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Stefan Oswald, Christine Toetzke, „Counterinsurgency“ (COIN) – Eine entwicklungspolitische Perspektive in:

Robin Schroeder, Stefan Hansen (Ed.)

Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe, page 189 - 196

Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN)

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-0690-7, ISBN online: 978-3-8452-4901-8, https://doi.org/10.5771/9783845249018-189

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189 Kapitel 12 „Counterinsurgency“ (COIN) – Eine entwicklungspolitische Perspektive Stefan Oswald und Christine Toetzke 1. Eine Bewertung aus konzeptioneller Sicht Knapp die Hälfte der Kooperationsländer der deutschen Entwicklungspolitik sind so genannte fragile Staaten, die sich insbesondere durch schwache Regierungen und ein hohes Gewalt- und Konfliktpotenzial auszeichnen. Ein fragiler Staat kann seine Kernfunktionen nicht mehr hinreichend ausüben, insbesondere die Bereitstellung von Sicherheit und sozialen Basisdienstleistungen. Er mag unter Umständen nach außen stark erscheinen, jedoch unter massiven internen Legitimationsdefiziten leiden. Vertrauensvolle Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft sind in der Regel gestört. Ein fragiler Staat ist anfällig für externe und interne Schocks (Naturkatastrophen, organisierte Kriminalität, Finanzkrisen) und hat möglicherweise auf Grund von Rebellenbewegungen und internen Konflikten die Kontrolle über Teile seines Territoriums verloren. Effiziente staatliche Institutionen und eine hohe Leistungsfähigkeit allein schützen jedoch auch nicht vor Gewalt, wie in einigen Ländern Lateinamerikas deutlich wird. Fragile Staaten stellen auch ein Risiko für regionale und globale Sicherheit dar: Regionale Instabilitäten, Ausbreitung von organisierter Kriminalität sowie Rückzugsgebiete für Terroristen sind nur einige Folgen und Ausprägungen von Fragilität. Staatsaufbau (Statebuilding) ist deshalb eines der wichtigsten Ziele von Entwicklungspolitik, denn nur ein stabiler (resilienter) Staat ist in der Lage, dauerhaft und nachhaltig Frieden und Sicherheit zu gewährleisten und externe Schocks abzufedern. Entwicklungspolitik mit fragilen Staaten zielt darauf ab, Staatlichkeit im umfassenden Sinne durch den Aufbau von Institutionen z.B. in den Bereichen Justiz, Bildung, Gesundheit zu stärken, strukturelle Konfliktursachen zu beseitigen sowie die Fähigkeiten der Gesellschaften zu stärken, auf gewaltfreie Weise mit innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen umzugehen. Allerdings ist Statebuilding kein technokratischer Ansatz, den man mit Hilfe einer Toolbox betreiben kann, sondern er funktioniert nur, wenn man Vertrauen bildet, alle gesellschaftlichen Gruppierungen einbezieht und sichtbare Erfolge für die Menschen schafft. Diese Erfolge müssen in erster Linie dem Staat zugeschrieben werden und nicht nur externen Akteuren. Für die Stefan Oswald und Christine Toetzke 190 Entwicklungspolitik bedeutet dies, dass die Staats-Gesellschafts-Beziehungen immer berücksichtigt werden müssen, um die Legitimität zu stärken. Nicht nur staatliche, sondern auch zivilgesellschaftliche Gruppen sind zu unterstützen.1 Jegliche Einflussnahme von außen darf dabei nicht übersehen, dass Statebuilding in erster Linie ein langfristiger endogener Prozess ist, den externe Akteure nur begrenzt steuern können. Ein grundlegendes Verständnis über die internen Dynamiken eines Landes, gepaart mit großem Realismus bezüglich des Zeithorizonts sowie ein fundiertes Risiko-Management sollten Voraussetzung jeglicher „Intervention“, ob zivil oder militärisch, sein.2 Die Entwicklung vom akuten Konflikt hin zu einer gewaltfreien Situation verläuft in der Regel nicht linear, weshalb theoretische Phasenmodelle nur begrenzt helfen. Die Erfahrung mit vielen Ländern lehrt, dass es immer wieder Rückschläge geben kann, häufig geschehen diese an so genannten „Sollbruchstellen“ in der Entwicklung, die von den Beteiligten mit hohen – teils gegenläufigen – Erwartungen belegt sind: die Abhaltung von Wahlen, die Einführung einer Landreform, die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und auch der Abzug internationaler Truppen. In einem fragilen Umfeld nutzen gerade nichtstaatliche Gewaltakteure (Aufständische, Terroristen, Milizen und kriminelle Gruppen) solche Momente der Verunsicherung, um ihre Macht und Interessen auszudehnen und staatliches Handeln zu unterminieren. Da diese nichtstaatlichen Gewaltakteure auch das Umfeld der Entwicklungszusammenarbeit prägen, muss sich die Entwicklungspolitik spätestens dann über den Umgang mit diesen auseinandersetzen. In einem Leitfaden, der nach einer Reihe von ressortübergreifenden Fachgesprächen erarbeitet wurde, hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) das Spektrum der Möglichkeiten dargestellt: Abhängig von der Dynamik des Konflikts, den Gewaltakteuren selbst und natürlich dem jeweiligen Ziel des Engagements vor Ort, reichen die Handlungsoptionen der Entwicklungszusammenarbeit von einem bewussten Vermeiden jeglicher Interaktion mit Gewaltakteuren bis hin zur unterstützenden Integration von ehemaligen Gewaltakteuren in „normale Strukturen“. ____________________ 1 Vgl. OECD (Hrsg.): Supporting Statebuilding in situations of conflict and fragility: policy guidance, DAC Guidelines and Reference Series, 2011. 2 Vgl. The World Bank (Hrsg.): World Development Report 2011: Conflict, Security and Development, Washington D.C. 2011. COIN – Eine entwicklungspolitische Perspektive 191 Unabdingbare Voraussetzung ist immer eine ressortübergreifende abgestimmte Position.3 Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, in welcher Beziehung Entwicklungspolitik zu Counterinsurgency (COIN) steht. Gemäß US Government Counterinsurgency Guide von 2009 handelt es sich bei COIN um „eine Mischung aus umfassenden zivilen und militärischen Anstrengungen, die darauf angelegt sind, den Aufstand einzudämmen und gleichzeitig dessen Grundursachen anzugehen.“ Hieran angelehnt wird COIN verstanden als Form komplexen Krisenmanagements, das militärische Operationen zur Eindämmung von Aufständischen mit Maßnahmen zur Bearbeitung von Grundursachen für die gewaltvolle Eskalation des entsprechenden Konfliktes verbindet. Neben militärischen Aktionen zur Eindämmung der Aufständischen zielt COIN daher auch auf die Verbesserung der Regierungsführung, Soziale Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit sowie nachhaltige Wirtschaftsentwicklung ab.4 Hieraus erschließt sich zunächst eine große Übereinstimmung der Konzepte, denn letztere sind wichtige aktuelle Handlungsfelder der Entwicklungspolitik, die insbesondere in Postkonflikt-Situationen zum Tragen kommen. In diesem Verständnis ist das übergreifende Ziel eines ressortübergreifenden Gesamtengagements während einer Krise Statebuilding, worunter ein ganzes Bündel von Maßnahmen zu fassen wäre, das unter Anderem auch Aufstandsbewältigung umfasst. Je besser ein Staat seine Kernfunktionen erfüllt, desto geringer der Rückhalt in der Bevölkerung für nichtstaatliche Gewaltakteure. Wird jedoch COIN in einem eskalierten Gewaltkonflikt so verstanden, dass die übergeordnete Zweckbestimmung des Engagements die Aufstandsbewältigung selbst ist, sich demzufolge Maßnahmen zur Stärkung des Staates und zur Stärkung der Zivilgesellschaft nur unter der Überschrift „Bewältigung von Aufstandsursachen“ verorten, verkehrt sich die Handlungslogik für die Entwicklungspolitik. Aufstandsbewältigung als Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ist nicht vermittelbar und macht aus EZ-Experten zumindest verbal aktive Konfliktakteure. Davon unbenommen ist die Tatsache, dass die Entwicklungspolitik im Rahmen der „Vernetzten Sicherheit“ es als eine Aufgabe ansieht, durch Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und politischen Verhältnisse strukturelle Konfliktursachen abzubauen und in den vergangenen ____________________ 3 Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (Hrsg.): Zwischen Ignorieren und Integrieren. Ein Leitfaden zum Umgang mit nichtstaatlichen Gewaltakteuren in der Entwicklungszusammenarbeit, 2012. 4 Vgl. Inspekteur des Heeres (Hrsg.): Leitfaden Aufstandsbewältigung, Handlungsempfehlungen für Truppenführer, Strausberg 2013. Stefan Oswald und Christine Toetzke 192 Jahren ihr Instrumentarium für die Arbeit in Konflikten und Krisen erweitert und flexibilisiert hat. Sie kann im Anschluss an Maßnahmen der humanitären Hilfe mit einem Instrumentenmix, der von der strukturbildenden Übergangshilfe, dem Kapazitätsaufbau von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, multilateralen Beiträgen, der Entsendung von Friedensfachkräften bis hin zur unternehmerischen Entwicklungszusammenarbeit zahlreiche Bedarfe abdecken, wirksam und strategisch agieren. Im Sinne des vernetzten Ansatzes und der ressortübergreifenden Leitlinien ergänzen diese Maßnahmen das diplomatische und sicherheitspolitische Handeln in den fragilen Staaten.5 Ownership, d.h. die Stärkung der politischen Verantwortung der Partnerregierungen sowie ein konfliktsensibles Agieren sind dabei wichtige Handlungsprinzipien. Jährlich fließen in bilaterale Programme, die Krisenprävention und Friedensförderung zum Ziel haben, ca. 600 Mio. €, hinzukommen die Unterstützung von Maßnahmen der Kirchen und der politischen Stiftungen sowie Beiträge an internationale Organisationen.6 Kein Politikfeld kann in fragilen Kontexten alleine erfolgreich sein. Kohärenz muss frühzeitig in den Hauptstädten beginnen. Notwendig ist – so wie es auch die Leitlinien beschreiben – eine frühzeitige, auf den jeweiligen konkreten Fall bezogene gemeinsame Analyse und strategische Planung. Zielkonflikte gilt es zu identifizieren und die unterschiedlichen Aufgaben unter Offenlegung der jeweiligen externen Rahmenbedingungen eindeutig zuzuordnen. 2. Eine Bewertung aus regionaler Erfahrung in Afghanistan Dieser in Kapitel 1 beschriebene konzeptionelle Fokus auf Stabilisierung und seine institutionelle Umsetzung beim Staatsaufbau gilt insbesondere für das Afghanistan-Engagement der Bundesregierung – und damit auch des BMZ – als dem bisher wichtigsten Anwendungsbeispiel. In der deutschen Debatte spielte allerdings weniger der konkrete US-Ansatz COIN mit dem Kernziel „Aufstandsbekämpfung“, als vielmehr der Ansatz der Vernetzten Sicherheit und seine konzeptionelle wie strukturelle Weiterentwicklung im Laufe der Zeit die wesentliche Rolle im ressortübergreifenden Wirken. ____________________ 5 Vgl. Auswärtiges Amt /Bundesministerium der Verteidigung/Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (Hrsg.): „Für eine kohärente Politik der Bundesregierung gegenüber fragilen Staaten“, August 2012, www.bmz.de, (27.03. 2015). 6 Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (Hrsg.): Entwicklung für Frieden und Sicherheit. Strategiepapier Nr. 4/2013. COIN – Eine entwicklungspolitische Perspektive 193 Die deutsche EZ ist in Afghanistan in fünf Schwerpunkten aktiv (gute Regierungsführung, Bildung, Wasser, Energie, nachhaltige Wirtschaftsentwicklung), die seit 2010 jährlich mit 240 Mio. € ausgestattet werden. Zusätzlich stellt das BMZ jährlich 10 Mio. Euro für in Afghanistan tätige Nichtregierungsorganisationen (NRO) zur Verfügung. Die Umsetzung der Vorhaben der Technischen und Finanziellen Zusammenarbeit (TZ/FZ) erfolgt über die beiden Durchführungsorganisationen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und KfW Entwicklungsbank (KfW) mit ca. 300 Entsandten sowie ca. 1.750 afghanischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Jahr 2013. Mit diesem erheblichen finanziellen und personellen Engagement werden der Aufbau und die Stärkung staatlicher Institutionen sowie die Beseitigung struktureller Konfliktursachen unterstützt. Mit diesem Engagement trug und trägt die EZ in Afghanistan zum Oberziel „Stabilisierung – Staatsaufbau“ wie kaum ein zweiter ziviler Akteur bei. Gleichwohl wurde die Idee eines konzertierten Zusammenwirkens der in Afghanistan engagierten Ressorts und dabei auch die Rolle des BMZ in der Vergangenheit kritisch diskutiert.Vor diesem Hintergrund sollen im Folgenden die konkreten Erfahrungen in Afghanistan an den konzeptionellen Charakteristika des COIN-Konzeptes gespiegelt und aus Sicht des BMZ bewertet werden. Neben dem oben genannten entwicklungspolitischen Engagement des BMZ sind in Afghanistan bis heute im vernetzten Ansatz das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg), das Auswärtige Amt (AA) und das Bundesministerium des Innern (BMI) tätig. Während das BMZ in diesem Kontext vor allem auf den mittel- bis langfristigen Staatsaufbau abzielt, sind BMVg und BMI schwerpunktmässig in der Rolle des Ausbilders für afghanische Armee (A- NA) und Polizei (ANP) engagiert, nachdem das Profil der ISAF-Mission bereits ab 2012 vom Kampf hin zur Ausbildung verschoben worden war. Das AA führt(e) Stabilisierungsmaßnahmen insbesondere im Umfeld deutscher militärischer Liegenschaften („hearts and minds“), große Infrastrukturvorhaben und Maßnahmen zum Verwaltungsaufbau durch. Ihre stärkste organisatorische Ausprägung fand und findet dieser vernetzte Ansatz in den vor Ort agierenden Strukturen, die als wesentliches Instrument des konzertierten Zusammenwirkens dien(t)en: Diese Kooperation sowohl im übergeordneten Regionalkommando Nord (RC N) als auch in den lokal agierende Provincial Reconstruction Teams (PRT) fand dabei im Kontext der ISAF-Strukturen statt, bedeutete jedoch keine Unterordnung ziviler Repräsentanten von AA, BMZ, und BMI unter die militärische Führung. Gleich, ob es um die Einrichtung der Funktion eines Director Development im RC N oder die in 2012 einsetzende Unterstellung der PRT unter zivile Leitung ging: Stets stand die Verpflichtung auf ein gemeinsames politisches Ziel (hier: „stabiles Stefan Oswald und Christine Toetzke 194 Afghanistan“) im Vordergrund, nicht die Vergemeinschaftung individueller Verantwortlichkeiten. Der dadurch gewährleistete Informationsfluss sowie die wechselseitige Genese von Lagebildern stellen den Kern des Erfolgs der Zusammenarbeit vor Ort dar. Dieser wurde durch ein strategisch steuerndes Gremium auf Ebene der Staatssekretäre der in Afghanistan tätigen Ressorts unter Leitung des Bundeskanzleramtes ergänzt. Aber neben den Strukturen auf Hauptstadtebene und vor Ort wurden auch Instrumente weiterentwickelt, wie die erfolgreiche Umsetzung des Provincial Development Funds (PDF) belegt. Hierbei wurden die Kosten durch BMZ, AA und BMVg gemeinsam getragen, um kleinere Projekte (bis zu 50.000 €) in verschiedenen Provinzen Nordafghanistans durchzuführen (Kunduz, Takhar, Badakhshan). Gemeinsam mit Vertretern der zuständigen Provinzverwaltung wählten Vertreter der Ressorts (einschl. BMI) aus den Projektvorschlägen, die in aller Regel durch Gemeinderäte eingereicht wurden, vergleichsweise schnell wirkende Maßnahmen (z.B. Bau von Infrastrukturen wie Schulen, Brunnen, Straßen, Brücken) oder Projekte zur zügigen Schaffung von Einkommen, wie etwa Trainingsmaßnahmen im Bereich der Bienen- und Geflügelzucht, aus.7 Die jahrelange Kooperationserfahrung in Afghanistan birgt aus Sicht des BMZ eine Reihe von Schlussfolgerungen für einen funktionierenden Ansatz der vernetzten Sicherheit. Gemeinsame Analyse und Planung muss vom frühestmöglichen Zeitpunkt an beginnen – insbesondere in hochkomplexen Kontexten (mit vielfältigen- Konfliktgründen/-strukturen, Kampf um Macht, Geld, Ideologie, religiöser Extremismus, Mangel an ökonomischen Perspektiven): Identifizierung von Zielen und möglichen Hindernissen zu ihrer Erreichung, Gemeinsame Verantwortung bei unterschiedlichen Mandaten und Instrumenten von zivilen und militärischen Akteuren, Einrichtung effizienter Koordinationsmechanismen (z.B. Staatsekretärs- Runde Afghanistan, Director Development im Regionalkommando Nord). Grundlage der täglichen Kooperation ist die Komplementarität der Aktivitäten – wie etwa bei der effizienten Verknüpfung von kurzfristig wirkenden Stabili- ____________________ 7 Vgl. Skiba, Alexander: Entwicklungszusammenarbeit unter Kriegsbedingungen, in: Schwegmann, Christoph (Hrsg.): Bewährungsproben einer Nation. Die Entsendung der Bundeswehr ins Ausland, Berlin 2011. COIN – Eine entwicklungspolitische Perspektive 195 sierungsmaßnahmen mit mittel- bis langfristigen Entwicklungsansätzen. Die Gemeinsame Vorbereitung auf konkrete Einsatzszenarien ist von entscheidender Bedeutung. Bewusstsein für Unterschiede bei Prozessen, Handlungslogiken und Zeitlinien muss zum Grundverständnis der Kooperationspartner gehören – die Einplanung von EZ-Maßnahmen in eine synchronisierte Operationsplanung nach COIN muss zum Scheitern verurteilt bleiben, wenn damit eine Hoffnung auf steuerbare Wirkung im Kontext der Aufstandsbekämpfung verbunden ist. Aber selbst wenn man diese strukturellen Schlussfolgerungen für die organisatorische Umsetzung eines vernetzten Ansatzes beachtet, hat das Regionalbeispiel Afghanistan deutlich aufgezeigt, dass ein solcher Art konzertiertes Vorgehen noch lange nicht bedeutet, dass ein planbarer Zusammenhang zwischen Sicherheit und Entwicklung existiert. Zwar benötigt EZ ein Mindestmaß an Sicherheit, um arbeiten zu können, jedoch hat der massive Mitteleinsatz der internationalen Gebergemeinschaft nicht auf eine empirisch belastbare Weise belegt, dass sich dadurch die Sicherheitslage per se gebessert hätte. Vor diesem Hintergrund ist die Erfahrung des BMZ in Afghanistan für die übrigen Ressorts durch nichts zu ersetzen: Staatsaufbau kann nur erfolgreich sein, wenn er gemeinsam mit dem Partner und nicht für den Partner stattfindet. Das erzwingt aber ein (konzeptionelles) Denken vom Ende her – also dem beabsichtigten Ergebnis dieses Staatsaufbaus– und muss sich einer scheinbar eindeutigen Phasierung nach dem Ansatz Shape – Clear – Hold – Build entziehen. Ferner muss sich ein Intervent über die voraussichtliche Dauer eines solchen Engagements im Bereich „Staatsaufbau“ im Klaren sein. Um im Bild zu bleiben: Wenn in einem regionalen Kontext ein Mindestmaß an Sicherheit vorherrscht, beginnt für die EZ unversehens die „Phase“ Build. Mit ihrem Instrumentenmix kann die EZ dabei in fragilen Übergangssituationen mit relativ schnell wirksamen Maßnahmen eine flexible Überbrückung hin zu einer Situation garantieren, in der langfristige EZ durchgeführt werden kann. Insofern ist das BMZ prädistiniert, einen integrierten Ansatz aus kurz- bis mittelfristigen Stabilisierungsmaßnahmen in Verbindung mit mittelbis langfristigen Maßnahmen der EZ in einen vernetzten Ansatz einzubringen. Gemeinsam mit den komplementären Fähigkeiten von BMVg und BMI im Bereich Sicherheit und einer außenpolitischen Einbettung über das AA verfügt Deutschland nach über einem Jahrzehnt intensiver Erfahrungen in einem hochkomplexen Kontext wie Afghanistan über gute Voraussetzungen, eine weitere Systematisierung seines vernetzten Ansatzes anzugehen. Eine Ausrichtung aller Fähigkeiten auf das bloße Ziel „Aufstandsbekämpfung“ sollte nicht dazu gehören. Stefan Oswald und Christine Toetzke 196 Literatur Auswärtiges Amt/Bundeministerium der Verteidigung/Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Hrsg.): „Für eine kohärente Politik der Bundesregierung gegenüber fragilen Staaten“,August 2012, http://www.bmz.de/de/zentrales_ downloadarchiv/Presse/leitlinien_fragile_staaten.pdf, (27.03.2015). Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (Hrsg.): Entwicklung für Frieden und Sicherheit. Entwicklungspolitisches Engagement im Kontext von Konflikt, Fragilität und Gewalt, Strategiepapier Nr. 4/2013, Berlin 2013. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (Hrsg.): Zwischen Ignorieren und Integrieren. Ein Leitfaden zum Umgang mit nichtstaatlichen Gewaltakteuren in der Entwicklungszusammenarbeit, Berlin 2012. OECD (Hrsg.): Supporting Statebuilding in situations of conflict and fragility: policy guidance, DAC Guidelines and Reference Series, 2011. Skiba, Alexander: Entwicklungszusammenarbeit unter Kriegsbedingungen, in: Schwegmann, Christoph (Hrsg.): Bewährungsproben einer Nation. Die Entsendung der Bundeswehr ins Ausland, Berlin 2011. The World Bank (Hrsg.): World Development Report 2011: Conflict, Security and Development, Washington D.C. 2011.

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Zusammenfassung

Der Stabilisierungseinsatz in Afghanistan hat die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik so nachhaltig geprägt wie kein internationales Engagement zuvor. Der deutsche Beitrag zum Wiederaufbau des Landes war dabei von einem gesamtstaatlichen Ansatz geprägt, bei dem Sicherheit und Entwicklung ineinandergreifen sollten. Die Realität im Einsatzland stellte die deutschen Soldaten, Diplomaten, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder jedoch vor enorme Herausforderungen.

Das Ende des Mandats der internationalen Schutztruppe ISAF zum Jahreswechsel 2015 gibt Anlass, die hier gewonnenen Erfahrungen und Lehren der unterschiedlichen zivilen und militärischen Akteure festzuhalten. Vor dem Hintergrund einer bestenfalls gemischten Erfolgsbilanz, aber auch angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte an den Rändern Europas, ist eine solche Aufarbeitung des Einsatzes von außerordentlicher Relevanz.

Der Sammelband bringt eine einzigartige Vielfalt an Perspektiven von einsatzerfahrenen militärischen und zivilen Führungskräften zusammen. Abgerundet wird das Bild durch Analysen der strategischen Konzepte, die den Einsatz prägten, der Perspektive aus den einzelnen Bundesministerien sowie der persönlichen Bilanz von bedeutenden politischen Entscheidungsträgern.

Mit Beiträgen von: Phillip Ackermann, Hans-Peter Bartels, Jörg Bentmann, Christian von Blumröder, Marcel Bohnert, Axel Dohmen, Udo Ewertz, Dirk Freudenberg, Hans-Werner Fritz, Axel Gablik, Dorothea Gieselmann, Volker Halbauer, Stefan Hansen, Jannis Jost, Bruno Kasdorf, Joachim Krause, Wolfgang Lauenroth, Winfried Nachtwei, John A. Nagl, Stefan Oswald, Wolf Plesmann, Hans-Joachim Ruff-Stahl, Helge Rücker, Marcus Schaper, Ulrich Schlie, Björn Schreiber, Robin Schroeder, Hendrik Staigis, Gerald Stöter, Christine Toetzke, Christopher Urbas, Florian Wätzel und Matthias Weber.