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Matthias Stiehler, 4.6 Gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt – Teil 2 in:

Hendrik Jürges, Johannes Siegrist, Matthias Stiehler (Ed.)

Männer und der Übergang in die Rente, page 277 - 284

Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3023-8, ISBN online: 978-3-8379-7704-2, https://doi.org/10.30820/9783837977042-277

Series: Forschung Psychosozial

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277 4.6 Gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt – Teil 2 Matthias Stiehler Zusammenfassung Gesundheitsfördernde Projekte bieten die Chance, eine allgemeine Verbesserung von Gesundheitsfaktoren wie Wohlbefinden und Teilhabe zu unterstützen. Ihre Gefahr liegt in einer konzeptionellen Beliebigkeit. Dem wirken »Kriterien für gute Praxis der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung« entgegen, die bei der Gestaltung und Durchführung von Projekten eine gute Orientierung bieten. Für Gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt spielen dabei die Kriterien Zielgruppenbezug, Setting-Ansatz, Partizipation und Empowerment eine zentrale Rolle. Insbesondere die in der Zielgruppenbezug enthaltene geschlechtsspezifische Herangehensweise an Konzeption und Durchführung ist von großer Wichtigkeit, da genau hier der Schwachpunkt zahlreicher Projekte mit dieser Themenstellung liegt. Zum einen gibt es vergleichsweise wenige Projekte, die sich explizit an Männer wenden, zum anderen sind geschlechtsunspezifische Herangehensweisen oftmals so gestaltet, dass sie vor allem Frauen ansprechen. Dieser »Männervergessenheit« sollte bewusst entgegengewirkt werden, um Männern bei ihrem Übergang in die Rente und der Gestaltung der Rentenzeit zu helfen. Wichtige Ansätze sind hierbei eine lebensweltorientierte Konzeption sowie die aktive Einbeziehung der Adressaten in die Projektarbeit. Projects for Promoting Men’s Health before and after Retirement – Part 2 Health promoting projects offer the potential to support the improvement of health determinants such as well-being and participation. Due to conceptual arbitrariness, projects are associated with certain risks. The »criteria for good practice of social situation-based health promotion« offer a good orientation for the development and conduction of measures. For projects promoting men’s health before and after retirement, the criteria »target group orientation«, »setting approach«, »participation« and »empowerment« play a key role. Gender sensitive approaches are of significant importance with respect to target group orientation. This, however, constitutes a central weakness in many measures in this field. On the one hand, there is a comparatively small number of projects explicitly targeting men, on the other hand, most gender sensitive approaches are addressing women. This »oblivion of men« should be prevented to support men in the transition to retirement and the organization of pension time. Important approaches therefore are a setting-oriented conception as well as the active participation of the target group in project work. Kriterien für eine gute Praxis Von den in den vorangegangenen Beiträgen vorgestellten Projekten lässt sich als das zentrale gemeinsame Merkmal nicht die 278 Matthias Stiehler Männerspezifik, sondern die Lebensphase der jeweils angesprochenen Zielgruppen benennen. Sie richten sich zumeist sowohl an Männer als auch an Frauen. Über die Chancen und Probleme dieses Ansatzes wird noch zu sprechen sein. Darüber hinaus lässt sich für die hier dargestellten Projekte ausnahmslos feststellen, dass sie sich nicht der Verhinderung spezifischer Gesundheitsrisiken zuwenden, sondern einen gesundheitsfördernden Ansatz verfolgen. Zwar wenden sie sich spezifischen Lebenslagen zu und richten ihr Augenmerk auf die Hilfe in dieser Situation. Aber es geht nicht um die Verhinderung konkreter Erkrankungen, sondern um eine allgemeine Verbesserung von Lebensfaktoren, die die Gesundheit fördern, insbesondere Wohlbefinden und Teilhabe [1]. Die Schwierigkeit bei Projekten, die auf unspezifische Wirkfaktoren ausgerichtet sind, liegt jedoch darin, die Sinnhaftigkeit und Effektivität der Maßnahmen einzuschätzen oder gar zu messen. Das Unspezifische kann schnell zur Beliebigkeit, zu einem Handeln »aus dem Bauch heraus« führen. So besteht die Gefahr, dass die Projekte allein durch den grundsätzlich gegebenen gesellschaftlichen Bedarf gerechtfertigt werden. Sie müssen jedoch auch konzeptionell zielführend gestaltet werden. Da genau an dieser Stelle der Schwachpunkt vieler Projekte zur Gesundheitsförderung zu finden ist, wurden durch den Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung »Kriterien für gute Praxis der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung« entwickelt [2]. Diese Kriterien bieten die Möglichkeit, sich in der Konzeptionsphase, der Durchführung und der Auswertung an bestimmten Markern und Grundsätzen zu orientieren und so das Projekt auf ein nachvollziehbares Fundament zu stellen. Im Einzelnen lauten die Kriterien: ➣ Konzeption: Hier muss ein klarer Bezug zu den zu erreichenden Zielen gegeben sein. ➣ Zielgruppenbezug: Warum diese Zielgruppe? Was macht sie aus? Wie ist sie erreichbar? Diese Fragen müssen möglichst präzise beantwortet werden. ➣ Setting-Ansatz: In welche Lebenswelten soll das Projekt wirken? Wie lassen sich gesundheitsfördernde Strukturen schaffen und damit die individuellen Kompetenzen stärken? ➣ Multiplikatorenkonzept: Welche Personengruppen werden in die Umsetzung des Projektes einbezogen und wie geschieht das? ➣ Nachhaltigkeit: Es geht um dauerhafte und nachweisbare Effekte/Ver- änderungen. ➣ Niedrigschwellige Arbeitsweise: Aus der Perspektive der Zielgruppen sollten die Zugangshürden niedrig gehalten werden. ➣ Partizipation: Es geht um Beteiligungsmöglichkeiten und reicht von der Information bis hin zur Selbstorganisation. ➣ Empowerment: Damit ist die Befähigung von Personen gemeint, selbstbestimmt ihr Leben und ihre soziale Umwelt zu gestalten. Die Frage an das Projekt ist, wie genau dieser Aspekt gefördert wird. ➣ Integriertes Handlungskonzept/Vernetzung: Wie gelingt es, das Projekt kooperativ mit den zentralen Akteursgruppen zu gestalten und umzusetzen? ➣ Qualitätsmanagement: Eine gute Qualität in der Umsetzung erfordert 279 4.6 Gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt – Teil 2 Evaluation der Projekte und beständige Lernprozesse. ➣ Dokumentation und Evaluation: Sind Bestandteile des Qualitätsmanagements. ➣ Kosten-Wirksamkeits-Verhältnis: Es geht bei der Durchführung von Projekten immer auch um eine Angemessenheit von Aufwand und Nutzen. Nicht alles, was machbar ist, ist unter diesem Gesichtspunkt auch sinnvoll. Beziehen wir diese Kriterien auf das Thema »Gute gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt«, dann spielen sie für diese Spezifik eine unterschiedlich wichtige Rolle. Es gibt Kriterien, die zentral für die Bestimmungsgrößen »Männer«, »Gesundheit« und »Renteneintritt« sind. Dazu zählen insbesondere der Zielgruppenbezug, der Setting-Ansatz sowie Partizipation und Empowerment. Das bedeutet nicht, dass damit die anderen Kriterien unwichtig wären. Sie spielen in allen gesundheitsfördernden Projekten eine wesentliche Rolle, insbesondere, wenn es um das Qualitätsmanagement geht. Aber eine besondere Berücksichtigung der genannten Kriterien entspricht der spezifischen Herausforderung unseres Themas. Zielgruppenbezug als wesentliches Kriterium Da ist zuallererst der Zielgruppenbezug. Es ist das wesentliche Kriterium, wenn es um die Entwicklung von Projekten für die Gruppe der Männer geht. Im Bereich von Prävention und Gesundheitsförderung wird immer wieder thematisiert und gefragt, wie Männer so angesprochen werden können, dass sie auch erreicht werden. Diese Diskussion resultiert aus empfundenen Defiziten bei der Ansprache dieser Gruppe. Doch trotz dieser allgemein anerkannten Feststellung findet eine geschlechtsspezifische Ausrichtung des Zielgruppenbezuges in der Praxis erstaunlich wenig Beachtung. Eine Befragung des Sächsischen Gleichstellungsbeirats, an der der Autor dieses Beitrags beteiligt war, ergab, dass die Geschlechtsspezifik bei der Konzeption gesundheitsfördernder Projekte nur selten eine Rolle spielt – und wenn, dann ging es um frauenspezifische Ansprache  [3]. Das 2015 verabschiedete Präventionsgesetz sieht zwar ausdrücklich vor, »geschlechtsspezifischen Besonderheiten Rechnung zu tragen« (PrävG, Artikel 1, Punkt 2), jedoch findet das in der Praxis immer noch erstaunlich wenig Aufmerksamkeit. Dies ist auch an den hier vorgestellten Projekten zu erkennen. Selbst bei dem Projekt »Wohnen 60plus«, das sich schwerpunktmäßig an Männer wendet, gestaltet sich die männerspezifische Ansprache eher implizit und wird konzeptionell erst einmal nicht hervorgehoben. Bei den anderen Projekten, die keine geschlechtsspezifische Ausrichtung haben, wächst erst im Projektverlauf die Einsicht, dass die Geschlechtsspezifik essenzieller Bestandteil gesundheitsfördernder Projekte sein muss. Die Männergesundheitsforschung hat die Wichtigkeit einer auf Männer ausgerichteten Ansprache herausgearbeitet [4]. Wenn dies jedoch nicht bewusst konzeptionell erarbeitet wird, besteht die Gefahr, an den Bedürfnissen der Männer vorbei zu agieren. Da auf der anderen Seite Einigkeit besteht, dass der Übergang in die Rente gerade bei Männern eine besondere Herausforderung darstellt, ist im Kriterium Zielgruppenbezug die Geschlechtsspezifik von besonderer Bedeutung. Das bedeutet nicht, dass sich mit der 280 Matthias Stiehler Adressierung »Männer« die Herausforderung dieses Kriteriums erschöpft. Die unterschiedlichen Lebenswelten der Männer erfordern eine genaue Justierung der Ansprache. Dies entspricht auch der Erkenntnis aus der männerspezifischen Gesundheitsförderung, dass der Lebensweltbezug möglichst konkret erfasst werden muss, um nicht an der Zielgruppe vorbei zu handeln [4]. Die in den vorangegangenen Beiträgen vorgestellten Projekte sind allesamt dadurch charakterisiert, dass sie nicht ausschließlich für Männer konzipiert wurden. Dennoch sind zwei von ihnen stärker auf Männer bezogen bzw. bilden in ihrer Intention besondere männerspezifische Problemlagen ab. Das sind zum einen die Seminare »Lebensperspektiven 50plus«, zum anderen das »Wohnprojekt 60plus«. Im letzteren Projekt zeigt sich die Männerspezifik darin, dass von den zur Verfügung stehenden Appartements nur eines von einer Frau, die anderen 18 von Männern belegt sind. Der Grund für diesen Gender Gap liegt in der ungleichen Verteilung von Frauen und Männer in der Gruppe der Wohnungslosen. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind 67 % in dieser Gruppe Männer, 25 % Frauen, 8 % Kinder [5]. Der Anteil der Männer unter den älteren Wohnungslosen ist noch einmal deutlich höher. Dadurch ist es zunächst erst einmal nicht schwierig, Männer für dieses Projekt zu gewinnen. Es stellt allerdings andererseits eine Herausforderung dar, das Konzept so zu gestalten, dass spezifische männliche Problemlagen und Themen Berücksichtigung finden. Genannt seien hier gegen- über Frauen kleinere soziale Netzwerke, Selbstständigkeit bei der Hausarbeit, Akzeptanz von Hilfsbedürftigkeit und realistische Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes. Demgegenüber stellt sich für das Angebot von Seminaren zur Lebensperspektive im Übergang in die Rente die Herausforderung, Männer erst einmal für das Angebot zu gewinnen. Diese Notwendigkeit ergibt sich zum einen aus der Tatsache, dass der Übergang in die Rente berufstätige Frauen und Männer gleicherma- ßen trifft, die Angebote daher auch beide Gruppen gleichermaßen erreichen sollten. Zum anderen wird aber auch davon ausgegangen, dass bei Männern durch ihre durchschnittliche größere Berufsorientierung die Herausforderung des Lebensereignisses »Übergang in die Rente« noch größer ist und somit auch ein großer Bedarf an Hilfen vermutet werden kann. Es stellte sich nun heraus, dass offen angebotene Seminare eher von Frauen angenommen werden. Das entspricht auch Erfahrungen von gesundheitsfördernden und präventiven Angeboten für andere Altersgruppen. Werden aber Männer in ihrem beruflichen Lebensumfeld angesprochen, sind sie erreichbarer. Werden die Seminare beispielsweise direkt von den Firmen für ihre Beschäftigten gebucht, ist der Anteil der teilnehmenden Männer deutlich höher. Hier wird die Ressource »Arbeitsumfeld« als wesentlicher Lebensbereich von Männern genutzt. Sie können leichter direkt erreicht werden. Das Problem liegt bei diesem Vorgehen vielleicht darin, dass Firmen allgemein weniger Interesse haben, in Angebote für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu investieren, die keinen unmittelbaren Gewinn für das Unternehmen versprechen. Denn es geht um die Zeit nach dem Ausscheiden aus der Firma. Doch es zeigte sich, dass sich Männer mit solchen Angeboten wertgeschätzt fühlen. Sie fühlen sich in ihrer Lebenssituation ernst genommen. Angesichts dessen, dass 281 4.6 Gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt – Teil 2 die Seminarteilnehmer oft noch weitere Jahre in der Firma verbringen, kann das wiederum das Betriebsklima positiv beeinflussen. Die Mehrgenerationenhäuser und die Projekte im Rahmen der WHO-Initiative »Gesunde Städte« in Dresden richten sich noch deutlicher an alle Menschen in dieser Lebenssituation. Das heißt, dass die Ansprache erst einmal geschlechtsunspezifisch erfolgt bzw. zu erfolgen scheint. Im Ergebnis wird jedoch deutlich, dass letztlich mehr Frauen angesprochen werden. Das bedeutet, dass dort, wo die Geschlechtsspezifik nicht ausdrücklich in den Blick genommen wird, die Gefahr besteht, implizit Angebote für Frauen zu gestalten. Männervergessenheit Dies ist nicht nur im Bereich der Seniorenansprache zu beobachten, sondern ist ein verbreitetes Phänomen gesundheitsfördernder Projekte. Die Ursachen mögen vielfältig sein. Da ist die leichtere Erreichbarkeit von Frauen für allgemeine Projekte, die dem Wohlbefinden dienen. Da ist die Hemmung vieler Männer, Hilfsangebote anzunehmen und sich damit vermeintlich nicht so autark und selbstständig zu fühlen. Da ist aber auch die gesellschaftliche Zuschreibung, Männer haben weniger Probleme und brauchen weniger Hilfe. Der Klage, dass Männer weniger durch Gesundheitsangebote zu erreichen sind, entspricht der herablassende Spott, den hilfsbedürftige Männer in der Gesellschaft oftmals ertragen müssen (»Männerschnupfen«). Die impliziten »Entscheidungen«, Projekte stärker für Frauen zu konzipieren, kann sich bis zur konkreten Durchführung niederschlagen. Wenn beispielsweise bei der hier vorgestellten Untersuchung der Gestaltung von Mehrgenerationenhäusern deutlich wird, dass jüngere Menschen und Frauen häufiger aktiv zur ehrenamtlichen Mitarbeit angesprochen werden als ältere Männer, dann zeigt das, dass immer dort, wo Männer nicht bereits explizit konzeptionell als Zielgruppe erfasst werden, sich diese Männervergessenheit im Projektverlauf fortsetzt – obwohl sie nicht ausdrücklich ausgeschlossen sind. Der Geschlechtsspezifik ist daher bei der Konzeption und Durchführung auch dann unbedingt Beachtung zu schenken, wenn sie nicht explizit vorgesehen ist. Positiv wiederum ist bei den dargestellten Projekten festzustellen, dass die schlechtere Erreichbarkeit von Männern bemerkt und thematisiert wird. Dabei fällt auf, dass Männer immer dann besser erreicht werden, wenn sie sich mit ihren Fähigkeiten aktiv einbringen können. Das gilt insbesondere bei der älteren Generation. Es ist wichtig Männer wie Frauen in ihren Erfahrungen, ihrem Wissen und ihren Fertigkeiten anzusprechen. Die Untersuchung zu den Mehrgenerationenhäusern zeigt, dass Männer stärker in den Bereichen Sport und Kultur aktiv mitarbeiten und eher in Beratung, Kursveranstaltungen, in der Administration und der Koordination der Mehrgenerationenhäuser zu finden sind. Das lässt sich nutzen, bedarf aber konzeptioneller Entscheidungen. Das Projekt »Bewegung im Stadtteil« in Dresden zeigt, wie Männer dann gewonnen werden können, wenn sie aktiv an der Gestaltung des Projekts – hier ist die Entwicklung und Gestaltung der Broschüren gemeint  – mitwirken können und dort auch Verantwortung übernehmen. Bei den sportlichen Angeboten ist es darüber hinaus sehr wichtig, dass die Angebote direkt für Männer 282 Matthias Stiehler konzipiert und dann, wenn möglich, auch durch männliche Übungsleiter durchgeführt werden. Insgesamt ist der unmittelbare Lebensweltbezug entscheidend. Konzeptionell erfordert das eine vorangehende, aufmerksame Beobachtung, die nicht schon vorher weiß, was sie sehen will  [6]. Je genauer im Vorfeld evaluiert und zielgenauer das Projekt entwickelt wird, desto erfolgversprechender, desto besser werden Männer angesprochen und erreicht. Die Lebenswelten der Männer sind differenziert und vielfältig. Daher wird es auch nicht möglich sein, Projekte zu entwickeln, die alle Männer gleichermaßen erreichen. Die Analyse des konkreten Bedarfs ist eine grundlegende Voraussetzung. Setting Ansatz Um den Lebensweltbezug geht es beim Kriterium Setting-Ansatz. In der Handreichung des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit steht: »Der Begriff Setting-Ansatz wird im deutschsprachigen Raum oft mit ›Lebenswelt-Ansatz‹ übersetzt. Der Setting-Ansatz nimmt die Lebenswelten von Menschen und damit die Bedingungen in den Blick, unter denen Menschen spielen, lernen, arbeiten und wohnen … Die Bedingungen in den Settings bzw. Lebenswelten  – wie z. B. in der Schule, am Arbeitsplatz, im Stadtteil oder im engeren Wohnumfeld (Nachbarschaft) – haben einen wesentlichen Einfluss auf die Möglichkeit, ein gesundes Leben zu führen.«  [2, S.  15] Es geht also um die unmittelbaren sozialräumlichen Bedingungen, in die hinein die Projekte wirken und die damit vielleicht auch gestaltet und verändert werden. Allerdings muss »Lebenswelt« als umfassender Begriff verstanden werden, der das Setting als einen Teil beinhaltet. Die Lebenswelt eines Menschen oder von Menschengruppen sind nicht allein die sozialräumlichen Bedingungen, in denen sie leben. Es sind auch die Ressourcen und die Begrenzungen, die diese Menschen selbst mitbringen  [7]. Bei einem Individuum müssen wir neben den Möglichkeiten, die ihm »die Welt« zur Verfügung stellt, auch die Potenziale des jeweiligen, konkreten Menschen hinzuzählen. Diese sind ihm vielleicht selbst nicht immer offensichtlich und bewusst. Bei Menschengruppen sind immer auch spezifische gesellschaftliche und soziale Faktoren zur Lebenswelt hinzuzurechnen, die diese Gruppe bestimmen. Auch diese sind nicht immer gleich offenkundig und müssen erkannt und beschrieben werden. Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit meint daher immer auch, mehr als die offensichtlichen Bedingungen und Zuschreibungen zur Grundlage der eigenen Arbeit zu machen. Wir erleben dies in der häufig anzutreffenden Männervergessenheit gesundheitsfördernder Projekte. Die lebensweltliche Perspektive dieser Tatsache besteht in der gesellschaftlichen Haltung, dass Männer als Adressaten helfenden Handelns nicht so bedeutsam sind. Dem kann die Vorstellung zugrunde liegen, dass sie so privilegiert sind, dass sie keiner Hilfe bedürfen. Vielleicht aber auch, dass sie grundsätzlich nur selten bereit sind, Hilfe anzunehmen. Diese gesellschaftliche Haltung kann aus der Selbsteinschätzung der Männer resultieren, aber auch gesellschaftliche Zuschreibung sein, die sich wiederum in geschlechtsspezifischer Sozialisation oder auch in gesellschaftlichen Narrativen über Männer zeigt. Gesundheitsförderung hat dann die Auf- 283 4.6 Gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt – Teil 2 gabe, der in der Männervergessenheit zum Ausdruck kommenden »Selbstvergessenheit« der Männer etwas entgegenzustellen, Männer in ihrem Sosein zu akzeptieren und zugleich Angebote zu machen, die sich den darin enthaltenen Schwächen helfend annähern und die darin enthaltenen Stärken nutzen. Dazu sind die genannten Kriterien Partizipation und Empowerment bedeutsam. Bei den vorgestellten Projekten wird genau das in dem Moment versucht, als das männerbezogene konzeptionelle Defizit bemerkt wird. Dabei hilft der Setting-Ansatz, der sich mit den sozialräumlichen Themen auseinandersetzt und damit der Lebenswelt der Männer gerecht wird. Das »Wohnprojekt 60plus« verkörpert dieses Verständnis in besonderer Weise. Die Wohnungen, die den ehemaligen Wohnungslosen zur Verfügung gestellt werden, erkennen durch die Abgeschlossenheit die persönliche Autonomie an, sie geben die Möglichkeit der individuellen Sorge und Verantwortung. Und gleichzeitig bieten sie Gemeinschaftsräume und gemeinschaftliche Angebote. Darüber hinaus sind die Wohnungen unauffällig in das Quartier eingebunden und lassen so Begegnungen mit Nachbarn auf Augenhöhe zu. Die vorgestellten Projekte der Stadt Dresden setzen am sozialen Nahraum an. Dadurch wird versucht, die Schwelle der Beteiligung möglichst niedrig zu halten, die Verbundenheit zur Nachbarschaft zu stärken und die Kenntnis älterer Menschen in ihrem Stadtviertel zu nutzen. Das Projekt »Bewegung im Stadtteil« bei dem »Lieblingsplätze« gesammelt, beschrieben, fotografiert und daraus ein möglichst barrierefreier Rundgang entwickelt wurde, ist ohne die Beteiligung der »Experten vor Ort« nicht denkbar und auch nicht sinnvoll. Hier erfahren Männer Wertschätzung und Hilfe zugleich. Projektentwicklung mit den Adressaten Insbesondere Seniorenprojekte sollten überhaupt dadurch gekennzeichnet sein, dass sie weniger für als mehr mit den Adressaten arbeiten. Die Erfahrung des Alters und das Bedürfnis der Senioren, sich mit den eigenen Fertigkeiten und dem angesammelten Erfahrungsschatz einzubringen, ist eine bedeutsame Ressource, die unbedingt genutzt werden sollte. Diesen Ansatz verfolgen auch die Mehrgenerationenhäuser, für die die Entwicklung von Angeboten genau bei diesem Punkt beginnt. Aus diesen Aussagen lässt sich die Bedeutung der Kriterien Partizipation und Empowerment schließen. Alle vorgestellten Projekte haben in diesem Punkt einen zentralen Schwerpunkt. Die aktive Beteiligung an den Projekten zum Rentenübergang und für die Zeit nach Renteneintritt ist aus zwei Gründen bedeutsam. Zum einen entspricht sie dem männlichen Selbstverständnis der aktiven Mitgestaltung. Da die Möglichkeit hierzu bei vielen jüngeren Senioren gegeben ist, würden Projekte, die das nicht ermöglichen, von Männern eher nicht angenommen werden. Der zweite Grund hängt mit der bereits angesprochenen Wertschätzung gegenüber dem Alter zusammen. Alte Menschen sind nicht per se Adressaten fürsorglicher Hilfen. Aber sie benötigen Angebote, um eventuell bestehenden Risiken wie Vereinsamung oder dem Empfinden des Nicht-gebraucht- Werdens entgegenwirken zu können. Auch hier sollten Männer nicht vergessen werden. Auch und gerade für sie ist die 284 Matthias Stiehler Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens sehr stark an das Gefühl des Gebraucht- und Geschätztwerdens gebunden. Die stadtteilbezogenen Projekte in Dresden (wie in zahlreichen anderen Städten) und die Mehrgenerationenhäuser sind gute Beispiele für die Umsetzung dieser Prinzipien. Literatur 1 WHO. Charta der 1.  Internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung 1986 (Ottawa-Charta). In: Franzkowiak P, Sabo P (Hrsg.), Dokumente der Gesundheitsförderung. Internationale und nationale Dokumente und Grundlagentexte zur Entwicklung der Gesundheitsförderung im Wortlaut und mit Kommentierungen. Mainz: Verlag Peter Sabo; 1998:96–101. 2 Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit. Kriterien für gute Praxis der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung. 2015. https://www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/good-practicekriterien/ (28.01.2020). 3 Stiehler M. Bericht der AG Frauen- und Männergesundheit des Sächsischen Gleichstellungsbeirats. Vortrag auf der Sitzung am 12.06.2014. 4 Stiehler M. Förderung psychischer Gesundheit: beispielhafte Projekte. In: Weißbach, L., Stiehler, M. (Hrsg.), Männergesundheitsbericht 2013. Im Fokus: Psychische Gesundheit. Bern: Verlag Hans Huber; 2013. 5 BAG Wohnungslosenhilfe. Pressemitteilung: Wohnungslosigkeit: Kein Ende in Sicht. 2019. https://www.bagw.de/de/themen/zahl_der_ wohnungslosen/index.html (11.11.2019). 6 Thiersch H, Böhnisch L. Spiegelungen. Lebensweltorientierung und Lebensbewältigung. Weinheim: Beltz Juventa; 2014:98. 7 Thiersch H. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Weinheim: Juventa Verlag; 1992. Dr. Matthias Stiehler Ausgeübte Tätigkeit: Leiter des Sachgebiets Sexuelle Gesundheit im Gesundheitsamt Dresden, Vorsitzender des Dresdner Instituts für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft e. V. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Sexuelle Gesundheit, sozialwissenschaftliche Aspekte der Männergesundheit, Paarberatung/Paartherapie Adresse: Dresdner Institut für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft e. V., Tiergartenstr. 58 a, 01219 Dresden E-Mail: matthias.stiehler@dieg.org

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Schlagworte

Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter

References

Zusammenfassung

Bis zum Jahr 2050 wird es etwa 23 Millionen über 65-Jährige in Deutschland geben. Dadurch wird es gesellschaftlich wie individuell zunehmend notwendig, gute Voraussetzungen für das Rentenalter als Lebensphase zu schaffen. Um es bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen, sollte bereits die Zeit vor dem Übergang zur Vorbereitung genutzt werden. Insbesondere Männer, die sich oft stark mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren, sind gefordert, ein hohes Gesundheitspotenzial und gute soziale Bedingungen verantwortungsbewusst aufzubauen.

Der Vierte Deutsche Männergesundheitsbericht setzt bei einer fundierten Bestandsaufnahme der Situation der Männer zwischen 55 und 74 Jahren an. Aus ihr ergeben sich wichtige Themen für die Politik, für die Soziale Arbeit und für den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt: die Situation der Erwerbsarbeit zehn Jahre vor der Berentung, die Übergangsphase sowie gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt.

Mit Beiträgen von Doris Bardehle, Eric Bonsang, Daniela Borchart, Martina Brandt, Jennifer Burchardi, Christian Deindl, Dina Frommert, Freya Geishecker, Siegfried Geyer, Stefan Gruber, Felizia Hanemann, Hans Martin Hasselhorn, Moritz Hess, Jens Hoebel, Hanno Hoven, Rainer Jordan, Hendrik Jürges, Theo Klotz, Adèle Lemoine, Michal Levinsky, Howard Litwin, Peggy Looks, Thorsten Lunau, Ingrid Mayer-Dörfler, Anne Maria Möller-Leimkühler, Niels Michalski, Bernhard Mühlbrecht, Laura Naegele, Nikola Ornig, Kathleen Pöge, Jean-Baptist du Prel, Gregor Sand, Alina Schmitz, Johannes Siegrist, Stefanie Sperlich, Anne Starker, Matthias Stiehler und Morten Wahrendorf

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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter