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Claudia Christen-Schneider, 8. Erfahrungen mit den Restaurativen Dialogen in der Schweiz in:

Bernd Maelicke, Christopher Wein (Ed.)

Resozialisierung und Systemischer Wandel, page 181 - 188

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6719-9, ISBN online: 978-3-7489-0841-8, https://doi.org/10.5771/9783748908418-181

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B. Systemischer Wandel durch Innovative Projekte Erfahrungen mit den Restaurativen Dialogen in der Schweiz1 Claudia Christen-Schneider Das Swiss RJ Forum (www.swissrjforum.ch) wurde im Januar 2017 gegründet und setzt sich seither intensiv für die Entwicklung und Umsetzung der Restaurativen Justiz ein. Im August 2017 startete das erste Pilotprojekt, basierend auf Restaurativen Dialogen, in der Strafanstalt Lenzburg (AG). Seither wurden solche Gruppendialoge zwischen Opfern und Tätern schwerer Verbrechen, die nicht in direktem Kontakt stehen, regelmäßig durchgeführt. Neben dieser Gruppendialoge bietet das Forum auch direkte Opfer-Täter Dialoge an. Dieser Artikel berichtet über die bisherigen Erfahrungen mit restaurativen Gruppendialogen und vermittelt einen Ausblick auf die geplanten Projekte fürs kommende Jahr. Als Einstieg folgt eine Erläuterung dessen, wie das Swiss RJ Forum die Restaurative Justiz definiert. Definition der Restaurativen Justiz Obwohl die Restaurative Justiz (RJ) als eine der weltweit am schnellsten wachsenden Justizreformbewegungen gilt, gibt es nachwievor keine weltweit anerkannte Definition. Eine gängige Definition ist jene von Marshall (1996, S. 37), der RJ als einen Prozess definiert, bei dem alle Parteien, die an einer bestimmten Straftat beteiligt sind, zusammenkommen, um gemeinsam zu entscheiden, wie mit den Folgen der Straftat und den daraus resultierenden Auswirkungen hinsichtlich der Zukunft umzugehen ist. Der Begriff RJ bezieht sich somit nicht auf eine spezifische Methode oder Programm, sondern wie auch die neue Empfehlung des Europarates zu RJ im Strafrecht aussagt, umfasst RJ eine Vielzahl von Methoden, wie direkte Opfer-Täter Dialoge, Konferenzen, Circles (Kreisprozesse) oder auch indi- 8. 1. 1 Siehe Claudia Christen-Schneider (2019): Erfahrungen mit den Restaurativen Dialogen in der Schweiz. In: Justiznewsletter der Führungsakademie im Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzuges, Jahrgang 16, Ausgabe 30, November 2019, S. 26–29. 183 rekte Dialoge. Wichtig ist, dass jene Anwendungen stets basierend auf restaurativen Werten und Standards umgesetzt und alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen für die Beteiligten sichergestellt werden (Council of Europe, 2018, S. 3 – 4; Council of Europe, 2018, Commentary). Da RJ sich als eine bedürfnisorientierte Justizform sieht, ist diese Pluralität an Methoden notwendig, um auf die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse und Situationen der Betroffenen eingehen zu können. Somit existieren weltweit viele unterschiedliche Programme und Ansätze, welche sowohl auf direkten Opfer-Täter Dialogen als auch auf indirekten Ansätzen basieren. Während sich bei direkten Opfer-Täter Dialogen oder Konferenzen die in Beziehung stehenden Betroffenen treffen, kennen sich Opfer und Täter bei Restaurativen Gruppendialogen nicht und stehen nicht in direkter Verbindung zueinander. Es treffen sich daher Opfer und Täter gleicher oder ähnlicher Straftaten, um über die Auswirkungen von Verbrechen zu sprechen, und gemeinsam ihre Erlebnisse aufzuarbeiten. Wichtig ist, dass die gewählte Methode stets den Bedürfnissen aller Betroffenen entspricht, auf freiwilliger Basis beruht und von gut ausgebildeten RJ-Moderatoren durchgeführt wird, um die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten (Council of Europe, 2018, VI. 42 & 43). Wozu dienen Restaurative Dialoge? Restaurative Gruppendialoge eignen sich insbesondere für Opfer und Täter, die keine Möglichkeit zu einem Dialog mit ihrem direkten Gegenüber haben. Einerseits gibt es Opfer und Täter, die nicht wissen, wer ihr Gegen- über war, oder es gibt auch Situationen, wo ein direkter Dialog nicht empfehlenswert wäre, insbesondere zum Schutz der Opfer. Da restaurative Prozesse immer auf freiwilliger Basis beruhen, muss zudem respektiert werden, wenn eine Partei nicht gewillt ist zu einem Gespräch. Wenn es nun das Ziel ist, dass die Restaurative Justiz für alle Betroffenen zugänglich sein sollte, so braucht es Alternativen zu direkten Opfer-Täter Dialogen, die es diesen Personen dennoch erlauben, an einem restaurativen Prozess teilzunehmen. Zudem können Restaurative Gruppendialoge auch als eine gute Vorbereitung dienen, um später Dialoge zwischen dem direkten Opfer und Täter in Erwägung zu ziehen, wann immer dies möglich ist. Manche Opfer können sich zudem nicht vorstellen, ihrem direkten Täter gegen- überzutreten und bevorzugen es, zuerst in einem für sie geschützteren Rahmen erste Schritte zu wagen. Wichtig ist, dass auch solche Gruppenprozesse sehr sorgfältig vorbereitet werden und Opfer niemals dazu benutzt werden, um Täter zu rehabili- 2. Claudia Christen-Schneider 184 tieren. Es besteht immer wieder die Gefahr, dass die Restaurative Justiz „Täterzentriert“ umgesetzt wird, und die wahren Bedürfnisse der Opfer zu wenig wahrgenommen werden. Aufbau des Programms Das in der Schweiz umgesetzte Programm basiert auf dem Prinzip der restaurativen Dialoge zwischen Opfern und Tätern gleicher oder ähnlicher Verbrechen. Die Teilnehmer kennen sich nicht und haben keinen direkten Bezug zueinander. Das Programm ist eine neue, auf die Schweiz angepasste Form des Sycamore Tree Programme©, welches von Dan Van Ness und einem internationalen Team von Prison Fellowship International im Jahr 1996 entwickelt wurde. Die schweizerische Version enthält dieselben Grundthemen, setzt jedoch noch weitere restaurative Elemente, wie zum Beispiel Circles, ein und arbeitet mit Fallbeispielen aus der Praxis, um den Teilnehmern weitere RJ-Methoden näher zu bringen. In Deutschland wird eine Variante des Programms von Seehaus e.V. unter dem Namen „Opfer und Täter im Gespräch“ umgesetzt. Die Opfer werden individuell vorbereitet und betreut. Es wird auch ein Traumatest durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Opfer nicht mehr zu sehr traumatisiert sind und die Gefahr besteht, dass eine Teilnahme sie retraumatisieren könnte. Die Gefangenen werden von der Gefängnisleitung oder sozialen Diensten vorselektioniert und können sich nach einem Informationstreffen entscheiden, ob sie teilnehmen möchten. Mit jedem Interessierten wird dann ein Einzelinterview durchgeführt, um die Motivation zu prüfen und herauszuspüren, ob die Person Verantwortung für ihre Taten übernimmt und bereit ist, den Opfern respektvoll gegenüber zu treten. Die Treffen finden über acht Wochen hinweg statt mit einem wöchentlichen, zweistündigen Treffen. Ein Beschrieb der acht Treffen findet sich hier ab Seite 8: https://www.bj.admin.ch/dam/data/bj/sicherheit/smv/priso n-info/2019/2019-01-d.pdf. Eines der Hauptziele für die Opfer ist, dass sie eine Stimme erhalten und in einer sicheren, respektvollen Umgebung die Chance haben, ihre Geschichte zu erzählen und ihren Gefühlen Ausdruck geben zu können. Da es sich um dieselben oder ähnliche Verbrechen handelt, können die Opfer den Gefangenen Fragen stellen, welche sie oftmals bisher noch niemandem stellen konnten. Sie erhalten dadurch Information, die hilfreich sein kann, um das Erlebte besser zu verarbeiten. Das Ziel für die Gefangenen ist, dass sie durch das Hören der Geschichten der Opfer, die ähnliche Straftaten erlitten, wie sie selber begangen haben, verste- 3. 8. Erfahrungen mit den Restaurativen Dialogen in der Schweiz 185 hen lernen welch oft langzeitige Konsequenzen ihre Verbrechen auf Opfer und die Gesellschaft haben und dadurch lernen, volle Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Sie erhalten auch den Raum, ihre eigene Lebensgeschichte zu erzählen und wie es zur Tat kam, was sie getan haben und wie sie heute darüber denken. Dies soll ihnen helfen zu erkennen, wie es so weit kommen konnte, dass sie selbst zum Täter wurden. Die regelmässigen Begegnungen mit den Opfern und die tiefgründigen und respektvollen Dialoge sollen zudem dazu dienen, dass die Täter Opferbewusstsein und -Empathie entwickeln können. Aufgrund dessen, dass sich die Treffen über zwei Monate erstrecken erleben Opfer oftmals, wie Gefangene beginnen, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Die Opfer erfahren zudem, wie ihre eigenen, schmerzhaften Erfahrungen dazu dienen können, Tätern zu helfen, die Konsequenzen ihrer Taten zu erkennen. Diese intensiven Dialoge können zudem Opfer darin unterstützen, ihren eigenen Prozess zu einem bedeutungsvollen Abschluss zu bringen. Ebenso ist es das Ziel, Opfer zu ermächtigen, damit sie ihr Leben neu wieder in ihre Hand nehmen und aktiv ihre Zukunft und ihre Rolle gestalten können. Durch die Gespräche erhalten Opfer auch wichtige Einblicke in die Gründe, wie es zu solch schweren Straftaten kommen kann. Sie erfahren auch mehr über das Justizsystem, was dazu dient, dass sie sich besser informiert und oftmals sicherer fühlen (Christen-Schneider, 2020). Bisherige Erfahrungen Die anonymen Evaluationen der bisher durchgeführten Programme zeigen eine hohe Zufriedenheit von Seiten aller Teilnehmer. Opfer schätzen den sicheren, respektvollen Rahmen, um ihre Geschichte erzählen und die Tat aufarbeiten zu können. Für Opfer kann das Programm hilfreich sein, um auch Jahre nach dem Verbrechen einen gewissen Heilungsprozess und eine Reduktion in den posttraumatischen Symptomen zu erleben, die oftmals noch vorhanden sind. Ebenso empfinden die Gefangenen das Programm als sehr hilfreich, wenn auch sehr intensiv und in keiner Weise als „einfach“. Sie betonen stets, dass es ihnen die Augen geöffnet habe für das Leiden der Opfer und daher signifikante Auswirkungen auf ihre Denkweise hat. Im Gegensatz zu einer Tataufarbeitung im therapeutischen Rahmen, wo sie sich vorstellen müssen, wie sich die Opfer wohl fühlen könnten, hören sie hier direkt, was ihre Taten für Auswirkungen auf Opfer haben. Dies löst grosse Betrof- 4. Claudia Christen-Schneider 186 fenheit und eine intrinsiche Motivation aus, nicht mehr rückfällig zu werden, um nie mehr Menschen in dieser Weise zu verletzen. Jeder Anfang in einer neuen Strafanstalt stellt eine Herausforderung dar. Einerseits ist es nicht immer einfach, bis die Abläufe innerhalb des bestehenden Systems geplant sind und eine Durchführung stattfinden kann, und zudem gilt es, das Programm in der neuen Region bekannt zu machen, damit Opfer sich für eine Teilnahme melden können. Die Zusammenarbeit mit Opferhilfestellen ist diesbezüglich zentral. Ausblick fürs neue Jahr Seit der ersten Durchführung im 2017 haben wir immer wieder Anfragen erhalten von Opfern, ob wir nicht auch ein spezifisches Programm für restaurative Dialoge nach Sexualstraftaten durchführen würden. Derzeit sind wir in der Gründung einer Fachgruppe, welche ein solches Programm erarbeiten wird. Eine erste Durchführung ist für das Frühjahr des nächsten Jahres geplant. Dialoge mit Opfern und Tätern solcher Tathintergründe erfordern eine nochmals viel grössere Vorbereitungszeit, um eine allfällige Retraumatisierung zu verhindern. So werden die Täter auch über mehrere Wochen vorbereitet werden, bevor eine erste Begegnung mit den teilnehmenden Opfern stattfindet. Um auch unsere Teammitglieder noch spezifisch vorzubereiten, wird es im Januar 2020 einen Kurs geben für die Anwendung der Restaurativen Justiz im Falle häuslicher und sexueller Gewalt. Weiter sind wir auch in der Planung von Dialogen für Langzeitgefangene und deren Familien, damit sie gemeinsam die Tat aufarbeiten und den bevorstehenden Austritt planen können. Ziel ist somit insbesondere auch Partnerinnen und Kinder durch restaurative Prozesse zu unterstützen. Bibliographie Christen-Schneider, C. (2020). Erste Erfahrungen mit Restaurativer Justiz im Falle schwerer Verbrechen in einem Schweizer Gefängnis. In N. Queloz, C. Jaccottet Tissot, N. Kapferer & M. Mona (Hrsg.), Changer de regard: la justice restaurative en cas d’infractions graves. Zürich: Schulthess Verlag, S. 69–90. Council of Europe (2018). Recommendation CM/Rec(2018)8 of the Committee of Ministers to member States concerning restorative justice in criminal matters. https://search.coe.int/cm/Pages/result_details.aspx?ObjectId=09000016808e35f3 (letzter Zugriff: 24. Oktober 2019). 5. 6. 8. Erfahrungen mit den Restaurativen Dialogen in der Schweiz 187 Council of Europe (2018). Commentary to Recommendation CM/Rec(2018)8 of the Committee of Ministers to member States concerning restorative justice in criminal matters, CM(2018)115-add2. https://rm.coe.int/09000016808cdc8a (letzter Zugriff: 24. Oktober 2019). Marshall, T. (1996). The evolution of restorative justice in Britain. European Journal on Criminal Policy and Research, 4(4), S. 31–43. Claudia Christen-Schneider 188

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References

Zusammenfassung

In Folge der weltweiten Corona-Krise gewinnen die Vorschläge zu einem „Systemischen Wandel“ auch in der Kriminal-, Justiz- und Sozialpolitik neue Bedeutung.

Dieser Band informiert über Masterpläne und Agenden der strategischen Steuerung von Innovationen in allen Arbeitsfeldern der Resozialisierung in einem Verbund von öffentlichen und privaten Trägern. In Österreich, der Schweiz und in Deutschland gibt es dazu konkrete Vorschläge von Fach- und Führungskräften und Experten der lokalen und nationalen Ebene, dies gilt auch für die internationale und europäische Dimension. Innovative Projekte weisen gesteigerte Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Gesamtkonzepten der ambulanten und stationären Resozialisierung nach.

Maelicke und Wein fordern im Übergang in eine Zeitenwende eine „Große Transformation“ und plädieren für einen nachhaltigen und wirkungsorientierten Umgang mit Tätern und Opfern.