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Matthias Stiehler, 4.1 Gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt – Teil 1 in:

Hendrik Jürges, Johannes Siegrist, Matthias Stiehler (Ed.)

Männer und der Übergang in die Rente, page 247 - 252

Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3023-8, ISBN online: 978-3-8379-7704-2, https://doi.org/10.30820/9783837977042-247

Series: Forschung Psychosozial

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Kapitel 4 Modelle guter Praxis 249 4.1 Gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt – Teil 1 Matthias Stiehler Zusammenfassung Der Übergang in die Rente ist als kritisches Lebensereignis zu werten, das eine hohe Herausforderung darstellt. Für viele Männer nimmt die Erwerbstätigkeit eine identitätsbildende Rolle ein, die mit diesem Übergang abbricht. Aufgrund der verlängerten Lebenszeit und der meist noch guten Gesundheit bei Eintritt in das Rentenalter stellt sich die Aufgabe der aktiven Gestaltung des neuen Lebensabschnitts. Es gibt zahlreiche Projekte, die beim Übergang in die Rente und in der ersten Zeit nach der Verrentung Hilfen für Männer (und Frauen) anbieten. Projects for Promoting Men’s Health before and after Retirement – Part 1 The transition to retirement is considered to be a critical life event involving substantial challenges. To many men, employment is an integral part of their identity, which is lost upon their retirement. Due to high life expectancy and usually good health status upon retirement, retirees face the challenge of actively shaping the new period of their lives. There are numerous projects offering support for the transition towards retirement and for the first time after retirement for men (and women). Die Vorbereitung auf den Renteneintritt, der Übergang in die neue Lebensphase und die aktive Gestaltung der neuen Lebenssituation stellen eine Herausforderung für jeden einzelnen Menschen dar. Die bisherige alltägliche Lebenswelt, also das, was das menschliche Leben in »regelmäßiger Wiederkehr« »schlicht« und »fraglos« bestimmt  [1], verändert sich grundlegend. Bestehende Gewissheiten fallen weg, die zentrale und identitätsstiftende Rolle der Erwerbstätigkeit bricht ab. »Da diese Ereignisse eine Unterbrechung habitualisierter Handlungsabläufe darstellen und eine Veränderung oder den Abbau bisheriger Verhaltensmuster erfordern, werden sie als prinzipiell ›stressreich‹ angesehen« [2]. Filipp bezeichnet diese Ereignisse daher als »kritische Lebensereignisse«, auch wenn es sich dabei nicht unbedingt um negativ empfundene handeln muss. Viele Frauen und Männer sehen den Renteneintritt durchaus positiv und bewerten ihn als entlastendes Ereignis, andere geraten in eine tiefe Krise. Analog zum Salutogenetischen Modell  [3] müssen wir von einem Kontinuum, zwischen den Polen ausschließlich positiv und ausschließlich negativ empfundenes Ereignis, ausgehen, auf dem sich jede Frau und jeder Mann verortet. Je stärker das Lebensereignis »Renteneintritt und Gestaltung des Ruhestandes« als belastend erlebt wird, desto größer natürlich die erforderliche Anpassungsleistung. »Zwar können sie [die älteren Menschen – MS] bei der Konfrontation mit kritischen Lebensereignissen zumeist 250 Matthias Stiehler auf einen reichen Erfahrungsschatz von Bewältigungsstrategien zurückgreifen. Allerdings liegen die kritischen Lebensereignisse, die typischerweise im Alter erlebt werden, oft jenseits des alltäglichen Erfahrungshorizontes […]. Darüber hinaus nehmen mit dem Alter oft wichtige individuelle bzw. soziale, kulturelle oder ökonomische Ressourcen ab, indem sich beispielsweise soziale Netzwerke verkleinern, sich das Haushalteinkommen verringert oder chronischen Gesundheitsbeeinträchtigungen auftreten« [4]. Filipp sieht zudem als besondere Herausforderung des Alterns, in zunehmender Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit zu einer »positiven Bilanzierung des eigenen Lebens und einer Integration der vielfältigen eigenen Erfahrungen« [5] zu gelangen. Doch über die Fragen des Älterwerdens hinausgehend, erfordert die verlängerte Lebenszeit und damit die Vergrö- ßerung des Abschnitts, in dem bei relativ guter Gesundheit der Übergang in die Rente ansteht, die Gestaltung der neuen Lebensphase. Die bisherigen Selbstverständlichkeiten und Notwendigkeiten bestehen einerseits nicht mehr fort, andererseits ist noch genügend Zeit und Kraft vorhanden, um sich neue Ziele zu setzen und aktiv das Leben zu gestalten. Der hier vorliegende Band thematisiert dabei die Geschlechtsspezifik des männlichen Bewältigungsverhaltens. Und es scheint, dass Männer bei den angesprochenen Bewältigungsebenen besonders herausgefordert sind. Die berufliche Identität, die für die meisten Männer so wichtig ist, gibt höchstens im Rückblick als »vergangene Identität« [6] Halt. Auch körperliche Kräfte als Zeichen männlicher Stärke werden geringer. Eventuell nehmen Hilfsbedürftigkeiten zu. Somit stehen Männer im Übergang in die Rente vor einer besonderen Herausforderung. Sie besteht nach Böhnisch und Winter in einer »Bewältigung des Mannseins im Alter« (ebd.). Es gibt zahlreiche Projekte und Initiativen, die sich den Themen des Lebensereignisses »Renteneintritt und Gestaltung des Ruhestandes« widmen. Das ist einerseits dem demografischen Wandel [7] geschuldet. Wenn immer mehr Menschen zur Gruppe der Rentner gehören, dann gerät diese Bevölkerungsgruppe auch mit ihren Ressourcen und Problemen stärker in den Blick. Dabei verlängert sich bei gleichbleibendem Rentenalter mit der steigenden Lebenserwartung auch die Zeit der Rente. Das ist nicht nur für die Rentenkassen ein zunehmendes Problem. Diese verlängerte Lebensphase fordert auch eine umfassendere Gestaltung dieser Lebensspanne durch den Einzelnen wie durch die Gesellschaft. Senioren werden als Ressource  – beispielsweise für ehrenamtliches Engagement – verstanden, die es abzurufen gilt. Es handelt sich aber auch um eine Bevölkerungsgruppe, um die sich gekümmert werden sollte und wird. Im Folgenden werden Projekte vorgestellt, die beispielhaft für diese Entwicklung stehen. Sie verfolgen jeweils sehr unterschiedliche Ziele. Geht es bei einem um die Vorbereitung auf die Lebensver- änderung, nehmen die anderen unterschiedliche Problemlagen in den Blick und gestalten hierfür Lösungen. Die entscheidende Frage ist dabei immer die nach der Sinnhaftigkeit und Effektivität solcher Projekte. Dies gilt insbesondere für die zentrale Frage dieses Berichts, wie gerade Männer bei der Bewältigung des Übergangs in die Rente und der Gestaltung des Ruhestandes unterstützt werden können. Ihr widmet sich der Beitrag, der den Projektdarstellungen folgt. 251 4.1 Gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt – Teil 1 Literatur 1 Schütz A, Luckmann T. Strukturen der Lebenswelt, Band 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp; 1979:24. 2 Filipp SH. Ein allgemeines Modell für die Analyse kritischer Lebensereignisse. In: Filipp SH (Hrsg.): Kritische Lebensereignisse. Weinheim: Psychologie Verlags Union; 1995:23f. 3 Antonovsky A. Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt-Verlag; 1997. 4 Franke A, Heusinger J, Konopik N, Wolter B. Kritische Lebensereignisse im Alter – Übergänge gestalten. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Band 49; o.J.:11. 5 Filipp SH. Das mittlere und höhere Erwachsenenalter im Fokus entwicklungspsychologischer Forschung. In: Oerter R, Montada L (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union; 1987:375. 6 Böhnisch L, Winter R. Männliche Sozialisation. Bewältigung männlicher Geschlechtsidentität im Lebenslauf. Weinheim: Juventa; 1994:171f. 7 Statistisches Bundesamt. Demografischer Wandel; 2020 https://www.destatis.de/DE/ Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/_inhalt.html (27.01.2020). Dr. Matthias Stiehler Ausgeübte Tätigkeit: Leiter des Sachgebiets Sexuelle Gesundheit im Gesundheitsamt Dresden, Vorsitzender des Dresdner Instituts für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft e. V. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Sexuelle Gesundheit, sozialwissenschaftliche Aspekte der Männergesundheit, Paarberatung/Paartherapie Adresse: Dresdner Institut für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft e. V., Tiergartenstr. 58 a, 01219 Dresden E-Mail: matthias.stiehler@dieg.org

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Schlagworte

Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter

References

Zusammenfassung

Bis zum Jahr 2050 wird es etwa 23 Millionen über 65-Jährige in Deutschland geben. Dadurch wird es gesellschaftlich wie individuell zunehmend notwendig, gute Voraussetzungen für das Rentenalter als Lebensphase zu schaffen. Um es bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen, sollte bereits die Zeit vor dem Übergang zur Vorbereitung genutzt werden. Insbesondere Männer, die sich oft stark mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren, sind gefordert, ein hohes Gesundheitspotenzial und gute soziale Bedingungen verantwortungsbewusst aufzubauen.

Der Vierte Deutsche Männergesundheitsbericht setzt bei einer fundierten Bestandsaufnahme der Situation der Männer zwischen 55 und 74 Jahren an. Aus ihr ergeben sich wichtige Themen für die Politik, für die Soziale Arbeit und für den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt: die Situation der Erwerbsarbeit zehn Jahre vor der Berentung, die Übergangsphase sowie gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt.

Mit Beiträgen von Doris Bardehle, Eric Bonsang, Daniela Borchart, Martina Brandt, Jennifer Burchardi, Christian Deindl, Dina Frommert, Freya Geishecker, Siegfried Geyer, Stefan Gruber, Felizia Hanemann, Hans Martin Hasselhorn, Moritz Hess, Jens Hoebel, Hanno Hoven, Rainer Jordan, Hendrik Jürges, Theo Klotz, Adèle Lemoine, Michal Levinsky, Howard Litwin, Peggy Looks, Thorsten Lunau, Ingrid Mayer-Dörfler, Anne Maria Möller-Leimkühler, Niels Michalski, Bernhard Mühlbrecht, Laura Naegele, Nikola Ornig, Kathleen Pöge, Jean-Baptist du Prel, Gregor Sand, Alina Schmitz, Johannes Siegrist, Stefanie Sperlich, Anne Starker, Matthias Stiehler und Morten Wahrendorf

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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter