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Siegfried Geyer, Stefanie Sperlich, 1.2 Zeitliche Trends in Morbidität und Gesundheit bei Männern in Deutschland in:

Hendrik Jürges, Johannes Siegrist, Matthias Stiehler (ed.)

Männer und der Übergang in die Rente, page 31 - 44

Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3023-8, ISBN online: 978-3-8379-7704-2, https://doi.org/10.30820/9783837977042-31

Series: Forschung Psychosozial

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31 1.2 Zeitliche Trends in Morbidität und Gesundheit bei Männern in Deutschland Siegfried Geyer & Stefanie Sperlich Zusammenfassung Die Entwicklung von Gesundheit und Morbidität in der Bevölkerung wird neben Fortschritten in der Medizin maßgeblich durch gesellschaftliche Prozesse, wie der Bildungsexpansion, Veränderungen der Erwerbsbeteiligung und Arbeitsbedingungen beeinflusst. James Fries prädizierte 1980 mit seiner These der Morbiditätskompression eine Verschiebung des Eintrittsalters von Erkrankungen in höhere Altersgruppen, und er nahm an, dass die Erkrankungsraten durch verbesserte primäre Prävention sinken würden. Als Gegenposition formulierte Gruenberg bereits 1977 seine These der Morbiditätsexpansion. Demnach wird sich durch Fortschritte der Medizin die im Zustand von Krankheit verbrachte Zeit verlängern, und die Erkrankungsraten werden steigen. Vor dem Hintergrund dieser beiden konträren Positionen bilanziert der vorliegende Beitrag die empirische Evidenz zur zeitlichen Entwicklung ausgewählter Erkrankungen sowie der subjektiven Gesundheit und gesundheitsbezogenen Lebensqualität in der männlichen Bevölkerung in Deutschland. Dafür werden ausgewählte Ergebnisse zu Herzinfarkt, Lungenkrebs und Typ-2-Diabetes auf der Basis von GKV-Daten vorgestellt, die zeitlichen Trends bezüglich subjektiver Gesundheit basieren auf Surveydaten. Die Befunde deuten für Herzinfarkt und Lungenkrebs auf eine Reduktion der Neuerkrankungsraten und eine zeitliche Verschiebung des Erkrankungseintritts ins höhere Alter hin, was für eine Kompression der Morbidität spricht. Demgegenüber zeichnet sich für Typ-2-Diabetes eine Verlagerung des Alters bei Diagnosestellung in jüngere Altersgruppen und eine Zunahme der Neuerkrankungsraten ab. In der subjektiven Gesundheitseinschätzung weisen die Befunde insgesamt auf einen moderaten positiven Trend hin. Gleichzeitig legen die vorliegenden Studien nahe, dass sich die Gesundheitstrends in Abhängigkeit von der betrachteten Altersgruppe unterscheiden. Deutliche Verbesserungen in der subjektiven Gesundheit zeigen sich vor allem nach dem Erreichen des offiziellen Renteneintrittsalters, während der positive Trend im späten Erwerbsleben und im jüngeren Erwachsenenalter deutlich schwächer ausfällt. Auch die Evidenz zur zeitlichen Entwicklung sozialer Ungleichheit für ausgewählte Erkrankungen weist in unterschiedliche Richtungen. Bei Lungenkrebs gibt es Hinweise auf eine Ausweitung einkommens- und bildungsbezogener Unterschiede, während die Befunde für Herzinfarkt auf eine Verringerung sozialer Unterschiede hindeuten. Im Hinblick auf die selbst eingeschätzte Gesundheit deuten die vorliegenden Befunde trotz Public-Health-Bemühungen auf eine Stabilität gesundheitlicher Ungleichheit hin. Insgesamt weisen die bisherigen Studien aus Deutschland darauf hin, dass die Frage, ob nachfolgende Männer-Kohorten in Deutschland gesünder altern, nicht pauschal beantwortet werden kann. Vielmehr muss sie spezifisch für unterschiedliche Krankheits- und 32 Siegfried Geyer & Stefanie Sperlich Gesundheitsmaße und Lebensphasen beantwortet werden. Temporal Trends of Morbidity and Health of Men in Germany The temporal development of health and morbidity in the population is determined by the advancement of medicine, but also by societal processes such as educational expansion, changes in labour market participation and working conditions. In 1980 James Fries formulated his hypothesis of morbidity compression. It assumes that the age at onset of disease and disability will be postponed into higher age groups and that disease rates will decrease due to improved primary prevention. Against the backdrop of advancements in medicine, Gruenberg formulated a contrasting hypothesis in 1977 already, stating that the time spent in states of disease and disability will become longer, and disease rates will increase. With these two hypotheses in mind, the present chapter summarizes the empirical evidence of the development of frequently occurring diseases and of self-rated health in the male population in Germany over time. The results on selected diseases are based on routine data from a German statutory health insurance, while results on self-rated health are based on German surveys. For myocardial infarction and for lung cancer, evidence was found for reductions of incidence rates and for the postponement of disease onsets, thus pointing towards morbidity compression. For type 2 diabetes, it was found that disease rates were increasing, and the age at diagnosis was shifted downwardly. A positive trend emerged for self-rated health, but the trends turned out to be different as dependent on the age groups considered. Improvements were found after transition into retirement while this development was less pronounced in younger age groups. Evidence for health inequalities was also not consistent. For the case of lung cancer, social gradients such as income and education have widened over time, while in myocardial infarction, they were narrowing in terms of income. In a long-term perspective, no significant changes were reported for self-rated health. Taken together, data from Germany are not uniformly pointing towards morbidity compression. The question for the development of health in different age cohorts has to be considered with reference to periods of life and to specific measures of health and disease. Einleitung zum Thema In Deutschland hat sich die Zahl der Lebensjahre, die Jungen bei Geburt erwarten können, in den letzten Jahrzehnten deutlich erhöht. Sie liegt bei derzeit 78,5 Jahren mit einem Anstieg von etwa 1,2 Monaten pro Jahr  [1]. Angesichts dieser demografischen Entwicklung stellt sich die Frage, ob die gewonnene Lebenszeit vornehmlich im Zustand von Erkrankung verbracht wird oder aber sie mit einer Zunahme gesunder Lebensjahre verbunden ist. Für die langzeitliche Entwicklung der Morbidität wurde bereits in den 1970er Jahren die Hypothese formuliert, dass Fortschritte der Medizin zu einer Verlängerung der Zeiten im Zustand von Krankheit führen, weil Menschen durch verbesserte Versorgung überleben, die vormals mangels geeigneter Behandlungsmöglichkeiten verstorben wären [2]. Die Gegenposition postuliert, dass verbesserte primäre Prävention sowie verbesserte Lebensbedingungen zu einer Verringerung von Erkrankungsraten sowie zu einer Verschiebung des Alters bei Krankheitseintritt führen [3]. In der folgenden Darstellung wird die Morbiditätsentwicklung bei Männern in Deutschland anhand von exemplarischen Erkrankungen sowie der 33 1.2 Zeitliche Trends in Morbidität und Gesundheit bei Männern in Deutschland subjektiven Einschätzung der Gesundheit betrachtet. Mit Herzinfarkt, Lungenkrebs und Typ-2-Diabetes werden Erkrankungen in den Blick genommen, die einen wesentlichen Teil des Geschehens bei chronischen Erkrankungen ausmachen. Die subjektiv eingeschätzte Gesundheit ist ein in der Sozialepidemiologie häufig verwendeter Indikator, um allgemeine Gesundheit und die wahrgenommene gesundheitsbezogene Lebensqualität auf der Bevölkerungsebene zu erfassen [4]. Die in der Folge beschriebenen Ergebnisse basieren auf nationalen Surveys sowie den Daten einer gesetzlichen Krankenkasse (GKV), die im Rahmen eines Projekts zur Untersuchung der langzeitlichen Morbiditätsentwicklung verwendet werden [5]. Die Morbiditätsentwicklung bei spezifischen Erkrankungen Für die langzeitliche Entwicklung spezifischer Erkrankungen gibt es für Deutschland kaum aussagekräftige Informationen. GKV-Daten decken nicht die gesamte Breite der Sozialstruktur ab, da Beamte, viele Freiberufler und Bezieher hoher Einkommen oberhalb der Versicherungspflichtgrenze (im Jahr 2019 ein Bruttoeinkommen pro Jahr von 60.750 €) nicht mehr in der GKV versichert sind [6, 7]. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind die Erkrankungshäufigkeiten in den GKV-Daten erhöht. Sie bieten jedoch die eher seltene Möglichkeit, Morbidität auch nach sozialstrukturellen Merkmalen differenziert für längere Zeiträume und anhand großer Fallzahlen zu untersuchen. Herzinfarkt ist eine der häufigsten Erkrankungen, deren Auftreten sich bei Männern im Alter von 18  Jahren und darüber über die Zeit kontinuierlich verringert hat. Diese Abnahme betrifft nicht nur Deutschland, sondern eine Vielzahl europäischer Länder mit hohen Einkommensniveaus [8]. In den GKV-Daten zeigten sich für die Jahre 2006 bis 2017 kontinuierlich abnehmende Raten, die im Jahr 2017 bei 69 % des Vergleichsjahrs 2006 lagen. Wenn die Entwicklungen der Herzinfarkte und der auf Altersgruppen bezogenen Sterblichkeit gemeinsam betrachtet werden, sank beides über die Zeit ab. Beim Herzinfarkt verlief sie auf einem niedrigeren Niveau, und der größte Teil entfiel auf die Altersgruppe zwischen dem 70. und dem 79.  Lebensjahr  [9]. Beide Entwicklungen zusammengenommen entsprechen einer Kompression der Morbidität [5]. Veränderungen in den Raten des Auftretens wurden zudem in Abhängigkeit vom Einkommen betrachtet  [5]. Hier zeigte sich, dass im oberen Drittel der Einkommensverteilung keine Veränderungen stattfanden, im mittleren und unteren Drittel gab es für 2017 jedoch deutliche Reduzierungen auf 50 % des Ausgangsniveaus. Da es zwischen den Einkommensgruppen Unterschiede in den absoluten Risiken gab, näherten sich die Einkommensgruppen einander an, die gesundheitlichen Ungleichheiten werden damit geringer. Die ausbleibenden Veränderungen im oberen Einkommensdrittel sind vor dem Hintergrund zu interpretieren, dass in dieser Gruppe die Herzinfarktraten am niedrigsten sind und sich die Frage stellt, in welchem Maß weitere Reduzierungen erreicht werden können. Der zweite Aspekt der Morbiditätsentwicklung betrifft das Alter beim Auftreten der Erkrankung. Wird das Alter über die betrachteten Jahre gemittelt, ergibt sich ein Durchschnittsalter von 66,2  Jahren. Wird wiederum das Jahr 2006 als Bezugspunkt gewählt, stieg das mittlere Alter bei Eintritt eines Herzinfarkts bis 2017 um 34 Siegfried Geyer & Stefanie Sperlich fast 14  Monate an, der mittlere Anstieg pro Beobachtungsjahr lag bei 1,3  Monaten. Dieser Anstieg ist stärker als die Zunahme des durchschnittlichen Sterbealters, es handelt sich bei diesen Veränderungen also ebenfalls um eine Kompression der Morbidität. Die Gründe dieser Entwicklungen können mit den GKV-Daten nicht direkt erfasst werden. Da Herzinfarkte nicht nur eine mögliche Ursache haben, sind langzeitliche Veränderungen unterschiedlicher gesundheitsbezogener Verhaltensweisen zu betrachten, die im Sinne von Fries präventive Effekte haben können. Surveystudien aus Deutschland haben gezeigt, dass sich der Anteil der Bevölkerung, der angibt, sich regelmäßig zu bewegen oder Sport zu treiben, über die Zeit erhöht hat, obwohl die Befunde nicht durchgängig in die gleiche Richtung zeigen  [10, 11]. Informationen zur Ernährung sind ebenfalls lückenhaft. Daten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung lassen aber darauf schließen, dass sich der Fleischkonsum von 1991 bis 2017 insgesamt verringert hat  [12]. Das Rauchverhalten als Risikofaktor für Herzinfarkt hat sich zwischen 1998 und 2015 in Richtung einer Reduzierung des Nikotinkonsums verändert  [13], wobei es deutliche Veränderungen nach Geburtskohorten und Berufsgruppen gibt [14]. Zu Arbeitsbelastungen als starkem psychosozialen Risikofaktor gibt es nur wenige Ergebnisse zu Veränderungen, Daten des Deutschen Alterssurveys deuten jedoch auf eine Zunahme über die Zeit hin [15]. Lungenkrebs ist eine Erkrankung, die zum überwiegenden Teil Raucherinnen und Raucher trifft. Lediglich ein Anteil zwischen neun und 15 % lässt sich auf andere krebserregende Expositionen zurückführen  [16]. Der Diagnosestellung geht in der Regel eine lange Entwicklungsphase unentdeckten Tumorwachstums voraus. Deshalb sind aktuell entdeckte Fälle das Ergebnis von Expositionen, die Jahrzehnte zurückliegen können. Abgesehen von Fällen mit schweren Symptomen kann der Zeitpunkt der Diagnosestellung von Zufällen bestimmt sein, z. B. die Inanspruchnahme einer Vorsorgeuntersuchung. Eine Rolle spielt auch die Toleranz für Symptome, das Ignorieren von Krankheitsanzeichen oder Fehldiagnosen. Wie in nationalen und internationalen Studien weist das Lungenkrebsauftreten auch in den GKV-Daten eine deutliche Überrepräsentanz bei Männern auf (68,3 %). Zwischen 2006 und 2017 reduzierte sich die Lungenkrebsrate um 31 %, und die standardisierten Sterberaten an allen Todesursachen verringerten sich im gleichen Ausmaß. Dieser Befund ist so zu interpretieren, dass gesunde Lebenszeit gewonnen wurde, dass Morbiditätskompression stattgefunden hat [5]. Im Hinblick auf die zeitliche Entwicklung sozialer Ungleichheiten nach Beruf, Einkommen und Bildung zeigten sich die stärksten Unterschiede beim Einkommen, obwohl sie auch bei den beiden anderen Indikatoren auftraten. Bei der Betrachtung über die Zeit vergrößerten sich bei Männern die sozialen Gradienten nach Einkommen, wobei es während der beruflich aktiven Phase nur wenige Veränderungen gab. Nach der Berentung nahmen die sozialen Unterschiede jedoch deutlich zu. Bei detaillierter Betrachtung lässt sich diese Entwicklung auf die Verringerung der Raten bei Männern mit mittleren und höheren Einkommen zurückführen [17]. Über alle Jahre summiert betrug das mittlere Alter bei Diagnose bei Männern 68,4  Jahre. Der Anstieg über die Jahre in Relation zum Niveau des Jahres 35 1.2 Zeitliche Trends in Morbidität und Gesundheit bei Männern in Deutschland 2006 betrug 11,8  Monate. Die Daten weisen auch bei Lungenkrebs auf eine Kompression der Morbidität hin. Studien zum langzeitlichen Rauchverhalten zeigen, dass der Anteil an Männern, die jemals geraucht hatten, in den Jahrgängen 1930 bis 1934 mit 75 % ein Maximum erreichte, um in den Geburtskohorten 1940 bis 1955 auf etwa 65 % zu sinken. Bei den 1980 bis 1984 geborenen Männern lag der entsprechende Anteil bei etwa 60 %, um in den folgenden Geburtsjahrgängen weiter abzusinken  [13]. In diesem Zusammenhang wäre zu klären, wie sich das Risiko von Ex-Raucherinnen und -Rauchern über die Zeit entwickelt. Die Datenlage ist jedoch nicht eindeutig, denn neben der Zahl der Jahre des Rauchens und der Menge gerauchter Zigaretten spielen auch Art und Intensität des Rauchens eine Rolle, die sich international jedoch stark unterscheiden. Nach japanischen Studien halbierte sich das Lungenkrebsrisiko nach 10–15  Jahren Abstinenz [18]. Betrachtet man die Raucherinnen- und Raucherquoten über die Lebensjahre hinweg, nimmt der Anteil aktueller Raucherinnen und Raucher mit dem Lebensalter ab. Es ist jedoch nicht geklärt, ob diese Entwicklung als Reaktion auf zunehmende gesundheitliche Einschränkungen zu verstehen ist oder ob es sich hier um einen Selektionseffekt handelt, der sich aus dem vorzeitigen Versterben der Raucherinnen und Raucher an diversen Erkrankungen (z. B. chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung, Lungenkrebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen) ergibt. Typ-2-Diabetes ist ebenfalls eine Erkrankung, die bei Diagnose bereits eine lange präklinische Phase durchlaufen hat. Die Frühphase ist symptomfrei und auftretende Krankheitsanzeichen können für eine bestimmte Zeit toleriert werden. Obwohl auch Typ-2-Diabetes vorwiegend eine Erkrankung des höheren Lebensalters ist, hat sie international in den letzten Jahren insbesondere im jüngeren Erwachsenenalter erheblich zugenommen. Ein niedriges Erkrankungsalter bedeutet in der Folge eine lange Zeit im Zustand von Krankheit, was die Risiken für Komorbiditäten erhöht und die Lebenserwartung entsprechend verringert. Nach einer amerikanischen Studie hat die Neuerkrankungsrate unterhalb des 20.  Lebensjahrs in den letzten Jahren deutlich zugenommen. So lag sie in den Jahren 2002/2003 bei 9 auf 100.000  Gleichaltrige und stieg in den Jahren 2011/2012 auf 12,5 auf 100.000 an, was einer jährlichen Zuwachsrate von 7,1 % entspricht [19]. Die internationalen Zahlen sprechen im Gegensatz zu den oben dargestellten Erkrankungen eher für eine Morbiditätsexpansion. Auf der Basis von GKV-Daten der Jahre 2005 bis 2014 wurden Veränderungen des Erkrankungsauftretens über die Zeit beobachtet. Die Prävalenz von Typ-2-Diabetes stieg in der beobachteten Zeitperiode von 10,7 % auf 14,4 %. Bei Differenzierung dieser Entwicklung nach Altersgruppen zeigte sich, wie in internationalen Daten auch, dass sich bei den 18bis 39-Jährigen das Alter bei Diagnose des Typ-2-Diabetes auf der Altersachse nach unten verschoben hat, während es in den darüber liegenden Altersgruppen keine Veränderungen gab. Insgesamt zeigte sich bei Typ-2-Diabetes im Gegensatz zu den anderen hier betrachteten Erkrankungen eine Expansion der Morbidität, die im Wesentlichen durch eine Zunahme der Prävalenz in den unteren Altersgruppen angetrieben wurde. In der internationalen Literatur wird davon ausgegangen, dass potenziell ungünstige Verhaltensweisen für diese 36 Siegfried Geyer & Stefanie Sperlich Verschiebung verantwortlich sind. Dies betrifft hauptsächlich eine ungesunde Ernährung und wenig körperliche Bewegung/Sport. Die zunehmende Zeit im Zustand der Erkrankung in den höheren Altersgruppen (also ein längeres Krankheitsüberleben) lässt sich durch verbesserte therapeutische Maßnahmen sowie durch Schulung der Patientinnen und Patienten erklären. Es finden sich also an den beiden Enden der Altersverteilung unterschiedliche Treiber der Entwicklung. In weiteren Untersuchungen wird zu klären sein, ob die bei Typ-2-Diabetes zu erwartenden Komorbiditäten sich über die Zeit verringern. Zeitliche Entwicklungen der subjektiv eingeschätzten Gesundheit Ergänzend zu den Morbiditätstrends für spezifische Erkrankungen wird im Folgenden die zeitliche Entwicklung der subjektiven Gesundheit von Männern in den Blick genommen. Im Unterschied zum »objektiven« Gesundheitszustand, der über medizinische Parameter bestimmt wird, bildet die subjektive Gesundheit ab, wie Menschen ihre Gesundheit individuell erleben und bewerten. In die Beurteilung der subjektiven Gesundheit fließt auch der objektive Gesundheitszustand ein, darüber hinaus wird sie jedoch auch vom psychosozialen Wohlbefinden und von der persönlichen Lebenszufriedenheit beeinflusst  [4]. Die subjektive Gesundheit ist fester Bestandteil vieler bevölkerungsbezogener Studien und kann über verschiedene Indikatoren erfasst werden. Im Folgenden werden deutsche Studienergebnisse zur zeitlichen Entwicklung der Einschätzung des eigenen Gesundheitszustands sowie zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität bilanziert. Beide Indikatoren weisen eine gemeinsame Schnittmenge auf, bilden aber unterschiedliche Aspekte des subjektiven Gesundheitserlebens ab. Die subjektive Gesundheitseinschätzung wird häufig mit einer einzelnen Frage mit fünf Ausprägungen von »sehr gut« bis »sehr schlecht« erfasst. Demgegenüber berücksichtigt die gesundheitsbezogene Lebensqualität als mehrdimensionales Konstrukt verschiedene Bereiche, wie körperliche, emotionale, psychische und soziale Aspekte des Wohlbefindens und die Funktionsfähigkeit im Alltag. Bisherige Studien verweisen auf eine ausgeprägte Altersabhängigkeit in der Bewertung der subjektiven Gesundheit. Analog zur Zunahme chronischdegenerativer Erkrankungen und Beschwerden nimmt mit dem Alter auch der Anteil an Personen zu, die ihren Gesundheitszustand als »schlecht« bzw. »sehr schlecht« beurteilen. Im Gegenzug sinkt der Anteil derer, die ihre Gesundheit als »gut« bzw. »sehr gut« beurteilen  [20, 21]. Eine hohe empirische Evidenz gibt es zudem für den Zusammenhang von sozioökonomischem Status und subjektiver Gesundheit. Sozial benachteiligte Männer ebenso wie Frauen beurteilen ihren Gesundheitszustand im Vergleich zu sozial besser gestellten Personen als deutlich schlechter  [20]. Die Mehrzahl bisheriger Studien weist zudem darauf hin, dass Männer ihren subjektiven Gesundheitszustand im Vergleich zu Frauen positiver beurteilen [20, 21]. So schätzten nach aktuellen Daten des RKI 69,9 % der Männer und 66,6 % der Frauen ihren Gesundheitszustand als »sehr gut« oder »gut« ein [20]. Auch die gesundheitsbezogene Lebensqualität weist ähnliche Geschlechterunterschiede auf. 37 1.2 Zeitliche Trends in Morbidität und Gesundheit bei Männern in Deutschland Im Rahmen der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) wiesen beispielsweise Männer in allen Bereichen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität höhere Werte auf, wie bei der körperlichen und sozialen Funktionsfähigkeit oder dem psychischen Wohlbefinden [22]. Bevölkerungsübergreifende Gesundheitstrends Die Frage, wie sich die subjektive Gesundheit in der Bevölkerung gegenwärtig und zukünftig entwickelt, ist von zentraler gesellschafts- und gesundheitspolitischer Relevanz. Angesichts der Alterung der Bevölkerung und der damit verbundenen Zunahme chronisch-degenerativer Erkrankungen wird ein steigender gesundheitlicher Versorgungsbedarf prognostiziert. Prognosen, die ausschließlich auf Veränderungen von Erkrankungshäufigkeiten basieren, greifen dabei zu kurz. Wie Untersuchungen gezeigt haben, hat nicht nur die objektive Krankheitsschwere, sondern auch die subjektive Gesundheitseinschätzung Einfluss auf die Inanspruchnahme des Gesundheitswesens und damit auf die zukünftige Entwicklung des Versorgungsbedarfs [23]. In Deutschland liegen inzwischen unterschiedliche bevölkerungsrepräsentative Datenquellen vor, die zur Analyse zeitlicher Entwicklungen in der Gesundheit herangezogen werden können. Auf der Grundlage des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) wurde in der erwachsenen deutschen Bevölkerung für die Jahre 1995 bis 2014 insgesamt ein moderater Anstieg der als (sehr) gut eingeschätzten subjektiven Gesundheit beobachtetet. Die Verknüpfung dieser Werte mit der amtlichen Statistik über die Lebenserwartung in Deutschland ergab, dass ein in den Jahren 1997–1999 31-jähriger Mann 44,7 weitere Lebensjahre erwarten kann, davon 18,8 Jahre in guter subjektiver Gesundheit (gesunde Lebenserwartung ). Für die Jahre 2012–2014 stieg die weitere Lebenserwartung auf 47,9 Jahre und die gesunde Lebenserwartung auf 20,8 Jahre. Über den Beobachtungszeitraum stieg damit die prognostizierte Lebenszeit bei guter subjektiver Gesundheit um zwei Jahre [21]. In der Studie von Moor et al.  [24] auf der Basis des SOEP wurde die Entwicklung der schlechten subjektiven Gesundheit zwischen 1994 und 2014 in der Altersgruppe der 30–49-Jährigen untersucht. Sie ergab für beide Geschlechter keine signifikante Veränderung des Anteils einer »ziemlich« schlechten subjektiven Gesundheitseinschätzung. Wachtler et al. [25] konnten auf der Grundlage des telefonischen Gesundheitssurveys des RKI in der erwachsenen männlichen Bevölkerung einen marginalen Anstieg der schlechten subjektiven Gesundheit zwischen 2003 (25,1 %) und 2012 (26,3 %) feststellen, während sich der Anteil schlechter subjektiver Gesundheit bei Frauen im gleichen Erhebungszeitraum von 27,9 % auf 27,1 % geringfügig reduzierte. Auch bezüglich der gesundheitsbezogenen Lebensqualität deuten die bisherigen Befunde in der bevölkerungsübergreifenden Betrachtung insgesamt nur auf moderate zeitliche Veränderungen hin. Anhand des Kurzinstrumentes SF12 ermittelte Klar [26] einen moderaten Anstieg des psychischen Summenscores für beide Geschlechter. Für die Analysen wurden Normwerte, sogenannte T-Werte auf der Grundlage einer standardisierten Normwertskala berechnet. Die Normwertskala weist einen fest definierten Wertebereich auf. Beispielsweise 38 Siegfried Geyer & Stefanie Sperlich entspricht der Mittelwert in der Bevölkerung einem T-Wert von 50 und die Standardabweichung beträgt 10 T-Wert- Punkte. In der Studie stieg bei Männern der mittlere T-Wert innerhalb von zehn Jahren von 51,5  Punkten (2002/2004) auf 52,2 Punkte (2012/2014). Auch der körperliche Summenscore verbesserte sich über die Zeit moderat für beide Geschlechter. Für Männer stiegen die mittleren T-Werte von 44,6 Punkten auf 45,5  Punkte. Ebenfalls auf der Basis des SF12 konnten Moor et al. [24] zwischen 2002 und 2014 moderate Zugewinne in dem psychischen Summenscore feststellen, während der körperliche Summenscore über die Zeit geringfügig gesunken ist. Auf der Datenbasis der ersten Welle der Studie zur Gesundheit der Erwachsenen in Deutschland DEGS1 (2008– 2011) zeigte sich in der erwachsenen Gesamtbevölkerung ein moderater Anstieg der gesundheitsbezogenen Lebensqualität im Vergleich mit dem Zeitpunkt vor 10 Jahren [22]. Altersgruppen und lebens phasenspezifische Betrachtung der Gesundheitstrends Das individuelle Alter hat nicht nur eine biologische Bedeutung in der Weise, dass mit zunehmendem Alter chronisch-degenerative Erkrankungen zunehmen und insgesamt die körperliche und psychische Leistungsfähigkeit sinkt. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive repräsentiert das Alter auch bestimmte Lebensphasen mit jeweils spezifischen psychosozialen Herausforderungen und Ressourcen. Während bisherige Studien in der lebensphasenübergreifenden Betrachtung nur moderate Veränderungen in der subjektiven Gesundheit und gesundheitsbezogenen Lebensqualität über die Zeit nahelegen, zeigen sich deutliche Unterschiede in der altersdifferenzierten Betrachtung. Die Studie von Sperlich et al.  [21] ergab in diesem Zusammenhang, dass 61–70-jährige Männer einen deutlichen Anstieg in dem Anteil (sehr) guter subjektiver Gesundheit von 28,4 % (1995–99) auf 36,0 % (2010/14) aufweisen. Bei 31–40-jährigen und über 79-jährigen Männern gab es hingegen keine signifikante Verbesserung der subjektiven Gesundheit. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch in der Studie von Klar  [26] bei Betrachtung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Auch hier zeigte sich zwischen 2002 und 2014 vor allem bei den 65–74-jährigen Männern eine signifikante Abnahme des Risikos auf eine unterdurchschnittliche psychische Gesundheit. Auch für den körperlichen Summenscore zeigt sich ein ähnliches Bild, d. h. signifikante Verbesserungen der körperlichen Gesundheit waren besonders bei den über 60-Jährigen zu sehen. Zu ähnlichen Befunden kommen auch Wolff et al. [27] auf der Datengrundlage des Deutschen Alterssurveys. Sie bilanzieren, dass der Anteil an Personen mit guter funktionaler Gesundheit zwischen 2008 und 2014 zugenommen hat, allerdings nur bei den über 65-Jährigen. Demgegenüber hat der Anteil an Personen mit guter funktionaler Gesundheit bei den unter 66-Jährigen im gleichen Zeitraum abgenommen. Fokussiert auf bestimmte Lebensphasen lässt sich auf der Datengrundlage des SOEP feststellen, dass zwischen 2000 und 2017 nur bei den »jungen alten« Männern (65- bis 79-Jährige) ein Rückgang des Anteils (sehr) schlechter Gesundheit stattfindet, während im mittleren Erwachsenenalter (50- bis 64-Jährige) über die Zeit keine bedeutsamen Veränderun- 39 1.2 Zeitliche Trends in Morbidität und Gesundheit bei Männern in Deutschland gen sichtbar werden. Zum Ende der Beobachtungszeit weisen die 50–64-Jährigen aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungen gegenüber den »jungen Alten« sogar einen geringfügig höheren Anteil an schlechter Gesundheit auf. Bei den 30–49-jährigen Männern hat sich der Anteil schlechter Gesundheit auf einem insgesamt deutlich geringeren Niveau moderat erhöht (siehe Abb.  1). Insgesamt lässt sich damit festhalten, dass deutliche Verbesserungen der subjektiven Gesundheit vor allem bei den »jungen Alten« nach dem Erreichen des offiziellen Renteneintrittsalters zu beobachten sind [21]. Eine mögliche Hypothese für diesen Befund ist, dass die medizinischen Fortschritte in tertiärer Prävention, Diagnostik und Therapiemöglichkeiten besonders in dieser Altersgruppe zum Tragen kommen, da chronische und degenerative Erkrankungen hier zunehmendes Gewicht bekommen. Zudem könnten Zunahmen an psychischen und körperlichen Belastungen in der Arbeitswelt, wie sie für Erwerbstätige in der zweiten Lebenshälfte ermittelt wurden  [15], Barrieren eines positiven Trends für die ältere Erwerbsbevölkerung darstellen. Ein weiterer Erklärungsansatz könnte sein, dass die Entwicklungen in Richtung Zunahme von Übergewicht und Adipositas und begleitenden Gesundheitsproblemen stärker in den jüngeren Bevölkerungsgruppen stattfinden und sich somit hier stärker auf die subjektive Gesundheit auswirken als in der älteren Bevölkerung. Dies würde auch bedeuten, dass sich der positive Trend in der Altersgruppe der 65–79-Jährigen möglicherweise in Zukunft nicht fortsetzt und nachfolgende Kohorten, wenn sie das Renteneintrittsalter erreicht haben, ihre subjektive Gesundheit schlechter einschätzen. Insgesamt lässt sich der Trend in der subjektiven Gesundheit nicht monokausal aus einem einzelnen Faktor ableiten, vielmehr wird er durch vielfältige und interagierende strukturelle, psychosoziale, Abbildung 1: Veränderung in dem Anteil (sehr) schlechter subjektiver Gesundheit (Kategorien 4 und 5 einer 5-stufigen Skala) von 2000 bis 2017 in unterschiedlichen Lebensphasen, altersadjustiert. Datenquelle: SOEP, eigene Berechnungen 40 Siegfried Geyer & Stefanie Sperlich verhaltensbezogene und medizinische Einflussfaktoren bestimmt. Weiterführende empirische Studien sind nötig, um die Bedeutung dieser Einflussfaktoren näher zu bestimmen. Die zeitliche Entwicklung sozialer Ungleichheit in der subjektiven Gesundheit Vor dem Hintergrund der sozial ungleich verteilten Morbidität und Mortalität stellt die Verringerung sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheit ein zentrales gesundheitspolitisches Ziel dar [28]. Während die Frage der Zu- und Abnahme gesundheitlicher Ungleichheit über die Zeit für spezifische Erkrankungen kein konsistentes Bild ergibt, deuten die Befunde für die subjektive Gesundheit trotz der Public-Health-Bemühungen auf eine weitgehende Stabilität bzw. Ausweitung bestehender sozialer Unterschiede in der Gesundheit. So kommen Wachtler et al.  [25] in ihren nach Alter und Geschlecht standardisierten Analysen zu dem Schluss, dass sich bildungs- und einkommensbezogene Unterschiede in der als »schlecht« oder »sehr schlecht« eingeschätzten Gesundheit moderat ausgeweitet haben. Auch Lampert et al. [29] ermittelten auf der Datenbasis des SOEP für die 25 bis 69-jährige Bevölkerung, dass sich zwischen 1994 und 2014 der Anteil derer, die ihren subjektiven Gesundheitszustand als weniger gut bzw. schlecht beurteilen, bei Personen mit mittlerem und hohem Einkommen leicht verringert hat, während er für Personen mit geringem Einkommen zugenommen hat. Im Vergleich zwischen 1994 und 2014 betrug diese Zunahme bei Männern 3,2  Prozentpunkte. Bezogen auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität hat die Untersuchung von Moor et al. [24] ergeben, dass signifikante Bildungsunterschiede vor allem in der körperlichen Dimension der Lebensqualität bestehen. Diese Unterschiede erwiesen sich als weitgehend konstant über die Zeit. Damit deuten auch die bisherigen Befunde zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität nicht auf eine Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit hin. Bislang sind altersgruppendifferenzierte und damit lebensphasenspezifische Analysen von Trends gesundheitlicher Ungleichheit eher selten. Grundsätzlich weisen die Befunde sozialepidemiologischer Forschung darauf hin, dass gesundheitliche Ungleichheiten über den gesamten Lebensverlauf bestehen und Maßnahmen, die auf eine Stärkung der gesundheitlichen Chancengleichheit zielen, lebensphasenspezifisch ausgerichtet werden sollten  [30]. Entsprechend wäre zukünftig auch eine stärkere Lebensphasendifferenzierung in der Analyse von Zeittrends gesundheitlicher Ungleichheit aufschlussreich. Zusammenfassung und Folgerungen für die Praxis Dieses Kapitel ist der Frage nachgegangen, in welche Richtung sich die Morbidität bei Männern in Deutschland langzeitlich entwickelt und welche praktischen Folgerungen daraus gezogen werden können. Dabei wurden drei Erkrankungen betrachtet, die für einen wesentlichen Teil des chronischen Morbiditätsgeschehens verantwortlich sind sowie die subjektiv eingeschätzte Gesundheit als zusammenfassendes Maß gesundheitlicher Entwicklungen. Für Herzinfarkt und Lungenkrebs deuteten die Befunde auf eine Kompression 41 1.2 Zeitliche Trends in Morbidität und Gesundheit bei Männern in Deutschland der Morbidität hin, die sich sowohl in der Reduzierung der Erkrankungsraten als auch in der Verschiebung des Krankheitsauftretens bzw. der Diagnose in ein höheres Lebensalter manifestierte. Für Typ-2-Diabetes wiesen die Befunde hingegen in Richtung Morbiditätsexpansion. Dies erklärt sich im Wesentlichen durch die steigende Prävalenz in jüngeren Altersgruppen, während bei Älteren Komorbiditäten zunehmen und sich die Zeiten im Zustand von Erkrankung verlängern. Es gibt Grund zu der Annahme, dass sich in den jüngeren Altersgruppen verhaltensbezogene und soziale Faktoren krankheitsförderlich ausgewirkt haben, während bei den Älteren verbesserte medizinische Behandlungen und Patientinnen- und Patientenschulungen zu einem längeren beeinträchtigungsfreien Leben beigetragen haben. Die Ergebnisse zur subjektiven Gesundheit und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität weisen insgesamt nur auf moderate zeitliche Veränderungen hin. Die lebensphasendifferenzierte Betrachtung ergab, dass deutliche Verbesserungen der subjektiven Gesundheit bei Männern vor allem bei den »jungen Alten« nach dem Erreichen des offiziellen Renteneintrittsalters zu beobachten sind. Aus den vorliegenden Befunden lassen sich Entscheidungshilfen für aktuelle sozial- und arbeitsmarktpolitische Diskussionen ableiten, z. B. zur Frage, ob vor dem Hintergrund zunehmender Lebenserwartung auch die Lebensarbeitszeit verlängert werden kann. Mit dem Begriff der »gesunden Lebensarbeitszeit« hat sich in den letzten Jahren ein Gesundheitsmaß entwickelt, welches die Anzahl an Jahren zwischen dem Alter von 50 und 70 Jahren bezeichnet, die in guter Gesundheit und Erwerbstätigkeit verbracht werden  [31]. Für Deutschland deuten die bisherigen Befunde für die subjektive Gesundheit darauf hin, dass die gesunde Lebensarbeitszeit nicht in dem Maße gestiegen ist wie die allgemeine Lebenserwartung. Dies legt es nahe, dass insbesondere in der späten Erwerbsphase primär- und sekundärpräventive Anstrengungen unternommen werden müssen, um die gesundheitlichen Voraussetzungen für eine verlängerte Partizipation im Erwerbsleben zu ermöglichen. Die bisherige Forschung zeigt, dass bei belasteten Berufsgruppen die Arbeitsfähigkeit im höheren Lebensalter stärker eingeschränkt ist als bei solchen, die geringere körperliche und psychomentale Anforderungen und höhere Entscheidungsspielräume aufweisen. Vor diesem Hintergrund sollte bei der Abwägung der Möglichkeiten und Grenzen einer künftigen Ausweitung der Lebensarbeitszeit insbesondere die Entwicklung gesundheitlicher Ungleichheiten berücksichtigt werden. Literatur 1 DESTATIS StBA. Sterbetafel 2016/2018. Methoden- und Ergebnisbericht zur laufenden Berechnung von Periodensterbetafeln für Deutschland und die Bundesländer. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt (Destatis); 2019. 2 Gruenberg EM. The failure of success. Milbank Memorial Fund, Health and Society. 1977;55(1):3–24. 3 Fries JF. The compression of morbidity. World Health Forum. 1985;6:47–51. 4 Wu S, Wang R, Zhao Y, Ma X, Wu M, Yan X et al. 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Zur Veröffentlichung eingereicht; 2020. 18 Wakai K, Marugame T, Kuriyama S, Sobue T, Tamakoshi A, Satoh H et al. Decrease in risk of lung cancer death in Japanese men after smoking cessation by age at quitting: pooled analysis of three large-scale cohort studies. Cancer science. 2007;98(4):584–9. 19 Mayer-Davis EJ, Lawrence JM, Dabelea D, Divers J, Isom S, Dolan L et al. Incidence Trends of Type 1 and Type 2 Diabetes among Youths, 2002–2012. New England Journal of Medicine. 2017;376(15):1419–29. 20 Lampert T, Schmidtke C, Poethko-Müller C, Kuntz B. Subjektive Gesundheit bei Erwachsenen in Deutschland. Journal of Health Monitoring. 2018;3(2):64–70. 21 Sperlich S, Tetzlaff J, Geyer S. Trends in good self-rated health in Germany between 1995 and 2014: do age and gender matter? International Journal of Public Health. 2019. doi10.1007/s00038–019–01235-y. 22 Ellert U, Kurth B-M. Gesundheitsbezogene Lebensqualität bei Erwachsenen in Deutschland. 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Selbstberichtete Erkrankungen und funktionale Gesundheit im Kohortenvergleich. In: Mahne K, Wolff JK, Simonson J, Tesch-Römer C (Hrsg.), Altern im Wandel Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey (DEAS). Wiesbaden: Springer VS; 2017:125–38. 28 Mackenbach JP. The persistence of health inequalities in modern welfare states: The explanation of a paradox. Social Science & Medicine. 2012;75(4):761–9. 29 Lampert T, Kroll LE, Kuntz B, Hoebel J. Health inequalities in Germany and in international comparison: trends and developments over time. Journal of Health Monitoring. 2018(3). doi:10.17886/RKI-GBE-2018–036. 30 Lampert T, Hoebel J, Kuntz B, Müters S, Kroll LE. Gesundheitliche Ungleichheit in verschiedenen Lebensphasen. Berlin: Robert Koch-Institut; 2017. 31 Lievre S, Fusot F, Barnay T, C. S, Nicolas B, Robine JM, et al. Healthy working life expectancies at age 50 in Europe: A new indicator. The Journal of Nutrition, Health and Aging. 2007;11(6):508–14. Prof. Dr. Siegfried Geyer Ausgeübte Tätigkeit: Leiter der der Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Soziologie Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Soziale Ungleichheiten bei Gesundheit, Krankheit und Sterblichkeit, die Bedeutung sozialer und psychischer Faktoren bei Ausbruch und Verlauf von Krankheiten Adresse: Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Soziologie OE 5420, Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover E-Mail: geyer.siegfried@mh-hannover.de PD Dr. Stefanie Sperlich Ausgeübte Tätigkeit: Privatdozentin, wiss. Mitarbeiterin der Medizinischen Soziologie an der MHH Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Gesundheit und sozialer Wandel, Gender Forschung Adresse: Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Soziologie OE 5420, Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover E-Mail: sperlich.stefanie@mh-hannover. de

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Schlagworte

Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter

References

Zusammenfassung

Bis zum Jahr 2050 wird es etwa 23 Millionen über 65-Jährige in Deutschland geben. Dadurch wird es gesellschaftlich wie individuell zunehmend notwendig, gute Voraussetzungen für das Rentenalter als Lebensphase zu schaffen. Um es bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen, sollte bereits die Zeit vor dem Übergang zur Vorbereitung genutzt werden. Insbesondere Männer, die sich oft stark mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren, sind gefordert, ein hohes Gesundheitspotenzial und gute soziale Bedingungen verantwortungsbewusst aufzubauen.

Der Vierte Deutsche Männergesundheitsbericht setzt bei einer fundierten Bestandsaufnahme der Situation der Männer zwischen 55 und 74 Jahren an. Aus ihr ergeben sich wichtige Themen für die Politik, für die Soziale Arbeit und für den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt: die Situation der Erwerbsarbeit zehn Jahre vor der Berentung, die Übergangsphase sowie gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt.

Mit Beiträgen von Doris Bardehle, Eric Bonsang, Daniela Borchart, Martina Brandt, Jennifer Burchardi, Christian Deindl, Dina Frommert, Freya Geishecker, Siegfried Geyer, Stefan Gruber, Felizia Hanemann, Hans Martin Hasselhorn, Moritz Hess, Jens Hoebel, Hanno Hoven, Rainer Jordan, Hendrik Jürges, Theo Klotz, Adèle Lemoine, Michal Levinsky, Howard Litwin, Peggy Looks, Thorsten Lunau, Ingrid Mayer-Dörfler, Anne Maria Möller-Leimkühler, Niels Michalski, Bernhard Mühlbrecht, Laura Naegele, Nikola Ornig, Kathleen Pöge, Jean-Baptist du Prel, Gregor Sand, Alina Schmitz, Johannes Siegrist, Stefanie Sperlich, Anne Starker, Matthias Stiehler und Morten Wahrendorf

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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter