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Alina Schmitz, Martina Brandt, Christian Deindl, 3.6 Aktives Altern und Gesundheit in Deutschland und Europa in:

Hendrik Jürges, Johannes Siegrist, Matthias Stiehler (ed.)

Männer und der Übergang in die Rente, page 211 - 220

Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3023-8, ISBN online: 978-3-8379-7704-2, https://doi.org/10.30820/9783837977042-211

Series: Forschung Psychosozial

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211 3.6 Aktives Altern und Gesundheit in Deutschland und Europa1 Alina Schmitz, Martina Brandt & Christian Deindl Zusammenfassung In unserem Beitrag beleuchten wir den Zusammenhang zwischen Gesundheit und (außer-)familialem Engagement (Pflege, Enkelbetreuung, Ehrenamt) von Männern in der zweiten Lebenshälfte. Wir widmen uns dabei sowohl individuellen Einflüssen als auch kontextuellen Faktoren für aktives Altern in Deutschland und Europa auf der Basis aktueller Forschung und eigener Analysen. Wir schließen, dass aktives und gesundes Altern in der Gemeinschaft vor allem in einem Umfeld ermöglicht wird, wo private und öffentliche Leistungen sich gegenseitig ergänzen. Active Ageing and Health in Germany and Europe In our contribution we focus on the links between men’s health and informal engagement (providing care to older family members, grandchildren and volunteering) in the second half of life. We address individual influences as well as contextual factors for active ageing in Germany and Europe based on recent research and our own analyses. We conclude that active and healthy ageing in the community is facilitated in environments where private and public support go hand in hand. 1 Wir danken Judith Becker für die Unterstützung bei der Erstellung dieses Beitrags. Einleitung Trotz der Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters führt die steigende Lebenserwartung dazu, dass der Ruhestand zu einer eigenständigen Lebensphase geworden ist, die es zu gestalten gilt. Gesundheit ist dabei ein zentraler Aspekt des »erfolgreichen« Alterns, ebenso wie die Möglichkeit der sozialen Partizipation und des gesellschaftlichen Engagements  [1]. Für viele Männer ist die Erwerbsarbeit ein zentrales identitätsstiftendes Element und gegen Ende des Arbeitslebens stellt sich die Herausforderung, eine Alternative zur Erwerbsarbeit zu finden. Viele Männer engagieren sich im Ruhestand ehrenamtlich oder leisten Unterstützung in der Familie und der Nachbarschaft. Dieses außerberufliche Engagement ist von hohem Wert für die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsproduktion [2]. Im Folgenden werden unter dem Begriff »aktives Altern« drei zentrale Bereiche außerberuflichen Engagements und ihre Wechselwirkungen mit der Gesundheit älterer Männer beleuchtet: Angehörigenpflege, Betreuung von Enkelkindern und ehrenamtliches Engagement. Der Beitrag wirft auch einen Blick auf die Situation in den Nachbarländern Deutschlands, um auf dieser Grundlage Ansatzpunkte zur Förderung aktiven Alterns abzuleiten. 212 Alina Schmitz, Martina Brandt & Christian Deindl Aktives Altern in Deutschland Angehörigenpflege Von den 3,4  Millionen Menschen in Deutschland, die zum Jahresende 2017 Leistungen der Pflegeversicherung bezogen, wurden gut drei Viertel zu Hause durch ihre Angehörigen gepflegt – teilweise mit Unterstützung durch ambulante Pflegedienste [3]. Gepflegt werden meist die (Schwieger-) Eltern oder der eigene Partner/die eigene Partnerin [4]. Aktuell sind etwa zwei Drittel der Hauptpflegepersonen weiblich [5]. Zugleich ist aber die Zahl der pflegenden Männer in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen [6]. Daten des Deutschen Alterssurveys zeigen: Pflegetätigkeit kommt in jüngeren Jahren nur wenig vor und hat ihren Höhepunkt in den späten Fünfzigern. Für Frauen findet sich ein zweiter Pflegehöhepunkt mit Ende 70. Diese beiden Pflegehöhepunkte unterstreichen die Ergebnisse der Pflegeforschung, dass vor allem (Schwieger-)Eltern und der eigene Partner/ die eigene Partnerin gepflegt werden. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist in jüngeren Jahren konstant, nimmt aber vor allem aufgrund der Partnerpflege durch Frauen deutlich zu (Abbildung 1). Somit tragen Frauen über den Lebenslauf die Hauptlast der Angehörigenpflege. Enkelbetreuung Großeltern sind für Enkelkinder wichtige Bezugspersonen. Unter anderem infolge des steigenden Lebensalters bei Geburt des ersten Kindes hat sich die Übernahme der Enkelkinderbetreuung zudem über die Geburtskohorten stark verändert und findet mittlerweile vermehrt in höherem Alter statt  [2]. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Enkelkinderbetreuung sind geringer als bei Pflegetätigkeiten, aber dennoch ist die höhere Beteiligung der Großmütter zumindest bis zum Alter von etwa 70  Jahren deutlich (Abbildung 2). Ehrenamtliches Engagement Auch außerhalb der Familie sind viele Menschen in Form eines Ehrenamts, z. B. in Vereinen oder wohltätigen Organisationen, tätig. Im Gegensatz zur Pflege und zur Enkelbetreuung sind beim ehrenamtlichen Engagement Männer aktiver als Frauen. Spätestens nach dem 70.  Lebensjahr sinkt der Anteil der ehrenamtlich Engagierten allerdings bei beiden Geschlechtern deutlich ab (Abbildung  3). Hierfür kommen mehrere Gründe in Frage wie z. B. eine Zunahme gesundheitlicher Einschränkungen, aber auch fehlende Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements für ältere Menschen [7]. Wie in der Erwerbstätigkeit zeigen sich auch bei vielen Aktivitäten im Rentenalter also Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So wird Unterstützung innerhalb der Familie noch immer vorrangig von Frauen geleistet. Sobald es allerdings nicht primär um zeitintensive Sorgearbeit geht, sondern auch sporadische Hilfen berücksichtigt werden, erhöht sich der Anteil an engagierten Männern deutlich  – innerhalb wie au- ßerhalb der Familie [8]. 213 3.6 Aktives Altern und Gesundheit in Deutschland und Europa Abbildung 1: Anteil der pflegenden Angehörigen nach Geschlecht und Alter. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis des Deutschen Alterssurveys 2017, n = 6.626 (angelehnt an [2]). Die Vergabe von Pflege im Deutschen Alterssurvey wird mit der folgenden Frage erhoben: Gibt es Personen, die aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes von Ihnen privat oder ehrenamtlich betreut bzw. gepflegt werden oder denen Sie regelmäßig Hilfe leisten? Abbildung 2: Anteil von Großeltern, die Enkelkinderbetreuung leisten, nach Geschlecht und Alter. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis des Deutschen Alterssurveys 2017, n = 3.885 (angelehnt an [2]). Die Betreuung von Enkelkindern im Deutschen Alterssurvey wird mit der folgenden Frage erhoben: Im Folgenden möchte ich jetzt etwas über Ihre sonstigen Tätigkeiten und Aktivitäten wissen. Betreuen oder beaufsichtigen Sie privat Kinder, die nicht Ihre eigenen sind, z. B. auch Ihre Enkel oder Kinder von Geschwistern, Nachbarn, Freunden oder Bekannten? Für diese Grafik wird nur die Betreuung von Enkelkindern berücksichtigt. Abbildung 3: Anteil der ehrenamtlich Engagierten nach Geschlecht und Alter. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis des Deutschen Alterssurveys 2017, n = 6.626 (angelehnt an [2]). Ehrenamtliche Aktivitäten werden im Deutschen Alterssurvey anhand der Frage nach der Ausübung einer ehrenamtlichen Funktion in Gruppen und Organisationen erhoben. 214 Alina Schmitz, Martina Brandt & Christian Deindl Aktives Altern und Gesundheit Angehörigenpflege Pflegende Angehörige sind mit einer Reihe von Anforderungen konfrontiert, die sich negativ auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirken können. Inwiefern gesundheitliche Verschlechterungen eintreten, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Neben der Beziehung zwischen der pflegebedürftigen Person und dem oder der Pflegenden ist auch der Unterstützungsbedarf und der konkret erforderliche Pflegeaufwand von Bedeutung. Eine Rolle spielen zudem Umweltfaktoren, wie z. B. die Verfügbarkeit von familiärer und/oder professioneller Unterstützung. Je nach Ausgangslage unterscheidet sich also das Ausmaß der körperlichen, psychischen, zeitlichen wie auch finanziellen Belastungen durch die Pflege  [5]. Übersteigen diese Belastungen über längere Zeit die Ressourcen der Pflegenden, dann sind gesundheitliche Beeinträchtigungen wahrscheinlich. Studien stellen oft eine stärkere subjektiv empfundene Belastung durch die Partnerpflege bei Frauen fest als dies bei Männern der Fall ist  – unter anderem, weil Frauen häufiger mit finanziellen Problemen und der Vereinbarkeit von Pflege und weiteren (familiären) Verpflichtungen konfrontiert sind. Je nach Geschlecht unterscheidet sich auch, wie die Pflegeverantwortung bewertet und die damit zusammenhängenden Belastungen verarbeitet werden. Während Frauen zu emotionsorientierten Coping-Strategien tendieren, sehen Männer die Angehörigenpflege eher als »Arbeit« an, die es professionell zu organisieren gilt. Während dies einerseits ein Schutzfaktor für Wohlbefinden und Gesundheit sein kann, führt diese Sichtweise mitunter dazu, dass professionelle Unterstützung nicht in Anspruch genommen wird. Bedenklich ist auch, dass Männer eher nicht geneigt sind, (psychische) Belastungen zu kommunizieren. Daher bleiben Unterstützungsbedarfe pflegender Männer oft lange unerkannt [9]. Verschiedene Faktoren werden von männlichen Pflegepersonen als besonders belastend erlebt. Im Mittelpunkt stehen Trauer, Einsamkeit und das Gefühl von Autonomieverlust. Männer möchten diese Themen tendenziell eher nicht mit ihren Kindern besprechen [10], sondern wünschen sich Austausch mit anderen Männern, die sich in einer ähnlichen Situation befinden  [11]. Eine weitere Belastung ergibt sich durch die nunmehr alleinige Verantwortung für Hausarbeit und die Organisation des Alltagslebens – eine Aufgabe, mit der vor allem Männer aus Partnerschaften mit »traditioneller« Aufgabenteilung überfordert sein können [12]. Pflege geht jedoch nicht nur mit Belastungen einher, sondern kann auch als Bereicherung empfunden werden. So heben einige pflegende Männer eine gesteigerte Nähe in der Partnerschaft hervor und genießen die Anerkennung, die ihnen aus ihrem Umfeld entgegengebracht wird. Pflege wird auch als Gelegenheit zur persönlichen Weiterentwicklung gesehen  [9]. Insgesamt sind damit sowohl positive als auch negative Auswirkungen von Angehörigenpflege auf die Gesundheit denkbar. Empirisch zeigt sich, dass sich die psychische Gesundheit und die subjektive Gesundheitseinschätzung durch Pflegeübernahme verschlechtern, wogegen Forschungsbefunde zu Indikatoren der körperlichen Gesundheit eher nicht in diese Richtung zeigen [13]. 215 3.6 Aktives Altern und Gesundheit in Deutschland und Europa Enkelbetreuung Während mit Blick auf die Angehörigenpflege vor allem die (potenziell) negativen Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden hervorgehoben werden, wird die Betreuung von Enkelkindern in der öffentlichen Debatte überwiegend als bereichernde Aufgabe angesehen. Für einen möglicherweise gesundheitsförderlichen Effekt gibt es verschiedene Wirkungsfaktoren, z. B. mehr körperliche Aktivität, kognitive Herausforderungen im Alltag, Anerkennung durch das soziale Umfeld und eine stärkere Teilhabe am Familienleben  [14]. Der Forschungsstand zur Gesundheit von Großeltern ist allerdings keineswegs eindeutig. Während einige Studien mehr depressive Symptome, eine schlechtere subjektive Gesundheitseinschätzung und körperliche Krankheiten bei Großeltern nachweisen, zeigt sich in anderen Studien ein gegenteiliges Bild oder aber keinerlei Zusammenhang zwischen Enkelbetreuung und Gesundheit [15]. Die Befundlage legt nahe, dass es entscheidend ist, in welcher familiären Konstellation und in welchem Ausmaß Enkelbetreuung stattfindet. So tritt der gesundheitsfördernde Effekt nicht bei Großeltern ein, die sehr intensive Betreuungsarbeit leisten oder gar die hauptsächliche Verantwortung für die Erziehung der Enkelkinder tragen. Im Übermaß ruft die Enkelbetreuung vielmehr Stress und eine Einschränkung der eigenen Aktivitäten hervor, der sich negativ auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirken kann [16]. Da die Enkelbetreuung hauptsächlich durch Großmütter geleistet wird, sind Großväter in der bisherigen Forschung kaum sichtbar  [17], und auch zu etwaigen Geschlechterunterschieden im Zusammenhang von Enkelbetreuung und Gesundheit liegen bisher nur wenige Erkenntnisse vor. Eine aktuelle Studie weist jedoch darauf hin, dass Frauen in gesundheitlicher Hinsicht stärker von der Enkelbetreuung profitieren als Männer  [14]. Mögliche Gründe hierfür liegen in einer je nach Geschlecht unterschiedlichen Wahrnehmung und Ausgestaltung der Betreuungsarbeit [17]. Ehrenamtliches Engagement Ehrenamtlich aktive Männer sind in einer besseren gesundheitlichen Lage als Männer, die nicht in dieser Form engagiert sind. Für diesen Zusammenhang sind zwei Mechanismen verantwortlich: Auf der einen Seite übernehmen diejenigen, die ihren Alltag ohne gesundheitliche Einschränkungen verbringen können, eher ein Ehrenamt. Dies trifft insbesondere auf Menschen zu, die nicht unter depressiven Symptomen und funktionalen Einschränkungen leiden, wogegen der Zusammenhang zwischen körperlichen Erkrankungen und ehrenamtlichem Engagement eher schwach ausfällt [18]. Auf der anderen Seite bietet die ehrenamtliche Tätigkeit das Potenzial, Anerkennung zu erfahren und den persönlichen Horizont zu erweitern  – gerade, wenn im Alter der Beruf in den Hintergrund gerät, ist dies entscheidend für das individuelle Wohlbefinden [19]. Vermittelt über diese Wirkungspfade ist ein direkter gesundheitsförderlicher Effekt wahrscheinlich [20]. Es gibt auch Hinweise darauf, dass ehrenamtliches Engagement zwar nicht dazu beiträgt, körperliche Erkrankungen hinauszuzögern, wohl aber aufgrund der damit assoziierten emotionalen und sozialen Ressourcen dabei hilft, besser mit ge- 216 Alina Schmitz, Martina Brandt & Christian Deindl sundheitlichen Einschränkungen zurechtzukommen [21]. Ehrenamtliches Engagement kann sich auch auszahlen, wenn sich im Alter das soziale Netzwerk verändert. Es zeigt sich beispielsweise, dass die Aufnahme eines Ehrenamts das Gefühl von Einsamkeit bei kürzlich verwitweten Menschen signifikant verringert  [22]. Insbesondere für Männer, deren Hauptbezugsperson in der Regel die Lebenspartnerin ist und die insbesondere nach dem Austritt aus dem Berufsleben über ein kleineres soziales Netzwerk verfügen als Frauen, bietet ehrenamtliches Engagement somit das Potenzial, auch als Witwer weiterhin sozial eingebunden zu sein. Aktives und gesundes Altern in Europa Ein Blick über die Grenzen Deutschlands hinweg macht deutlich: Nicht nur das Geschlecht ist eine wichtige Determinante des Engagements im Rentenalter, auch der gesellschaftliche Kontext spielt eine Rolle für die (geschlechter ungleiche) Übernahme von Aufgaben und deren gesundheitliche Implikationen. Pflege (durch Partnerinnen und Töchter) findet eher im Süden Europas statt, während sporadische Hilfen (durch Söhne und Töchter) im Norden häufiger ist [23]. Es zeigt sich im europäischen Vergleich, dass die gesetzliche Verpflichtung der Familie zur Übernahme von Pflegeaufgaben vor allem die Wahrscheinlichkeit von Frauen erhöht, intensive Pflegeaufgaben zu übernehmen [24]. Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern bestehen auch bei der Enkelbetreuung. Insgesamt passen skandinavische Großeltern häufiger auf ihre Enkelkinder auf als südeuropäische Großeltern, sie tun dies aber weniger intensiv  – was sich unter anderem durch Kinderbetreuungs-Angebote erklären lässt [25]. Ein Nord-Süd- Gradient ist nicht zuletzt auch in Bezug auf das ehrenamtliche Engagement außerhalb der Familie mit höheren Aktivitätsraten im skandinavischen Norden und geringerem Engagement im Süden Europas zu sehen  [19]. Diese Unterschiede lassen sich zum Teil ebenfalls durch unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Ausgestaltung erklären. Insgesamt zeigt sich in der Forschung die Komplementarität von Familie und Staat: es ist keineswegs so, dass öffentliche Leistungen informelle Leistungen verdrängen, sie fördern sie aber auch nicht per se (»crowding out« und »crowding in«). Es scheint eher eine geteilte Verantwortung zu herrschen bzw. die Spezialisierung von Familie und Staat stattzufinden, wobei die Familie eher sporadische Aufgaben übernimmt (und damit auch eine prozentuale höhere Beteiligung der Männer an informellen Leistungen zu verzeichnen ist, da sie in der Familie eher solche weniger intensiven Aufgaben übernehmen), während professionelle Dienstleister intensivere (Pflege-) Aufgaben erbringen – zumindest in Ländern, wo solche Dienste in ausreichendem Maße für alle zugänglich sind [8, 23, 24]. Wie in Abbildung 4 auf Basis der siebten Welle des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) 2017 zu sehen ist, engagieren sich entsprechend in Ländern mit höheren Sozialausgaben auch mehr Männer ehrenamtlich. Verwendet man eine sehr breite, inklusive Definition von »Aktivität«, die Erwerbsarbeit, soziale Partizipation, unabhängige, gesunde Lebensführung und deren Ermöglichung durch das Umfeld mit einbezieht, schneiden ebenfalls die nördlichen Länder Europas am besten ab [26]. 217 3.6 Aktives Altern und Gesundheit in Deutschland und Europa Zum Zusammenhang zwischen verschiedenen Aktivitäten wie der Betreuung von Enkelkindern und anderen Pflegeaufgaben zeigt sich ebenfalls, dass sich unterschiedliche Hilfearten in der Familie nicht gegenseitig verdrängen, sondern sogar zusammenhängen  – Enkelbetreuung geht beispielsweise auch mit mehr Hilfe an ältere Angehörige einher  [27]. Die Vereinbarkeit unterschiedlicher Hilfen scheint aber wiederum in den südlichen Ländern Europas schwieriger zu sein als im Norden. Die Wahrscheinlichkeit (und Chance) aktiv zu altern unterscheidet sich damit zwischen europäischen Ländern und Wohlfahrtsstaaten  – wobei die Startbedingungen in der Kindheit und der weitere Lebenslauf überall eine wichtige Rolle spielen  [28]. In Staaten mit ausgebauten sozial- und familienpolitischen Maßnahmen sind ältere Frauen wie Männer häufiger in bezahlter Arbeit wie auch ehrenamtlich eingebunden und familiär engagiert, und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind geringer – vor allem wohl deshalb, weil sich Frauen aus den intensiven Sorgebeziehungen zurückziehen (können) und wie Männer eher zusätzliche Sorge-Aufgaben übernehmen [24]. Auch das Ausmaß der gesundheitlichen Belastungen pflegender Angehöriger unterscheidet sich im Vergleich der Länder. Richtet man den Blick auf spezifische Charakteristika nationaler Sozialpolitik, dann sind insbesondere Maßnahmen zur zeitlichen Entlastung pflegender Angehöriger sowie Angebote zur Stärkung der Coping-Strategien von Bedeutung  [29]. Zudem haben soziale Dienstleistungsangebote wie formale Pflegeangebote in einer Region Auswirkungen auf das Wohlbefinden pflegender Angehöriger  [30]. In konservativen und familialistischen Wohlfahrtsstaaten, in denen die Familie unter anderem in Sachen Pflege in die Pflicht genommen wird, sind auch die gesundheitlichen Belastungen höher  – zumindest für Frauen  [31]. Dies mag unter anderem der Tatsache geschuldet sein, dass Frauen häufig gerade dort die Hauptpflegelast tragen und entsprechend auch stärker auf sozialpolitische Rahmenbedingungen reagieren [24]. Es gibt viele Arten, »gutes« – sprich, »erfolgreiches«, »produktives«, »aktives« und damit auch »gesundes«  – Altern zu definieren; und alle angesprochenen Formen des privaten und ehrenamtlichen Engagements können hier gemeint sein. Je nach Konzeptionalisierung unterscheiden sich demnach Abbildung 4: Sozialausgaben (Prozent des BIP) und ehrenamtliches Engagement von Männern (Prozent) in Europa. Quelle: Eigene Darstellung auf Basis des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe, n = 28.222 Männer (Sozialausgaben von https:// stats.oecd.org/Index.aspx?datasetcode=SOCX_AGG, Download: 23.01.2020) 218 Alina Schmitz, Martina Brandt & Christian Deindl die empirischen (Teil-)Ergebnisse. Zwei Dinge sind jedoch allen vergleichenden Studien gemein: Männer und Frauen unterscheiden sich und die Chancen aktiv zu altern sowie die gesundheitlichen Implikationen sind nicht in allen Kontexten (Gruppen, Staaten, Regimen) gleich. Fazit Im Zuge der Bevölkerungsalterung werden die wissenschaftlichen Debatten um »aktives Altern« heute mehr und mehr auch zur politischen Frage [32]. So ist es das Recht, aber auch die Pflicht aller EU-Bürgerinnen und -Bürger, aktiv zu altern  – und dies zu ermöglichen somit eine der Aufgaben eines in jedem Sinne aktivierenden Wohlfahrtsstaates. Auch wenn »aktives Altern« meist positiv konnotiert ist, sind nicht alle Formen bürgerschaftlichen und familialen Engagements gesundheitsförderlich. Vor allem notwendige intensive Betreuungsaufgaben stellen eine Belastung pflegender Angehöriger dar. Freiwillige, sinnstiftende Tätigkeiten, in der Familie und darüber hinaus, hingegen sind häufig mit höherem Wohlbefinden verbunden. Aus deutschen Daten und Studien lassen sich deutliche Geschlechterunterschiede im privaten und ehrenamtlichen Engagement Älterer und dessen Intensität erkennen, die bei den europäischen Nachbarn teils weniger ausgeprägt sind. Um gleichberechtigte, gesundheitsförderliche Aktivitäten zu ermöglichen, lohnt also einmal mehr ein Blick in die (nördlichen) Nachbarländer. Diese bieten im Sinne einer Zusammenarbeit von sozialen Netzwerken, Familie und Staat komplementäre soziale Dienste an, die mit gleichberechtigtem Engagement von Männern und Frauen sowie niedrigen Belastungen in Zusammenhang stehen. Aktives und gesundes Altern in der Gemeinschaft wird also dort ermöglicht, wo private Leistungen nicht die einzige Unterstützungsquelle sind, sondern zusätzlich zu öffentlichen Leistungen ermöglicht werden. Literatur 1 Rowe J, Kahn R. Successful aging. The Gerontologist. 1997;37(4):433–440. 2 Klaus D, Vogel C. Unbezahlte Sorgetätigkeiten von Frauen und Männern im Verlauf der zweiten Lebenshälfte. In Vogel C, Wettstein M, Tesch-Römer C (Hrsg.), Frauen und Männer in der zweiten Lebenshälfte. Älterwerden im sozialen Wandel. Wiesbaden: Springer VS; 2019:107–132. 3 Statistisches Bundesamt. Pflegestatistik 2017. 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What seems to matter in public policy and the health of informal caregivers? A cross-sectional study in 12 European countries. PLOS ONE. 2018;13(3). 30 Wagner M, Brandt M. Long-term care provision and the well-being of spousal caregivers: An analysis of 138  European regions. The Journals of Gerontology Series B, Psychological Sciences and Social Sciences. 2018;73(4):24–34. 31 Brenna E, Di Novi C. Is caring for older parents detrimental to women’s mental health? The role of the European north-south gra dient. Review of the Economics of the Household. 2016;14(4):745–778. 32 Foster L, Walker A. Active and successful ageing: A European policy perspective. The Gerontologist. 2015;55(1):83–90. 220 Alina Schmitz, Martina Brandt & Christian Deindl Alina Schmitz Ausgeübte Tätigkeit: Wissenschaftliche Mitarbeiterin Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Soziale Ungleichheiten in der Gesundheit, Gesundheit im Alter, gesellschaftliche Teilhabe benachteiligter Personengruppen, soziale Ungleichheit und Sozialpolitik Adresse: TU Dortmund, Lehrstuhl für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften. Emil-Figge-Str. 50, 44227, Dortmund E-Mail: alina.schmitz@tu-dortmund.de Prof. Dr. Martina Brandt Ausgeübte Tätigkeit: Professorin für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Altern, Familie, Gesundheit und Arbeit im Lebenslauf, Generationen und soziale Netzwerke, soziale Ungleichheit und Sozialpolitik Adresse: TU Dortmund, Emil-Figge- Str. 50, 44221 Dortmund E-Mail: martina.brandt@tu-dortmund. de Dr. Christian Deindl Ausgeübte Tätigkeit: Wissenschaftlicher Mitarbeiter Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Gesundheit, Lebenslauf, Familie, soziale Ungleichheit Adresse: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Institut für Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum  – Centre for Health and Society (CHS), Moorenstr. 5, 40225 Düsseldorf E-Mail: deindl@uni-duesseldorf.de

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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter

References

Zusammenfassung

Bis zum Jahr 2050 wird es etwa 23 Millionen über 65-Jährige in Deutschland geben. Dadurch wird es gesellschaftlich wie individuell zunehmend notwendig, gute Voraussetzungen für das Rentenalter als Lebensphase zu schaffen. Um es bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen, sollte bereits die Zeit vor dem Übergang zur Vorbereitung genutzt werden. Insbesondere Männer, die sich oft stark mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren, sind gefordert, ein hohes Gesundheitspotenzial und gute soziale Bedingungen verantwortungsbewusst aufzubauen.

Der Vierte Deutsche Männergesundheitsbericht setzt bei einer fundierten Bestandsaufnahme der Situation der Männer zwischen 55 und 74 Jahren an. Aus ihr ergeben sich wichtige Themen für die Politik, für die Soziale Arbeit und für den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt: die Situation der Erwerbsarbeit zehn Jahre vor der Berentung, die Übergangsphase sowie gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt.

Mit Beiträgen von Doris Bardehle, Eric Bonsang, Daniela Borchart, Martina Brandt, Jennifer Burchardi, Christian Deindl, Dina Frommert, Freya Geishecker, Siegfried Geyer, Stefan Gruber, Felizia Hanemann, Hans Martin Hasselhorn, Moritz Hess, Jens Hoebel, Hanno Hoven, Rainer Jordan, Hendrik Jürges, Theo Klotz, Adèle Lemoine, Michal Levinsky, Howard Litwin, Peggy Looks, Thorsten Lunau, Ingrid Mayer-Dörfler, Anne Maria Möller-Leimkühler, Niels Michalski, Bernhard Mühlbrecht, Laura Naegele, Nikola Ornig, Kathleen Pöge, Jean-Baptist du Prel, Gregor Sand, Alina Schmitz, Johannes Siegrist, Stefanie Sperlich, Anne Starker, Matthias Stiehler und Morten Wahrendorf

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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter