensive Approach eingenommen, die von zivilen und militärischen Akteuren gleichermaßen anerkannt wird. In Kapitel 4 werden die Notwendigkeit strategischer Kohärenz und die Schwierigkeiten, eben diese zu erreichen, diskutiert. Marcus Schaper nimmt die Analyse dieses schwierigen Themas vor: Als Studienleiter des Bereichs internationale Politik an der Evangelischen Akademie Loccum hat er in den letzten Jahren die Tagungsstätte in Niedersachsen zu einem etablierten Forum weiterentwickelt, in dem Vertreter der politischen Parteien, Bundesministerien und der Zivilgesellschaft sowie internationale Experten regelmäßig zusammentreffen, um auf dringliche Fragen zum Thema Krieg und Frieden in einer entschleunigten Atmosphäre außerhalb des Berliner Politikbetriebs Antworten zu finden. Im unmittelbaren Zusammenhang zur Notwendigkeit eines Comprehensive Approach zur Stabilisierung von Krisengebieten steht die Tatsache, dass nahezu alle heutigen bewaffneten Konflikte inmitten der Zivilbevölkerung stattfinden. In Kapitel 5 geht Helge Rücker vom Zentrum für Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Bundeswehr genauer auf die grundsätzlichen Herausforderungen ein, die sich daraus für militärische und auch zivile Akteure ergeben. Die Eskalation der Gewalt im Irak, nicht zuletzt infolge zahlreicher kurzsichtiger Politiken der US-Regierung unter George W. Bush, traf die Amerikaner vollkommen unvorbereitet. Während Teile der Regierung noch im Jahr 2006 das Ausmaß des Problems nicht anerkennen wollten, arbeitete eine kleine Gruppe von militärischen und zivilen Experten unter General David Petraeus 2005 an einem neuen Denkansatz zur Lösung des Problems. Das Ergebnis der Arbeit war das Ende 2006 erschienene U.S. Army/Marine Corps Field Manual 3-24 Counterinsurgency besser bekannt als COIN Field Manual oder Petraeus-Doktrin. Lieutenant-Colonel (ret.) John Nagl ist einer der Autoren dieses Field Manual. Er hat in Oxford promoviert und hat beide Irakkriege an vorderster Front erlebt. Sein Buch Learning to Eat Soup with a Knife, welches die Lern- und Anpassungsfähigkeit der US-Streitkräfte am Beispiel des Vietnam-Krieges kritisiert, wurde vor dem Hintergrund der Ereignisse im Irak zum Bestseller. In Kapitel 6 stellt er den Prozess dar, in dessen Verlauf ein bewaffneter Aufstand nicht mehr als ein rein militärisches Problem wahrgenommen wird, sondern stattdessen als das Symptom gut nachvollziehbarer po- Einleitung 37 litischer Frustration innerhalb der lokalen Bevölkerung, welcher man nur durch einen gesamtstaatlichen Stabilisierungsansatz begegnen kann. Wie eingangs dargestellt war auch Deutschland spätestens ab Ende 2007 mit einer bewaffneten Aufstandsbewegung im Norden Afghanistans konfrontiert. Wie im Falle der meisten anderen NATO-Nationen auch, war die Bundeswehr darauf weder vorbereitet, noch verfügte sie über Erfahrungen im Umgang mit einer solchen Herausforderung. Aus diesem Grund griffen die deutschen Einsatzkräfte ab 2009 im Rahmen der ISAF-Operationsplanung im Wesentlichen auf die COIN-Doktrin der Amerikaner zurück.23 2013 erschien dann mit dem „Leitfaden Aufstandsbewältigung“ ein entsprechendes Doktrindokument der Bundeswehr auf Basis der zwischenzeitlich selbst gesammelten Einsatzerfahrungen. In Kapitel 7 geht Generalleutnant Bruno Kasdorf, der Inspekteur des Heeres, auf dieses Dokument, bei dessen Entstehung ein hohes Maß an ziviler Expertise mit eingeflossen ist, genauer ein. Wie die meisten strategisch relevanten Doktrinen ist auch die COIN- Doktrin sehr kontrovers diskutiert worden. Einer der bedeutendsten Kritikpunkte ist, dass auf Basis der COIN-Doktrin am Ende des Tages nur taktische Erfolge erzielt werden können. Die mit der Realisierbarkeit von Statebuilding verbundenen grundsätzlichen strategischen Fragen bleiben hier jedoch ausgeblendet. In Kapitel 8 wird diese Problematik von Oberst Hans-Joachim Ruff- Stahl anhand einer sozialpsychologischen Argumentationsführung aufgezeigt. Hier wird deutlich unterstrichen, dass die COIN-Doktrin nicht – wie es häufig der Fall ist – mit einer Strategie gleichgesetzt werden darf. Die COIN-Doktrin bietet lediglich Grundsätze, die bei dem Einsatz ziviler und militärischer Mittel beachtet werden sollten, um unter den widrigen Bedingungen eines bewaffneten Aufstandes Sicherheit und Stabilität vor allem auf lokaler Ebene schrittweise wiederherzustellen. Der erste Teil des Buches schließt in Kapitel 9 mit einem Beitrag von Florian Wätzel zur Bedeutung der Sicherheitssektorreform in Stabilisierungseinsätzen. Der Aufbau professioneller und rechenschaftspflichtiger Sicherheitskräfte in fragilen Staaten ist in erster Linie ein Weg, um das unmittelbare Eingreifen internationaler Streitkräfte wann immer möglich zu vermeiden. Kommt es dennoch – wie in Afghanistan – zu einer notwendigen Übernahme direkter Sicherheitsverantwortung durch internationale Kräfte, so ist der Aufbau eines funktionierenden lokalen Sicherheitssektors die Grundvoraussetzung für eine verantwortungsvolle Exit-Strategie. ____________________ 23 Die US-amerikanische COIN-Doktrin wurde von den meisten NATO-Staaten im ISAF-Einsatz übernommen. Im Februar 2011 veröffentlichte die NATO die Allied Joint Doctrine For Counterinsurgency (COIN) – AJP 3.4.4. Dieses Dokument entspricht im Wesentlichen der US COIN-Doktrin. Robin Schroeder 38 Der zweite Teil des Buches präsentiert alsdann die Perspektive der Bundesministerien. Alle Autoren geben dabei ihre persönliche Meinung wieder. Als federführendes Ressort der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik kommen in Kapitel 10 zuerst die Vertreter des Auswärtigen Amtes zu Wort. Philipp Ackermann, ziviler Leiter des PRT Kunduz zwischen 2006 und 2007 sowie Leiter des Arbeitsstabes „Afghanistan/Pakistan“ im Auswärtigen Amt zwischen 2010 und 2014, betrachtet zusammen mit Dorothea Gieselmann, ebenfalls im Arbeitsstab Afghanistan/Pakistan tätig, die Entwicklung des deutschen ressortgemeinsamen Ansatzes im Zuge des Afghanistaneinsatzes. In Kapitel 11 präsentiert Oberstleutnant i.G. Axel Dohmen die Perspektive des Bundesministeriums der Verteidigung. Er reflektiert dabei das Thema Counterinsurgency im größeren Kontext eines Stabilisierungseinsatzes. Es folgt die Perspektive des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Kapitel 12. Stefan Oswald, Leiter des Referats „Afghanistan/Pakistan“ und Christine Toetzke, Leiterin des Referats „Sicherheit und Frieden“ diskutieren hier die Rolle der Entwicklungszusammenarbeit in fragilen Kontexten. Dabei wird ein Fokus auf die COIN-Doktrin vor dem Hintergrund der Einsatzerfahrungen gesetzt. In Kapitel 13 vervollständigt Jörg Bentmann, Leiter der Abteilung „Grundsatzfragen und internationale Angelegenheiten“ im Bundesministerium des Inneren die Perspektive der Bundesministerien durch einen Beitrag über den innenpolitischen Blickwinkel auf die Themen Stabilisierungseinsätze und fragile Staatlichkeit. Der dritte Teil des Buches widmet sich einem Aspekt, der in den Debatten zum Thema Stabilisierungseinsätze viel zu oft vernachlässigt wird, nämlich der tatsächlichen praktischen Umsetzung von Stabilisierungsmaßnahmen im Einsatzland. Dazu konnten elf Autoren gewonnen werden, die ihre profunden Einsatzerfahrungen darstellen und reflektieren. Der Kommandeur des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Generalleutnant Hans-Werner Fritz24, berichtet in Kapitel 14 von seinen Erfahrungen als Kommandeur des Regionalkommandos Nord während der wohl kritischsten Phase des ISAF-Einsatzes in den Jahren 2010 und 2011. In diesem Zeitraum erreichte die militärische Kampagne von ISAF und den afghanischen Sicherheitskräften zur Wiedererlangung der Initiative im Norden Afghanistans ihren Höhepunkt. Etwa 11.000 Soldaten aus 16 Nationen standen dabei unter dem Kommando von General Fritz. Dazu zählte auch das Ausbildungs- und Schutzbataillon Kunduz, besser bekannt als Task Force Kunduz, unter der Führung von Oberstleutnant Christian von Blumröder. In Kapitel 15 berichtet Oberstleutnant von Blumröder, ____________________ 24 Zusammen mit Major i.G. Hendrik Staigis und Major i.G. Matthias Weber. Einleitung 39 wie der im Zuge des ISAF-Strategiewechsels 2010 neuaufgestellte Einsatzverband die COIN-Doktrin zusammen mit zivilen und militärischen Partnern praktisch umsetzte. Als Beispiel dafür wurde die Operation HALMAZAG in November 2010 gewählt. In Kapitel 16 wiederum stellt Major Marcel Bohnert dar, wie durch eine konstante Präsenz von Kräften die Sicherheitslage im Einsatzraum der Task Force Kunduz deutlich verbessert werden konnte. Hauptmann Bohnert war von Juni 2011 bis Januar 2012 Chef einer Infanteriekompanie der dritten Task Force Kunduz. Der Sinn militärischer Operationen im Rahmen eines Stabilisierungseinsatzes ist es, ein sicheres Umfeld herzustellen, in dem zivile Stabilisierungsmaßnahmen durchgeführt werden können. Udo Ewertz gehörte zwischen 2011 und 2013 zum zivilen Personal des PRT Kunduz, welches die Aufgabe der zivilen Stabilisierung wahrgenommen hat. In Kapitel 17 berichtet er von seinen Einsatzerfahrungen aus dieser Zeit. Die wichtigste deutsche Implementierungsorganisation zur Umsetzung von Wiederaufbau- und Entwicklungsmaßnahmen ist die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). In Afghanistan implementiert die GIZ Projekte sowohl im Auftrag des BMZ, als auch im Auftrag des Auswärtigen Amts. In Kapitel 18 geht Wolf Plessmann, der u.a. als Projekt- und Portfolioleiter der GIZ von 2010 bis 2014 in Afghanistan gearbeitet hat, der Frage nach, welchen Beitrag die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zur Stabilisierung Afghanistans tatsächlich leisten kann. Einen unabdingbaren Beitrag zur Stabilisierung Afghanistans leisten zweifellos die deutschen Polizisten, die im Rahmen des German Police Project Team (GPPT) und der europäischen EUPOL Mission am Aufbau einer den rechtstaatlichen Prinzipien folgenden Polizei und – im Falle von EUPOL – auch Justiz arbeiten. In Kapitel 19 bietet Gerald Stöter, der als Leiter des International Police Coordination Board die Arbeit aller am afghanischen Polizeiaufbau beteiligten Nationen koordinierte, Einblicke in die praktische Umsetzung der zivilen Sicherheitssektorreform. Afghanistan ist ein klassisches Beispiel für einen modernen asymmetrischen Konflikt, in dem die Bundeswehr vor viele neue Herausforderungen gestellt wurde. Die deutschen Streitkräfte mussten in Afghanistan kontinuierlich lernen und sich anpassen. Die folgenden fünf Kapitel präsentieren ausgewählte Tätigkeitsfelder im Rahmen des ISAF-Einsatzes, welche die Weiterentwicklung der Bundeswehr besonders gut illustrieren. In Kapitel 20 analysiert Axel Gablik die herausragende Bedeutung des Informationsumfelds, in dem heutige Konflikte stattfinden. Diese Konflikte werden nicht mehr durch Waffengewalt, sondern vielmehr über die öffentliche Wahrnehmung der involvierten Parteien entschieden. In Kapitel 21 schildert Björn Schreiber auf Grundlage seiner Einsatzerfahrungen in Kunduz die praktische Umsetzung zivilmilitärischer Zusammenarbeit „in der Schlammzone“ aus der Perspektive ei- Robin Schroeder 40 nes CIMIC-Truppführers. Die CIMIC-Teams haben dabei in vielfacher Weise die zivile Stabilisierungsarbeit des PRT vorbereitet und unterstützt. Oft waren sie die entscheidenden „Türöffner“ zum Vertrauen der lokalen Bevölkerung. Ein weiteres Merkmal asymmetrischer Konflikte ist das Fehlen klarer Fronten und das Verwischen der Grenzen zwischen Kombattanten und Nicht- Kombattanten. Die Aufständischen fühlen sich nicht an das humanitäre Völkerrecht gebunden; sie kennzeichnen sich nicht als Kombattanten, nutzen terroristische Gewalt in verschiedensten Formen, tauchen in der Zivilbevölkerung unter und missbrauchen diese in Gefechtssituation oft als menschliche Schutzschilde. Die Unterscheidung von Freund und Feind wird hier zu einer der größten Herausforderungen und unterstreicht die besondere Relevanz der Nachrichtengewinnung und Aufklärung in diesem Kontext. In Kapitel 22 reflektiert daher Christopher Urbas seine Erfahrungen als Chef einer Aufklärungskompanie in Kunduz. Grundsätzlich eng verbunden mit einer präzisen Aufklärung ist auch der Einsatz von Spezialkräften. In Afghanistan haben deutsche Spezialkräfte in Zusammenarbeit mit afghanischen Partnereinheiten mehrfach ihren besonderen Wert bei gezielten Zugriffen auf die Verantwortlichen zahlreicher terroristischer Anschläge demonstriert. In Kapitel 23 stellt Wolfgang Lauenroth die Perspektive der deutschen Spezialkräfte dar. Als letzte Perspektive aus dem Einsatz wird in Kapitel 24 die Arbeit des COMISAF Advisory and Assistance Team (CAAT) dargestellt. Die CAATs waren kleine Teams aus militärischen und zivilen Experten, welche direkt dem ISAF-Kommandeur unterstellt waren und als dessen „geführtes Teleskop“ in den einzelnen Regionalkommandos eine unmittelbare, in beide Richtungen wirkende Verbindung zwischen dem ISAF-Hauptquartier in Kabul und der taktischen Ebene herstellen konnten. Der vierte und letzte Teil des Buches resümiert den deutschen Afghanistaneinsatz aus politischer Perspektive. Dazu kommen drei Experten und Entscheidungsträger zu Wort, die unterschiedliche Parteien repräsentieren, jedoch alle gleichermaßen die deutsche Afghanistanpolitik zwischen 2001 und 2014 mitgestaltet haben. In Kapitel 25 zieht zunächst Ulrich Schlie Bilanz. Ulrich Schlie war zwischen November 2005 und April März 2012 Leiter des Planungsstabes im BMVg und nach der Umstrukturierung des Ministeriums von März 2012 bis März 2014 Leiter der Abteilung Politik. Er hat damit unter vier verschiedenen CDU/CSU-Verteidigungsministern gearbeitet. Es folgt in Kapitel 26 die Schilderung der umfangreichen persönlichen Erfahrungen von Winfried Nachtwei: Als langjähriges Bundestagsmitglied für die Partei Bündnis90/Die Grünen setzte sich Winfried Nachtwei ab der ersten Stunde des deutschen Einsatzes am Hindukusch intensiv für Sicherheit, Frieden und Entwicklung in Afghanistan ein. Dieses Engagement setzt er auch Einleitung 41 nach dem Ende seiner Mitgliedschaft im Bundestag seit 2009 bis heute unver- ändert fort. Winfried Nachtwei leistete dabei einen nachhaltigen persönlichen Beitrag zur Entwicklung des ressortübergreifenden Ansatzes in Stabilisierungseinsätzen. Das abschließende Wort in diesem Buch hat Hans-Peter Bartels in Kapitel 27. Hans-Peter Bartels war von 1998 bis 2015 Mitglied des Bundestags als direkt gewählter SPD-Kandidat des Wahlkreises Kiel. Als ordentliches Mitglied des Verteidigungsausschusses hat er den Afghanistaneinsatz ab 2001 kontinuierlich politisch begleitet. Seit Mai 2015 ist Hans-Peter Bartels der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags. In seinem Beitrag geht der neue Wehrbeauftragte nicht nur auf die Lehren aus Afghanistan, sondern auch auf kommende Herausforderungen ein, die sich aus den aktuellen Krisen an Europas Grenzen ergeben. Literatur Asia Foundation (Hrsg.): Afghanistan Survey 2014. A Survey of the Afghan People, Kabul 2014. Auswärtiges Amt/Bundesministerium der Verteidigung/Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Hrsg.): Für eine kohärente Politik der Bundesregierung gegenüber fragilen Staaten. Ressortübergreifende Leitlinien, Berlin 2012. Biddle, Stephen/Friedmann, Jeffrey A./Shapiro, Jacob N.: Testing the Surge. Why Did Violence Decline in Iraq in 2007, in: International Security, 37:1, 2012, S. 7–40. Bundesregierung (Hrsg.): Afghanistan Konzept der Bundesregierung, Berlin 2008. Bundesregierung (Hrsg.): Antwort der Bundesregierung (18/4168) auf eine Große Anfrage der Fraktion Die Linke (18/2144), „Krieg in Afghanistan – Eine Bilanz“. Giustozzi, Antonio/Reuter, Christoph: The Northern Front – The Afghan insurgency spreading beyond the Pashtuns, (Afghanistan Analyst Network Briefing Paper 03/2010). Giustozzi, Antonio: Koran Kalashnikov and Laptop. The Neo-Taliban Insurgency in Afghanistan, New York 2008. International Crisis Group (Hrsg.): Afghanistan’s Insurgency after the Transition, (Asia Report No 256), Brüssel 2014. McChrystal, Stanley: Commander's Initial Assessment, Kabul, 30.08.2009, http://media. washingtonpost.com/wp-srv/politics/documents/AssessmencRedacted_092109.pdf, (27. 04.2015). Mashal, Mujib/Sukhanyar, Jawad: Afghan Troops Rush to Kunduz as Taliban Flood In, in: New York Times, 29.04.2015. Matta, Bethany: The Failed Pilot Test: Kunduz‘ local governance crisis, Afghanistan Analyst Network Dispatch, 05.06.2015, (07.06.2015). Naumann, Klaus: Der blinde Spiegel. Deutschland im afghanischen Transformationskrieg, Hamburg 2013. Nordland, Rob: Some Progress Is Reported in Informal Afghan-Taliban Talks, in: New Yorks Times, 05.05.2015. Robin Schroeder 42 O.V.: „Übereinkommen über vorläufige Regelungen in Afghanistan bis zur Wiederherstellung dauerhafter staatlicher Institutionen“, Abschlussdokument der Petersberger Konferenz vom 05.12.2001, http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/CD07400/Dokumente/Doku ment%20029.pdf, (10.07.2015). O.V.: Communiqué der Londoner Konferenz, 28.01.2010, http://www.bundesregierung. de/ContentArchiv/EN/Archiv17/_Anlagen/2010-01-28-abschlussdokument-afghanistan konferenz.pdf?__blob=publicationFile&v=1, (10.07.2015). Organization for Econmic Cooperation and Development (Hrsg.): Principles for Good International Engagement in Fragile States & Situations, www.oecd.org, Paris 2007, http://www.oecd.org/dacfragilestates/43463433.pdf, (30.01.2015). Rashid, Ahmed: Descent Into Chaos. How the War against Islamic Extremism Is Being Lost in Pakistan, Afghanistan, and Central Asia, London 2008. Rashid, Ahmed: Taliban. The Power of Militant Islam and Beyond, New York 2010. Reder, Philipp/Schneider, Sven/Schroeder, Robin: Was bedeutet Stabilisierung? Ein Impuls für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik, in: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik, 8:4, 2015, (im Erscheinen). Ruttig, Thomas: Einiges besser, nichts wirklich gut. Afghanistan nach 34 Jahren Krieg – Eine Bilanz, in: WeltTrends – Zeitschrift für internationale Politik, 22:2, 2014, S. 27–39. Schroeder, Robin: Not too little, but too late – ISAF’s Strategic Restart of 2010 in Light of the Coalition’s Previous Mistakes, in: Krause, Joachim/Mallory, Charles King (Hrsg.), Afghanistan, Pakistan and Strategic Change – Adjusting Western Regional Policy, Oxon/New York 2014, S. 19–69. Schroeder, Robin/Zapfe, Martin: „War-like circumstances“– Germany’s unforeseen combat mission in Afghanistan and ist strategic narratives, in: De Graaf, Beatrice/Dimitriu, George/Ringsmose, Jens (Hrsg.): Strategic Narratives, Public Opinion and War. 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References

Zusammenfassung

Der Stabilisierungseinsatz in Afghanistan hat die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik so nachhaltig geprägt wie kein internationales Engagement zuvor. Der deutsche Beitrag zum Wiederaufbau des Landes war dabei von einem gesamtstaatlichen Ansatz geprägt, bei dem Sicherheit und Entwicklung ineinandergreifen sollten. Die Realität im Einsatzland stellte die deutschen Soldaten, Diplomaten, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder jedoch vor enorme Herausforderungen.

Das Ende des Mandats der internationalen Schutztruppe ISAF zum Jahreswechsel 2015 gibt Anlass, die hier gewonnenen Erfahrungen und Lehren der unterschiedlichen zivilen und militärischen Akteure festzuhalten. Vor dem Hintergrund einer bestenfalls gemischten Erfolgsbilanz, aber auch angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte an den Rändern Europas, ist eine solche Aufarbeitung des Einsatzes von außerordentlicher Relevanz.

Der Sammelband bringt eine einzigartige Vielfalt an Perspektiven von einsatzerfahrenen militärischen und zivilen Führungskräften zusammen. Abgerundet wird das Bild durch Analysen der strategischen Konzepte, die den Einsatz prägten, der Perspektive aus den einzelnen Bundesministerien sowie der persönlichen Bilanz von bedeutenden politischen Entscheidungsträgern.

Mit Beiträgen von: Phillip Ackermann, Hans-Peter Bartels, Jörg Bentmann, Christian von Blumröder, Marcel Bohnert, Axel Dohmen, Udo Ewertz, Dirk Freudenberg, Hans-Werner Fritz, Axel Gablik, Dorothea Gieselmann, Volker Halbauer, Stefan Hansen, Jannis Jost, Bruno Kasdorf, Joachim Krause, Wolfgang Lauenroth, Winfried Nachtwei, John A. Nagl, Stefan Oswald, Wolf Plesmann, Hans-Joachim Ruff-Stahl, Helge Rücker, Marcus Schaper, Ulrich Schlie, Björn Schreiber, Robin Schroeder, Hendrik Staigis, Gerald Stöter, Christine Toetzke, Christopher Urbas, Florian Wätzel und Matthias Weber.