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Johannes Siegrist, Anne-Maria Möller-Leimkühler, 3.2 Berentung als kritisches Lebensereignis? in:

Hendrik Jürges, Johannes Siegrist, Matthias Stiehler (ed.)

Männer und der Übergang in die Rente, page 165 - 176

Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3023-8, ISBN online: 978-3-8379-7704-2, https://doi.org/10.30820/9783837977042-165

Series: Forschung Psychosozial

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165 3.2 Berentung als kritisches Lebensereignis? Johannes Siegrist & Anne-Maria Möller-Leimkühler Zusammenfassung Der Übergang zur Berentung stellt ein einmaliges, für viele berufstätige Menschen einschneidendes Ereignis dar. Ob es als befreiend oder belastend erlebt wird, hängt sowohl von persönlichen Faktoren wie auch vom vorhergehenden Berufsverlauf und seinen Folgen ab. Unter Bezugnahme auf Erkenntnisse der sogenannten Lebensereignisforschung untersucht dieses Kapitel, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit Berentung als kritisches Lebensereignis mit ungünstigen gesundheitlichen Folgen erfahren wird. Der Überblick über vorliegende Ergebnisse zeigt erstens, dass Beschäftigte in niedrigen beruflichen Positionen und mit ungünstigen Erwerbskarrieren in der dem Renteneintritt folgenden Zeit vermehrt von relativer Benachteiligung betroffen sind: Ihnen stehen weniger Optionen aktiver Lebensgestaltung zur Verfügung, und sie leiden öfter unter eingeschränkter Gesundheit, teilweise mitbedingt durch frühere arbeitsbedingte Einflüsse. Während für beruflich höher gestellte Beschäftigte die Berentung häufiger als kritisches Lebensereignis erfahren wird, stehen ihnen zugleich mehr Ressourcen zur Verfügung, den Verlust der Berufsrolle durch andere Aktivitäten zu kompensieren. Ein zweites Ergebnis verweist auf geschlechtsspezifische bzw. geschlechtsrollenspezifische Unterschiede des Berentungsgeschehens, wobei Frauen typischerweise kürzere Erwerbsverläufe und früheren Renteneintritt, aber auch größere ökonomische Benachteiligung bei der Rentenhöhe erfahren. Zugleich sind Frauen vor negativen gesundheitlichen Folgen der Berentung besser geschützt als Männer. Abschließend werden praktische Folgerungen aus den dargestellten Befunden erörtert. Retirement as a Critical Event in Life? The transition from employment to retirement is often experienced as a unique and meaningful event. Whether it turns out to be a relief or a stressful time depends on distinct personal characteristics as well as on features of preceding occupational careers. Referring to insights from life event research, this chapter analyses the conditions that increase the probability that entering retirement is associated with enhanced stress and adverse effects on health and wellbeing. A first major result of this review indicates that working people in lower occupational positions and with unfavourable employment trajectories suffer more often from negative consequences of retirement in terms of restricted options of engaging in active ageing and of maintaining good health and wellbeing, partly due to former adversity. While retirement among employed people in higher occupational positions is regarded as loss of social role, evoking concern and mental distress, these groups nevertheless dispose of psychological and social resources to compensate this loss. A second finding points to gender and gender role related differences in retirement. In general, women’s duration of labour market participation is shorter, and they retire earlier, but at the same time their pensions are significantly 166 Johannes Siegrist & Anne-Maria Möller-Leimkühler lower, thus generating marked economic inequality. Yet, compared to men, women are better equipped to cope with potential adverse effects of retirement. In its final part, the chapter discusses some practical implications of these results. Einleitung Das während langer Zeit vorherrschende traditionelle Konzept des Lebenslaufs hat die Lebensspanne in drei große Phasen unterteilt. Sein wesentliches Unterscheidungsmerkmal bildete die Erwerbsbeteiligung. Mit der Zeit des Heranwachsens, der physischen, psychischen und sozialen Entwicklung wurde die erste Phase definiert, die mit dem Zeitpunkt des Eintritts in das Erwerbsleben endete. Ihr folgte die Phase der Erwerbstätigkeit, deren Ende mit der Berentung zugleich die letzte Phase, diejenige des Ruhestandes, einleitete. Dieses traditionelle Konzept ist nicht nur durch den säkularen Trend demografischen Alterns obsolet geworden, sondern es vermochte auch nicht der Vielgestaltigkeit von Lebensverläufen gerecht zu werden. Man denke beispielsweise an den großen Teil der Bevölkerung, der nicht in eine kontinuierliche Erwerbstätigkeit eingebunden ist, oder an die mannigfach unterbrochenen Berufsverläufe. Daher ist ein Vierphasen-Konzept des Lebenslaufs vorgeschlagen worden, das zwar immer noch der Erwerbsbeteiligung eine wichtige Rolle zuschreibt, das jedoch mit der Unterteilung der nachberuflichen Zeit in ein ›drittes‹ und ›viertes‹ Lebensalter der wachsenden Bedeutung einer Phase des Älterwerdens Rechnung trägt, die eine weitere aktive Gestaltung des Lebens ermöglicht [1]. Dieses dritte Lebensalter umfasst in etwa die Zeit zwischen den frühen 60er und den frühen 80er Jahren, und es wird abgelöst durch eine letzte Phase, in welcher Erfahrungen von Einschränkung und Gebrechlichkeit überwiegen. Strukturelle Entwicklungen des Arbeitsmarktes einschließlich technologischer Neuerungen haben ebenso wie wachsende Probleme der Finanzierbarkeit nationaler Sozial- und Rentensysteme dazu geführt, dass das Berentungsgeschehen eine erhebliche zeitliche Flexibilität erfahren hat. Sie reicht von einer – oft unfreiwilligen  – Frühberentung über Teilzeitbeschäftigung bis zur Anhebung des Renteneintrittsalters sowie zu neuen Ansätzen der Förderung von Erwerbsbeteiligung jenseits gesetzlicher Ruhestandsregelungen. Diese Flexibilisierung ist in den einzelnen Ländern entwickelter Gesellschaften bisher in unterschiedlichem Ausmaß realisiert worden, sodass über ihre Auswirkungen auf individueller und kollektiver Ebene wenig bekannt ist. Gegenwärtig gilt für die Mehrzahl europäischer Länder einschließlich Deutschland, dass die gesetzlich definierte Beendigung regulärer Erwerbsarbeit nach wie vor eine prägende gesellschaftliche Zäsur darstellt, die entweder als ersehnte Entlastung und Befreiung von Zwängen oder als bedrohlicher Verlust aktiver Gestaltung und sozialer Einbindung erfahren wird. Diese unterschiedlichen Erfahrungen variieren nicht nur nach berufsbiografischem Hintergrund und soziodemografischen Merkmalen der Betroffenen, sondern sie werden auch durch gesellschaftliche Entwicklungstrends beeinflusst. Ein instruktives Beispiel hierfür stellt der in verschiedenen Studien belegte Wertewandel von bisher dominanten Normen der gesellschaftlichen Verpflichtung und Leistungserbringung hin zu Normen individueller Lebensgestaltung und Bedürfniserfüllung dar  [2]. Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage, unter welchen Bedingun- 167 3.2 Berentung als kritisches Lebensereignis? gen die Zäsur der Berentung als positives oder als negatives Ereignis erlebt wird. Insbesondere erscheint es wichtig, seine kritischen und belastenden Aspekte genauer zu betrachten. Merkmale kritischer Lebensereignisse Seit einigen Jahrzehnten befasst sich die Lebenslaufforschung mit der Analyse des Einflusses singulärer Ereignisse auf die weitere Entwicklung von Personen, wobei das Studium gesundheitlicher Folgen oft im Zentrum steht. Ein wichtiger Schwerpunkt dieser Forschung betrifft traumatische Ereignisse in der frühen Kindheit und ihre einschneidenden negativen Folgen für das spätere Leben  [3]. Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich dem Studium signifikanter Ereignisse im Erwachsenenalter, die entweder normativ bestimmt sind (z. B. Eintritt ins Erwerbsleben, Heirat, Berentung), oder die ungeplant die Lebenskontinuität verändern, meistens in Form von Schicksalsschlägen (z. B. Verlust des Arbeitsplatzes, Unfall, Tod einer nahestehenden Person). Diese Forschungsrichtung hat sich ebenso wie die frühkindliche Traumaforschung vorwiegend mit negativen Ereignissen und ihren Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden befasst  [4]. Hierbei steht die Frage nach den entscheidenden Merkmalen eines als kritisch zu bewertenden Lebensereignisses im Vordergrund. Sie wird unter Rückgriff auf Erkenntnisse der biopsychosozialen Stressforschung beantwortet  [5]. Danach löst ein Ereignis Stressreaktionen aus, wenn es von der mit ihm konfrontierten Person nicht bewältigt werden kann und damit zu einer Bedrohung oder sogar zum Verlust der eigenen Handlungskontrolle und der daraus resultierenden Folgen führt. Lebensereignisse werden dann als kritisch und belastend erlebt, wenn sie unvermittelt auftreten, ohne dass die Person sich auf ihre Bewältigung vorbereiten kann. Dies gilt umso mehr, je bedeutsamer das Ereignis für die Person ist und je geringer die Erfolgschancen sind, anhand verfügbarer Ressourcen die Bedrohlichkeit des Ereignisses und den dadurch entstandenen Verlust abzuwenden. Entscheidend ist ferner der Kontext, in dem ein solches Ereignis eintritt. Zum einen betrifft dies den zeitlichen Rahmen. Treten beispielsweise mehrere kritische Lebensereignisse in einer kurzen Zeitspanne auf, dann sind ihre Folgen schwerwiegender, weil immer weniger Anpassungsleistungen zu ihrer Bewältigung zur Verfügung stehen. Neben dem zeitlichen Kontext ist die soziale Einbettung der betroffenen Person von Bedeutung. Rückhalt durch nahestehende Personen hilft selbst bei schwerwiegenden Lebensereignissen, das Ausmaß an Verzweiflung und Trauer zu begrenzen, während soziale Isolation und Einsamkeit diese Folgen weiter verschlimmern [6, 7]. Bei dieser Forschung lassen sich zwei methodische Zugänge unterscheiden. Der eine Zugang setzt beim Studium von Personen an, deren gemeinsames Merkmal darin besteht, dass sie vor kurzer Zeit von einem kritischen Lebensereignis betroffen waren und die sodann prospektiv weiter beobachtet werden. Dieser Ansatz gibt Auskunft über Prozesse der Verarbeitung des Ereignisses und der Anpassung an die neue Situation sowie über Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit. Bekannte Beispiele hierfür sind Studien über den plötzlichen Verlust des Arbeitsplatzes [z. B. 8, 9] oder über den Tod einer nahestehenden Person [10, 11]. Beim zweiten Ansatz werden zwei Kollektive verglichen, deren eines durch 168 Johannes Siegrist & Anne-Maria Möller-Leimkühler das Vorliegen einer bestimmten Erkrankung definiert ist, während das andere als gesunde Kontrollgruppe bestimmt wird, die bezüglich relevanter soziodemografischer Merkmale gut vergleichbar ist. Hierbei wird in beiden Gruppen retrospektiv das Auftreten kritischer Ereignisse erfragt, in der Annahme, dass in der Gruppe der Erkrankten mehr und schwerere Lebensereignisse erfahren wurden als in der gesunden Vergleichsgruppe. Belege für diese Hypothese fanden sich in größerem Umfang bei an depressiven Störungen Erkrankten  [12], bei Patientinnen und Patienten nach akuten Herzinfarktereignissen [13] sowie bei an Brustkrebs erkrankten Frauen  [14]. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Lebensereignisse, die zu einer Bedrohung der Handlungskontrolle der betroffenen Person und zu damit einhergehenden Verlusterfahrungen führen, massive Stressreaktionen auslösen. Sie erhöhen dadurch das Risiko, dass sich in der Folge eine stressassoziierte Erkrankung entwickelt. Bedeutsamkeit des Ereignisses im individuellen Relevanzsystem, Unvorhersehbarkeit seiner Manifestation, Verkettung mit weiteren Ereignissen sowie das Fehlen sozialer Schutzfunktionen im Prozess der Bewältigung sind Bedingungen, welche den Schweregrad der von ihm ausgehenden Belastungen bestimmen. Berentung als kritisches Lebensereignis Fragen wir nun, inwieweit die Erkenntnisse der Lebensereignisforschung für das Verständnis möglicher negativer Folgen der Berentung von Bedeutung sind. Zunächst ist unbestritten, dass mit dem Ausscheiden aus dem Beruf der Verlust eines vormals zentralen Bereichs der Handlungskontrolle einhergeht. Dieser Verlust betrifft die mit der Berufsrolle verbundenen Tätigkeiten und Verpflichtungen, die im Gegenzug erfahrenen Belohnungen, die in der Organisation entwickelten sozialen Beziehungen und die durch die Erwerbsbeteiligung vorgegebene tägliche Zeitstruktur. Je bedeutsamer die berufliche Tätigkeit und Position für das Selbstwerterleben der Person ist, umso einschneidender gestaltet sich die Verlusterfahrung. Einem besonders hohen Risiko sind Menschen ausgesetzt, die sich mit ihrem Beruf vollständig identifiziert haben, indem sie zu seinen Gunsten alle anderen Lebensäußerungen und Interessen unterdrückt und diesem eindimensionalen Bestreben geopfert haben. Wenn mit dem Wegfall dieser zentralen, Identität stiftenden sozialen Rolle Lebensziel und Lebenssinn verloren gehen, ist auch das physische Überleben gefährdet (sog. Tod durch Pensionierung [15]). Mit der Berentung eröffnet sich somit ein Spektrum unterschiedlicher Intensität von Verlusterfahrungen und daraus resultierender Folgen. Betrachtet man ein weiteres Merkmal kritischer Lebensereignisse, ihre Unvorhersehbarkeit, dann lässt sich feststellen, dass dieses Merkmal lediglich für zwei zahlenmäßig begrenzte Gruppen zutrifft. Dies sind zum einen ältere Beschäftigte, welche durch eine betriebsbedingte Kündigung unfreiwillig frühberentet werden, zum andern Personen, die durch ein akutes Unfall- oder Erkrankungsereignis jäh aus ihrer beruflichen Laufbahn gerissen werden. Für die überwiegende Mehrheit ist das singuläre Ereignis der Berentung jedoch über Jahre hinweg vorhersehbar, sodass die dadurch erforderliche Umstellung der Lebensweise vorbereitet werden kann. Wird das Ereignis jedoch verdrängt oder werden keine Vorbereitungen für die nachfolgende 169 3.2 Berentung als kritisches Lebensereignis? Phase getroffen, dann sind in erhöhtem Maß Stressreaktionen zu erwarten. Kritisch kann der Eintritt in den Ruhestand ebenfalls für jene Personen werden, die dadurch mit einer oder mehreren weiteren belastenden Veränderungen konfrontiert werden. Denkbar ist beispielsweise, dass durch die mit der Rente gegebenen finanziellen Einschränkungen ein Wechsel von einer teuren in eine billigere, weniger komfortable Wohnung erfolgen muss. Denkbar ist auch, dass mit der Zäsur der Berufsaufgabe und den dadurch erforderlichen Entscheidungen der weiteren Lebensgestaltung Partnerschaften zerbrechen. Generell gilt jedoch, dass die Gefahr der Auslösung einer belastungsreichen Ereigniskette im Fall der Berentung begrenzt ist. Das letzte der besprochenen Merkmale kritischer Lebensereignisse betrifft den für die Bewältigung von Bedrohung und Verlust verfügbaren sozialen Rückhalt. Auch hier lässt sich im Fall der Berentung angesichts ihrer Vorhersehbarkeit und Planbarkeit keine generelle Gefährdung erkennen. Vielmehr scheinen verschiedene gesellschaftliche Rituale anlässlich des Eintritts in den Ruhestand die Funktion zu haben, die mit der Statuspassage einhergehende Gefahr der sozialen Ausgrenzung und Isolierung abzumildern, indem in einem offiziellen Rahmen die beruflichen Verdienste der scheidenden Person gewürdigt und mit Geschenken bekräftigt werden. Ist die Berentung somit, nach dem Gesagten, ein kritisches Lebensereignis, von dem eine Gefährdung von Wohlbefinden und Gesundheit ausgeht? Die Antwort muss differenziert ausfallen. Tritt das Ereignis in Form unfreiwilliger, schicksalhafter Frühberentung ein, dann besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit belastender Folgewirkungen. Tritt es im Rahmen der normierten Berufsbiografie ein, dann ist seine kritische Wirkung in erster Linie auf diejenigen Gruppen begrenzt, die der beruflichen Tätigkeit eine hohe Priorität in ihrer Lebensgestaltung eingeräumt haben und somit über keine diesen Verlust kompensierenden Tätigkeiten und Interessen für die nachberufliche Phase verfügen. Entscheidend ist daher der der Berentung vorausgehende berufsbiografische Verlauf und seine bilanzierende Bewertung durch die Betroffenen. Damit drängt sich, wie bereits einleitend erwähnt, eine Betrachtung soziostruktureller Unterschiede beruflicher Karrieren, ihrer Qualität und ihrer Risiken auf. Die Bedeutung sozial ungleicher beruflicher Biografien Verschiedene Kapitel dieses Buches haben bereits eindrucksvoll gezeigt, in welchem Umfang die Qualität von Arbeit und Beschäftigung und die dadurch beeinflussten Erkrankungsrisiken durch soziale Ungleichheiten geprägt werden. Als Fazit kann festgehalten werden, dass jenseits feingliedriger Differenzierungen zwei größere Kollektive des Arbeitsmarktes unterschieden werden können. Es sind dies zum einen Beschäftigte mit einer relativ geringen Qualifikation und begrenzten beruflichen Aufstiegschancen. Sie sind vermehrt in manuellen Berufen tätig, in un- und angelernter Beschäftigung bzw. in statusniedrigen Dienstleistungsberufen. Ihre Arbeitsplätze sind durch geringe Einflussmöglichkeiten auf Arbeitsablauf und Arbeitszeit, durch hohe physische Beanspruchung bei zugleich begrenzten Lern- und Entwicklungschancen, durch prekäre Bezahlung und unsichere Beschäftigungsgarantie gekennzeichnet. Das andere Kollektiv setzt sich aus Beschäftigten mit höherer Qualifikation zusam- 170 Johannes Siegrist & Anne-Maria Möller-Leimkühler men, die überwiegend in mittleren oder leitenden Führungspositionen im Industrie-, Dienstleistungs- und Verwaltungssektor tätig sind. Ihre Tätigkeiten sind psychomental beanspruchend, beinhalten selbstständige Entscheidungen und Gestaltungsspielräume, und sie begünstigen die berufliche Weiterentwicklung. Die Arbeitsplatzsicherheit ist vergleichsweise hoch, und Bezahlung und Beschäftigungsqualität werden überwiegend als zufriedenstellend bewertet. Man kann nun in einer groben Annäherung die These aufstellen, dass die Berentung für das erste Kollektiv eher als Erleichterung und Befreiung von jahrzehntelanger belastender Tätigkeit erlebt wird, während sie für das zweite Kollektiv eher als Verlust des nützlichen und wertvollen Handelns wahrgenommen wird. Als kritisches Lebensereignis wäre sie damit vorwiegend im zweiten Kollektiv von Bedeutung. Allerdings muss diese These sogleich relativiert werden, denn entscheidend ist nach dem punktuellen Ereignis der Berentung die nachberufliche Perspektive der Lebensgestaltung. Hier zeigen alterssoziologische Studien übereinstimmend, dass die Chancenstruktur aktiver und gesundheitsfördernder Lebensführung zwischen diesen beiden Kollektiven stark divergiert. Ein instruktives Beispiel ist die ehrenamtliche Tätigkeit. Surveyergebnisse aus Deutschland belegen, dass in der Gruppe der 65–74-Jährigen lediglich 21 % der Befragten freiwillig ehrenamtlich tätig sind, wenn sie einen Hauptschulabschluss haben, während es 38 % in der Gruppe mit Abitur sind [16]. Diese Unterschiede sind in den jüngeren Altersgruppen teilweise noch stärker ausgeprägt. Dabei ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass der überwiegende Teil all jener, die nach Berentung ehrenamtlich aktiv sind, dies bereits, wenn auch zeitlich eingeschränkt, während einer längeren Phase ihres Berufslebens getan haben. Der ›Ruhestandeffekt‹ des Ehrenamtes ist somit wesentlich weniger bedeutsam als der bereits früher erworbene ›Erfahrungseffekt‹  [17]. Auch hier zeigen sich sehr starke Unterschiede zwischen den beiden Kollektiven: geringer Qualifizierte sind selten während der Berufsphase ehrenamtlich aktiv, und ihre Chancen, im Ruhestand damit zu beginnen, sind nochmals geringer als jene der höher Qualifizierten. Dies wurde anhand von Daten des Sozioökonomischen Panels überzeugend nachgewiesen [17]. Ein weiteres Beispiel sozial ungleicher Chancenstruktur aktiver Lebensgestaltung nach Berentung bilden gesundheitsfördernde Aktivitäten. Hier setzt sich der umfangreich dokumentierte soziale Gradient präventiver Verhaltensweisen (v.a. regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen) fort, wodurch die ohnehin bereits bestehende höhere Krankheitslast bei Angehörigen niedriger sozialer Schichten weiter ansteigt [18, 19]. Betrachtet man die psychische Gesundheit in dieser Lebensphase, so zeigt sich im Kollektiv der beruflich Belasteten lediglich kurz nach Eintritt in den Ruhestand eine Verbesserung  [20], während der ›lange Arm der Erwerbsarbeit‹ im weiteren Verlauf der Berentung seine negative Wirkung auf die psychische Gesundheit weiter ausübt. In einer europaweiten Längsschnittstudie bei Männern und Frauen, die jenseits des 60. Lebensjahres berentet wurden, zeigte sich, dass klinisch bedeutsame depressive Symptome im weiteren Verlauf des Ruhestandes in Abhängigkeit von den im mittleren Erwachsenenalter erfahrenen beruflichen Belastungen auftraten. Bei Männern mit der niedrigsten beruflichen Position war das relative Risiko im Ver- 171 3.2 Berentung als kritisches Lebensereignis? gleich zu denjenigen in der obersten Berufsgruppe um 77 %, bei Frauen um 92 % erhöht. Ebenfalls signifikant erhöht war das Risiko bei Personen, deren ehemalige Arbeitssituation durch hohe Anforderungen, geringe Kontrolle, fehlenden sozialen Rückhalt und geringe Belohnung gekennzeichnet war [21]. Zusammenfassend können wir festhalten, dass ein angemessenes Verständnis positiver und negativer Folgen der Berentung nicht auf das singuläre Ereignis begrenzt bleiben kann, sondern die berufsbiografische Perspektive berücksichtigen muss. Dabei zeigt sich, dass jenseits der Betrachtung kritischer Lebensereignisse der »lange Arm der Erwerbstätigkeit« Chancen und Risiken der Lebensgestaltung im Ruhestand weiterhin maßgeblich beeinflusst, indem frühere soziale Privilegien eher die Chancen und frühere soziale Benachteiligungen eher die Risiken bestimmen. Dieser bilanzierenden Betrachtung fehlt der wichtige Aspekt des geschlechts- und geschlechtsrollenspezifischen Berentungsgeschehens. Er soll abschließend thematisiert werden. Geschlecht, Geschlechterrolle und Berentung Effekte des Renteneintritts auf Gesundheit und Sterblichkeit werden wesentlich durch die Erwerbsbiografie vor der Rente beeinflusst und unterscheiden sich z. T. deutlich bei den Geschlechtern. Aufgrund traditioneller gesellschaftlicher Geschlechtsrollenzuweisungen an die Verteilung von Erwerbs- und Haus-/ Familienarbeit verlaufen typische männliche und weibliche Erwerbsbiografien bis heute unterschiedlich. Zwar hat der gesellschaftliche Rollenwandel zu einer gestiegenen Bildung und Erwerbsbeteiligung von Frauen geführt, jedoch hat dies aufgrund der weiterhin dominierenden Verantwortlichkeit von Frauen für Haushalt und Familie (Mehrfachbelastung, multiple Rollen) zu erwerbsbiografischen Mustern geführt, die durch eine ausgeprägte Diskontinuität aufgrund von Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen, häufige Teilzeitbeschäftigung sowie einem Gender Pay Gap geprägt sind. Diese Faktoren bedingen eine deutliche ökonomische Benachteiligung von Frauen, die sich im Alter fortsetzt. So liegt die altersbereinigte Rentenlücke (Gender Pension Gap) zwischen Männern und Frauen bspw. für das Jahr 2012 in Deutschland bei 53 %, was bedeutet, dass 65–85-jährige Frauen im Vergleich zu Männern gleichen Alters weniger als die Hälfte der Rentenzahlungen erhalten  [22], welche mehrheitlich unter der offiziellen Armutsgrenze liegen. Hier zeigt sich erneut der ›lange Arm der Erwerbsarbeit‹. Das damit verbundene Armutsrisiko für Frauen im Alter ist zudem assoziiert mit dem Risiko des Alleinlebens und der Multimorbidität. Trotzdem scheint der Übergang in den Ruhestand für Frauen ein weniger kritisches Lebensereignis zu sein als für Männer. Im Hinblick auf typische Erwerbsbiografien von Männern hat die Globalisierung, der strukturelle Wandel der Arbeitswelt und die Verknappung von Arbeit u. a. zu einer Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses geführt. Dennoch bleiben traditionelle gesellschaftliche Erwartungen an den Mann als Familien- oder Haupternährer relativ stabil. Dies trifft auch auf das männliche Selbstbild zu, das sich nach wie vor hauptsächlich durch Erwerbsarbeit definiert [23]. Aufgrund der insgesamt längeren und kontinuierlicheren Erwerbsbiografien und des durchschnittlich höheren Einkommens ist zwar die sozio- 172 Johannes Siegrist & Anne-Maria Möller-Leimkühler ökonomische Ausgangslage in den Ruhestand für Männer ungleich besser als für Frauen, dennoch kann die Berentung, wie oben ausgeführt, aufgrund des Verlustes einer zentralen sozialen Rolle für Männer ein gravierenderes Ereignis sein, das im Geschlechtervergleich mit größeren Anpassungsproblemen einhergeht. Eine Vielzahl arbeitsbezogener Faktoren in der Erwerbsphase und individueller Ressourcen, wie finanzieller Lage und Gesundheitszustand, Bildung, Partnerschaft, Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmalen sowie regionalen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, beeinflussen in komplexer Weise diesen Anpassungsprozess. Er ist unter geschlechtsspezifischen Aspekten jedoch noch wenig systematisch untersucht. Deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede in den Folgewirkungen der Berentung lassen sich hinsichtlich des Zeitpunktes und der Freiwilligkeit des Renteneintritts ausmachen. Eine Reihe empirischer Studien belegt, dass Männer hinsichtlich negativer Folgen für ihre körperliche und psychische Gesundheit von einer frühzeitigen oder unfreiwilligen Berentung (vor dem 60. Lebensjahr) stärker betroffen sind als Frauen. Im Unterschied zu altersentsprechenden Vergleichsgruppen, die weiterhin erwerbstätig waren, wiesen frühberentete Männer in Querschnittsstudien eine höhere Prävalenz von Depressionen und Angststörungen auf, die sich im weiteren Altersverlauf wieder zu reduzieren schienen  [24, 25]. Dieser Zusammenhang zwischen Frühberentung und Verschlechterung der psychischen Gesundheit wurde bei Frauen nicht gefunden. Ein vorzeitiger Übergang in den Ruhestand (der überwiegend gesundheitlich bedingt ist und mit geringerer Qualifikation einhergeht) kann darüber hinaus zu einer Erhöhung des Mortalitätsrisikos führen, von dem Männer ebenfalls stärker betroffen sind als Frauen [15]. Dabei bezieht sich dieses Risiko nicht nur auf die ersten Jahre nach der Frühberentung, sondern bleibt auch im weiteren Altersverlauf bestehen. Ein grundsätzliches Problem bei der Interpretation des Zusammenhangs zwischen Berentung und Gesundheitsindikatoren wie Mortalität ist die Frage, ob es sich dabei nicht eher um eine selektive Mortalität handelt, die durch den vorgängigen Gesundheitszustand der Betroffenen verursacht worden ist, oder ob Mortalitätseffekte tatsächlich durch den Einfluss der Frühberentung erklärt werden können. Das heißt, dass der Gesundheitszustand zum Zeitpunkt der Berentung als Maßstab zugrunde gelegt werden muss, um klare Aussagen zur Kausalität machen zu können. Für die verbreitete Annahme, dass eine Frühberentung insbesondere für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit körperlich belasteten Tätigkeiten gesundheitsförderlich sei, ist die wissenschaftliche Evidenz fraglich. Die Daten eines österreichischen regionalen Vorruhestandsprogramms der Jahre 1988 bis 1993 für Industriearbeiterinnen und Industriearbeiter mit schwerer körperlicher Tätigkeit, das eine 3,5 Jahre frühere Berentung ohne große Einkommensverluste anbot, wurde mit entsprechenden Daten aus anderen Regionen verglichen, in denen dieses Angebot nicht bestand  [26]. Durch den regionalen Vergleich konnte das Kausalitätsproblem beim Zusammenhang von Renteneintritt und Gesundheitseffekten weitgehend umgangen werden. Die Ergebnisse zeigen, dass sich für Männer mit jedem Jahr des vorzeitigen Renteneintritts die Wahrscheinlichkeit, vor dem 73.  Lebensjahr an überwiegend kardiovaskulären Erkrankungen zu sterben, um 173 3.2 Berentung als kritisches Lebensereignis? 6,8 % erhöhte bzw. die Wahrscheinlichkeit, vor dem 67. Lebensjahr zu sterben, um 13 % anstieg. Das höhere Mortalitätsrisiko wird insbesondere auf ruhestandsbedingte Veränderungen des Lebensstils wie geringere Gesundheitsinvestitionen, weniger körperliche und geistige Aktivität sowie eine fehlende Tagesstruktur zurückgeführt. Bei den Frauen, die sich für die Frühberentung entschieden hatten, zeigte sich keine Erhöhung der Mortalität. Mögliche Gründe sind der vergleichsweise geringere subjektive Stellenwert der Erwerbsarbeit für Frauen, sodass die Berentung nicht als Statusverlust erlebt wird, der generell gesündere Lebensstil von Frauen auch im Ruhestand und flexiblere Bewältigungsstrategien. Bei Männern ist die Befundlage komplex. Es liegen empirische Hinweise auf eine Reduktion des Mortalitätsrisikos vor, von denen insbesondere gering qualifizierte Männer profitieren. Aktuelle Analysen deutscher Rentenversicherungsdaten bestätigen sozial ungleiche Berentungseffekte auf die Mortalität: Männer, die mit 63 Jahren in Rente gingen, überwiegend körperlich anstrengende Berufe mit manuellen Routinetätigkeiten und geringem Verdienst innehatten, wiesen eine um 1 % verringerte Sterblichkeit auf [27], die mit Entlastungseffekten erklärt werden kann. Dagegen ließ sich bei Männern (und Frauen) aus der oberen Hälfte der Einkommensverteilung, die mit 65  Jahren in Rente gingen, eine um 2 bis 3 % höhere Sterblichkeit beobachten, die auf Statusverlust, negative Veränderungen des Lebensstils und soziale Isolation im Ruhestand zurückgeführt wird. Negative Stereotype wie das des ›Rentnertods‹ sind heute wissenschaftlich zwar nicht mehr haltbar, jedoch sind die Studienergebnisse für spezifische Subgruppen durchaus heterogen, sodass man eher von einem »retirement mortality puzzle« [27] sprechen sollte. Jenseits von Berentungseffekten auf die Mortalität, die ja einen extremen Gesundheitsindikator darstellt, wird die (altersbezogene) Berentung gegenwärtig überwiegend als ein positives Ereignis wahrgenommen, das meist bei guter Gesundheit erlebt wird und bei dem die immateriellen Gewinne in den Vordergrund gestellt werden  [28]. Darüber hinaus ist seit Jahren ein massiver Rückgang der Frühberentungen zu verzeichnen, wobei Frauen im Durchschnitt häufiger als Männer frühzeitig in den Ruhestand gehen (insbesondere bei geringerer Bildung, aber auch aus partnerschaftlichen und familiären Gründen). Insgesamt sind Frauen nicht nur hinsichtlich ihrer Erwerbsbeteiligung, sondern auch hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit einer Frühberentung stärker von der (Gesundheits-)Situation ihres Partners abhängig als umgekehrt. Möglicherweise leiden Frauen sogar mehr unter den Folgen der Berentung ihres Ehemannes als unter ihrer eigenen Berentung. Das sogenannte »Retired Husband Syndrome«, aus Anekdoten bekannt, wurde erstmals im Rahmen einer Längsschnittstudie an der Universität Osaka empirisch belegt  [29]. Ein Jahr nach der Berentung ihres Ehemannes litten nicht nur die neuen Rentner, sondern auch deren befragte Ehefrauen signifikant häufiger an einem erhöhten subjektiven Stressniveau, an Schlafstörungen und depressiven Störungen, die mit der Ruhestandsdauer korrelierten. Diese Symptomatik war unabhängig von der Berufstätigkeit der Frauen. Welche geschlechtsspezifischen Gesundheitseffekte hat der reguläre Übergang in den Ruhestand für die Betrof- 174 Johannes Siegrist & Anne-Maria Möller-Leimkühler fenen? Die Ergebnisse sind insgesamt inkonsistent, doch die Mehrzahl der Befunde spricht dafür, dass die Berentung ein kritisches Lebensereignis eher für Männer als für Frauen darstellt und sich auf die Gesundheit der Männer negativer auswirkt. So weist eine Längsschnittstudie auf eine erhebliche Verschlechterung psychischer und physischer Gesundheit infolge zunehmender sozialer Isolation und körperlicher Inaktivität hin  [30], und Männer mit vorbestehenden körperlichen Erkrankungen sind besonders häufig von erhöhten Depressivitätswerten betroffen  [31, 32]. Arbeitslosigkeit, bei Männern generell mit einem höheren Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko assoziiert, kann in unmittelbarer Nähe zum Renteneintritt sogar deren negative Folgewirkungen noch massiv verstärken [33]. Dass der Übergang in den Ruhestand in vielen Studien keinen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Frauen hat, lässt sich für die untersuchten Alterskohorten nicht nur mit der spezifisch weiblichen Erwerbsbiografie erklären, sondern auch mit dem geübten Umgang mit multiplen Rollenanforderungen und Veränderungen der Familiensituation, mit größeren sozialen Netzwerken und typisch weiblichen prosozialen Stressverarbeitungsstrategien [»tend and befriend«, 34]. Umgekehrt kann die Priorität der Erwerbstätigkeit bei Männern dazu führen, dass berufsunabhängige tragfähige Interessen- und Sinnstrukturen im mittleren Alter nicht entwickelt wurden/werden konnten, an die im Ruhestand angeknüpft werden kann. Es ist allerdings zu erwarten, dass jüngere Generationen von Frauen, die kontinuierliche Berufskarrieren verfolgen, nach ihrer zukünftigen Berentung in ähnlicher Weise wie Männer ein höheres Depressionsrisiko entwickeln könnten. Fazit für die Praxis Während die meist unfreiwillig erfolgende Frühberentung ein kritisches Lebensereignis mit negativen Folgen darstellt, gehen von der regulären Berentung, zumindest kurzfristig, überwiegend positive Wirkungen auf die Betroffenen aus. Dies gilt für Männer in geringerem Maß als für Frauen, speziell dann, wenn eine starke Identifizierung mit der Berufsrolle vorliegt. Anders sehen die Ergebnisse aus, wenn längerfristige Folgen des Erwerbsaustritts betrachtet werden. Dabei zeigt sich ein deutliches soziales Gefälle: Beschäftigte in niedrigen Berufspositionen bzw. mit prekären oder kurzen Erwerbsverläufen sind im späteren Leben vermehrt von schlechter Gesundheit sowie von sozialen und ökonomischen Einschränkungen betroffen. Letzteres gilt insbesondere für Frauen. Daher sind zum einen rentenpolitische Regelungen angezeigt, welche den erwähnten Risikobedingungen Rechnung tragen. Zum andern ist ein verstärkter Einsatz primärpräventiver Programme zu fordern, mit dem Ziel, bei hoch belasteten und prekär beschäftigten Kollektiven bereits im mittleren Erwachsenenalter die Arbeitsqualität durch strukturelle Maßnahmen zu verbessern, um auf diese Weise Frühberentungsrisiken ebenso wie ungünstige Langzeitfolgen nach regulärer Berentung zu vermindern. Literatur 1 Laslett P. A fresh map of life. London: Macmillan; 1996. 2 Klages H, Kmieciak P. Werteorientierungen im Wandel. Frankfurt, New York: P. 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Anne-Maria Möller- Leimkühler Ausgeübte Tätigkeit: APL Professorin Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Soziologische Forschung der Psychiatrie, Gender Forschung Adresse: Klinikum der Universität München, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Nußbaumstr.  7, 80336 München E-Mail: Anne-Maria.Moeller-Leimkuehler@med.uni-muenchen.de

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Schlagworte

Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter

References

Zusammenfassung

Bis zum Jahr 2050 wird es etwa 23 Millionen über 65-Jährige in Deutschland geben. Dadurch wird es gesellschaftlich wie individuell zunehmend notwendig, gute Voraussetzungen für das Rentenalter als Lebensphase zu schaffen. Um es bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen, sollte bereits die Zeit vor dem Übergang zur Vorbereitung genutzt werden. Insbesondere Männer, die sich oft stark mit ihrer Berufstätigkeit identifizieren, sind gefordert, ein hohes Gesundheitspotenzial und gute soziale Bedingungen verantwortungsbewusst aufzubauen.

Der Vierte Deutsche Männergesundheitsbericht setzt bei einer fundierten Bestandsaufnahme der Situation der Männer zwischen 55 und 74 Jahren an. Aus ihr ergeben sich wichtige Themen für die Politik, für die Soziale Arbeit und für den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt: die Situation der Erwerbsarbeit zehn Jahre vor der Berentung, die Übergangsphase sowie gesundheitsfördernde Projekte für Männer vor und nach dem Renteneintritt.

Mit Beiträgen von Doris Bardehle, Eric Bonsang, Daniela Borchart, Martina Brandt, Jennifer Burchardi, Christian Deindl, Dina Frommert, Freya Geishecker, Siegfried Geyer, Stefan Gruber, Felizia Hanemann, Hans Martin Hasselhorn, Moritz Hess, Jens Hoebel, Hanno Hoven, Rainer Jordan, Hendrik Jürges, Theo Klotz, Adèle Lemoine, Michal Levinsky, Howard Litwin, Peggy Looks, Thorsten Lunau, Ingrid Mayer-Dörfler, Anne Maria Möller-Leimkühler, Niels Michalski, Bernhard Mühlbrecht, Laura Naegele, Nikola Ornig, Kathleen Pöge, Jean-Baptist du Prel, Gregor Sand, Alina Schmitz, Johannes Siegrist, Stefanie Sperlich, Anne Starker, Matthias Stiehler und Morten Wahrendorf

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Rente, Pension, Männergesundheitsbericht, Männergesundheit, Männer, Lebensqualität, Gesundheit, Gesellschaft, Geschlechterforschung, Alter