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Martin Erismann, 18. Resoz-Masterplan Zürich/Schweiz in:

Bernd Maelicke, Christopher Wein (Ed.)

Resozialisierung und Systemischer Wandel, page 315 - 332

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6719-9, ISBN online: 978-3-7489-0841-8, https://doi.org/10.5771/9783748908418-315

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D. Den Systemischen Wandel strategisch steuern Resoz-Masterplan Zürich/Schweiz Martin Erismann Ausgangslage Schweiz und Kanton Zürich Einleitend ein kurzer Überblick zum Sanktionenvollzug in der Schweiz: Freiheitsstrafen können unbedingt, bedingt oder teilbedingt (mit unbedingtem Vollzug eines Teils der Strafe) ausgesprochen werden. Ambulante Sanktionen wie die Gemeinnützige Arbeit (für kurze Freiheitsstrafen bis 6 Monate oder Geldstrafen/Bussen vorgesehen) spielen eine grössere Rolle als in Deutschland. Das sog. Electronic Monitoring (bei Freiheitsstrafen bis 12 Monate) ist in den Kantonen unterschiedlich verbreitet. Was die Strafurteile wegen Verbrechen oder Vergehen betreffend Erwachsenenstrafrecht angeht, wurden 2016 als Hauptsanktion bei 86,2 % eine Geldstrafe, bei 2,4 % Gemeinnützige Arbeit und bei 11,3 % eine Freiheitsstrafe ausgesprochen. Der Anteil des bedingten Vollzugs („Aussetzung zur Bewährung“) betrug bei den Geldstrafen 81,5 %, bei der Gemeinnützigen Arbeit 53,4 % und bei den Freiheitsstrafen 20,2 %. Bei den unbedingten Freiheitsstrafen lag das Strafmass bei 74,5 % unter 6 Monaten, bei 11,3 % zwischen 6 und 12 Monaten, bei 8,5 % zwischen 1 bis 3 Jahren, bei 4,5 % zwischen 3 und 5 Jahren und bei 2,2 % über 5 Jahren. (vgl. Pruin/Weber 2018, S. 215) Betreffend Resozialisierung sind in der Schweiz primär folgende Rechtsgrundlagen von Belang: In Artikel 75 des Strafgesetzbuches (StGB) werden die Grundsätze des Vollzugs von Freiheitsstrafen umschrieben. Demnach hat „der Strafvollzug […] das soziale Verhalten des Gefangenen zu fördern, insbesondere die Fähigkeit, straffrei zu leben. Der Strafvollzug hat den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit als möglich zu entsprechen, die Betreuung des Gefangenen zu gewährleisten, schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs entgegenzuwirken und dem Schutz der Allgemeinheit, des Vollzugspersonals und der Mitgefangenen angemessen Rechnung zu tragen.“ Ferner sieht „die Anstaltsordnung […] vor, dass zusammen mit dem Gefangenen ein Vollzugsplan erstellt wird. Dieser enthält namentlich Angaben über die angebotene Betreuung, die Arbeits- sowie die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die Wiedergutmachung, die Beziehungen zur Aussenwelt und die Vorbereitung der Entlassung.“ Der Auftrag der Be- 18. 1. 317 währungshilfe wird schliesslich in Art. 93 StGB wie folgt umschrieben: „Mit der Bewährungshilfe sollen die betreuten Personen vor Rückfälligkeit bewahrt und sozial integriert werden. Die für die Bewährungshilfe zuständige Behörde leistet und vermittelt die hierfür erforderliche Sozial- und Fachhilfe.“ (Schweizerische Eidgenossenschaft 2019) Im Kanton Zürich wurden in den letzten Jahren bei einem Total von rund 1‘200 erledigten Freiheitsstrafen jährlich durchschnittlich 800 Personen mit Endstrafe (ganz überwiegend Urteile unter 90 Tage betreffend, bei denen keine bedingte Entlassung in Frage kommt) und 400 Personen vorzeitig bedingt aus dem Strafvollzug entlassen. Bezüglich Letzterer wurde bei ungefähr einem Drittel eine ambulante Bewährungshilfe angeordnet (vgl. Justizvollzug Kanton Zürich 2019); rund 5 % nahmen die teilstationäre Bewährungshilfe des team72, einem Freien Träger der Straffälligenhilfe, in Anspruch. Zuständig für das Übergangsmanagement sind grundsätzlich die Sozialdienste der stationären Vollzugseinrichtungen, besonders bei angeordneter Bewährungshilfe in Kooperation mit den ambulanten Bewährungs- und Vollzugsdiensten, die im Kanton Zürich auch einweisende Behörde sind. Was resozialisierende Massnahmen während des Vollzugs angeht, liegt ein Schwerpunkt auf der primär verhaltenstherapeutisch geförderten Persönlichkeitsentwicklung. Durch die Arbeitspflicht im Sanktionenvollzug wird überdies eine Tagesstruktur gewährleistet und damit ein Ziel der sog. Sozialen Integration erfüllt. Eine Förderung der Arbeitsintegration durch berufliche Qualifizierung kommt aus verschiedenen Gründen, die im Kapitel des Masterplans ausgeführt werden, nur in Einzelfällen effektiv zum Tragen. Im Freiheitsrahmen besteht grundsätzlich ein vielfältiges, staatlich wie privat getragenes Hilfesystem, das für eine interinstitutionelle Zusammenarbeit in der Regel offen ist. Je nach Einzelfall sind zum Entlassungszeitpunkt gar keine – eher typisch für aus der Untersuchungshaft Entlassene – bis viele verschiedene Leistungserbringer parallel aktiv. Trifft Letzteres zu, sind die Anforderungen an die Koordination der Hilfen hoch und rückt die Frage des Case-Management in den Vordergrund. Benötigen Strafentlassene Sozialhilfe, sind allein im Kanton Zürich wegen der Zuständigkeit der Kommunen 162 Gemeinden (vgl. Gemeindeamt Kanton Zürich 2019) anzusprechen. Vor dem Hintergrund dieser Vielzahl bestehen mit Ausnahme der Stadt Zürich mit den einzelnen Gemeinden keine Kooperationsvereinbarungen o. ä. Martin Erismann 318 Erfolgsfaktoren bezüglich Resozialisierung Aktuelle Justizvollzug-Konzeptionen in der Schweiz, vor allem dasjenige des in der Deutschschweiz mittlerweile etablierten Risikoorientierten Sanktionenvollzugs (ROS), stellen eher die individuellen Fertigkeiten zur Rückfallprävention in den Vordergrund. Diese sind natürlich zweifelsohne von grosser Relevanz. Jedoch unterminieren sie etwas die Bedeutung von – strukturell wesentlich mitgeprägter – sozialer Einbindung auf die „Kriminalbiografie“, wie sie die sog. Desistance-Forschung immer wieder feststellt. Thomas P. LeBel, Ros Burnett, Shadd Maruna und Shawn Bushway (2008, S. 139) als wichtige Vertretende dieser Denkschule sehen in ihrem „Subjective-Social Model“ eine reziproke Dynamik am Werke, die wie folgt beschrieben werden kann: „This model grants that both subjective perspectives and social life events can have an impact on life outcomes. This can happen in two distinct ways. First, both subjective perspectives and social problems can each have an independent impact on recidivism. In this framework, subjective perspectives matter but do not completely determine recidivism, and life events […] have an independent impact on behaviour. Secondly, the subjective perspective can have an indirect effect on outcomes through the social events that happen afterward.” So besehen ist Resozialisierung das Resultat einer Ko-Produktion von betreffendem Individuum und umgebender Gemeinschaft. Konkret bedarf es also einerseits der Motivation und Einstellungs-/Verhaltensänderung des Straffälligen, andererseits aber ebenso der Vermittlungsleistungen des Hilfesystems resp. der Integrationsangebote der Gesellschaft. Somit lassen sich mehrere Problemebenen mit je eigenen Anforderungen an Interventionen ableiten: (1) eine individuelle Ebene, die persönliche Verhaltensweisen, Einstellungen sowie ggf. Beeinträchtigungen (psychische oder Suchterkrankung) umfasst, (2) eine strukturelle Ebene bestehend aus dem Versorgungs- resp. Hilfesystem und den gesellschaftlichen Integrationsangeboten sowie (3) als Ko-Produkt hiervon eine individuell-strukturelle Ebene mit „sozialer Einbindung“ als zentraler Dimension, die gemäss Erkenntnissen der Desistance- Forschung primär durch die Unterdimensionen Erwerbsarbeit und Beziehungen bestimmt wird (vgl. Erismann 2011). 2. 18. Resoz-Masterplan Zürich/Schweiz 319 Individuellstrukturelle Dimension Soziale Einbindung primär betr. Erwerbsarbeit und Beziehungen Individuelle Dimension Ebene des persönlichen Handelns Ebene der persönlichen Einstellung Beeinträchtigung (phys. / psych. / Sucht) Strukturelle Dimension Ebene gesellschaftliche Integrationsangebote Ebene unterstützendes Versorgungssystem Die drei Dimensionen der Resozialisierung Delinquenzbeginn Frühstarter Spätstarter Heranwachsenden-Delinquenz Deeskalierer Delinquenzende Frühe Abbrecher Späte Abbrecher Schleichende Abbrecher Persister W ec hs el w ir ku ng W ec hs el w ir ku ng Drei Dimensionen der Resozialisierung nach Erismann (2011). Wie einleitend erwähnt, gilt in der Schweiz der Vollzugsgrundsatz, dass der Sanktionenvollzug den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit als möglich zu entsprechen hat (vgl. Art. 75 Abs. 1 StGB). Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „Normalisierungsprinzip“. Dieses legt nach Meinung des Autors nahe, die bestehende Risikoorientierung mit einer Lebensweltorientierung zu ergänzen. In der Erziehungswissenschaft resp. Sozialpädagogik ist der Begriff eng mit einem gleichnamigen Konzept von Hans Thiersch verflochten. Demnach kann abweichendes Verhalten als Versuch von Menschen verstanden werden, mit konkreten individuellen Verhältnissen im Sinne einer Alltagsbewältigung zurechtzukommen. „Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ist an den Strukturmaximen der Prävention, Regionalisierung/Dezentralisierung, Alltagsorientierung, Integration und Partizipation orientiert. Sie muss traditionelle Zuständigkeiten und Ressortgrenzen überschreiten“ (Thiersch 2014, S. 230). Betreffend Interventionen des Justizvollzugs sind mit einer Lebensweltorientierung primär folgende Anforderungen verbunden: (1) Das Verständnis von Resozialisierung ist nicht ausschliesslich auf die Legalbewährung bezogen, sondern umfassend im Sinne von auch sozialintegrativ. (2) Weil Lebensbedingungen ebenso ausserhalb der individuellen Beeinflussbarkeit liegen, wird ein Subjekt- und Strukturbezug verfolgt. (3) Durch aktive Ressourcenvermittlung werden die Lebenslage und damit auch die Integrationschancen von straffälligen Personen konkret verbessert. Auch mit Verweis auf die Desistance-Forschung sind im Sanktionenvollzug wichtige Zielsetzungen: Förderung der Bildung resp. Berufsintegration, Einbezug von resp. Arbeit mit Angehörigen und praktizierte Vollzugsprogression (Urlaube, offener Vollzug etc.). In der Vollzugspraxis bestehen zwischen Abbildung 18‑1: Martin Erismann 320 einer Lebenswelt- und Risikoorientierung immer wieder quasi natürliche Spannungsfelder, beispielsweise wenn es um die Frage des Primats bei riskant erscheinender Vollzugsprogression geht. Trotzdem ergänzen sich die beiden Ansätze grundsätzlich. So können im Falle temporär fehlender Bereitschaft zur Verhaltensänderung lebensweltorientierte Massnahmen auch die Ansprechbarkeit für spätere risikoorientierte Interventionen der Therapie erhöhen. Eine Reduktion der allgemeinen Problembelastung Straffälliger wirkt überdies per se potenziell rückfallpräventiv. Als weiterer Erfolgsfaktor hinsichtlich Resozialisierung ist das Übergangsmanagement zu nennen, das über eine reine Fallsteuerung hinausgehen und sich methodisch an den Prinzipien des sog. Case Management orientieren sollte. Dieses hat sich unter anderem im Bildungs- und Gesundheitsbereich mittlerweile über Jahrzehnte bewährt und ist auch gut evaluiert. Gemäss allgemeinen Prinzipien des Case Management muss ein Übergangsmanagement besonders im Falle hoher Problemkomplexität und Akteursdichte systematisch zum Tragen kommen. Es hat eine aktive Vernetzung sowie Unterstützung zum Ziel und zeichnet sich aus durch Offenheit bezüglich der Ausgangsbedingungen (Stichwort „Re-Assessment“) und eine standardisierte Evaluation. Weiter ist eine Klienten- sowie Ressourcenorientierung charakteristisch. Handlungspläne werden zusammen mit den Adressaten und involvierten Fachpersonen entwickelt, womit die Kooperation der an der Problemlösung Beteiligten – klientenseitig könnte auch von „Responsivity“ gesprochen werden – sichergestellt ist. (vgl. DGCC 2015). Ein gelingendes Übergangsmanagement ist im Justizvollzug generell an folgende Anforderungen gebunden: Verzahnung ambulanter (Bewährungsdienste) und stationärer (Vollzugsanstalten) Leistungserbringer, Zusammenarbeit von Justizvollzug und Freien Trägern sowie damit verbunden Aufbau und Bewirtschaftung eines „Resoz-Verbunds“ im Gemeinwesen. Was Letzteren betrifft, geht es nicht nur darum, Leistungen des Hilfesystems seriell (z.B. beim Zuständigkeitsübergang vom Justizvollzug zur Sozialhilfe) besser zu koordinieren, sondern auch, Schnittstellen möglichst parallel im Sinne von überlappend auszugestalten. Ein übergeordnetes Ziel besteht zudem darin, durch die Bündelung von (Teil-)Systemleistungen die Anzahl Schnittstellen überhaupt zu reduzieren. Dies erfordert eine umfassende Problemsicht und Auffassung der Leistungserbringung aller beteiligten Fachpersonen und -stellen. Aus den vorhergehenden Ausführungen wird deutlich, dass Resozialisierung einer mehrfaktoriellen und reziproken Dynamik unterliegt. Beth Weaver (2012, S. 408) stellte in diesem Zusammenhang treffend fest, dass die Interventionen des Hilfesystems nur ein Faktor im Veränderungsprozess sind und auf Grund des charakteristischen „Lapse-Relapse“ auch eine 18. Resoz-Masterplan Zürich/Schweiz 321 Langfrist-Perspektive angezeigt ist. „Increasingly, theoretical explanations conceptualize desistance as the outcome of an interaction between agency and structure, and thus of an individual seeking to alter his or her sociostructural context, and in so doing acquiring new behaviours and new prosocial roles, resulting in associated shifts in the individual’s identity” (Weaver 2012, S. 397). Nebst den Unterstützungsleistungen des Hilfesystems als Faktor „Fremdwirksamkeit“ und der „Selbstwirksamkeit“ im Sinne persönlicher Kompetenzen, der sog. Self-Efficacy (vgl. Bandura 1977) resp. Agency (vgl. Emirbayer/Mische 1998), sind die frühere und aktuelle Eingebundenheit in prokriminellen oder protektiven Kontexten, also die Faktoren „(Kriminal-)Biographie“ und „Soziale Integration“ entscheidend. Wolfgang Stelly und Jürgen Thomas (2005, S. 199–200) machten diesbezüglich eine Eigendynamik („Teufelskreis“) aus, in dessen Verlauf eine fehlende Integration zunehmend zu Kriminalität und diese wiederum zu fortschreitender Desintegration führte. Als Resultat hieraus konnten untersuchte Probanden mit zunehmender Delinquenz immer weniger den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen. Indikator für eine soziale Integration war einerseits die Einbindung in Erwerbsarbeit und andererseits das Vorhandensein einer Partnerschaft. Mehrfaktorielle Resozialisierung nach Erismann (2019).Abbildung 18‑2: Martin Erismann 322 Resoz-Masterplan Zürich/Schweiz Der nun vorgestellte Masterplan für eine verbesserte Resozialisierung Straffälliger entstand auf Basis einer Kooperation zwischen der Leitung der Bewährungs- und Vollzugsdienste des Kantons Zürich und der Geschäftsleitung des team72. Er wurde im Rahmen zweier Tagungen (Forensiktagung 2018 in Zürich, Tagung resoz19 in Zürich) initiiert resp. weiterentwickelt und soll 2020 mit dem Ziel einer breiteren Verankerung in der Schweiz verabschiedet werden. Nachfolgend werden die Schwerpunkte in kurzer Form erörtert, wo nötig mit Anmerkungen zur schweizerisch-spezifischen Rahmung. Weniger Freiheitsentzug Wie bei der Ausgangslage dargelegt, handelt sich bei den unbedingten Freiheitsstrafen zu rund drei Vierteln um Kurzstrafen unter 6 Monaten Dauer. Auch wenn sicherlich nicht bei allen betreffenden Straffälligen von einer intakten Sozialisierung resp. sozialen Integration vor der Inhaftierung ausgegangen werden kann (klärende Daten zur entsprechenden Situation vor dem Sanktionenvollzug fehlen leider), wird doch ein Teil der Personen im Vollzug durch eine Freiheitsstrafe potenziell „desozialisiert“. In solchen Fällen sind intakte Einbindungen im Berufs- und Privatleben zumindest unterbrochen, öfters gar gekappt. Die Wiederherstellung ist meistens mit einem grösseren Effort verbunden, der durch die vorgängig beschriebene, wechselseitige Dynamik von Delinquenz, Vollzug und sozialer Desintegration zusätzlich behindert wird. Bei längeren Freiheitsstrafen liegt das Problem in einer öfters unzureichenden Vollzugsprogression. Das Ermöglichen von extramuralen Erfahrungen ist für die Entwicklung sozialer Kompetenzen und Förderung wichtiger Einbindungen primär betreffend Erwerbsarbeit und Beziehungen unabdingbar. Erst durch Vollzugsöffnungen im Rahmen von Urlauben, offenem Vollzug etc. erschliessen sich Erfahrungsräume in der realen Lebenswelt, in die 99 % der Straffälligen ja früher oder später wieder entlassen sind. Auch um die Umsetzung risikoorientierter, therapeutischer Interventionen im alltäglichen Leben in Freiheit schrittweise zu begleiten und sichern, sind Vollzugsöffnungen als nötiges Lernfeld stets zu prüfen und fördern. Weil bei Wiederholungstätern gemäss Desistance-Forschung kein abrupter, sondern eher „schleichender“ Ausstieg aus der Kriminalität zu erwarten ist (vgl. Farrall 2014), sollten Unregelmässigkeiten im Rahmen der Vollzugsöffnungen dabei als Ansatzpunkte für die weitere Arbeit dienen und nicht vorschnell zu Rückversetzungen in geschlossene Settings führen. Ein gewisses Restrisiko muss in Kauf genommen werden, da bei 3. 18. Resoz-Masterplan Zürich/Schweiz 323 endlichen Freiheitsstrafen an einem progressiven Vorgehen letztlich kein Weg vorbeiführt. Weil bei einer unzureichenden Vorbereitung auf das Leben „draussen“ von einem erhöhten Rückfallrisiko auszugehen ist, sind Vollzugsöffnungen gerade auch aus risikoorientierter Sicht als eigentliches Pflichtprogramm zu sehen. Die Forderung nach einem möglichst Verzicht auf Freiheitsentzüge bei Kurzstrafen resp. progressiven Vollzug bei längeren Freiheitsstrafen legitimiert sich nicht zuletzt mit dem Verweis auf das erwähnte Normalisierungsprinzip als Vollzugsgrundsatz. Realisiert werden kann sie einerseits durch die Weiterentwicklung ambulanter, nicht freiheitsentziehender Sanktionen wie Gemeinnützige Arbeit und Electronic Monitoring, andererseits durch die konsequente Gewährung von Urlauben und offenem Vollzug bei Freiheitsstrafen. Resozialisierung als Verbundleistung Gemäss Desistance-Forschung steht der Abbruch von „Kriminalitätskarrieren“ eng mit dem Grad sozialer Einbindung in Zusammenhang (vgl. Stelly/Thomas 2005). Damit eine Wiedereingliederung effektiv gelingt, muss sie verstärkt als gesellschaftliche Verbundaufgabe positioniert werden – segmentierte Einzelleistungen im Hilfesystem sind dabei zu einer koordinierten Komplexleistung zusammenzuführen. Institutionen des Justizvollzugs sollten hierzu proaktiv Netzwerke zu Arbeitspartnern im Gemeinwesen (Sozialhilfe, Erwachsenenschutz, Freie Träger etc.) mit Plattformen des Austausches fördern. Auf der Einzelfallebene muss standardisiert ein Übergangsmanagement nach den Grundsätzen des Case Management erfolgen. Dieses hat zum Ziel, den Übergang vom Freiheitsentzug in die Lebenswelt resp. vom Justizvollzug zum Hilfesystem im Gemeinwesen, insbesondere der Sozialhilfe, durch eine systematische Information und Koordination nahtlos zu gestalten. Dem Primat einer Minimierung von Schnittstellen ist durch die Organisation von Unterstützungsleistungen möglichst „aus einer Hand“ zu entsprechen. Dies nicht nur aus Effizienzgründen, sondern auch zur Gewährleistung der Niederschwelligkeit der Hilfsangebote für die Adressaten. Des Weiteren gilt es, die Politik und das Gemeinwesen verstärkt in den Diskurs um die Wiedereingliederung von straffälligen Personen einzubeziehen. Entsprechende Bemühungen sollten darauf abzielen, dass Resozialisierung wieder vermehrt als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen wird, die konkrete Integrationsangebote an Straffällige miteinschliesst. Begründen lässt sich eine solche Position nicht nur wohlfahrtsstaatlich, sondern wie erwähnt auch aus einer risikoorientierten Perspektive. Angespro- Martin Erismann 324 chen sind hier mit einer proaktiven Kommunikationsstrategie die Amtsleitungen und politischen Vorsteher des Justizvollzugs. Arbeitsmarktanschluss Für eine gelingende Resozialisierung einschliesslich Rückfallprävention ist die Arbeitsintegration gemäss kriminologischer Forschung ein entscheidender Faktor. Veränderungen in diesem zentralen Lebensbereich sind regelmässig auch potenzielle „Wendepunkte“ in der sog. Kriminalbiographie. Eine intakte Einbindung im Erwerbsleben ist als Angelpunkt für eine erweiterte Teilhabe zu sehen, ist sie einerseits doch die Grundlage finanziellen Auskommens und gesellschaftlicher Anerkennung, andererseits meistens eine wichtige Basis für soziale Beziehungen. Auch stellt eine Erwerbsarbeit für den Erfolg auf dem freien Wohnungsmarkt öfters eine Voraussetzung dar – dies gerade in urbanen Gebieten mit einem knappen, sich stetig verteuernden Immobilienangebot. Wie Friedland und Alford (1991, S. 234) ausführen, geht die Bedeutung von Erwerbsarbeit aber noch viel weiter: „Work provides identities as much as it provides bread for the table; participation in markets is as much an expression of who one is as what one wants. […] Work contains all kinds of positive utilities – whether the expression of an identity (I work as or I am a metal worker), a relative performance (I am a good metal worker), gender (it is good for a man to be a metal worker) or social status (it is better to be a metal worker than a salesperson).” Für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt ist eine berufliche Qualifikation in zunehmendem Masse unabdingbar. Gerade während des Vollzugs stehen hierfür oft eine gute Infrastruktur, Zeitressourcen und ein verbindlicher Rahmen zur Verfügung, den es zu nutzen gilt. Entsprechende Massnahmen sind bei der Vollzugsplanung gebührend zu gewichten. Dabei ist auch die reine Arbeitstätigkeit im Vollzug als wertvolle Berufserfahrung möglichst qualifizierend auszugestalten durch eine individuelle Zuweisung der Tätigkeit, gezielte fachliche Einarbeitung und den konsequenten Nachweis in Form von Zeugnissen resp. Bestätigungen. Betrachtet man allgemein den Status Quo in stationären Institutionen des Justizvollzugs, sticht einerseits eine gewisse Marktferne was den Inhalt und Rahmen der Arbeitstätigkeiten von Insassen angeht, andererseits eine Diskrepanz bezüglich Soll- und Ist-Zustands der beruflichen Qualifizierung ins Auge. Allzu oft scheint der Anspruch lediglich in einer Sozialen Integration durch die Gewährleistung einer Tagesstruktur im Sinne der Beschäftigung zu liegen. Letztere hat zudem nicht selten wenig inhaltlichen Bezug zu im Einzelfall in Frage kommenden, arbeitsmarktlichen Tätigkeitsfeldern. 18. Resoz-Masterplan Zürich/Schweiz 325 Der Arbeitsmarktintegration im Justizvollzug ist auch mit Verweis auf das einmal mehr zitierte Normalisierungsprinzip als Vollzugsgrundsatz eine hohe Priorität einzuräumen. Die sich heutzutage schnell verändernden Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt sind dabei stets zu berücksichtigen. Konkret sollen folgende Massnahmen umgesetzt werden: (1) Aktive Förderung des Erwerbs nachgefragter Berufserfahrung und -ausbildung, (2) konsequenter Ausweis im Vollzug erworbener Qualifikationen (Aus-/ Weiterbildung und berufliche Erfahrung), (3) standardisierte Arbeitsmarktabklärung Straffälliger und (4) aktive Stellenvermittlung bei Personen mit entsprechendem Potenzial. Sämtliche Interventionen sind prinzipiell im Sanktionenvollzug, also vor der bedingten Entlassung verortet. Was die Punkte (3) und (4) angeht, befindet sich in Zürich aktuell das Projekt „time2work“ in der Umsetzung (Leistungserbringer auf Vertragsbasis mit dem kantonalen Justizvollzug ist team72). Berücksichtigung Angehöriger Wie die Desistance-Forschung eindrücklich belegt, ist für eine gelingende Wiedereingliederung und Rückfallprävention nebst der Arbeitsintegration das Beziehungsleben oft entscheidend. Weil sich der Aufbau eines neuen Beziehungsnetzes sehr anspruchsvoll gestaltet, sind frühere konstruktive Sozialkontakte zur Herkunftsfamilie, einer Partnerin und ggf. Kindern grundsätzlich gezielt zu fördern, sodass sie die für Angehörige gleichermassen belastende Vollzugszeit möglichst überdauern. Dasselbe gilt für Kontakte zu Bekannten wie Freunden und Kollegen, sofern diese nicht prokriminell auf den Straffälligen einwirken. Massgabe für die Beurteilung, welche prosozialen Beziehungen gefördert werden sollen, ist einerseits die Selbsteinschätzung der im Vollzug befindlichen Person und andererseits die Bedürfnisse betreffender Beziehungspartner, die sich aus den Akten und ergänzend eventuell persönlichen Stellungnahmen erschliessen. Bei involvierten Kindern gilt es, namentlich bei einer fortdauernden psychischen oder Suchterkrankung des Straffälligen, gut zwischen den einzelnen Bedürfnissen abzuwägen – im Zweifelsfall überwiegt das mutmassliche Kindeswohl. Generell sind Angehörige nicht per se als Ressource zu sehen und können entsprechende Kontakte natürlich dysfunktional sein. Auch vor dem Hintergrund einer Risikoorientierung darf von Fachpersonen im Justizvollzug deswegen nicht vermeidend mit der Thematik umgegangen werden. Weil hinsichtlich Lebenswelt nach der Entlassung aus dem Sanktionenvollzug absolut existenziell, erfordert sie vielmehr eine aktive professionelle Bearbeitung mit umfassender Situationsanalyse und ggf. abgeleiteten Interventionen. Als Ziele während des Vollzugs sind somit das persönliche Martin Erismann 326 Beziehungsnetz mit dem Straffälligen reflektiert, konstruktive oder gar protektive Sozialkontakte identifiziert und die allseitigen Bedürfnislagen hinsichtlich des Kontakts erhoben. Bei geteiltem Interesse an der Beziehung und Konstruktivität derselben ist die Kontaktaufnahme und -pflege aktiv gefördert und somit der Fortbestand des Beziehungsnetzes gewährleistet. Bei unklar verbleibender Konstruktivität von Sozialkontakten und dennoch beiderseitigem Beziehungsinteresse erfolgt der Kontakt zunächst im professionell begleiteten Rahmen. Allgemein ist der Justizvollzug möglichst so auszugestalten, dass wichtige Angehörige wie Partnerin, Kinder und Eltern eingewiesene Personen regelmässig besuchen und zeitnah telefonisch kontaktieren können. Hierfür müssen von Seiten der Vollzugsinstitution die Ansprechpersonen klar kommuniziert und niederschwellig erreichbar sein. Im Weiteren sind die Besuchs- und Kontaktregelungen sowie die räumliche Infrastruktur den speziellen Bedürfnissen besonders bei Partnerschaft und Elternschaft anzupassen. Bezüglich letzterer verlangt das Kindeswohl einer erhöhten Aufmerksamkeit. Adressatengerechtes Übergangsmanagement Straffällige präsentieren sich generell als eine sehr heterogene Zielgruppe. Der Justizvollzug wird diesem Umstand bis heute mit ausdifferenzierten Massnahmen eher unzureichend gerecht. Augenscheinlich lassen sich zwei grössere Adressatengruppen ausmachen, die mit spezifischen Interventionen unterversorgt sind. Es sind dies zum einen straffällige Ausländerinnen (hier sind Frauen als Adressaten erwähnenswert) und Ausländer ohne Bleibeperspektive in der Schweiz, zum anderen -teilweise überlappend – Endstrafe verbüssende Personen. Beiden Gruppierungen ist gemeinsam, dass sie in der Regel nicht über ein eigentliches Übergangsmanagement aus dem Sanktionenvollzug (Ausländerinnen und Ausländer auch öfters aus Untersuchungshaft) entlassen werden. Selbst wenn punktuell Entlassungsvorbereitungen erfolgen, fehlt oft das wesentlichste Element: Der Anschluss an das Hilfesystem im Gemeinwesen. Was die Gruppe der straffälligen Ausländerinnen und Ausländer ohne Bleibeperspektive angeht, ist zunächst einmal der hohe Anteil am Total der Gefängnisinsassen in der Schweiz bemerkenswert. Bei einer Gesamt- Ausländerquote von rund 71 % der Gefängnispopulation verbleibt nach Abzug der Ausländerinnen und Ausländer der ständigen Wohnbevölkerung und Asylsuchenden im Straf- und Massnahmenvollzug ein Anteil von 34 % und in Untersuchungshaft ein solcher von gar 49 % (Zahlen aus Jahr 2017, vgl. swissinfo.ch 2019). Eine beträchtliche Adressatengruppe des Justizvollzugs soll somit nach der Entlassung nicht im Inland (re-)sozialisiert 18. Resoz-Masterplan Zürich/Schweiz 327 werden. Was aber ist bei straffälligen Ausländerinnen und Ausländern ohne Bleibeperspektive stattdessen zu tun, auch um einen sog. Drehtüreneffekt in der Illegalität zu vermeiden? Massnahmen sollten möglichst auf das Heimatland ausstrahlen und Rückkehrperspektiven entwickelt werden. Das kann je nach Zielregion natürlich sehr herausfordernd sein. Im Mittelpunkt steht ein angepasstes Übergangs- resp. Case Management, das in enger Kooperation mit Fachinstitutionen wie Ausländer-Beratungsstellen, Internationalem Sozialdienst und Entwicklungsorganisationen geleistet wird. Bei Personen mit Endstrafe auf Grund von Kurzstrafen oder verweigerter bedingter Entlassung handelt es sich wie bei der Ausgangslage dargelegt mit einem Anteil von ungefähr zwei Dritteln am Gesamt der Freiheitsstrafen um eine grosse Mehrheit Straffälliger, für die der Gesetzgeber keine Bewährungshilfe vorsieht. Dies kann umso mehr ins Gewicht fallen, als dass bei Kurzstrafen während des Vollzugs öfters keine soziale Betreuung erfolgt. Auch wenn leider keine Daten zum effektiven Unterstützungsbedarf dieser Adressatengruppe vorliegen, ist von einer grösseren Angebotslücke besonders im Übergang Vollzug-Freiheit auszugehen. Trotz formal fehlender Zuständigkeit sollte der Justizvollzug eine adäquate Betreuung von Personen mit Endstrafe sicherstellen, weil diese vom Hilfesystem im Gemeinwesen, namentlich der Sozialhilfe, oft nicht hinreichend wahrgenommen wird. Der Grund hierfür liegt in einem eher hochschwelligen Zugang und vergleichsweise hohen Fallzahlen betreffender Institutionen. Vor diesem Hintergrund ist ein Endstrafe-Bewährungshilfe-Konzept zu entwickeln, das auch der teilweise fehlenden Motivation zur Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen (öfters bei verweigerter bedingter Entlassung ein Thema) gerecht wird. Im Mittelpunkt eines solchen eher auf Kurzzeit angelegten Angebots müsste das Case Management stehen. Im Kanton Zürich gibt es mit der infostelle72 (niederschwellige ambulante Beratung für Haft-/Strafentlassene, die vom team72 im Leistungsauftrag des Justizvollzugs erbracht wird) seit einigen Jahren eine solche Dienstleistung. Mehr Forschung und Fachqualifizierung Der Einfluss von Institutionen des Justizvollzugs sowie des Hilfesystems in Freiheit auf den Verlauf von „Kriminalitätskarrieren“ ist, wohl auch auf Grund schwer zu isolierender Wechselwirkungen von Faktoren, erst unzureichend erforscht. In einer der wenigen Studien konstatiert Stephen Farrall (2014), dass der Bewährungserfolg zum einen wesentlich vom Grad der Einlagerung in kriminogene Situationen, zum anderen vom persönlichen Willen zur Veränderung abhängig scheint. Im positiven Fall zeigen sich Veränderungen in der Regel nicht unverzüglich, sondern eher mittel- Martin Erismann 328 bis längerfristig in dem Sinne, dass hilfreiche Inhalte gespeichert werden, bis hierfür eine Empfänglichkeit besteht. Letztere geht öfters mit wichtigen Veränderungen betreffend soziale Einbindung, vor allem einer neuen Erwerbsarbeit, Partnerin oder Kindern einher. Die skizzierte Dynamik steht in gewissem Kontrast zu etablierten Standardmodellen der Verhaltensänderung, die einem eher einfachen Ursache-Wirkungs-Schema folgen. Wegen der komplexen Wirkzusammenhänge tut weitere Forschung mit Fokus auf die Effekte des Straf- und Massnahmenvollzugs, des alternativen Vollzugs und der Bewährungshilfe not, wobei eine enge Kooperation von Praxis und (angewandter) Wissenschaft verfolgt werden sollte. Auf der Ebene der Aus- und Weiterbildung des Fachpersonals im Justizvollzug stellen die hohen interdisziplinären Anforderungen des Arbeitsfeldes eine grössere Herausforderung dar, der mit einem je nach persönlicher „Heimdisziplin“ angepassten Ausbildungscurriculum begegnet werden muss. Weil Resozialisierung ein Outcome darstellt, der in der Regel verschiedene Dimensionen adressiert und mehr als einzelner Outputs bedarf, ist relevantes Grundlagen- und Methodenwissen stets zu erweitern resp. vertiefen. Ein besonderes Augenmerk ist dabei auf die Thematik der Responsivity zu legen. Zusammenfassung In der Deutschschweiz steht die risikoorientierte Perspektive, die sich zur Hauptsache auf das RNR -Risk-Need-Responsivity-Modell (vgl. Andrews/ Bonta 2010) bezieht, seit einigen Jahren konzeptionell im Vordergrund. Auf der individuellen Ebene der Verhaltens- resp. Einstellungsänderung ist der Ansatz durch primär kognitiv-verhaltensorientierte Interventionen umgesetzt, auch wenn betreffend zentralen Aspekt der Responsivity das Instrumentarium lückenhaft erscheint. Auf der individuell-strukturellen Ebene der sozialen Einbindungen sollte die Risikoorientierung nach Meinung des Autors durch eine Lebensweltorientierung ergänzt werden, die wichtige Erkenntnisse der Desistance-Forschung sozialpädagogisch operationalisiert. Damit einher geht die Gewichtung eher struktureller Faktoren von (Des-)Integration, womit der intermediäre Auftrag der Sozialen Arbeit zum Tragen kommt. Interventionen können sich demnach nicht in reinen Beratungsleistungen erschöpfen, sondern haben ebenso eine aktive Ressourcenvermittlung zum Inhalt. Auf der strukturellen Ebene geht es schliesslich darum, hinsichtlich Resozialisierung möglichst förderliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, was zur Hauptsache umfasst: Bereitschaft zur Vollzugsöffnung, Integrationschancen z.B. auf dem Wohnungs- 4. 18. Resoz-Masterplan Zürich/Schweiz 329 und Arbeitsmarkt sowie ein optimiertes Hilfesystem. Letzteres sollte Outputs im Sinne des Normalisierungsprinzips möglichst lebensweltnah ausrichten, wenige Schnittstellen in Form von (auch systeminternen) Übergängen aufweisen und für alle Anspruchsgruppen niederschwellig zugänglich sein. Als Ebenen übergeordnetes und verbindendes Element ist das Case Management zu sehen, dem vor allem in Gestalt des Übergangsmanagements Bedeutung zukommt. Dieses sollte über eine administrative Fallsteuerung hinausgehen, liegt doch gerade in der Klienten- und Ressourcenorientierung des Ansatzes ein grosses Potenzial, die Adressaten mit den Interventionen besser ansprechen zu können. Interventionsmodell Resozialisierung nach Erismann (2019). Literaturhinweise Andrews, D. A./Bonta, James (2010): The Psychology of Criminal Conduct, 5. Aufl., New Providence: Matthew Bender & Company Bandura, Albert (1977): Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. In: Psychological Review, 84, S. 191–215. DGCC Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management e.V. (Hrsg.) (2015): Case Management Leitlinien. Rahmenempfehlungen, Standards und ethische Grundlagen. Heidelberg: medhochzwei. Emirbayer, Mustafa/Mische, Ann (1998): What Is Agency? In: AJS Volume 103 Number 4, S. 962–1023. Erismann, Martin (2011): Die Resozialisierung von Straffälligen im Kanton Zürich: Eine Analyse mit Fokus auf Vermögensdelinquente. Bern: Edition Soziothek. 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Zusammenfassung

In Folge der weltweiten Corona-Krise gewinnen die Vorschläge zu einem „Systemischen Wandel“ auch in der Kriminal-, Justiz- und Sozialpolitik neue Bedeutung.

Dieser Band informiert über Masterpläne und Agenden der strategischen Steuerung von Innovationen in allen Arbeitsfeldern der Resozialisierung in einem Verbund von öffentlichen und privaten Trägern. In Österreich, der Schweiz und in Deutschland gibt es dazu konkrete Vorschläge von Fach- und Führungskräften und Experten der lokalen und nationalen Ebene, dies gilt auch für die internationale und europäische Dimension. Innovative Projekte weisen gesteigerte Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Gesamtkonzepten der ambulanten und stationären Resozialisierung nach.

Maelicke und Wein fordern im Übergang in eine Zeitenwende eine „Große Transformation“ und plädieren für einen nachhaltigen und wirkungsorientierten Umgang mit Tätern und Opfern.