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Christoph Niemeyer, Einsetzung und Besetzung des Gläubigerausschusses in:

Christoph Niemeyer

Gläubigerbeteiligung im Regelinsolvenzverfahren, page 89 - 96

Eine rechtsvergleichende Untersuchung zum deutschen und italienischen Recht

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4216-8, ISBN online: 978-3-8452-1579-2 https://doi.org/10.5771/9783845215792

Series: Schriften zum Insolvenzrecht, vol. 33

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89 zung eines Gläubigerausschusses besteht darin, dass ein kleines Gremium durch einen größeren Zeiteinsatz und eine schnelle und flexible Arbeitsweise und Entscheidungsfindung das große Gremium entlastet und den ständigen Einfluss der Gläubiger auf das Verfahren sicherstellt.399 Der Gläubigerausschuss vertritt die Interessen der gesamten Gläubigerschaft400 – verstanden als die Summe der Insolvenzgläubiger und der absonderungsberechtigten Gläubiger.401 Die Ausschussmitglieder sollen daher grundsätzlich nicht nur die eigenen Interessen oder die eines bestimmten Gläubigers wahrnehmen.402 II. Einsetzung und Besetzung des Gläubigerausschusses 1. Einsetzung Die Einrichtung eines Gläubigerausschusses ist fakultativ. Vor der ersten Gläubigerversammlung kann das nach freiem Ermessen entscheidende Gericht gemäß § 67 Abs. 1 InsO einen Gläubigerausschuss einsetzen.403 Dabei lässt es sich von Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten leiten.404 Anschließend bestimmt die Gläubigerversammlung, ob ein Gläubigerausschuss eingesetzt wird, § 68 Abs. 1 InsO. 399 Vgl. Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 34. 400 BGH, WM 2007, 842; AG Hildesheim, KTS 1985, 130 (131); Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 67 RN 2; Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 67 RN 4; Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 67 RN 7; Klopp/Kluth, in: Gottwald et al. (Hrsg.), Insolvenzrechts-Handbuch, § 21 RN 1; Obermüller, Insolvenzrecht in der Bankpraxis, RN 1.418; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 296; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 300. 401 Nicht der aussonderungsberechtigten Gläubiger, vgl. Hegmanns, Der Gläubigerausschuss, S. 86; Schmid-Burgk, in: Kirchhof/Lwowski/Stürner (Hrsg.), MünchKomm-InsO, § 71 RN 2; Uhlenbruck, ZIP 2002, 1373 (1377); a.A.: Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 26 ff. 402 BGH, NJW-RR 2007, 1059 (1062) = BGH, WM 2007, 842; Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 67 RN 4; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 313; Pape, ZInsO 2002, 1017 (1018); Pape, WM 2006, 19 (20); Vallender, WM 2002, 2040 (2041). 403 Andres, in: Andres/Leithaus/Dahl, Insolvenzordnung, §§ 67, 68 RN 3; Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 9; Eickmann, in: Eickmann et al. (Hrsg.), HK- InsO, § 67 RN 2; vgl. auch Schmid-Burgk, in: Kirchhof/Lwowski/Stürner (Hrsg.), Münch- Komm-InsO, § 67 RN 6. 404 Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 9; zu den Kriterien, von denen sich das Gericht leiten zu lassen hat, Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 298; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 282 ff.; Vallender, WM 2002, 2040 (2041). 90 a) Einsetzung eines Gläubigerbeirats Ob es unter der Geltung der Konkursordnung zulässig war, statt eines Gläubigerausschusses einen Gläubigerbeirat zu setzen, war streitig.405 Heute wird diese Frage überwiegend bejaht;406 teilweise aber weiterhin abgelehnt.407 Ein solcher Beirat würde in erster Linie der Beratung des Insolvenzverwalters dienen.408 Er hätte aber keine Aufsichts- und Kontrollbefugnisse.409 Gegen die Zulässigkeit spricht weder, dass eine Gefahr der missbräuchliche Verwendung von Insiderinformationen hoch sei,410 noch der Umstand, dass eine Kontrolle des Beirates mangels einer Haftung aus § 71 InsO nicht gegeben sei.411 Denn der zwischen den Gläubigern und den Beiratsmitgliedern geschlossene Beratervertrag erzeugt über § 280 BGB einen dem § 71 InsO vergleichbaren Pflichtenkreis, der auch eine Haftung im Falle von Indiskretionen auslösen kann.412 Man kann sogar überlegen, ob Gläubiger, die nicht Vertragspartei geworden sind, von der Schutzwirkung eines solchen Vertrages erfasst sind. Dementsprechend hat auch der Gesetzgeber die Mitwirkung eines Gläubigerbeirates für zulässig erachtet.413 Freilich ist es fraglich, welches Bedürfnis für einen solchen Beirat besteht, wenn die Gläubiger die Zahl der Mitglieder des Gläubigerausschusses frei bestimmen können.414 405 Vgl. Hegmanns, Der Gläubigerausschuss, S. 64 m.w.N. 406 Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 67 RN 36; Kind, in: Braun/Bauch (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 67 RN 16; Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 67 RN 18; Obermüller, Insolvenzrecht in der Bankpraxis, RN 1.432 f.; Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 46 f.; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 301; Uhlenbruck, InsO, § 67 RN 3 f. 407 Andres, in: Andres/Leithaus/Dahl, Insolvenzordnung, §§ 67, 68 RN 16; Eickmann, in: Eickmann et al. (Hrsg.), HK-InsO, § 70 RN 9; Frege, NZG 1999, 478 (484); Frege/Keller/ Schmidt, Insolvenzrecht, RN 1233a; Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 67 RN 10; Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 68 RN 8; Pape, ZinsO 1999, 675 (676); Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 289. 408 Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 47; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 301; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 289. 409 Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 47; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 289. 410 So aber Eickmann, in: Eickmann et al. (Hrsg.), HK-InsO, § 70 RN 9; Frege, NZG 1999, 478 (484); Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 67 RN 10; Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 68 RN 8. 411 Eickmann, in: Eickmann et al. (Hrsg.), HK-InsO, § 70 RN 9; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 289. 412 Vgl. Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 67 RN 36; Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 48. 413 BT-Drucks. 12/2443, S. 99. 414 Vgl. Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 302; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 289; siehe aber Kind, in: Braun/Bauch (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 67 RN 16. 91 b) Einsetzung eines endgültigen Gläubigerausschusses Die Gläubigerversammlung kann in der ersten oder einer späteren Versammlung415 die Beibehaltung des bereits eingesetzten vorläufigen Ausschuss nach § 68 Abs. 1 S. 2 InsO oder – wenn noch kein Ausschuss eingesetzt wurde – die Einsetzung nach § 68 Abs. 1 S. 1 InsO beschließen. 2. Zusammensetzung Nach § 67 Abs. 2 InsO sollen dem Gläubigerausschuss alle relevanten Gläubigergruppen angehören (absonderungsberechtigte Gläubiger, Insolvenzgläubiger mit den höchsten Forderungen, Kleingläubiger und Arbeitnehmer, wenn diese als Insolvenzgläubiger mit nicht unerheblichen Forderungen beteiligt sind). Damit soll eine angemessene Repräsentation aller beteiligten Gläubiger sichergestellt werden.416 § 67 Abs. 2 InsO gilt jedenfalls bei der Ernennung des Ausschusses durch das Gericht. Der Gläubigerausschuss muss nach herrschender Meinung aus mindestens zwei Mitgliedern bestehen.417 Eine Höchstzahl von Mitgliedern gibt es nicht.418 Aus Praktikabilitätserwägungen wird aber zu drei bis maximal fünf Mitgliedern geraten.419 Die gewählten Personen werden erst Mitglieder des Gläubigerausschusses, wenn sie die Wahl annehmen, wobei eine Pflicht zur Annahme nicht besteht.420 415 Andres, in: Andres/Leithaus/Dahl, Insolvenzordnung, §§ 67, 68 RN 10; Frege, NZG 1999, 478 (481); Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711ff, RN 18; Heukamp, Verfahrensrechtliche Aspekte der Gläubigerautonomie, S. 90 f.; Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 68 RN 2; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 303; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 288; Vallender, WM 2002, 2040 (2042). 416 Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 67 RN 3. 417 Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 67 RN 5; Frege, NZG 1999, 478 (482); Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 12; Heukamp, Verfahrensrechtliche Aspekte der Gläubigerautonomie, S. 92; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 307; Runkel, in: Runkel (Hrsg.), Anwalts-Handbuch Insolvenzrecht, § 6 RN 226; a.A.: (mindestens drei Mitglieder): Andres, in: Andres/Leithaus/Dahl, Insolvenzordnung, §§ 67, 68 RN 6;wohl auch Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 292. 418 Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 67 RN 5; Schmid-Burgk, in: Kirchhof/Lwowski/Stürner (Hrsg.), MünchKomm-InsO, § 67 RN 11; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 307. 419 Vgl. Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 12; Klopp/Kluth, in: Gottwald et al. (Hrsg.), Insolvenzrechts-Handbuch, § 21 RN 1; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 307; Vallender, WM 2002, 2040 (2041). 420 Gundlach/Frenzel/Schmidt, ZInsO 2006, 69 (70); Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 67 RN 16; Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 42; Vallender, WM 2002, 2040 (2042); Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 293. 92 a) In den Ausschuss wählbare Personen In den Ausschuss können sowohl Gläubiger421 als auch Nichtgläubiger gewählt werden, vgl. § 67 Abs. 3 InsO. Ausgeschlossen sind aber der Schuldner422 und seine organschaftlichen Vertreter,423 die persönlich haftenden Gesellschafter424 des Schuldners und der Insolvenzverwalter.425 Behörden können mangels Rechtsfähigkeit nicht in den Ausschuss berufen werden,426 wohl aber deren Mitarbeiter427 oder – wie aus dem Wortlaut und einem Umkehrschluss zu § 100 Abs. 1 AktG folgt –428 juristische Personen.429 Wegen der Gefahr von Interessenkollisionen und unzulässigen Absprachen430 ist es in Analogie zu § 100 Abs. 2 Nr. 3 AktG431 unzulässig, dass sich Verwalter verschiedener Insolvenzverfahren wechselseitig in den jeweiligen Ausschuss wählen lassen (sog. „Überkreuzbesetzungen“).432 421 Vgl. Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 308. 422 Eickmann, in: Eickmann et al. (Hrsg.), HK-InsO, § 67 RN 5; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 308. 423 Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 308; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 295. 424 Eickmann, in: Eickmann et al. (Hrsg.), HK-InsO, § 67 RN 6; Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 67 RN 25. 425 Eickmann, in: Eickmann et al. (Hrsg.), HK-InsO, § 67 RN 5; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 308. 426 BGHZ 124, 86 (90) = NJW 1994, 453; Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 67 RN 6; Obermüller, Insolvenzrecht in der Bankpraxis, RN 1.416; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 308. 427 Frege/Keller/Schmidt, Insolvenzrecht, RN 1195; Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 16; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 308. 428 Vgl. Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 67 RN 22. 429 BGHZ 124, 86 (89 f.); Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 16; Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 67 RN 8; Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 67 RN 22; Obermüller, Insolvenzrecht in der Bankpraxis, RN 1.416; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 309; Runkel, in: Runkel (Hrsg.), Anwalts-Handbuch Insolvenzrecht, § 6 RN 228; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 296; a.A.: Hegmanns, Der Gläubigerausschuss, S. 113. 430 Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 67 RN 6; Pape, Gläubigerautonomie im Insolvenzverfahren, RN 310; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 297; Vallender, WM 2002, 2040 (2041); a.A.: Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 68 RN 11. 431 Vgl. Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 67 RN 6; Schmid-Burgk, in: Kirchhof/Lwowski/Stürner (Hrsg.), MünchKomm-InsO, § 68 RN 17; Uhlenbruck, ZIP 2002, 1373 (1381). 432 Vgl. dazu auch Hegmanns, Der Gläubigerausschuss, S. 115 ff. 93 b) Wahl anderer Ausschussmitglieder aa) Allgemeines Die Gläubigerversammlung kann Mitglieder, die durch das Insolvenzgericht in den Ausschuss bestellt worden sind, nach § 68 Abs. 2 InsO abwählen und andere oder zusätzliche Mitglieder des Gläubigerausschusses wählen. bb) Angemessene Repräsentation Die Gläubigerautonomie steht in einem Konflikt zu dem Ziel, den Ausschuss möglichst ausgewogen zu besetzen und damit auch Minderheiten zu berücksichtigen.433 Ausdruck dieses Spannungsverhältnisses ist die Frage, ob § 67 Abs. 2 InsO aus systematischen Gründen nur für das Gericht bei Einsetzung eines vorläufigen Gläubigerausschusses gilt oder sich auch entsprechend seinem Zweck, eine ausgewogene Besetzung sicherzustellen, auch an die Gläubigerversammlung richtet.434 Mangels anderweitiger Möglichkeiten, eine angemessene Repräsentation durchzusetzen,435 wird diese Frage allein im Rahmen des § 78 InsO relevant.436 cc) Abwahl durch die Gläubigerversammlung? Streitig ist, ob die Gläubigerversammlung Mitglieder nach § 68 Abs. 2 InsO abwählen kann, die sie selbst bestellt hat. Dies wird teilweise bejaht;437 überwiegend aber abgelehnt.438 Dagegen spricht nicht nur der Wortlaut,439 sondern auch die Regelung 433 Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 68 RN 2. 434 Vgl. dazu Blersch, in: Breutigam/Blersch/Goetsch, Insolvenzrecht, § 68 RN 5; Frind, in: Schmidt (Hrsg.), Hamburger Kommentar-InsO, § 68 RN 2; Frege/Keller/Schmidt, Insolvenzrecht, RN 1194; Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 68 RN 3; Heukamp, Verfahrensrechtliche Aspekte der Gläubigerautonomie, S. 92; Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 68 RN 4; Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 37; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 306; Runkel, in: Runkel (Hrsg.), Anwalts-Handbuch Insolvenzrecht, § 5 RN 226; Vogl, InVo 2001, 389 (390). 435 Hess/Weis, InVo 1997, 1; Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 37; vgl. auch Vallender, WM 2002, 2040 (2042); wiederholt wird auch darauf hingewiesen, dass § 67 Abs. 2 InsO keinen Anspruch auf eine bestimmte Entscheidung gebe, Frege, NZG 1999, 478 (480); Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 12; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 307; vgl. auch Obermüller, Insolvenzrecht in der Bankpraxis, RN 1.417; Voigt- Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 290. 436 Vgl. dazu bereits oben S. 66 ff. 437 Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff, RN 20. 438 BGH, ZIP 2007, 781 m. zust. Anmerkungen Gundlach/Frenzel, EWiR 2007, 403; Andres, in: Andres/Leithaus/Dahl, Insolvenzordnung, §§ 67, 68 RN 12; Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 68 RN 3; Eickmann, in: Eickmann et al. (Hrsg.), HK-InsO, § 68 94 des § 70 InsO.440 Das Erfordernis eines wichtigen Grundes für die Entlassung würde weitgehend entwertet, wenn die Gläubigerversammlung ein Mitglied einfach nach § 68 Abs. 2 InsO abwählen könnte.441 Durch die Nichtübernahme des § 87 Abs. 2 KO hat der Gesetzgeber bewusst die Stellung der Ausschussmitglieder gestärkt.442 Daher ist eine Abwahl von Ausschussmitgliedern durch die Versammlung grundsätzlich nicht zulässig. Man mag aber eine Ausnahme zulassen, wenn sich im Laufe des Verfahrens herausstellt, dass im Verhältnis zu den noch zu bewältigenden Aufgaben ein Gläubigerausschuss nicht mehr erforderlich ist.443 Im Interesse der Verfahrensökonomie können die Gläubiger den Ausschuss insgesamt absetzen, wenn sich ein Missbrauch (scil. eine Umgehung des § 70 InsO) ausschließen lässt.444 c) Ersatzmitglieder, nachträgliche Ergänzung, Selbstergänzung Nicht ausdrücklich geregelt ist der Fall, dass Ausschussmitglieder nachträglich wegfallen. Hier bieten sich verschiedene Möglichkeiten an, die Zahl der Mitglieder des Gläubigerausschusses zu ergänzen. aa) Bestimmung von Ersatzmitgliedern Die Gläubigerversammlung kann von vornherein Ersatzmitglieder für den Fall wählen, dass Mitglieder des Gläubigerausschusses fortfallen.445 Das empfiehlt sich ins- RN 5; Frege, NZG 1999, 478 (482); Frind, in: Schmidt (Hrsg.), Hamburger Kommentar- InsO, § 68 RN 3; Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 70 RN 3; Kind, in: Braun/Bauch (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 67 RN 16; Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 68 RN 3; Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 68 RN 14; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 311; Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 41; Runkel, in: Runkel (Hrsg.), Anwalts-Handbuch Insolvenzrecht, § 6 RN 227; Vogl, InVo 2001, 389; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 298. 439 Eickmann, in: Eickmann et al. (Hrsg.), HK-InsO, § 68 RN 5; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 311. 440 Frege, NZG 1999, 478 (482); Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 41; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 311; Vogl, InVo 2001, 389. 441 Vgl. Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 68 RN 14; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 298. 442 Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 311. 443 Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 68 RN 9. 444 Blersch, in: Breutigam/Blersch/Goetsch, Insolvenzrecht, § 68 RN 2; Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 68 RN 10. 445 Blersch, in: Breutigam/Blersch/Goetsch, Insolvenzrecht, § 68 RN 6; Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 68 RN 18; Schmid-Burgk, in: Kirchhof/Lwowski/Stürner (Hrsg.), MünchKomm-InsO, § 67 RN 25; Vallender, WM 2002, 2040 (2041); siehe auch Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 293. 95 besondere bei kleineren Ausschüssen.446 In der Praxis ist dies allerdings kaum üblich.447 bb) Nachträgliche Ergänzung Fallen nachträglich Mitglieder des Gläubigerausschusses (etwa durch Entlassung) weg, kann die Gläubigerversammlung neue Mitglieder zur Ergänzung wählen.448 Ob eine solche Ergänzungskompetenz auch dem Gericht zukommt, ist streitig.449 cc) Selbstergänzung Die Gläubigerversammlung kann den Gläubigerausschuss zu einer Selbstergänzung ermächtigen450 – von sich aus kann der Ausschuss dies aber nicht.451 d) Tatsächliche Besetzung In der deutschen Praxis wurden häufig Juristen in den Gläubigerausschuss gewählt.452 Noch häufiger waren aber Personen mit einem wirtschaftlichen Hintergrund (Diplomkaufleute, Personen mit kaufmännischer Lehre, Unternehmer, Wirtschaftsprüfer) vertreten.453 Die Mitglieder vertraten häufig Banken und Warenlieferanten.454 Vertreter von Kleingläubigern wurden demgegenüber äußerst selten in den Ausschuss entsandt.455 446 Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 68 RN 18. 447 Uhlenbruck, InsO, § 67 RN 23. 448 Blersch, in: Breutigam/Blersch/Goetsch, Insolvenzrecht, § 68 RN 6; Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 68 RN 19. 449 Für eine Ergänzungskompetenz des Gerichts AG Duisburg, NZI 2003, 659; a.A.: Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 68 RN 20, der sich auf die Gläubigerautonomie beruft. 450 Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 68 RN 19; Vallender, WM 2002, 2040 (2041). 451 Gerhardt, in: Henckel/Gerhardt (Hrsg.), Jaeger Insolvenzordnung, § 68 RN 19. 452 Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 67 RN 7; Gessner et al., Die Praxis der Konkursabwicklung, S. 451. 453 Vgl. Gessner et al., Die Praxis der Konkursabwicklung, S. 451, die allerdings aufgrund einer feineren Differenzierung zu dem Ergebnis kommen, dass Juristen den Gläubigerausschuss dominieren. 454 Gessner et al., Die Praxis der Konkursabwicklung, S. 451. 455 Gessner et al., Die Praxis der Konkursabwicklung, S. 452. 96 III. Kompetenzen 1. Geschriebene Kompetenzen Wie bereits oben erwähnt wird die allgemeine Funktion des Gläubigerausschusses in § 69 S. 1 InsO umschrieben. Weitere Befugnisse werden in der Insolvenzordnung genannt.456 So stehen ihm verschiedene Antragsrechte zu,457 vgl. etwa §§ 74, 75 InsO. Daneben hat er die Möglichkeit, sich über bestimmte Vorgänge zu informieren (insbesondere Unterrichtung von dem Insolvenzverwalter zu verlangen oder Akteneinsicht zu nehmen).458 Dieser umfassende Auskunftsanspruch steht nicht nur dem Ausschuss als Ganzem, sondern auch jedem einzelnen Mitglied zu.459 Freilich soll dieser begrenzt werden, wenn das Ausschussmitglied selbst betroffen ist – wie etwa bei einem gegen ihn beabsichtigten Anfechtungsprozess.460 Ferner werden die maßgeblichen Zustimmungskompetenzen der Gläubigerversammlung bei Einsetzung eines Ausschusses auf diesen verlagert,461 vgl. § 160 InsO. Im Fall von Zustimmungserfordernissen muss der Ausschuss nicht zu jeder einzelnen Handlung seine Zustimmung erteilen. Vielmehr kann der Gläubigerausschuss – wie die Gläubigerversammlung – dem Insolvenzverwalter eine Rahmenzustimmung erteilen, die sich auch auf Gegenstände im Sinne des § 160 Abs. 2 InsO beziehen kann.462 Damit wird der Insolvenzverwalter zu allen Rechtshandlungen ermächtigt, die von dem vorgegebenen Rahmen erfasst werden.463 Eine Weisungsbefugnis gegenüber dem Insolvenzverwalter, bei der der Ausschuss initiativ entscheidet, besteht hingegen nach herrschender Auffassung nicht.464 456 Eine Übersicht findet sich etwa bei Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 69 RN 7. 457 Vgl. dazu Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 37 ff. 458 Vgl. Lachmann, Gläubigerrechte, RN 919; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 351; Uhlenbruck, KTS 1989, 527 (537); Vallender, WM 2002, 2040 (2047). 459 Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 333; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 244. 460 Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 333, 341; Uhlenbruck, BB 1976, 1198 (1199); Voigt- Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 245; vgl. auch Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 69 RN 23. 461 Ausführlich dazu Gundlach/Frenzel/Jahn, ZInsO 2007, 1028 (1029). 462 Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 253. 463 Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 253. 464 Andres, in: Andres/Leithaus/Dahl, Insolvenzordnung, § 69 RN 11; Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 68 RN 1; Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 69 RN 4; Gundlach/Frenzel/Jahn, ZInsO 2007, 1028 (1029); Vallender, WM 2002, 2040 (2046).

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References

Zusammenfassung

Die umfassende Gläubigerbeteiligung hat eine lange Tradition im deutschen Insolvenzrecht. In der Praxis beteiligen sich die Gläubiger jedoch häufig nicht. Dieser Umstand und unausgewogene Entscheidungen der Gläubiger können das Verfahrensziel, die bestmögliche Befriedigung der Gläubiger, gefährden. Die Untersuchung vergleicht die Gläubigerbeteiligung nach der deutschen Insolvenzordnung mit der durch das decreto legislativo 9 gennaio 2006, n. 5 und das decreto legislativo 12 Settembre 2007, n. 169 reformierten legge fallimentare. Die Arbeit erörtert umfassend aktuelle juristische Fragen. Der rechtsvergleichende Teil bezieht Ansätze der ökonomischen Analyse des Rechts und der Verhaltensökonomik ein, um konkrete Änderungsvorschläge zu erarbeiten.