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Klaus Roggenthin, 11. Chancen eines familiensensibel ausgerichteten Gefängnisses am Beispiel des „Familienhauses Engelsborg“ in Kopenhagen in:

Bernd Maelicke, Christopher Wein (Ed.)

Resozialisierung und Systemischer Wandel, page 213 - 222

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6719-9, ISBN online: 978-3-7489-0841-8, https://doi.org/10.5771/9783748908418-213

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Chancen eines familiensensibel ausgerichteten Gefängnisses am Beispiel des „Familienhauses Engelsborg“ in Kopenhagen1 Klaus Roggenthin „Wenn die Gesellschaft weiterhin die Leute in der Art bestraft, wie wir es über viele Jahre hinweg getan haben, tragen wir dazu bei, die negative Entwicklung dieser Menschen fortzuschreiben und das nachteilige soziale Erbe auf die Kinder der Gefangenen zu übertragen, die genauso von Stigmatisierung betroffen sind, wie ihre Familien.“2 Gefängnisse, die auf gelingende Wiedereingliederung bzw. gesellschaftliche Teilhabe zielen, müssen, weit konsequenter als bislang die Potentiale der Familie für einen erfolgreichen Verlauf erschließen und fördern. Darüber hinaus ist aus familien- und sozialpolitischer Perspektive darauf hinzuwirken, dass die mitbetroffenen Partner und Kinder viel mehr Aufmerksamkeit und angemessene Unterstützung finden, als bisher. Gefängnisalltag und Familienalltag sind jedoch im geschlossenen Vollzug zunächst einmal denkbar schlecht vereinbar. Von all dem, was das Zusammenleben von Eltern und Kindern als Versorgungsgemeinschaft aber vor allem als „Lebens-, Erlebnis- und Erziehungsgemeinschaft“ (Ulrich Herrmann) bestimmt, lassen sich in einer Haftanstalt nur einzelne Elemente auf eng begrenzten Zeitinseln umsetzen. 11. 1 Dieser Beitrag erschien erstmals im Informationsdienst Straffälligenhilfe (2/2011) unter dem Titel: Perspektiven eines familiensensiblen Strafvollzugs – das Familienhaus in Kopenhagen. Er wurde für diesen Band vom Autor aktualisiert. Wichtigste Materialgrundlage für diesen Aufsatz war das beeindruckende Buch „Children of Prisoners. A Story About the Engelsborg Family House“, das von Kirsten Neimann und Mitarbeiterinnen des Familienhauses erarbeitet wurde. Fast alle hier verwendeten Informationen sind daraus entnommen. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden daher i.d.R. nur darüberhinausgehende Quellen ausdrücklich gekennzeichnet. Die deutsche Fassung erschien 2014: Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe u.a. (Hg.) Das Familienhaus Engelsborg. Verantwortung für die Kinder Inhaftierter, Münster. 2 Inge Halmø, Sozialarbeiterin und ehemalige Projektkoordinatorin im Engelsborger Familienhaus, in: Neimann, K. u.a. (Hg.) (2009), S. 123 (eigene Übersetzung). 213 Wir wissen, dass Kinder unter der Inhaftierung des Vaters oder der Mutter stark leiden. Der viel bemühte Satz Friedrich Nietzsches3, dass es kein Kind gibt, das nicht Grund hätte, über seine Eltern zu weinen, mag seine Allgemeingültigkeit angesichts des verbreitet stattgefundenen Wandels vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt mittlerweile eingebüßt haben. Für Kinder, deren Eltern eine Haftstrafe verbüßen, besitzt er nach wie vor bittere Aktualität. Es wird geschätzt, dass in der Europäischen Union mindestens 800.000 Kinder davon betroffen sind (s. Scharf-Smith 2014, 6). Diese Kinder haben kaum weniger als der betroffene Ehe- oder Liebespartner mit heftigen Gefühlen zu kämpfen, sind tieftraurig und werden darüber hinaus häufig über die wahren Umstände des Verschwindens von Papa oder Mama im Unklaren gelassen. Sie fühlen sich im Stich gelassen, aber gleichzeitig nagt in ihnen etwas, das ihnen sagt, sie seien irgendwie mitschuldig an der eingetretenen Situation. Aber auch wenn das Kind weiß, dass die Mutter oder der Vater im Gefängnis ist, kann es mit Rückzug und Schamgefühlen oder auch mit Aggression reagieren. Ohne adäquate Hilfestellung, zu denen auch intensive Möglichkeiten des persönlichen Kontakts mit dem inhaftierten Elternteil gehören, läuft es Gefahr, mit einer schweren psycho-sozialen Hypothek durchs weitere Leben gehen zu müssen und dadurch nachhaltig von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen zu sein. Nicht zuletzt besteht ein erhöhtes Risiko, ebenfalls in den Sog der Kriminalität gezogen zu werden. Engagierten Initiativen der Freien Straffälligenhilfe gelingt es hierzulande in Zusammenarbeit mit „aufgeschlossenen“ Haftanstalten immerhin zeitweise, die Mauern zwischen diesen grundverschiedenen Lebenswelten von Familie und Gefängnis etwas durchlässiger zu machen. Familiensonntage, Familientreffs, Vater-Kind-Gruppen oder auch Ehe- und Familienseminare (für urlaubsberechtigte Gefangene) stellen willkommene Auszeiten im Gefängnisalltag dar. Sie helfen, bestehende Bindungen zwischen den Familienangehörigen so gut es geht aufrecht zu erhalten und die erzwungene Trennung etwas erträglicher zu machen. In Kombination mit familienberatenden oder -therapeutischen Angeboten ergibt sich eine quantitativ noch ausbaufähige Möglichkeit, Defizite und Potentiale des Zusammenle- 3 Nietzsche, Friedrich, in: „Also sprach Zarathustra“. Klaus Roggenthin 214 bens vor der Haft zumindest ansatzweise zu reflektieren und u.U. eine gemeinsame Perspektive für die Zeit nach der Entlassung zu entwickeln.4 Freilich ändert dies kaum etwas an der per se reglementierten Unfreiheit des Anstaltslebens, die den Handlungsspielraum des betroffenen Elternteils zwangsläufig massiv begrenzt. Die inhaftierte Person und die Angehörigen bleiben in ihren gegenseitigen Interaktionsmöglichkeiten zeitlich und räumlich höchst eingeschränkt.5 Dem gegenüber können im offenen Vollzug die Rahmenbedingungen für authentisches Familienleben schon wesentlich produktiver gestaltet werden. In Deutschland gibt es beispielsweise gute Erfahrungen mit Vater- Kind-Wochenenden. Um eine Vorstellung zu erhalten, wie sich die fachliche Praxis in Deutschland weiterentwickeln könnte, lohnt sich – wie so oft bei gesellschaftspolitischen Fragestellungen – ein exemplarischer Blick nach Skandinavien, deren Länder seit Jahrzehnten für ihren liberalen und vergleichsweise integrierend wirkenden Strafvollzug bekannt sind. Das Familienhaus der „Pension Engelsborg“ in Kopenhagen Die staatliche Strafvollzugsbehörde Dänemarks hatte im Jahr 2005 in Kopenhagen das Projekt Familienhaus in Ergänzung bereits bestehender Angebote des Übergangshauses „Pension Engelsborg“6 ins Leben gerufen. Vorausgegangen waren nicht voll zufriedenstellende Erfahrungen mit bestehenden Vollzugsformen, die es den Verurteilten ermöglichten, einen Teil der Strafe mit ihren Kindern außerhalb geschlossener Haftanstalten zu verbringen. Aber auch die Besorgnis erregenden Befunde der empirischen Sozialforschung, die auf die schwer wiegenden psycho-sozialen Beeinträch- 1. 4 Praxisbeispiele aus Strafvollzug und Freier Straffälligenhilfe finden sich in Halbhuber-Gassner u.a. 2016, ferner im Schwerpunktheft des Informationsdienst Straffälligenhilfe (3/2012) mit dem Titel: Verurteilte Eltern-bestrafte Kinder? Gemeinsam Verantwortung übernehmen. Außerdem können unter https://bag-s.de/wo-finde-ic h-hilfe/ bundesweit Vereine recherchiert werden, die familienbezogen arbeiten. 5 Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat untersucht, welche Kontakt- und Besuchsmöglichkeiten für Kinder in deutschen Gefängnissen mittlerweile vorgehalten werden. (https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/63938)(Abruf: 15.4.2020). 6 Die staatlich geführten Übergangshäuser haben die Aufgabe, den Verurteilten auf seinem Weg aus der Inhaftierung in das Alltagsleben in Freiheit vorzubereiten. Das Übergangshaus „Pension Engelsborg“ besteht seit 1979. http://www.pensionengels borg.dk (in dänischer Sprache). 11. Chancen eines familiensensibel ausgerichteten Gefängnisses 215 tigungen betroffener Kinder durch Inhaftierung eines Elternteils hinwiesen, waren Anlass für das Pilotprojekt (s. Probation in Europe 2005). Das Familienhaus steht in Lyngby, einer Kleinstadt am Rande der Metropole und bietet seinen Bewohnern, die aus dem geschlossenen und offenen Vollzug stammen ein sicheres Setting an der Schnittstelle zwischen zu Ende gehender Inhaftierung und bevorstehender Freilassung. Daneben werden auch Straffällige aufgenommen, die ihre Freiheitsstrafe im Familienhaus gemeinsam mit ihrer Familie beginnen. Die fünf Wohnungen sind freundlich eingerichtet und unterscheiden sich kaum von vergleichbaren kleinen, gepflegten Mietwohnungen. Die gute Ausstattung ist Prinzip, denn ein Leitgedanke der Einrichtung ist es, den Straftätern im Zusammenleben mit ihren Familien eine Wiedereingliederung unter Lebensbedingungen zu ermöglichen, die bereits einem geordneten häuslichen Alltag so nahe wie möglich kommen. Der Aufenthalt im Familienhaus ist als Lern- und Bildungsprozess angelegt, mit dem Ziel, Eltern- und insgesamt Lebensbewältigungskompetenz anzustoßen. Insofern ist es naheliegend, dass die räumlichen Voraussetzungen, unter denen Entwicklung stattfinden soll, sorgsam in die konzeptionellen Überlegungen einbezogen werden und bewusst so ausgestaltet sind, dass sich die Bewohner darin wohlfühlen und entfalten können.7 Gleichzeitig begünstigt die räumliche Enge den Kontakt und die Kooperation mit den anderen Bewohnern und dem Fachpersonal. Das Familienhaus verfügt neben den Appartements noch über einen Aufenthaltsraum, ein Spielzimmer, eine Küche und ein Badezimmer zur gemeinsamen Nutzung.8 Zum Personal gehören zwei Familientherapeuten, ein Erziehungswissenschaftler, ein Sozialarbeiter sowie Vollzugsmitarbeiter. Weitere Fachkräfte, wie etwa Psychologen oder Psychiater aus dem Übergangshaus „Pension Engelsborg“, in das das Familienhaus integriert ist, stehen bei Bedarf zur Verfügung. Um im Familienhaus einen Platz zu erhalten, durchlaufen die Strafgefangenen bzw. Verurteilten ein sorgfältiges Voraufnahmeverfahren. Ein interdisziplinäres Team versucht insbesondere einzuschätzen, ob der Gefan- 7 In den Erziehungswissenschaften wird das Bildungspotential des Raumes vor allem in Ansätzen der Elementarpädagogik hervorgehoben, s. z.B. Brockschnieder, F-J/ Ullrich, W: Reggio-Pädagogik auf einen Blick, Freiburg 2009. Es lässt sich m.E. jedoch schlüssig auf den Bildungsprozess während der gesamten Lebensspanne übertragen. 8 Aufgrund aufgetretener baulicher Mängel zog das Familienhaus temporär in das ebenfalls auf dem Grundstück gelegene Übergangshaus um. Das pädagogische Konzept wurde beibehalten. Klaus Roggenthin 216 gene motiviert ist, ernsthaft sein Leben zu ändern und bereit ist, sich dafür auf den Weg zu machen. Kompromisse werden an dieser Stelle nicht eingegangen. Die Treffsicherheit, mit der es gelingt, die geeigneten Straffälligen auszuwählen, ist entscheidend für den Erfolg der pädagogisch-therapeutischen Arbeit und das politische Lobbying. Das Familienhaus ist existentiell angewiesen auf die zuverlässige Unterstützung und die Bereitschaft der Verantwortlichen in den Ministerien und Gemeindeverwaltungen zusätzliche Ressourcen für eine Idee einzusetzen, die deutlich aus dem Rahmen üblicher Vorstellungen über Strafvollzug fällt. Aber nicht nur die Verurteilten werden einem Assessment unterzogen. Es wird unter Abwägung aller Umstände auch geprüft, inwieweit der Umzug des Partners und der Kinder aus der vertrauten Lebenswelt die beste Option für die Familie darstellt. Außerdem wird bei Neubelegungen immer auch versucht, die richtige Mischung zu finden. Eine andere Philosophie des Vollzugs Der Ansatz des Familienhauses ist ein durch und durch humanistischer. Ausgehend von der Vorstellung, dass jeder Mensch sich ändern kann, geht die Arbeit mit den Straffälligen und ihren Familienmitgliedern vom Individuum aus. Die Suche nach dem, was die zu bearbeitende Lebensproblematik ist und „was wirken könnte“ setzt bei der einzelnen Person, seiner Biographie und seinem einzigartigen Fall an. Dies setzt nicht nur eine hohe fachliche Kompetenz des Personals voraus, sondern auch eine spezifische Haltung gegenüber dem Bewohner, d.h. die Bereitschaft, ihm auf Augenhöhe zu begegnen und ihn zuallererst als Mitmenschen und weniger als Gefangenen zu sehen. Die Erfahrungen im Familienhaus zeigen, so ein Mitarbeiter, dass, wenn das Personal im übertragenen Sinne die Uniformen ablegt und sich als Menschen mit einem angenehmen Verhalten aber auch mit ihren unvermeidlichen Schwächen präsentieren, auch die Bewohner bereit sind, ihren äußeren Panzer abzulegen. Sie beginnen sich zu entspannen und zu öffnen und sind mehr und mehr daran interessiert, an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten. Auf diese Art und Weise sei es möglich, nach und nach Vertrauen aufzubauen (s. Neimann 2009, 15). 2. 11. Chancen eines familiensensibel ausgerichteten Gefängnisses 217 Kind- und familienzentrierter Ansatz Eines der zentralen Anliegen des Familienhauses ist es, den Bedürfnissen der betroffenen Kinder gerecht zu werden. Wenn Eltern ins Gefängnis kommen, zahlen die Kinder einen hohen, vielleicht den höchsten Preis. Das Familienhaus ist insofern ein Muster, wie der Staat, der bislang noch nicht umhin kommt, auch Eltern zu verurteilen und zu bestrafen, wenn sie gegen die Gesetze verstoßen, seiner Verantwortung gegenüber den Kindern trotzdem nachkommt und eine besondere Fürsorge übernimmt. In der alternativen Vollzugsumgebung des Familienhauses wird Kindern Raum und Zeit mit ihren Eltern gegeben. Damit wird nicht zuletzt der Verpflichtung der UN-Konvention über die Rechte des Kindes sehr weitgehend entsprochen, die den Kindern ein Recht zubilligt, engen Kontakt zu beiden Eltern haben zu können. So heißt es z.B. in Art. 9 der Kinderrechtskonvention, dass Kinder und Eltern grundsätzlich nicht voneinander getrennt werden dürfen, wenn sie dies nicht ausdrücklich selbst verlangen.9 Raum, Zeit und Zusammensein sind fraglos die Grundvoraussetzungen, ein normales Familienleben führen zu können, damit ist es allerdings für die wenigsten Bewohner des Familienhauses getan. Die meisten stammen aus bildungsarmen und sozial benachteiligten Milieus, mit Lebenswegen, die von Vernachlässigung und Gewalt geprägt sind. Infolge dessen konnten sie meist keine positiven Elternbilder oder Erziehungsvorstellungen erwerben, an denen sich ihr Verhalten gegenüber den eigenen Kindern orientieren könnte. Die Mitarbeiter des Hauses arbeiten daher mit allem Nachdruck daran, den Eltern Kompetenzen im Erziehungsalltag zu vermitteln. Ziel ist es, ein Gefühl von Verantwortung für Ihre Kinder und die Familie als Ganzes zu erzeugen. Der Stärkung der elterlichen Kompetenz kommt nicht nur den Kindern zugute, vielmehr trägt es zu einer Stärkung des Selbstvertrauens bei und hilft dem Straffälligen, seinen Alltag zu meistern. Wenn darauf aufbauend in den familientherapeutischen Settings den Eltern bewusst wird, dass die bisherige Lebensweise, die sie ihren Kindern aufbürden, ebenfalls auf ein Leben mit Straftaten und Freiheitsstrafen hinausläuft, ergibt sich eine realistische Chance des Umdenkens. (s. Neimann, 31). 3. 9 Eine Übersicht der in der UN-Konvention niedergelegten Kinderrechte, die für Kinder von inhaftierten Eltern besonders relevant sind, findet sich in: Scharf- Smith, P. /Gampell. L. (2011), S. 6ff. Klaus Roggenthin 218 Vielfältige Problemlagen Das Familienhaus ist keineswegs ein Ort für Straftäter mit minderschweren Taten. Das Spektrum der Delikte, weshalb die Bewohner zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, umfasst auch Überfall, Entführung, Betrug, Drogenhandel und Mord. Hinzu kommt bei den Erwachsenen eine Reihe von schwerwiegenden Lebensproblemen, mit denen während des Aufenthalts im Familienhaus gearbeitet oder umgegangen werden muss. Dazu zählten bislang so unterschiedliche Probleme wie Magersucht, Paranoia, Alkoholmissbrauch und/ oder Missbrauch psychedelischer Drogen, Gewalt, unbehandelte Trauer über extreme Verluste, Einsamkeit und Isolation, Stottern, unzureichende Sprachfähigkeiten, mangelnde Kenntnisse der Landessprache, achtfache Mutterschaft – alle Kinder von unterschiedlichen Vätern, eigene Kinder fremd platziert, Beziehungsprobleme zu den eigenen Kindern, Langzeitarbeitslosigkeit, Schulden, mangelnde Haushaltsführungsfähigkeiten, Unfähigkeit Kindern Grenzen zu setzen, Unreife, frühe Elternschaft, physische Erkrankungen, teure Wohnungen. Bei den Kindern traten u.a. auf: Selbstverletzendes Verhalten, unfreiwilliger Abgang von Stuhl bei Heranwachsenden, Sprachentwicklungsverzögerungen, ernste Konzentrationsschwächen, aggressives Verhalten, Zehn- und Zwölfjährige, die bereits regelmäßig rauchen und Alkohol konsumieren, Depressionen, Opfer von Schikanen (Bullying), Ängstlichkeit, kognitive Entwicklungsverzögerungen, Anzeichen von sozialer Isolation, Bettnässen. Trotz der schwierigen Bedingungen, unter denen die Familien leben, ist der Wunsch der Eltern allgegenwärtig, das Beste für ihre Kinder erreichen zu wollen. Tatsächlich entwickeln sich viele der Kinder während des Aufenthalts sehr gut weiter. In manchen Fällen sind jedoch zusätzliche externe Hilfen, wie psychologische oder psychiatrische Behandlungen erforderlich. Therapieangebot Alle Mitarbeiter des Familienhauses und des Wohnheimes haben eine Ausbildung in systemischer Familientherapie erhalten. Sie ist die grundlegende Therapieform, die in vielfältiger Weise zur Anwendung kommt. Zum Repertoire gehören narrative Ansätze, lösungsorientierte Ansätze, systemische Linguistik und reflexive Ansätze. Dabei geht es übergreifend darum, in der Familie ins Gespräch zu kommen und die wichtigen gemeinsamen Themen zu identifizieren, wie z.B. die Offenlegung der Gründe für die Inhaftierung, was besonders hohe Bedeutung für die Kinder hat. Viel wird an der Verbesserung der Beziehungen zwischen den einzelnen Familien- 4. 5. 11. Chancen eines familiensensibel ausgerichteten Gefängnisses 219 mitgliedern gearbeitet. Wichtiges Ziel ist es dabei ein Vertrauensverhältnis zwischen den Kindern und ihren Eltern aufzubauen, das die Grundlage dafür darstellt, dass sich die Familie in positiver Weise weiterentwickelt. Darüber hinaus kommt im Familienhaus Marte Meo, eine in Skandinavien sehr verbreitete Methode der Erziehungsberatung zum Einsatz. Marte Meo (lat.) bedeutet „aus eigener Kraft“ und zielt darauf, das alltägliche Erziehungshandeln zwischen Erziehenden und Kind zu reflektieren. Dazu werden typische Situationen per Video aufgezeichnet und im Anschluss gemeinsam mit den Fachkräften reflektiert. Wichtig ist dabei der Empowerment-Gedanke. Nicht die Schwächen und Fehler elterlichen Handelns stehen im Mittelpunkt, vielmehr sollen die Stärken der Eltern identifiziert und thematisiert werden, mit dem Ziel, daraus Sicherheit und Kraft für das Erziehungshandeln zu schöpfen und bestehende Erziehungsprobleme zu überwinden. Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle bleiben, dass es bei Bedarf weitere Behandlungsangebote wie die Möglichkeit der Paartherapie und spezielle Therapieangebote für die Kinder gibt. Übergangsmanagement Um den Kontakt zur Heimatgemeinde und den dortigen Verantwortlichen zu pflegen, in die der Straffällige und seine Familie nach Verbüßung seiner Freiheitsstrafe im Familienhaus entlassen wird, wurde schon 2008 die Stelle eines Sozialarbeiters speziell für diese Aufgabe eingerichtet. Es hatte sich als unverzichtbar erwiesen, diesen kritischen Übergang aus der beschützenden Welt des Familienhauses in die harte Realität des Alltagslebens bestmöglich professionell zu begleiten und zu unterstützen. Fakten über die Bewohner und den Aufenthalt Zwischen September 2005 und Juni 2012 haben 98 Bewohner ihre Freiheitsstrafe mit ihren Familien im Familienhaus verbracht. Die meisten der Kinder waren zwischen sieben und 12 Jahre sowie bis zu zwei Jahre alt. Die Länge des Aufenthaltes lag zwischen 20 Tagen und 12 Monaten, wobei es nach oben kein Limit gibt. 6. 7. Klaus Roggenthin 220 Fazit Das Familienhaus war als Experiment gestartet und wurde nach der dreijährigen Pilotprojektphase in das Regelangebot übernommen. In den ersten drei Jahren seines Bestehens wurden von 37 ehemaligen Bewohnern des Familienhauses nur drei, also ungefähr jeder zehnte Bewohner wieder straffällig. Das ist gegenüber dem Durchschnitt im offenen Vollzug in Dänemark, wo ca. 30 % wieder rückfällig werden, ein sehr ermutigendes Ergebnis. Dies ist zum Teil sicherlich Verdienst des familienbezogenen Ansatzes, der durch die Arbeit an den Bindungen der Familienmitglieder und der avisierten Verantwortungsübernahme der Eltern, ein erneutes Abgleiten in die Kriminalität emotional erschwert. Zum anderen muss wohl auch in Rechnung gestellt werden, dass das strenge Vorauswahlverfahren für die Aufnahme im Familienhaus eine Art positive Auswahl in der Frage der Rückfallneigung darstellt. Dies schmälert aber keineswegs die in Lyngby vollbrachte Pionierleistung. Um ein Familienhaus für den familiensensiblen offenen Strafvollzug, wie das in Dänemark erfolgreich aufzubauen und zu führen, bedarf es Vieles: Menschen, die bereit und mutig sind, ausgetretene Pfade des Strafvollzuges zu verlassen und neues zu wagen. Es bedarf einer leidenschaftlichen Mannschaft, die, das Ziel fest vor Augen, Konflikte nicht scheut. Es bedarf auch und vor allem der Rückendeckung aus den Leitungsebenen der Behörden, ohne die ein solcher Paradigmenwechsel nicht möglich ist. Noch gibt es das Engelsborger Familienhaus nicht flächendeckend, auch nicht in Dänemark. Das sollte uns in Deutschland nicht davon abhalten, künftig, was den familienfreundlichen Vollzug angeht, mit Dänemark, Schweden und Norwegen in derselben Liga spielen zu wollen. Dafür zu werben und zu streiten lohnt sich in jeder Beziehung, auch und vor allen wegen der Kinder.10 „Es war anstrengend und zuweilen auch aufreibend, aber es war all die Mühe wert! Es ist schwer deine Begeisterung im Zaum zu halten, wenn du das lebendige Treiben im Familienhaus siehst und spürst, wie gut die Kinder gedeihen.“11 8. 10 Dazu habe ich an anderer Stelle Anregungen gegeben, s. Roggenthin 2015. 11 Kirsten Neimann im Rückblick über die erfolgreiche Umsetzung der Idee, eine Einrichtung aufzubauen, in denen Straffällige gemeinsam mit ihren Kindern und Partnern die erforderliche professionelle Hilfestellung erhalten, um künftig in Verantwortung und Freiheit zu leben. In: Neimann, K. (2009), S. 135 (eigene Übersetzung). 11. Chancen eines familiensensibel ausgerichteten Gefängnisses 221 Literatur Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe, Chance Münster und Der Paritätische Landesverband NRW (Hg.): Das Familienhaus Engelsborg. Verantwortung für die Kinder Inhaftierter, Münster 2014 Deutsches Institut für Menschenrechte (Hg.) Kontakt von Kindern zu ihren inhaftierten Eltern: Einblicke in den deutschen Justizvollzug (Autorin Judith Feige), Berlin 2019 (https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/63938) (Abruf 15.4.2020) Halbhuber-Gassner, L., Kappenberg, B und W. Krell (Hg.): Wenn Inhaftierung die Lebenssituation prägt. Lokale Unterstützungsangebote und Online-Beratung für Angehörige, Freiburg i. B. 2016 Neimann, K., Betak, R. & Halmø, I. (Hg.): Children of Prisoners. A Story About the Engelsborg Family House, Lyngby 2009 (o. Autor): In Brief. Family House in Denmark, in: Probation in Europe, 12/2005, S. 16 Roggenthin, K.: Kinder Inhaftierter -Vom Verschiebebahnhof aufs Präventionsgleis, in: Kerner, Hans-Jürgen u. Marks, Erich (Hg.), Internetdokumentation des Deutschen Präventionstages. Hannover 2015 (http://www.bag-s.de/fileadmin/us er_upload/PDF/Beitrag_Vom-Verschiebebahnhof-aufs_Praeventionsgleis.pdf) (Abruf: 15.04.2020) Scharf-Smith, P.: When the Innocent are Punished. The Children of Imprisoned Parents, Hampshire 2014 Scharf-Smith, P. /Gampell. L. (Hg.): Children of Imprisoned Parents, Skive 2011 (www.familiesoutside.org.uk/content/uploads/2011/05/children_260411_page.p df) (Abruf: 15.04.2020) 9. Klaus Roggenthin 222

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Zusammenfassung

In Folge der weltweiten Corona-Krise gewinnen die Vorschläge zu einem „Systemischen Wandel“ auch in der Kriminal-, Justiz- und Sozialpolitik neue Bedeutung.

Dieser Band informiert über Masterpläne und Agenden der strategischen Steuerung von Innovationen in allen Arbeitsfeldern der Resozialisierung in einem Verbund von öffentlichen und privaten Trägern. In Österreich, der Schweiz und in Deutschland gibt es dazu konkrete Vorschläge von Fach- und Führungskräften und Experten der lokalen und nationalen Ebene, dies gilt auch für die internationale und europäische Dimension. Innovative Projekte weisen gesteigerte Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Gesamtkonzepten der ambulanten und stationären Resozialisierung nach.

Maelicke und Wein fordern im Übergang in eine Zeitenwende eine „Große Transformation“ und plädieren für einen nachhaltigen und wirkungsorientierten Umgang mit Tätern und Opfern.