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Helge Rücker, Die Rolle der Zivilbevölkerung in heutigen Konflikten und die spezifische Bedeutung von CIMIC in Stabilisierungseinsätzen und COIN in:

Robin Schroeder, Stefan Hansen (ed.)

Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe, page 117 - 126

Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN)

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-0690-7, ISBN online: 978-3-8452-4901-8, https://doi.org/10.5771/9783845249018-117

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117 Kapitel 5 Die Rolle der Zivilbevölkerung in heutigen Konflikten und die spezifische Bedeutung von CIMIC in Stabilisierungseinsätzen und COIN Helge Rücker 1. Einleitung Eine sich beständig wandelnde politische Geometrie (z.B. Ausprägungsformen staatlicher Souveränität) und weltweit zu verzeichnende demographische Veränderungen (Stichwort: Migration)1 beeinflussen die Vorstellung von Sicherheit im 21. Jahrhundert. Auch ist ein weltweit zu verzeichnender Trend der Transformation vorwiegend ländlich geprägter Gesellschaften hin zu zunehmend städtisch organisierten Gesellschaftsformen zu verzeichnen. Ballungsräume mit zersiedelten „Speckgürteln“ dominieren zunehmend den Globus und lassen „menschenleere Räume“ mit signifikanter politischer, sozialer und wirtschaftlicher Relevanz eher zu einer Rarität werden. Das hat Folgen für die Ausgestaltung der (inter-)nationalen Sicherheitspolitik insgesamt:So wird man auch bei den politisch mandatierten Einsätze der Deutschen Bundeswehr zukünftig davon ausgehen müssen, dass diese insbesondere in urban dominierten Einsatzräumen stattfinden. Die Annahme, dass militärische Operationen in Einsatzräumen ohne Zivilbevölkerung beziehungsweise ohne (inter-)nationale (Nicht-)Regierungsorganisationen stattfinden könnten – quasi „klinisch rein“ mit der Möglichkeit, sich auf rein militärische Fragen konzentrieren zu können – ist im 21. Jahrhundert kein reales Szenario.2 Hinzu kommt, dass militärische Handlungen in einer auch informationstechnisch globalisierten Welt nahezu immer unter medialer Aufmerksamkeit und damit unter den Augen der Weltöffentlichkeit stattfinden und somit die Auswirkungen militärischen Agierens auf die Lebensumstände der Zivilbevölkerung stets offensichtlich werden. Dabei wird auch die Akzeptanz in der eigenen Bevölkerung ____________________ 1 Siehe NATO Standardization Agency (Hrsg.): AJP-3.4.9, Allied Joint Doctrine for Civil-Military Cooperation, Edition A Version 1, Abs. 0101–0108, February 2013. 2 Siehe BMVg (Hrsg.): HDv 100/100, Nr. 8044–8045, November 2007. Helge Rücker 118 in Deutschland für einen Einsatz der Bundeswehr zu einem medial beeinflussten und damit signifikanten Einflussfaktor. Die Zivilbevölkerung und das gesamte zivile Umfeld im Einsatzraum sind per sé real vorhanden, zu berücksichtigen und zugleich wesentliche Einflussfaktoren hoher Priorität für den (Miss-)Erfolg der militärischen Operation. Dieses gilt insbesondere im Rahmen von Stabilisierungsoperationen, bei denen die Schaffung eines sicheren und stabilen Umfeldes als ein Beitrag des Militärs für den zivil geprägten Wiederaufbau einer funktionierenden Gesellschaft das politisch gesetzte Ziel darstellt.3 Aus der direkten oder indirekten Betroffenheit der Zivilbevölkerung infolge eigener militärischer Maßnahmen resultiert eine Abhängigkeit zwischen militärischer Operation und Präsenz, Einstellung bzw. Verhalten der Zivilbevölkerung wie auch sonstiger ziviler (nicht-)staatlicher (Nicht-)Regierungsorganisationen. Daraus folgt, dass militärische Führer aller Ebenen stets die Notwendigkeit zum Dialog mit dem zivilen und urbanen Umfeld sowie zur Berücksichtigung der Einstellungen der Zivilbevölkerung im Einsatzraum für die eigenen Vorhaben erkennen müssen.4 Nicht besonders betont werden muss, dass dies schon aus grundsätzlichen humanitären Erwägungen und Grundüberzeugungen heraus eine Selbstverständlichkeit für die Deutsche Bundeswehr ist. Die Begriffe „Sicherheit“ und „Stabilisierung“ umfassen und beinhalten u.a. auch die Bereiche Soziales, Entwicklung, Wirtschaft etc.; sie erfordern ein weites Spektrum von (kombinierten) Aktionen militärischer als auch ziviler Natur, um durch möglichst koordiniertes Zusammenwirken aller Akteure die angestrebte nachhaltige Stabilisierung und Sicherheit zu erreichen.5 Dieses umfassende Sicherheitsverständnis kennzeichnet den Comprehensive Approach, der in der NATO Grundlage von Stabilisierungsoperationen ist.6 Auch die US-Strategie Counterinsurgency (COIN), die aufgrund der Erfahrungen in der Aufstandsbekämpfung insbesondere im Irak seit 2006 durch die ____________________ 3 „Die Stabilisierung hat den Zweck, innerstaatliche und zwischenstaatliche Konflikte auch gegen Widerstand einzudämmen, zu beenden und ein sicheres Umfeld (safe and secure environment/SASE) zu schaffen. Sie bereiten die Grundlage dafür, dass in der Konfliktregion eine friedliche, sich selbst tragende politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung wiederhergestellt werden kann.“, BMVg (Hrsg.): HDv 100/100 Nr. 13001, November 2007. 4 Hierzu sind gegenwärtig Aktualisierungen der Vorgaben im Deutschen Heer in der Entwicklung, Stichwort: „Taktische Grundlagen für Operationen im urbanen Umfeld.“ 5 Vgl. Pradetto, August: Studien zur Internationalen Politik, Heft 2/2011, Hamburg Juni 2011, S. 10. 6 Vgl. NATO Standardization Agency (Hrsg.): AJP-3.4.9, Allied Joint Doctrine for Civil-Military Cooperation, Edition A Version 1, Abs. 0108, February 2013. Die Rolle der Zivilbevölkerung in heutigen Konflikten 119 US-Streitkräfte forcierte Umsetzung erfuhr, richtet ihren Fokus nicht auf ausschließlich militärisch dominierte Aktionen,7 sondern auf die Zivilbevölkerung im Einsatzraum; die Zivilbevölkerung stellt das sogenannte „Center of Gravity“ im militärischen Denken und Handeln dar.8 Es geht bei militärischen COIN-Operationen nicht im klassischen Sinn des militärischen Handelns um die Vernichtung des Gegners, Geländegewinn etc., sondern darum, die Chancen zum Gewinn der Auseinandersetzung zu erhöhen, wenn es gelingt, die Bevölkerung für sich und seine Ziele einzunehmen und somit den Gegner und seine Absichten zu marginalisieren. COIN sieht das Militär als eines von mehreren Akteuren und es agiert stets im Verbund mit (nicht-)staatlichen (inter-) nationalen Organisationen, um stabilisierend zu wirken, wenngleich auch der in der US-COIN-Strategie enthaltende kinetische Ansatz (mit allen damit verbundenen Problematiken für die Aufstandsbekämpfung9) stärker und selbstverständlicher dargestellt erscheint als im Comprehensive Approach. Der frühzeitigen und andauernden Auswertung von Sozialstrukturen, Infrastrukturdaten etc. kommt somit im Einsatz im Rahmen der ressortübergreifenden Maßnahmen große Bedeutung zu („Comprehensive Preparation of the Operational Environment“– CPOE), die Akzeptanz seitens der im Einsatzraum lebenden Zivilbevölkerung als „Center of Gravity“ und die Erlangung ihrer Unterstützung für die eigenen Kräfte sind unerlässliche Bausteine für eine erfolgreiche Operationsführung sowohl im Rahmen von Stabilisierungsoperationen als auch von COIN in einem zunehmend als urban zu definierenden Umfeld. CIMIC als militärisches Mittel leistet hier mit seinen drei Kernfähigkeiten („Core Functions“) einen der wesentlichen Beiträge zur erfolgreichen Auftragserfüllung in der ressortübergreifenden Stabilisierung unter Erfassung, Bewertung und Beurteilung sämtlicher o.g. Einflussfaktoren10 durch: ____________________ 7 „COIN is a combination of offensive, defensive, and stability operations“, United States Headquarters Department of the Army (Hrsg.): „The U.S. Army/Marine Corps Counterinsurgency Field Manual: U.S. Army Field Manual No. 3-24“: Marine Corps Warfighting Publication No. 3-33.5, Figure 1-1, December 2006, www.fas.org, (27.03.2015), S. 29. 8 „The local population is a critical center of gravity of an insurgency”, US Field Manual 3-24, No. 1.-1001, December 2006. 9 Siehe Zambernardi, Lorenzo: Counterinsurgency´s Impossible Trilemma, in: The Washington Quarterly, 33:3, 2010, S. 21–24, hier S. 23. 10 CIMIC nutzt u.a. moderne Auswertemethoden wie ASCOPE und PMESII, die auch im internationalen Umfeld bekannt sind, siehe Headquarters Department of the Army: Tactics in Counterinsurgency, Washington, D.C. 2009, http://fas.org/irp/doddir/army /fmi3-24-2.pdf, (27.05.2015). Helge Rücker 120 A) Gestaltung der zivil-militärischen Beziehungen („Civil-Military Liaison“), B) Unterstützung ziviler nationaler und internationaler Akteure und deren Umfeld („Support to the Civil Actors and their Environment“) und C) Unterstützung der eigenen Operationsführung („Support to the Force“). Die Gestaltung zivil-militärischer Beziehungen stellt den Schwerpunkt der CIMIC-Arbeit im Einsatz dar und bedeutet, dass ein ebenengerechtes Verbindungsnetzwerk zu allen relevanten (inter-)nationalen zivilen (nicht-) staatlichen Organisationen aufgebaut, erhalten und gepflegt wird. Mit Hilfe dieses regelmäßigen Informationsaustausches über sämtliche Belange des zivilen Umfeldes soll die Voraussetzung dafür geschaffen werden, dass einerseits die zivilen Akteure Verständnis für Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen militärischen Handelns entwickeln (hier können auch Missverständnisse bezüglich der Unterstützungsmöglichkeiten des Militärs bei zivilen Unterstützungsmaßnahmen vorab ausgeräumt werden) und andererseits zivile Belange bei militärischen Planungen angemessene Berücksichtigung finden. Das deutsche CIMIC definiert intern (d.h. bislang keine Verankerung in Vorschriften etc.) seine speziellen Kompetenzen dazu prägnant mit folgender Aussage: „Wir verstehen Zivil“; eine in diesem Zusammenhang alles erklärende Formulierung, aber auch Maßstab einer Evaluierung.11 Ziel ist im Idealfall also die Schaffung von Synergieeffekten und Vertrauen zwischen den militärischen und zivilen Akteuren.12 Ein initiatives und aktives Gestalten der zivil-militärischen Beziehungen schafft erst die Voraussetzungen dafür, dass zivile Akteure ein Verständnis für Bedingungen, Möglichkeiten, Umfang und Grenzen militärischen Handelns einschließlich der militärischen Unterstützung für das zivile Umfeld entwickeln und militärische Belange bei der Planung und Durchführung von Maßnahmen ziviler Stellen berücksichtigt werden sowie ziviles und militärisches Handeln harmonisiert wird, mit dem Ziel, ein synergetisches Miteinander zu erreichen. Die Optimierung der Möglichkeiten einer aktiven und offenen Informationspolitik von CIMIC als Teil des eingesetzten Militärs zu und mit den zivilen Partnern im Rahmen der Vorgaben und Notwendigkeiten militäri- ____________________ 11 Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Bundeswehr (ZMZBw) ist die Interaktion militärischer Akteure mit zivilen Akteuren, um die militärische Auftragserfüllung und das Erreichen gemeinsamer, ziviler und militärischer Ziele im Rahmen der gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge zu fördern. 12 Vgl. Paul, Michael: CIMIC am Beispiel des ISAF-Einsatzes, Berlin 2008, S. 11. Die Rolle der Zivilbevölkerung in heutigen Konflikten 121 scher Geheimhaltung ist dabei eine stete Herausforderung und ein Prozess im realen Einsatz, der der weiteren Ausgestaltung bedarf und in der realen Umsetzung noch problembehaftet ist (Stichwort: „Dare to Share“). Die Unterstützung ziviler nationaler und internationaler Akteure und deren Umfeld erfolgt stets nur im Ausnahmefall unter subsidiärer Anforderung, unter Beachtung der Vorgaben des Gastlandes und der Entwicklungskonzepte der Geberländer sowie der Zielvorstellungen nationaler und internationaler Institutionen und zielt auch darauf ab, die Akzeptanz der Streitkräfte in der Bevölkerung zu erhöhen und somit die Auftragserfüllung der Truppe zu erleichtern.13 Als einer der Sensoren zum zivilen Umfeld berät CIMIC so den militärischen Führer hinsichtlich der Möglichkeiten des Handelns „aus der zivilen Warte“ heraus und bringt dabei politische, ökonomische, kulturelle sowie soziale Faktoren in den militärischen Entscheidungsprozess ein. Es ist Teil der CIMIC-Auswertung, die je nach Lage nötigen Maßnahmen durch Berücksichtigung der Faktoren Kräfte, Zeit und Raumsowie ggf. weiterer Daten zu ordnen und in ihren zivilen Auswirkungen auf den militärischen Auftrag zu bewerten.14 Diese Daten können durch Nutzung vorhandener Reachback- Fähigkeiten (permanente Verfügbarkeit eines Expertennetzwerkes auch in Deutschland) auftragsorientiert noch differenzierter ausgestaltet werden. CIMIC ist auf militärischer Seite der wesentliche Baustein, der die wirkungsvolle und umfassende militärische Teilhabe am politischen Gesamtkonzept zur Wiederherstellung von Stabilität ermöglicht. Ein angemessenes, hinsichtlich der quantitativen Anteile der Feldkräfte und Stabsangehörigen, ausbalanciertes CIMIC-Kräftedispositiv ist dabei ein die Leistungsfähigkeit von CIMIC erheblich beeinflussendes Momentum. 2. CIMIC im Auslandseinsatz, Schwerpunkt: ISAF In der Praxis des Auslandseinsatzes hat das deutsche CIMIC nachgewiesen, dass es in seinen Kernfunktionen auch bei fluiden Sicherheitslagen in einer Stabilisierungsoperation (in Nordafghanistan im ISAF-Einsatz unter COIN- Bedingungen) einen wichtigen Beitrag zum Erstellen des zivilen Lagebildes für den jeweiligen militärischen Kommandeur leisten kann; insbesondere im ____________________ 13 Vgl. Paul, Michael: CIMIC am Beispiel des ISAF-Einsatzes, Berlin 2008, S. 12; vgl. NATO Standardization Agency (Hrsg.): NATO Standard AJP-3.4.9. Allied Joint Doctrine for Civil-military Cooperation, Edition A Version 1, Abs. 0204, b. (6), (7), February 2013. 14 Vgl. Paul, CIMIC am Beispiel des ISAF-Einsatzes, S. 12. Helge Rücker 122 urbanen Umfeld als einer der vorrangig zukünftig zu erwartenden Einsatzräume der Bundeswehr ist CIMIC als militärisches Verbindungsglied zum zivilen Umfeld unverzichtbarer Bestandteil im militärischen Kräftedispositiv. Die Qualität der Ergebnisse ist dabei stets auch abhängig von der Anzahl der eingesetzten CIMIC-Soldaten sowohl in der Informationssammlung in der Fläche (Feldkräfte) als auch in der Auswertung und Bereitstellung für den Entscheidungsprozess auf Stabsebene. Selbst wenn die Relation von verfügbarer Truppe zur Fläche des Einsatzraumes nicht überbewertet werden sollte, so kann durchaus konstatiert werden, dass diese Relation beim ISAF-Einsatz in Nordafghanistan sicherlich aus Sicht der Fachaufgabe Deutsches CIMIC nicht optimal war. Hier stellte sich das Kräftedispositiv CIMIC im Kosovo deutlich günstiger dar.15 Seit 2012 hat sich für CIMIC im Auslandseinsatz im Rahmen der zunehmend auf das jeweilige deutsche Einsatzkontingent forcierten Aufgabe des „Train, Assist, Advice“ (TAA) ein neues Aufgabenfeld aufgetan: die Ausbildung von CIMIC-Soldaten der einheimischen Armee des Gastlandes. Beispielhaft hierfür sind die CIMIC-Ausbildung von Angehörigen der Afghan National Army (ANA) – seit 2012 unter der Leitung des Regional Command North (RC N) in Nordafghanistan eingeführt und mittlerweile in verschiedensten Ausprägungen afghanistanweit in der Implementierung befindlich – sowie die CIMIC-Ausbildung somalischer Soldaten im Rahmen des EUTSOM- Trainings (European Training Mission for Somalia) in Uganda.16 Inhaltlich werden dabei stets die drei Kernfunktionen von CIMIC abgebildet; die Herausforderung für das deutsche CIMIC-Lehrpersonal ist dabei die tatsächliche Akzeptanz der kulturellen Besonderheiten des jeweiligen „Auszubildenden“ (hier ist der Begriff „interkulturelle Kompetenz“ kein Schlagwort, sondern zu praktizierende Notwendigkeit im Rahmen der erfolgreichen Auftragserfüllung). So müssen unter Umständen zu eigenen Vorstellungen abweichende Herangehensweisen und Umsetzungen des vermittelten Lehrstoffes akzeptiert und bei zukünftigen Ausbildungen berücksichtigt werden. ANA CIMIC wird in seiner Anwendung und Umsetzung stets vom deutschen CIMIC abweichen! Insgesamt wird so in der Stabilisierungsoperation, aber auch unter COIN- Bedingungen, dem Aspekt Rechnung getragen, dass eine einheimische Armee auch aus Gründen der Verankerung im Heimatland und der zu erwartenden ____________________ 15 Vgl. Paul, CIMIC am Beispiel des ISAF-Einsatzes, S. 15, S. 18; siehe dazu auch Noetzel, Timo/Zapfe, Martin: „Aufstandsbekämpfung als Auftrag“, Mai 2008, www.ssoar.info, (27.03.2015). 16 Beginn und Ende der deutschen CIMIC-Beteiligung an dieser Ausbildungsmission war vorerst in 2013. Die Rolle der Zivilbevölkerung in heutigen Konflikten 123 stärkeren Akzeptanz durch die einheimische Bevölkerung die nötigen Aufgaben zur Herstellung eines nachhaltig positiven Sicherheitsumfeldes als Voraussetzung für eine Stabilisierung insgesamt effektiver und die eigene Kultur besser beachtend ausführen können, als dies ausländische Kräfte auch bei höchster interkultureller Befähigung je leisten könnten. Auch ist die Zusammenarbeit mit den jeweiligen (inter-)nationalen Hilfsorganisationen und staatlichen (inter-)nationalen Organisationen Bestandteil des zu vermittelnden Lernstoffs, um so die langfristige Stabilisierung und den Wiederaufbau von der Anwesenheit ausländischer Truppen unabhängiger und nachhaltiger gestaltbar zu machen; anders formuliert: Es wird einem möglichen Hospitalisierungseffekt entgegengewirkt – die Gewöhnung an Abhängigkeiten und die Förderung der Eigenverantwortung wird so gesteigert. Außerdem bestehen für einheimische Truppen in der Regel weniger, vornehmlich dem Schutz eigener Kräfte dienende, restriktive Selbstverpflichtungen, die es einheimischen CI- MIC-Soldaten ermöglichen, in sämtliche geographischen Räume ihres Landes zu gehen, um dort die Kernfunktionen von CIMIC zu erfüllen. Erfahrungen der ANA aus eigenen Operationen im RC N beweisen die grundsätzliche Richtigkeit dieses Ansatzes. 3. Zusammenfassung Das zivile Umfeld ist insgesamt im Einsatzraum unter den kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und sonstigen (auch medialen) Bedingungen im 21. Jahrhundert einer der durch den militärischen Führer zu berücksichtigenden, wesentlichen Schlüsselfaktoren für das eigene Handeln. Daraus folgt, dass „interkulturelle Kompetenz“ eine der Kernanforderungen an die Streitkräfte ist und auf den jeweiligen Einsatzraum bezogene Aspekte wie Religion, Ethnien, Kultur, lebensnotwendige Infrastruktur, Versorgung im weitesten Sinne, Wirtschaft, Sicherheitsgefühl etc. beinhaltet, die noch stärker als in vergangenen Jahrhunderten vom Militär im Rahmen eigener Planungen berücksichtigt werden müssen. CIMIC ist dabei ein besonders wichtiges militärisches Tool in der Hand des militärischen Führers, denn CIMIC leistet in seinen drei Kernfunktionen der Gestaltung der Zivil-Militärischen Beziehungen, der Unterstützung ziviler nationaler und internationaler Akteure und deren Umfeld sowie der Unterstützung der eigenen Operationsführung einen wesentlichen Beitrag zur erfolgreichen Auftragserfüllung in der ressortübergreifenden Stabilisierung (auch unter COIN-Bedingungen). CIMIC wird sicherlich noch weiter an Bedeutung gewinnen, da Stabilisierungseinsätze gerade auch unter COIN mit der Bevölkerung als ein Schlüsselelement im urbanen Umfeld voraussichtlich auch künftig aus deutscher Sicht stets multinational und ressort- Helge Rücker 124 übergreifend angelegt sein werden. Gegenseitiger Respekt, vorurteilsfreie Diskussionen und der Wille, gemeinsam zum Erfolg zu kommen, sind entscheidend. Unterschiedliche Sichtweisen, Kulturen und Eigenwilligkeiten der Partner müssen in der Vorbereitung noch intensiver diskutiert werden; gemeinsame Übungen bilden dabei den Abschluss und den Höhepunkt. Alles basiert auf einer gemeinsamen Informationsgrundlage. Dies erfordert vom Militär ein neues Denken – zum Austausch von Informationen im Allgemeinen und mit Blick auf vorhandene Sicherheitsregularien im Besonderen. Das Militär wird sich künftig noch mehr öffnen müssen; der „Zaun“, der durchaus auch eine abschreckende Wirkung hat, muss geöffnet werden und ein Eingang zu erkennen sein. Genau dort wird CIMIC auch in Zukunft die Rolle des Vermittlers einnehmen. Informationsaustausch ist ein Element für eine besser entwickelte Zusammenarbeit. Wenn ein Netzwerk für eine Mission aufgebaut wird, muss vor allem das Militär sich möglichst transparent zeigen. Das Militär wird auch die Bereitschaft verstärkt unter Beweis zu stellen haben, zurücktreten zu können und zu akzeptieren, dass zivile Partner in sehr vielen Bereichen größere Kompetenz und damit einen berechtigten Führungsanspruch besitzen. Es muss einen Paradigmenwechsel vornehmen hin zu der Bereitschaft – ggf. auch dem Wagnis – zur Weitergabe bzw. Teilung von Informationen („Dare to Share“). Ein ziviles Umfeld sowie die Vernetzung desselben benötigt Zeit, um Strukturen und Prozesse zu verstehen und sich in sie einzuarbeiten. Dies kann im Einzelfall im Gegensatz zu klaren militärischen Strukturen und Prozessen stehen, aber: Wer einen Comprehensive Approach in die Praxis umsetzen möchte, muss auch comprehensive trainieren und leben. Das Zentrum „Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Bundeswehr“ (ZentrZMZBw) in Nienburg/Weser ist der Motor dieser weiteren Entwicklung in der Bundeswehr. Auch im Bereich des TAA hat das deutsche CIMIC seinen Nutzen im Rahmen der militärischen Auftragserfüllung real in den bisherigen Auslandseinsätzen bereits nachweisen können. Wenig zielführend wäre es, CIMIC nicht im Rahmen von Stabilisierungsoperationen unter seinem (aus den Kernfunktionen herleitbaren), bislang in keiner Weisung oder Vorschrift so formulierten Motto „Wir verstehen Zivil“, in einem der Auftragserfüllung angemessenen Kräftedispositiv einzusetzen. Die Rolle der Zivilbevölkerung in heutigen Konflikten 125 Literatur BMVg (Hrsg.): Heeresdienstvorschrift 100/100, Truppenführung von Landstreitkräften, Berlin November 2007, (VS – nfD, nicht öffentlich). Headquarters Department of the Army: Tactics in Counterinsurgency, Washington, D.C. März 2009, http://fas.org/irp/doddir/army/fmi3-24-2.pdf, (27.03.2015). NATO Standardization Agency (Hrsg.): AJP-3.4.9, Allied Joint Doctrine for Civil-Military Cooperation, Edition A Version 1 Abs. 0101–0108, February 2013. Noetzel, Timo/Zapfe, Martin: „Aufstandsbekämpfung als Auftrag“, Mai 2008, http:// www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/24882/ssoar-2008-noetzel_et_alaufstandsbekampfung_als_auftrag.pdf?sequence=1, (27.03.2015). Paul, Michael: CIMIC am Beispiel des ISAF-Einsatzes, Berlin November 2008. Pradetto, August: „Studien zur Internationalen Politik“, Heft 2/2011, Hamburg Juni 2011. United States Headquarters Department of the Army (Hrsg.): The U.S. Army/Marine Corps Counterinsurgency Field Manual: U.S. Army Field Manual No. 3-24: Marine Corps Warfighting Publication No. 3-33.5, December 2006, https://fas.org/irp/doddir/army /fm3-24.pdf, (27.03.2015). Zambernardi, Lorenzo: Counterinsurgency´s Impossible Trilemma, in: The Washington Quarterly, 33:3, 2010, S. 21–24.

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Zusammenfassung

Der Stabilisierungseinsatz in Afghanistan hat die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik so nachhaltig geprägt wie kein internationales Engagement zuvor. Der deutsche Beitrag zum Wiederaufbau des Landes war dabei von einem gesamtstaatlichen Ansatz geprägt, bei dem Sicherheit und Entwicklung ineinandergreifen sollten. Die Realität im Einsatzland stellte die deutschen Soldaten, Diplomaten, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder jedoch vor enorme Herausforderungen.

Das Ende des Mandats der internationalen Schutztruppe ISAF zum Jahreswechsel 2015 gibt Anlass, die hier gewonnenen Erfahrungen und Lehren der unterschiedlichen zivilen und militärischen Akteure festzuhalten. Vor dem Hintergrund einer bestenfalls gemischten Erfolgsbilanz, aber auch angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte an den Rändern Europas, ist eine solche Aufarbeitung des Einsatzes von außerordentlicher Relevanz.

Der Sammelband bringt eine einzigartige Vielfalt an Perspektiven von einsatzerfahrenen militärischen und zivilen Führungskräften zusammen. Abgerundet wird das Bild durch Analysen der strategischen Konzepte, die den Einsatz prägten, der Perspektive aus den einzelnen Bundesministerien sowie der persönlichen Bilanz von bedeutenden politischen Entscheidungsträgern.

Mit Beiträgen von: Phillip Ackermann, Hans-Peter Bartels, Jörg Bentmann, Christian von Blumröder, Marcel Bohnert, Axel Dohmen, Udo Ewertz, Dirk Freudenberg, Hans-Werner Fritz, Axel Gablik, Dorothea Gieselmann, Volker Halbauer, Stefan Hansen, Jannis Jost, Bruno Kasdorf, Joachim Krause, Wolfgang Lauenroth, Winfried Nachtwei, John A. Nagl, Stefan Oswald, Wolf Plesmann, Hans-Joachim Ruff-Stahl, Helge Rücker, Marcus Schaper, Ulrich Schlie, Björn Schreiber, Robin Schroeder, Hendrik Staigis, Gerald Stöter, Christine Toetzke, Christopher Urbas, Florian Wätzel und Matthias Weber.