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Jürgen Kaiser, 10. Sozialnetz-Konferenz – Ein neuer methodischer Ansatz in der österreichischen Bewährungshilfe in:

Bernd Maelicke, Christopher Wein (Ed.)

Resozialisierung und Systemischer Wandel, page 201 - 212

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6719-9, ISBN online: 978-3-7489-0841-8, https://doi.org/10.5771/9783748908418-201

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Sozialnetz-Konferenz – Ein neuer methodischer Ansatz in der österreichischen Bewährungshilfe Jürgen Kaiser „Man hilft den Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können“ (Abraham Lincoln) Organisation der Bewährungshilfe in Österreich In Österreich ist die staatliche Aufgabe der Bewährungshilfe an NEU- START, eine Non-Profit-Organisation, übertragen. Das Bewährungshilfegesetz (BewHG) bildet die rechtliche Grundlage für deren Durchführung. NEUSTART arbeitet seit 1957 im Bereich der justiznahen Sozialarbeit. Die Finanzierung erfolgt zu rund 90 Prozent durch das Bundesministerium für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz auf Basis eines Generalvertrages. Von 2004 bis 2016 war NEUSTART auch im deutschen Bundesland Baden-Württemberg u. a. mit der Organisation von Bewährungshilfe beauftragt. Methodische Grundlagen der Sozialnetz-Konferenz Referenz der Sozialnetz-Konferenz in der österreichischen Bewährungshilfe ist das Modell der Family Group Conference, das ursprünglich in Neuseeland 1989 durch den „children, young persons and their families act“ als gesetzlich vorgeschriebene Maßnahme bei Kindeswohlgefährdung als auch in der Jugendgerichtshilfe und im Jugendstrafrecht entwickelt wurde. Die Family Group Conference ist eine Versammlung von Familienmitgliedern im weitesten Sinne, neben der Herkunftsfamilie im engeren Sinn wird auch die „Familie“ der Freunde, Verwandten, Nachbarn etc. als soziales Netz gesehen. Family Group Conference wird in den deutschsprachigen Ländern auch Familienrat, Verwandtschaftsrat, Familienkonferenz, Familiengruppenkonferenz oder Gemeinschaftskonferenz genannt. Für den Kontext der ös- 10. 1. 2. 201 terreichischen Bewährungshilfe wurde mit der Sozialnetz-Konferenz ein spezielles Konzept für die Straffälligenhilfe entwickelt. Diesem Konzept liegen folgende zentrale Annahmen zugrunde: Die Adressatinnen und Adressaten von Hilfen werden grundsätzlich als entscheidungskompetent hinsichtlich angemessener Hilfs- und Unterstützungsangebote und als problemlösungskompetent angesehen. Sie sind die eigentlichen Experteninnen und Experten ihrer Probleme. Es wird außerdem davon ausgegangen, dass ein Großteil dieser Personengruppe in soziale Netzwerke eingebunden ist, die einerseits über Ressourcen zur Problemlösung und andererseits auch über unmittelbare Zugänge zu deren Bedürfnislagen der verfügen. Dadurch ist die Sozialnetz-Konferenz konsequent auf die Lebenswelt der Klientinnen und Klienten ausgerichtet. Vor dem Hintergrund dieser Grundannahmen werden drei zentrale Ziele mit dem Verfahren verfolgt: 1. Die Menschen – eingebunden in ein soziales Netz – werden angeregt und unterstützt, ihre Probleme selbst zu lösen. 2. Soziale Netzwerke und Gemeinwesensbezüge werden aktiviert und an der Problemlösung oder an der Wiederherstellung des sozialen Friedens beteiligt. 3. Das Soziale Netz wird selbst zum Entscheidungsträger für die Lösung oder Hilfe. Die Beteiligten übernehmen Verantwortung für die Umsetzung und Überprüfung. Für eine verbesserte Zielerreichung kann aber auch die professionelle Unterstützung durch die Bewährungshelferin oder den Bewährungshelfer in Anspruch genommen werden. Die genannten Ziele werden durch eine fördernde Haltung sowie durch klar geregelte Aufgaben- und Ablaufregelungen angestrebt. Partizipation wird gesichert, indem das Verfahren einen profifreien Raum, die sogenannte Sozialnetz-Exklusiv-Phase vorsieht, in dem mögliche Lösungen zunächst von der Familie und Personen aus deren Netzwerk überlegt und beraten werden. Ressourcen werden mobilisiert, indem neben der Familie auch Freundinnen und Freunden oder andere bedeutsame Personen aus der Lebenswelt der Klientinnen und Klienten an der Beratung und Entscheidung beteiligt werden. Eine Aushandlung wird ermöglicht, indem die Leitung des Verfahrens durch neutrale Koordinatorinnen und Koordinatoren erfolgt, die nicht mit der Fallführung betraut sein dürfen. Die Koordinatorinnen und Koordinatoren übernehmen die Verantwortung für die Organisation der Sozialnetz-Konferenz und für die Einhaltung der Prinzipien des Verfahrens, nicht aber für mögliche Lösungen. Die Ergebniskompetenz bleibt beim Sozialen Netz. Den fallzuständigen Bewährungshelferinnen und Bewährungshelfern wird ein so genanntes Veto- Jürgen Kaiser 202 Recht zugestanden. Sie können vorgeschlagene Lösungen ablehnen, wenn diese nicht dazu dienen, das Ziel der Sozialnetz-Konferenz zu erreichen, gegen Rechtsgrundsätze verstoßen oder ein junger Mensch einem unverantwortlichen Risiko ausgesetzt werden würde. Erprobung der Sozialnetz-Konferenz in einem Projekt Nach Genehmigung und Finanzierung des Bundesministeriums für Justiz startete NEUSTART ab Jänner 2012 mit einer Projektdauer von zwei Jahren an vier Standorten – Wien, Oberösterreich, Steiermark und Kärnten – mit der Erprobung der Sozialnetz-Konferenz als methodische Erweiterung zur Einzelfallhilfe in der Bewährungshilfe. Zielgruppe waren Jugendliche (14 bis 18 Jahre) und junge Erwachsene (18 bis 21 Jahre), die strafrechtlich verurteilt wurden und bei denen Bewährungshilfe durch das Gericht angeordnet wurde. Das Projekt wurde vom Institut für Strafrecht der Universität Wien wissenschaftlich begleitet. Folgende Projektziele wurden formuliert: • Entwicklung und Adaption des Family-Group-Conferencing Verfahrens für die österreichische Bewährungshilfe und Erprobung dieser Konferenzen. • Bei positiver Evaluierung: Entwicklung eines Implementierungsplanes und Schulungskonzepts für den Regelbetrieb. NEUSTART entschied sich bewusst zwei Ansätze im Projekt Sozialnetz- Konferenz zu integrieren: • den klassischen Restorative Justice Ansatz, der aus dem strafrechtlichen Kontext kommt und bei dem Täter und Opfer einen Ausgleich suchen sowie • den Conferencing Ansatz, der in der Jugendwohlfahrt entwickelt wurde und der als Familienrat praktiziert wird. Typen von Sozialnetz-Konferenzen Es wurden vier Arten von Konferenzen erprobt: 1. Sorgekonferenzen zur Lösung konkreter Problemlagen und Krisen, 2. Wiedergutmachungskonferenzen mit dem Fokus auf Konfliktschlichtung, Verantwortungsübernahme und Wiedergutmachung unter Einbeziehung der Opfer und seines Umfeldes 3. 4. 10. Sozialnetz-Konferenz 203 3. Entlassungskonferenzen vor einer Haftentlassung 4. Aufgrund einer Vergewaltigung eines 14-jährigen Jugendlichen in der Untersuchungshaft während des Projektzeitraumes und der daran ansetzenden öffentlichen Debatte über die Anwendung der Untersuchungshaft bei Jugendlichen wurde das Konzept Sozialnetz-Konferenz kurzfristig adaptiert und in diesen Fällen als U-Haft-Konferenz angewandt Sorgenkonferenz Diese Form ist eine Konferenz des sozialen Netzes als Lösungs- und Entscheidungsprozess für bestimmte soziale Problemlagen wie Schulprobleme, Arbeitsintegration, Unterbringung, Suchtproblematiken. Diese Stärkung drückt ein jugendlicher Straftäter in seinem Statement so aus: „Die Erfahrung, da stehen so viele Leute hinter mir, hat bewirkt, dass ich mich viel mehr angestrengt habe, die Ziele zu erreichen. Ich wollte niemanden enttäuschen Wiedergutmachungskonferenzen Dies sind Konferenzen mit Opferbeteiligung um Deliktfolgen zu bearbeiten, Verantwortungsübernahme zu erreichen, Wiedergutmachung anzustreben und den sozialen Frieden wiederherzustellen. Der wesentlichste Unterschied zu Sorge- oder Entlassungskonferenzen ist, dass bei einer Wiedergutmachungskonferenzen zwei Systeme aufeinander treffen: die des Täters bzw. der Täterin mit seinem/ihren sozialen Umfeld und das Opfer mit seinem bzw. ihrem Umfeld. Methodisch erfordert eine derartige Sozialnetz-Konferenz eher ein primär mediatorisches Vorgehen, daher kommen immer zwei Koordinatorinnen bzw. Koordinatoren zum Einsatz. Zuerst wird die Bereitschaft zur Teilnahme des Täters bzw. der Täterin in Einzelgesprächen geprüft. Dann erfolgt die Kontaktaufnahme mit dem Opfer durch einen Koordinator bzw. eine Koordinatorin. Dieser Schritt erfordert ein hohes Maß an Sensibilität und Sorgsamkeit. Erst wenn alle Bedenken in Einzelgesprächen ausgeräumt sind und so ein sicheres Setting geschaffen und eine klare Zusage des Opfers gegeben werden konnte, kann eine Wiedergutmachungskonferenz konkret vorbereitet werden. Eine Wiedergutmachungskonferenz ist kein „Heimspiel“ des Täters bzw. der Täterin. Der Ort der Konferenz muss vor allem vom Opfer und seinem oder ihrem Umfeld akzeptiert sein. Täter/Täterin und Opfer benennen vor der Konferenz eine Vertrauensperson. Eine Koordinatorin/ein Ko- Jürgen Kaiser 204 ordinator bringt die Fakten (Vorfall, Schädigung, Urteil) ein, der/die andere formuliert den Auftrag an die Sozialnetz-Konferenz. In der Informationsphase erhalten Täter bzw. Täterinnen ebenso wie Opfer die Gelegenheit den Vorfall und die Folgen aus ihrer Sicht zu schildern. Anschließend geht es in die „Sozialnetz-Exklusiv-Phase“, in der ein konkreter Wiedergutmachungsplan von dem Täter bzw. der Täterin und seinem/ihrem sozialen Netz erarbeitet wird. In einer Abschlussrunde wird dieser Plan mit allen Beteiligten diskutiert, konkretisiert und gegebenenfalls auch abgeändert. Alle Beteiligten unterschreiben diesen Plan. Eine Folgekonferenz kann, muss aber nicht vereinbart werden. Die Ergebnisse des Plans werden von dem Bewährungshelfer bzw. der Bewährungshelferin an das Gericht berichtet und können dadurch als Milderungsgründe im Strafverfahren berücksichtigt werden. Entlassungskonferenzen Vor einer (bedingten) Haftentlassung können Sozialnetz-Konferenzen als Integrations- und Unterstützungsmaßnahme eingesetzt werden. Ziel dabei ist es, einen sozialen Empfangsraum und Bedingungen zu schaffen, die das Risiko einer neuerlichen Delinquenz verringern. Konferenzen in der Untersuchungshaft als Entscheidungshilfe für den Richter bzw. die Richterin (U-Haft-Konferenzen) U-Haft Konferenzen werden vor einer ersten Haftverhandlung (14 Tage nach Verhängung der U-Haft zur Überprüfung, ob weiterhin die Voraussetzungen für eine U-Haft vorliegen) einberufen. Der Haftrichter ordnet gleichzeitig Bewährungshilfe an. Die Problemdarstellung ist vorgegeben und einheitlich formuliert: „Wo kann xxx sicher bis zur Hauptverhandlung seinen/ihren Aufenthalt haben und welche Auflagen und Regeln muss er/sie erfüllen, damit er/sie entlassen werden kann? Wer kann ihn/sie dabei unterstützen? Welche Vorschläge zur Wiedergutmachung und zur Entschuldigung sind xxx und seine/ihre Angehörigen bereit vorzubringen?“ Ziel ist die Erstellung eines Maßnahmenplans, welcher der Entscheidungsfindung des Richters, ob eine Entlassung aus der U-Haft möglich ist, dient. Der Plan bei einer U-Haft-Konferenz muss konkrete Vorschläge zum Aufenthalt, zur Tagesstruktur, zur Frequenz der Bewährungshilfebetreuung und zur Wiedergutmachung enthalten. Der Plan liegt in Form eines Berichts spätestens zur ersten Haftverhandlung vor. 10. Sozialnetz-Konferenz 205 Wesentliche Faktoren für das Gelingen einer solchen Sozialnetz-Konferenz sind das rasche Reagieren auf die Inhaftierung eines/einer Jugendlichen. Die Vorbereitungszeit für eine U-Haft Konferenz liegt bei drei bis zehn Tagen, für die anderen Sozialnetz-Konferenzen dauert die Vorbereitung bis zu sechs Wochen. Kommt es nach einer Sozialnetz-Konferenz zu einer Entlassung aus der U-Haft, wird der/die Jugendliche im Rahmen der Bewährungshilfe in einer sogenannten hochfrequenten Form (zwei persönliche Kontakte pro Woche) bis zur Hauptverhandlung betreut. Der Fokus der Bewährungshilfe-Betreuung liegt auf der Unterstützung und Überwachung bei der Einhaltung des vereinbarten Plans. Ablauf einer Sozialnetz-Konferenz Die fünf Phasen einer Sozialnetz-Konferenz 1. Vorbereitungsphase 2. Informationsphase 3. Diskussionsphase (Sozialnetz-Exklusiv-Phase) 4. Entscheidungsphase 5. Überprüfungsphase (Folgekonferenz) In der Vorbereitungsphase erhalten der/die Jugendliche oder junge Erwachsene und seine/ihre Familie Informationen über das Verfahren. Je nach Konferenzform organisieren ein oder zwei Koordinatorinnen bzw. Koordinatoren in Abstimmung mit der Bewährungshilfe die Sozialnetz- Konferenz. Sie führen Einzelgespräche, kontaktieren in Abstimmung mit dem bzw. der Jugendlichen oder jungen Erwachsenen das teilnehmende soziale Netz und legen Ort und Termin fest. Eine gute Vorbereitung, eine umfassende Netzwerkanalyse der sozialen Umwelt, Informationsvermittlung und Motivation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind entscheidende Erfolgskriterien für das Gelingen der Sozialnetz-Konferenz. Zur Vorbereitung einer Sozialnetz-Konferenz und zur Klärung des sozialen Netzes sind verschiedene Techniken wie beispielsweise Eco Maps, die das Unterstützungs- und Kontaktnetzwerk abbilden und auf familiäre Ressourcen aufmerksam machen, hilfreich. In der Informations- und Beratungsphase – der Beginn der eigentlichen Sozialnetz-Konferenz – werden für alle Beteiligten die Einschätzungen zur Problemsituation und die Ziele der Sozialnetz-Konferenz von der Bewährungshelferin bzw. dem Bewährungshelfer in einer „Sorgeformulierung“ 5. Jürgen Kaiser 206 zusammengefasst. Weiters werden Informationen zur rechtlichen Situation und zu möglichen professionellen Unterstützungsmöglichkeiten gegeben. Bevor sich das soziale Netz zurückzieht, hat jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer die Möglichkeit in einer Ressourcenrunde die Stärken und Fähigkeiten des/der Jugendlichen darzustellen. In der Diskussionsphase („Sozialnetz-Exklusiv-Phase“) verständigt sich das soziale Netz ohne Teilnahme der Fachkräfte über mögliche Lösungen und erstellt einen detaillierten Plan für das weitere Vorgehen. In der Entscheidungsphase findet mit dem Bewährungshelfer bzw. der Bewährungshelferin eine moderierte Präsentation und Abstimmung des vom sozialen Netz erstellten Plans bzw. der Vereinbarungen statt. Wie bereits weiter oben angeführt hat der Bewährungshelfer bzw. die Bewährungshelferin ein Vetorecht. Wird von diesem Recht Gebrauch gemacht so ist es sinnvoll, dass sich das soziale Netz zur Nachbesserung des Plans neuerlich berät. In der Regel werden nach circa drei Monaten die getroffenen Vereinbarungen in einer Folgekonferenz überprüft. Erkenntnisse aus dem Projekt • Die sozialen Netze sind größer und stabiler, als sie von den betreuenden Bewährungshelferinnen und Bewährungshelfern wahrgenommen werden • Je größer das einbezogene soziale Netz ist, desto besser sind die erarbeiteten Lösungen • Die emotionale Kraft und die erlebte Zuwendung für junge Menschen durch ihnen nahe stehende Personen ist beträchtlich und ermöglicht Aussöhnungsprozesse in der Familie • Die soziale Kontrolle ist enger. Eine ambulante Betreuung könnte diese Dichte nicht gewährleisten. Diese enge soziale Kontrolle kann von den Jugendlichen aber gleichzeitig als belastend und zu einengend erlebt werden. Umso wichtiger ist die intensive Betreuung durch die Bewährungshilfe, die hier gegensteuern kann. • Im Unterschied zur klassischen Helferkonferenz geht es bei der Sozialnetz-Konferenz um Partizipation des sozialen Netzes und aktive Teilhabe des/der Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen an der Problemlösungsfindung • Der Täter bzw. die Täterin merkt, dass viele Menschen aus seiner/ihrer Umgebung sich Zeit nehmen, um mit ihm/ihr die Zukunftspläne zu 6. 10. Sozialnetz-Konferenz 207 erarbeiten Durch die Teilnahme seines/ihres Unterstützungssystems erlebt er/sie eine besondere Form von Empowerment und Unterstützung. Er/Sie wird bestärkt, nun wesentliche Veränderungen angehen zu können • Die Pläne sind konkret, verbindlich und überprüfbar • Das soziale Netz fühlt sich ebenfalls bestärk, Unterstützung anzunehmen. Professionelle Helfersysteme werden nicht als „Gegner“ sondern als Unterstützungssystem zu Realisierung der Pläne gesehen • In der Bewährungshilfe-Betreuung nach einer Sozialnetz-Konferenz ist es wichtig, nicht nur den Klienten bzw. die Klientin sondern auch das soziale Netz bei der Erfüllung des Plans zu unterstützen • Es entstehen oftmals neue Formen der Kooperation zur Haftvermeidung zwischen Gericht, Justizanstalten und stationären wie ambulanten Betreuungseinrichtungen • Für viele Jugendliche ist die Auseinandersetzung in einem größeren Familienkreis über ihre Probleme und Misserfolge eine große Hürde. Vor allem das ausführliche Besprechen der eigenen Straffälligkeit vor dem sozialen Netz macht den Jugendlichen oftmals Angst. • Eine Sozialnetz-Konferenz kann eine intensive Betreuung bzw. eine allenfalls indizierte Psychotherapie nicht ersetzen Implementierung in den Regelbetrieb der Bewährungshilfe Nach Ende des Projekts wurde vom Auftraggeber (Bundesministerium für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz) entschieden, zwei Formen der erprobten Sozialnetz-Konferenzen – Entlassungskonferenzen und U-Haft-Konferenzen – zu finanzieren und somit in den Regelbetrieb zu übernehmen. Dazu war es notwendig, die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür sowohl im österreichischen Jugendgerichtsgesetz (JGG) als auch im Bewährungshilfegesetz (BewHG) zu schaffen. Bei Bedarf und auf Anregung der Bewährungshilfe können aber auch weiterhin Sorgekonferenzen angeboten werden. Zahlen U-Haft-Konferenz: Anzahl der zugewiesenen U-Haft-Konferenzen 2018: 206 Davon durchgeführte Sozialnetz-Konferenzen: 142 (69,27 %) Davon Entlassung aus der U-Haft: 74 (52,10 %) 7. Jürgen Kaiser 208 Der Hauptgrund für das Nichtzustandekommen einer Sozialnetz-Konferenz ist die Tatsache, dass kein soziales Netz vorhanden ist. Am häufigsten ist dies bei Klientinnen und Klienten mit Migrationshintergrund – oftmals sogenannte unbegleitete Minderjährige – der Fall. Entlassungskonferenz Anzahl der zugewiesenen Entlassungskonferenzen 2018: 51 Wie viele Personen tatsächlich auf Grund einer Entlassungskonferenz aus der Haft entlassen wurden kann nicht erhoben werden, da die Sozialnetz- Konferenz oftmals einige Monate vor einem möglichen Entlassungstermin durchgeführt wird. Fallbeispiele Beispiel 1: Filip, einem 19jährigen jungen Mann wird vorgeworfen nach einem Abend mit viel Alkohol gemeinsam mit Freunden einen anderen Jugendlichen überfallen zu haben und ihm sein Smartphone geraubt zu haben. Nach der Verhaftung wird die Untersuchungshaft über ihn verhängt, gleichzeitig wird NEUSTART mit der Durchführung einer U-Haft-Konferenz beauftragt. Filip wuchs mit zwei jüngeren Brüdern bei den Eltern auf, die beide berufstätig sind und bemüht wirken. Während die beiden Brüder unauffällig sind, ist Filip viel mit Freunden unterwegs, konsumiert übermäßig Alkohol und hat die Schule abgebrochen. Aufgrund seiner sehr gewinnenden Art findet er jedoch immer wieder Jobs, mit denen er sich über Wasser hält. Er hat auch wieder begonnen, eine Abendschule zu besuchen. Zum Zeitpunkt des Besuchs des Koordinators in Haft kann Filip bereits eine Jobzusage für den Fall einer Entlassung vorweisen. Er könnte in der Firma, in der er fallweise vor der Inhaftierung gearbeitet hat, fix zu arbeiten beginnen. Filip willigt einer Sozialnetz-Konferenz ein. Als soziales Netz sollen teilnehmen: Seine Mutter, sein Vater, sein bester Freund sowie der zukünftige Arbeitgeber und der Bewährungshelfer. Die Konferenz verläuft sehr gut, in der Sozialnetz-Exklusiv-Phase wird folgender Plan entwickelt: Wohnsituation: Filip wird nach seiner Entlassung wieder bei seinen Eltern und Brüdern wohnen. Das Zusammenleben hat aus Sicht der Familie 8. 10. Sozialnetz-Konferenz 209 gut funktioniert. Mit seinem jüngeren Bruder Aleksander wird er regelmä- ßig ins Fitnesscenter zum Training gehen. Arbeit/Schule: Sofort nach einer Entlassung aus der Untersuchungshaft kann er als Hilfsarbeiter zu arbeiten beginnen. Da er auch die Abendschule besuchen wird, kann das Arbeitsverhältnis auf 30 Wochenstunden reduziert werden. Sein bester Freund Stefan wird ihn beim Lernen unterstützen. Tagesstruktur: Filip wird wochentags um 6:00 Uhr selbständig aufstehen, um 7:00 Uhr beginnt die Arbeit. Nach der Arbeit fährt er nach Hause, duscht, isst und fährt dann in die Schule. Dienstags und donnerstags um 16:00 trifft er seinen Bewährungshelfer. Freizeit: Während der Woche bleibt aufgrund von Arbeit und Schule wenig Freizeit. Am Wochenende möchte er mit seinem um ein Jahr jüngeren Bruder trainieren und seinen Freund Stefan treffen. Den Konsum von Alkohol möchte er massiv einschränken. Sollte ihn etwas beschäftigen, kann er mit Stefan jederzeit reden. Der Bewährungshelfer übermittelt unverzüglich nach der Konferenz den Bericht inklusive Plan an das Gericht. Filip wird nach der ersten Haftverhandlung aus der Untersuchungshaft entlassen. Beispiel 2: Marcel, ein 18jähriger junger Mann wird nach seiner Haftentlassung im Rahmen der Bewährungshilfe betreut. Er wurde wegen Raubes zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Bei seiner Entlassung wurde ihm die Weisung erteilt, eine Suchttherapie in Anspruch zu nehmen, zusätzlich wurde die Betreuung durch die Bewährungshilfe angeordnet. Marcel hat zwar einen Job in einem Beschäftigungsprojekt gefunden, aufgrund von Mietrückständen droht jedoch ein Wohnungsverlust. Er hält außerdem die Weisung nicht ein und läuft Gefahr, durch unkontrollierten Drogenkonsum rückfällig zu werden oder auf Grund der Nichteinhaltung der Weisung in Haft zu müssen. Der Anstoß für diese Sozialnetz-Konferenz in Form einer Sorgekonferenz kam von der Bewährungshelferin. Ziel der Konferenz ist es, Eigenverantwortung und Selbständigkeit zu fördern. Die Konferenz selbst findet bei den Großeltern von Marcel statt. Es nehmen neben Marcel sechs Personen des sozialen Umfelds daran teil, – die Eltern, Großeltern, ein Onkel und die Bewährungshelferin. Die Sorge der Bewährungshelferin ist, dass die Spirale von Wohnungsverlust, Drogenkonsum, Einsamkeit und Überforderung zu neuerlichen Delinquenz führen könnte. Jürgen Kaiser 210 Die geschiedenen Eltern machen sich gegenseitig verantwortlich für die negative Entwicklung ihres Sohnes. Im Laufe der Konferenz kommt es aber erstmalig seit der Scheidung zu einer Aussöhnung der Eltern, die den Weg frei macht für konstruktive Lösungen. Der vom Sozialen Netz gemeinsam formulierte Plan sieht vor, dass die Wohnung aufgelöst wird und die Mietrückstände beglichen werden. Verantwortung dafür übernimmt die Mutter. Marcel wird mindestens sechs Monate bei seinem Vater leben und während dieser Zeit für eine Wohnung ansparen, damit ihm der Onkel, der Zugang zum lokalen Wohnungsmarkt hat, bei einer Anmietung helfen kann. Bei der Regelung der Schulden und seiner Finanzen unterstützt ihn die Mutter. Der regelmäßige Besuch der Suchtberatungsstelle wird ebenfalls vereinbart, Marcels Vater wird ihn an die Termine erinnern und falls gewünscht auch begleiten. Nach der Konferenz können Vater, Mutter und Sohn nach langem wieder konfliktlos miteinander kommunizieren. Am meisten beeindruckt die Bewährungshelferin die emotionale Aussöhnung der Beteiligten, die erst eine sachliche Auseinandersetzung möglich macht. In den Wochen nach der Konferenz funktioniert der von der Bewährungshelferin überwachte Plan nach wie vor. Marcel geht regelmäßig arbeiten, hält die vereinbarten Termine in der Suchtberatungsstelle ein, ist in einem Substitutionsprogramm und hat regelmäßigen Kontakt zur Mutter. Aufgrund der positiven Entwicklung wurde auch ein laufendes Verfahren wegen Weisungsbruches eingestellt. Fazit Die Auswirkungen der Implementierung der Sozialnetz-Konferenz auf die Fachlichkeit der Bewährungshilfe kann durchwegs positiv bewertet werden. Das Spektrum der zur Unterstützung der Klientin bzw. des Klienten zur Verfügung stehenden Personengruppe wurde auf das soziale Umfeld erweitert. Somit wird auch die Verantwortung für die Umsetzung vereinbarter Hilfepläne auf mehrere Schultern verteilt und dient zur Entlastung sowohl der Klientin bzw. des Klienten als auch der Bewährungshelferin bzw. des Bewährungshelfers. Ein weiterer positiver Effekt ist, dass durch die Teilnahme auch von professionellen Helferinnen und Helfern an der Sozialnetz-Konferenz die Kooperation zu diesem Helfersystem verbessert wurde. Man kennt sich aus der Sozialnetz-Konferenz und stimmt sich im Alltag mit Zustimmung der Klientin bzw. des Klienten leichter ab. 9. 10. Sozialnetz-Konferenz 211 Durch diese persönlichen Kontakte während der Sozialnetz-Konferenz werden auch die Kommunikationskanäle stark verbessert, wenn der vereinbarte Plan zu scheitern droht. Nicht zu unterschätzen ist auch der „Spirit“, der während einer Sozialnetz-Konferenz unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern entsteht. Das Gefühl, gemeinsam etwas verändern zu wollen stärkt die Klientin bzw. den Klienten und gibt auch den jeweiligen Menschen im Sozialen Umfeld das Gefühl, nicht alleine dazustehen. Literatur Früchtel, Frank/Budde, Wolfgang/Cyprian, Gudrun (2003): Familienkonferenzen oder: Ein radikales Verständnis von Betroffenenbeteiligung in der Hilfeplanung, in Sozialmagazin 3/2003, S 12–21. Früchtel, Frank/Budde, Wolfgang (2009): Der Familienrat als Brücke zwischen Fall und Feld, in Kontext — Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie, Band 40, Nr. 1, S 32–48. Hagermann, Otmar (2010): Conferencing als prototypische Methode eines neuen Paradigmas der Sozialen Srbeit, in standpunkt:sozial, 2/2010. Krell, Miriam (2007): Conferencing und TOA.; Conferencing — eine interessante Erweiterung der Mediation, in TOA Infodienst 31.2007, S 26–30. 10. 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Zusammenfassung

In Folge der weltweiten Corona-Krise gewinnen die Vorschläge zu einem „Systemischen Wandel“ auch in der Kriminal-, Justiz- und Sozialpolitik neue Bedeutung.

Dieser Band informiert über Masterpläne und Agenden der strategischen Steuerung von Innovationen in allen Arbeitsfeldern der Resozialisierung in einem Verbund von öffentlichen und privaten Trägern. In Österreich, der Schweiz und in Deutschland gibt es dazu konkrete Vorschläge von Fach- und Führungskräften und Experten der lokalen und nationalen Ebene, dies gilt auch für die internationale und europäische Dimension. Innovative Projekte weisen gesteigerte Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Gesamtkonzepten der ambulanten und stationären Resozialisierung nach.

Maelicke und Wein fordern im Übergang in eine Zeitenwende eine „Große Transformation“ und plädieren für einen nachhaltigen und wirkungsorientierten Umgang mit Tätern und Opfern.