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Bruno Kasdorf, Der Leitfaden „Aufstandsbewältigung“ als Beispiel für die Entwicklung und Implementierung von Doktrin-Dokumenten im Heer in:

Robin Schroeder, Stefan Hansen (ed.)

Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe, page 133 - 136

Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN)

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-0690-7, ISBN online: 978-3-8452-4901-8, https://doi.org/10.5771/9783845249018-133

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133 Kapitel 7 Der Leitfaden „Aufstandsbewältigung“ als Beispiel für die Entwicklung und Implementierung von Doktrin- Dokumenten im Heer Bruno Kasdorf Die Verteidigungspolitischen Richtlinien (VPR) vom 27. Mai 2011 definieren den strategischen Rahmen und stellen die verbindliche Grundlage für die Neuausrichtung der Bundeswehr dar. Sie formulieren auch ein neues sicherheitspolitisches Selbstverständnis, dem die Bundeswehr als ein Handlungsinstrument deutscher Sicherheitspolitik folgt: „Nationale Interessen wahren – Internationale Verantwortung übernehmen – Sicherheit gemeinsam gestalten“. Wir erleben heute eine Vielzahl von Risiken und Bedrohungen, die in unterschiedlichen Regionen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten, mit unterschiedlicher Intensität und in unterschiedlicher Kombination auftreten. Mit der Neuausrichtung wird die Bundeswehr deshalb über ein breites und flexibles militärisches Fähigkeitsspektrum verfügen, um die Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung ebenso wie die Anforderungen für die internationale Konfliktverhütung und Krisenbewältigung sowie den Heimatschutz gleichermaßen erfüllen zu können. Multinationalität ist ein leitendes Prinzip deutscher Sicherheitspolitik und bestimmt konsequent den Einsatz deutscher Streitkräfte. Das Heer trägt durch multinationale Kooperation und Integration auch zukünftig wesentlich zur militärischen Leistungsfähigkeit und Lastenteilung in Europa und der NATO bei. Unsere Verbände und Einheiten müssen deshalb alle durch umfassende Ausbildung und Erziehung zur Integration in multinationale Strukturen und zur Interoperabilität mit unseren Partnern befähigt sein. Dazu sind gemeinsame Vorschriften und Leitlinien erforderlich. Im Fokus steht dabei auch die Frage, wie die in Einsätzen gemachten Erfahrungen eigener Kräfte, einschließlich der Lessons Learned unserer Partner, unter Berücksichtigung des Comprehensive Approach in Zukunft noch besser in die Ausbildung und Übungen eingebracht werden können. Die NATO verfügt hierzu über eine sich komplementär ergänzende Dokumentenlandschaft, in der die Doktrinentwicklung auf taktischer und operativer Ebene durch die Allied Joint Publications (AJP) sowie die Allied Tactical Publications (ATP) abgedeckt wird. Die Bundeswehr wirkt bei der Entwick- Bruno Kasdorf 134 lung dieser Dokumente durch Mitarbeit unter Anderem in der NATO Standardisation Agency (NSA) sowie in den entsprechenden Arbeitsgruppen aktiv und an maßgeblicher Stelle mit. Die schriftlichen Ergebnisse dieser Übereinkünfte in der systematischen Gremienarbeit werden als Standard NATO Agreement (STANAG) bei den beteiligten Nationen eingeführt. Mit Blick auf unsere eigene Vorschriftenlandschaft macht vor allem die Geschwindigkeit der heutigen Entwicklungen einen streitkräftegemeinsamen Neuansatz zwingend erforderlich. Die Entscheidung des Generalinspekteurs, die sogenannte „Dokumentenlandschaft Einsatz“ zu implementieren, unterstreicht die Notwendigkeit einer klar strukturierten und hierarchisch aufgebauten Vorschriftenlandschaft für die Streitkräfte. Ausgewählte NATO- Dokumente, vervollständigt durch nationale Ergänzungen, bilden künftig den Rahmen für die Doktrin auch im Heer. Bislang wurden Grundsätze der Truppenführung in den Heeresdienstvorschriften (HDv) der sogenannten 100er- Reihe festgeschrieben. Die in 2007 erlassende HDv 100/100 „Truppenführung von Landstreitkräften“ befasst sich beispielsweise im Kapitel 13 mit der Operationsart „Stabilisierung“ und im Kapitel 24 mit den Grundzügen der Operationsführung gegen irreguläre und verdeckt kämpfende Kräfte. Die verbindliche Festlegung in einer Vorschrift des Heeres hat allerdings eine weitestgehend auf den militärischen Organisationsbereich der Teilstreitkraft begrenzte Wirkung und wird der Komplexität zivil-militärischer wie multinationaler Interoperabilität in einem Stabilisierungseinsatz zur Aufstandsbewältigung nur bedingt gerecht. Zudem sind die Erstellung sowie Aktualisierung dieser Vorschriften sehr umfangreich und zeitaufwändig. Ferner muss es darauf ankommen, eigene modulartig aufgebaute Vorschriften möglichst kurz, allgemeingültig und damit zeitlos zu halten. Das schnelle Umsetzen von konkreten Einsatzerfahrungen in Ausbildung und Übungen ist daher künftig durch entsprechende Ausführungen in ständig aktualisierten, nutzerfreundlichen Zusatzund Ergänzungsdokumenten zu gewährleisten. Der jetzt vorliegende „Leitfaden Aufstandsbewältigung“1 ist ein Beispiel für diese Ergänzungsdokumente. Er spiegelt den gegenwärtigen Sachstand in der Bundeswehr aus Sicht des deutschen Heeres wider und zeigt mögliche Entwicklungslinien auf. Der „Leitfaden Aufstandsbewältigung“ ist nicht als bundeswehrinterne Verschlusssache eingestuft, sondern uneingeschränkt, beispielsweise über das Internet, verfügbar. Beteiligten Ressorts, Vertretern anderer Organisationen oder der Wissenschaft soll so die Möglichkeit gegeben werden, sich mit ____________________ 1 Inspekteur des Heeres (Hrsg.): Leitfaden Aufstandsbewältigung. Handlungsempfehlungen für Truppenführer, Strausberg 2013. Der Leitfaden „Aufstandsbewältigung“ 135 Grundsätzen der Landstreitkräfte und Verfahren der Bundeswehr vertraut zu machen, bevor man im Einsatz darauf angewiesen ist. Der Leitfaden deckt dabei das Spektrum unterhalb der Aussagen aus der HDv 100/100 ab, ist als nationale taktische Ergänzung der NATO AJP – 3.4.4 Counterinsurgency zu sehen und enthält handlungsleitende Doktrinaussagen für die Ausbildung, für Übungen und für den Einsatz. Die Ausführungen sind in erster Linie an Truppenführer und militärische Führer in den Landstreitkräften gerichtet, beziehen aber selbstverständlich auch Beiträge der beteiligten Ressorts, kooperierender Organisationen sowie weiterer nationaler wie multinationaler Streitkräftekomponenten und Leistungserbringer mit ein. Dieser querschnittliche Ansatz kann so auch für neue Handlungsfelder wie Stabilisierung und Wiederaufbau (Stabilization & Reconstruction) oder Ausbildung lokaler Sicherheitskräfte (Security Forces Assistance) Modellcharakter haben. Zeitgemäß und damit hilfreich kann eine Doktrin nur dann sein, wenn sie kurze Entwicklungs- und Überprüfungszyklen hat. Dem Aufgreifen aktueller Entwicklungen beispielsweise im Rahmen der NATO-/EU-Gremien oder bei binationalen Formaten wie der deutsch-niederländischen Army Steering Group bzw. der deutsch-amerikanischen Arbeitsgruppe „Doctrine and Policy“ kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Alle Anstrengungen in diesem Feld dienen dem gemeinsamen Ziel, in den kommenden Einsätzen erfolgreich zu bestehen. Die deutschen Führungsgrundsätze, mit den Partnern abgestimmt, gespiegelt an aktuellen Erfahrungen aus dem Einsatz, festgehalten in Doktrin und ausgerichtet auf die aktuellen und bevorstehenden Aufträge der Landstreitkräfte, leisten dazu einen wertvollen Beitrag. Literatur Inspekteur des Heeres (Hrsg.): Leitfaden Aufstandsbewältigung. Handlungsempfehlungen für Truppenführer, Strausberg 2013.

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Zusammenfassung

Der Stabilisierungseinsatz in Afghanistan hat die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik so nachhaltig geprägt wie kein internationales Engagement zuvor. Der deutsche Beitrag zum Wiederaufbau des Landes war dabei von einem gesamtstaatlichen Ansatz geprägt, bei dem Sicherheit und Entwicklung ineinandergreifen sollten. Die Realität im Einsatzland stellte die deutschen Soldaten, Diplomaten, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder jedoch vor enorme Herausforderungen.

Das Ende des Mandats der internationalen Schutztruppe ISAF zum Jahreswechsel 2015 gibt Anlass, die hier gewonnenen Erfahrungen und Lehren der unterschiedlichen zivilen und militärischen Akteure festzuhalten. Vor dem Hintergrund einer bestenfalls gemischten Erfolgsbilanz, aber auch angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte an den Rändern Europas, ist eine solche Aufarbeitung des Einsatzes von außerordentlicher Relevanz.

Der Sammelband bringt eine einzigartige Vielfalt an Perspektiven von einsatzerfahrenen militärischen und zivilen Führungskräften zusammen. Abgerundet wird das Bild durch Analysen der strategischen Konzepte, die den Einsatz prägten, der Perspektive aus den einzelnen Bundesministerien sowie der persönlichen Bilanz von bedeutenden politischen Entscheidungsträgern.

Mit Beiträgen von: Phillip Ackermann, Hans-Peter Bartels, Jörg Bentmann, Christian von Blumröder, Marcel Bohnert, Axel Dohmen, Udo Ewertz, Dirk Freudenberg, Hans-Werner Fritz, Axel Gablik, Dorothea Gieselmann, Volker Halbauer, Stefan Hansen, Jannis Jost, Bruno Kasdorf, Joachim Krause, Wolfgang Lauenroth, Winfried Nachtwei, John A. Nagl, Stefan Oswald, Wolf Plesmann, Hans-Joachim Ruff-Stahl, Helge Rücker, Marcus Schaper, Ulrich Schlie, Björn Schreiber, Robin Schroeder, Hendrik Staigis, Gerald Stöter, Christine Toetzke, Christopher Urbas, Florian Wätzel und Matthias Weber.