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Peter Kasiske, John Dewey als "Public Philosopher" des Progressivismus in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 126 - 131

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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126 II. Demokratietheorie bei John Dewey Dass der Pragmatismus bisweilen in den Rang einer "Philosophie der Demokratie" erhoben wird384 ist vor allem das Verdienst von John Dewey. Von den pragmatistischen Philosophen hat sich keiner so ausführlich und grundlegend zu Fragen der politischen Philosophie geäußert wie er. Hinzu kam, dass er regelmäßig auch zu tagespolitischen Fragen öffentlichkeitswirksam Stellung nahm und so in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts als "public philosopher" in den Vereinigten Staaten einen Einfluss auf das intellektuelle politische Leben ausübte, der vergleichbar ist mit der Rolle, die etwa Jean-Paul Sartre im Europa der Nachkriegszeit gespielt hat. Im folgenden soll dargestellt werden, wie die philosophischen Grundpositionen von Deweys Pragmatismus sich in seinem politischen Denken niederschlagen. Anschließend werden die beiden Begründungsstränge nachgezeichnet, die Deweys Demokratietheorie kennzeichnen: Zum einen eine moralisch-naturalistische Teleologie, zum anderen eine auf ein spezifisches Verständnis der Funktion von Öffentlichkeit aufgebaute funktional-epistemologische Argumentation. Zunächst soll jedoch kurz der historische und ideengeschichtliche Hintergrund geschildert werden, vor dem Dewey seine Demokratietheorie entwickelt hat. 1. John Dewey als "Public Philosopher" des Progressivismus Dewey hat sich Zeit seines Lebens rege an der öffentlichen Diskussion über politische und soziale Fragen beteiligt. Er schrieb unzählige Artikel und Kolumnen in Tageszeitungen und politischen Magazinen zu so unterschiedlichen politischen Themen wie dem Kriegseintritt der USA, der politischen Situation in China oder zum Prozess gegen Leo Trotzki. Dewey wurde so zu einem der einflussreichsten Intellektuellen in den Vereinigten Staaten, dessen Urteil auch außerhalb der Universität weites Gehör fand und zu einem der wichtigsten Vordenker der Bewegung des "Progressivismus", einer Strömung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts maßgeblich das politische Klima in den Vereinigten Staaten prägte. a) Das Programm des Progressivismus Der Progressivismus war eine Reaktion auf die politischen Herausforderungen, denen sich die amerikanische Demokratie angesichts des einschneidenden ökonomischen und sozialen Strukturwandels um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ausgesetzt sah. Insbesondere die Industrialisierung hatte zu erheblichen Veränderungen und Verwerfungen innerhalb der sozialen Strukturen geführt. Auf der einen 384 So etwa der Titel der Monographie von Fott (1998) und eines von Joas herausgegebenen Sammelbandes zum Pragmatismus von Dewey. 127 Seite waren gewaltige Konzerne und Trusts entstanden, die in einem bis dahin nicht gekannten Umfang wirtschaftliche Macht auf sich konzentrierten. Auf der anderen Seite war – nicht zuletzt durch einen enormen Zustrom europäischer Auswanderer, die sich als billige Arbeitskräfte anboten – eine zunehmende Verelendung des Industrieproletariats zu beobachten. In diesem veränderten sozialen Klima begannen die klassischen liberalen Leitideen, die bisher die amerikanische Sozial- und Wirtschaftsordnung geprägt hatten, nämlich Privatautonomie, freier Markt und Laissez- Faire, zunehmend fragwürdig zu werden. Die Privatautonomie war faktisch wertlos für diejenigen, die nichts als ihre Arbeitskraft anzubieten hatten und daher gezwungen waren, auch Jobs mit schlechter Bezahlung und katastrophalen Arbeitsbedingungen anzunehmen. Der freie Markt war dort ad absurdum geführt, wo eine Handvoll von Trusts den Markt unter sich aufgeteilt hatte und so die Preise diktieren konnte. Und eine ordnungspolitische Laissez-Faire-Haltung war außer Stande, diesen Missständen Einhalt zu gebieten. Zum Klima einer aus dem Ruder gelaufenen ökonomischen Modernisierung gesellte sich ein Unbehagen darüber, dass die Institutionen, die die tradierten Werte und Moralvorstellungen repräsentierten, zunehmend an Autorität verloren, und so nicht imstande waren, dem rasanten Wandel der sozialen Lebenswelt eine sinnvolle religiöse, moralische oder politische Deutung zu geben. „Theory was out of phase with reality“ hat James Kloppenberg dieses Epochengefühl beschrieben385. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden daraufhin geistige Strömungen, die versuchten, den verloren gegangenen Einklang von Theorie und Realität wieder herzustellen. Für die Kennzeichnung dieser Bewegungen wurde rasch der Name „Progressive Movement“ oder „Progressivism“ geprägt. Dahinter verbirgt sich jeweils eine Sammelbezeichnung für verschiedene sozialreformerische Initiativen, die ganz unterschiedlichen Quellen entsprangen. Sie hatten ihren Ursprung teils im Moralismus der alteingesessenen protestantischen Konfessionen, teils aber auch in einer technokratischen Wissenschaftsgläubigkeit, wie sie vor allem in den neu entstandenen gebildeten Mittelschichten verbreitet war386. Angesichts dieser unterschiedlichen Ursprünge ist es wenig erstaunlich, dass innerhalb des „Progressive Movement“ z.T. sehr unterschiedliche Ziele verfolgt wurden und es auch innerhalb der Bewegung zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vertretern der einzelnen Richtungen kam387. Trotz dieser inneren Ambivalenzen und Widersprüche lassen sich aber dennoch gemeinsame Merkmale ausmachen: Zum einen ging es dem Progressivismus darum, den atomistischen Individualismus des klassischen Liberalismus zu überwinden und stattdessen den demokratischen Staatsbürger als jemanden zu begreifen, der seine individuelle Identität erst durch die Kultur und die Werte der Gemeinschaft, in der er lebt, entfalten kann. Damit verbunden war das Eintreten für einen aktiven „welfare state“, der die materiellen Voraussetzungen dieser individuellen Selbstentfaltung für 385 Kloppenberg (1986) S. 298. 386 Vgl. zum Progressive Movement u.a. Hofstadter (1955); Westbrook (1991) S. 182 ff.; Vogt (2002) S. 83 ff. 387 Dazu besonders Vogt (2002) S. 85 ff. 128 alle Bürger gewährleisten sollte, indem er Ungleichgewichte an den Märkten beseitigt und den sozial Schwächeren Schutz vor Übervorteilung und Ausbeutung bietet. Die staatlichen Institutionen sollten sich hierfür insbesondere der modernen Methoden der Sozialwissenschaften, der Ökonomie und der Statistik bedienen. Zusammengefasst könnte man das politische Projekt des Progressivismus als das Bestreben kennzeichnen, der amerikanischen Gesellschaft sowohl ein tragfähiges ethisches Fundament als auch eine effiziente und moderne Organisation zu verschaffen388. Es ging darum, die Errungenschaften der amerikanischen Demokratie sowohl vor ihrer Aushöhlung durch einen entfesselten Industriekapitalismus als auch vor der Gefahr einer sozialistischen Revolution zu bewahren. Insoweit war der Progressivismus eine Bewegung des sozialdemokratischen "via media" zwischen radikalem Liberalismus und Sozialismus389. Der Widerstand des Progressivismus richtete sich vor allem gegen jene Denkweisen, die seiner Ansicht nach eine angemessene gesellschaftliche Reaktion auf die sich wandelnden Lebensverhältnisse dadurch verhinderten, dass sie weiterhin an überlieferten formalen Prinzipien festhielten, ohne ausreichend zu berücksichtigen, dass diese jetzt auf völlig veränderte soziale Inhalte bezogen waren. So wandte sich das Progressive Movement gegen eine Ökonomie, die allein im freien Walten der Marktkräfte eine Gewähr für steigenden Wohlstand zu erkennen vermochte, ohne zu bemerken, dass in der sozialen Realität zahlreiche Märkte längst nicht mehr so frei und effizient funktionierten, wie es die abstrakten Theorien der Volkswirte vorsahen. Ebenso wandte sich der Progressivismus gegen ein Privatrecht, das die Wirksamkeit von Verträgen allein an die Willensübereinstimmung der Parteien knüpfen wollte, ohne zu berücksichtigen, dass diese Parteien aufgrund vielfältiger sozialer Interessen und Machtverhältnisse in Wirklichkeit längst nicht so autonom agieren konnten, wie das Dogma der Privatautonomie dies unterstellte. Der kritische Impuls des Progressive Movement bestand daher vor allem in dem, was Morton White als eine "Revolte gegen den Formalismus" bezeichnet hat390. Dabei war das „Progressive Movement“ keineswegs eine revolutionäre, sondern eine durch und durch reformerische Bewegung. Die demokratische Verfassung der Vereinigten Staaten wurde nicht in Frage gestellt, es ging vielmehr darum, diese Verfassung durch einen erneuerten Gemeinsinn mit neuem Leben zu erfüllen. Dass das amerikanische Gemeinwesen nur als ein Demokratisches denkbar war, war für alle Progressivisten eine Selbstverständlichkeit. Auch die sozialreformerischen Bestrebungen des Progressivism zielten nicht darauf ab, die marktwirtschaftliche Wirtschaftsverfassung in sozialistischem Sinne umzugestalten. Das Progressive Movement legte Wert auf eine scharfe Abgrenzung gegenüber sozialistischen oder gar kommunistischen Ideen. Markt und freier Wettbewerb sollten nicht als Übel beseitigt, sondern wieder in ihr ursprüngliches Recht gesetzt werden, indem faire ökonomische Chancen für alle Marktteilnehmer geschaffen wurden. Dazu war es aus Sicht 388 Vogt (2002) S. 98. 389 Kloppenberg (1986) S. 413. 390 White (1952) S. 11 ff. 129 der Progressivisten vor allem notwendig, die Marktmacht der Großkonzerne und Kartelle zu begrenzen und die Arbeitsbedingungen der werktätigen Bevölkerung durch rechtlich garantierte Mindeststandards zu verbessern. Das Progressive Movement wird zeitlich vor allem in der Periode vom Anfang des 20 Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs verortet. Infolge des Krieges verlor die amerikanische Öffentlichkeit dann zunächst das Interesse an innenpolitischen Reformen. Gerade die auf soziale und wirtschaftliche Reformen gerichteten Impulse des Progressive Movement gerieten aber nach Kriegsende erneut auf die Agenda und wirkten bis in die Zeit von Roosevelts New Deal fort, nachdem die auf den Börsenkrach von 1929 folgende Weltwirtschaftskrise das Vertrauen in die Funktionstüchtigkeit einer weitgehend unregulierten Marktwirtschaft zusätzlich untergraben hatte. Auf dem Gebiet des Rechts kam der Reformimpuls des Progressive Movement überhaupt erst in den 20er und 30er Jahren in Gestalt von Sociological Jurisprudence und Legal Realism zum Tragen, nachdem der Supreme Court der progressivistischen Gesetzgebung zunächst erheblichen Widerstand entgegen gesetzt hatte391. b) Die Rolle John Deweys Einer der wichtigsten Ideenlieferanten für die progressivistische Bewegung war John Dewey392. Die Revolte gegen den Formalismus fand in seinem pragmatischen Instrumentalismus vielleicht ihren konsequentesten und gründlichsten Ausdruck. Deweys These, dass die Philosophie sich nicht mehr auf eine "Suche nach Gewissheit" begeben sollte, sondern dass es ihre Aufgabe war, das intellektuelle Instrumentarium zu entwickeln, dass es den Menschen ermöglichen würde, mit der Dynamik und Kontingenz umzugehen, die das Leben in der Moderne prägten, entsprach der progressivistischen Auffassung, dass sich politisches Handeln nicht von Ideologien sondern von praktischen politischen und sozialen Bedürfnissen anzuleiten hatte. Die Maxime des Pragmatismus, wonach Begriffe und Theorien nur insoweit einen Sinn hatten, als sie praktisch erfahrbare Konsequenzen mit sich brachten, erwies sich als ein fruchtbarer Boden für einen Gegenentwurf zu dem Formalismus, dessen Prinzipien von der sozialen Realität zunehmend ad absurdum geführt wurden. Deweys Fundamentalkritik an den dualistischen Strukturen der abendländischen Philosophie schließlich ermöglichte es, auch eine Überwindung des Dualismus von Individuum und Gesellschaft in Angriff zu nehmen, wie er insbesondere dem klassischen Liberalismus zugrunde lag, und der von den Progressivisten als ein entscheidendes Hindernis sozialer Reformen wahrgenommen wurde, weil er abstrakte, ausschließlich als negative Abwehrrechte verstandene, individuelle Freiheitsgarantien gegen sozia- 391 Dazu ausführlich unten S. 249 ff. 392 Hofstadter (1955) S. 154 zählt ihn zum "brain trust of the progressive movement". Vgl. zu den philosophischen Grundlagen des Progressivismus auch Kloppenberg (1987) S. 410 ff. 130 le Reformen wie eine Begrenzung der Arbeitszeit oder die Einführung eines Mindestlohns ins Feld führte. Dewey teilte ausdrücklich die politischen Ziele des Progressivismus, insbesondere von dessen radikalerem Flügel393. Die Erneuerung des moralischen Fundaments der amerikanischen Demokratie und die Notwendigkeit sozialer Reformen, die nicht von Ideologie sondern von sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen angeleitet war, standen im Zentrum seines politischen Engagements. Deweys Haltung zum Sozialismus verdient dabei einen näheren Blick. Einerseits war Dewey stets ein vehementer Befürworter des Ausbaus des Wohlfahrtsstaats und er trat dafür ein, die Kontrolle der Produktionsmittel nicht in den Händen einiger weniger privilegierter Privatpersonen zu belassen. Allerdings wahrte er Zeit seines Lebens auch Distanz zum Sozialismus, soweit dieser für eine vollständige Verstaatlichung der Produktionsmittel eintrat. Dewey sah in solchen Maßnahmen die Gefahr, dass dadurch eine zentralisierte staatliche Bürokratie heraufbeschworen würde, deren Machtfülle die demokratischen Partizipationsstrukturen nachhaltig gefährden könnte394. Ihm schwebte eher ein Modell vor, wie es etwa vom britischen "Guild- Socialism" propagiert wurde. Danach sollten die Produktionsmittel nach Möglichkeit von den Arbeitern in den jeweiligen Betrieben vor Ort kontrolliert werden. Deweys Leitbild war "a federation of self-governing industries with the government acting as adjuster and arbiter rather than as direct owner and manager"395. Dewey setzte seine Hoffnungen folglich nicht auf einen zentralisierten Staatssozialismus, sondern auf eine Demokratisierung der Betriebe. Nur so konnten seiner Meinung nach auch für die breite Masse der amerikanischen Bevölkerung wirtschaftliche Bedingungen geschaffen werden, die ihr eine aktive und selbst bestimmte Teilnahme am demokratischen Gemeinwesen ermöglichten. Eine solche wirtschaftliche Autonomie der Bürger vermochten aber weder die kapitalistische Wirtschaftsordnung noch ein Staatssozialismus zu gewährleisten, weil in beiden Fällen die ökonomische Macht entweder beim privaten Eigentümer der Produktionsmittel oder in den Händen des Staates lag. Deweys Auffassungen bewegten sich damit auf der sozialdemokratischen Linie des linken Flügels des Progressive Movement und sind so ein Beleg dafür, dass es dieser Bewegung nicht um eine Abschaffung sondern um eine grundsätzliche Erneuerung des freien Wettbewerbs ging, indem tatsächlich allen Bürgern eine freie Teilhabe an Marktwirtschaft und Demokratie ermöglicht werden sollte. Deweys politisches Engagement als öffentlicher Intellektueller ist nichts, was sich von seiner pragmatistischen Philosophie trennen ließe. Sein politisches Programm erweist sich als eine konsequente Anwendung pragmatistischen Denkens auf die Sphäre des Politischen. Diesen Zusammenhang zwischen Philosophie und Politik näher zu erläutern, ist Gegenstand des nächsten Abschnitts. 393 Dazu Hoy (1998) S. 3 f. 394 Vgl. dazu vor allem Deweys Aufsatz "What are we fighting for?", Dewey MW 11.104. Dazu auch Westbrook (1991) S. 224 f. 395 Dewey MW 11.105. 131 2. Philosophie und Politik Dewey sieht den Kern der pragmatistischen Philosophie darin, dass sie den Dualismus von Theorie und Praxis hinter sich gelassen hat396. Stattdessen besteht er darauf, dass theoretische Reflexion und praktisches Handeln stets untrennbar miteinander verwoben sind. Theorie gewinnt ihren Sinn erst daraus, dass sie auf mögliche Handlungen und deren Konsequenzen bezogen ist, und rationales Handeln muss immer angeleitet sein von theoretischer Reflexion. Vor diesem Hintergrund ist es für Dewey selbstverständlich, dass politische Philosophie und politische Praxis zusammen gehören. Politisches Handeln bedarf der philosophischen Aufklärung und Anleitung, und politische Theorie ist kein Selbstzweck um der reinen Erkenntnis willen, sondern muss immer ihre praktischen sozialen Auswirkungen im Auge behalten und sich an ihnen messen lassen. Auch im Hinblick auf die politische Theorie propagiert Dewey somit einen Experimentalismus, in dem Theorie und Praxis eine Einheit bilden. Wie noch weiter auszuführen sein wird, folgt für Dewey nicht zuletzt aus dieser experimentalistischen Grundhaltung die Vorzugswürdigkeit einer demokratischen Verfassung des Gemeinwesens397. Die erkenntnistheoretischen Grundpositionen des Pragmatismus schlagen so unmittelbar auf die politische Theorie durch. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang von Philosophie und Politik in einer kurzen Schrift Deweys mit dem Titel "German Philosophy and Politics", die erstmals im Jahr 1916 erschien und 1942 angesichts des 2. Weltkriegs und des Nationalsozialismus nochmals überarbeitet wurde. a) Die politische Bedeutung von Kants Moralphilosophie Dewey versucht darin, Erscheinungsformen der deutschen Politik im 20. Jahrhundert, zunächst die aggressive Machtpolitik des wilhelminischen Kaiserreichs, später auch den Nationalsozialismus, ideengeschichtlich als Konsequenzen bestimmter Positionen der deutschen Philosophie zu deuten. Dabei sieht Dewey die philosophische Wurzel des politischen Übels nicht bei den üblichen Verdächtigen, also weder in der Staatsphilosophie Hegels noch in den Übermenschenphantasien Nietzsches, sondern bereits in den Prämissen der idealistischen Philosophie Immanuel Kants. Dewey macht insbesondere die Kantische Moralphilosophie für die deutsche Kriegspolitik verantwortlich398. Er führt dabei die Kritik weiter, die er bereits in sei- 396 Dazu oben S. 53 ff. 397 Dazu unten S. 152 ff. 398 In "German Philosophy and Politics" geht Dewey nicht auf die historischen und politischen Ursachen des 1. Weltkriegs ein, sondern setzt darin schlicht voraus, dass es die Westmächte sind, die in diesem Konflikt die Sache der Vernunft und der Zivilisation vertreten. Zu den politischen Aspekten hat sich Dewey jedoch in zahlreichen, nicht an ein philosophisches Fachpublikum, sondern an eine breite Öffentlichkeit gerichteten Beiträgen und Aufsätzen geäußert, in denen er sich u.a. vehement für das Interventionsbestreben Woodrow Wilsons

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Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.