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Volkert Ruhe, 13. Gefangene helfen Jugendlichen in:

Bernd Maelicke, Christopher Wein (Ed.)

Resozialisierung und Systemischer Wandel, page 231 - 240

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6719-9, ISBN online: 978-3-7489-0841-8, https://doi.org/10.5771/9783748908418-231

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Gefangene helfen Jugendlichen Volkert Ruhe Gefangene helfen Jugendlichen e.V. Gefangene helfen Jugendlichen e.V. (GHJ) bietet seit über 20 Jahren gewalt- und kriminalpräventive Projekte für Jugendliche an. Die Besonderheit dabei ist, dass diese Projekte von ehemaligen und noch Inhaftierten durchgeführt werden und somit durch eine hohe Authentizität gekennzeichnet sind. Dadurch kann ein anderer Zugang zu den Jugendlichen erreicht werden als bei klassischen Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe. Entstehungsgeschichte Die Entstehung des Vereins Gefangene helfen Jugendlichen e.V. ist eng mit der Lebensgeschichte von Volkert Ruhe, dem Gründer und Geschäftsführer des Vereins, verbunden. Er selbst wuchs in einem von Alkoholsucht und Gewalt geprägten Elternhaus auf. Im Alter von 15 Jahren erlebte er, wie seine Schwester vom eigenen Vater vergewaltigt wurde, woraufhin Volkert Ruhe von Zuhause rausgeschmissen wurde. Ohne jegliche Hilfe geriet er als Heranwachsender auf die schiefe Bahn und hielt sich mit kleineren Delikten über Wasser. Mit 18 kam er wegen Einbruchs das erste Mal ins Gefängnis. Anfang der 90er Jahre im Alter von 40 Jahren wurde er schließlich zu einer 13-jährigen Haftstrafe verurteilt wegen Kokainschmuggels im Auftrag der kolumbianischen Drogenmafia. Die Idee zu Gefangene helfen Jugendlichen entstand 1996 in der Hamburger Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel – auch als Santa Fu bekannt. Ein Mithäftling zeigte Volkert Ruhe einen Zeitungsartikel über eintägige Gefängnisbesuche in den USA als eine Art Schocktherapie für auffällig gewordene Jugendliche. Die beiden setzten sich daraufhin intensiv mit ihrem Fehlverhalten auseinander und fragten sich, ob ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn ihnen jemand in jungen Jahren verdeutlicht hätte, welche Konsequenzen kriminelles Verhalten haben kann. Von da an arbeiteten sie an einem Konzept, um Ähnliches in Hamburg aufzubauen und suchten Mitstreiter. Von einer Schocktherapie wie in den USA hielten sie nichts. Die 13. 1. 2. 231 Jugendlichen sollten freiwillig in den Knast kommen und zum Nachdenken angeregt werden. Mit einem dritten Mitstreiter organisierten sie nach viel Überzeugungsund Zusammenarbeit in Kooperation mit der Behörde für Schule, Jugendund Berufsbildung, Polizei sowie der Justizbehörde, zwei Jahre später den ersten erfolgreichen Gefängnisbesuch für eine Gruppe Jugendlicher. Der Grundgedanke war, gefährdete Jugendliche durch Konfrontation mit dem Gefängnisalltag und mit den Biografien der Gefangenen von einer kriminellen Laufbahn abzubringen. Betroffene Jugendliche sollten vor den gravierenden und folgenschweren Konsequenzen von Kriminalität (Isolation, Einsamkeit, Fremdbestimmtheit, emotionale Verarmung, Gewalt, Abschiebung, verringerte Zukunftsperspektiven), welche die Gefangenen am eigenen Leib erfahren mussten, bewahrt werden. Für die Gefangenen wiederum war es eine Chance, ihre eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und eine Art Wiedergutmachung für die eigenen Vergehen zu leisten. Seit 1999 kamen regelmäßig fünf bis zehn Jugendliche nach Santa Fu und sprachen mit Häftlingen offen über ihr Elternhaus, ihre Probleme und Straftaten. Schon damals war Volkert Ruhe unter den Beteiligten der Wortführer. Er erkannte die Chance, die sich aus dem Projekt ergibt, und machte es nach seiner Entlassung zu seinem Beruf. Im Jahr 2000 wurde aus dem Projekt der gemeinnützige Verein Gefangene helfen Jugendlichen e.V., mit einem mittlerweile erweiterten Angebot an unterschiedlichen präventiven Projekten. Seit 2005 ist der Verein anerkannter Jugendhilfeträger von der Freien und Hansestadt Hamburg. Projekte JVA-BESUCHE Die Gefängnisbesuche sind heute immer noch das Kernprojekt des gemeinnützigen Vereins. Jugendliche, die am Rande einer kriminellen Laufbahn stehen oder sogar bereits straffällig geworden sind, besuchen gemeinsam mit ehemaligen Häftlingen Justizvollzugsanstalten und treffen auf geschulte, aktuell einsitzende Häftlinge. Die Gefangenen geben den Jugendlichen Einblicke in ihr Leben und machen ihnen damit klar, welche Auswirkungen und Konsequenzen Kriminalität haben kann. So werden Haftbedingungen durch mediale und persönliche Berichte veranschaulicht und die Biografien der Strafgefangenen bis zur Verurteilung dargestellt. Viele haben durch die 3. Volkert Ruhe 232 Medien ein falsches Bild vom Gefängnis und können die weitreichenden Folgen einer Inhaftierung (sozial, beruflich, psychisch) nicht abschätzen. Gefährdete Jugendliche sollen durch die Konfrontation mit dem Haftalltag und Straffälligen sensibilisiert und aufgeklärt werden. Die Maßnahmen sollen Empathie fördern und damit weitere Gewalttaten der Jugendlichen vorbeugen. Es findet vor jedem Besuch ein Vorbereitungstermin statt, bei dem die Jugendlichen eine Einweisung über die Verhaltensregeln im Gefängnis erhalten und den Ablauf erklärt bekommen. Beim JVA-Besuch werden die Jugendlichen nach einer Personenkontrolle und Besichtigung der Zellen in diese eingeschlossen. Nach einer Gefängnisführung lernen sich die Jugendlichen und Insassen kennen und besprechen in einem offenen Gruppengespräch ihre Biographien. Im Anschluss an das gemeinsame Mittagessen der Gefängnismahlzeit gibt es die Möglichkeit für persönliche Einzelgespräche. Beim anschließenden Nachbereitungstermin werden die Eindrücke verarbeitet und Rückfragen beantwortet. PRÄVENTIONSUNTERRICHTE Für Schulklassen und Jugendgruppen werden Präventionsunterrichte angeboten, in denen entweder ein Schwerpunkt auf das Thema Gewalt- und Kriminalprävention, Suchtprävention oder (Cyber-)Mobbing gelegt werden kann. • GEWALT- UND KRIMINALPRÄVENTION Hierbei vermitteln ehemalige Haftinsassen und Freigänger an Schulklassen und Jugendgruppen, welchen Preis sie für ihr kriminelles Verhalten zahlen mussten (z. B. finanzielle, berufliche, psychische Folgen). Zum besseren Verständnis für die Jugendlichen berichten sie von eigenen Erfahrungen, nutzen aber vor allem auch aktuelle Fragen und Probleme der Jugendlichen, die u. a. in Rollenspielen altersangemessen bearbeitet werden. Die Jugendlichen erfahren die schwerwiegenden Konsequenzen und die Perspektivlosigkeit von Kriminalität. Ihnen wird eine intensivere Auseinandersetzung mit ihrem eigenen, möglicherweise delinquenten Verhalten nahegelegt. Das kriminelle Handeln Jugendlicher wird mit dieser Maßnahme in den Kontext ihrer eigenen Lebensperspektive gestellt und einer situativen Motivation im Gruppenzusammenhang (Clique) bzw. einer spontanen Bedürfnisbefriedigung gegenübergestellt. • SUCHTPRÄVENTION Der Suchtpräventionsunterricht setzt da an, wo die Jugendlichen am gefährdetsten sind: in der Pubertät. In dieser Lebensphase, wollen sie sich 13. Gefangene helfen Jugendlichen 233 ausprobieren, ihre Grenzen testen und sich vor ihren Freunden profilieren. Angefangen mit Alkohol und Tabak nimmt auch der Gras- und Cannabiskonsum unter Jugendlichen stark zu. Im Durchschnitt konsumiert ca. jeder neunte Jugendliche illegale Drogen. Und nicht zuletzt folgt auf den Konsum von sogenannten weichen Drogen auch allzu oft der Konsum von härteren Drogen wie LSD, Kokain oder Heroin. Die ehemaligen Haftinsassen und Suchterkrankten, die die Präventionsunterrichte durchführen, haben diesen Weg schon hinter sich. Viele von ihnen sind durch die Drogen in eine Abwärtsspirale geraten, die sie bis in das Gefängnis brachte: Beschaffungskriminalität, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, das Handeln oder Schmuggeln von Drogen und nicht zuletzt Straftaten, die im Rausch begangen wurden. Sie erzählen den Schülerinnen und Schülern aus ihrem Leben und zeigen ihnen auf, welche Folgen der Missbrauch von Drogen und Sucht, sowie einhergehendes kriminelles Handeln hat und welchen Preis sie für ihr Verhalten zahlen mussten und immer noch müssen. Familien, finanzielle und berufliche Situation sowie auch psychische und physische Folgen der kriminellen Vergangenheit werden in den Vordergrund gestellt. Mit Hilfe von Rollenspielen soll die Bereitschaft zur Einsicht der Jugendlichen erhöht werden. Bei den Rollenspielen geht es beispielsweise um die Verjährung von Drogendelikten oder auch um das eigene Verhalten in Gruppen und um die Fähigkeit „Nein“ sagen zu können. Auch Dokumentarfilme spielen beim Präventionsunterricht eine wichtige Rolle. Filmausschnitte über die Konsequenzen des Drogenmissbrauchs vermitteln eindrucksvoll Bilder und Inhalte, die Anstöße für weiterführende Fragen und Antworten geben. Durch gezieltes Fragen wird versucht, auf aktuelle Probleme und Fragen der Jugendlichen einzugehen und diese angemessen zu bearbeiten. Die Schüler sollen zu Aussagen Stellung nehmen und diese diskutieren. Zudem sollen die Schüler angeregt werden ihre eigenen Biografien und Erfahrungen zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. • (CYBER-)MOBBING Herabsetzende Kommentare auf Facebook, entwürdigende Videos auf YouTube oder Terror über Smartphones. Cybermobbing kennt keine Grenzen. Was viele nicht bedenken: Cybermobbing ist kriminelles Handeln. Es handelt sich um sogenannte Ehrschutzdelikte (üble Nachrede, Gerüchte, Verleumdung, und Beleidigungen, die im Netz verbreitet werden). Immer mehr Jugendliche verbringen ihre Freizeit im Internet und knüpfen dort neue Bekanntschaften über Communities, Instant Messenger oder soziale Netzwerke. Die Jugendlichen lernen nicht nur neue Freunde ken- Volkert Ruhe 234 nen, sie pflegen ihre Freundschaften via Internet. Dies hat zur Folge, dass sich Mobbing in den Cyberspace verlagert. Cybermobbing bietet dem Täter Anonymität und verschafft ihm die Sicherheit, sein Opfer unerkannt zu terrorisieren. Cybermobbing kennt keine Pause, die Täter können ihre Opfer 24 Stunden am Tag demütigen. Dennoch bieten neue Medien nicht nur negative Seiten, sondern bringen auch Vorteile und Nutzen mit sich. Daher ist es wichtig, den Jugendlichen beide Seiten aufzuzeigen und sich mit dem Nutzen der neuen Technologien auseinanderzusetzen und sich zu informieren. Außerdem sollen sie dafür sensibilisiert werden, welche Daten sie gefahrenlos ins Netz laden können und an welchen Stellen diese Daten missbraucht werden können. Wenn die neuen Kommunikationsmöglichkeiten von allen Seiten betrachtet werden, können Kinder und Jugendliche die Gefahren besser abschätzen. Die Referenten sind ehemalige Inhaftierte und haben eine berufsbegleitende Zusatzqualifikation im Bereich „Mobbing“ und „Cybermobbing“ absolviert. MULTIPLIKATORENVERANSTALTUNGEN Für Fachkräfte werden Multiplikatorenveranstaltungen angeboten, um Interessierten im Jugendhilfebereich die Interventionsperspektiven zu erweitern und die Möglichkeit zu geben, den Verein und seine Mitarbeiter kennenzulernen. Das Aufzeigen der Vorteile der kriminal- und gewaltpräventiven Projekte, die von (ehemaligen) Inhaftierten durchgeführt werden, bildet hierbei den Schwerpunkt. Hierzu wird veranschaulicht, wie der Gefängnisalltag aussieht, so dass die Fachkräfte in Gesprächen mit Jugendlichen angemessene und glaubwürdige Aussagen in Bezug auf das Leben dort treffen können. DEESKALATIONSTRAINING Deeskalationstrainings werden sowohl für Jugendliche mit hohem Aggressions- und Konfliktpotential als auch für Mitarbeitende von Jugendhilfeeinrichtungen, in denen Handlungsmöglichkeiten für gefährliche Situationen erarbeitet werden, durchgeführt. Durch das Deeskalationstraining sollen die Teilnehmenden dazu befähigt werden, Gewalt und Aggressionen frühzeitig zu erkennen, um eskalierende Konfliktsituationen und Gewalt einzudämmen oder gar zu vermeiden. Außerdem sollen neue, gewaltfreie Wege der Konfliktlösung vermittelt werden. Es finden Einheiten zur Grundlagenvermittlung, Gruppendiskussionen und praktische Handlungsund Trainingssequenzen (z. B. Rollen-, Partner- oder Gruppenspiele) statt. Die Durchführung erfolgt durch einen Anti-Gewalt-Trainer mit Hafthintergrund und jahrelanger Erfahrung in der Jugendarbeit. 13. Gefangene helfen Jugendlichen 235 ANTI-GEWALT-TRAINING Ein längerfristig angelegtes Projekt ist „Eiskalt gegen Gewalt“, welches Jugendlichen dabei helfen soll, Konfliktsituationen rechtzeitig zu erkennen, einzuschätzen und durch deeskalierende Konfliktlösungsstrategien zu vermeiden. Das Projekt verbindet verschiedene Maßnahmen wie das Anti-Gewalt-Training, einen JVA-Besuch und die Möglichkeit zur Nachbetreuung in Form von pädagogischem Boxen, Bewerbungstrainings und Ausbildungsplatzvermittlung zu einem einheitlichen Gesamtkonzept. Das Training ist als multimodales Training konzipiert, das soziales und kognitives Lernen, Lernen aus Erfahrung und aus Konsequenzen zu einem Lernprozess miteinander verknüpft. In 17 Sitzungen zu je 4 Stunden lernen die Jugendlichen, beim Auftreten einer kritischen Situation zuerst den Blick nach Innen zu richten. Dadurch entsteht ein Selbstregulierungsprozess, der ihnen hilft, in Konfliktsituationen besonnen und gewaltfrei zu reagieren. PÄDAGOGISCHES BOXEN Ein ebenso längerfristiges Projekt ist das pädagogische Boxen, welches von ehemaligen Inhaftierten mit Boxerfahrung und einer Weiterbildung zum Anti-Gewalt-Trainer durchgeführt wird. Es besteht aus 12 Einheiten á 90 Minuten und richtet sich an Jugendliche, die ein aggressives Verhalten aufweisen und es nicht verstehen, Alltagsprobleme ohne Gewalteinsatz zu meistern. Die Jugendlichen sollen dazu gebracht werden, ihre eigenen Defizite zu erkennen und in sportlicher Hinsicht aufzuarbeiten. Das Training wird so gestaltet, dass auf jeden Einzelnen eingegangen wird, aber auch Gruppen als Einheiten bestehen. So wird das soziale Miteinander gefördert. Die Teilnehmenden lernen ihre eigenen Grenzen kennen und die Grenzen der anderen zu respektieren. Während des Trainings wird größter Wert auf Partnerschaftlichkeit gelegt und Sport als gewaltfreie Möglichkeit zum Abbau von Stress und Aggressionen präsentiert. Ein Sparring findet während des Trainings nicht statt. Mission und Unternehmensziele Das langfristige Ziel von GHJ ist es, gefährdete Jugendliche durch die Verdeutlichung der enorm negativen Folgen vor einem Abrutschen in die Kriminalität zu bewahren und eine positive Verhaltensänderung sowie berufliche Zukunftsperspektive zu bieten. Es geht um die Chancen-, Bildungsund Perspektivlosigkeit bei delinquenten Jugendlichen, denen es an geeig- 4. Volkert Ruhe 236 neten Vorbildern fehlt und die beratungsresistent und gesellschaftlich stark stigmatisiert sind. Gleichzeitig profitieren auch die (ehemaligen) Inhaftierten von dem Projekt, indem GHJ durch klare Strukturen und Beschäftigungsmöglichkeiten bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft unterstützt. Die Gefangenen bekommen zudem die Chance, ihre eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und eine Art Wiedergutmachung für die eigenen Vergehen zu leisten. Um das Abrutschen in kriminelle Handlungsweisen zu verhindern, bevor es zu Konsequenzen kommt, gibt es viele freie Träger der Jugendhilfe. Diese bieten verschiedenste präventive Angebote in Form von Anti-Gewalt und Anti-Aggressionskursen, sowie Coolnesstrainings und soziale Trainingskurse. Sie verfolgen im Kern einen rein pädagogischen Ansatz. Versetzt man sich nun aber in die Lage eines Jugendlichen, der etliche dieser Maßnahmen durchgemacht hat, stellt sich in dieser Hinsicht eventuell eine Art Resignation ein. Den Jugendlichen fehlt es an dieser Stelle an authentischen Personen, die sowohl die methodische Kompetenz mitbringen als auch eine Identifikationsfigur darstellen und somit einen anderen Zugang erlauben. Dieses bieten die Referenten und Trainer von Gefangene helfen Jugendlichen e.V., die (ehemalige) Inhaftierte sind. GHJ sieht Aufklärung und Sensibilisierung der Täter als besten Opferschutz. Durch die Präventionsarbeit sinkt die Rückfallquote und Anzahl der Opfer und Täter, wodurch wiederum weniger Lasten für den Steuerzahler entstehen. Skalierung Aufgrund der hohen Nachfrage arbeitet Gefangene helfen Jugendlichen e.V. seit 2005 intensiv daran, das Konzept bundesweit zu skalieren. Mittlerweile ist der Verein neben dem Gründungsort in Hamburg auch in Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und NRW aktiv. Allein in Hamburg konnten bereits knapp 6.000 Jugendliche mit den JVA-Besuchen erreicht werden. An den Präventionsunterrichten haben in Hamburg seit dem Jahr 2000 knapp 20.000 Jugendliche teilgenommen. Evaluation Ziel der Projekte ist es, die Jugendlichen nachhaltig in ihrem Denken und Handeln zu beeinflussen. Um dies gewährleisten zu können, führt der Verein nach jedem Projekt Evaluationen durch. Zum einen dient die Evaluation zur Wirkungsüberprüfung und zum anderen hilft sie dabei, die Arbeit von Gefangene helfen Jugendlichen e.V. stetig zu verbessern. 13. Gefangene helfen Jugendlichen 237 So wird jeder Präventionsunterricht am Ende der jeweiligen Einheit durch einen Fragebogen reflektiert. Die Schüler können den Unterricht noch einmal kritisch beurteilen, Noten verteilen und Rückmeldung darüber geben, ob und wie ihnen der Unterricht geholfen hat. Die letzte Auswertung im Jahre 2018 ergab, dass über 90 % der Teilnehmenden eine Schulnote von sehr gut bis gut vergeben haben (siehe Jahresbericht 2018, S. 26). Auch die kurzfristige und langfristige Rückmeldung von Fachkräften bestätigt die erfolgreiche Arbeit mit den Jugendlichen. Die JVA-Besuche und Antigewalttrainings wurden bis letztes Jahr durch standardisierte Fragebögen (FEPAA) zur Erfassung von Empathie, Prosozialität, Aggressionsbereitschaft und aggressivem Verhalten anonym ausgewertet. Hierdurch konnten Verhaltensänderungen bei den Projektteilnehmenden messbar gemacht werden. Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Besserung in allen vier untersuchten Dispositionen (siehe Jahresbericht 2018, S. 24 – 25). Grundsätzlich ist es sehr schwierig, präventive Angebote zu evaluieren und beziffern. Doch die Polizei Elmshorn hat 65 minderjährige Straftäter, die das Programm von GHJ durchlaufen haben, fünf Jahre lang beobachtet. Das Ergebnis: ein Drittel ist nicht mehr straffällig geworden, ein Drittel wird seltener auffällig und ein Drittel der Jugendlichen zeigt dasselbe Verhalten wie zuvor. Die Helmut Schmidt Universität erarbeitet mit dem Verein derzeit eine neue Evaluationsmethode, die eine Vergleichsgruppe von delinquenten Jugendlichen einbezieht, welche nicht an den JVA-Besuchen teilgenommen hat. Damit sollen langfristige Wirkungsmessungen erzielt werden. Erfolgsbeispiel aus einer Einzelbegleitung Der Jugendliche ist 15, als er von seinem Schulleiter zu Ruhe geschickt wird. Er schlägt Mitschüler zusammen und bedroht auch Lehrer. Er hat schon mehrere Schulwechsel hinter sich. Er gilt als unverbesserlich. Bei Ruhe nimmt er am Besuch in Santa Fu und einmal pro Woche an einem Anti-Gewalt-Training teil, rastet aber auch danach immer wieder aus. Eine Zeit lang hat er seine Aggressionen so wenig im Griff, dass er befürchtet, er könnte in einem Wutanfall seine Mutter oder Freundin schlagen. Ruhe ist in dieser Situation für ihn da, trifft ihn fast täglich und besorgt ihm einen Platz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eines Abends erhält Ruhe von dort einen Anruf. Ein Pfleger bittet ihn, so schnell wie möglich in die Klinik zu kommen. Er steigt sofort ins Auto. Als er 20 Minuten später eintrifft, sieht er einen brüllenden und um sich schlagenden Joel, umgeben von mehreren Leuten, die auf ihn einreden. Er nimmt den Jungen in den Arm und beruhigt ihn. Sechs Jahre sind seitdem vergangen. Joel, 21, Volkert Ruhe 238 ist längst nicht mehr so aggressiv. Er hat eine Lehrstelle bei einem Anlagenbauer gefunden und sagt: „Volkert ist keiner dieser Psychologen oder Pädagogen, die immer alles besser wissen, aber eigentlich keine Ahnung haben. Er war im Knast. Er weiß, wie es sich anfühlt, in der Scheiße zu sitzen. Darum habe ich auf ihn gehört. 13. Gefangene helfen Jugendlichen 239

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Zusammenfassung

In Folge der weltweiten Corona-Krise gewinnen die Vorschläge zu einem „Systemischen Wandel“ auch in der Kriminal-, Justiz- und Sozialpolitik neue Bedeutung.

Dieser Band informiert über Masterpläne und Agenden der strategischen Steuerung von Innovationen in allen Arbeitsfeldern der Resozialisierung in einem Verbund von öffentlichen und privaten Trägern. In Österreich, der Schweiz und in Deutschland gibt es dazu konkrete Vorschläge von Fach- und Führungskräften und Experten der lokalen und nationalen Ebene, dies gilt auch für die internationale und europäische Dimension. Innovative Projekte weisen gesteigerte Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Gesamtkonzepten der ambulanten und stationären Resozialisierung nach.

Maelicke und Wein fordern im Übergang in eine Zeitenwende eine „Große Transformation“ und plädieren für einen nachhaltigen und wirkungsorientierten Umgang mit Tätern und Opfern.