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Christopher Urbas, Nachrichtengewinnung und Aufklärung – Retrospektive Betrachtung des Nutzens und Wertes gewonnener Nachrichten aus Sicht einer Aufklärungskompanie am Beispiel Afghanistan in:

Robin Schroeder, Stefan Hansen (ed.)

Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe, page 335 - 346

Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN)

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-0690-7, ISBN online: 978-3-8452-4901-8, https://doi.org/10.5771/9783845249018-335

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335 Kapitel 22 Nachrichtengewinnung und Aufklärung – Retrospektive Betrachtung des Nutzens und Wertes gewonnener Nachrichten aus Sicht einer Aufklärungskompanie am Beispiel Afghanistan Christopher Urbas 1. Einleitung Das militärische Nachrichtenwesen, speziell der Bereich Nachrichtengewinnung und Aufklärung im Heer, befindet sich im Wandel. Dies wird aktuell deutlich an der Ausarbeitung von neuartigen Konzepten und der Tatsache, dass sich auf verschiedenen Ebenen mit dieser Thematik beschäftigt wird – oft ohne in einen teilstreitkraftübergreifenden Diskurs zu treten. Der Wandel wird dem Beobachter ebenso schnell bewusst, wenn er sich vor Augen führt, dass beispielsweise das Heer mit Aufstellung der Heeresaufklärungstruppe im Jahr 2008 die Kräfte der Nachrichtengewinnung mit den bisherigen Kräften der Aufklärung im Heer, bspw. der bodengebundenen Spähaufklärung als auch der Aufklärung durch Drohnen, in einer Truppengattung subsummiert hat und diese Zuordnung seit jeher unverstanden und unglücklich für die Philosophie des Einsatzes nachrichtengewinnender Kräfte ist. Da es jedoch keinen Diskurs gibt und Workshops zu selbiger Thematik nur zur Tatsachenweitergabe abgehalten werden, war diese bewusst so gesteuerte Ausrichtung entgegen jeglicher sinnvollen Ausgestaltung eines schlagkräftigen Nachrichtenwesens. Denn es führt dazu, dass eine Kernkompetenz, deren operative Fähigkeiten derzeit noch vergleichbar sind mit denen westlicher Nachrichtendienste – natürlich unter strengen militärischen und formalen Auflagen – innerhalb einer Heerestruppengattung verschwindet und dieser Teilfähigkeit somit die Möglichkeit entzogen wird, einen teilstreitkraftübergreifenden Beitrag zur militärischen Nachrichtenlage zu leisten. Denn die gewonnenen Nachrichten der Feldnachrichtenkräfte sind mit Nichten heeresspezifisch, noch rein taktisch. Die Erfahrungen aus den aktuellen Einsätzen sind leider noch nicht vollständig in die Weiterentwicklung eines zukunftsträchtigen Nachrichtenwesens eingebracht worden. Ganz im Gegenteil werden logische Denkweisen, internationale Strukturen und die ursprüngliche Konzeption nachrichtengewinnender Kräfte ignoriert und Strukturen erzwungen, die dem Gesamtsystem nicht Christopher Urbas 336 nur auf den ersten Blick keineswegs dienlich erscheinen. Aktuelle Tendenzen in der Heeresaufklärungstruppe unter dem Deckmantel der Weiterentwicklung zeigen dies in erschreckender Weise. Wir begegnen komplexen Dynamiken heutiger asymmetrischer Konflikte und sind verpflichtet aus den vorhandenen Erkenntnissen Ableitungen zu definieren, die der Counterinsurgency-Überlegung Rechnung tragen. Das zunehmend komplexe Lagebild in den neuen Formen unkonventioneller Kriegsführung bedarf eines Apparates, der die Fähigkeit besitzt, die Informationen zeitnah zu verarbeiten und ausgewertet zur Verfügung zu stellen, sodass die Entscheidungsträger die operative Initiative ergreifen können. Ergebnisse der Nachrichtengewinnung und Aufklärung im Einsatz für die Operationsführung nutzbar zu machen, um zielorientiert in einem Stabilisierungseinsatz wirken zu können, sind eine unabdingbare Notwendigkeit im Hinblick auf eine wirkungsvolle Aufstandsbekämpfung und letztlich zur zielgerichteten Stabilisierung eines Gebietes. Zu berücksichtigen ist, dass aktuelle und künftige Einsätze in Abgrenzung zu konventionellen Szenarien inmitten einer Zivilbevölkerung stattfinden. Genau diese Tatsache stellt das militärische Nachrichtenwesen vor eine ganz besondere Herausforderung, die sich vorzüglich aus dem Diktum Maos, nämlich der unauffälligen Bewegung des Guerillas inmitten der Zivilbevölkerung vergleichbar mit dem sanften Gleiten eines Fisches im Wasser, beschreiben lässt. Das militärische Nachrichtenwesen sieht sich vor einer ganz zentralen Frage – wer ist innerhalb der Zivilbevölkerung Freund und wer ist Feind? Wie in vielen anderen Bereichen ist die Verarbeitungskapazität auch im militärischen Nachrichtenwesen von vorhandenen Kräften und Mitteln abhängig. Am eigenen Erleben scheint die Verteilung der Ressourcen auf die verschiedenen im Einsatz abgebildeten Strukturen nicht ausreichend zielgerichtet, sodass durch mangelnde Fokussierung auf actionable intelligence, also die Verwendung und Verarbeitung direkt verwertbarer Erkenntnisse, die Möglichkeiten im Rahmen von Counterinsurgency effektiv tätig zu werden, deutlich geschmälert sind. Dass dieser Fokussierung besondere Vorsicht zukommt und Ergebnisse durch andere Sensoren bestätigt werden müssen, bleibt davon natürlich unberührt. In diesem Beitrag soll eine neue Philosophie der Zusammenführung von Sensoren vorgestellt werden, die den aktuellen Geschehnissen Rechnung tragen soll. Der Schwerpunkt dieses Artikels liegt eindeutig auf den nachrichtengewinnenden Kräften, da diese eine zentrale Rolle innerhalb des diskutierten Konstrukts einnehmen. Ebenso soll der besondere Mehrwert dieses Ansatzes am Beispiel eben dieser Teilfähigkeit, den Feldnachrichtenkräften, verdeutlicht werden. Es werden Besonderheiten, sowie Chancen und Risiken der zielorientierten Gesprächsführung erörtert. Ebenso soll jedoch ein Überblick Nachrichtengewinnung und Aufklärung 337 über weitere Teilfähigkeiten gezeichnet werden, sodass der Leser einen Einblick in die Unterschiedlichkeit der Kräfte und Mittel erhält. 2. Fluch oder Segen – ein Überblick „Alles gemeldet, von nichts gewusst.“ – Dr. phil. Manfred Hinrich (1926–2015), deutscher Philosoph Um die Botschaft von Manfred Hinrichs allgemeiner Aussage auf das Militär zu projizieren: Es scheinen gewonnene Nachrichten und Aufklärungsergebnisse im Einsatz mit Masse aufgrund personeller Engpässe nicht adäquat verarbeitet werden zu können, wie es erforderlich wäre,1 um zukunfts- und stabilisierungsorientiert und vor allem ereignisvorhersehend zu operieren. Das Meldeaufkommen im Einsatzraum ist groß, jedoch fehlt es an Kräften und Mitteln, die Unmengen an Informationen zu verarbeiten und später die notwendigen Handlungsoptionen zu definieren. Das Zusammenwirken in der Intelligence-Community, auch ressortübergreifend, und die Kameradschaft sind, sicherlich auch aufgrund der Spezialisierung, beispielgebend. Für das deutsche militärische Nachrichtenwesen ist grundsätzlich festzustellen, dass es über viele Dekaden stiefmütterlich behandelt wurde und sich derzeit im Wandel zu befinden scheint.2 Missstände, die in diesem Beitrag diskutiert werden, sollen als Denkanstoß für zukünftige Überlegungen dienen. Sie schildern in der Masse subjektive Wahrnehmungen aus dem Betrachtungswinkel einer Einzelperson und dies auch nur während eines Einsatzzeitraumes von rund sieben Monaten in Afghanistan. Dem Autor geht es nicht um die Reduzierung des Nachrichtenwesens auf die Mikroebene weniger Sensoren, sondern um die Vermittlung eines Paradigmas, einer Philosophie und letztendlich einer Idee, wie sich einige der vielen vorhandenen Sensoren in das militärische Nachrichtenwesen einbringen könnten. Einige aufgezeigte Herausforderungen sind systemimmanent und es kann ihnen nur mit konsequenter gezielter Aufarbeitung und den Erfahrungen aus vergangenen und derzeitigen Auslandseinsätzen begegnet werden. Ebenso sollte internationale Literatur berücksichtigt werden, die sich schon seit Jahren wissenschaftlich mit dieser Thematik auseinandersetzt. Der ____________________ 1 Siehe dazu NATO (Hrsg.): Koordinierung der Nachrichtengewinnung und Steuerung des Erkenntnisbedarfs (CCIRM). Handbuch (übersetzt vom Bundessprachenamt), Hürth 2009, S. 59. 2 Vgl. Einleitung. Christopher Urbas 338 notwendige teilstreitkraftübergreifende Diskurs, insbesondere für die Nachrichtengewinnung, wird vom Autor hier besonders betont. Das militärische Nachrichtenwesen versorgt Bedarfsträger auf strategischer, operativer und taktischer Ebene mit Informationen, Nachrichten und Erkenntnissen. Zur Aufgabenerfüllung und Entwicklung nutzerfreundlicher Produkte stehen dem militärischen Nachrichtenwesen auf den verschiedenen Ebenen unterschiedliche Mittel der Nachrichtengewinnung und Aufklärung zur Verfügung. Die Gesamtheit der militärischen Nachrichtenlage dient dazu, die unabhängige nationale Entscheidungsfindung der politischen und militärischen Führung sicherzustellen. Die Ergebnisse der nachrichtengewinnenden Ebene bilden hierbei die Grundlage für die Lagebearbeitung und Berichterstattung auf jeder Führungsebene und somit für den Führungsprozess. Somit sind die Arbeitsergebnisse der nachrichtengewinnenden Kräften (z.B. Feldnachrichtenkräfte), der luftgestützten abbildenden Aufklärung im Einsatzgebiet (z.B. Drohnen mittlerer Reichweite) und der bodengebundenen Spähaufklärung maßgeblich verantwortlich für die Grundlage und somit einen Teil der Qualität der Lagebearbeitung in den Zellen und Zentralen des militärischen Nachrichtenwesens im Auslandseinsatz. Ungeachtet dessen stellen die verschiedenen Teilfähigkeiten aufgrund ihrer Natur eine unterschiedliche Tiefe der Information für das Nachrichtenwesen bereit. So sind die Feldnachrichtenkräfte fähig, Nachrichten in Zusammenhang zu bringen, da sie über eine Auswertekomponente verfügen und den entsprechenden Zugang zu weiterführenden Informationen haben. Ferner sind diese Kräfte, im direkten Vergleich zu den anderen Aufklärungsträgern der Aufklärungskompanie, allein befähigt, der Bedeutung des Human Terrain Rechnung zu tragen, indem sie durch ihr Melde- und Berichtswesen einen Beitrag zum Verstehen komplexer Konfliktdynamiken leisten und Quellen der Instabilität identifizieren können. Somit schaffen sie die Voraussetzung für die Sicherheit und darauf aufbauend die Stabilisierung eines Areals. In der Regel werden Nachrichten aufgrund von dauerhaften oder aber ereignisbasierten Aufklärungsforderungen gewonnen.3 Ein Dilemma ergibt sich dann, wenn dauerhafte Aufklärungsforderungen oberflächlich, unsauber und undifferenziert formuliert sind und Ergebnisse einer ereignisbasierten Aufklärungsforderung lediglich zur Kenntnis genommen werden, im weiteren Verlauf jedoch keine Maßnahmen, welche auf gerade diese gewonnenen Informationen hinwirken könnten, ergriffen werden (mehr dazu in Absatz 6). Weiter- ____________________ 3 Vgl. NATO CCIRM Handbuch, S. 33ff. Nachrichtengewinnung und Aufklärung 339 hin führen unsystematische Herangehensweisen bei der Erarbeitung der Aufklärungsforderungen zwangsläufig, und nicht zuletzt aufgrund der enormen Anzahl gewonnener Informationen, zur Unübersichtlichkeit der Ergebnisse – ein Fluch für das Nachrichtenwesen. Die vorhandenen und abrufbaren Informationen erfüllen dennoch, zumindest auf taktischer Ebene und im von mir beurteilbaren Zeitraum, ihre Warnund Schutzfunktion. Taktische Führer können mit Erkenntnissen über Fähigkeiten und Absichten von Konfliktparteien oder Gegnern versorgt werden. Umfassende Bedrohungs- und Risikoanalysen können erstellt, vor akuter Bedrohung kann gewarnt werden und zur Verfügung gestellte Informationen verhindern zusätzlich, dass eigene Kräfte im hochsensiblen Einsatzumfeld destabilisierend handeln. Ebenso leisten die Erkenntnisse einen wichtigen Beitrag zum Schutz eigener Truppen – ein Segen für operierende Kräfte. Im Bild des oben gennanten Zitates kann man sich nun fragen, ob alles gemeldet werden sollte und wie viel davon tatsächlich in Wissen, hier speziell in Erkenntnissen, mündet. Dies und weitere Aspekt der Thematik sollen im weiteren Verlauf des Beitrags diskutiert werden. 3. Nachrichtengewinnung durch Human Intelligence Feldnachrichtenkräfte gewinnen Nachrichten, die mit anderen Sensoren nicht oder nur sehr schwierig gewonnen werden können. Der Nutzen dieser gewonnenen Nachrichten liegt eindeutig in der Verdichtung des Lagebildes sowie dem Erkennen und Durchleuchten komplexer Zusammenhänge. Ebenso wie andere Aufklärungsträger bearbeiten Kräfte der Nachrichtengewinnung dauerhafte sowie ereignisbasierte Aufklärungsforderungen. Die durch Human Intelligence (HUMINT) gewonnenen Nachrichten und das daraus entstehende Meldeaufkommen finden adäquate Beachtung im nationalen und internationalen Umfeld, da sie in Ergänzung zur signalerfassenden (SIGINT) und luftgestützten abbildenden Aufklärung (IMINT) ein umfangreiches und detailliertes Lagebild liefern. Ein wesentlicher Grund für die positive Wertschätzung der durch HUMINT eingebrachten Arbeitsergebnisse ist die derzeit noch aktuelle internationale Ausrichtung dieser Teilfähigkeit. Dies spiegelt sich vor allem in der internationalen Ausrichtung des Melde- und Berichtswesens wieder. Mit Blick auf aktuelle Tendenzen innerhalb der Heeresaufklärungstruppe sieht der Autor jedoch die Gefahr, diese internationale Ausrichtung zu verlieren. Problematisch sind auch hier der Ansatz der Kräfte und Mittel im Einsatzraum sowie die Ebene der Informationsauswertung. Die fehlende Reach-Back- Fähigkeit sowie nationale Auflagen bremsen den internationalen Betrieb der deutschen nachrichtengewinnenden Kräfte enorm. Das Reach-Back-Verfahren Christopher Urbas 340 ist eine Möglichkeit gewonnene Nachrichten und Aufklärungsergebnisse im Heimatland durch einen vorhandenen Apparat verfizieren, falsifizieren oder mit anderen Informationen korrelieren zu lassen. Das heißt, gewonnene Nachrichten werden auf digitalem Wege an eine entsprechende Gegenstelle im Heimatland versendet, sodass diese dann mit ihrem neutraleren Blick und ggf. anderen Recherchemöglichkeiten die übermittelten Informationen bestätigt, widerlegt oder womöglich mit neuen Informationen versehen wieder in den Auslandseinsatz versendet. Diese Möglichkeit fehlt den Feldnachrichtenkräften derzeit völlig. Es bleibt festzustellen, dass die deutsche Ausrichtung der Teilfähigkeit Feldnachrichten internationalen Vorgaben nicht oder nur schwierig gerecht werden kann. In ganzheitlicher Betrachtung steht dies der Gesamtidee eines Nachrichtenwesens mit gemeinsamer Strategie im Wege. Die Feldnachrichtenkräfte konnten im Sinne des Auftrages, am konkreten Beispiel des Einsatzes in Afghanistan, Nachrichten gewinnen, die mit Empfehlungen für weiteres Vorgehen bestückt, zumindest auf taktischer Ebene Anwendung fanden. Da diese Kräfte jedoch im Schwerpunkt Nachrichten für die operative Ebene gewinnen sollen, kann hier festgestellt werden, dass nur wenige operative Maßnahmen ergriffen wurden, die den Erkenntnissen aus dem Bereich HUMINT Rechnung getragen haben. Im Fokus der Counterinsurgency-Überlegung und der Prämisse den Quellen der Instabilität mit entsprechenden Maßnahmen zu begegnen, kann festgestellt werden, dass in diesem Bereich enormer Handlungsbedarf besteht. Obschon sich der Schwerpunkt der Kräfte in der Nachrichtengewinnung für die operative Ebene definiert, wäre der taktische Ansatz eine weitere Option das Fähigkeitsprofil dieser Kräfte auszubauen (vgl. „tactical HUMINT“). Besonderheiten der Nachrichtengewinnung durch Human Intelligence im direkten Vergleich zu anderen Aufklärungsträgern zeichnen sich vor allem in der Notwendigkeit ab, sich ständig autodidaktisch und kontinuierlich zu den verschiedensten Themenbereichen fortzubilden. Somit ist es für diese Kräfte unerlässlich sich ein profundes Wissen über Thematiken, wie Religion, Staat und Gesellschaft, Rechtssystem sowie Kultur anzueignen, um dem Gesprächspartner auf Augenhöhe begegnen zu können. Ebenso sind die intensive Fremdsprachenausbildung und der Umgang mit Sprachmittlern wesentlicher Teil der Ausbildung. Die daraus resultierenden Chancen sind nicht von der Hand zu weisen, denn durch die Wertschätzung und Wahrnehmung der anderen Kultur gelingt es umso eher die tatsächlichen Quellen der Instabilität herauszufinden und somit einen wirklichen Beitrag zur Counterinsurgency zu leisten. Nur wer ein breites Hintergrundwissen über Staat und Gesellschaft hat, eröffnet die Möglichkeit für Sicherheit zu sorgen und Stabilität zu ermöglichen. Die Kräfte der Nachrichtengewinnung durch Human Intelligence sind dennoch besonderen Risiken, wie beispielsweise dem erhöhten Risiko der Nachrichtengewinnung und Aufklärung 341 Geiselnahme, ausgesetzt. Und trotzdem ist es nur durch die Möglichkeit autark zu agieren gegeben, relevante Nachrichten zu Konfliktdynamiken zu gewinnen und diese dann aufbereitet in das Berichtswesen des militärischen Nachrichtenwesens einzupflegen. Um den Nutzen und Wert der durch Feldnachrichtenkräfte gewonnenen Nachrichten zu erhöhen und im Kontext der Counterinsurgency-Ausrichtung in Stabilisierungseinsätzen ein professionelles und zukunftsträchtiges Arbeiten zu ermöglichen, sollten Aspekte wie die Bindung dieser Fähigkeit an eine Truppengattung des Heeres, die nationale und internationale Ausbildung und Ausrichtung berücksichtigt und konzeptionell überdacht werden. Weiterhin scheint die Einbindung nachrichtengewinnender Kräfte in truppengattungsinterne Konzepte unzweckmäßig, da sie der ursprünglichen Idee des Nachrichtenwesens entgegenwirken. Wie eingangs bereits beschrieben, fehlt offensichtlich der notwendige Diskurs und die Berücksichtigung internationaler Ausrichtungen sowie in Teilen das Verständnis für gewisse Paradigmen und Notwendigkeiten. 4. Luftgestützte abbildende Aufklärung Der Einsatz von unbewaffneten Drohnen zur Aufklärung im Einsatzraum stellt neben der Teilfähigkeit „Feldnachrichten“ die zweite wichtige Komponente der Nachrichtengewinnung und Aufklärung dar. Der Nutzen der Aufklärungsergebnisse dieses Sensors liegt eindeutig auf der taktischen Ebene, wie beispielsweise im Rahmen der Unterstützung und Überwachung von Patrouillen oder der Aufklärung a priori, einer Verlegung durch den Einsatzraum oder durch schlecht einsehbares Gelände. Durch die ständige Verbindung der Bodenkontrollstation zur taktischen Operationszentrale konnte dieser Sensor während laufenden Operationen aktiv Informationen bereitstellen, wenn er denn in der vorangegangenen Planung berücksichtigt und in die Befehlsgebung mit einbezogen wurde. Reaktiv war es durch Alarmstarts möglich, unübersichtliche Situationen aus der Luft zu überwachen und zu bewerten. Die Auswertung der Aufklärungsergebnisse erfolgte unmittelbar an mehreren Monitoren innerhalb der Bodenkontrollstation der Drohne. In diesem Fall kann sogar von actionable intelligence gesprochen werden, da der Bedarfsträger mit den Aufklärungsergebnissen in nahezu Echtzeit versorgt wurde und diese in seine Entscheidungsfindung einbeziehen konnte. Der Einsatz der Drohnen wird, auch wenn diese selbst unbemannt sind, vom Boden aus durch ausgebildetes Personal gesteuert. Durch die Einteilung in Besatzungen ist bis zu einem bestimmten Zeitpunkt auch eine Schichtfä- Christopher Urbas 342 higkeit möglich. Neben der Drohne auf taktischer Ebene stehen dem Einsatzkontingent ebenso weitere Aufklärungsergebnisse anderer, mitunter auch internationaler, Sensoren zur Verfügung. Gerade die Arbeitsergebnisse der luftgestützten abbildenden Aufklärung in mittlerer Reichweite haben auf der taktischen Ebene dazu beigetragen, das Lagebild zu verdichten und die Führung somit aktiv in ihrer Entscheidungsfindung vor und während Operationen im Einsatzraum zu unterstützen. Trotz Anerkennung der Komplexität solcher Einsätze ist es wünschenswert auch in komplexen Lagen Grundsätze einzuhalten. Dass Stabilität erst im Anschluss an Sicherheit geschaffen werden kann und die Aufklärungsergebnisse der luftgestützten abbildenden Aufklärung bereits im Vorfeld dazu beitragen können, beobachtbare Determinanten der Sicherheit, wie Straßenkontrollen oder auffällige Personen- und Fahrzeubewegungen im Einsatzraum, zu erkennen, sollte in der Summe in eine mittelfristige Strategie münden, die diesem Grundsatz gerecht wird. Erst mit vorhandener relativer Sicherheit kann Stabilität geschaffen werden. Dass die luftgestützte abbildende Aufklärung Determinanten der Sicherheit feststellen kann, ist kein Geheimnis und findet dennoch augenscheinlich zu wenig Berücksichtigung für die Planung von Operationen. 5. Bodengebundene Spähaufklärung Kernauftrag der bodengebundenen Spähaufklärung ist es, Einsatzräume zu überwachen, Geländeabschnitte zu erkunden und die Befahrbarkeit von Stra- ßen zu überprüfen sowie diese Arbeitsergebnisse in nutzerfreundlichen Produkten zu veröffentlichen. Hierzu operieren diese Kräfte autark im Einsatzraum. Der Nutzen und Wert der Aufklärungsergebnisse dienen hier vorrangig der Intelligence Preperation of the Battlefield (IPB), also der Vorbereitung der taktischen Führer auf Operationen im Einsatzraum. Im Kontext der Counterinsurgency-Ausrichtung in Stabilisierungseinsätzen arbeiten diese Ergebnisse am ehesten der taktischen Ebene zu. Nicht zuletzt aufgrund dieser Ausrichtung ist zu überlegen, ab welchem Zeitpunkt diese Kräfte keinen Mehrwert für das militärische Nachrichtenwesen bringen. Bezugnehmend auf den Grundsatz „every soldier is a sensor“ werden Patrouillentätigkeiten und Gesprächsaufklärung ohnehin durch andere Ressourcen wahrgenommen. Auch die Kräfte der bodengebundenen Spähaufklärung befinden sich im Wandel. Der Auftrag wandelte sich vom ursprünglichen Aufklären feindlicher Fahrzeug- und Personenbewegungen hin zu der Bearbeitung allgemeinerer Aufträge. Grundsätzlich gilt auch für diese Kräfte, die vorhandenen Erfahrun- Nachrichtengewinnung und Aufklärung 343 gen aus den Einsätzen zielgerichtet auszuwerten und in zukünftigen Überlegungen die Möglichkeit des querschnittlichen Einsatzes, auch truppengattungsübergreifend, zu berücksichtigen. Nicht der grundsätzliche Erhalt dieser Fähigkeit, sondern der zielgerichtete und zweckmäßige Einsatz dieser Fähigkeit im Gesamtkontext sollte überdacht und erarbeitet werden. 6. Erkenntnisgeleitete Operationen Nicht nur Gefechtsübungen im Inland, sondern auch die Einsatzrealität im Ausland zeigen immer wieder, aus welchem Geist heraus operiert wird. Insgesamt existieren klar definierte Fein- und Grobziele – leider oft nur auf taktischer Ebene. Diese berücksichtigen jedoch nur selten das vorhandene Meldewesen. Erkenntnisse aus dem militärischen Nachrichtenwesen werden letztlich bei der Planung nur noch zur Kenntnis genommen. Zudem werden nur selten militärische Maßnahmen zur Beseitigung von Gewalt gegenüber staatlicher Ordnung ergriffen, die von vorhandenen Erkenntnissen geleitet werden. Somit beschränkt sich der Beitrag zur gezielten Aufstandsbekämpfung auf das ungezielte Suchen der berühmten Nadel im Heuhaufen. Oft konterkarieren Operationen das Nachrichtenwesen, sodass nicht berechenbare Effekte im Raum bewirkt werden und das Ausmaß a posteriori erfasst werden muss, anstatt sie vorhersagen zu können. So werden neue Aufgabenfelder geschaffen, ohne nach dem Grundsatz Sicherheit vor Stabilität zu agieren und die Sicherheit schrittweise und logisch aufbauend herzustellen. Um den Gedanken weiterzuführen ist es ratsam, auch im Sinne der Counterinsurgency-Überlegung, die Operationen nicht nur erkenntnisgeleitet, sondern auch stabilisierungsorientiert zu veranlagen. Nur so kann dem Konzept Rechnung getragen und es können auch ressortübergreifende Ziele erreicht werden. 7. Fazit In der Realität des militärischen Nachrichtenwesens im deutschen Heer ist weiterhin ein fachliches Defizit festzustellen. Der Nutzen und Wert einer zukunftsfähigen Nachrichtengewinnung und Aufklärung liegt in der konsequenten und zielorientierten Verteilung und Zuordnung vorhandener Ressourcen auf die verschiedenen im Einsatz aber auch im Inland abgebildeten internationalen Bündnisstrukturen. Nicht zuletzt aufgrund starker karriereorientierter Strukturen innerhalb des Truppendienstes der Bundeswehr ist es nur unter widrigen Umständen möglich, ein professionelles Arbeitsumfeld zu schaffen, Christopher Urbas 344 in dem den Erkenntnissen des militärischen Nachrichtenwesens Rechnung getragen wird. Selten schaffen es die betroffenen Soldaten aufgrund zu kurzer Stehzeit auf den Dienstposten, sich in das Nachrichtenwesen einzudenken. Diese Praxis und die stiefmütterliche Behandlung sind seit jeher schädlich für die Entwicklung eines zukunftsträchtigen militärischen Nachrichtenwesens und Schuld an der tragischen Gesamtsituation. Wichtig scheint im Allgemeinen die Fokussierung auf actionable intelligence, also die Bereitstellung von Erkenntnissen, die direkt verwertbar sind und somit eine operationelle Reaktion bedingen. Parallel zu dieser actionable intelligence sollte differenziert werden zwischen intelligence on the fly und long-term intelligence. Hier ist gerade für die Verarbeitung von long-term intelligence eine zentrale Analyse und Auswertung von Nöten. Beispielhaft wäre eine zentrale Analysestruktur, die neben der aktuellen Lagebearbeitung eine ganzheitliche Reach-Back-Kapazität implementiert. Unter Berücksichtigung des ressortübergreifenden Ansatzes scheint auch ein ressortübergreifend aufgestelltes Analysezentrum möglich. Mit den Erfahrungen aus den Einsätzen scheint sich das militärische Nachrichtenwesen in Teilen neu definieren zu müssen. Aktuelle Literatur, die auch im Internet frei einsehbar ist, beschäftigt sich seit jeher mit der Reorganisation des Nachrichtenwesens – militärisch wie auch zivil. Zu vermeiden ist ein Nachrichtenwesen, in dem sich die verschiedenen Systeme gegenseitig untergraben. Daher ist neben dem vertikalen Erkenntnis- und Informationsaustausch auch zunehmend die horizontale Kommunikation im Rahmen gesetzlicher Auflagen unumgänglich. Eine all sources intelligence fusion im Rahmen aller Einsatzoptionen scheint ebenso wichtig, wie die Zentralisierung des militärischen Nachrichtenwesens an sich. Im Rahmen der Ausbildung des Führungskräftenachwuchses der Streitkräfte scheint der konsequente Hinweis notwendig, dass Operationen nur bei ausreichend vorhandenen Erkenntnissen aus dem militärischen Nachrichtenwesen Aussicht auf Erfolg im Sinne der Counterinsurgency-Ausrichtung und unter Berücksichtigung der Grundsätze haben können und nur dann strategische Ziele erreichen werden. Somit muss konsequent einsatzorientiert mit dem Ziel einer deutlichen Stärkung der taktischen Ebene militärischer Führung im Einsatz ausgebildet werden. Dem militärischen Führer muss bewusst sein, dass die Initiative der Operationsführung nur durch den aus vorhandenen Erkenntnissen des Nachrichtenwesens gegebenen Informationsvorsprung möglich ist. Dieser Artikel hat einige subjektive Erfahrungen wiedergegeben und möchte dazu anregen einen Diskurs zu starten sowie mit der Reorganisation des militärischen Nachrichtenwesens einen Grundstein für erfolgreiche Stabilisierungsoperationen zu legen. Dem Autor scheint die Trennung zwischen Nachrichtengewinnung und Aufklärung gerade für den Bereich des Militärs enorm Nachrichtengewinnung und Aufklärung 345 wichtig, da nur durch die richtige Terminologie und die Berücksichtigung evidenter Einflussfaktoren sichergestellt ist, dass jede Fähigkeit die Aufgabe erfüllt, die dem Erfolg der Operation den größten Nutzen und den höchsten Wert zuträgt. Literatur NATO (Hrsg.): Koordinierung der Nachrichtengewinnung und Steuerung des Erkenntnisbedarfs (CCIRM). Handbuch (übersetzt vom Bundessprachenamt), Hürth 2009.

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Zusammenfassung

Der Stabilisierungseinsatz in Afghanistan hat die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik so nachhaltig geprägt wie kein internationales Engagement zuvor. Der deutsche Beitrag zum Wiederaufbau des Landes war dabei von einem gesamtstaatlichen Ansatz geprägt, bei dem Sicherheit und Entwicklung ineinandergreifen sollten. Die Realität im Einsatzland stellte die deutschen Soldaten, Diplomaten, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder jedoch vor enorme Herausforderungen.

Das Ende des Mandats der internationalen Schutztruppe ISAF zum Jahreswechsel 2015 gibt Anlass, die hier gewonnenen Erfahrungen und Lehren der unterschiedlichen zivilen und militärischen Akteure festzuhalten. Vor dem Hintergrund einer bestenfalls gemischten Erfolgsbilanz, aber auch angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte an den Rändern Europas, ist eine solche Aufarbeitung des Einsatzes von außerordentlicher Relevanz.

Der Sammelband bringt eine einzigartige Vielfalt an Perspektiven von einsatzerfahrenen militärischen und zivilen Führungskräften zusammen. Abgerundet wird das Bild durch Analysen der strategischen Konzepte, die den Einsatz prägten, der Perspektive aus den einzelnen Bundesministerien sowie der persönlichen Bilanz von bedeutenden politischen Entscheidungsträgern.

Mit Beiträgen von: Phillip Ackermann, Hans-Peter Bartels, Jörg Bentmann, Christian von Blumröder, Marcel Bohnert, Axel Dohmen, Udo Ewertz, Dirk Freudenberg, Hans-Werner Fritz, Axel Gablik, Dorothea Gieselmann, Volker Halbauer, Stefan Hansen, Jannis Jost, Bruno Kasdorf, Joachim Krause, Wolfgang Lauenroth, Winfried Nachtwei, John A. Nagl, Stefan Oswald, Wolf Plesmann, Hans-Joachim Ruff-Stahl, Helge Rücker, Marcus Schaper, Ulrich Schlie, Björn Schreiber, Robin Schroeder, Hendrik Staigis, Gerald Stöter, Christine Toetzke, Christopher Urbas, Florian Wätzel und Matthias Weber.