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Stefan Gruber, Gregor Sand, 3.7 Physische Gesundheit und psychisches Wohlbefinden älterer Migranten in Europa in:

Hendrik Jürges, Johannes Siegrist, Matthias Stiehler (Ed.)

Männer und der Übergang in die Rente, page 221 - 232

Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3023-8, ISBN online: 978-3-8379-7704-2, https://doi.org/10.30820/9783837977042-221

Series: Forschung Psychosozial

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221 3.7 Physische Gesundheit und psychisches Wohlbefinden älterer Migranten in Europa Stefan Gruber & Gregor Sand Zusammenfassung Dieser Beitrag untersucht, ob sich Migrantinnen und Migranten von der einheimischen Bevölkerung der europäischen Zielländer hinsichtlich der physischen Gesundheit und des psychischen Wohlbefindens unterscheiden. Unter Nutzung der SHARE-Daten liegt hierbei der Fokus auf Personen im Alter ab 50  Jahren. Sowohl für die verwendeten Maße der physischen Gesundheit als auch für die Indikatoren des psychischen Wohlbefindens weisen migrierte Personen ungünstigere Werte auf als Einheimische. Dies gilt insbesondere für weibliche Migrantinnen aus Südeuropa. Zudem zeigen Analysen für männliche Migranten, dass es bei der Greifkraft Unterschiede nach Beschäftigungsstatus gibt. Der negative Einfluss von Migration ist bei Erwerbstätigen größer als bei Rentnern. Zusammenfassend weisen die Ergebnisse der vorliegenden Studie darauf hin, dass der in anderen Studien gefundene Gesundheitsvorteil von migrierten Personen direkt nach ihrer Ankunft im Zielland auf Dauer verschwindet und in späteren Lebensjahren sogar zu einem gesundheitlichen Nachteil wird. Physical Health and Mental Well-Being of Older Migrants in Europe This article explores the differences in physical health and mental well-being between migrants and natives of the European destination countries. Using SHARE data, the study focuses on persons aged 50 and above. The results show that compared to natives, migrants are disadvantaged in terms of physical health and mental well-being. This is especially the case among female migrants from Southern European countries. Additionally, analyses for the subsample of male migrants reveal differences in grip strength according to employment status. The negative impact of migration is larger for employed than for retired respondents. To sum up, the findings of this study indicate that the health advantage of recently arrived migrants found in other studies diminishes in the long run and even becomes a health disadvantage in later life. Einleitung In den letzten Jahrzehnten haben die Länder Europas sehr unterschiedliche Migrationsbewegungen erfahren. Während einige Länder wie die Schweiz, Belgien und Frankreich auf eine sehr lange Geschichte der Immigration zurückblicken, haben andere Länder wie Schweden, Österreich und Deutschland erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erste signifikante Immigrationserfahrungen gemacht [1]. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam es zur Vertreibung von mehr als 12 Millionen deutschstämmigen Siedlern (»Aussiedler«) in die west- oder ostdeutschen Besatzungszonen, nach Österreich oder in andere Teile Europas [2]. Zudem führten die in den 1950er und 1960er Jahren getroffenen Anwerbe- 222 Stefan Gruber & Gregor Sand abkommen zu einem starken Zuzug von sogenannten Gastarbeitern nach Deutschland, die entgegen der damaligen Erwartungen nicht in ihre Heimatländer zurückkehrten, sondern sich dauerhaft niederließen, Familien gründeten und mittlerweile integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden sind. Die Länder Südeuropas gehörten bis in die 1980er Jahre im Zuge der Gastarbeiterbewegung zu den klassischen Emigrationsländern. Auch die Länder Osteuropas sind hauptsächlich von Emigration und Transitmigration geprägt. Heute leben in der Europäischen Union rund 60 Millionen Menschen, die in einem anderen Land als ihrem Aufenthaltsland geboren sind (Stand Januar 2018). Davon sind annähernd 22 Millionen in einem anderen EU-Mitgliedsland geboren [3]. Ein weiterer Prozess, der die Struktur der europäischen Bevölkerung weitreichend beeinflusst, ist die Bevölkerungsalterung. Als das Ergebnis eines simultanen Rückgangs der Geburtenrate und eines Anstiegs der Lebenserwartung gilt sie als eine der zentralen Herausforderungen für das Europa der Zukunft. Im Jahr 2018 war bereits nahezu ein Fünftel der Bevölkerung der EU älter als 65 Jahre [4]. Dies wirkt sich auf vielfältige Weise auf die europäische Gesellschaft aus, unter anderem in Bereichen der Ökonomie, der Familien- und Haushaltsstruktur sowie der nationalen Sozialversicherungs-, Pflege- und Gesundheitssysteme. Auch hierbei zeigen sich Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedsländern. Der Altersquotient, also die Anzahl der Personen über 65 Jahren im Verhältnis zur Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren, liegt in Irland und Luxemburg bei nur knapp über 20 Prozent, wohingegen er in Griechenland bei über 34 und in Italien sogar über 35 Prozent liegt [5]. Mit einem Altersquotienten von knapp 33 hat Deutschland einen der höchsten Altersquotienten in Europa. Wie bereits King feststellt, gibt es zu wenig Forschung bezüglich der »Intersektionalitäten« zwischen Bevölkerungsalterung und Migration  [6]. Er identifiziert hierbei drei mögliche Forschungsfelder: a) Forschung zu älteren Menschen, die durch Migration zurückgelassen wurden, b) Forschung zu Personen, die im Rentenalter migrieren und c) Forschung zu Personen, die in jüngeren Jahren migriert sind und nun im Zielland altern. Die letzte Gruppe steht im Fokus der folgenden Analysen. Es wird die gesundheitliche Situation von Migrantinnen und Migranten im Alter von über 50  Jahren betrachtet, die zu einem früheren Zeitpunkt in ihrem Leben aus unterschiedlichen Herkunftskontexten migriert sind (im Durchschnitt vor mehr als 43 Jahren). Neben der physischen Gesundheit umfasst die Analyse auch das psychische Wohlbefinden der Befragten. Die überwiegende Mehrzahl der Forschungsarbeiten in diesem Themenbereich beschäftigt sich vor allem mit der gesundheitlichen Situation von jüngeren, vor Kurzem migrierten Personen. Für diese Gruppe konnte gezeigt werden, dass sie einen besseren Gesundheitszustand aufweist als die vergleichbare einheimische Bevölkerung. Die Literatur nennt dabei folgende Gründe für diesen gesundheitlichen Vorteil: a) gute körperliche Verfassung als Voraussetzung für Migration (Gesundheitsselektion), b) Migrantinnen und Migranten in schlechtem gesundheitlichen Zustand tendieren dazu, in ihr Herkunftsland zurückzukehren (der sog. »salmon bias«) und c) migrierte Personen tendieren dazu, riskantes Gesundheitsverhalten zu vermeiden  [7,  8]. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer im Ziel- 223 3.7 Physische Gesundheit und psychisches Wohlbefinden älterer Migranten in Europa land zeigt sich jedoch, dass dieser gesundheitliche Vorteil verschwindet. Dies wird vor allem mit niedrigerem Lebensstandard und schwierigeren Arbeitsbedingungen im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung sowie mit der Aneignung eines riskanteren Gesundheitslebensstils erklärt [7, 9]. Hinsichtlich des psychischen Wohlbefindens verweist die Literatur auf akkulturativen Stress, also dem Stress, der durch das Leben in einem anderen kulturellen Kontext entsteht. Dieser könnte im Vergleich zu Einheimischen zu einem niedrigeren Wohlbefinden und einer erhöhten Anzahl depressiver Symptome führen [10]. Erste Forschungsergebnisse hierzu zeigen, dass ältere Migrantinnen und Migranten in der Tat ein geringeres Wohlbefinden aufweisen als die einheimische Bevölkerung  [11]. Die vorliegende Studie trägt zu diesem Forschungsstrang bei und erweitert ihn nicht nur durch seinen Fokus auf Personen im Alter 50+, die bereits vor langer Zeit migriert sind, sondern auch durch die Einbeziehung unterschiedlicher Dimensionen der physischen Gesundheit und des psychischen Wohlbefindens. Datenbasis und methodisches Vorgehen Für die Analysen werden die Daten des »Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe« (SHARE) verwendet  [12, 13]. SHARE ist eine multidisziplinäre repräsentative Befragung der Bevölkerung im Alter  50+, die erstmals im Jahr 2004 durchgeführt wurde. In den bisherigen sieben Erhebungswellen wurden rund 140.000  Personen aus 27 europäischen Ländern sowie Israel zu ihrer gesundheitlichen, ökonomischen und sozialen Lebenssituation befragt. Von den Analysen ausgeschlossen wurde die dritte Erhebungswelle, da diese keine Paneldaten, sondern retrospektive Daten zur Lebensgeschichte der Befragten beinhaltet. Zudem wurden neben Israel aufgrund des europäischen Fokus der Studie diejenigen Zielländer ausgeschlossen, in denen der Anteil an Einwanderern unter 5  Prozent lag. Die Analyse umfasst insgesamt 14  europäische Zielländer: Österreich, Deutschland, Schweden, die Niederlande, Spanien, Frankreich, Dänemark, die Schweiz, Belgien, die Tschechische Republik, Luxemburg, Slowenien, Estland und Kroatien. Die Herkunftsländer der zugewanderten Personen wurden zu vier Herkunftsregionen zusammengefasst. Südeuropäische Migrantinnen und Migranten kommen vor allem aus Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Die Herkunftsregion Osteuropa umfasst unter anderem die russische Föderation sowie die Länder des ehemaligen Jugoslawiens. Die nord-/zentraleuropäischen Herkunftsländer umfassen neben den skandinavischen Ländern auch Großbritannien, Belgien, Österreich, Deutschland, Frankreich, Liechtenstein, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz. Zudem wurden alle außereuropäischen Herkunftsländer zu einer Gruppe zusammengefasst. SHARE ist zwar kein Datensatz, der speziell für Migrationsanalysen erstellt wird, er ermöglicht es jedoch durch die hohe Anzahl migrierter Personen und die lange Aufenthaltsdauer im jeweiligen Zielland, die Langzeitfolgen von Migration in den Blick zu nehmen. Als Migrantinnen und Migranten gelten im Folgenden diejenigen Personen, die selbst migriert sind. Nach einem deskriptiven Überblick zu Unterschieden zwischen der Gruppe der Einheimischen und der Gruppe migrierter Personen werden multiple 224 Stefan Gruber & Gregor Sand Regressionsmodelle getrennt für die unterschiedlichen Indikatoren der physischen und psychischen Gesundheit geschätzt. Die physische Gesundheit wird abgebildet anhand des subjektiv eingeschätzten Gesundheitszustandes (hier binär kodiert: sehr schlecht/schlecht vs. gut/sehr gut), der Anzahl chronischer Erkrankungen sowie der Greifkraft der Befragten gemessen in Kilogramm. Die Greifkraft ist ein objektives Maß, das vor allem für Personen in höherem Lebensalter Rückschlüsse auf Morbidität und Mortalität zulässt  [14]. Das psychische Wohlbefinden der Befragten wird mit den folgenden drei Indikatoren abgebildet: Die EURO-D Skala misst die Anzahl depressiver Symptome mit einem Minimum von 0 und einem Maximum von 12 [15]. Mit dem CASP-12 Index, der die Subskalen Kontrolle, Autonomie, Freude und Selbst-Realisierung umfasst, wird die Lebensqualität der älteren Befragten auf einer Skala von 12 bis 48 gemessen [16]. Schließlich geben die Befragten ihre allgemeine Lebenszufriedenheit anhand der »Satisfaction with Life Scale« auf einer Skala von 0 bis 10 an (siehe auch OECD Better Life Index, [17]). Ziel der multiplen Regressionsmodelle ist es, den Einfluss des Merkmals »Migration« auf die verschiedenen gesundheitlichen Indikatoren zu schätzen. Um hierbei den Einfluss möglicher Störgrößen zu reduzieren, werden in die Modelle weitere individuelle Merkmale, sogenannte Kontrollvariablen, einbezogen. Die Verwendung von Kontrollvariablen erhöht die Präzision der Analysen. Als Kontrollvariablen verwenden die Modelle die klassischen in der sozialwissenschaftlichen Gesundheitsliteratur genannten Einflussfaktoren  [18]. Neben demografischen Eigenschaften wie Geschlecht und Alter werden der Familienstand und das Vorhandensein von Kindern berücksichtigt. Zudem weist die Literatur auf gesundheitliche Unterschiede nach Bildungsstand hin [19]. Das Bildungsniveau der Befragten wird anhand der in (Aus-) Bildung verbrachten Jahre abgebildet. Auch deren Beschäftigungsstatus (z. B. erwerbstätig, im Ruhestand) wird in die Modelle einbezogen, da sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit damit zusammenhängen [20]. Die Greifkraft einer Person hängt in hohem Maße auch von deren körperlichen Voraussetzungen ab. Daher beinhalten die Modelle zu Greifkraft zusätzlich die Größe und das Gewicht der Befragten. Da der physische Gesundheitszustand eine der wichtigsten Determinanten für das psychische Wohlbefinden einer Person ist, wird in den entsprechenden Analysen das Vorliegen chronischer Erkrankungen einbezogen. Schließlich werden auch Unterschiede nach Zielländern und nach Zeitpunkt der Datenerhebung berücksichtigt. Die Ergebnisse der multiplen Regressionsmodelle werden anhand geschätzter Randmittel (engl.: predictive margins) grafisch dargestellt. Diese präsentieren die durch das Modell geschätzten Werte der jeweiligen abhängigen Gesundheitsvariable für die einzelnen Ausprägungen des unabhängigen Faktors Migration unter statistischer Kontrolle der oben beschriebenen Merkmale. Zunächst werden für die unterschiedlichen physischen Gesundheitsmaße die Randmittel für Frauen und Männer geschätzt, um etwaige geschlechtsspezifische Unterschiede zu identifizieren. Im Anschluss werden entsprechende Modelle für die Maße des psychischen Wohlbefindens gerechnet. Die hohe Fallzahl in den SHARE-Daten ermöglicht es, hierbei nicht nur zwischen 225 3.7 Physische Gesundheit und psychisches Wohlbefinden älterer Migranten in Europa migrierten und nicht-migrierten Personen zu unterscheiden, sondern auch nach Herkunftsregionen der migrierten Personen. Schließlich werden die Modelle auf die Gruppe der männlichen Migranten beschränkt um zu untersuchen, inwiefern sich Unterschiede nach Beschäftigungsstatus zeigen. In diesen Modellen wird aufgrund der geringeren Fallzahlen nicht mehr nach Herkunftsregionen differenziert. Ergebnisse Das Analysesample umfasst insgesamt 147.144  Beobachtungen, wobei der Anteil der Einwanderer bei etwas mehr als 10  Prozent liegt (n  = 15.109). Hinsichtlich der demografischen Merkmale zeigt sich in Tabelle 1, dass Einheimische etwas älter sind und dass der Anteil an männlichen Befragten unter Einheimischen leicht höher ist als in der Gruppe Tabelle 1: Deskriptive Verteilung nach Einheimischen und Zugewanderten. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf SHARE Daten, Release 7.0.0.* p < 0,05; ** p < 0,01; *** p < 0,001 Einheimische Zugewanderte Differenz Alter 65,6 65,2 0,4*** Männlich 46% 44% 1,7*** Familienstand: Verheiratet/eingetragene Partnerschaft 71% 70% 1,1** Nie verheiratet 6% 5% 1,3*** Geschieden/getrennt lebend 11% 13% -1,7*** Verwitwet 12% 13% -0,6* Kinder j/n 91% 91% 0,1 Bildungsjahre 11,5 11,4 0,1** Beschäftigungsstatus: Im Ruhestand 57% 55% 2,5*** Angestellt/Selbständig 29% 30% -0,2 AL/dauerhaft krank/Hausarbeit/Sonst. 14% 16% -2,3*** Herkunftsregion: Nord-/Zentraleuropa 24% Osteuropa 45% Südeuropa 10% Außerhalb Europas 21% Subjektive Gesundheit (schlecht/sehr schlecht) 32% 42% -9,7*** Greifkraft (in kg) 34,9 33,7 1,2*** Anzahl chronischer Krankheiten 1,1 1,2 -0,1*** Anzahl depressiver Symptome (EURO-D) [0; 12] 2,2 2,6 -0,4*** Lebensqualität (CASP-Index) [12; 48] 38,7 37,5 1,1*** Lebenszufriedenheit [0; 10] 7,8 7,5 0,3*** N 132.035 15.109 226 Stefan Gruber & Gregor Sand der Zugewanderten. Zudem weisen Einheimische eine im Mittel leicht höhere Anzahl an Bildungsjahren und einen höheren Anteil von Rentnern und Rentnerinnen auf. Betrachtet man nur die Gruppe der Zuwanderer, so zeigt sich, dass mit 45  Prozent die Mehrzahl aus einem osteuropäischen Land stammt. Für die Zielländer Deutschland und Österreich dürfte ein hoher Anteil von (Spät-) Aussiedlern zu der Gruppe der Zuwanderer aus Osteuropa gehören. Hinsichtlich der Gesundheitsvariablen zeigen sich teils deutliche Unterschiede zwischen den Einheimischen der europäischen Zielländer und der Gruppe der Zugewanderten. In allen drei Maßen zur physischen Gesundheit schneiden Migrantinnen und Migranten signifikant schlechter ab als Einheimische. Der Anteil derer, die ihren Gesundheitszustand als schlecht oder sehr schlecht einstufen, ist unter migrierten Personen deutlich höher. Zudem haben sie eine im Durchschnitt niedrigere Greifkraft und eine leicht höhere Anzahl chronischer Erkrankungen. Auch bei Indikatoren des psychischen Wohlbefindens schneiden migrierte Personen schlechter ab. Sie weisen eine im Schnitt höhere Anzahl depressiver Symptome, eine niedrigere Lebensqualität und eine geringere Lebenszufriedenheit auf als Einheimische. Hier sind die deskriptiven Unterschiede zwischen den beiden Gruppen für alle drei Maße ebenfalls signifikant. Die Abbildungen 1 bis 3 zeigen die geschätzten Randmittel für die Maße der physischen Gesundheit jeweils getrennt für Frauen (n  = 80.364) und Männer (n  = 66.780). Bei allen drei physischen Gesundheitsindikatoren zeigt sich, dass nord- und zentraleuropäische Migrantinnen und Migranten sich nicht signifikant von Einheimischen unterscheiden. Hinsichtlich des subjektiven Gesundheitszustandes (Abb.  1) schätzen sowohl bei Männern als auch bei Frauen ost-, südund außereuropäische Migrierte ihren Gesundheitszustand signifikant schlechter ein als Einheimische. Was deren Greifkraft angeht, zeigen sich in diesen drei Gruppen neben den geschlechtsbedingten Niveauunterschieden vergleichbare Werte zur einheimischen Bevölkerung (Abb. 2). Substanziell ist der Unterschied bei männlichen außereuropäischen Migranten, die einen um mehr als 2  Kilogramm niedrigeren Wert aufweisen als männliche Einheimische. Bei der Anzahl chronischer Erkrankungen (Abb.  3) zeigen sich die deutlichsten Unterschiede bei Frauen. Gegenüber Einheimischen haben vor allem Migrantinnen aus Osteuropa eine substanziell höhere Anzahl chronischer Erkrankungen. Hinsichtlich der Maße des psychischen Wohlbefindens zeigt sich zunächst, dass die Anzahl depressiver Symptome bei Migrantinnen und Migranten signifikant höher ist als bei Einheimischen (Abb. 4). Die einzige Ausnahme hierbei sind männliche Migranten aus Nord- und Zentraleuropa. Die deutlichste Differenz zu Einheimischen weisen weibliche Migrantinnen aus Südeuropa auf, die selbst unter Kontrolle der weiteren Merkmale rund 0,7 Symptome mehr berichten als einheimische Frauen. Dies spiegelt sich auch in den Modellen zur Lebensqualität wieder (Abb.  5). Frauen aus Südeuropa berichten eine um annähernd 2 CASP-Punkte niedrigere Lebensqualität als einheimische Frauen. Bei männlichen Befragten weisen neben südeuropäischen auch außereuropäische Migranten eine um ca. 1,5 CASP-Punkte deutlich niedrigere Lebensqualität auf als einheimische Männer. Bezüglich der Lebenszufriedenheit zeigt sich ein relativ ähnliches Bild  (Abb.  6). 227 3.7 Physische Gesundheit und psychisches Wohlbefinden älterer Migranten in Europa Abbildung 1: Geschätzte Randmittel für schlecht/sehr schlecht eingeschätzte Gesundheit von Männern und Frauen nach Herkunftsregion. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf SHARE- Daten, Release 7.0.0 Abbildung 2: Geschätzte Randmittel für die Greifkraft von Männern und Frauen nach Herkunftsregion. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf SHARE Daten, Release 7.0.0 Abbildung 3: Geschätzte Randmittel für chronische Krankheiten von Männern und Frauen nach Herkunftsregion. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf SHARE Daten, Release 7.0.0 228 Stefan Gruber & Gregor Sand Abbildung 4: Geschätzte Randmittel für depressive Symptome von Männern und Frauen nach Herkunftsregion. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf SHARE- Daten, Release 7.0.0 Abbildung 5: Geschätzte Randmittel für die Lebensqualität von Männern und Frauen nach Herkunftsregion. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf SHARE- Daten, Release 7.0.0 Abbildung 6: Geschätzte Randmittel für die Lebenszufriedenheit von Männern und Frauen nach Herkunftsregion. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf SHARE- Daten, Release 7.0.0 229 3.7 Physische Gesundheit und psychisches Wohlbefinden älterer Migranten in Europa Außereuropäische Männer und südeuropäische Frauen berichten die im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung niedrigste allgemeine Lebenszufriedenheit. Der letzte Analyseschritt überprüft, inwiefern für männliche Befragte der Einfluss einer Migration interagiert mit dem Beschäftigungsstatus (im Ruhestand befindlich oder erwerbstätig). Bei der subjektiven Einschätzung des Gesundheitszustandes und der Anzahl chronischer Erkrankungen zeigen sich keine signifikanten Unterschiede nach Migration, weder bei Erwerbstätigen noch bei Rentnern. Auf die Darstellung der Ergebnisse wird daher verzichtet. Die Greifkraft ist der einzige Indikator der physischen Gesundheit, bei dem sich signifikante Unterschiede zeigen (Abb.  7). Dabei weisen männliche Migranten niedrigere Werte auf als Einheimische. Mit über einem Kilogramm ist der Unterschied bei Erwerbstätigen nahezu doppelt so groß wie bei Rentnern. Bei den Indikatoren des psychischen Wohlbefindens zeigen sich keine substanziellen Unterschiede hinsichtlich der Anzahl depressiver Symptome und der Abbildung 7: Geschätzte Randmittel für die Greifkraft der männlichen Einheimischen und Migranten nach Beschäftigungsstatus. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf SHARE- Daten, Release 7.0.0 Abbildung 8: Geschätzte Randmittel für die Lebensqualität der männlichen Einheimischen und Migranten nach Beschäftigungsstatus. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf SHARE- Daten, Release 7.0.0 230 Stefan Gruber & Gregor Sand Lebenszufriedenheit. Nur bei der Lebensqualität weisen männliche Migranten signifikant niedrigere Werte auf als einheimische Männer, wobei der Unterschied von circa 0,5  CASP-Punkten relativ gering ist und bei Rentnern in etwa dem Unterschied bei Erwerbstätigen entspricht (Abb. 8). Abschließend soll bezüglich der verwendeten Regressionsmethoden noch erwähnt werden, dass diese es zwar ermöglichen, gruppenspezifische Unterschiede zu analysieren, jedoch adressieren sie nicht, dass Migration selektiv stattfindet. Insofern sind die Ergebnisse der vorgestellten Analysen als deskriptiv einzustufen. Rückschlüsse auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Migration und den verwendeten gesundheitlichen Merkmalen lassen sich auf Basis dieser Modelle nicht ziehen. Schlussfolgerung Sowohl was die physische Gesundheit als auch das psychische Wohlbefinden betrifft, zeigen die Ergebnisse, dass ältere Migrantinnen und Migranten eine vulnerable Gesellschaftsgruppe darstellen. Die vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass der gesundheitliche Vorteil von Zugewanderten gegenüber Einheimischen der Zielländer, der in der Literatur in der Phase direkt nach der Migration beobachtet wird, sich im Zeitverlauf nivelliert und sogar zu einem gesundheitlichen Nachteil wird. Auch in ihrem psychischen Wohlbefinden weisen Zugewanderte ein niedrigeres Niveau auf als Einheimische. Vergleicht man die Ergebnisse für weibliche und männliche Befragte, so ist der Abstand der weiblichen Migrantinnen zur einheimischen Bevölkerung größer als bei männlichen Migranten. Am deutlichsten ist der Unterschied bei Migrantinnen aus südeuropäischen Ländern. Bei den Analysen nach Beschäftigungsstatus zeigt sich, dass der Unterschied in der Greifkraft zwischen männlichen Migranten und Einheimischen bei Erwerbstätigen größer ist als bei Rentnern. Dieses Ergebnis weist möglicherweise auf die spezifische Arbeitssituation männlicher Migranten dieser Generation hin, die in ihrer beruflichen Tätigkeit häufig schwere körperliche Arbeit leisten mussten. Die genauen Hintergründe für die benachteiligte gesundheitliche und psychische Situation von älteren Migrantinnen und Migranten können im Rahmen der vorliegenden Analysen nicht benannt werden. Wahrscheinlich ist, dass eine Kombination der in der Literatur genannten Faktoren zu diesem Ergebnis führt: akkulturativer Stress, schwierigere Arbeitsbedingungen als die einheimische Bevölkerung und eine vergleichsweise schwierigere ökonomische Situation. Letzteres haben wir anhand der SHARE- Daten mit einer zusätzlichen Analyse überprüft, welche die finanzielle Situation der Befragten als weitere Kontrollvariable berücksichtigt. In der Tat zeigt sich, dass migrierte Personen finanziell deutlich schlechter gestellt sind als Einheimische und dass die statistische Kontrolle den Einfluss von Migration auf die verschiedenen Gesundheitsmaße verringert. Weiterhin weist die Literatur darauf hin, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung für Migrantinnen und Migranten nicht in gleichem Maß gegeben ist wie für die einheimische Bevölkerung. Struktur und Angebote des Gesundheitssystems sind meist auf die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft ausgerichtet, was dazu führt, dass Zugewanderte und ihre Angehörigen aus dem Raster der Angebote herausfallen [21]. Hier ist ein 231 3.7 Physische Gesundheit und psychisches Wohlbefinden älterer Migranten in Europa Handlungsbedarf aufseiten der Zielländer gegeben. Es ist in deren Interesse, die Gesundheit und das Wohlbefinden von zugewanderten Personen zu verbessern, denn dadurch kann eine bessere Identifikation mit dem Zielland und eine bessere Akkulturation ermöglicht werden  [22]. Zudem zeigt die Forschung, dass sich die Kosten für die Gemeinschaft verringern, da gesunde und zufriedene Migrantinnen und Migranten mehr zur Gesellschaft beitragen und weniger Abhängigkeit von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen aufweisen [23, 24]. Literatur 1 Penninx R, Berger M, Kraal K (Hrsg.). The Dynamics of International Migration and Settlement in Europe. 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Dr. Stefan Gruber Ausgeübte Tätigkeit: Wissenschaftlicher Mitarbeiter des SHARE Database Management Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Langzeitfolgen von Migration, gesundheitliche Ungleichheit Adresse: Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik; Munich Center for the Economics of Aging, Amalienstr. 33, 80799 Muenchen E-Mail: gruber@mea.mpisoc.mpg.de Dr. Gregor Sand Ausgeübte Tätigkeit: Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei SHARE Operations Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Langzeitfolgen von Migration Adresse: Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik; Munich Center for the Economics of Aging, Amalienstr. 33, 80799 München E-Mail: sand@mea.mpisoc.mpg.de

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Schlagworte

Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter

References

Zusammenfassung

Bis zum Jahr 2050 wird es etwa 23 Millionen über 65-Jährige in Deutschland geben. Dadurch wird es gesellschaftlich wie individuell zunehmend notwendig, gute Voraussetzungen für das Rentenalter als Lebensphase zu schaffen. Um es bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen, sollte bereits die Zeit vor dem Übergang zur Vorbereitung genutzt werden. Insbesondere Männer, die sich oft stark mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren, sind gefordert, ein hohes Gesundheitspotenzial und gute soziale Bedingungen verantwortungsbewusst aufzubauen.

Der Vierte Deutsche Männergesundheitsbericht setzt bei einer fundierten Bestandsaufnahme der Situation der Männer zwischen 55 und 74 Jahren an. Aus ihr ergeben sich wichtige Themen für die Politik, für die Soziale Arbeit und für den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt: die Situation der Erwerbsarbeit zehn Jahre vor der Berentung, die Übergangsphase sowie gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt.

Mit Beiträgen von Doris Bardehle, Eric Bonsang, Daniela Borchart, Martina Brandt, Jennifer Burchardi, Christian Deindl, Dina Frommert, Freya Geishecker, Siegfried Geyer, Stefan Gruber, Felizia Hanemann, Hans Martin Hasselhorn, Moritz Hess, Jens Hoebel, Hanno Hoven, Rainer Jordan, Hendrik Jürges, Theo Klotz, Adèle Lemoine, Michal Levinsky, Howard Litwin, Peggy Looks, Thorsten Lunau, Ingrid Mayer-Dörfler, Anne Maria Möller-Leimkühler, Niels Michalski, Bernhard Mühlbrecht, Laura Naegele, Nikola Ornig, Kathleen Pöge, Jean-Baptist du Prel, Gregor Sand, Alina Schmitz, Johannes Siegrist, Stefanie Sperlich, Anne Starker, Matthias Stiehler und Morten Wahrendorf

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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter