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Bernd Maelicke, Bernd-Rüdeger Sonnen, 20. Reso-Agenda 2025 für den Stadtstaat Hamburg in:

Bernd Maelicke, Christopher Wein (Ed.)

Resozialisierung und Systemischer Wandel, page 351 - 354

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6719-9, ISBN online: 978-3-7489-0841-8, https://doi.org/10.5771/9783748908418-351

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Reso-Agenda 2025 für den Stadtstaat Hamburg Bernd Maelicke, Bernd-Rüdeger Sonnen 1. Der Stadtstaat Hamburg bietet bundesweit einmalig gute Rahmenbedingungen für eine wissensbasierte und wirkungsorientierte Kriminalund Justizpolitik mit den Zielen der Reduzierung von Rückfallkriminalität und verbessertem Opferschutz. 2. Die Strukturen und Prozesse des Entstehens von Kriminalität wie auch ihrer Reduzierung sind in dieser prosperierenden Stadt in einem Gesamtkonzept von Sozial-, Gesundheits-‚ Bildungs-, Arbeitsmarkt-, Wohnungsbau-, Stadtentwicklungs-, Innen- und Justizpolitik zu integrieren und mit einem ressortübergreifenden Masterplan, einer „RESO-AGEN- DA 2025“, schrittweise zu verändern. 3. Dabei können interne und externe Fach- und Führungskräfte aus allen Reso-Organisationen und Vertreter der Wissenschaft ihr fach- und ressortspezifisches Wissen interdisziplinär einbringen und für innovative Synergien fruchtbar machen. 4. Zwei wichtige Weichenstellungen stehen im Mittelpunkt der Entwicklung einer wissensbasierten und wirkungsorientierten Kriminal- und Justizpolitik: • das neue und bundesweit modellhafte Landes-Reso- und Opferhilfegesetz • der Neubau einer urbanen Jugendanstalt und einer Jugendarrestanstalt Hamburg Beide Projekte haben sowohl exemplarische wie auch nachhaltige Wirkungen für viele Jahrzehnte. Sie erfordern ein Höchstmaß an Qualität fachpolitischer Planung und wichtiger politischer Entscheidungen in der Bürgerschaft (die derzeitigen rechtlichen, haushalterischen, personellen und organisatorischen Rahmenbedingungen sind zu überprüfen und fortzuentwickeln). 5. Das ResOG ist zu evaluieren und ggf. zu novellieren (Vorschläge von externen Experten und Fachverbänden liegen vor, insbesondere zur Opferhilfe) 6. Die bisherige Planung der Jugendanstalt und der Jugendarrestanstalt ist zu überprüfen: 20. 351 • Ist angesichts der seit Jahren konstant geringen Belegungszahlen ein eigenständiger kosten- und personalintensiver Neubau einer hamburgischen Jugendarrestanstalt zu empfehlen oder ist eine Jugendarrest-Vollzugsgemeinschaft mit SH die bessere Alternative? • Entspricht ein „Dorfmodell“ eher den Zielen und Grundsätzen des HamJStVollzG als das jetzt geplante von einer „Hochsicherheitsanstalt“ für Erwachsene aus Bayern übernommene Modell? Sind die Kosten von 164 Mio. EUR gerechtfertigt? • Wie können die Kriterien nachhaltigen und energiesparenden Bauens modellhaft für einen Gefängnisneubau umgesetzt werden? 7. Die besonderen Chancen des Stadtstaats sind zu nutzen: es geht um ein Verbundsystem aller Anbieter von Reso-Leistungen in öffentlicher und privat-gemeinnütziger Trägerschaft auf Landes-, Bezirks- und Stadtteilebene, ressortübergreifend, wissensbasiert und wirkungsorientiert. 8. Für eine solche Agenda fehlt in Hamburg derzeit die Zusammenführung der wichtigsten sozial- und legal-biografischen Daten über die Zielgruppen rückfallgefährdeter jugendlicher, heranwachsender Intensiv- und Wiederholungstäter aus der Sicht der Jugendhilfe, der Schule, der Polizei, der Jugendgerichtshilfe, der Gerichts- und Bewährungshilfe, des Vollzuges, der Freien Straffälligenhilfe. Hier ist vordringlich eine Grundlagenanalyse durch eine leistungsfähige Kriminologische Forschung zu erarbeiten. 9. In einer Analyse der sich seit Jahrzehnten immer wiederholenden Kriminalisierungs- und Rückfallprozesse in den Hamburger Stadtteilen (‚Kriminalität nach Postleitzahl”) werden für alle Akteure die (Soll-)Bruchstellen deutlich, die bei der Planung und Realisierung ambulanter und stationärer Hilfen und Maßnahmen in dem fortzuentwickelnden RESO-VERBUNDSYSTEM zu überwinden sind (Wertschöpfungskette Resozialisierung). 10. Resozialisierung findet nach modernen Erkenntnissen als KOMPLEX- LEISTUNG statt. Mit der Methode des Fallmanagements sind hoch individualisierte Hilfe- und Kontrollmaßnahmen im trägerübergreifenden Verbund zu planen, zu realisieren und zu evaluieren. Gleiches gilt für das professionelle RESO-Management der Leitungskräfte. 11. Ansätze dieser NEUEN FACHLICHKEIT finden sich zwar sowohl im ResOG wie in den bisherigen Arbeitsergebnissen der Projektgruppe Jugendvollzug 2020, sie wurden aber bisher nicht zu einem Gesamtkonzept zusammengeführt Bernd Maelicke, Bernd-Rüdeger Sonnen 352 12. Diese Feststellungen gelten in gleicher Weise für das wichtige Thema des Opferschutzes und der Opferhilfe sowohl ambulant wie stationär. 13. Zu den Vorteilen des Stadtstaates gehören auch die besonderen Möglichkeiten der zielgruppenspezifischen Öffentlichkeitsarbeit und des Politik-Marketing. Das Thema „Öffentliche und Persönliche Sicherheit“ sollte proaktiv besetzt werden: „RESOZIALISIERUNG IST DER BESTE OPFERSCHUTZ“ – die beiden og Groß-Projekte können und werden nachweisbar in erheblichem Umfang Rückfälle verhindern und damit die Sicherheit der Bürger verbessern. 14. In diese RESO-AGENDA 2025 sind auch Innovative Projekte aufzunehmen wie z.B. • Weiterbildung der Fach- und Führungskräfte in Fallmanagement und in Reso-Management (Vorschläge liegen vor) • Modellversuch „Resozialisierung und Soziale Integration“ (Vorschlag liegt vor) • Jugendvollzug in freien Formen nach § 12 Abs. 1 Nr. 6 HmbJSt- VollzG (Vorschlag liegt vor) 20. Reso-Agenda 2025 für den Stadtstaat Hamburg 353

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Zusammenfassung

In Folge der weltweiten Corona-Krise gewinnen die Vorschläge zu einem „Systemischen Wandel“ auch in der Kriminal-, Justiz- und Sozialpolitik neue Bedeutung.

Dieser Band informiert über Masterpläne und Agenden der strategischen Steuerung von Innovationen in allen Arbeitsfeldern der Resozialisierung in einem Verbund von öffentlichen und privaten Trägern. In Österreich, der Schweiz und in Deutschland gibt es dazu konkrete Vorschläge von Fach- und Führungskräften und Experten der lokalen und nationalen Ebene, dies gilt auch für die internationale und europäische Dimension. Innovative Projekte weisen gesteigerte Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Gesamtkonzepten der ambulanten und stationären Resozialisierung nach.

Maelicke und Wein fordern im Übergang in eine Zeitenwende eine „Große Transformation“ und plädieren für einen nachhaltigen und wirkungsorientierten Umgang mit Tätern und Opfern.