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A. Rainer Jordan, 1.6 Orale Gesundheit in:

Hendrik Jürges, Johannes Siegrist, Matthias Stiehler (Ed.)

Männer und der Übergang in die Rente, page 81 - 90

Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3023-8, ISBN online: 978-3-8379-7704-2, https://doi.org/10.30820/9783837977042-81

Series: Forschung Psychosozial

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81 1.6 Orale Gesundheit A. Rainer Jordan Zusammenfassung In der Zahnmedizin stellen die Zahnkaries und entzündliche Erkrankungen des Zahnhalteapparates (Parodontitis) die epidemiologisch und versorgungsbezogen wichtigsten Erkrankungen dar. Als chronisch-kumulative Erkrankungen nimmt ihre Bedeutung bis zum Rentenalter kontinuierlich zu. Daten zur Mundgesundheit in Deutschland werden regelmäßig mit den bevölkerungsrepräsentativen deutschen Mundgesundheitsstudien erhoben. Die hier vorgelegten Daten entstammen der fünften Untersuchungswelle von 2014 und stellen die Mundgesundheit der jüngeren männlichen Senioren (65- bis 74-Jährige) in Deutschland dar. Karies (und deren Folgestadien) war bei jüngeren Senioren in Deutschland durchgängig verbreitet. Durchschnittlich wiesen 17,5 von 28 Zähnen eines Gebisses eine Karieserfahrung auf, die sich nach der Behandlung des akuten Zustandes in Restaurationen (Füllungen, Kronen) oder gar dem Zahnverlust äußern. Gut jeder dritte jüngere Senior wies zudem eine Karieserfahrung im Wurzelbereich der Zähne auf, wobei untere Sozialschichten stärker betroffen sind. Kariös erkrankte Zähne waren zu 88 % zahnmedizinisch versorgt. Die Karieserfahrung weist einen deutlichen sozialen Gradienten auf. Eine Parodontitis wiesen 75 % der jüngeren Senioren auf. 25 % der jüngeren Senioren zeigten Anzeichen eines schweren Erkrankungsverlaufs. Weniger als ein Drittel waren parodontal gesund oder hatten lediglich milde Erkrankungssymptome. Zahnverluste als terminales Erkrankungs- bzw. Therapiestadium von Karies und Parodontitis sind seit Jahren rückläufig. Jüngeren Senioren fehlten durchschnittlich 11 Zähne, von denen 82 % zahnprothetisch ersetzt waren; 12 % der Untersuchten waren völlig zahnlos, deutlich weniger als noch vor einem Jahrzehnt. Bei dem zeitlichen Morbiditätsvergleich scheinen sich die oralen Krankheitslasten sukzessive in ein immer höheres Lebensalter zu verschieben. So entsprach das orale Morbiditätsprofil älterer Senioren im Alter von 75 bis 100 Jahren 2014 in etwa demjenigen der jüngeren Senioren (65- bis 74-Jährige) im Jahr 2005. Zusammenfassend scheint die Morbiditätsentwicklung bei den oralen Haupterkrankungen ein Hinweis für das Konzept der Morbiditätskompression zu sein. Oral Health In dentistry, dental caries and periodontitis are the most important epidemiological and health care-related diseases. As chronic cumulative diseases, their importance continues to increase until retirement age. Data on oral health in Germany are regularly collected with the German oral health studies representative of the population. The data presented here originate from the fifth study wave of 2014 and represent the oral health of the 65- to 74-year-old male population (younger seniors) in Germany. Caries (and its subsequent stages) was common among younger seniors in Germany. On average, 17.5 out of 28 teeth showed caries experience, which, after treatment of the acute condition, mani- 82 A. Rainer Jordan fested itself in restorations (fillings, crowns) or even tooth loss. One third of all younger senior citizens also had caries experience in the root area of the teeth. 88 % of carious teeth were restored. The caries experience shows a clear social gradient, where lower strata were more affected. Periodontitis was found in 75 % of the younger seniors. 25 % showed signs of a severe disease progression. Less than one third were periodontally healthy or had only mild symptoms of the disease. Tooth loss as a terminal disease or therapy stage of caries and periodontitis has been declining for years. Younger seniors had 11 missing teeth on average, 82 % of which were replaced by dentures. 12 % of the sample were completely edentulous, significantly less than a decade ago. When comparing morbidity over time, the burden of oral diseases appears to be gradually shifting to an increasingly higher age. For example, the oral morbidity profile of older seniors aged 75 to 100 years in 2014 was approximately the same as that of younger seniors (65 to 74 years) in 2005. In summary, the morbidity trend in major oral diseases seems to be an indication of the concept of morbidity compression. Einleitung zum Thema Karies und Parodontitis stellen epidemiologisch und versorgungsbezogen die wichtigsten Erkrankungen in der Zahnmedizin dar. Sie gehören beide zu den chronisch-kumulativen Erkrankungen, die durch eine Störung des mikrobiellen Gleichgewichts in der Mundhöhle entstehen und eine stark verhaltensbedingte Komponente aufweisen. Karies führt zu einem Verlust der Zahnhartsubstanzen durch bakterielle Säuren und kann in eine Kavität (Loch) des Zahnes münden. Der Entzündungsprozess bei der Parodontitis führt reaktiv zu einem Abbau zahntragender Strukturen (Knochen- und weiterer Gewebeabbau des Zahnhalteapparates (Parodont)). Unbehandelte Karies an bleibenden Zähnen ist mit einer globalen Prävalenz von 35 % die am weitesten verbreitete chronische Erkrankung überhaupt und schwere Parodontalerkrankungen stehen an sechster Stelle der am häufigsten auftretenden Erkrankungen  [1]. Folge beider Erkrankungen kann der Zahnverlust sein, der die Funktionen des Kauorgans (Kauen, Schlucken, Sensorik, Sprache, Mimik) kompromittiert. Parodontitis dominiert als Hauptursache für Zahnverlust ab dem 40.  Lebensjahr  [2]. Aufgrund ihres chronisch-kumulativen Charakters erhöht sich die Krankheitslast mit zunehmendem Alter, weshalb die schwerwiegendsten Erkrankungsfälle häufig im höheren Lebensalter liegen. Besonders bei der Karies sind seit Langem gesundheitliche Ungleichheiten entlang der sozialen Lage bekannt, die sich bereits im frühen Kindesalter zu manifestieren beginnen. Neben der sozialen Lage ist die Mundgesundheit zwischen den Geschlechtern nicht gleich verbreitet und auch das Mundgesundheitsverhalten sowie das allgemeine Risikoverhalten (z. B. Tabak- und Alkoholkonsum) weisen Unterschiede auf. Karies und Parodontitis stellen also bedeutsame Volkskrankheiten dar, deren Morbidität in Abhängigkeit von der sozialen Lage, aber auch vom Geschlecht über den Lebensbogen unterschiedlich kumulieren bis hin zum vollständigen Zahnverlust. Sie verursachen etwa 7 % der Gesundheitsausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung [3]. Da Karies und Parodontitis relevante medizinische Bezüge zu allgemeinmedizinischen Volkskrankheiten aufweisen, erscheinen sie für eine gemeinsame transdisziplinäre präventive Risikofaktorenansprache als besonders geeignet (s. u.). 83 1.6 Orale Gesundheit Inhaltliche Ausführungen Zur Darstellung der Verbreitung der wichtigsten Erkrankungen und Störungen der Mundgesundheit in Deutschland wird hier die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS  V) des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) von 2014 herangezogen  [4]. Die Einschätzung zu epidemiologischen Trends erfolgt anhand der Karies- (DMFT-Index) und Parodontitiserfahrung (CP-Index) im zeitlichen Vergleich mit der methodisch vergleichbar durchgeführten Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS  IV) aus dem Jahr 2005  [5]. Die für den Bericht relevanten Daten entstammen der Altersgruppe der 65- bis 74-jährigen männlichen Studienteilnehmer (n  = 490). Das ist die von der Weltgesundheitsorganisation für oral-epidemiologische Studien vorgeschlagene Altersgruppe zur Darstellung von Krankheitslasten jüngerer Senioren [6]. Die Probanden wurden in einem zweistufigen Verfahren der Stichprobenziehung rekrutiert: In einem ersten Schritt erfolgte die Erstellung einer Stichprobe von Gemeinden und in einem zweiten Schritt die Umwandlung der Gemeindestichprobe in eine Personenstichprobe der Bevölkerung in Deutschland auf der Grundlage der Personenregister der Einwohnermeldeämter in 90 Gemeinden. Die Probanden wurden klinisch untersucht, ergänzt durch eine schriftliche sozialwissenschaftliche Befragung. Die Teilnahmequote für die jüngeren Senioren in der DMS V lag bei 49 %. Karies Die Verbreitung der Karies wird epidemiologisch als Karieserfahrung verstanden und umfasst die Gesamtheit der durch Karies oder Kariesfolgen (Füllungen oder andere Restaurationen, Zahnverluste) betroffenen Zähne eines Gebisses. Der international gebräuchliche Index zur Beschreibung der Karieserfahrung gibt die Summen der kariösen (D = Decayed), fehlenden (M  = Missing ) und gefüllten (F  = Filled) Zähne (T  = Teeth) pro Person an [5]. Der Wert kann zwischen 0 und 28 (vollständiges Gebiss bleibender Zähne ohne Weisheitszähne) liegen. Dieser Index ist geeignet zur Differenzierung der Karieslast (gesunde vs. nicht mehr gesunde Zähne). Allerdings besteht beim DMFT die Einschränkung, dass der Indexwert im Laufe des Lebens nur größer werden kann und so ein restaurativ unversorgtes kariöses Gebiss nicht gut von einem wiederhergestellten Gebiss unterschieden werden kann. Ein restaurierter Zahn hat jedoch in der Regel die gleiche Funktionalität wie ein primär gesunder Zahn. Aus diesem Grund wurde dem DMFT ein quasi komplementärer Index gegenübergestellt, der dies berücksichtigt: Die Anzahl primär gesunder oder mit Restaurationen versorgter Zähne wird mit dem sogenannten Funktionstüchtige-Zähne-Index (FST mit F = Filled und S = Sound) wiedergegeben [7]. Unter den jüngeren Senioren in Deutschland im Alter von 65–74 Jahren gab es praktisch keine Person ohne jegliche Karieserfahrung (siehe Tab. 1); mit anderen Worten: Die Prävalenz der Karieserfahrung lag bei 100 %. Karies im Wurzelbereich der Zähne war hingegen nur bei 35 % der jüngeren Senioren verbreitet. Für jüngere Senioren wurde eine durchschnittliche Karieserfahrung (DMFT- Wert) von 17,5 Zähnen ermittelt. In dieser Altersgruppe zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen Männern und Frauen. Den größten Anteil an der 84 A. Rainer Jordan Karieserfahrung machten extrahierte Zähne aus; durchschnittlich fehlten Männern in diesem Alter 11,0 Zähne. Weitere 5,8 Zähne wiesen dentale Restaurationen auf (z. B. Füllungen, Kronen) und lediglich 0,7 Zähne waren kariös und wiesen somit einen unmittelbaren Behandlungsbedarf auf. Der kariesbezogene Sanierungsgrad, das ist das Verhältnis gefüllter Zähne zur Summe aus gefüllten und kariösen Zähnen (FT/(FT  + DT), lag mit 88 % zwar grundsätzlich hoch, er war allerdings signifikant niedriger als bei Frauen. Zusätzlich zur (durchgemachten) Karieserfahrung wiesen Männer noch 0,6  Zähne mit einer Initial- oder oberflächlichen Zahnschmelzkaries auf. Dieser Anteil stellt das präventive Potenzial dar, denn ohne weitere professionelle Versorgung initialer kariöser Läsionen kann eine weitere Erkrankungsprogression in der Ausbildung von Kavitäten münden, die in der Regel einen restaurativen Behandlungsbedarf nach sich ziehen. Die Karieserfahrung weist einen deutlichen sozialen Gradienten auf: Während Männer mit hohem Bildungsgrad durchschnittlich 15,6 Zähne mit einer Karieserfahrung aufwiesen, waren es bei Männern mit niedrigem Bildungsgrad 18,1 Zähne. Aufgrund des generell hohen kariesbezogenen Sanierungsgrads wiesen jüngere Senioren durchschnittlich 16,3 von 28 primär gesunden oder restaurier- Tabelle 1: Kennzahlen zur Mundgesundheit jüngerer männlicher Senioren (65 bis 74 Jahre) in Deutschland [4] Erkrankung Prävalenz Ausmaß (Extent) Schwere (Severity) Anteil erkrankter Personen (%) Durchschnittliche Anzahl der Zähne pro Person Durchschnittlicher Rückgang des Zahnhalteapparates (mm) Karies kariesfrei 0 Wurzelkaries 35 kariöse Zähne (DT) 0,7 gefüllte Zähne (FT) 5,8 gesamte Karieserfahrung1 17,5 Sanierungsgrad 882 funktionstüchtige Zähne (FST)3 16,3 Parodon titis gesund/mild 30 moderat 45 schwer 25 Gingivitis 41 Attachmentverlust 4,1 parodontal erkrankte Zähne 4,3 Zahnverlust totale Zahnlosigkeit 12 fehlende Zähne (MT) 11,0 1 Karieserfahrung: Gesamtheit der durch Karies (DT) oder Kariesfolgen (Füllungen oder andere Restaurationen (FT) und Zahnverluste (MT)) betroffenen Zähne eines Gebisses 2 Anteil der restaurativ versorgten Zähne (FT) an allen Zähnen mit Behandlungsbedarf (DT + FT) in Prozent 3 Primär gesunde (kariesfreie Zähne (ST)) und gefüllte Zähne (FT) 85 1.6 Orale Gesundheit ten Zähnen (FST-Index) auf, also etwa 60 % in Funktion stehende Zähne. Insgesamt ist ein genereller Rückgang der Karieserfahrung in Deutschland festzustellen und dies trifft auch für Männer zwischen 65 und 74  Jahren zu: Im Jahr 1997 lag die Karieserfahrung noch bei 22,5 Zähnen und 2004 bei 21,2. In der vergangenen Dekade hat also eine erhebliche Morbiditätsdynamik stattgefunden, die in dieser Altersgruppe vor allem durch mehr erhaltene Zähne bestimmt wird. Parodontitis Entzündliche Erkrankungen des Zahnhalteapparates (Parodontitis) stellen neben der Karies die zweite große Volkskrankheit in der Zahnmedizin dar. Parodontitis entsteht in der Regel auf der Grundlage einer lange Zeit bestehenden Zahnfleischentzündung (Gingivitis), die somit auch als Risikofaktor für Parodontitis anzusehen ist, und wird verursacht durch eine Verschiebung des mikrobiellen Gleichgewichts (Dysbiose) in der Mundhöhle. Parodontitis wird als eine multifaktorielle Erkrankung angesehen, da weitere Risikofaktoren wie schlechte Mundhygiene, Rauchen, Diabetes, aber auch eine im Alter schlechter werdende Abwehrlage (Immunseneszenz) die Entstehung und den Verlauf beeinflussen. Äußerlich erkennbar ist eine Parodontitis häufig nicht, denn die Entzündung des Zahnhalteapparates umfasst vor allem anatomische Strukturen unterhalb des Zahnfleisches (v. a. Knochen und Bindegewebsfasern), die durch den Entzündungsprozess abgebaut werden. So verliert der Zahn zunehmend seine knöcherne Verankerung, die im fortgeschrittenen Erkrankungsstadium zur Lockerung der Zähne führt. Das Zurückweichen des Zahnhalteapparates (Attachmentverlust) führt zur Bildung einer sogenannten Zahnfleischtasche, deren Tiefe mit speziellen Sonden gemessen werden kann (Sondierungstiefe). Eine Sondierungstiefe bis zu 2 mm ist physiologisch, ab 4  mm spricht man von erhöhten Sondierungstiefen, die bereits eine Behandlungsnotwendigkeit auslösen können, da die Entzündung dann vom Patienten im Rahmen der häuslichen Mundhygiene nicht mehr kontrolliert werden kann und der Entzündungsprozess schubweise weiter voranschreitet. Ab einer Sondierungstiefe von 6 mm liegt ein schwerwiegender pathologischer Befund vor. Hier ist eine Behandlung obligat. Im Endstadium der Erkrankung ist der gesamte Zahnhalteapparat abgebaut und der Zahn nicht mehr (parodontal) in seinem Knochenfach verankert, was zum Zahnverlust führt. In der Altersgruppe der 65- bis 74-jährigen Männer waren 30 % parodontal gesund oder wiesen lediglich milde Erkrankungssymptome auf. Hierzu zählen beispielsweise Vorläufererkrankungen wie eine Gingivitis mit ihrem Leitsymptom der Blutung auf Sondierung. 41 % der vorhandenen Zähne zeigten bei den jüngeren Senioren Symptome einer Gingivitis, 71 % eine Parodontitiserfahrung. Ein Viertel der jüngeren Senioren hatte eine schwere Parodontitis. Der mittlere Attachmentverlust (Severity) betrug 4,1 mm und die mittlere Anzahl parodontal erkrankter Zähne (Extent) in dieser Kohorte betrug 4,3 Zähne (siehe Tabelle 1). Merkmale wie Rauchen, Übergewicht, das Vorliegen eines Diabetes, das Fehlen einer Zahnzwischenraumpflege, mangelhafte Mundhygiene oder Zahnarztbesuche nur bei Beschwerden anstelle regelmäßiger Kontrolluntersuchungen waren häufiger mit einer schweren Parodontitis assoziiert. Diese Ergebnisse bestätigen 86 A. Rainer Jordan die in der Literatur bekannten Risikofaktoren [8]. Männer in Deutschland im Alter von 65 bis 74 Jahren wiesen deutlich höhere parodontale Erkrankungslasten auf als Frauen: Der Anteil schwerer Parodontalerkrankungen war um etwa 10  Prozentpunkte erhöht, wohingegen der Anteil mit nur milden Erkrankungszeichen und parodontaler Gesundheit wiederum um denselben Wert bei Frauen erhöht war. Interessanterweise zeigten multivariate Analysen zum sozialen Gradienten (Schulbildung, Einkommen und Stellung im Beruf ) der Parodontitis keinen durchgängigen Zusammenhang in Deutschland – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern [9]. Zu dieser Frage besteht weiterer Forschungsbedarf. Zahnverlust und prothetische Versorgung Zahnverlust ist ein robuster epidemiologischer Parameter, da er sich vergleichsweise sicher ermitteln lässt. Er ist außerdem der terminale Erkrankungs- bzw. Therapiezustand für die Haupterkrankungen Karies und Parodontitis. Zu einem geringeren Anteil können auch Unfälle (und deren Spätfolgen) in einem Zahnverlust münden. Schließlich wurden Zahnextraktionen auch aus »strategisch«-therapeutischen Gründen im Rahmen kieferorthopädischer oder prothetischer Therapien durchgeführt. Aus heutiger zahnmedizinischer Sicht gilt jedoch der natürliche Zahnbestand, vor allem hinsichtlich der Langlebigkeit  – im Vergleich zu künstlichen Zähnen  – als überlegen, sodass Zahnextraktionen wesentlich kritischer betrachtet und nur noch als letztes Mittel eingesetzt werden. Seit 1990 sind sie um ein Drittel zurückgegangen [3]. In einer Untersuchung zu den Ursachen des Zahnverlustes in Deutschland wurde gezeigt, dass Karies als Extraktionsursache an erster Stelle steht, gefolgt von Parodontitis  [2]. Sie machen insgesamt 74 % der Verluste an bleibenden Zähnen in Deutschland aus. Ab einem Alter von etwa 40 Jahren überwiegen Parodontalerkrankungen als Ursachen für Zahnverlust. Der in den frühen 1990er-Jahren eingeschlagene Paradigmenwechsel in der Zahnmedizin von der Reparaturmedizin zur Prävention hat auch bei Männern im Rentenalter zu einem kontinuierlichen Rückgang der Zahnverluste geführt. Fehlten jüngeren männlichen Senioren 1997 durchschnittlich noch 16,5 Zähne, d. h. es waren noch 11,5 natürliche Zähne vorhanden, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt: In der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie von 2014 betrug der Zahnbestand 16,5 Zähne und die Anzahl fehlender Zähne 11,0. Damit geht einher, dass vermehrt Einzelzahnlücken entstehen und seltener mehrere Zähne nebeneinander fehlen. Dies hat Auswirkungen auf die zahnprothetische Versorgung. Große Zahnlücken oder am Ende eines Kieferbogens fehlende Zähne können oftmals mit einem festsitzenden Zahnersatz (Kronen, Brücken) nicht ersetzt werden und ein herausnehmbarer Zahnersatz oder ein kombiniert festsitzender Zahnersatz mit herausnehmbaren Anteilen wird erforderlich. Die Art der zahnprothetischen Versorgung hat jedoch, neben dem Verlust der Zähne an sich, ebenfalls Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Kaufunktion. Funktional am natürlichsten ist festsitzender Zahnersatz, gefolgt von kombiniert festsitzendem Zahnersatz mit herausnehmbaren Anteilen und funktional am unnatürlichsten ist vollständig herausnehmbarer Zahnersatz. 21 % der jüngeren Senioren in Deutsch- 87 1.6 Orale Gesundheit land wiesen keinen Zahnersatz auf. Bei denen, die Zähne verloren hatten, waren insgesamt 82 % der fehlenden Zähne ersetzt: Die häufigste Versorgungsart war bei den Männern mit 35 % festsitzender Zahnersatz, gefolgt von abnehmbaren Versorgungen (32 %) und kombiniert festsitzenden Zahnersatz mit herausnehmbaren Anteilen wiesen 12 % der jüngeren Senioren auf (siehe Tabelle 1). Als Sonderfall des Zahnverlustes ist die totale Zahnlosigkeit anzusehen, wenn sämtliche Zähne im Laufe des Lebens verloren gegangen sind. Sie betrug bei Männern zwischen 65 und 74  Jahren 12 % und lag nur etwa einen Prozentpunkt unter dem der Frauen im gleichen Alter. Dieser Zustand kommt in Regionen mit zahnmedizinischer Versorgung praktisch nicht vor. Sie ist ein Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen im Rahmen der Reparaturmedizin. Mit der im Zuge des wissenschaftlichen Erkenntnisfortschrittes stattgefundenen Umorientierung zu einer präventionsorientierten Zahnmedizin wird sich die Verbreitung der totalen Zahnlosigkeit in Zukunft aller Voraussicht nach weiter stark reduzieren. Von den Erkenntnissen zur oralen Prävention, die heute bei vielen Schulkindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Eltern als Selbstverständlichkeit im Alltag umgesetzt werden, hat die Generation der Geburtsjahrgänge 1940 bis 1949, die zum Zeitpunkt der Erhebung zwischen 65 und 74 Jahre alt waren, nicht profitieren können. Diese Generation ist im Krieg oder in der frühen Nachkriegszeit geboren worden, wo weder die heutigen Kenntnisse zur Prävention noch die Hilfsmittel in der heutigen Qualität zur Verfügung standen. Außerdem ist seit dem Zweiten Weltkrieg ein kontinuierlicher Wandel der zahnärztlichen Versorgungskonzepte festzustellen: Während in den 1950er Jahren und 1960er Jahren Zahnextraktionen und Zahnersatz einen Schwerpunkt der zahnärztlichen Versorgung darstellten, herrschten in den 1970/80er Jahren Füllungstherapien vor. Seit den 1990er Jahren entwickelt sich die zahnmedizinische Versorgung zunehmend in Richtung präventiver und minimalinvasiver Therapiekonzepte [10]. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass in der jüngeren Seniorengruppe viele Zähne Defekte aufweisen, die entweder gefüllt oder überkront sind, und dass auch viele Zähne im Laufe der Zeit verloren gegangen sind. Zusammenfassung Die Ergebnisse der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie von 2014 lassen insgesamt einen deutlich positiven Trend für jüngere Senioren erkennen. Sowohl im Hinblick auf die Karieserfahrung als auch im Hinblick auf die Parodontitiserfahrung zeigt sich ein erheblicher Rückgang der Krankheitslasten in der vergangenen Dekade. Eine solch ausgeprägte Morbiditätsdynamik erscheint für chronisch-kumulative Erkrankungen bemerkenswert. Interessanterweise zieht sich dieser Morbiditätstrend durch alle Altersgruppen und zudem quer durch die Gesellschaft und schließt alle Sozialschichten ein. Bei dem zeitlichen Morbiditätsvergleich, insbesondere der Seniorenkohorten, scheinen sich die mundgesundheitsbezogenen Krankheitslasten im Lebensverlauf sukzessive in ein immer höheres Lebensalter zu verschieben. So entsprach das orale Morbiditätsprofil der älteren Senioren (75- bis 100-Jährige) 2014 in etwa demjenigen der jüngeren Senioren (65- bis 74-Jährige) im Jahr 2005. Zusammenfassend scheint die Morbi- 88 A. Rainer Jordan ditätsentwicklung bei den oralen Haupterkrankungen ein Hinweis für das Konzept der Morbiditätskompression  [11] zu sein. Der Befund erscheint in der heutigen, präventionsorientierten Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde auch deshalb plausibel, da das Phänomen der Morbiditätskompression ursprünglich bereits mit »changes in life style« und damit einer grundsätzlichen Präventionsorientierung als Erklärungsmuster in Verbindung gebracht wurde. Diese Annahme hat gerade für die oralen Erkrankungen durch ihren ausgeprägten Verhaltensbezug (Mundhygiene, Ernährung, Tabakkonsum etc.) Bedeutung. Folgerungen für die Praxis Die Mundgesundheit von Männern im Alter zwischen 65 und 74 Jahren hat sich deutlich verbessert. Insbesondere der Anteil zahnloser Männer hat sich in den letzten zehn Jahren etwa halbiert. Dies führt auch im zahnärztlichen Inanspruchnahmeverhalten zu Veränderungen. Männer um das Rentenalter suchen eine Zahnarztpraxis häufiger präventionsorientiert auf als früher: Ging 1997 lediglich etwa jeder zweite jüngere Senior (54 %) regelmäßig zur zahnärztlichen Kontrolluntersuchung, so erhöhte sich der Anteil bis 2014 auf 88 %. Der Anteil bezahnter Männer in dieser Altersgruppe stieg zeitgleich von 78 % auf 88 %. Für die Zukunft sagen prognostische Berechnungen eine weitere Morbiditätsdynamik voraus, die auf der Grundlage der zurückliegenden deutschen Mundgesundheitsstudien in Kombination mit den Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes entstanden sind  [12, 13]: Hiernach wird erwartet, dass die Karieserfahrung auf der einen Seite generell weiter abnehmen wird und im Jahr 2030 die jüngeren Senioren eine Karieserfahrung von noch 14,9 Zähnen aufweisen werden. Vor allem wird dies voraussichtlich durch mehr erhaltene Zähne bedingt sein. Auf der anderen Seite bedeutet ein Mehr an Zähnen auch, dass mehr Zähne im Risiko für dentale Erkrankungen stehen (»teeth at risk«). So erwarten wir eine Halbierung kariöser Zähne auf durchschnittlich 0,9 kariöse Zähne pro Person bis zum Jahr 2030. Aus demselben Grund wird eine Zunahme des parodontalen Behandlungsbedarfs erwartet. Die Anzahl parodontal erkrankter Zähne pro Individuum wird voraussichtlich um etwa 50 % zunehmen und im Jahr 2030 bei 12,3 Zähnen liegen. Außerdem wird die Anzahl der parodontal erkrankten Personen steigen. Parodontal erkrankte Zähne haben außerdem ein erhöhtes Risiko für Wurzelkaries. Auch wenn wir von vergleichsweise stabilen Prävalenzen bei dieser Kariesform ausgehen, wird allein die demografische Entwicklung dazu führen, dass auch in diesem Bereich mehr Behandlungsbedarf in Deutschland entsteht. Schließlich ist mit einer weiteren Verschiebung der zahnprothetischen Therapiekonzepte zu rechnen: Aufgrund des anhaltenden Trends zu weniger Zahnverlusten werden die entstehenden Zahnlücken häufiger mit festsitzendem Zahnersatz zu versorgen sein und herausnehmbarer Zahnersatz wird weiter in den Hintergrund treten. Fazit Für die zahnärztliche Versorgung bedeutet dies nicht, dass im Zeitalter der Prävention weniger Behandlungsbedarf im Rentenalter entsteht – im Gegenteil. Im Zuge der Morbiditätskompression 89 1.6 Orale Gesundheit wird es voraussichtlich in diesem Lebensabschnitt zu mehr Versorgungsbedarf kommen. Der niedergelassene Zahnarzt sollte sich daher  – neben einer altersgerechten Praxisausstattung – auf entsprechende Therapiekonzepte vorbereiten. Besonders im hohen Lebensalter kann es für die zahnärztliche Versorgung hilfreich sein, sich ein Bild von der sogenannten zahnmedizinischen funktionellen Kapazität der Patienten zu verschaffen. Hierzu wurde eine Anleitung zur Kurzeinschätzung der Therapiefähigkeit, der Mundhygienefähigkeit und der Eigenverantwortung des Patienten durch den Zahnarzt entwickelt [14]. Das Ziel dieser Einschätzung ist eine an der funktionellen Kapazität des Patienten angepasste Therapieplanung. Eine solche Anpassung ist vor allem im höheren Lebensalter von zentraler Bedeutung. Literatur 1 Marcenes W, Kassebaum NJ, Bernabé E, Flaxman A, Naghavi M, Lopez A et al. Global burden of oral conditions in 1990– 2010: a systematic analysis. J Dent Res. 2013;92(7):592–7. 2 Glockmann E, Panzner K-D, Huhn P, Sigusch BW, Glockmann K. Ursachen des Zahnverlustes in Deutschland. Dokumentation einer bundesweiten Erhebung (2007). Köln: IDZ [Institut der Deutschen Zahnärzte]; 2011. 3 Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung. Jahrbuch 2018. Statistische Basisdaten zur vertragszahnärztlichen Versorgung. Einschliesslich GOZ-Analyse. Köln: KZBV; 2018. 4 Jordan AR, Micheelis W. 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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter

References

Zusammenfassung

Bis zum Jahr 2050 wird es etwa 23 Millionen über 65-Jährige in Deutschland geben. Dadurch wird es gesellschaftlich wie individuell zunehmend notwendig, gute Voraussetzungen für das Rentenalter als Lebensphase zu schaffen. Um es bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen, sollte bereits die Zeit vor dem Übergang zur Vorbereitung genutzt werden. Insbesondere Männer, die sich oft stark mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren, sind gefordert, ein hohes Gesundheitspotenzial und gute soziale Bedingungen verantwortungsbewusst aufzubauen.

Der Vierte Deutsche Männergesundheitsbericht setzt bei einer fundierten Bestandsaufnahme der Situation der Männer zwischen 55 und 74 Jahren an. Aus ihr ergeben sich wichtige Themen für die Politik, für die Soziale Arbeit und für den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt: die Situation der Erwerbsarbeit zehn Jahre vor der Berentung, die Übergangsphase sowie gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt.

Mit Beiträgen von Doris Bardehle, Eric Bonsang, Daniela Borchart, Martina Brandt, Jennifer Burchardi, Christian Deindl, Dina Frommert, Freya Geishecker, Siegfried Geyer, Stefan Gruber, Felizia Hanemann, Hans Martin Hasselhorn, Moritz Hess, Jens Hoebel, Hanno Hoven, Rainer Jordan, Hendrik Jürges, Theo Klotz, Adèle Lemoine, Michal Levinsky, Howard Litwin, Peggy Looks, Thorsten Lunau, Ingrid Mayer-Dörfler, Anne Maria Möller-Leimkühler, Niels Michalski, Bernhard Mühlbrecht, Laura Naegele, Nikola Ornig, Kathleen Pöge, Jean-Baptist du Prel, Gregor Sand, Alina Schmitz, Johannes Siegrist, Stefanie Sperlich, Anne Starker, Matthias Stiehler und Morten Wahrendorf

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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter