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Philipp Ackermann, Dorothea Gieselmann, Afghanistan – Ein Blick auf die Entwicklung des ressortgemeinsamen Ansatzes in Deutschland in:

Robin Schroeder, Stefan Hansen (ed.)

Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe, page 171 - 180

Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN)

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-0690-7, ISBN online: 978-3-8452-4901-8, https://doi.org/10.5771/9783845249018-171

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Teil 2 – Ressortübergreifende Zusammenarbeit – Die Perspektive der Ministerien 171 Kapitel 10 Afghanistan – Ein Blick auf die Entwicklung des ressortgemeinsamen Ansatzes in Deutschland Philipp Ackermann und Dorothea Gieselmann1 1. Die Entstehung des Afghanistan-Engagements der Bundesregierung Kurz nach den Anschlägen von „9/11“ richtete sich das internationale Augenmerk auf Afghanistan, weil die Terroristen von al-Qaida dort Zuflucht gefunden hatten. Die Bundesregierung entschied sich gemeinsam mit allen NATO-Verbündeten für eine politische und militärische Unterstützung der Vereinigten Staaten im Kampf gegen al-Qaida. Die in 90% des Landes herrschenden fundamentalistischen Taliban hatten aufgrund ihrer brutalen und menschenverachtenden Herrschaft bereits vorher die deutsche Öffentlichkeit aufgerüttelt. Deutschland richtete im Dezember 2001 die Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn aus, die für das neue Afghanistan wesentliche Weichen stellte. Dabei konnte die Bundesrepublik auf frühere diplomatische Vermittlungserfahrungen, vor allem aber auf einen langjährigen guten Ruf Deutschlands als Partner Afghanistans aufbauen. Die Petersberger Konferenz bildete den Auftakt für einen internationalen Einsatz am Hindukusch, der für die Staatengemeinschaft eine Premiere darstellte. Noch nie zuvor hatte sich die internationale Gemeinschaft insgesamt zu einem derartigen Engagement verpflichtet. Im Rahmen von ISAF hatten sich auf der Basis von Resolutionen des VN- Sicherheitsrats an die 70 Nationen als Truppensteller beteiligt. Zur ISAF- Nachfolgemission, der Ausbildungs- und Trainingsmission Resolute Support, tragen mehr als 40 Länder bei. Viele weitere Staaten aus allen Teilen der Welt unterstützen Wiederaufbau und Entwicklung des Landes. Das deutsche und westliche Engagement in Afghanistan verfolgte von Beginn an zwei zusammenhängende, aber unterschiedliche Oberziele: Zum einen die Bekämpfung von al-Qaida bzw. den Taliban, zum anderen die nachhaltige Stabilisierung, Entwicklung und Demokratisierung Afghanistans, zum Wohle des Landes und seiner Bevölkerung, nicht zuletzt aber auch, damit globale ter- ____________________ 1 Dieser Beitrag gibt die persönliche Auffassung der Autoren wieder, Stand März 2015. Philipp Ackermann und Dorothea Gieselmann 172 roristische Netzwerke Afghanistan nicht mehr als Rückzugsraum nutzen können. Nach dem schnellen Sieg über die Taliban 2001 lag der Schwerpunkt des deutschen Afghanistaneinsatzes, auch des Bundeswehreinsatzes, in diesem zweiten Bereich des Statebuilding. Dieser Aufgabenkomplex erwies sich jedoch als sehr viel schwieriger und komplexer als in der Anfangseuphorie allgemein erwartet wurde – übrigens auch seitens vieler Afghanen. Der Optimismus der Anfangszeit – der sich aus heutiger Sicht mitunter fast naiv darstellt – spiegelte sich auch deutlich in sehr (wenn nicht sogar zu) ehrgeizigen Zielen.2 Für die Bewältigung einer derartigen Herausforderung gab es keinen bekannten Mechanismus, keine Blaupause, noch nicht einmal einen adäquaten Kompass. Es gab keinerlei Erfahrungen mit ähnlichen Situationen. Analogien zum Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg führten zwangsläufig in die Irre. Afghanistan war nicht nur von Jahrzehnten des Krieges und Bürgerkrieges zerstört, seine Gesellschaft fragmentiert und traumatisiert. Anders als in Europa 1945 gab es die meisten Institutionen, moderne Infrastruktur und Industrie, die man hätte wiederaufbauen können, in Afghanistan nie. Auch die Analogie zu den Jugoslawien-Konflikten der 90er Jahre kann nicht verfangen. Hier ging es um einen Konflikt „vor der Haustür“, auf kulturell und geographisch vertrautem Terrain, wo nach dem Scheitern eines Gesamtstaats neue kleine Nationalstaaten auf dem Weg in ein europäisches Staatengefüge begleitet werden mussten – auf im Übrigen deutlich höherem Entwicklungsniveau als in Afghanistan. Nach den frischen Erfahrungen der zerfallenen Vielvölkerstaaten Jugoslawien und Sowjetunion neigte die internationale Gemeinschaft zu einer Unterschätzung der Bindekraft der afghanischen nationalen Identität. Die Sorge vor einem Zerfall Afghanistans in seine ethnischen Bestandteile beförderte – neben anderen Faktoren – die von Präsident Karzai auf dem Petersberg betriebene, starke Zentralisierung. Auch zwischen Statebuildung und Nationbuilding wurde anfangs nicht sorgfältig genug unterschieden: Afghanistan war und ist eine Nation, die staatliche Institutionen benötigt, Jugoslawien war – genau umgekehrt – ein Staat, der an der Nationenfrage scheiterte. Außenpolitik ist immer vieldimensional. Die Ziele und Interessen zahlreicher staatlicher und nichtstaatlicher, internationaler wie inländischer Akteure ____________________ 2 Schon der frühere Sonderbeauftragte der Bundesregierung Michael Steiner formulierte wiederholt diese Selbstkritik, zum Beispiel: „Wir sind von den Blütenträumen runter. Von ,Schweiz am Hindukusch‘ redet keiner mehr. Wir wollen hinreichende Sicherheit und fundamentale Menschenrechte durchsetzen. Das ist eine realistische Zielsetzung“. Vgl. Hansen, Sven/Repinski, Gordan: „Es war eine Selbstüberschätzung“, 26.01.2011, www.taz.de, (27.03.2015). Afghanistan – Ein Blick auf die Entwicklung des ressortgemeinsamen Ansatzes 173 müssen stets berücksichtigt werden. Das Engagement in Afghanistan in all seinen Facetten geht aber über den Rahmen der klassischen Außenpolitik hinaus. Afghanistan hat die Bundesregierung, nicht zuletzt das Auswärtige Amt, vor neuartige Herausforderungen gestellt, die in ihrer Komplexität, Interdependenz und Langfristigkeit 2001 so nicht abgesehen wurden. Dies betrifft sowohl das Agieren vor Ort in Afghanistan als auch im Kreis der internationalen Gemeinschaft. Hinzu kamen als weitere zentrale Herausforderungen neue Ansprüche an die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und schließlich an das vernetzte Handeln mit anderen Ressorts innerhalb der Bundesregierung– in Berlin ebenso wie in Afghanistan. 2. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Die ehrgeizigen Ziele der Anfangszeit fanden ihren Niederschlag auch in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung. Die vor über zehn Jahren geweckten Erwartungen von einer künftigen „Schweiz am Hindukusch“3 sollten Berlin nach den zunehmend sichtbar gewordenen Schwierigkeiten des Wiederaufbaus und dem Wiedererstarken der Taliban spätestens ab 2008 gegenüber der öffentlichen Meinung krachend vor die Füße fallen. An diesen anfangs genährten Erwartungen, so hat es den Anschein, misst die Mehrzahl der Medien bis heute die Lage – und sieht sie dementsprechend düster. Hinzu kommt, dass – der spezifisch deutschen innenpolitischen Situation geschuldet – bestimmte Aspekte Afghanistans und des Einsatzes überproportionale Aufmerksamkeit fanden und finden, während andere eher stiefmütterlich behandelt werden. So besteht ein Paradox darin, dass die Bundesregierung ein möglichst ziviles Bild des Einsatzes vermitteln möchte. Medien und Öffentlichkeit – einschließlich Deutscher Bundestag – interessieren sich aber in erster Linie für den Einsatz der Bundeswehr. Neben der besonderen Sensibilität der Deutschen gegenüber allem Militärischen4 und anderen Faktoren trug hierzu nicht zuletzt die Zugänglichkeit der Bundeswehrvertreter in Afghanistan für Journalisten bei.5 ____________________ 3 Ausssage des damaligen Inspekteurs des Heeres; die einprägsame Formel wurde allerdings erst deutlich später geprägt; in den Medien findet sie sich ab 2008. 4 Vgl. Zapfe, Martin: Sicherheitskultur und Strategiefähigkeit. Die ressortgemeinsame Kooperation der Bundesrepublik Deutschland für Afghanistan, Konstanz 2011, S. 85 ff. 5 Vgl. Merey, Can: „Der zivile Blick auf Afghanistan kommt zu kurz“, 03.01.2012, www.evangelisch.de, (27.03.2015). Philipp Ackermann und Dorothea Gieselmann 174 Eine Art Wasserscheide für die öffentliche Meinung stellte der Angriff auf die Tanklastzüge bei Kunduz im September 2009 dar, sowohl für den Eindruck vom Afghanistan-Einsatz als Kriegseinsatz als auch für die verheerende Beurteilung der Informationspolitik der Bundesregierung.6 Die Fortschrittsberichte der Bundesregierung, denen viele Politiker und Experten regelmäßig Ausgewogenheit bescheinigen, konnten als neues Instrument letztlich wenig am bestehenden Eindruck in der Öffentlichkeit ändern:7 Das Kind befindet sich im Brunnen. Die beschriebene Komplexität der Situation in Afghanistan einschließlich Veränderungen des Lagebilds und folglich angepasste Einsatzziele machen die öffentliche Vermittlung der Beweggründe und Ziele unserer Politik zu einem schwierigen Unterfangen. Komplexität kann jedoch keine Entschuldigung sein, vor dieser wichtigen Aufgabe zu kapitulieren. 3. Ressortübergreifende Zusammenarbeit in Afghanistan Der Afghanistaneinsatz wird maßgeblich von vier Ressorts betrieben: dem Auswärtigen Amt (AA), dem Bundesministerium der Verteidigung (BMVg), dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem Bundesministerium des Innern (BMI), wobei sich Aufgaben, Umfang des Personals und viele weitere Faktoren und Rahmenbedingungen des jeweiligen Engagements erheblich unterscheiden. Es handelt sich bei unserer diplomatischen Präsenz, unserer Entwicklungszusammenarbeit, dem Bundeswehreinsatz im Rahmen der Resolute Support-Mission und der deutschen Polizeitrainingsmission jeweils um verschiedene Aspekte des Engagements. Entsprechend groß ist auch der Unterschied in Sichtbarkeit und Medienpräsenz. Die außenpolitische Federführung obliegt dabei dem Auswärtigen Amt. Es kann daher nicht erstaunen, und es ist auch kein Geheimnis, dass in einem politischen System mit starken Ministerien („Ressortprinzip“) die Koordinierung dieser Mammutaufgabe innerhalb des Ressortgefüges am Anfang mitunter holprig verlief. Im Laufe vor allem der letzten Jahre hat die Bundesregierung die skizzierten Herausforderungen und Probleme zunehmend erkannt und immer bessere Methoden und Instrumente des Umgangs damit ____________________ 6 Vgl. ARD Tagesthemen (Hrsg.): „Deutschland TREND“, Dezember 2009, www.infra test-dimap.de, (27.03.2015). 7 Umfragezahlen z.B. in Meyer, Simone: „Afghanistan-Einsatz ist für Deutsche ein Fehlschlag“, 14.01.2013, www.welt.de, (17.06.2013). Afghanistan – Ein Blick auf die Entwicklung des ressortgemeinsamen Ansatzes 175 entwickelt. Sowohl in Berlin als auch in Afghanistan wurden verbesserte Strukturen der Kooperation entwickelt. Die Ernennung eines Sonderbeauftragten der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan unterstreicht die Bedeutung des Dossiers für die Bundesregierung. In dieser Funktion konzipiert und koordiniert seit April 2012 Botschafter Dr. Michael Koch als dritter Amtsinhaber das diplomatische Engagement Deutschlands. Zu seinen Aufgaben gehört auch die jährliche Vorlage eines Fortschrittsberichts Afghanistan zur Unterrichtung des Deutschen Bundestags, der auf der Website des Auswärtigen Amts veröffentlicht wird. Dieser im Dezember 2010 erstmals erstellte Fortschrittsbericht – wobei die aus dem englischen Sprachraum (progress report) entlehnte Bezeichnung neutral als Beschreibung der Entwicklungen im jeweiligen Berichtszeitraumzu verstehen ist – dient in erster Linie der Information des Parlaments über die Lage in Afghanistan und die Aktivitäten der Bundesregierung, steht aber auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Er hat den Anspruch, auf Grundlage der vorliegenden Erkenntnisse im Sinne einer Bestandsaufnahme ehrlich und ausgewogen zu informieren. Ein vergleichbares Kommunikationsinstrument gibt es zu keiner anderen Region. Die Reaktionen auf dieses seit 2010 zweimal jährlich vorgelegte Dokument waren sowohl innerhalb des Bundestags als auch in der Zivilgesellschaft überwiegend positiv. Vorwürfe der Schönfärberei sind bei einem „amtlichen“ Text wohl ebenso unvermeidlich wie der gegenteilige Reflex, bei Medienberichterstattung per se einen Hang zum Negativen zu vermuten. Weiterhin gibt es auch eine wöchentliche „Unterrichtung des Parlaments über die Lage in den Einsatzgebieten der Bundeswehr“ unter BMVg- Federführung mit Beiträgen der übrigen Ressorts, in der das Afghanistan- Engagement breiten Raum einnimmt. In Berlin ist als institutionalisiertes Format der ressortübergreifenden Zusammenarbeit in erster Linie die jeden zweiten Monat tagende Staatssekretärsrunde zu Afghanistan zu nennen, an der neben den „klassischen“ Afghanistan- Ressorts auch das Bundeskanzleramt und weitere Ressorts (Bundesministerium für Wirtschaft, BMWi; Bundesministerium für Finanzen, BMF) beteiligt sind. Hier besteht somit unterhalb der Kabinettsebene ein hochrangiges Gremium, um sich im Ressortkreis über die Lage in Afghanistan und unser dortiges Engagement auszutauschen. Ein fester Tagesordnungspunkt ist der Bericht des Sonderbeauftragten. Auch auf der Arbeitsebene hat sich ein im Vergleich zu anderen Themen ungewöhnlich enger Kontakt zwischen den vier „Afghanistan-Ressorts“ entwickelt. Besonders hervorzuheben ist auch die Rolle von Austauschbeamten der verschiedenen Ressorts. Philipp Ackermann und Dorothea Gieselmann 176 Erfahrungsgemäß rücken Landsleute auf abgeschiedenen Außenposten und in Krisensituationen in aller Regel ganz anders zusammen als man es unter alltäglicheren Umständen kennt. In Afghanistan gilt dies in besonderem Maße. Noch nie sind so viele zivile Bundesbedienstete und Soldaten8 so lange gemeinsam in einem Einsatz gewesen. Ein Kernstück des Afghanistan-Einsatzes stellten bis ins Jahr 2013 die sogenannten Provincial Reconstruction Teams dar (PRT, zu Deutsch auch regionale Wiederaufbauteams), die ab 2003 in Afghanistan entstanden waren. PRTs fungierten zunächst als „Sicherheitsinseln“, die lokal militärisch stabilisierend wirken und Komponenten zur Unterstützung des Wiederaufbaus sowie zur Stärkung der afghanischen Verwaltung in den Provinzen enthalten sollten. William Maley definierte sie 2007 als „kleine Gruppen, die sich aus militärischem und zivilem Personal zusammensetzen und in den Provinzen Afghanistans mit dem Ziel eingesetzt werden, sichere Rahmenbedingungen für Hilfsprogramme zu schaffen sowie die humanitäre Hilfe und den Wiederaufbau in Gebieten mit anhaltenden Konflikten bzw. hohen Sicherheitsrisiken zu unterstützen.“9 2011 gab es insgesamt 27 PRTs in Afghanistan. Die Ausgestaltung der einzelnen PRTs war sehr unterschiedlich. In der deutschen Ausprägung wurden den PRTs von Anfang an starke zivile Elemente beigegeben. Kennzeichnend war die Zusammensetzung aus militärischen und zivilen Komponenten sowie einer zivil-militärischen, später einer zivilen Leitung. In den PRTs in Faizabad und Kunduz wurden alle staatlichen und, soweit möglich, nicht-staatlichen Organisationen, die zum Wiederaufbau und der Entwicklung beitragen, in einer Institution (nicht immer unter einem Dach) zusammengefasst. Dies ermöglichte enge Abstimmung und gemeinsames Wirken. Die zivilen Komponenten nutzten dabei Logistik der Bundeswehr. Diese stellte den Betrieb der Feldlagerinfrastruktur des PRTs sicher und gewährleistete Schutz. Im Zuge der Transition wurden die PRTs geschlossen, so im Herbst 2012 in Faizabad und im Winter 2013 in Kunduz. Die etablierte Zusammenarbeit vor Ort wird unter den veränderten Bedingungen fortgeführt. Zusammenfassend lässt sich aus heutiger Sicht sagen: Die Bundesregierung hat die passenden Instrumente und Strukturen entwickelt und setzt sie ein. Der Afghanistaneinsatz ist heute deutlich besser als sein Ruf in der deutschen Öffentlichkeit. Jetzt stellt sich die Aufgabe, das „Werkzeug“ nicht nur in Afgha- ____________________ 8 Natürlich sind in Afghanistan auch Vertreter anderer Institutionen aktiv, die hier aber nicht im Mittelpunkt stehen. 9 Vgl. Maley, William: „PRTs in Afghanistan – ihre Entstehungsgeschichte und ihr weiterer Weg“, Herbst 2007, www.nato.int, (27.03.2015); Zapfe, Sicherheitskultur und Strategiefähigkeit, S. 159ff. Afghanistan – Ein Blick auf die Entwicklung des ressortgemeinsamen Ansatzes 177 nistan weiterhin klug anzuwenden – auch unter den geänderten Umständen während der Transformationsdekade seit 2014 – sondern auch die Erfahrungen und Erkenntnisse des gemeinsamen Handelns in Afghanistan für andere vergleichbare Einsätze in fragilen Staaten nutzbar zu machen. Ohne die Afghanistan-Erfahrung wären jüngste Entwicklungen des vernetzten Handelns wie die Erarbeitung der Leitlinien Fragile Staaten vom 19. September 201210 kaum denkbar gewesen. Die Bundesregierung hat einen ganzheitlichen Blick auf den Einsatz entwickelt. Die verschiedenen Ressorts haben unter den zuvor beschriebenen besonderen Umständen Afghanistans eine enge Kooperation etabliert, die in Anbetracht des weiterhin grundlegenden Ressortprinzips ungewöhnlich ist. 4. Erkenntnisse aus dem Afghanistan-Engagement Zu den wichtigen Lektionen des Afghanistan-Engagements gehört, wie wichtig es ist, in der Anfangsphase eines Engagements ein klares, dabei realistisches politisches Ziel zu setzen, Risiken angemessen zu bewerten und notwendige Ressourcen bereit zu stellen. Kriseneinsätze kosten Geld. Dies setzt die Bestimmung strategischer Prioritäten voraus. Entscheidend ist eine glaubwürdige und transparente Kommunikation, die Motive und Ziele eines Engagements erläutert und auch veränderte Lagebilder berücksichtigt. Ohne eine offene Debatte ist Unterstützung der Öffentlichkeit gerade für teure und risikobehaftete Einsätze schwerlich vorstellbar. Die angemessene Darstellung hochkomplexer Zusammenhänge ist dabei offensichtlich eine Herausforderung. Schließlich müssen die in Afghanistan entwickelten Instrumente des gemeinsamen Handelns weiter ausgebaut werden. Wesentlich ist dabei die Schaffung von Strukturen, die das Gelingen von Kooperation vor Ort weniger vom Faktor persönlicher Chemie zwischen einzelnen Akteuren abhängig machen. Verstärkte Anstrengungen im Bereich gemeinsamer Einsatzvorbereitung sind hier ein wichtiges Desiderat. ____________________ 10 Vgl. AA/BMVg/BMZ (Hrsg.): „Für eine kohärente Politik der Bundesregierung gegenüber fragilen Staaten – Ressortübergreifende Leitlinien“, September 2012, www. auswaertiges-amt.de, (27.03.2015). Philipp Ackermann und Dorothea Gieselmann 178 Literatur AA/BMVg/BMZ (Hrsg.): „Für eine kohärente Politik der Bundesregierung gegenüber fragilen Staaten – Ressortübergreifende Leitlinien“, 2012, http://www.auswaertiges-amt. de/cae/servlet/contentblob/626452/publicationFile/171912/120919_Leitlinien_Fragile_St aaten.pdf, (27.03.2015). ARD Tagesthemen (Hrsg.): „Deutschland TREND“, 2009, www.infratest-dimap.de/ uploads/media/dt0912_bericht.pdf, (27.03.2015). Hansen, Sven/Repinski, Gordan: „Es war eine Selbstüberschätzung“, 26.01.2011, http:// www.taz.de/!64883/, (27.03.2015). Maley, William: „PRTs in Afghanistan – ihre Entstehungsgeschichte und ihr weiterer Weg“, 2007, http://www.nato.int/docu/review/2007/issue3/german/art2.html, (27.03. 2015). Merey, Can: „Der zivile Blick auf Afghanistan kommt zu kurz“, 03.01.2012, http://www. evangelisch.de/themen/politik/der-zivile-blick-auf-afghanistan-kommt-zu-kurz55599, (27.03.2015). Meyer, Simone: „Afghanistan-Einsatz ist für Deutsche ein Fehlschlag“, 14.01.2013, http:// www.welt.de/politik/deutschland/article112735130/Afghanistan-Einsatz-ist-fuer-Deu tsche-ein-Fehlschlag.html, (17.06.2013). Zapfe, Martin: Sicherheitskultur und Strategiefähigkeit: die ressortgemeinsame Kooperation der Bundesrepublik Deutschland für Afghanistan, Konstanz 2011.

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References

Zusammenfassung

Der Stabilisierungseinsatz in Afghanistan hat die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik so nachhaltig geprägt wie kein internationales Engagement zuvor. Der deutsche Beitrag zum Wiederaufbau des Landes war dabei von einem gesamtstaatlichen Ansatz geprägt, bei dem Sicherheit und Entwicklung ineinandergreifen sollten. Die Realität im Einsatzland stellte die deutschen Soldaten, Diplomaten, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder jedoch vor enorme Herausforderungen.

Das Ende des Mandats der internationalen Schutztruppe ISAF zum Jahreswechsel 2015 gibt Anlass, die hier gewonnenen Erfahrungen und Lehren der unterschiedlichen zivilen und militärischen Akteure festzuhalten. Vor dem Hintergrund einer bestenfalls gemischten Erfolgsbilanz, aber auch angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte an den Rändern Europas, ist eine solche Aufarbeitung des Einsatzes von außerordentlicher Relevanz.

Der Sammelband bringt eine einzigartige Vielfalt an Perspektiven von einsatzerfahrenen militärischen und zivilen Führungskräften zusammen. Abgerundet wird das Bild durch Analysen der strategischen Konzepte, die den Einsatz prägten, der Perspektive aus den einzelnen Bundesministerien sowie der persönlichen Bilanz von bedeutenden politischen Entscheidungsträgern.

Mit Beiträgen von: Phillip Ackermann, Hans-Peter Bartels, Jörg Bentmann, Christian von Blumröder, Marcel Bohnert, Axel Dohmen, Udo Ewertz, Dirk Freudenberg, Hans-Werner Fritz, Axel Gablik, Dorothea Gieselmann, Volker Halbauer, Stefan Hansen, Jannis Jost, Bruno Kasdorf, Joachim Krause, Wolfgang Lauenroth, Winfried Nachtwei, John A. Nagl, Stefan Oswald, Wolf Plesmann, Hans-Joachim Ruff-Stahl, Helge Rücker, Marcus Schaper, Ulrich Schlie, Björn Schreiber, Robin Schroeder, Hendrik Staigis, Gerald Stöter, Christine Toetzke, Christopher Urbas, Florian Wätzel und Matthias Weber.