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Bernward Jopen, 15. Leonhard: Unternehmertum für Gefangene – ein innovatives Resozialisierungsprojekt im bayerischen Justizvollzug in:

Bernd Maelicke, Christopher Wein (Ed.)

Resozialisierung und Systemischer Wandel, page 253 - 266

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6719-9, ISBN online: 978-3-7489-0841-8, https://doi.org/10.5771/9783748908418-253

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Leonhard: Unternehmertum für Gefangene – ein innovatives Resozialisierungsprojekt im bayerischen Justizvollzug Bernward Jopen Einführung Die in den Strafvollzugsgesetzen der Bundesländer verankerte Aufgabe des Justizvollzugs, neben dem Freiheitsentzug auch in besonderem Maße auf eine Resozialisierung der Straftäter hinzuwirken, ist aus vielerlei Gründen anspruchsvoll. Das Ziel der Resozialisierung, eine Besserung nach der Entlassung, ist vor allem darauf gerichtet, Straftäter wieder als vollwertige Mitglieder in die Gesellschaft zu integrieren. Gelingt dies, bedeutet es aktiven Opferschutz, stabile gesellschaftliche Strukturen und Familien und nicht zuletzt zuverlässige Steuerzahler sowie Beitragszahler für die Sozialsysteme. Um dieser gesetzlichen Aufgabe gerecht zu werden, wird die Notwendigkeit einer Resozialisierung weder vom Justizvollzug noch von der Öffentlichkeit infrage gestellt. Zweifel gibt es dagegen auch unter Fachleuten, inwieweit dieses Ziel überhaupt in einer dem Problem angemessenen Form erreichbar ist. Diese Unsicherheit lässt sich am leichtesten im Alltag einer Justizvollzugsanstalt beobachten. Zwischen den Bediensteten einer Justizvollzugsanstalt und den Gefangenen besteht oft ein tiefes Misstrauen. Dieses Misstrauen gründet sich zum einen aus der täglichen Erfahrung der Bediensteten, dass Aussagen der Gefangenen oft nicht zu trauen ist, dass die Gefangenen sozial erwünschtes Verhalten vorgaukeln, um bestimmte Ziele zu erreichen, dass sie versuchen zu manipulieren und dass Gewalt und aggressives Verhalten oft zu beobachten sind. Aber auch das Misstrauen der Gefangenen gegenüber den Bediensteten spielt eine wichtige Rolle. Die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung erfordert zuweilen ein Verhalten der Bediensteten, das von den Gefangenen nicht immer als ehrlich empfunden wird. Darüber hinaus gibt es in den Anstalten häufig organisatorische Mängel, die die Gefangenen in hohem Maße belasten. Oft werden solche Mängel, die auch auf Personal- 15. 1. 253 not bei den Bediensteten zurückzuführen sind, von den Gefangenen als Schikane empfunden. Diese schwierige Gemengelage bedeutet für die Resozialisierung eine besondere Schwierigkeit. Resozialisierung kann nur unter vertrauensvollen Verhältnissen gelingen. Dies ist aber unter den geschilderten Umständen nicht einfach. Abgesehen von den in Bezug auf Personalschlüssel und Ausstattung besonders günstigen Bedingungen in den sozialtherapeutischen Abteilungen für Gewalt- und Sexualstraftäter kann im Alltag einer Abteilung mit 40 Gefangenen und zwei Beamten des allgemeinen Vollzugsdienstes Resozialisierung kaum gelingen. Aber auch Fachdienste, wie der Sozialdienst und der psychologische Dienst sind wegen meist knapper Personalausstattung oft kaum in der Lage, eine Resozialisierung wirkungsvoll voranzutreiben. Bei Haftantritt wird üblicherweise in Abstimmung zwischen den Fachdiensten, Vollzugsinspektoren und Abteilungsleitern ein Vollzugsplan erstellt, wie den Defiziten des Gefangenen begegnet werden soll. Hierbei kann es sich um das Nachholen eines Schulabschlusses, eine Ausbildung oder eine Therapie handeln. Nach unseren Erfahrungen hat das Nachholen eines Schulabschlusses bei den Gefangenen einen hohen Stellenwert. Beim Thema Ausbildung machen Gefangene oft die Erfahrung, dass sie sich nach Haftantritt erst einmal – möglicherweise ein Jahr – bewähren müssen. Bewähren bedeutet, dass sie in der Regel keine Disziplinarverstöße begehen und dass von ihnen für die Sicherheit in der Anstalt keine Gefahr ausgeht. Bis dies bei einer jährlich geplanten Aktualisierung des Vollzugsplans aktenkundig wird und zu Entscheidungen bezüglich des Beginns einer Ausbildung führt, können leicht 12 bis 18 Monate vergehen. Wenn Gefangene eine Ausbildung anstreben, die mindestens 24 oder aber auch 36 Monate dauern kann, lässt sich diese unter optimalen Umständen nur bei einer mehrjährigen mindestens 3 bis 5 Jahre langen Haft durchführen. Liegen diese Voraussetzungen nicht vor, wird dem Wunsch nach einer Ausbildung oft nicht stattgegeben, zumal der bei einer Ausbildung notwendige Berufsschulunterricht zu zusätzlichen Problemen und ggf. Kosten für die Anstalt führen kann. Es lässt sich nachvollziehen, dass unter diesen Umständen eine fehlende Berufsausbildung auch im Gefängnis in keiner Weise problemlos nachgeholt werden kann. Unter dem Gesichtspunkt des Resozialisierungsgedankens erscheint es höchst problematisch, dass eine fehlende Berufsausbildung im Gefängnis oftmals nicht nachgeholt werden kann. Das bedeutet aber, dass Straffälligkeit, die durch mehrere abgebrochene Ausbildungen und sich hieraus ergebende prekäre Arbeitsverhältnisse ausgelöst wurde, auch durch eine mehrjährige Haft oft nicht begegnet werden kann. Bernward Jopen 254 Gehören zu den auslösenden Gründen für eine Straftat jedoch Defizite in Verhalten und Einstellungen, was sehr häufig der Fall ist, so wird die Situation in der Haft weiter erschwert. Um Defiziten in Verhalten und Einstellungen zu begegnen, gibt es Therapien im Vollzug, die bei den Gefangenen aber leider oft keinen guten Ruf genießen. Dies liegt u.a. daran, dass das wiederholte „Graben“ in der Vergangenheit von den Gefangenen häufig als nicht effektiv angesehen wird und zudem schmerzhaft ist. Hinzu kommt, dass sich zwischen dem Therapeuten und dem Gefangenem oft kein wirkliches Vertrauensverhältnis entwickelt und infolgedessen die Situation von den Gefangenen als äußerst misslich empfunden wird. Dies wiederum ist dem Ruf einer gut und verantwortlich gemeinten Therapie im Justizvollzug nicht zuträglich. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass bei beruflichen Förderprogrammen in der Haft, bei denen auch eine Änderung von Verhalten und Einstellungen der Gefangenen im Fokus steht, zwei Gesichtspunkte beachtet werden müssen: 1) eine berufliche Förderung, bei der der Gefangene höchstmöglich motiviert ist und 2) Fördermaßnahmen im Hinblick auf die Beseitigung von Defiziten im Verhalten und Einstellungen, die aus Sicht der Gefangenen nicht unter die Kategorie „Therapie“ fallen. Kurz gesagt: Zielführend wäre eine gute berufliche Förderung mit einem verdeckten Therapieansatz Motivation für die Gründung der Leonhard gGmbH Unternehmertum für Gefangene Es ist offensichtlich, dass die geschilderten Umstände eine Resozialisierung sehr erschweren. Aus dieser Erkenntnis wurde die gemeinnützige Leonhard gGmbH Unternehmertum für Gefangene im November 2010 mit einem innovativen Ansatz gegründet. Anstoß war ein Bericht in der Financial Times Deutschland im April 2009, in dem von einem aufsehenerregenden Erfolg des „Prison Entrepreneurship Program – PEP“ in Houston/Texas berichtet wurde. Gegründet von einer 26-jährigen Frau, einer ehemaligen Investment-managerin aus New York, wurden in 20-wöchigen Kursen in einem Hochsicherheitsgefängnis in Cleveland/Texas pro Halbjahr 80 Gefangene auf eine unternehmerische Tätigkeit vorbereitet, wobei Teil des Programms Maßnahmen für eine Persönlichkeitsentwicklung waren. Zum Zeitpunkt des Berichtes in der Financial Times Deutschland war der Autor seit acht Jahren als Mitgründer und Mitgeschäftsführer des Innovations- und Gründungszentrums der Technischen Universität Mün- 2. 15. Leonhard: Unternehmertum für Gefangene 255 chen, der UnternehmerTUM GmbH, tätig. Pro Jahr wurden hier zwischen 1.000 bis 1.200 Studenten und Wissenschaftler unternehmerisch qualifiziert, um später entweder Unternehmen zu gründen oder aber um als unternehmerisch denkende Angestellte in der Wirtschaft tätig zu werden. Nach organisatorischen Änderungen bei der UnternehmerTUM GmbH gegen Ende des Jahres 2009 entschied sich der Autor, die Zielgruppe seiner Tätigkeit von Studenten und Wissenschaftlern auf Strafgefangene in bayerischen Gefängnissen zu verlegen. Ein Schreiben an die bayerische Justizministerin, zwei Reisen nach Texas und Gespräche mit dem Bayerischen Staatsministerium der Justiz führten dann beim Autor und seiner Tochter im März 2010 zu der Entscheidung, ein sehr ähnliches Projekt wie das „Prison Entrepreneurship Program – PEP“ in Texas ernsthaft in Bayern zu verfolgen. Hierbei spielte die Erkenntnis eine Rolle, dass Menschen mit einer kriminellen Vergangenheit oft über eine Reihe von Eigenschaften wie Mut, Initiative, Kreativität, Durchsetzungsvermögen und Tatkraft verfügen, also Eigenschaften, die bekanntlich notwendige Voraussetzung für erfolgreiches unternehmerisches Handeln sind. Wenn es nun gelänge, so die Überlegung, diesen Menschen die langfristigen Vorteile legalen Handelns zu vermitteln, könnte man mit diesem Ansatz Menschen mit einer kriminellen Vergangenheit zu erfolgreichen (Klein)unternehmern entwickeln. Hinzu kam die Erkenntnis, dass Menschen mit einer langjährigen Haftstrafe oft größte Schwierigkeiten haben, eine Anstellung zu finden. Das Stigma, ein Straftäter zu sein, verhindert oft eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft. Selbstständigkeit ist unter diesen Umständen meist die einzige Möglichkeit, um wieder beruflich auf die Beine zu kommen. Bei diesen Überlegungen spielt allerdings eine Rolle, dass es auch unternehmerisch denkende Menschen im Angestelltenverhältnis gibt, die mit Initiative, Mut und Verantwortungsbewusstsein eine wichtige Rolle im Unternehmen spielen. Fachleute sprechen hier von Intrapreneuren, also Unternehmern im Unternehmen, im Gegensatz zu den Entrepreneuren, den innovativen selbstständigen Unternehmern. Diese Überlegungen wurden im Bayerischen Staatsministerium der Justiz zunächst zurückhaltend, später aber sehr aufgeschlossen aufgenommen, durch verschiedene Stellen im bayerischen Justizvollzug geprüft, sodass dann im Herbst 2010 die Entscheidung fiel, dieses Vorhaben in einem Pilotversuch in der Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech zu testen. Das Vorhaben erhielt seinen Namen von Leonhard von Limoges, dem Schutzpatron der Gefangenen. Wie dem Autor später klar wurde, löste der zweite Teil des Namens Leonhard | Unternehmertum für Gefangene zwiespältige Reaktionen aus, was die anfängliche Zurückhaltung gegenüber diesem Projekt erklärt. Viele Bedienstete im Justizvollzug, die durch jahrelan- Bernward Jopen 256 ge und oft schlechte Erfahrungen mit Straftätern geprägt waren, konnten sich nicht vorstellen, dass ein Gefangener mit den oben beschriebenen schulischen und ausbildungstechnischen Defiziten, aber auch mit einer Reihe von Verhaltensproblemen jemals erfolgreich unternehmerisch sein könnte. Auch der Hinweis, dass unternehmerisches Denken und Handeln nicht unbedingt mit einer Selbstständigkeit verbunden sein muss, sondern – wie erwähnt – auch in einer verantwortungsvollen Angestelltentätigkeit ausgeübt werden kann, verfing nur selten. Aber auch das Hauptargument, dass eine auf Wirtschaftskompetenz ausgerichtete, unternehmerische Ausbildung eine gute Ergänzung zum bestehenden Schulungs- und Ausbildungs-angebot des bayerischen Justizvollzugs darstellt, war längst nicht für jeden unserer Gesprächspartner überzeugend. Es schien nicht immer schlüssig zu sein, warum ein Straftäter mit unternehmerischen – zugegebenermaßen illegal in der Praxis erprobten – Talenten den Rest seines Lebens nicht auch in anderer Weise tätig werden kann, als nur als Maler, Lackierer oder Gabelstaplerfahrer. Wir fragten uns, wie man annehmen kann, dass Menschen, deren Talente in eklatanter Weise brachliegen und die deswegen in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen leben müssen, bereit sein werden, auf unabsehbare Zeit in Armut aber Legalität leben zu wollen. Unser Unvermögen, diese Erkenntnisse in der Anfangszeit des Unternehmens überzeugend zu vermitteln, war wohl der Grund für die anfängliche große Reserviertheit bei den Bediensteten des Vollzugs. Pilotprojekt und wissenschaftliche Evaluierung Der erste und wichtigste erfolgreiche Schritt war die Genehmigung des Programms als Pilotprojekt durch das Bayerische Staatsministerium der Justiz. Als Durchführungsort wurde die Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech festgelegt, eine Strafanstalt mit ca. 650 Haftplätzen für Gefangene im Erstvollzug. Der 20-wöchige Kurs startete mit 13 Gefangenen aus der JVA Landsberg in einem Umfang von sieben Stunden pro Woche. Innerhalb der ersten sechs Wochen verließen sechs Teilnehmer aus verschiedenen Gründen den Kurs. Für die Kursleitung war sehr erstaunlich, um wieviel stressfreier der Kurs durchgeführt werden konnte, nachdem die genannten sechs Teilnehmer den Kurs verlassen hatten. Gegenstand der Vereinbarung mit dem Justizministerium war, dass Leonhard die Technische Universität München, Lehrstuhl Prof. Dr. Dr. Holger Patzelt gewinnen konnte, das Pilotprojekt wissenschaftlich zu evaluieren. Dies geschah im Rahmen einer Masterarbeit von Nicola Schweit- 3. 15. Leonhard: Unternehmertum für Gefangene 257 zer, die zum 30.08.2011 beendet und die später Grundlage einer in Kooperation mit der Indiana University Indianapolis, USA verfassten Publikation wurde1. Die Ergebnisse waren im Rahmen von drei strukturierten Interviews mit allen Teilnehmern gewonnen worden und boten anschließend die Grundlage für den bayerischen Justizvollzug, der Fortführung des Projektes Leonhard | Unternehmertum für Gefangene zuzustimmen. Das Programm Leonhard | Unternehmertum für Gefangene Das Programm besteht aus zwei Säulen: 1. Die unternehmerische Qualifizierung von Strafgefangenen durch die Vermittlung wirtschaftlicher Kenntnisse und daraus folgend die Stärkung unternehmerischer Ambitionen. In der Fachwelt wird in diesem Zusammenhang von Entrepreneurship gesprochen. 2. Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitstraining ist die zweite Säule des Programms, da Probleme im Verhalten und in Einstellungen oft ursächlich für vielfältiges Scheitern in der Vergangenheit gewesen sind, was dann leicht zu einer kriminellen Karriere führen kann. Diese Programmteile, die unten weiter beschrieben sind, werden von zwei hauptamtlichen Dozenten und 20 ehrenamtlichen Referenten vermittelt. Die Kursdauer beträgt wie im Pilotprojekt 20 Wochen, jedoch wurde der Inhalt gegenüber dem Pilotprojekt wesentlich vertieft. Statt sieben Stunden pro Woche hat das Programm seit dem 2. bis zum aktuellen 17. Kurs einen Umfang von 27 Stunden pro Woche. Im Gesamtumfang von 540 Stunden und mit etwas angepasstem Inhalt lehnt sich das Leonhard- Programm an einen Executive MBA an, an dessen Gründung und Einführung der Autor während seiner achtjährigen Tätigkeit an der Technischen Universität München maßgeblich beteiligt war. Das Leonhard-Programm wurde im Jahr 2012 durch die Steinbeis- Hochschule Berlin zertifiziert, sodass die Teilnehmer bei erfolgreichem Abschluss ein Zertifikat als Innovation & Business Creation Specialist der Steinbeis-Hochschule Berlin erhalten. Dies wurde seit 2019 auf die Steinbeis+Akademie Stuttgart übertragen. 4. 1 Holger Patzelt, Trenton A. Williams and Dean A. Shepherd. Overcoming the Walls That Constrain Us: The Role of Entrepreneurship Education Programs in Prison. Academy of Management Learning & Education, 2014, Vol. 13, No. 4, 587–620; DOI: 10.5465/amle.2013.0094. Bernward Jopen 258 Der innovative Ansatz des Leonhard-Programms, für den Leonhard und der Autor mehrfach ausgezeichnet wurden – zuletzt im Jahr 2019 mit einem Preisgeld von 60.000 € durch die Körber-Stiftung – liegt in der Verbindung einer Ausbildung und einem Programm zur Persönlichkeitsentwicklung während der Haft und einer anschließenden Begleitung durch einen persönlichen, ehrenamtlichen Mentor. Mentoren sind Personen, die meist als Gäste einer unserer Veranstaltungen im Gefängnis die Gefangenen kennenlernen und die bereit sind, einen Gefangenen nach seiner Entlassung für die Dauer eines Jahres beruflich und privat zu betreuen. In einem eigenen „Matching-Prozess“ versuchen wir dafür zu sorgen, dass Mentor und Mentee gut zusammenpassen. In zwei anschliessenden halbtägigen Mentoren-Workshops bereiten wir die Mentoren dann auf ihre meist nicht einfache Aufgabe vor. Ehrenamtliche Mitarbeiter und Unterstützer von Leonhard, auch über die Mentoren hinaus, spielen im Programm eine besondere Rolle. Jeder Teilnehmer trifft während des 20 Wochen dauernden Programms im Rahmen von sieben Veranstaltungen mit externen Gästen ca. 90 verschiedene Personen, von denen einige nach der Haft Grundlage für ein persönliches Netzwerk werden. Inhalte der einzelnen Module des von der Steinbeis-Hochschule Berlin zertifizierten Programms Innovation & Business Creation (IBC): IBC1: Projektarbeit – Businessplan 1. Geschäftsidee 2. Analyse unternehmerische Chance & Marktanalyse 3. Finanzen 4. Organisation 5. Rechtliche Angelegenheiten 6. Management 7. Zukünftige Entwicklung IBC2: Unternehmertum und Wirtschaft 1. Was ist ein Unternehmer? 2. Vorbereitung für Ihr Geschäft 3. Chancen erkennen und Marktanalysen 4. Marketingplan und Vertrieb 5. Finanzzahlen analysieren 6. Start Ihres Geschäfts 7. Managen Ihres Geschäfts 8. Wachstum und Exit 15. Leonhard: Unternehmertum für Gefangene 259 IBC3: Innovationsmanagement 1. Einführung in das Thema Innovation 2. Kreativität und Kreativitätstechniken 3. Innovationen und Geschäftsmodelle 4. Praxis Beispiel zur Innovation IBC4: Persönlichkeitsentwicklung und -training Zur Persönlichkeitsentwicklung bzw. zum Persönlichkeitstraining gehören Workshops in folgenden Bereichen und jeweils mindestens zwei Einzelcoachings pro Kursteilnehmer: 1. Gewaltfreie Kommunikation (nach Marshall B. Rosenberg) 2. Visionsfindung in der Gruppe | Stolpersteine und deren Auflösung 3. Pleiten vermeiden und überwinden 4. Stressbewältigung 5. Gruppendynamik und Führung 6. Werte und soziale Verantwortung (siehe gesondert unten) 7. Umgang mit Widerständen & Motivation 8. Einzelcoachings zur erfolgreichen Beherrschung stressbelasteter Situationen Das Teilmodul Werte (Punkt 6 des Moduls Persönlichkeitsentwicklung) hat folgende Inhalte: a) Recht auf eine zweite Chance b) Dienstleistungsmentalität c) Wertschätzung d) Innovationsgeist e) Verantwortung f) Aufrichtigkeit g) Tun h) Spaß i) Leistungsbereitschaft j) Kluges Wirtschaften IBC5: Schlüsselkompetenzen 1. Gedächtnistraining (mehrfach) 2. Visualisierung & Modellierung von Dienstleistungskonzepten (Lego Serious Play) 3. Impulsveranstaltung Yoga 4. PC-Unterricht 5. Präsentationstraining Bernward Jopen 260 6. Vertriebstraining 7. Bewerbungstraining 8. Verhandlungsführung 9. Online-Marketing & Kundenakquise 10. Selbst- und Zeitmanagement (Löhn-Methode) 11. Lektüre des Wirtschaftsteils von FAZ, SZ und ZEIT (mehrfach monatlich) Die Erfahrung zeigt, dass eine gelungene Resozialisierung von verschiedenen Komponenten abhängt: 1. Eine starke Motivation, sein Leben in Zukunft kraftvoll in die eigenen Hände zu nehmen, ist für einen erfolgreichen Abschluss des Lehrgangs von überragender Bedeutung. Das erfordert Ermutigung während der Haft und Selbstvertrauen, es auch schaffen zu können. Dies wird durch das Leonhard-Programm, wie die Beschreibung der Programminhalte verdeutlicht, oft erreicht, was die Rückmeldungen einer großen Anzahl der bisherigen 269 Teilnehmer nach der Haft bestätigen: „Ich hätte niemals gedacht, dass ein „Knast-Kurs“ mir so viel Wissen und Selbstvertrauen geben kann.“ (Teilnehmer aus Kurs 3) „Seit diesem Kurs traue ich mir ernsthaft zu, etwas Vernünftiges aus meinem Leben zu machen.“ (Teilnehmer aus Kurs 3) „Durch Leonhard habe ich gelernt, wie ich mein bestehendes unternehmerisches Talent sehr erfolgreich legal anwenden kann.“ (Teilnehmer Kurs 4) „Was Besseres hätte mir in der Haft nicht passieren können.“ (Teilnehmer Kurs 4) „Durch das Programm habe ich nicht nur das Rüstzeug bekommen, um mich erfolgreich selbstständig zu machen. Ich habe auch Frieden mit mir selbst und meinen Mitmenschen geschlossen.“ (Teilnehmer Kurs 8) „Ich habe so viel gelernt: Von den Werkzeugen einer Unternehmensgründung, über Soft-Skills zur Gewinn- & Verlustrechnung.“ (Teilnehmer Kurs 10) „Durch das Leonhard-Programm habe ich wieder den Mut und die Kraft gefunden, einen echten Neuanfang zu machen. Der Kurs hat mir einen positiven Schub gegeben, mein Leben in geordnete Bahnen zu bringen.“ (Teilnehmer Kurs 11) 15. Leonhard: Unternehmertum für Gefangene 261 „Leonhard hat mir eine neue Perspektive gegeben. Und mir ermöglicht, das Leben zu führen, das ich immer führen wollte.“ (Teilnehmer Kurs 11) „Ich habe im Kurs wieder Werte gefunden, die ich lange in mir verloren glaubte.“ (Teilnehmer Kurs 12) „All das Erlernte, Erfahrene und Erarbeitete ist für mich von hochgeschätztem und unbezahlbarem Wert.“ (Teilnehmer Kurs 14) „Auch merkte ich, wie uns die Dozenten und Gäste sehen, nicht als Knackis, sondern sie sahen den Menschen, der in uns steckt. Wer wir wirklich sind.“ (Teilnehmer Kurs 15) „Durch die Teilnahme bin ich organisierter geworden, ich verfolge Ziele zielstrebiger. Ich habe mehr Selbstbewusstsein entwickelt, setze mich mehr mit meiner Vergangenheit auseinander und habe auch angefangen, diese zu verarbeiten.“ (Teilnehmer Kurs 16) „Ja, unabhängig davon, ob ich ein Unternehmen gründe, ist das Leonhard-Programm die einzige Resozialisierungsmaßnahme, die ich erlebt habe. Mein Selbstbewusstsein ist gestärkt. Mein Wissen hat sich erweitert. Ich bin wacher. Verschiedene Blickwinkel wurden erweitert. Der Glaube an die Menschheit ist zurückgekommen. Unglaublich, wie viele Menschen es mit einem gut meinen.“ (Teilnehmer aus Kurs 16) 2. Eine gelungene Resozialisierung hängt zudem von einem „positiven sozialen Empfangsraum“ ab. Teilnehmer des Programms, denen es gelungen ist, während der Haft eine persönliche Beziehung zu einem Partner aufzubauen oder zu halten, haben hier verständlicherweise einen gro- ßen Vorteil. Fehlt dieser positive soziale Empfangsraum, neigen viele Gefangene dazu, sich wieder in ihr altes Milieu zu begeben. Es liegt auf der Hand, dass dies mit großen Gefahren verbunden ist. Aus diesem Grund hat Leonhard im Süden von München ein Integrationshaus angemietet, mit Spendengeldern umgebaut und dort eine Wohngemeinschaft mit vier Plätzen geschaffen. Betreut wird diese WG von einer Leonhard-Mitarbeiterin, die als diplomierte Sozialpädagogin und Drogenberaterin mit langjähriger Erfahrung in einer Justizvollzugsanstalt für diese Aufgabe besonders geeignet ist. 3. Eine ganz entscheidende Rolle für eine gelungene Resozialisierung spielt eine geregelte Arbeit. Eine Untersuchung von Leonhard vor einiger Zeit ergab, dass 60 % der Leonhard-Absolventen nach durchschnittlich 27 Tagen nach ihrer Entlassung eine Beschäftigung in einer der folgenden Kategorien fanden: Bernward Jopen 262 (i) Gründung oder Vorbereitung für die Gründung eines eigenen kleinen Dienstleistungsunternehmens oder Übernahme einer sozialversicherungspflichtigen Angestelltentätigkeit, (ii) Aufnahme einer unterdurchschnittlich bezahlten Tätigkeit, zum Beispiel als Praktikant, um Erfahrungen für eine spätere Firmengründung zu sammeln, (iii) Aufnahme einer zunächst unbezahlten Tätigkeit, jedoch mit der Perspektive auf eine spätere Verbesserung. Hierzu zählte auch die Aufnahme eines Studiums. Spitzenreiter war hier ein Teilnehmer aus Kurs 4, der sich nach der Entlassung entschied, Jura und Philosophie zu studieren (und dies auch erfolgreich umsetzte!). Ergebnisse Leonhard misst den Erfolg seines Programms mit zwei Parametern 1. Rückfallquote und 2. gelungene Integration in den Arbeitsmarkt und hierbei insbesondere die Anzahl der Unternehmensgründungen, die bisher je nach Betrachtungszeitraum zwischen 20 % und 24 % liegen. Weitere Angaben zur Beschäftigung nach Entlassung enthält der obige Abschnitt 3. Die Rückfallquote innerhalb von drei Jahren nach Entlassung wurde im Jahr 2019 von der Technischen Universität München auf der Grundlage der Einträge im Bundeszentralregister wissenschaftlich untersucht. Hierbei wurden die Bewertungskriterien der vom Bundesministerium der Justiz herausgegebenen Studie „Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen – eine bundesweite Rückfalluntersuchung“ verwendet. Unter Rückfälligkeit werden drei sogenannte Folgeentscheidungen verstanden: 1) gerichtliche Entscheidung: Freiheitsstrafe 2) gerichtliche Entscheidung: Freiheitsstrafe auf Bewährung 3) gerichtliche Entscheidung: Geldstrafe Die Rückfälligkeit der Absolventen des Leonhard-Programms im Vergleich zum Bundesdurchschnitt beträgt: 5. 15. Leonhard: Unternehmertum für Gefangene 263 Rückfallrate bei der Folgeentscheidung erneute Freiheitsstrafe Rückfallrate bei der Folgeentscheidung Freiheitsstrafe auf Bewährung Rückfallrate bei der Folgeentscheidung Geldstrafe Bundesdurchschnitt 22 % 11 % 13 % Leonhard- Programm 13 % 13 % 7 % Rückfallraten in Abhängigkeit von der gerichtlichen Folgeentscheidung nach einer erneuten Straftat innerhalb von drei Jahren nach Entlassung. Berücksichtigt man, dass Rückfälligkeit im Allgemeinen mit einer erneuten Haftstrafe verstanden wird, bedeutet eine Reduzierung der Rückfälligkeit von 22 % auf 13 % unter diesen Umständen eine Verringerung der Rückfallrate um 41 % durch das Leonhard-Programm. Personalausstattung Die sechs fest angestellten Mitarbeiter haben die folgenden Aufgaben: Geschäftsführung und Lehre Unternehmertum & Wirtschaft (40 h/W.) Leitung Persönlichkeitsentwicklung, Übergangs-Mgmt, Teilnehmergewinnung (32h/W.) Projekt- und Übergangsmanagement (40 h/W.) Programm-Management und Verwaltung (40 h/W.) Öffentlichkeitsarbeit und Management Businessplan-Berater-Programm (32 h/W.) Betreuung Einzelwohnen für Suchtkranke (30 h/W.) Aufgaben und vereinbarte Stundenzahl der sechs Leonhard- Mitarbeiter (Vollzeitäquivalent = 5,1). Abbildung 15‑1: 6. Abbildung 15‑2: Bernward Jopen 264 Kosten und Finanzierung Die jährlichen Gesamtkosten (also auch die Betreuungskosten nach der Entlassung) betragen ca. 425.000 Euro. Diese sind weitestgehend unabhängig von der Anzahl der Kursteilnehmer. Die Gehälter der Mitarbeiter orientieren sich wegen der Gemeinnützigkeit bewusst an den Strukturen des öffentlichen Dienstes. Die JVA-München hat Leonhard für das Programm pro Kurs 19 Haftplätze zur Verfügung gestellt. Der Kurs findet zweimal jährlich, d.h. in der ersten und zweiten Jahreshälfte statt. Die Finanzierung erfolgte in den ersten 1 ½ Jahren im Wesentlichen mit privaten Mitteln der Gründer und Spenden, ohne Gehaltszahlungen leisten zu können. Die erste solide Finanzierung erfolgte anschließend mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds sowie Spenden. Nach rund drei Jahren wurde die Finanzierung über den Europäischen Sozialfonds aufgrund einer Direktive der europäischen Kommission beendet, laut der in Zukunft nur noch Programme mit sehr hohen Teilnehmerzahlen gefördert werden sollten. Die darauffolgenden ca. 1 ½ Jahre mussten mit einem extremen Sparprogramm (Gehaltskürzungen bis auf null Euro pro Monat) und einigen Großspenden bewältigt werden. Anschließend ist es gelungen, unter erheblichen Anstrengungen ein Geschäftsmodell für Leonhard aufzubauen, mit dessen Hilfe 80 % der Kosten durch Qualifizierungsprojekte mit der Agentur für Arbeit finanziert werden können. Die restlichen 20 % ergeben sich aus Zuwendungen von Stiftungen und Spenden von Unternehmen und Privatleuten, unter denen sich sogar ehemalige Kursteilnehmer befinden. Aktuelles Nach neun Jahren und drei Monaten regelmäßigen Unterrichts entschieden wir uns am frühen Morgen des 16.03.2020, die JVA-München darüber zu informieren, dass wir wegen der Corona-Krise unseren Unterricht bis auf weiteres unterbrechen werden. Die JVA-München reagierte schnell. Sie entschied schon im Laufe des Tages, den Kurs abzubrechen und verlegte am folgenden Morgen alle Teilnehmer wieder zurück in ihre Ursprungsanstalten. Die Teilnehmer waren über den Kursabbruch entsetzt. In ihren Ursprungsanstalten angekommen, wurden mehrere von ihnen für zwei Wochen in Quarantäne geschickt. 7. 8. 15. Leonhard: Unternehmertum für Gefangene 265 Derweil arbeiteten wir aber – da die Corona-Krise immer bedrohlicher wurde – bereits an einem Notfallplan. Wir entschieden, unseren seit 2012 in der JVA-München stattfindenden Präsenzlehrgang auf einen Fernlehrgang umzustellen. Die Teilnehmer sollten weiterhin Woche für Woche das umfangreiche Lehrmaterial erhalten und dieses dann im Selbststudium und ggf. in kleinen Lerngruppen bearbeiten. Das bereits bisher angewandte pädagogische Konzept, bei dem auch in Hafträumen schriftliche Ausarbeitungen und Tests verwendet wurden, ließ diese Änderung zu. Wir erstellten zusätzliches Material, das uns nun per Briefpost zur Kontrolle und Korrektur, sowie zur Beobachtung des Lernfortschritts von den Teilnehmern zurückgesandt wird. Die Anstalten reagierten sehr kooperativ. Man bot uns sogar vereinzelt an, dass wir mit unseren Teilnehmern – verständlicherweise in eingeschränktem Umfang – telefonisch in Kontakt bleiben können. Leonhard hatte derweil entschieden, Telefonkosten und die bisher von der JVA- München gezahlte Ausbildungsbeihilfe zu übernehmen, um zeitraubende administrative Abstimmungen zu vermeiden. Nach einer Woche gelang es sogar, eine Stiftung zu finden, die höchst unbürokratisch die Zusage gab, uns sofort 10.000 Euro zuzuwenden, um damit die durch die Corona-Krise entstandenen höheren Kosten decken zu können. Nachdem sich der Nebel etwas gelichtet hatte, informierten wir die Teilnehmer in ihren bisweilen mit sechs Gefangenen belegten Quarantäne-Zellen ausführlich über unser Fernlehrgangskonzept. Wir erfuhren in Briefen, dass unter den aktuellen Bedingungen das konzentrierte Lernen verständlicherweise schwierig sei. Die Teilnehmer hegten jedoch die Hoffnung, nach Ende der Quarantäne evtl. erleichterte Bedingungen in Zweimannzellen zu bekommen. Gleichzeitig gab es aber auch an anderer Stelle Handlungsbedarf. Die Teil-Finanzierung des Leonhard-Programms durch die Agentur für Arbeit bezieht sich auf einen Präsenzlehrgang in der JVA-München. Eine Umstellung auf einen Fernlehrgang an anderen Orten erschien uns nicht abwegig, aber doch mit Unsicherheiten behaftet. Nach Rücksprache mit unserem für die Zulassung verantwortlichen Zertifizierer, der so genannten „Fachkundigen Stelle“, erstellten wir ein Konzept für den Fernlehrgang, das es der „Fachkundigen Stelle“ nun erlauben kann, uns eine so genannte Äquivalenzbescheinigung auszustellen, damit die weitere Finanzierung und der Fortbestand des Leonhard-Programms gesichert ist. Bernward Jopen 266

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References

Zusammenfassung

In Folge der weltweiten Corona-Krise gewinnen die Vorschläge zu einem „Systemischen Wandel“ auch in der Kriminal-, Justiz- und Sozialpolitik neue Bedeutung.

Dieser Band informiert über Masterpläne und Agenden der strategischen Steuerung von Innovationen in allen Arbeitsfeldern der Resozialisierung in einem Verbund von öffentlichen und privaten Trägern. In Österreich, der Schweiz und in Deutschland gibt es dazu konkrete Vorschläge von Fach- und Führungskräften und Experten der lokalen und nationalen Ebene, dies gilt auch für die internationale und europäische Dimension. Innovative Projekte weisen gesteigerte Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Gesamtkonzepten der ambulanten und stationären Resozialisierung nach.

Maelicke und Wein fordern im Übergang in eine Zeitenwende eine „Große Transformation“ und plädieren für einen nachhaltigen und wirkungsorientierten Umgang mit Tätern und Opfern.