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Howard Litwin, Michal Levinsky, 3.8 Verringern soziale Netzwerkedie negativen Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit? in:

Hendrik Jürges, Johannes Siegrist, Matthias Stiehler (ed.)

Männer und der Übergang in die Rente, page 233 - 246

Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3023-8, ISBN online: 978-3-8379-7704-2, https://doi.org/10.30820/9783837977042-233

Series: Forschung Psychosozial

Bibliographic information
233 3.8 Verringern soziale Netzwerke die negativen Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit? Howard Litwin & Michal Levinsky Zusammenfassung In diesem Kapitel werden die Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit europäischer Männer untersucht. Es wird außerdem betrachtet, inwiefern soziale Netzwerke den Zusammenhang zwischen dem Ausscheiden von Männern aus dem Berufsleben und ihrem Gesundheitszustand beeinflussen. Unsere Diskussion stützen wir dabei auf Analyse von Daten des Survey of Health, Ageing and Retire ment in Europe (SHARE), die wir speziell für dieses Buch durchgeführt haben. Unsere Studie untersucht die besonderen Wechselbeziehungen, die zwischen Ruhestand, sozialen Netzwerken und Gesundheit bestehen. Dabei werden die Auswirkungen mehrerer anderer wichtiger Variablen berücksichtigt, von denen bekannt ist, dass sie auch die Gesundheit in der späten Lebensphase beeinflussen. Damit gewähren wir neue Einblicke bezüglich der Faktoren, welche die Gesundheit von Männern nach der Pensionierung beeinflussen. Do Social Networks Reduce the Negative Effects of Retirement on Health? This chapter examines the effect of retirement on health among European men. It also considers whether social networks affect the relation between men’s exit from the workforce and their health status. We base our discussion on an analysis of data from the Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE), an inquiry that we conducted specifically for this book. Our study examines the unique interrelationships that exist between retirement, social networks and health, considering the effects of several other important variables also known to influence late-life health, so that we can provide new insights into the factors that shape men’s health after retirement. Ruhestand und Gesundheit Wie schon an anderer Stelle in diesem Band erwähnt wird, ist es eine komplexe Herausforderung, die Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit zu verstehen. Das ist darauf zurückzuführen, dass der Austritt aus dem Berufsleben selbst häufig durch Krankheit verursacht wird und nicht umgekehrt [1]. Dennoch wird nach wie vor häufig davon ausgegangen, dass der Austritt aus dem Berufsleben die Gesundheit negativ beeinflusst. Es gibt jedoch einige Studien, die das Gegenteil zeigen, und zwar, dass der Ruhestand sich tatsächlich gesundheitsschützend auswirken kann [2, 3]. In Bezug auf die psychische Gesundheit scheint es Belege dafür zu geben, dass der Ruhestand vor allem bei Männern zu stärker depressiven Symptomen führen kann [4, 5]. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass der Austritt aus dem Berufsleben die kognitive Leistungsfähigkeit negativ beeinflusst [6, 7]. Eine andere Studie zeigt jedoch, dass der mit dem Ruhestand verbundene kognitive Verfall hauptsächlich bei Frauen 234 Howard Litwin & Michal Levinsky auftritt [8]. Angesichts der widersprüchlichen Ergebnisse lässt sich vorläufig festhalten, dass der derzeitige Wissensstand bezüglich des Zusammenhangs zwischen Ruhestand und Gesundheit immer noch lückenhaft ist. Infolgedessen untersuchen wir im vorliegenden Kapitel zunächst, ob pensionierte europäische Männer tatsächlich von schlechterer physischer, emotionaler und kognitiver Gesundheit berichten, auch wenn weitere Einflussfaktoren berücksichtigt werden. Soziale Netzwerke Sozialwissenschaftler verwenden den Begriff »soziales Netzwerk« für das zwischenmenschliche Umfeld, das Menschen auf unterschiedliche Weise pflegen, das heißt die Vielfalt der sozialen Beziehungen, die sie eingehen können. Der Begriff persönliches soziales Netzwerk bezeichnet die unmittelbarsten und wichtigsten sozialen Beziehungen, die Menschen pflegen [9]. Insbesondere spiegelt das persönliche soziale Netzwerk die Menge an engen Beziehungen wider, die für eine bestimmte Person am wichtigsten sind und von denen sie vielfältige Arten sozialer Unterstützungen bekommen kann. Dazu gehören ganz praktische Hilfeleistungen, emotionale Zuwendung, kognitive Unterstützung und Gemeinschaft. Soziale Netzwerke sind komplexe Phänomene und können unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht werden. Sie werden häufig hinsichtlich ihrer strukturellen Merkmale betrachtet, wie beispielsweise die Anzahl der Personen im Netzwerk (Netzwerkgröße) oder die Anzahl der verschiedenen Arten von Beziehungen innerhalb des Netzwerks (Netzwerkdiversität). Soziale Netzwerke können auch hinsichtlich ihrer Funktion betrachtet werden, beispielsweise hinsichtlich der von ihnen geleisteten Unterstützung oder ihrer empfundenen Qualität. Persönliche soziale Netzwerke lassen sich wohl am besten anhand von Namensgeneratoren erfassen. Hierbei handelt es sich um Befragungsinstrumente, bei denen der Befragte zuerst seine engsten sozialen Beziehungen benennt und dann zusätzliche Informationen zu jedem der genannten »Vertrauten« (z. B. Geschlecht, geografische Nähe, Kontakthäufigkeit usw.) liefert. Ein solches Instrument bietet eine sehr detaillierte Erfassung des zwischenmenschlichen Umfelds und damit die genaueste Abbildung von sozialen Netzwerken, die in der Literatur zu finden ist. In unserer aktuellen Studie verwenden wir derartige Daten, um zu untersuchen, ob soziale Netzwerke den Zusammenhang zwischen Ruhestand und Gesundheit beeinflussen. Soziale Netzwerke, Gesundheit und Ruhestand Soziale Netzwerke stehen in Zusammenhang mit der Gesundheit in der späten Lebensphase [10, 11]. Verschiedene Studien belegen, dass ressourcenreiche soziale Netzwerke, d. h. solche mit mehr Mitgliedern, einer größeren Vielfalt an Beziehungstypen und einer höheren Netzwerkqualität, mit einer besseren physischen Gesundheit  [12, 13], einer besseren psychischen Gesundheit  [14] und einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit  [12, 15] einhergehen. Insgesamt herrscht ein weit verbreiteter Konsens darüber, dass soziale Netzwerke der Gesundheit zuträglich sind. Es gibt allerdings sehr wenige veröffentlichte Forschungsergebnisse zum Zusammenhang von sozialen Netzwerken und Ruhestand und praktisch keine Arbeiten 235 3.8 Verringern soziale Netzwerke die negativen Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit? über die Wechselbeziehungen zwischen sozialen Netzwerken, Ruhestand und Gesundheit. Einige Studien untersuchen die Rolle des sozialen Netzwerks in Bezug auf den Zeitpunkt des Renteneintritts  [16]. Eine solche Studie in Finnland zeigt beispielsweise, dass die Größe und Vielfalt des sozialen Netzwerks, wenn andere Einflussfaktoren berücksichtigt wurden, bei Frauen in einem negativen Zusammenhang zur Frühverrentung steht, nicht aber bei Männern [17]. Was den umgekehrten Fall betrifft, gibt es nur wenige Studien, die sich gezielt mit den Auswirkungen des Ruhestands auf das persönliche soziale Netzwerk befassen. Es wird jedoch grundsätzlich angenommen, dass Menschen außerhalb des Arbeitsplatzes weniger soziale Beziehungen haben  [18]. In Bezug auf die Wechselbeziehungen zwischen sozialen Netzwerken, Ruhestand und Gesundheit wird in einem kürzlich erschienenen Beitrag gezeigt, dass – neben allen anderen Veränderungen im persönlichen täglichen Leben nach der Pensionierung – der Ruhestand die Gesundheit durch Veränderungen des persönlichen sozialen Netzwerks beeinflussen könnte [19]. Angesichts des Mangels an Evidenz über den Zusammenhang zwischen Ruhestand und sozialem Netzwerk im Hinblick auf die Gesundheit in der späten Lebensphase untersucht die in diesem Kapitel vorgestellte Analyse daher speziell die Rolle des sozialen Netzwerks in Bezug auf die Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit europäischer Männer. Weitere Faktoren im Zusammenhang mit der Gesundheit von Männern Mehrere weitere Variablen stehen im Zusammenhang mit der Gesundheit von Männern in der späten Lebensphase. Ein hohes Alter ist allgemein mit schlechterer Gesundheit verbunden, wobei dieser Zusammenhang durch das Auftreten altersbedingter Krankheiten erklärt werden kann. Eine geringere Bildung hängt ebenso mit einer schlechten Gesundheit in der späten Lebensphase zusammen wie niedriger beruflicher Status. Ein niedriges Einkommen korreliert ebenfalls mit einer schlechteren Gesundheit nach der Verrentung. Andere Faktoren, die mit schlechter Gesundheit verbunden sind, können körperliche Inaktivität und eingeschränkte soziale Aktivitäten sein. Im Gegensatz dazu stehen aktive soziale Unterstützung und das Vorhandensein eines Partners (Familienstand) im Zusammenhang mit einer besseren Gesundheit. Um die Nettowirkung des sozialen Netzwerks auf die Gesundheit von Männern nach der Pensionierung zu untersuchen, wird in der folgenden Analyse die mögliche Auswirkung jeder dieser zusätzlichen Variablen mithilfe einer multivariaten Analyse statistisch kontrolliert. Daten und Ergebnisse Die vorliegende Untersuchung verwendet Daten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE), einer europaweiten Längsschnittstudie zur Gesundheit und Erwerbsbeteiligung der älteren Bevölkerung  [20]. Die Stichprobe wurde dabei auf Männer aus den Ländern beschränkt, die sowohl an Welle 4 (2010) als auch Welle 5 (2012) des SHARE teilgenommen haben. Die Daten der 4.  Welle, die als Basisjahr für die aktuelle Analyse dient, wurden ausgewählt, da dort der Namensgenerator für soziale Netzwerke zum ersten Mal in SHARE implementiert wurde. Welle  5 236 Howard Litwin & Michal Levinsky enthält Daten zur Gesundheit, die für die Analyse von Interesse sind. Die Stichprobe wurde auf Männer im Alter von 55 bis 70  Jahren beschränkt, da in diesem Intervall die meisten Verrentungen stattfinden. Die verwendete Stichprobe umfasste 5.234 Männer aus 14 Ländern: Österreich, Belgien, Tschechische Republik, Dänemark, Estland, Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Slowenien, Spanien, Schweden und der Schweiz. Insgesamt war etwa ein Drittel der Männer in der Stichprobe zu Studienbeginn berufstätig (Welle 4), und etwa zwei Drittel von ihnen waren im Ruhestand. Abbildung 1 zeigt die relative Verteilung der arbeitenden und verrenteten Männer im Basisjahr für jedes 2-Jahres-Altersintervall in der Stichprobe. In der Grafik ist beispielsweise zu sehen, dass die überwiegende Mehrheit der Männer im Alter von 55 bis 60 Jahren beschäftigt war, während nur ein Zehntel oder weniger der Männer im Alter von 65 bis 70 Jahren arbeiteten. Bei den 61–62-Jährigen sind die Anteile nahezu identisch. Die persönlichen sozialen Netzwerke der Männer in der Stichprobe wurden, wie bereits erwähnt, mithilfe eines Namensgenerators erfasst. In SHARE wurden die Befragten gebeten, bis zu sechs Personen zu benennen, mit denen sie in den letzten zwölf Monaten über wichtige Belange geredet haben, und eine weitere Person, die für sie aus einem anderen Grund wichtig gewesen sein könnte. Um die Privatsphäre zu schützen, wurden die Befragten aufgefordert, nur den Vornamen, den Spitznamen oder die Initialen der genannten Personen anzugeben. Anschließend wurden zusätzliche Informationen zu jeder benannten Person erfragt. Aus den gesammelten Daten wurden zum Zwecke der vorliegenden Studie drei Netzwerkvariablen generiert. Die erste Variable war die Netzwerkgröße, gemessen als Anzahl der angegebenen Personen. Sie reicht von 0 bis 7. Die zweite Variable misst die Netzwerkdiversität, in der Literatur auch als Netzwerkkomplexität oder -heterogenität bezeichnet  [21]. Diese Variable bezieht sich auf die Anzahl verschiedener Arten von Beziehungen innerhalb des Netzwerks. Dies ist ein relevan- Abbildung 1: Erwerbsstatus der europäischen Männer im Basisjahr nach Alter. Hinweis: Die Grafik zeigt den relativen Anteil der berufstätigen und verrenteten Männer pro 2-Jahres-Altersintervall in der Stichprobe. 237 3.8 Verringern soziale Netzwerke die negativen Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit? ter Indikator, da, wie bereits erwähnt, verschiedene Arten von Beziehungen unterschiedliche Arten von Unterstützung bieten. Je größer die Diversität zwischen den Netzwerkmitgliedern ist, desto größer ist folglich das Spektrum potenziell verfügbarer Unterstützungen. In der aktuellen Studie lag der Wert für diese Variable zwischen 1 und 6, was die Anzahl der folgenden Beziehungskategorien widerspiegelt: Ehepartner, Kinder, andere Familienmitglieder, Freunde, andere Personen und formelle Dienstleister. Sowohl die Netzwerkgröße als auch die Diversität repräsentieren strukturelle Aspekte des Netzwerks. Die dritte Netzwerkvariable war ein Indikator für die Netzwerkqualität und wurde als Ausmaß der Zufriedenheit gemessen, welche die Befragten in Bezug auf ihre sozialen Netzwerke empfanden, wobei das soziale Netzwerk der Menge der Personen, die als Netzwerkmitglieder angegeben wurden, entspricht. Die Werte bei dieser Messung lagen zwischen 0 und 10, je höher der Wert, desto höher die Zufriedenheit. In Abbildung 2 sind die jeweiligen Werte der Netzwerkvariablen im Basisjahr nach Erwerbsstatus dargestellt. Wie bereits erwähnt, waren die Wertebereiche für jedes der Netzwerkmaße unterschiedlich. Um sie in einer Grafik darzustellen, haben wir die jeweiligen Werte standardisiert, sodass die Durchschnittswerte jeweils 0 und die Standardabweichung jeweils 1 beträgt (der Durchschnitt wird durch die horizontale schwarze Linie im mittleren Teil der Grafik dargestellt). Die Grafik zeigt, dass soziale Netzwerke von berufstätigen Männern ressourcenreicher waren. Dies wird in Bezug auf jede der betreffenden Netzwerkmaße deutlich. Wie man sehen kann, war insbesondere die Netzwerkdiversität bei den Beschäftigten überdurchschnittlich und bei den Rentnern unterdurchschnittlich. Gleiches gilt für die Zufriedenheit mit dem Netzwerk. Die Variable der Netzwerkgröße zeigte ebenfalls den gleichen Unterschied, jedoch in geringerem Maße. Es kann daher vermutet werden, dass die persönlichen sozialen Netzwerke verrenteter europäischer Männer insgesamt kleiner waren als die der Erwerbstätigen, jedoch nur in geringem Maße. Die Gesundheit bzw. ihre Indikatoren wurden in unserer Studie zweimal gemessen, zuerst im Basisjahr und dann bei der Folgebefragung. Die körperliche Gesundheit wurde als Anzahl von bis zu 10 möglichen Mobilitätseinschränkungen erfasst, z. B. Schwierigkeiten beim Treppensteigen, Schwierigkeiten beim Anheben der Abbildung 2: Soziale Netzwerkmerkmale europäischer Männer im Basisjahr nach Erwerbsstatus (standardisierte Werte für drei Maße des sozialen Netzwerks) 238 Howard Litwin & Michal Levinsky Arme über die Schultern oder die Beeinträchtigung beim Aufstehen von einem Stuhl. Wir haben die 10-Punkte-Skala so umkodiert, dass eine höhere Punktzahl eine bessere körperliche Gesundheit widerspiegelt, sprich die Fähigkeit, die jeweiligen körperlichen Tätigkeiten auszuführen. Die psychische Gesundheit wurde mittels der CASP-Skala für Lebensqualität gemessen [22]. Die Skala enthält Items, die empfundene Gefühle von Kontrolle (C), Autonomie (A), Selbstverwirklichung (S) und Freude (P) widerspiegeln. Die Befragten geben auf einer 4-Punkte-Skala an, inwieweit sie den jeweiligen CASP-Items zustimmen oder widersprechen. Die vorliegende Analyse nutzt die 12-Punkte-Version der Skala, die in SHARE verwendet wird. Die Punktzahl bei dieser Messung lag daher im Bereich von 12 (schlechteste psychische Gesundheit) bis 48 (beste psychische Gesundheit). Die kognitive Gesundheit wurde anhand einer Messung ermittelt, die drei Indikatoren kombinierte: Gedächtnis, Rechnen und S p r a c h k o m p e tenz  [23]. Der Gedächtnisindikator fasst die Ergebnisse des Kurz- und Lang zeitg e dächtnistests zusammen. Die Messung der Rechenfähigkeiten basiert auf einem Test, bei dem die Befragten aufgefordert wurden 7 von 100 zu subtrahieren und anschließend fortlaufend vier weitere Male zu subtrahieren (»Serial Sevens«). Die mündliche Sprachkompetenz wurde gemessen, indem die Befragten gebeten wurden, so viele verschiedene Tiere wie möglich innerhalb einer Minute zu benennen (»Animal Naming«). Die jeweiligen Werte wurden standardisiert und zu einem Gesamtindex kombiniert. Dieser lag im Basisjahr zwischen -2,3 und 2,8. Abbildung  3 zeigt die jeweiligen Gesundheitsmaße zum Zeitpunkt der Folgebefragung nach Erwerbsstatus. Auch hier haben wir die jeweiligen Werte standardisiert, sodass die Durchschnittspunktzahl für jede Messung bei 0 lag (wieder dargestellt durch die horizontale schwarze Linie in der Mitte) und die Standardabweichung bei 1. Die Grafik zeigt, dass bei den berufstätigen Männern die Werte für jedes der drei Maße überdurchschnittlich hoch waren. Im Vergleich dazu waren sie bei Männern im Ruhestand unterdurchschnittlich. Der größte Unterschied ist in Bezug auf die Kognition festzustellen, während der kleinste Unterschied in Bezug auf die psychische Gesundheit zu verzeichnen war. Abbildung 3: Gesundheitszustand europäischer Männer bei der Folgebefragung nach Erwerbsstatus (standardisierte Werte für drei Gesundheitsmaße) 239 3.8 Verringern soziale Netzwerke die negativen Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit? Die in der Analyse verwendeten Kontrollvariablen umfassten das Alter 55–70 und den höchsten Bildungsabschluss (international vergleichbar gemessen durch die International Standard Classification of Education, ISCED). Mit dem Bildungsabschluss soll stellvertretend auch der berufliche Status erfasst werden. Das Einkommen wurde indirekt durch die selbstberichtete finanzielle Situation des Haushalts gemessen, d. h. auf einer 4-Punkte-Skala, die misst, ob das Einkommen reicht, um »über die Runden zu kommen«. Weitere Kontrollvariablen waren der Familienstand (eine dichotome Variable mit 1  = verheiratet; 0  = nicht verheiratet), körperliche Inaktivität (eine dichotome Variable mit 1 = inaktiv; 0 = aktiv), sowie soziale Aktivitäten. Diese wurden durch bis zu acht verschiedene Aktivitätstypen erfasst (z. B. in Vereinen, Ehrenämtern usw.). Schließlich wurden noch Hilfeleistungen an Personen außerhalb des Haushalts als weitere dichotome Variable erfasst (1 = ja; 0 = nein). Der Zusammenhang jeder der Studienvariablen mit den drei Gesundheitsoutcomes zum Zeitpunkt der Folgeerhebung wurde unter Verwendung geeigneter bivariater Tests geprüft. Alle Variablen korrelieren signifikant mit den jeweiligen Gesundheitsoutcomes, was ihre Einbeziehung in das multivariate Verfahren in der nächsten und letzten Stufe der Analyse rechtfertigt. Die jeweiligen Gesundheitsoutcomes zum Zeitpunkt der Folgeerhebung werden auf den Erwerbsstatus, die drei Maße des sozialen Netzwerks und die genannten Kontrollvariablen regressiert. Darüber hinaus wurden die relevanten Gesundheitsmaße im Basisjahr in jede der Regressionen einbezogen. Dadurch wird erreicht, dass die Regressionsergebnisse Änderungen des Gesundheitszustands zwischen den beiden Erhebungszeitpunkten widerspiegeln. D. h. wir können mit der Regression die Wirkung der Prädiktoren gemessen im Basisjahr auf die jeweiligen Gesundheitsoutcomes messen. Schließlich haben wir in die Analyse noch Interaktionsterme des Erwerbsstatus jeweils mit den drei Netzwerkvariablen eingefügt. Dies erlaubt einen genaueren Blick auf den Zusammenhang zwischen Ruhestand und sozialem Netzwerk im Basisjahr auf der einen Seite und jedes der drei Gesundheitsmaße bei der Folgeerhebung auf der anderen Seite. Die in Tabelle 1 dargestellten Regressionsergebnisse zeigen, dass der stärkste Prädiktor für die Gesundheit bei der Folgeerhebung der jeweiligen Gesundheitsindikator im Basisjahr war. Ein weiterer wichtiger Prädiktor ist der Erwerbsstatus (Haupteffekt). Dies bedeutet, dass – nachdem der Einfluss anderen Variablen berücksichtigt wurde  – Männer ohne soziale Netzwerke im Ruhestand bei der Folgeerhebung eine schlechtere physische Gesundheit hatten (das heißt stärker mobilitätseingeschränkt waren), bei schlechterer psychischer Gesundheit waren und eine schlechtere kognitive Leistungsfähigkeit hatten. Der Haupteffekt des sozialen Netzwerks war dagegen insignifikant. Das heißt, es wurde bei der Folgebefragung (bei den arbeitenden Männern) keine Auswirkung des sozialen Netzwerks auf die Gesundheit beobachtet. Die Interaktionsterme zeigen jedoch, dass eine der Netzwerkvariablen (Netzwerkzufriedenheit) signifikant mit jedem der Indikatoren für Gesundheitsänderungen bei Männern im Ruhestand zusammenhängt. Da Interaktionsterme in numerischer Darstellung schwer zu interpretieren sind, werden diese in den folgenden drei Diagrammen grafisch illustriert. Abbildung 4 zeigt den Zusammenhang von Netzwerkqualität (Netzwerkzufriedenheit) 240 Howard Litwin & Michal Levinsky und physischer Gesundheit (Mobilität) nach Erwerbsstatus. Die Grafik zeigt bei Erwerbstätigen eine geringfügige Abnahme der Mobilität mit der Netzwerkzufriedenheit, aber eine Zunahme bei den Rentnern. Das heißt, je höher die Netzwerkzufriedenheit im Basisjahr ist, desto besser die Gesundheit (Mobilität) bei Rentnern in der Folgebefragung. Abbildung 5 zeigt den Zusammenhang von Netzwerkqualität (Zufriedenheit) und psychischer Gesundheit (empfundenes Wohlbefinden – CASP-Scores) nach Erwerbstatus. Die Grafik zeigt bei den Erwerbstätigen eine geringfügige Zunahme des empfundenen Wohlbefindens, wenn die Netzwerkzufriedenheit zunimmt. Im Vergleich dazu ist der positive Anstieg bei Tabelle 1: Die Auswirkung von Ruhestand und sozialem Netzwerk im Basisjahr auf die Gesundheit bei der Folgebefragung; europäische Männer im Alter von 55–70 Jahren: OLS- Regressionen Gesundheitsoutcomes: Folgebefragung Variablen Physische Gesundheit Psychische Gesundheit Kognitive Gesundheit β β β Physische Gesundheit Referenzzeitpunkt 0.556*** Psychische Gesundheit Referenzzeitpunkt 0.487*** Kognitive Gesundheit Referenzzeitpunkt 0.478*** Alter -0.038** -0.027 -0.073*** Bildung 0.023 0.031* 0.095*** In Partnerschaft 0.006 0.014 0.022* Finanzielle Leistungsfähigkeit 0.047*** 0.094*** 0.035** Körperlich inaktiv -0.073*** -0.057*** -0.022* Soziale Aktivitäten 0.043*** 0.036** 0.076*** Bereitstellung sozialer Unterstützung 0.010 0.010 0.015 Im Ruhestand -0.278*** -0.152* -0.246*** Soziales Netzwerk Netzwerkgröße -0.044 0.049 -0.010 Netzwerkdiversität 0.028 -0.048 0.002 Netzwerkzufriedenheit -0.022 0.009 -0.024 Interaktionen Ruhestand X Netzwerkgröße 0.026 -0.037 0.016 Ruhestand X Netzwerkdiversität 0.030 0.024 -0.010 Ruhestand X Netzwerkzufriedenheit 0.197** 0.141* 0.183** Beobachtungen 5,161 4,870 5,074 R-Quadrat 0.422 0.442 0.414 Hinweis: Bei allen Modellen wurden länderspezifische Effekte herausgerechnet. *** p < 0.001, ** p < 0.01, * p < 0.05 241 3.8 Verringern soziale Netzwerke die negativen Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit? 3 6 3 7 3 8 3 9 4 0 P s y c h is c h e G e s u n d h e it 1 2 3 4 5 6 7 8 90 10 Zufriedenheit mit dem Netzwerk Erwerbstätig Im Ruhestand Abbildung 4: Körperliche Gesundheit aufgrund des Zusammenspiels von Erwerbsstatus und Netzwerkzufriedenheit. Hinweis: Die Grafi k zeigt den Zusammenhang zwischen Netzwerkzufriedenheit und körperlicher Gesundheit (Mobilitätsfähigkeit) nach Erwerbsstatus. Die schattierten Bereiche über und unter den jeweiligen Geraden stellen die Konfi denzintervalle dar, das bedeutet der wahrscheinlichste Wertebereich für jede Gruppe. 8 8 .5 9 9 .5 1 0 P h y s is c h e G e s u n d h e it 1 2 3 4 5 6 7 8 90 10 Zufriedenheit mit dem Netzwerk Erwerbstätig Im Ruhestand Abbildung 5: Psychische Gesundheit aufgrund des Zusammenspiels von Erwerbsstatus und Netzwerkzufriedenheit. Hinweis: Die Grafi k zeigt den Zusammenhang zwischen Netzwerkzufriedenheit und psychischer Gesundheit (CASP-Werte) nach Erwerbsstatus. Die schattierten Bereiche über und unter den jeweiligen Kurven repräsentieren die Konfi denzintervalle, das bedeutet der wahrscheinlichste Wertebereich für jede Gruppe. -. 2 0 .2 .4 .6 K o g n it iv e G e s u n d h e it 1 2 3 4 5 6 7 8 90 10 Zufriedenheit mit dem Netzwerk Erwerbstätig Im Ruhestand Abbildung 6: Kognitive Gesundheit aufgrund des Zusammenspiels von Erwerbsstatus und Netzwerkzufriedenheit. Hinweis: Die Grafi k zeigt den Zusammenhang zwischen Netzwerkzufriedenheit und kognitiver Gesundheit (Kognitionswerte) nach Erwerbsstatus. Die schattierten Bereiche über und unter den jeweiligen Geraden stellen die Konfi denzintervalle dar, das heißt den wahrscheinlichsten Wertebereich für jede Gruppe. 242 Howard Litwin & Michal Levinsky den Rentnern deutlich steiler. Das heißt, wenn die Netzwerkzufriedenheit bei den Rentnern im Basisjahr hoch war, zeigte sich ihre psychische Gesundheit zwei Jahre später ebenfalls in einem sehr guten Zustand. Abbildung  6 zeigt den Zusammenhang der Netzwerkqualität (Zufriedenheit) mit der kognitiven Gesundheit nach Erwerbsstatus. Hier ergibt sich ein etwas anderes Muster. Die Grafik zeigt eine geringfügige Abnahme der Kognition bei den Beschäftigten, wenn die Netzwerkzufriedenheit zunimmt. Ein etwas steilerer und positiverer Anstieg ist dagegen bei den Männern im Ruhestand zu beobachten. Dies deutet darauf hin, dass eine höhere Netzwerkzufriedenheit mit einer besseren Kognition bei Rentnern verbunden war. In Bezug auf die weiteren Kontrollvariablen werden durch die Regressionsanalyse zuvor bekannte Zusammenhänge bestätigt. Das heißt, eine bessere finanzielle Leistungsfähigkeit im Basisjahr ist bei allen drei Gesundheitsindikatoren mit einer besseren Gesundheit bei der Folgebefragung verbunden. Die Teilnahme an einem breiteren Spektrum sozialer Aktivitäten hängt in ähnlicher Weise mit den drei Gesundheitsoutcomes zusammen, während die körperliche Inaktivität einen negativen Zusammenhang zeigt. Bildung hängt positiv mit zwei der drei Gesundheitsoutcomes zusammen (psychische und kognitive Gesundheit). Das Alter hat einen negativen Zusammenhang mit körperlicher und kognitiver Gesundheit, während der Familienstand nur mit der kognitiven Gesundheit zusammenhängt. Schließlich hat die Bereitstellung sozialer Unterstützung keinen Einfluss auf die Gesundheit bei der Folgebefragung, wenn alle anderen Variablen berücksichtigt werden. Zusammenfassung der Ergebnisse und Diskussion Unter Verwendung von Längsschnittdaten des SHARE haben wir in diesem Kapitel die Rolle des sozialen Netzwerks in Bezug auf den Zusammenhang zwischen Ruhestand und Gesundheit untersucht. Zunächst ließ sich feststellen, dass der Ruhestand bei Männern tatsächlich mit einer schlechteren physischen, psychischen und kognitiven Gesundheit verbunden ist. Das heißt, der Gesundheitszustand derjenigen, die im Basisjahr beschäftigt waren, war bei der Folgebefragung besser als der Gesundheitszustand derjenigen, die bereits in den Ruhestand gegangen waren. Diese Kernaussage deutet darauf hin, dass der Ruhestand möglicherweise nicht gut für die Gesundheit von Männern ist. Als zweites wurde festgestellt, dass der negative Effekt des Ruhestands durch die Zufriedenheit mit dem persönlichen sozialen Netzwerk ausgeglichen werden kann. In Bezug auf die physische, psychische und kognitive Gesundheit wurde nämlich festgestellt, dass eine größere Zufriedenheit mit dem sozialen Netzwerk bei verrenteten Männern im Basisjahr mit besseren Werten in allen drei Gesundheitsmaßen bei der Folgebefragung einherging. In diesem Zusammenhang ist außerdem hervorzuheben, dass der positive Netzwerkeffekt nur bei den Befragten im Ruhestand und nicht bei den noch beschäftigten Befragten festgestellt wurde. Aus der letztgenannten Feststellung ergeben sich zwei zentrale Schlussfolgerungen. Erstens sind soziale Netzwerke für die Gesundheit europäischer Männer im Alter von 55 bis 70 Jahren wichtig, vor allem für diejenigen, die bereits im Ruhestand sind. Möglicherweise bietet der Arbeitsplatz für gleichaltrige Personen, die noch beschäftigt sind, einen ähnlichen gesundheits- 243 3.8 Verringern soziale Netzwerke die negativen Auswirkungen des Ruhestands auf die Gesundheit? schützenden Effekt wie das persönliche soziale Netzwerk bei Personen im Ruhestand. Zweitens war unter den Netzwerkvariablen, die in der vorliegenden Analyse berücksichtigt wurden, die empfundene Zufriedenheit mit dem persönlichen Netzwerk in Bezug auf die Gesundheit am wichtigsten, zumindest bei den Rentnern. Dies legt nahe, dass es nicht die Struktur des Netzwerks (d.h. die Netzwerkgröße oder -zusammensetzung) ist, die für die Gesundheit von Männern im Ruhestand von Bedeutung ist. Vielmehr ist der funktionale Aspekt der Netzwerkqualität für die Gesundheit am wichtigsten. Anders ausgedrückt, ist es weder die Anzahl noch die Art der engen Beziehungen, die man hat, welche die Gesundheit bei Männern im Ruhestand beeinflussen, sondern wie zufrieden Männer im Ruhestand mit ihren engen persönlichen Beziehungen sind. Unter den Kontrollvariablen der Analyse stellen wir insbesondere fest, dass die Teilnahme an einem breiteren Spektrum sozialer Aktivitäten bei Männern im Basisjahr mit einer besseren Gesundheit bei denselben Männern bei der Folgebefragung zusammenhängt. Dieser Zusammenhang ist in der Literatur bereits gut dokumentiert. Aber was genau erklärt die Wirkung der sozialen Aktivitäten? Während es in unserer Analyse möglicherweise inhaltliche Aspekte sozialer Aktivitäten sind, die zur besseren Gesundheit der Männer beitragen, sollte nicht übersehen werden, dass soziale Aktivitäten selbst einen integralen Aspekt des sozialen Netzwerks darstellen. Soziale Aktivitäten werden häufig in Gesellschaft anderer durchgeführt, das heißt mit Menschen, mit denen man interagieren und von denen man ein positives Feedback erhalten kann. Solcherlei Interaktion und Zuspruch tragen zur Entwicklung eines besseren Selbstbildes und damit zu einer höheren Lebenszufriedenheit als Maß für eine gute psychische Gesundheit bei [24, 25]. Implikationen für die Gesellschaftspolitik Die Ergebnisse der in diesem Kapitel beschriebenen Studie haben eine Reihe von Implikationen für die Gesellschaftspolitik. Erstens stellen wir fest, dass Krankheit und die steigenden Kosten, die mit der Gesundheitsversorgung einer alternden Bevölkerung in Europa verbunden sind, ein wichtiges Problem der Gegenwart darstellen. Wenn, in der Tat, wie in unserer Studie festgestellt, der Austritt aus dem Berufsleben mit einer schlechteren Gesundheit zu einem späteren Zeitpunkt korreliert, dann sollten flexiblere Rentenregelungen für diejenigen Arbeitnehmer eingeführt werden, die an einer Fortsetzung ihrer Beschäftigung interessiert sind. Der Wegfall eines festen Rentenalters wäre für einige Männer nicht unbedingt von Vorteil, insbesondere für diejenigen, die in körperlich anstrengenden oder stressigen Berufen beschäftigt sind. Aber der Wegfall könnte wohl auch einer großen Anzahl von Männern (und Frauen) zugutekommen, die weiterarbeiten möchten. Angesichts der Tatsache, dass Erwerbstätigkeit mit einer besseren Gesundheit zusammenhängt, wie unsere Studienergebnisse belegen, könnte die Abschaffung eines festen Rentenalters zusätzliche gesundheitliche und andere Vorteile für die Gesellschaft haben. Zweitens unterstreicht die Studie die Rolle persönlicher sozialer Netzwerke als positiven Einflussfaktor auf die gesundheitliche Entwicklung nach dem Eintritt in den Ruhestand. Dies legt einige praktische Empfehlungen auf politischer und sozialer Ebene nahe. So sollte es Schu- 244 Howard Litwin & Michal Levinsky lungsprogramme zur Vorbereitung auf den Ruhestand geben. Solche Programme sollten darauf abzielen, Neu-Rentner für die Bedeutung des zwischenmenschlichen Umfelds für die Gesundheit zu sensibilisieren. Darüber hinaus sollten Beratungsdienste für Rentner entwickelt oder erweitert werden, um ihnen eine effiziente Pflege der sozialen Netzwerke, in die sie integriert sind, zu erleichtern. Wie die Ergebnisse der vorliegenden Studie gezeigt haben, hängt die Zufriedenheit mit dem persönlichen sozialen Netzwerk positiv mit einem späteren besseren Gesundheitszustand nach der Pensionierung zusammen. Drittens weisen die Ergebnisse unserer Analyse auf den positiven Beitrag sozialen Engagements für die Gesundheit im späteren Leben hin. Um dies bestmöglich zu nutzen, sollte die Gesellschaft ihre Mitglieder über die Rolle, die ein sozial aktiver Lebensstil bei der Förderung eines gesunden Alterns spielt, besser informieren. Diesbezüglich sollten zwei konkrete Schritte unternommen werden. Menschen im Allgemeinen und Männer im Besonderen sollten bereits in jungen Jahren zur Teilnahme an sozialen Aktivitäten angeleitet werden. (Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass sich Frauen sozial mehr engagieren als Männer). Wenn man es in der frühen und mittleren Phase seines Lebens nicht gelernt hat, sich sozial zu engagieren, ist es weniger wahrscheinlich, dass man nach der Verrentung damit anfängt. Dementsprechend muss sich die Gesellschaft weiterentwickeln und mehr Einrichtungen und Treffpunkte anbieten, welche das soziale Engagement der gerade verrenteten Menschen, insbesondere der gerade verrenteten Männer, fördern können. Eine solche Politik wird zu kurzfristig zu erhöhten öffentlichen Ausgaben führen, aber auch hier gilt das alte Sprichwort »Vorbeugen ist besser als Heilen«. Literatur 1 Hessel P. Does retirement (really) lead to worse health among European men and women across all educational levels? Social Science  & Medicine. 2016;151:19–26. doi: 10.1016/j.socscimed.2015.12.018. 2 Neuman K. Quit your job and get healthier? The effect of retirement on health. Journal of Labor Research. 2008;29(2):177–201. doi: 10.1007/s12122–007–9036–8. 3 Shai O. Is retirement good for men’s health? 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Journals of Gerontology Series B – Psychological Sciences and Social Sciences. 2008;63(2):64– 72. doi: 10.1093/geronb/63.2.S64. Prof. Dr. Howard Litwin Ausgeübte Tätigkeit: Professor, Sozialgerontologe, Bereichskoordinator »Soziales« im SHARE, ehem. Herausgeber des European Journal of Ageing Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Soziale Netzwerke Adresse: The Hebrew University of Jerusalem, Mount Scopus, Jerusalem 91905, Israel E-Mail: howie.litwin@mail.huji.ac.il Michal Levinsky Ausgeübte Tätigkeit: Doktorandin am Israel Gerontological Data Center Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Traumaforschung Adresse: The Hebrew University of Jerusalem, Mount Scopus, Jerusalem 91905, Israel E-Mail: michal.levinsky@mail.huji.ac.il

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Schlagworte

Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter

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Zusammenfassung

Bis zum Jahr 2050 wird es etwa 23 Millionen über 65-Jährige in Deutschland geben. Dadurch wird es gesellschaftlich wie individuell zunehmend notwendig, gute Voraussetzungen für das Rentenalter als Lebensphase zu schaffen. Um es bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen, sollte bereits die Zeit vor dem Übergang zur Vorbereitung genutzt werden. Insbesondere Männer, die sich oft stark mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren, sind gefordert, ein hohes Gesundheitspotenzial und gute soziale Bedingungen verantwortungsbewusst aufzubauen.

Der Vierte Deutsche Männergesundheitsbericht setzt bei einer fundierten Bestandsaufnahme der Situation der Männer zwischen 55 und 74 Jahren an. Aus ihr ergeben sich wichtige Themen für die Politik, für die Soziale Arbeit und für den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt: die Situation der Erwerbsarbeit zehn Jahre vor der Berentung, die Übergangsphase sowie gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt.

Mit Beiträgen von Doris Bardehle, Eric Bonsang, Daniela Borchart, Martina Brandt, Jennifer Burchardi, Christian Deindl, Dina Frommert, Freya Geishecker, Siegfried Geyer, Stefan Gruber, Felizia Hanemann, Hans Martin Hasselhorn, Moritz Hess, Jens Hoebel, Hanno Hoven, Rainer Jordan, Hendrik Jürges, Theo Klotz, Adèle Lemoine, Michal Levinsky, Howard Litwin, Peggy Looks, Thorsten Lunau, Ingrid Mayer-Dörfler, Anne Maria Möller-Leimkühler, Niels Michalski, Bernhard Mühlbrecht, Laura Naegele, Nikola Ornig, Kathleen Pöge, Jean-Baptist du Prel, Gregor Sand, Alina Schmitz, Johannes Siegrist, Stefanie Sperlich, Anne Starker, Matthias Stiehler und Morten Wahrendorf

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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter