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Christian von Blumröder, Shape, Clear, Hold, Build – Die Operation HALMAZAG des Ausbildungs- und Schutzbataillons Kunduz in:

Robin Schroeder, Stefan Hansen (Ed.)

Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe, page 233 - 244

Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN)

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-0690-7, ISBN online: 978-3-8452-4901-8, https://doi.org/10.5771/9783845249018-233

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233 Kapitel 15 Shape, Clear, Hold, Build – Die Operation HALMA- ZAG des Ausbildungs- und Schutzbataillons Kunduz Christian von Blumröder Vom 31. Oktober bis zum 3. November 2010 führten afghanische Sicherheitskräfte zusammen mit deutschen, amerikanischen und belgischen ISAF- Truppen nahe Kunduz die Operation HALMAZAG durch. Dabei gelang es ihnen, die Aufständischen aus weiten Teilen des westlich von Kunduz gelegenen Char Darah-Tales zu vertreiben und so die Voraussetzungen für zahlreiche Entwicklungsprojekte in der Region zu schaffen. Dieser Beitrag zeichnet das Geschehen auf der taktischen Ebene aus Sicht des deutschen Ausbildungs- und Schutzbataillons Kunduz nach, das zusammen mit einem Bataillon der afghanischen Armee (Afghan National Army/ANA) den Kern der Operation bildete. 1. Die Situation in Kunduz und im Char Darah-Tal im Sommer 2010 Die circa 125.000 Einwohner zählende Provinzhauptstadt Kunduz im Nordosten Afghanistans liegt an einer wichtigen Verbindungsstraße nach Tadschikistan und hat sowohl der Provinz, als auch dem westlich von ihr vorbei fließenden Kunduz-Fluß ihren Namen gegeben. Während im Jahr 2010 in der Stadt mehrheitlich Angehörige der tadschikischen und der usbekischen Volksgruppe wohnten, war das westlich der Stadt liegende, ländlich geprägte Char Darah-Tal überwiegend von Paschtunen besiedelt. Diese nutzten den durch das Tal mäandernden Kunduz-Fluss mit einem engen Netz aus kleinen Kanälen geschickt zur Bewässerung ihrer Felder. Die Verbindungsstraße Mazar-e Sharif–Kunduz, von den ISAF-Kräften damals als „Kamins“ bezeichnet, teilt das Char Darah-Tal in einen nördlichen und in einen südlichen Bereich. Südlich der „Kamins“ erreicht es eine Länge von etwa 25 km, verjüngt sich nach Süden hin und ist im Durchschnitt 5 km breit. Zwei Wüstenhochplateaus, die sogenannte „Westplatte“, auf der sich die Stadt Kunduz befindet, und die „Ostplatte“ rahmen mit ihren circa 30 m hohen, steilen Abbruchkanten das Tal ein und sind von dort nur über wenige Auffahrten zu erreichen. Im Tal wechseln sich Dörfer mit intensiv bewässerten und daher oft selbst für Kettenfahrzeuge nicht befahrbaren Feldern sowie mit Baum- bzw. Buschgruppen ab. In unre- Christian von Blumröder 234 gelmäßigen Abständen befinden sich entlang der das Tal durchziehenden Straße etwa 15 Meter hohe Erdhügel. Zwei dieser Hügel, die sich circa zwei, bzw. drei km südlich der „Kamins“ befinden, haben die ISAF-Truppen „Höhe 431“ und „Höhe 432“ genannt. Die ersten deutschen Soldaten kamen 2004 nach Kunduz. Nachdem die Lage in und um die Stadt zunächst sehr ruhig geblieben war, verschärfte sich ab 2007 die Sicherheitssituation zunehmend. ISAF-Patrouillen wurden angegriffen und auch das deutsche Feldlager wurde mit Raketen beschossen. Der Distrikt Char Darah wurde zu einem der Rückzugsräume der zunehmend offensiver auftretenden Aufständischen. Das Gefecht am Karfreitag 2010 markierte einen Höhepunkt der Gewalt gegen die deutschen ISAF-Kräfte. In der zum südlichen Teil des Char Darah-Tales gehörenden Ortschaft Isa Khel geriet eine deutsche Patrouille in einen Hinterhalt der Aufständischen. Drei deutsche Fallschirmjäger fielen, mehrere Soldaten wurden zum Teil schwer verwundet. Ein durch einen Sprengsatz beschädigtes Gefechtsfahrzeug musste unbrauchbar gemacht und in Isa Khel zurückgelassen werden. In der Folge nahmen die Angriffe der Aufständischen immer weiter zu. Aus dem südlichen Char Darah-Tal heraus feuerten sie häufig Raketen auf das ISAF-Feldlager Kunduz ab und Luftfahrzeuge, die den Flughafen von Kunduz ansteuerten, mussten damit rechnen, mit Panzerfäusten (RPG) beschossen zu werden. Im Juni 2010 kontrollierten die Aufständischen schließlich das Char Darah-Tal mit Ausnahme eines Korridors, der einen Kilometer nördlich und drei Kilometer südlich der „Kamins“ verlief, fast vollständig. Doch auch innerhalb dieses Korridors verübten sie regelmäßig Sprengstoffanschläge auf afghanische Sicherheitskräfte sowie ISAF-Truppen und legten Hinterhalte. Im Schnitt kam es zwei- bis dreimal pro Woche zu solchen Vorfällen. Bei jeder Bewegung eigener Kräfte über den Rand des beschriebenen Korridors hinaus war massiver Feindwiderstand zu erwarten. Von der Zivilbevölkerung unterschieden sich die Aufständischen immer dann besonders deutlich, wenn sie ISAF-Kräfte direkt angriffen. Sie ließen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Einerseits in überwiegend der paschtunischen Volksgruppe angehörende Kämpfer, die aus der Region, teilweise aus dem Char Darah-Tal selbst, stammten und dort lebten sowie anderseits in sogenannte „Foreign Fighters“, die usbekischen, tschetschenischen oder andern Ursprungs waren. Daher fiel es schwer, ihre Anzahl genauer zu beziffern. Auf der Regierungsseite standen den Aufständischen im Raum Kunduz neben paramilitärisch organisierten Polizeikräften ein Infanteriebataillon als Teil einer ANA-Brigade gegenüber, deren Stab und logistische Einheiten in Kunduz stationiert waren. Ein etwa 30 Soldaten starkes belgisches „Operational Monitoring and Liaison Team“ (OMLT) begleitete das ANA-Bataillon, um es auf Bataillons-, Kompanie- und Zugebene auszubilden. Shape, Clear, Hold, Build – Die Operation HALMAZAG 235 Am 1. August 2010 stellte der deutsche Kommandeur des Regional Command North (RC North), Generalmajor Fritz, das Ausbildungs- und Schutzbataillon Kunduz in Dienst. Diese Bezeichnung war im internationalen Umfeld schwer übersetzbar, weshalb der Verband den Namen „Task Force Kunduz“ erhielt. Der Kern seiner Kräfte entstammte dem Fallschirmjägerbataillon 313 aus dem niedersächsischen Seedorf, das auch für die Aufstellung des Gefechtsverbandes verantwortlich war. Die Task Force Kunduz bestand aus zwei Infanteriekompanien, einer Aufklärungskompanie sowie aus einer Panzerpionierkompanie. Zum Bataillon gehörten ferner drei Panzerhaubitzen 2000, Drohnen und JOINT FIRE-Teams, die auf die Koordinierung der Luft- und Steilfeuerunterstützung spezialisiert waren. Eine Sanitätskompanie unterstützte die Task Force Kunduz mit Ärzten und Rettungstrupps, die die Kampftruppe z.B. bei Patrouillen begleiteten. Auch Spezialisten für operative Information und für zivil-militärische Zusammenarbeit gehörten der Task Force Kunduz an. Vor dem Beginn des Einsatzes gelang es nur einmal, einen großen Teil der Task Force Kunduz im Gefechtsübungszentrum des Heeres gemeinsam üben zu lassen – was sich als besonders effektiv herausstellen sollte. Der Verantwortungsbereich der deutschen Task Force Kunduz im südlichen Teil des Distrikts Char Darah überschnitt sich mit dem eines US-amerikanische Infanteriebataillons, dass seit April 2010 ebenfalls in Kunduz stationiert war, dessen Kräfte jedoch auch in anderen Distrikten eingesetzt waren. Auch Spezialkräfte führten im Raum Kunduz/Char Darah regelmäßig Operationen durch. 2. Die „SHAPE“-Phase bis Ende Oktober Am Tage ihrer Indienststellung übernahm die Task Force Kunduz die sogenannte „Raumverantwortung“. Diese umfasste die ständige Präsenz mit einer Infanteriekompanie im an der „Kamins“ gelegenen Polizeihauptquartier (PHQ) des Distrikts Char Darah sowie auf den südlich des PHQ gelegenen Höhen 431 und 432. Darüber hinaus lautete der Auftrag für die Task Force Kunduz, im Rahmen des „Partnering“-Konzeptes mit der ANA gemeinsame Ausbildungen und Operationen durchzuführen. Ferner war dem Verband aufgegeben, sich ein möglichst genaues Bild der Feindlage und der zivilen Lage im südlichen Teil von Char Darah zu verschaffen (in der COIN-Doktrin „Shape“-Phase genannt) um so eine „Clear„-Operation vorzubereiten, mit der die Aufständischen aus dem Gebiet vertrieben werden sollten. Die Task Force Kunduz setzte diese Vorgaben konsequent um, indem sie mit kampfstarken Patrouillen, die möglichst durch afghanische Sicherheitskräfte unterstützt wurden, an den Rändern des entlang der „Kamins“ verlaufenden Korridors und auch auf der Westplatte Aufklärungsoperationen durch- Christian von Blumröder 236 führte. Diese Patrouillen drangen auch immer wieder auf das durch die Aufständischen kontrollierte Gebiet vor. Dabei kam es häufig zu Feuergefechten, in denen die eigenen Kräfte meist rasch die Feuerüberlegenheit erlangten. Dieses offensive, mit den US-amerikanischen Kräften in diesem Gebiet eng abgestimmte Vorgehen verunsicherte die Aufständischen, bis diese Hinterhalte im Zuge der „Kamins“ schließlich ganz einstellten, während sie jedoch weiterhin improvisierte Sprengsätze, wenn auch in abnehmender Zahl, dort vergruben. Für Operationen, bei denen Berührungen mit der Zivilbevölkerung zu erwarten waren, herrschte bei der Task Force Kunduz die klare Vorgabe, die Beteiligung afghanischer Sicherheitskräfte vorzusehen, was zunächst mangels Verfügbarkeit der ANA vornehmlich mit der Afghan National Police (ANP) erfolgte. Die Parlamentswahlen am 18. September boten eine erste Möglichkeit mit der ANA zusammen zu arbeiten, doch es zeigte sich, dass es im Vorfeld gemeinsamer Operationen dringend erforderlich war, zunächst eine solide Basis gegenseitigen Vertrauens zu schaffen. Deshalb suchte die Task Force Kunduz die Verbindung zur ANA auf allen möglichen Kanälen: Die Sanitätskompanie führte Weiterbildungen bei der Sanitätseinheit der ANA durch, der Führer des Artilleriegeschützzuges der Task Force Kunduz nahm Verbindung mit der Steilfeuereinheit der ANA auf und Pioniere unterstützten die ANA bei infrastrukturellen Maßnahmen. Bereits im September war im Zusammenwirken mit den OMLTs eine Checkpoint-Ausbildung mit der ANA durchgeführt worden. Mit Hilfe der OMLT- Mentoren auf Brigade- und Bataillonsebene gelang es, regelmäßige Konsultationen mit dem Kommandeur der ANA-Brigade und dem Bataillonsführer des in Kunduz stationierten ANA-Bataillons herbeizuführen. 3. Planung der Operation „HALMAZAG“ Mitte Oktober kehrte eine für einen Monat in das 80 km südlich von Kunduz gelegene Baghlan entsandte Infanteriekompanie der Task Force nach Kunduz zurück. In Baghlan war ein Kompanieangehöriger bei einem Angriff der Aufständischen gefallen, mehrere Soldaten waren verwundet worden. Trotz dieser Verluste war die Task Force Kunduz mit der Rückkehr der Kompanie wieder vollständig und zu größeren Operationen befähigt. Die Herausforderung bestand nun darin, Operationsmöglichkeiten zu identifizieren, die in nachhaltige, für die Bevölkerung spürbare Entwicklungsfortschritte mündeten und damit auch durch die ANA mitgetragen werden konnten. Der Hinweis des Vertreters des Auswärtigen Amtes (AA) im Provincial Reconstruction Team (PRT) Kunduz auf ein Elektrifizierungsprojekt im südli- Shape, Clear, Hold, Build – Die Operation HALMAZAG 237 chen Char-Darah-Tal ergab einen Ansatzpunkt für eine mögliche Operation dieser Art. Das Projekt war vor einiger Zeit für das circa zwei km südlich der Höhe 432 gelegene Dorf Quatliam, das bereits erwähnte Isa Khel sowie für fünf andere Dörfer geplant worden, konnte bislang aufgrund der schwierigen Sicherheitslage jedoch noch nicht realisiert werden. Aus demselben Grund war auch ein anderes Projekt des Auswärtigen Amtes, nämlich die Befestigung der das Char Darah-Tal durchziehenden und an Quatliam vorbeiführenden Hauptverkehrsader, noch nicht verwirklicht worden. Aus verschiedenen Quellen ging hervor, dass das Dorf Quatliam zwar zum Machtbereich der Aufständischen gehörte, jedoch nicht permanent von diesen besetzt war. Die Bevölkerung des Dorfes, die sich aus verschiedenen Volksgruppen zusammensetze, hatte sich zweimal von radikalen Predigern abgewandt. Mit seiner heterogenen, den Aufständischen gegenüber offenbar kritisch eingestellten Bevölkerung, seiner Nähe zum Einflussbereich der ISAF und der Möglichkeit, hier rasch Entwicklungsprojekte umzusetzen, bot Quatliam eine gute Basis für eine Operation. Diese sollte zum Ziel haben, ein Dorf dauerhaft aus dem Machtbereich der Aufständischen herauszulösen. Unmittelbar nach der Einnahme des Dorfes sollten dort unter maßgeblicher Initiative des Auswärtigen Amtes sichtbare Entwicklungsprojekte gestartet werden, die auch auf die umliegenden Dörfer ausstrahlen und damit den Einfluss der Aufständischen schwächen würden. Bei den Entwicklungsprojekten handelte es sich um die Elektrifizierung des Ortes sowie um die Asphaltierung der Verbindungsstraße nach Kunduz. Entscheidend für einen möglichen Erfolg war jedoch die Bereitschaft der afghanischen Sicherheitskräfte, sich in eine solche Operation einzubringen und an der Sicherung des dann gewonnenen Raumes zu beteiligen, bzw. diese in absehbarer Zeit selbst zu übernehmen. Während der Konsultationen mit dem ANA-Brigadekommandeur und dem Führer des ANA-Bataillons, der sich durch seine sechsjährige Tätigkeit als Kompaniechef mit den Interessenslagen und Machtverhältnissen im Char Darah bestens auskannte, wurden die Entwicklungsprojekte des AA erwähnt und trafen auf starkes Interesse des sonst Operationen gegenüber zurückhaltenden ANA-Brigadekommandeurs. Während einer intensiven Erörterung der Lage bestätigte und ergänzte der ANA-Bataillonsführer die über Quatliam und Isa Khel vorliegenden Informationen und es konnte Einigkeit über die Durchführung einer gemeinsamen Operation erzielt werden. Diese wurde bei mehreren Folgetreffen ausgeplant, bei denen der Umgang miteinander zunehmend informeller wurde und auch außermilitärische Themen diskutiert wurden. Selbstverständlich nahm der Führer des belgischen OMLTs an den Zusammenkünften immer teil. In der Planung der Operation stimmte sich die Task Force Kunduz nicht nur mit den afghanischen, sondern auch mit den amerikanischen Partnern eng ab. Christian von Blumröder 238 Parallel zu diesen Planungen war es dem neu eingesetzten, äußerst charismatischen Polizeichef von Kunduz gelungen, die Front der Aufständischen im südlichen Teil des Char Darah-Tales aufzubrechen und diese teilweise sogar zum Wechsel auf die Regierungsseite zu bewegen. Bei den „Überläufern“ spielte sicher auch die Angst vor dem zunehmenden Druck durch US- Spezialkräfte eine Rolle. Ende Oktober beabsichtigte der Polizeichef nun mit seinen – durch eine Kompanie der US-Gebirgsjäger unterstützten – Kräften sowie mit Überläufern von Süden (Rahmat Bay) aus nach Norden in Richtung der „Kamins“ und Quatliam anzutreten, um das Gebiet zu befreien. Die in Kunduz ansässigen Kommandeure der afghanischen Sicherheitskräfte und der ISAF-Verbände kamen überein, beide Operationen, also einerseits den Ansatz der Task Force Kunduz mit dem ANA-Bataillon aus dem Norden in Richtung Süden auf Quatliam und andererseits den Angriff der afghanischen Polizei mit ihren Unterstützungskräften von Süd nach Nord, zeitlich zu synchronisieren. Als gemeinsamer Operationsbeginn wurde der 31. Oktober vereinbart. Das Vorgehen der Task Force Kunduz auf Quatliam sollte mit zwei ANA- Kompanien und einer deutschen Kompanie von der Höhe 432 aus „Schulter an Schulter“ durchgeführt werden. Die relativ gerade von Nord nach Süd verlaufende Dorfstraße trennte Quatliam in den westlichen, größeren und dichter besiedelten Teil und in den östlichen, kleineren und durch vier Gehöftegruppen gekennzeichneten Teil. Der afghanische Bataillonsführer regte an, den bevölkerungsreicheren, westlichen Teil der Ortschaft durch ANA-Kräfte besetzen zu lassen. Dies hatte den Vorteil, dass die Masse der Dorfbevölkerung während der Operation zunächst nur auf afghanische Soldaten treffen und dadurch vermutlich schneller Vertrauen fassen würde. Für die deutsche Kompanie bedeutete der Einsatz östlich der Dorfstraße allerdings ein tendenziell größeres Risiko, da die Hauptbedrohung aller Wahrscheinlichkeit nach aus Isa Khel und allgemein östlicher Richtung kommen würde. In der Abwägung wurde dieser Ansatz jedoch gewählt, da zum einen die Kompanie der Task Force Kunduz sehr kampfkräftig war und zum anderen die Unterstützung der Bevölkerung den Kern der Operation bildete. Es war absehbar, dass eine Operation gegen den Willen der Bevölkerung auf Dauer scheitern würde. Daher lag der Schwerpunkt für die erste Phase der Operation auf beiden, auf den westlichen Teil der Ortschaft ansetzenden ANA-Kompanien. Die gut sichtbare Dorfstraße bildete die Grenze zwischen den parallel vorrückenden deutschen und afghanischen Einheiten. Eine direkte Kommunikation mit der ANA war aufgrund der Sprachbarriere nicht möglich. Dieses Hindernis konnte jedoch durch das belgische OMLT beseitigt werden, das die ANA auf den verschiedenen Führungsebenen mit der Unterstützung von Sprachmittlern begleitete und über Funk mit der Task Force Kunduz verbun- Shape, Clear, Hold, Build – Die Operation HALMAZAG 239 den war. Ein belgischer Verbindungsoffizier saß in der Operationszentrale der Task Force Kunduz, deren Kommandeur sich zudem fast durchgehend zusammen mit dem Führer des belgischen OMLTs und dem afghanischen Bataillonsführer bewegte. Das belgische OMLT garantierte jederzeit, dass sowohl bei Afghanen, als auch bei Deutschen, ein vollständiges Bild über die Lage des jeweiligen Nachbarn vorhanden war. Das amerikanische Infanteriebataillon unterstützte die Task Force Kunduz während der Operation „Halmazag“ mit einer verminderten Kompanie, die zusammen mit 50 afghanischen Polizisten die linke Flanke der auf Quatliam vorgehenden deutsch-afghanischen Kräfte in Richtung der Ortschaft Isa Kehl schützen sollten. Darüber hinaus planten die Amerikaner zusammen mit afghanischen Polizisten das Ostufer des Kunduzflusses zu überwachen, um mögliche Unterstützungsleistungen für die Aufständischen von dort zu unterbinden. Der Operationsplan sah ferner vor, dass Panzerpioniere nach Einnahme der Ortschaft in deren unmittelbarer Nähe zügig einen befestigten Stützpunkt, also einen sogenannten „Combat Outpost“ errichten sollten. Diese Maßnahme sollte den Weg in die Zeit nach Abschluss der eigentlichen Operation weisen, denn von diesem neuen Combat Outpost aus sollten sowohl deutsche als auch afghanische Sicherheitskräfte den neu gewonnenen Raum überwachen und damit Bevölkerung und Aufständischen demonstrieren, dass sie gewillt waren, dauerhaft in dem Raum zu bleiben. Über diese Planungen sollte die Bevölkerung Quatliams nach Erreichen des Dorfes im Rahmen eines sogenannten „Key Leader Engagements“ so schnell wie möglich informiert werden. Dabei war klar, dass eine Operation dieser Größenordnung und mit einer so großen Zahl an Mitwissern bereits im Vorfeld eine gewisse Bekanntheit erlangen würde. Drei Tage vor Operationsbeginn legte die Task Force Kunduz den Operationsplan beim RC North zur Genehmigung vor. Dieser Plan enthielt auch die Anforderungen wichtiger Unterstützungsmittel, wie Minenräumkräfte und die Luftunterstützung durch Strahlflugzeuge bzw. Kampfhubschrauber. Nach Genehmigung des Operationsplans wurde im Feldlager Kunduz die multinationale Befehlsausgabe durchgeführt, die eine Zusammenfassung der gemeinsamen deutsch-afghanisch-amerikanisch-belgischen Planung sowie ein aktualisiertes Feindlagebild umfasste. Parallel zur operativen Planung hatte das PRT Kunduz die Vorbereitungen für die beiden wesentlichen Entwicklungsprojekte (Anschluss an die Stromversorgung und Teerung der durch das Char Darah-Tal führenden Straße) so weit vorangetrieben, dass die Umsetzung praktisch auf Abruf erfolgen konnte. Christian von Blumröder 240 4. CLEAR, HOLD and BUILD: Durchführung und Folgen der Operation HALMAZAG Unterstützt von tief fliegenden F-16-Kampfflugzeugen (Show of Force) und später durch ein Air Weapons Team (AWT) mit Apache-Kampfhubschraubern begann die Operation „Halmazag“ am frühen Morgen des 31. Oktober. Dabei gingen die beiden ANA-Kompanien, begleitet vom belgischen OMLT, zu Fuß wie geplant auf den Westteil Quatliams vor, dicht gefolgt von den Kommandeuren der Task Force Kunduz und des belgischen OMLTs, die sich regelmä- ßig mit dem Bataillonsführer des ANA-Bataillons abstimmten. Im Zuge der Straße ging die deutsche Infanteriekompanie mit einer amerikanischen Minenräumeinheit vor. Diese löste während des Angriffs zwei improvisierte Sprengsätze aus. Weitere Sprengsätze trafen später zwei deutsche Schützenpanzer, die zwar zu Beschädigungen, bei den Besatzungen aber lediglich zu Knalltraumen führte. Bis 14.00 Uhr hatten alle Kompanien ihre geplanten Stellungen sowohl in Quatliam als auch in Isa Khel erreicht und waren dabei nur vereinzelt beschossen worden. Offenbar fürchteten die Aufständischen von der angreifenden Übermacht überrollt zu werden. Aus verschiedensten Quellen wurde jedoch deutlich, dass sich der Feind in den umliegenden Dörfern sammelte und weitere Angriffe unmittelbar bevorstanden. Wenig später wurde die deutsche Infanteriekompanie tatsächlich massiv von Osten unter Feuer genommen, das durch die verfügbaren Waffen nicht zum Schweigen gebracht werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt stand keine Luftunterstützung zur Verfügung. Ein Ausweichen hätte die eigenen Kräfte zusätzlich gefährdet, sodass Aufständische in Stellungen außerhalb von Ortschaften mit Artillerie bekämpft wurden. Ungeachtet dieses Artillerieeinsatzes setzten die Aufständischen unter Nutzung aller ihnen zur Verfügung stehenden Waffen, wie Mörsern, Granatmaschinenwaffen und rückstoßfreien Geschützen ihre Angriffe weiter fort und griffen auch Positionen der Task Force Kunduz vier Kilometer nördlich von Quatliam sowie die Stellungen der Amerikaner in Isa Khel an. Es gelang dem Gegner jedoch nicht, in die eigenen Stellungen einzubrechen. Die Kommandeure der Task Force Kunduz und des belgischen OMLTs richteten ihre Befehlsstellen in unmittelbarer Nähe des Gefechtsstandes des ANA-Bataillonsführers im Süden Quatliams ein und trafen mit diesem präzise Absprachen für die Nacht, um „Friendly Fire“, also versehentlichen gegenseitigen Beschuss, auszuschließen. Noch am Sonntag hatte der afghanische Bataillonsführer Verbindung mit den Dorfältesten von Quatliam aufgenommen und eine „Schura“, also eine Besprechung, für den Montagmorgen vor der Moschee vereinbart. Die Schura begann pünktlich, nachdem vor der Moschee ein großer Teppich ausgerollt Shape, Clear, Hold, Build – Die Operation HALMAZAG 241 worden war, auf dem man Platz nahm. Zuvor hatten der afghanische, der belgische und der deutsche Kommandeur besprochen, welche Botschaften während der Schura zu vermitteln waren. Es wurde festgelegt, dass der ANA- Bataillonsführer das Wort führen und den Ältesten mitteilen sollte, dass es Ziel dieser Operation sei, zunächst Sicherheit in der Region zu schaffen, um dann Entwicklungsprojekte, wie Stromversorgung und Straßenbau, voranzutreiben. Die Dorfältesten gaben sich zunächst zurückhaltend, bekundeten allerdings lebhaftes Interesse am Anschluss an die Stromversorgung und erklärten sich schließlich dazu bereit, mit den Koalitionstruppen zu kooperieren. Sie stimmten auch der Errichtung des Combat Outposts auf einem Feld nahe der Ortschaft zu. Auf entsprechende Nachfragen der Koalitions-Kommandeure bestätigten sie, dass bislang keine zivilen Opfer zu beklagen waren. Parallel zur Schura verteilten Soldaten der Truppe für Operative Information1 in der Ortschaft ISAF-Druckerzeugnisse sowie Jacken und Bälle für Kinder. Bereits während der Schura flammten bei Isa Kehl wieder die ersten Gefechte auf. Dennoch wurde mit dem Bau des inzwischen erkundeten Combat Outposts begonnen. Am späteren Nachmittag weitete der Feind seine Angriffe auf den Osten und den Süden Quatliams aus. Sämtliche seiner Attacken blieben jedoch im zusammengefassten Feuer der Task Force Kunduz, der im Südbereich des Dorfes eingesetzten ANA-Kompanie sowie des belgischen OMLTs liegen. Wieder kamen F-16-Kampfflugzeuge und US-Kampfhubschrauber erfolgreich zum Einsatz. Die deutsche Artillerie bekämpfte unter anderem eine feindliche Mörserstellung. Nach einem beherzt ausgeführten Gegenstoß der deutschen Kompanie und einem Bombenabwurf gegen den aus südlicher Richtung ansetzenden Gegner stellte dieser seine Angriffe am späten Nachmittag ein. Am späten Dienstagmorgen begann eine weitere Schura im Polizeihauptquartier von Char Darah, zu der die afghanischen Sicherheitskräfte eingeladen hatten und an der neben dem Distriktsgouverneuer zahlreiche Vertreter aus den umliegenden Dörfern teilnahmen – auch aus Ortschaften, die im Machtbereich der Aufständischen lagen. Der stellvertretende zivile Leiter des PRT Kunduz (ein Angehöriger des Auswärtigen Amtes) erläuterte dabei die Pläne für die Entwicklung des Distriktes. Einige Teilnehmer der Schura kritisierten die Operation, die meisten zeigten jedoch Interesse an den Entwicklungsplänen. Auch diesmal berichtete niemand von zivilen Opfern. Als die Gefechte wieder begonnen und Detonationen im PHQ deutlich zu vernehmen waren, löste sich die Versammlung auf. ____________________ 1 Siehe dazu auch den Beitrag von Axel Gablik im vorliegenden Band. Christian von Blumröder 242 Erneut versuchte der Gegner mit massivem Mörserbeschuss die bis an den Rand der Erschöpfung arbeitenden Pioniere an den Bauarbeiten für den Combat Outpost zu hindern, doch amerikanische Kampfhubschrauber konnten dieser Bedrohung wirksam begegnen. Am Mittwoch, dem 3. November erfolgte mit dreitägiger Verspätung endlich der von einer amerikanischen Kompanie unterstützte Angriff der afghanischen Polizei und lokaler Kräfte aus Süden und traf nur auf schwachen Feindwiderstand. Unterdessen setzte der Feind seine Angriffe auf Quatliam und das Polizeihauptquartier von Char Darah – mit etwas geringerer Intensität als an den vorangegangenen Tagen – fort. Im Laufe des Tages erreichten die Task Force Kunduz Meldungen der afghanischen Polizei, nach denen zwei Aufständische beim Versuch, unter Burkas einen Checkpoint zu durchbrechen und aus dem Kampfgebiet zu flüchten, getötet worden waren. In Haji Amanulla, einer Hochburg der Aufständischen im südlichen Char Darah wurden 200–300 flüchtende Zivilisten beobachtet. Meldungen, nach denen sich viele Aufständische unter diese Gruppe gemischt hatten, nährten die Vermutung, dass der Gegner mittlerweile erschöpft war und eine Einschließung befürchtete. Am folgenden Donnerstagmorgen verdichteten sich die Informationen, dass die Aufständischen aus dem gesamten Gebiet des südlichen Char Darah geflohen waren. ANA und afghanische Polizei unternahmen Spähtrupps nach Isa Khel und in die Quatliam umgebenden Dörfer. Der ANA-Bataillonsführer, der mit Dorfältesten dieser Orte zusammengetroffen war, berichtete, dass das südliche Char Darah feindfrei sei. Schließlich erreichten die aus Süden vorgedrungenen Kräfte den Südrand von Quatliam. Am frühen Nachmittag fanden sich die lokalen Kommandeure der afghanischen Armee und Polizei sowie der ISAF-Truppen im Polizeihauptquartier von Kunduz ein und besprachen die Aufteilung der Verantwortungsbereiche in dem befreiten Gebiet und das weitere Vorgehen. Dabei standen die Räumung der improvisierten Sprengsätze und die Information der Bevölkerung im Mittelpunkt. Am Abend traf der damalige Bundesminister der Verteidigung in Begleitung des Kommandeurs RC North auf der Westplatte ein und ließ sich in die Lage einweisen. Die folgenden Wochen standen im Zeichen gepartnerter Patrouillen und von Minenräum-Operationen in Isa Khel, Haji Amanulla und anderen Dörfern. Dabei wurden Dutzende Sprengsätze und versteckte Waffenlager, oft durch Hinweise aus der Bevölkerung, entdeckt und geräumt. Das PRT Kunduz nutzte die anhaltende Beruhigung der Lage und die neu gewonnene Bewegungsfreiheit im Distrikt, um Entwicklungsprojekte, wie den Ausbau der Straße, den Anschluss Quatliams und sechs weiterer Dörfer an die Stromversorgung sowie den Bau einer Brücke über den Kunduz-Fluss, voranzutreiben. Die ersten Arbeiten begannen nahezu unmittelbar nach dem Ende der im Zusammenhang mit der Operation HALMAZAG stehenden Kampfhandlungen, Shape, Clear, Hold, Build – Die Operation HALMAZAG 243 da der Vertreter des Auswärtigen Amtes wesentliche Vorbereitungen bereits vor Operationsbeginn eingeleitet hatte. Auch eine Vielzahl anderer Entwicklungsprojekte, wie der Bau von Staumauern, Brunnen usw. konnten in Angriff genommen werden. Mit diesen Aktivitäten wurde der Übergang von der „CLEAR“-Phase zu den nun parallel ablaufenden Phasen „HOLD“ und „BUILD“ vollzogen. Ende Februar 2011 erfolgte der Anschluss an die Stromversorgung, die Arbeiten für die Asphaltierung der Straße wurden im Jahr 2012 beendet. 5. Zusammenfassung und Folgerungen Zwei zivile Hilfsprojekte, der Anschluss des Dorfes Quatliam und sechs weiterer Dörfer an die Stromversorgung sowie der Ausbau der Straße durch das Char Darah-Tal, bildeten den Kern der Operation HALMAZAG. Während der Operation wurde die Bevölkerung bei zwei Schuras über die Zielsetzung der Operation informiert und es wurde durchgehend darauf geachtet, Schäden unter der Zivilbevölkerung auszuschließen. Das Partnering, das zunächst mit Schwierigkeiten begann, bildete die Grundlage des Erfolgs. Mit Hilfe der ANA gelang es, die Verbindung zur Bevölkerung herzustellen, deren Unterstützung und wichtige Informationen über die Aufständischen bzw. über verborgene Sprengsätze zu gewinnen. Das Partnering mit der ANA erforderte zunächst den Aufbau gegenseitigen Vertrauens und zwar immer unter enger Beteiligung der OMLTs auf Brigade- und Bataillonsebene. Hierbei waren Geduld, Engagement, Respekt und Frustrationstoleranz gefragt. Ferner spielten gute Sprachmittler eine wesentliche Rolle, deren Auswahl mit großer Sorgfalt erfolgen sollte. Die Konsequenz der so gewonnenen Vertrauensbasis war die vollständige Einbindung der ANA in alle Phasen der Planung. Idealerweise orientierten sich die Planungen an Ideen der ANA-Führung, sodass die Operation „Halmazag“ in allen Phasen ganz wesentlich eine afghanische Handschrift trug. Neben den Entwicklungsprojekten, die wegen der guten ressortübergreifenden Zusammenarbeit2 sehr zeitnah nach Operationsende begonnen werden konnten, war es wohl auch der entschlossene und erfolgreiche Kampf bei gleichzeitigem Ausschluss von Begleitschäden unter der Zivilbevölkerung, der die afghanischen Partner, die Zivilbevölkerung aber auch den Gegner beeindruckte. ____________________ 2 Siehe dazu auch den Beitrag von Philipp Ackermann und Dorothea Gieselmann im vorliegenden Band.

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References

Zusammenfassung

Der Stabilisierungseinsatz in Afghanistan hat die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik so nachhaltig geprägt wie kein internationales Engagement zuvor. Der deutsche Beitrag zum Wiederaufbau des Landes war dabei von einem gesamtstaatlichen Ansatz geprägt, bei dem Sicherheit und Entwicklung ineinandergreifen sollten. Die Realität im Einsatzland stellte die deutschen Soldaten, Diplomaten, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder jedoch vor enorme Herausforderungen.

Das Ende des Mandats der internationalen Schutztruppe ISAF zum Jahreswechsel 2015 gibt Anlass, die hier gewonnenen Erfahrungen und Lehren der unterschiedlichen zivilen und militärischen Akteure festzuhalten. Vor dem Hintergrund einer bestenfalls gemischten Erfolgsbilanz, aber auch angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte an den Rändern Europas, ist eine solche Aufarbeitung des Einsatzes von außerordentlicher Relevanz.

Der Sammelband bringt eine einzigartige Vielfalt an Perspektiven von einsatzerfahrenen militärischen und zivilen Führungskräften zusammen. Abgerundet wird das Bild durch Analysen der strategischen Konzepte, die den Einsatz prägten, der Perspektive aus den einzelnen Bundesministerien sowie der persönlichen Bilanz von bedeutenden politischen Entscheidungsträgern.

Mit Beiträgen von: Phillip Ackermann, Hans-Peter Bartels, Jörg Bentmann, Christian von Blumröder, Marcel Bohnert, Axel Dohmen, Udo Ewertz, Dirk Freudenberg, Hans-Werner Fritz, Axel Gablik, Dorothea Gieselmann, Volker Halbauer, Stefan Hansen, Jannis Jost, Bruno Kasdorf, Joachim Krause, Wolfgang Lauenroth, Winfried Nachtwei, John A. Nagl, Stefan Oswald, Wolf Plesmann, Hans-Joachim Ruff-Stahl, Helge Rücker, Marcus Schaper, Ulrich Schlie, Björn Schreiber, Robin Schroeder, Hendrik Staigis, Gerald Stöter, Christine Toetzke, Christopher Urbas, Florian Wätzel und Matthias Weber.