Content

Felizia Hanemann, 3.3 Was kommt nach der Arbeit? in:

Hendrik Jürges, Johannes Siegrist, Matthias Stiehler (ed.)

Männer und der Übergang in die Rente, page 177 - 188

Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3023-8, ISBN online: 978-3-8379-7704-2, https://doi.org/10.30820/9783837977042-177

Series: Forschung Psychosozial

Bibliographic information
177 3.3 Was kommt nach der Arbeit? Erwerbstätigkeit im Ruhestand Felizia Hanemann Zusammenfassung Die Zahl der Menschen, die auch nach Eintritt in den Ruhestand noch erwerbstätig sind, hat sich in Deutschland innerhalb der letzten zehn Jahre mehr als verdoppelt. Mit Fokus auf die männliche Bevölkerung vergleicht dieses Kapitel die finanzielle, soziale und gesundheitliche Situation von erwerbstätigen und nicht-erwerbstätigen Rentnern. Datengrundlage für die Analysen bildet die deutsche Teilstichprobe der SHARE-Studie (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe). Deskriptive Ergebnisse und die marginalen Effekte einer multinomialen Regression weisen darauf hin, dass vor allem das Alter, die Erwerbstätigkeit des Partners und der Gesundheitsstatus einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit im Ruhestand haben. Der finanzielle Hintergrund scheint nicht entscheidend zu sein für das Fortführen der Erwerbstätigkeit. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Männer je nach Gesundheitszustand vor allem aus Gründen der Selbstverwirklichung weiterhin eine Beschäftigung aus- üben. What Comes after Work? Employment during Retirement The number of people who continue working after retirement has more than doubled in Germany within the last ten years. This chapter compares the health, social and economic situation of working and non-working pensioners with a focus on the male population in Germany. The analyses are based on the German subsample of the Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE). Descriptive results and marginal effects of a multinomial regression indicate that the age of the respondent, the employment of the partner and the health status influence the probability of working past the retirement age. The financial background seems to play a minor role in the decision of continuing work. Overall, the results suggest that, if health allows it, men continue working after retirement mostly for reasons of self-realization. Einleitung Nach der Arbeit kommt: die Arbeit. Zumindest für rund 1,6  Millionen Menschen in Deutschland, die auch nach Eintritt in den Ruhestand noch erwerbstätig sind. Laut Bundesagentur für Arbeit haben im Jahr  2017 erstmals mehr als 240.000 Rentner sozialversicherungspflichtig gearbeitet, rund 980.000  Menschen im Rentenalter gingen einem Minijob nach und 411.000 über 65  Jahre waren selbstständig. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich die Erwerbstätigenquote der 65- bis 69-Jährigen innerhalb von zehn Jahren auf 17 % im Jahr 2018 mehr als verdoppelt. Dabei sind nach Erreichen der Regelaltersgrenze vor allem Männer beschäftigt [1]. 178 Felizia Hanemann Mit Fokus auf die männliche Bevölkerung in Deutschland vergleicht dieses Kapitel die finanzielle, soziale und gesundheitliche Situation von erwerbstätigen und nichterwerbstätigen Rentnern, um folgende Fragen zu untersuchen: Aus welchen Gründen arbeiten viele Männer im Ruhestand weiter? Wieviel arbeiten sie noch? Wie ist die finanzielle Situation verglichen mit Rentnern, die nicht arbeiten? Gibt es Unterschiede in den Bereichen Gesundheit und Lebenszufriedenheit zwischen erwerbstätigen und nichterwerbstätigen Rentnern? Die institutionellen Rahmenbedingungen für das Fortführen einer Erwerbstätigkeit nach dem Rentenalter gestalten sich in Deutschland seit dem 1. Januar 2017 wie folgt: Wer eine Regelaltersrente bezieht und trotzdem weiterarbeitet, erhöht seinen Rentenanspruch, wenn er weiter den Rentenbeitrag zahlt. So kann man seine Rente um bis zu 9 % jährlich steigern. Außerdem gibt es nach Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters keine Hinzuverdienstgrenzen, das heißt der zusätzliche Verdienst wirkt sich nicht negativ auf den Rentenbetrag aus. Allgemein spielen institutionelle Rahmenbedingungen eine bedeutsame Rolle in der Entscheidung um das Fortführen der Erwerbstätigkeit. Dies zeigt beispielsweise die empirische Arbeit von Dingemans et al.  [2], die untersuchen, welche individuellen und sozialen Kriterien für die Arbeit im Rentenalter entscheidend sind. Anhand der SHARE-Daten von 16 europäischen Ländern finden die Autoren, dass die Gesamtausgaben für Rentenzahlungen in Prozent des Bruttoinlandsprodukts eines Landes negativ mit der Erwerbsneigung korreliert. Das heißt, je höher der Ausgabenanteil für staatliche Rentenzahlungen, desto weniger Rentner arbeiten nach Eintritt in den Ruhestand. Auf individueller Ebene erhöhen eine lange Schulbildung, ein guter Gesundheitszustand und eine Trennung vom Partner die Wahrscheinlichkeit, nach dem Renteneintritt zu arbeiten. Dingemans und Möhring  [3] zeigen anhand der SHARE-Daten, dass zudem die vorangegangene Berufslaufbahn Einfluss darauf hat, ob jemand während des Rentenbezugs arbeitet oder nicht. Je größer der Anteil an Teilzeitarbeit oder Selbstständigkeit, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit im Rentenalter. Außerdem arbeiten vor allem diejenigen, die eine hohe Stellung im Beruf hatten oder eine sehr flexible Berufslaufbahn aufweisen, während der Rente weiter. Dingemans und Henkens  [4] untersuchen die Lebenszufriedenheit von erwerbstätigen Rentnern im Vergleich zu nichterwerbstätigen Rentnern. Mithilfe der SHARE-Daten finden sie einen positiven Zusammenhang zwischen Arbeiten und Lebenszufriedenheit für Rentner mit geringem Renteneinkommen und ohne Partner. Empirische Evidenz zu erwerbstätigen Rentnern in Deutschland liefern Hochfellner und Burkert  [5]. Die Analysen beruhen auf dem Datensatz des Projekts BASiD (Biografiedaten ausgewählter Sozialversicherungsträger in Deutschland). Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass rund 20 % der 60- bis 67-Jährigen, die im Jahr 2007 eine Altersrente erhielten, zeitgleich beschäftigt waren. Unter den erwerbstätigen Rentnern sind vor allem diejenigen, die während ihres Erwerbslebens lediglich eine geringe Anzahl an Entgeltpunkten ansammeln konnten. Sie verfügen durchschnittlich über ein geringeres Qualifikationsniveau und weisen 179 3.3 Was kommt nach der Arbeit? im Mittel längere Arbeitslosigkeitszeiten auf. Die Autoren bestätigen durch die Schätzergebnisse ihre Hypothese, dass eine Beschäftigung bei gleichzeitigem Rentenbezug dazu dient, sich finanziell abzusichern. In einer weiteren Studie auf Grundlage der BASiD Daten finden Burkert und Hochfellner  [6], dass rund die Hälfte der erwerbstätigen Rentner im gleichen Beruf und im gleichen Betrieb wie vor dem Renteneintritt arbeitet. Innerhalb dieser Gruppe setzen ca. 60 % ihre berufliche Beschäftigung unmittelbar nach Renteneintritt fort. Ein Großteil der arbeitenden Rentenbezieher knüpft somit nahtlos an die frühere Erwerbstätigkeit an. Die Autoren schließen auf eine starke Identifikation mit dem bisherigen Arbeitgeber und der dort ausgeübten Tätigkeit. 30 % der erwerbstätigen Rentner richten sich dagegen anderweitig aus und wechseln sowohl den Betrieb als auch den vormals ausgeübten Beruf. Allerdings dauert es bei dieser Gruppe länger, nach Renteneintritt wieder in Beschäftigung zu kommen. Börsch-Supan et al.  [7] untersuchen die gesetzliche Ausgestaltung und die Umsetzung flexibler Übergänge in den Ruhestand in Deutschland. Unter anderem wird empirisch mit SHARE- Daten dargelegt, in welchem Ausmaß Rente und Arbeitseinkommen kombiniert werden, welche Personengruppen von solchen Kombinationen Gebrauch machen und welche Erwartungen bezüglich Renteneintritt und einer möglichen (partiellen) Weiterbeschäftigung bestehen. Basierend auf Börsch-Supan et al. [7] erweitert dieser Artikel die empirische Evidenz um eine deutsche Länderstudie mit Schwerpunkt auf die männliche Bevölkerung. Zunächst werden in Kapitel  2 die verwendeten Daten und Variablen näher beschrieben. Kapitel  3 liefert deskriptive und analytische Ergebnisse für den Vergleich von erwerbstätigen und nichterwerbstätigen Rentnern und Kapitel 4 beinhaltet die Schlussfolgerungen. Daten Grundlage bildet der internationale Datensatz SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe)  [8]. SHARE wurde erstmals 2004 als repräsentative Befragung der Bevölkerung im Alter 50+ in elf europäischen Ländern erhoben. Die Befragung wurde seitdem auf zusätzliche Länder ausgeweitet; mit der letzten, siebten Befragungswelle (2017) wurden insgesamt 140.000 Menschen in 28  Ländern interviewt. Ziel der Studie ist es, Veränderungen der wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sozialen Lage älterer Menschen in Europa zu beobachten. Für die hier präsentierte Analyse beschränken wir uns auf das deutsche Subsample der Befragung in Welle 6 [9]. Unsere Analysen basieren auf der Gruppe der männlichen Teilnehmer zwischen 55 und 74  Jahren, im Folgenden auch nur Teilnehmer oder Personen genannt. Mithilfe der SHARE-Daten können diejenigen Personen in Deutschland identifiziert werden, die neben dem Rentenbezug noch einer Beschäftigung nachgehen. Grundsätzlich können die Teilnehmer je nach Erwerbsstatus in eine der folgenden vier Gruppen eingeteilt werden: ➣ Erwerbstätige: Umfasst alle Personen, die angeben, dass sie im vorangehenden Jahr Einkommen aus abhängiger oder selbstständiger Beschäftigung hatten, ohne gleichzeitig Renteneinkommen zu beziehen. ➣ Rentner: Umfasst alle Personen, die angeben, dass sie im vorangehenden 180 Felizia Hanemann Jahr kein Einkommen aus einer Beschäftigung hatten, jedoch Einkommen aus einer betrieblichen oder gesetzlichen Altersrente oder Beamtenpension bezogen haben. Erwerbsminderungsrenten sind hierbei nicht berücksichtigt. ➣ Erwerbstätige Rentner: Umfasst alle Personen, die nach den oben genannten Definitionen im vorangehenden Jahr zeitgleich sowohl Erwerbseinkommen als auch Renteneinkommen bezogen haben. Personen, die aufgrund einer Neuverrentung im vorangehenden Jahr sowohl Erwerbseinkommen als auch Renteneinkommen bezogen haben, sind ausgeschlossen. ➣ Andere: Umfasst alle Personen, die nicht in eine der oben genannten Gruppen eingeordnet werden können. Dazu gehören beispielsweise Hausmänner oder Arbeitslose/ Arbeitssuchende, die kein Erwerbs-/ Renteneinkommen beziehen. Auch Personen mit einer Erwerbsminderungsrente können dieser Gruppe angehören. Tabelle 1 bildet die Anteile der einzelnen Gruppen ab. Der Datensatz umfasst insgesamt 1.290 Personen im Alter zwischen 55 und 74 Jahren. Die Gruppe der Rentner ist anteilsmäßig mit 620  Personen am größten. 459  Personen gehen noch regulär einer Erwerbstätigkeit nach, ohne dabei Renteneinkommen in Anspruch zu nehmen. 82 Personen umfasst die Gruppe derjenigen, die weder Arbeitseinkommen noch Renteneinkommen beziehen. Die für die Analyse interessanteste Gruppe der erwerbstätigen Rentner beinhaltet 129 Personen. Als Zusatzprüfung für die Datenqualität beschränken wir das Alter auf 65- bis 69-Jährige. In dieser Gruppe stellen die erwerbstätigen Rentner einen Anteil von 17 %. Dieser Anteil entspricht der Erwerbstätigenquote des Statistischen Bundesamtes in dieser Altersgruppe von ebenfalls 17 %. Analysen Im folgenden Abschnitt werden die Gruppen Erwerbstätige, Rentner und erwerbstätige Rentner hinsichtlich ihrer sozioökonomischen Merkmale beschrieben und miteinander verglichen. Die Gruppe »Andere« ist sehr heterogen und als Vergleichsgruppe nur eingeschränkt hilfreich, daher wird in den nachfolgenden Analysen nicht näher auf diese Gruppe eingegangen. Demografische Merkmale Zunächst wird das Durchschnittsalter betrachtet, das sich zwischen den Gruppen sehr stark unterscheidet. Wie zu erwarten sind die Erwerbstätigen die jüngste Verg leichsgruppe m i t e i n e m Durchschnittsalter von knapp 59  Jahren. Erw e r b s t ä t i g e Rentner sind im Tabelle 1: Einteilung der Gruppen. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von SHARE-Daten Kein Erwerbseinkommen Erwerbseinkommen Gesamt Kein Renten einkommen 82 (»Andere«) 459 (»Erwerbstätige«) 541 Renteneinkommen 620 (»Rentner«) 129 (»Erwerbstätige Rentner«) 749 Gesamt 702 588 1.290 181 3.3 Was kommt nach der Arbeit? Durchschnitt 67 Jahre alt, während nichterwerbstätige Rentner mit einem Mittelwert von 68 Jahren die älteste Vergleichsgruppe bilden. Der Bildungsstand der Gruppen kann mithilfe der folgenden SHARE-Frage untersucht werden: »Wie viele Jahre haben Sie sich Vollzeit in schulischer und beruflicher Ausbildung befunden?« Die Anzahl der Bildungsjahre variiert im Mittelwert zwischen 13,2  Jahren für erwerbstätige Rentner, 13,3  Jahren für Rentner und 14,0  Jahren für Erwerbstätige. Eine mögliche Erklärung für die höhere Anzahl der Bildungsjahre für die Erwerbstätigen ist der Kohorteneffekt. Während Rentner und erwerbstätige Rentner im Mittelwert im Jahr 1947 geboren sind und somit in der Nachkriegszeit die Schule begonnen haben, wurden die Erwerbstätigen im Mittelwert im Jahr 1955 geboren und hatten aufgrund von Änderungen im Schulsystem andere Voraussetzungen für ihre (längere) Ausbildung. Als Nächstes wird untersucht, welchen Zusammenhang es zwischen der Erwerbstätigkeit der Partnerin und der Erwerbsneigung im Alter gibt. Insgesamt leben rund 72 % der Befragten mit einer Partnerin zusammen in einem Haushalt. Für die Männer, die mit einer Partnerin zusammenleben, stellt Tabelle  2 dar, ob die jeweilige Partnerin noch erwerbstätig ist. Für die Gruppe der Erwerbstätigen zeigt sich beispielsweise, dass rund 48 % eine Partnerin haben, die auch erwerbstätig ist. Dies ist mit Abstand die Gruppe mit dem höchsten Anteil an erwerbstätigen Partnerinnen. Viele Paare wollen gemeinsam zum gleichen Zeitpunkt in den Ruhestand gehen  [10], daher kann die Erwerbstätigkeit der Partnerin ein Anreiz sein, selbst weiter eine Beschäftigung auszuführen. Bei den erwerbstätigen und nichterwerbstätigen Rentnern haben jeweils rund 19 % eine Partnerin, die noch erwerbstätig ist. Tabelle 2: Anteile erwerbstätiger vs. nichterwerbstätiger Partnerinnen. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von SHARE-Daten. Partnerin nicht erwerbstätig Partnerin erwerbstätig Erwerbstätige 51,9 % 48,1 % Erwerbstätige Rentner 80,2 % 19,8 % Rentner 81,1 % 18,9 % Gesundheit und Lebensqualität Im Folgenden wird betrachtet, wie sich die Gruppen im Hinblick auf verschiedene Gesundheitsmerkmale unterscheiden. Abbildung  1 veranschaulicht die Antworten auf die Frage »Würden Sie sagen, Ihr Gesundheitszustand ist ausgezeichnet, sehr gut, gut, mittelmäßig oder schlecht?« Es handelt sich also um eine Selbsteinschätzung der Gesundheit durch die Befragten. Die meisten Personen in allen Gruppen haben sich in die Kategorien »gut« oder »mittelmäßig« eingeordnet. Auffallend ist, dass der Anteil der Personen, die ihre Gesundheit als »ausgezeichnet« einschätzen, in der Gruppe der erwerbstätigen Rentner am höchsten ist. Auch in der Kategorie »sehr gut« sind die erwerbstätigen Rentner anteilsmäßig stark vertreten und in der Kategorie mit dem schlechtesten Gesundheitszustand ist der Anteil ähnlich gering wie in der Gruppe der Erwerbstätigen. Eine naheliegende Erklärung für diesen Befund ist, dass nur diejenigen mit einem guten Gesundheitszustand auch nach dem Renteneintritt weiterarbeiten. Grundsätzlich ist umgekehrt auch denkbar, dass die Er- 182 Felizia Hanemann werbstätigkeit einen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat, denn die täglichen Herausforderungen in der Arbeit helfen, körperlich aktiv und kognitiv gefordert zu bleiben [11, 12, 13]. Neben dem allgemeinen Gesundheitszustand sind auch die seelische Gesundheit und das Wohlbefinden interessante Aspekte im Rahmen der Untersuchung von erwerbstätigen Rentnern. SHARE verwendet die sogenannte CASP-12-Skala, um die Lebensqualität der Teilnehmer zu ermitteln. Dabei werden Fragen in den folgenden vier Dimensionen gestellt: Kontrolle (z. B. Wie oft haben Sie das Gefühl, am Rande zu stehen?), Autonomie (z. B. Wie oft denken Sie, dass Sie die Dinge tun können, die Sie tun möchten?), Selbstverwirklichung (z. B. Wie oft haben Sie das Gefühl, dass das Leben viele Chancen bietet?) und Wohlbefinden (z. B. Wie oft freuen Sie sich auf jeden neuen Tag?). Die Fragen werden auf einer 4-Punkte- Likert-Skala beantwortet und zu einem Index zusammengefasst, welcher Werte zwischen 12 und 48 annehmen kann. Der Index kann folgendermaßen interpretiert werden: je höher der Wert, desto höher die Lebensqualität. Die erwerbstätigen Rentner haben mit 39,9 Punkten im Durchschnitt die höchste Lebensqualität, der Unterschied zu den Rentnern (39,6) und den Erwerbstätigen (39,8) ist jedoch nicht signifikant. Die Gruppen liegen also sehr nah beieinander und fallen im europäischen Vergleich durch eine sehr hohe Lebensqualität auf. Ebenfalls einen Wert von 39 oder höher haben Österreich, Schweden, Dänemark, Schweiz, Luxemburg. Im mittleren Bereich zwischen 36 und 38 liegen Polen, Kroatien, Spanien, Frankreich, Belgien und Slowenien. Werte von 35 oder weniger sind in den Ländern Tschechien, Estland, Italien, Israel, Portugal und Griechenland zu finden. Um die seelische Gesundheit der Befragten zu messen, werden in SHARE die Anzahl depressiver Symptome abgefragt und anschließend in der sogenannten EURO-D-Depressionsskala zusammengefasst. Insgesamt werden folgende zwölf Symptome in Bezug auf den Vormonat abgefragt: Depression, Pessimismus, Suizidalität, Schuldgefühle, Schlafstörungen, Interesse am Umfeld, Reizbarkeit, Appetit, Energie, Konzentration, Freude, Traurigkeit. Der daraus abgeleitete Index umfasst Werte von null bis zwölf, wobei eine höhere Punktzahl einem höheren Abbildung 1: Erwerbstätige Rentner schätzen ihre Gesundheit besser ein als nichterwerbstätige Rentner. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von SHARE-Daten 183 3.3 Was kommt nach der Arbeit? Grad an Depression entspricht. Erwerbstätige haben einen durchschnittlichen Index von 1,7 und Rentner von 1,8. Im Gegensatz zu der hohen Lebensqualität schneidet die Gruppe der erwerbstätigen Rentner im Hinblick auf depressive Symptome mit einem Mittelwert von 2,0 schlechter ab, wobei auch hier die Unterschiede nicht signifikant sind. Finanzielle Lage Bei der Frage, warum manche Männer während der Rente weiterarbeiten, ist der finanzielle Hintergrund ein beachtenswerter Faktor. Es stellt sich die Frage, ob diese Männer weiterarbeiten, weil sie das zusätzliche Einkommen benötigen oder andere Gründe den Ausschlag geben (Selbstverwirklichung, soziale Kontakte etc.). Einen ersten Einblick in diesen Zusammenhang gibt Abbildung  2 mit den Antworten auf die Frage: »Wie kommt Ihr Haushalt finanziell über die Runden?« In allen drei Gruppen berichten nur wenige Personen von großen Schwierigkeiten in Bezug auf die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Der Anteil derjenigen, die mit »einigen Schwierigkeiten« oder »einigermaßen leicht« über die Runden kommen, steigt für alle Gruppen beträchtlich an. In allen Gruppen berichten die meisten Personen, dass sie finanziell leicht über die Runden kommen. Es gibt dementsprechend keine Hinweise darauf, dass Rentner aufgrund der finanziellen Lage weiterarbeiten müssen. Genauere Zahlen ergeben sich bei der Berechnung des Haushaltsnettoeinkommens. Wir bereinigen dabei das Haushaltsnettoeinkommen der erwerbstätigen Rentner um das Einkommen aus der Erwerbstätigkeit. Dadurch wird ein direkter Vergleich des Haushaltseinkommens mit der Gruppe der Rentner möglich und es kann festgestellt werden, ob eine finanzielle Bedürftigkeit die Erwerbstätigkeit bedingt. Das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen in der Gruppe der Rentner beläuft sich auf jährlich 29.726  €. Das bereinigte Haushaltsnettoeinkommen der erwerbstätigen Rentner liegt d ur c h s c hn i t t l i c h bei 31.894  €. Somit haben die erwerbstätigen Rentner im Durchschnitt auch ohne ihr Erwerbseinkommen ein höheres durchschnittliches Haushaltseinkommen. Finanzielle Notlagen scheinen daher kein Grund für eine Erwerbstätigkeit im Renten- Abbildung 2: Erwerbstätige Rentner kommen finanziell gut über die Runden. Auch der Großteil der Erwerbstätigen und der Rentner haben keine großen finanziellen Schwierigkeiten. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von SHARE-Daten 184 Felizia Hanemann alter zu sein. Es könnte jedoch sein, dass das Streben nach einem hohen Lebensstandard Motivation für die Fortführung der Erwerbstätigkeit ist. Rechnet man das Einkommen aus der Erwerbstätigkeit im Rentenalter hinzu, beläuft sich das Haushaltsnettoeinkommen bei erwerbstätigen Rentnern auf 42.267 €, was deutlich höher ist als das der Rentner. Freizeitaktivitäten und Umfang der Erwerbstätigkeit In Tabelle  3 werden die Aktivitäten untersucht, die in den zwölf Monaten vor der Befragung ausgeübt wurden. Dafür werden, getrennt nach Gruppen, die Anteile der Befragten dargestellt, die sich in den letzten zwölf Monaten engagiert haben (ehrenamtliche Tätigkeit, Aktivitäten in Vereinen, Aktivitäten in religiösen oder politischen Organisationen), die an einem Fort- oder Weiterbildungskurs teilgenommen haben oder die einer mental fordernden Aktivität nachgegangen sind (Bücher/Magazine/Zeitungen lesen, Kreuzwort-/Zahlenrätsel lösen, Karten oder Spiele wie Schach). Die letzte Spalte bildet den Anteil der Personen ab, die keine der genannten Aktivitäten ausgeübt haben. Mit knapp 57 % ist der Anteil der Personen, die sich in irgendeiner Weise engagiert haben, in der Gruppe der erwerbstätigen Rentner am höchsten. Im Bereich der Weiterbildung werden die erwerbstätigen Rentner anteilsmäßig von den Erwerbstätigen übertroffen. Im Vergleich zur Gruppe der Rentner haben sich allerdings mit einem beträchtlichen Anteil von knapp 19 % immerhin mehr als doppelt so viele erwerbstätige Rentner fortgebildet. Was die geistigen Aktivitäten betrifft, ist der Anteil bei den erwerbstätigen Rentnern am größten, wobei die Werte durchweg sehr hoch und nah beieinander liegen. Dies gilt auch für die letzte Spalte, die besagt, dass in allen Gruppen rund 5 % überhaupt keine Aktivitäten im vorangegangenen Jahr ausgeübt haben. Insgesamt lässt sich also feststellen, dass die erwerbstätigen Rentner sehr aktiv und engagiert sind. Daher ist es plausibel, dass sie die Erwerbstätigkeit fortführen, um sich weiterhin täglich in einem aktiven und sozialen Umfeld zu bewegen. Im Hinblick auf Art und Umfang der Arbeit lassen sich aufgrund der speziellen Filterführung der SHARE-Fragen nur für eine Untergruppe von Erwerbstätigen (N = 437) und erwerbstätigen Rentnern (N = 98) Aussagen treffen. Der Umfang der Erwerbstätigkeit beträgt bei den Arbeitern im Mittelwert 40  Wochenstunden und bei den erwerbstätigen Rentnern 20 Wochenstunden. Dies legt erneut die Vermutung nahe, dass erwerbstätige Rentner mit reduzierter Stundenanzahl weiterarbeiten, um die sozialen und stimulierenden Aspekte der Erwerbstätigkeit zu genießen und gleichzeitig genug Zeit für andere Freizeitaktivitäten zu haben. 65 % der Erwerbstätigen sind im pri- Tabelle 3: Freizeitaktivitäten. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von SHARE-Daten Engagement Weiterbildung Mentale Aktivitäten Keine Aktivitäten Erwerbstätige 49,0% 27,5% 89,8% 4,7% Erwerbstätige Rentner 56,6% 18,6% 90,7% 5,9% Rentner 51,3% 8,7% 89,2% 5,6% 185 3.3 Was kommt nach der Arbeit? vaten Sektor und 22 % im öffentlichen Sektor tätig. Für die erwerbstätigen Rentner sind die Anteile mit 33 % im privaten Sektor und 19 % im öffentlichen Sektor niedriger. Dementgegen bezeichnen sich fast 48 % der erwerbstätigen Rentner als selbstständig, während es bei den Erwerbstätigen nur 12 % sind. Dies entspricht auch den in der Einleitung erwähnten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für das Jahr 2017 (240.000 Rentner arbeiteten sozialversicherungspflichtig und 411.000 über 65  Jahre waren selbstständig ). Dies weist darauf hin, dass sich einige Rentner den Traum einer Selbstständigkeit nach Eintritt in den Ruhestand erfüllen, um eine Produktoder Geschäftsidee zu verwirklichen, ihr Hobby zum Beruf zu machen oder ihr Wissen und ihre Fähigkeiten bestmöglich einzusetzen und weiterzugeben. Nur rund 6 % der erwerbstätigen Rentner geben an, in einem körperlich anstrengenden Job zu arbeiten, während sich diese Zahl bei den Erwerbstätigen auf rund 19 % beläuft. Die Zufriedenheit mit der Arbeit ist bei den erwerbstätigen Rentnern höher: Sehr zufrieden mit ihrer Arbeit sind 58 % der erwerbstätigen Rentner und nur 44 % der Erwerbstätigen. Dies unterstützt die bisherigen Einschätzungen, dass nach dem Eintritt in den Ruhestand hauptsächlich aus Gründen der Selbstverwirklichung gearbeitet wird. Multinomiale Regressionsanalyse Nachdem die Gruppe der erwerbstätigen Rentner im Hinblick auf verschiedene sozioökonomische Merkmale deskriptiv beschrieben wurde, soll die Untersuchung nun mithilfe einer multinomialen Regressionsanalyse vertieft werden. Ziel ist es, die Gruppe der erwerbstätigen Rentner unter Konstanthaltung bestimmter Merkmale näher zu beschreiben. Als Kontrollvariablen dienen das Alter, die Anzahl der Bildungsjahre, der Gesundheitsstatus, das Haushaltseinkommen und eine Binärvariable, die Aufschluss darüber gibt, ob der Partner erwerbstätig ist oder nicht. Die Ergebnisse in Tabelle 4 geben die marginalen Effekte einer Gruppenzugehörigkeit an. Marginale Effekte geben an, wie sich die Wahrscheinlichkeit einer Gruppenzugehörigkeit ändert, wenn sich die entsprechende Variable um eine empirische Einheit erhöht, während die anderen Variablen konstant gehalten werden. Beispielsweise ergibt sich für das Alter folgender Zusammenhang: Wenn das Alter um ein Jahr steigt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, Teil der Gruppe der Erwerbstätigen zu sein, um 9,0 Prozentpunkte. Dagegen steigt die Wahrscheinlichkeit, der Gruppe der Rentner anzugehören, um 8,9  Prozentpunkte und für die Gruppe der erwerbstätigen Rentner um 2,1 Prozentpunkte. Die Koeffizienten aller Gruppen addieren sich zu Null, wenn man den negativen Effekt von 2,0 Prozentpunkten für die Gruppe »Andere« miteinbezieht (nicht dargestellt in Tab. 4). Die Anzahl der Bildungsjahre und die Erwerbstätigkeit des Partners haben einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, in der Gruppe der Erwerbstätigen zu sein und einen negativen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, sich in der Gruppe der Rentner zu befinden. Auch dies wurde bereits in den deskriptiven Analysen festgestellt und zeigt, dass eine Tendenz besteht, als Paar einen gemeinsamen Renteneintritt zu realisieren. Eine höhere Anzahl von Bildungsjahren ist häufig verbunden mit Erwerbstätigkeiten, die körperlich weniger anstrengend sind und daher im Alter länger ausgeführt werden können. Dies könnte eine 186 Felizia Hanemann Erklärung dafür sein, dass die Anzahl der Bildungsjahre positiv mit der Gruppe der Erwerbstätigen korreliert. Für die Gruppe der erwerbstätigen Rentner gibt es keinen signifikanten Effekt in Bezug auf die Bildungsjahre und den Erwerbsstatus des Partners. Wenn die Gesundheit um eine Kategorie schlechter eingeschätzt wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, in der Gruppe der Erwerbstätigen zu sein, um 6,8 Prozentpunkte. Auch die Wahrscheinlichkeit, zu der Gruppe der erwerbstätigen Rentner zu gehören, sinkt um 1,1 Prozentpunkte, allerdings ist dieses Ergebnis nicht signifikant. Im Gegensatz dazu steigt die Wahrscheinlichkeit, in der Gruppe der Rentner zu sein, um 5,5  Prozentpunkte. Hieraus lässt sich keine Aussage für den kausalen Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und Gesundheit ableiten. Beim Haushaltseinkommen sind folgende Zusammenhänge zu beobachten: Ist das Haushaltseinkommen höher, ist die Wahrscheinlichkeit niedriger, zu der Gruppe der Erwerbstätigen zu gehören. Auf den ersten Blick scheint dies nicht intuitiv, allerdings muss man berücksichtigen, dass das Haushaltsnettoeinkommen um das Einkommen aus der Erwerbstätigkeit des Befragten bereinigt wurde. Für die Erwerbstätigen zählt zum Haushaltseinkommen daher beispielsweise nur das Einkommen der Partnerin oder andere Einkommensarten abseits vom Altersrentenbezug, während bei den Rentnern und bei den erwerbstätigen Rentnern die Rentenzahlungen hinzuzählen. Ein höheres Haushaltseinkommen erhöht sowohl die Wahrscheinlichkeit, zu der Gruppe der Rentner als auch zu der Gruppe der erwerbstätigen Rentner zu gehören, sodass weiterhin angenommen werden kann, dass finanzielle Bedürftigkeit kein vorrangiger Grund für das Arbeiten im Rentenalter ist. Tabelle 4: Einflussfaktoren für Erwerbstätigkeit im Rentenalter. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von SHARE-Daten (1) (2) (3) VARIABLEN Erwerbstätige Rentner Erwerbstätige Rentner Alter -0,090*** 0,089*** 0,021*** (0,007) (0,006) (0,004) Anzahl Bildungsjahre 0,027*** -0,020*** -0,006 (0,005) (0,005) (0,004) Partner erwerbstätig 0,142*** -0,100* -0,021 (0,038) (0,071) (0,030) Schlechte Gesundheit -0,068*** 0,055** -0,011 (0,018) (0,020) (0,014) Haushaltseinkommen -0,008*** 0,006*** 0,002*** (0,001) (0,001) (0,000) Beobachtungen 1.259 1.259 1.259 Die Tabelle zeigt die Ergebnisse einer multinomialen Schätzung in Form von marginalen Effekten. Diese geben an, wie sich die Wahrscheinlichkeit einer Gruppenzugehörigkeit ändert, wenn sich die entsprechende Variable um eine empirische Einheit erhöht und die anderen Variablen konstant gehalten werden. Die Effekte für die Gruppe »Andere« werden nicht dargestellt, daher addieren sich die Koeffizienten einer Variablen nicht zu Null. Das Haushaltseinkommen in 1000 € wird ohne die Einkünfte aus Beschäftigung oder Selbstständigkeit des Befragten gemessen. Standardfehler in Klammern; *** p < 0,01; ** p < 0,05; * p < 0,1. 187 3.3 Was kommt nach der Arbeit? Schlussfolgerungen Die bivariat-deskriptiven Analysen bieten mögliche Erklärungsansätze für die Entscheidung, nach Erreichen der Regelaltersgrenze noch zu arbeiten. Wenn der Partner noch erwerbstätig ist, kann dies ein Anreiz sein, selbst weiter eine Beschäftigung auszuüben. Insgesamt zeigt sich, dass die Gruppe der erwerbstätigen Rentner sowohl körperlich als auch seelisch im Vergleich zu den anderen Gruppen in einer guten gesundheitlichen Verfassung ist. Eine mögliche Erklärung wäre, dass nur diejenigen Rentner erwerbstätig sind, die sich einer guten Gesundheit erfreuen und viel Energie und Kraft für eine bezahlte Tätigkeit aufbringen können. Eine weitere Erklärung könnte sein, dass Erwerbstätigkeit während der Rente einen positiven Einfluss auf die körperliche und seelische Gesundheit hat. Dieser positive Einfluss kann durch verschiedene Wirkungsmechanismen wie soziale Kontakte, kognitive Stimulation oder körperliche Bewegung hervorgerufen werden. Eine dritte Erklärung wäre, dass die erwerbstätigen Rentner im Vergleich zu den anderen Gruppen grundsätzlich eine positivere Lebenseinstellung haben und die selbst eingeschätzte Gesundheit besser ist als der tatsächliche Gesundheitszustand. Diese Kausalitäten lassen sich im Rahmen dieser Untersuchung nicht eindeutig klären. Ähnlich lässt es sich nicht feststellen, ob die hohen Werte an Lebensqualität für erwerbstätige Rentner Ursache oder Wirkung der Erwerbstätigkeit sind. Bei der Untersuchung der Freizeitaktivitäten ergibt sich, dass die erwerbstätigen Rentner insgesamt sehr aktiv sind und daher Faktoren wie soziale Kontakte, geistige und körperliche Fitness, Anerkennung oder Weiterbildung als Motivation für eine Erwerbstätigkeit wirken können. Deskriptiv gibt es keine Hinweise auf finanzielle Notlagen der erwerbstätigen Rentner. Insgesamt zeigt die Regressionsanalyse zur Kontrolle simultaner Einflüsse, dass vor allem das Alter, die Erwerbstätigkeit des Partners und der Gesundheitsstatus einen Einfluss auf die Gruppenzugehörigkeiten haben. Der finanzielle Hintergrund scheint nicht entscheidend zu sein für das Fortführen der Erwerbstätigkeit. Dieser Befund ist im Einklang mit den bivariat-deskriptiven Untersuchungen und lässt vermuten, dass viele Menschen im Rahmen ihrer gesundheitlichen Möglichkeiten aus Gründen der Selbstverwirklichung weiterhin eine sinnvolle Beschäftigung ausüben. Diese Ergebnisse widersprechen dem bisherigen Forschungsstand, der besagt, dass eine Beschäftigung während des Rentenbezugs der finanziellen Absicherung dient  [5]. Weitere Studien sind nötig, um die unterschiedlichen Ergebnisse zu evaluieren und um die Gründe der Weiterbeschäftigung während des Rentenbezugs verlässlich festzustellen. Potenzial für eine tiefergehende Untersuchung liegt in der Nutzung der administrativen Daten der Deutschen Rentenversicherung (SHARE-RV). Anhand dieser Daten können zusätzlich die gesammelten Entgeltpunkte ermittelt werden, die laut Hochfellner und Burkert  [5] eine wichtige Rolle in der Entscheidung über das Fortführen einer Erwerbstätigkeit spielen. Weiterer Forschungsbedarf besteht in der Kausalitätsbeziehung zwischen der Gesundheit und dem Arbeiten im Ruhestand. Die Frage ist, ob nur diejenigen mit einer guten Gesundheit weiterarbeiten oder ob das Arbeiten im Ruhestand einen positiven Effekt auf die körperliche und seelische Gesundheit hat. Wenn festgestellt wird, dass sich Arbeiten im Ruhestand positiv 188 Felizia Hanemann auf die Gesundheit auswirkt, könnten Maßnahmen zur Förderung einer Weiterbeschäftigung im Rentenalter einen Beitrag zur Verbesserung der Männergesundheit im Alter leisten. Literatur 1 Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt–Situation von Älteren. Nürnberg; September 2019. 2 Dingemans E, Henkens K, Solinge H. Working retirees in Europe: individual and societal determinants. Work, Employment and Society. 2016;31(6):972–991. 3 Dingemans E, Möhring K. A life course perspective on working after retirement: What role does the work history play? Advances in Life Course Research. 2018;39:23–33. 4 Dingemans E, Henkens K. Working After Retirement and Life Satisfaction: Cross-National Comparative Research in Europe. Research on Aging. 2019;41(7):1–22. 5 Hochfellner D, Burkert C. Berufliche Aktivität im Ruhestand. Fortsetzung der Erwerbsbiographie oder notwendiger Zuverdienst? Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. 2013;46(3):242–250. 6 Burkert C, Hochfellner D. Arbeiten im Ruhestand, Immer mehr Rentner sind mit dabei. IAB-Forum. 2014;1:12–17. 7 Börsch-Supan A, Bucher-Koenen T, Kluth S, Hanemann F, Goll, N. MEA Discussion Paper 04–2015. 8 Börsch-Supan A, Brandt M, Hunkler C, Kneip T, Korbmacher J, Malter F, Schaan B, Stuck S, Zuber S. Data Resource Profile: The Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE). International Journal of Epidemiology. 2013;42(4):992–1001. DOI: 10.1093/ije/ dyt088. 9 Börsch-Supan A. Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) Wave 6. Release version: 7.0.0. SHARE-ERIC. Data set. DOI: 10.6103/SHARE.w6.700; 2019. 10 Gustman A, Steinmeier TL. Retirement in Dual-Career Families: A Structural Model. Journal of Labor Economics. 2000;18(3):503– 545. 11 van Domelen DR, Koster A, Caserotti P, Brychta RJ, Chen KY, McClain JJ, Troiano RP, Berrigan D, Harris TB. Employment and physical activity in the U. S. American Journal of Preventive Medicine. 2011;41:136–145. 12 Smart EL, Gow AJ, Deary IJ. Occupational complexity and lifetime cognitive abilities. Neurology. 2014;83(24):2285–2291. 13 van der Noordt M, IJzelenberg H, Droomers M, Proper KI. Health effects of employment: a systematic review of prospective studies. Occupational and Environmental Medicine. 2014;71(10):730–736. Dr. Felizia Hanemann Ausgeübte Tätigkeit: Wissenschaftliche Mitarbeiterin Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Demografischer Wandel, Gesundheitsökönomik, Arbeitsmarktökonomik Adresse: Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, Amalienstr.  33, 80799 München E-Mail: hanemann@mea.mpisoc.mpg.de

Chapter Preview

Schlagworte

Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter

References

Zusammenfassung

Bis zum Jahr 2050 wird es etwa 23 Millionen über 65-Jährige in Deutschland geben. Dadurch wird es gesellschaftlich wie individuell zunehmend notwendig, gute Voraussetzungen für das Rentenalter als Lebensphase zu schaffen. Um es bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen, sollte bereits die Zeit vor dem Übergang zur Vorbereitung genutzt werden. Insbesondere Männer, die sich oft stark mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren, sind gefordert, ein hohes Gesundheitspotenzial und gute soziale Bedingungen verantwortungsbewusst aufzubauen.

Der Vierte Deutsche Männergesundheitsbericht setzt bei einer fundierten Bestandsaufnahme der Situation der Männer zwischen 55 und 74 Jahren an. Aus ihr ergeben sich wichtige Themen für die Politik, für die Soziale Arbeit und für den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt: die Situation der Erwerbsarbeit zehn Jahre vor der Berentung, die Übergangsphase sowie gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt.

Mit Beiträgen von Doris Bardehle, Eric Bonsang, Daniela Borchart, Martina Brandt, Jennifer Burchardi, Christian Deindl, Dina Frommert, Freya Geishecker, Siegfried Geyer, Stefan Gruber, Felizia Hanemann, Hans Martin Hasselhorn, Moritz Hess, Jens Hoebel, Hanno Hoven, Rainer Jordan, Hendrik Jürges, Theo Klotz, Adèle Lemoine, Michal Levinsky, Howard Litwin, Peggy Looks, Thorsten Lunau, Ingrid Mayer-Dörfler, Anne Maria Möller-Leimkühler, Niels Michalski, Bernhard Mühlbrecht, Laura Naegele, Nikola Ornig, Kathleen Pöge, Jean-Baptist du Prel, Gregor Sand, Alina Schmitz, Johannes Siegrist, Stefanie Sperlich, Anne Starker, Matthias Stiehler und Morten Wahrendorf

Schlagworte

Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter