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Peter Kasiske, Deliberative Demokratie und Pragmatismus in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 174 - 181

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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174 dingungen kaum zu bewältigen sind, und der politische Liberalismus engt den Spielraum der öffentlichen Vernunft zu sehr ein, indem er ihr Beschränkungen auferlegt, die weder praktikabel noch selbst anhand deliberativer Maßstäbe legitimierbar sind. Als nächstes soll nun untersucht werden, ob eine pragmatistische Begründung deliberativer Demokratie diese Schwächen kompensieren kann. 4. Deliberative Demokratie und Pragmatismus Das Konzept der deliberativen Demokratie stellt die Rolle der demokratischen Öffentlichkeit und der in ihr stattfindenden Reflexions- und Beratungsprozesse in den Mittelpunkt der Überlegungen. Dies verbindet sie mit der pragmatistischen Auffassung von Demokratie, wie Dewey553 sie vertreten hat. In neuerer Zeit wurden pragmatistische Varianten deliberativer Demokratietheorie von Hilary Putnam sowie von Cheryl Misak und Robert Talisse vorgelegt554. Während Putnam sich direkt auf Dewey beruft, knüpfen Misak und Talisse dabei in erster Linie an Peirce und seine Idee der Forschungsgemeinschaft an. Gemeinsam ist diesen neueren Ansätzen - und das macht ihren pragmatistischen Charakter aus -, dass sie ihren Ausgangspunkt von der demokratischen Praxis nehmen, wie sie sie in westlichen Gesellschaften vorfinden, dass sie eine Analogie zwischen wissenschaftlichen Forschungs- und demokratischen Deliberationsprozessen herstellen, und dass sie die Legitimität demokratischer Entscheidungen aus der epistemischen Überlegenheit des demokratischen Entscheidungsverfahrens herleiten555. a) Demokratische Praxis als Ausgangspunkt pragmatistischer Demokratietheorie Den Ansätzen von Rawls und Habermas ist gemeinsam, dass sie die Demokratie quasi als Kopfgeburt konzipieren. Rawls geht von der abstrakten Frage aus, wie eine Gesellschaft freier und gleicher Bürger vernünftig geordnet werden kann und gelangt so zur liberalen Demokratie als der politischen Ordnung, die seinem philosophischen Konzept der Person und der Gesellschaft am besten entspricht. Habermas hingegen beginnt mit einer Theorie des kommunikativen Handelns, aus der er normative und epistemologische Standards ableitet. Die Anwendung dieser Standards auf moralische Fragen führt zur Diskursethik, deren Fortführung in den politischen Raum resultiert in der Diskurstheorie von Demokratie und Rechtsstaat. Nun lässt 553 Neben Dewey wurde eine pragmatistische Konzeption von Demokratie vor allem auch von Deweys Schüler Sidney Hook propagiert, vgl. Hook (2002). 554 Putnam (1997); Misak (2000), Talisse (2004). Speziell zu Misak vgl. auch Metschl (2004) S. 217 ff. 555 Unabhängig von einem pragmatistischen Ansatz betont auch Nino (1996) S. 107 ff. den epistemischen Wert der deliberativen Demokratiekonzeption. 175 sich fragen, ob ein derartiger rationalistischer Ansatz der realen demokratischen Praxis überhaupt gerecht wird. Kümmert es die Teilnehmer am politischen Diskurs wirklich, ob ihre Argumentationen auch vor dem imaginären Forum einer idealen Kommunikationsgemeinschaft bestand hätten556, und machen sie sich tatsächlich Gedanken darüber, ob diese sich auch in ein "Überlegungsgleichgewicht" im Sinne von Rawls bringen lässt? Die pragmatistische Demokratietheorie verfährt anders. Statt zunächst sozusagen im luftleeren Raum begrifflicher Abstraktion eine Theorie des gerechten Zusammenlebens zu entwickeln, aus der dann Forderungen nach einer bestimmten politischen Praxis abgeleitet werden, nimmt sie ihren Ausgangspunkt von der demokratischen Praxis, wie sie sie empirisch vorfindet557. Sie betrachtet die Institutionen, Verfahren und öffentlichen Reflexionsprozesse, um sodann zu fragen, welche Zwecke mit ihnen verfolgt werden. Im nächsten Schritt analysiert sie dann, ob die Mittel mit denen diese Zwecke verfolgt werden, ihrer Aufgabe gerecht werden und entwickelt Hypothesen, wie sie verbessert werden können. Anhand dieser Überlegungen kann dann die bestehende Praxis kritisiert und gegebenenfalls reformiert werden. Die konkrete empirische Erfahrung ist so immer der Ausgangs- und ständige Bezugspunkt der Theorie, an dem sie sich bewähren muss. b) Die demokratische Öffentlichkeit als Forschungsgemeinschaft Nimmt man die politische Praxis von diesem pragmatistischen Standpunkt aus in den Blick, so gelangt man zu der Feststellung, dass der politische Prozess es im wesentlichen damit zu tun hat, Überzeugungen darüber zu bilden, nach welchen Normen das gesellschaftliche Zusammenleben geregelt werden soll und wie soziale Probleme sich am besten lösen lassen. Damit unterscheidet sich der politische Prozess aber im Kern nicht vom Prozess der wissenschaftlichen Forschung. Denn der wissenschaftliche Forschungsprozess ist ja nach pragmatistischer Auffassung auch nur eine Methode, zu Überzeugungen zu gelangen, die dann unser Handeln anleiten können. Dabei hat sich die experimentelle Methode, der sich die wissenschaftliche Forschung dabei bedient, nach Ansicht der Pragmatisten als besonderes erfolgreich erwiesen. Daher schlagen sie vor, auch die politische Meinungs- und Überzeugungsbildung am methodischen Vorbild der wissenschaftlichen Forschung zu orientieren. Demokratische Öffentlichkeiten wären damit eine Art politischer Forschungsgemeinschaft. Diese Analogie findet sich bereits bei Dewey an zentraler Stelle seiner politischen Theorie558 und steht auch im Mittelpunkt von Putnams559 und Misaks560 Überlegungen. 556 Misak (2000) S. 41 f. 557 Talisse (2004) S. 98. 558 Vgl. oben S. 152 ff. 559 Putnam (1997) S. 234 ff. 176 Diese Analogie ist freilich nur unter der Prämisse tragfähig, dass politische und soziale Fragen ebenso wahrheitsfähig sind wie etwa die Aussagen naturwissenschaftlicher Theorien. Auch dieser kognitivistische Standpunkt gehört zum Kernbestand pragmatistischen Denkens: Da der Pragmatismus Wahrheit im Gegensatz zum Repräsentationalismus nicht in einem absoluten Sinne versteht, sondern nur als "warranted assertibility", haben Aussagen der Naturwissenschaften für ihn keinen anderen epistemischen Status als Fragen der Ethik oder der Politik. Ob eine Aussage wahr ist oder nicht, entscheidet sich für den Pragmatisten daran, ob diese Aussage innerhalb der relevanten Forschungsgemeinschaft gerechtfertigt werden und dass sich ihre Voraussagen in der empirischen Realität bewähren können. Da aus pragmatistischer Sicht kein grundsätzlicher Unterschied zwischen Tatsachen- und Wertaussagen besteht561, können prinzipiell Fragen und Probleme jeglicher Art zum Gegenstand eines Forschungsprozesses gemacht werden. Dies gilt daher auch für ethische und politische Fragestellungen. Eine Einschränkung gilt nur insoweit, als diese Fragen jeweils einen Bezug zu möglichem Handeln aufweisen müssen. Thesen, die so abstrakter und grundsätzlicher Natur sind, dass ein Bezug zu realem Handeln und somit die Möglichkeit einer Bewährung an der sozialen Realität nicht dankbar erscheint, genügen nicht den Anforderungen, die die pragmatische Maxime an eine sinnvolle Aussage stellt. Stimmt man dem Pragmatismus zu, dass die wissenschaftliche Methode, der sich die experimentellen Naturwissenschaften bedienen, am besten geeignet ist, um eine Überzeugung zu bilden, weil sie am ehesten die Gewähr dafür bietet, dass diese Überzeugungen sich auch in der Realität bewähren können werden, so ist der Schluss nahe liegend, sich dieser Methode auch bei der Behandlung politischer und sozialer Fragen zu bedienen. Die Anwendbarkeit der experimentellen wissenschaftlichen Methode bedeutet dabei nicht nur, dass sich die Sozialwissenschaften am methodischen Vorbild der Naturwissenschaften zu orientieren hätten, sondern sie legt auch die Konsequenz nahe, dass sich auch die Praxis der politischen Institutionen und Öffentlichkeiten dieser Methode bedienen muss, um die größtmögliche Rationalität ihres Handelns zu gewährleisten: "Since scientific methods simply exhibit free intelligence operating in the best manner available at a given time, the cultural waste, confusion and distortion that results from the failure to use these methods, in all fields in connection with all problems, is incalculable."562 Die pragmatistische Forschungslogik ist ein universelles Instrument, dessen sich Physiker und Chemiker ebenso erfolgreich bedienen können wie Ökonomen und Soziologen aber eben auch Politiker und einfache Bürger. 560 Misak (2000) S. 84 ff.; 106. Ebenso Talisse (2004) S. 107 ff. Dazu auch Metschl (2004) S. 240 ff. 561 Vgl. dazu oben S. 72 f. 562 Dewey LW 12.527 (Log). 177 c) Die demokratische Struktur des Forschungsprozesses Wird die Plausibilität einer Analogie von wissenschaftlicher Forschung und politischem Willensbildungsprozess anerkannt, so ist damit aber zunächst noch nichts für eine Rechtfertigung der Demokratie gewonnen. Dafür bedürfte es zunächst des Nachweises, dass der wissenschaftliche Forschungsprozess demokratisch strukturiert ist. Nur dann ließe sich die These rechtfertigen, dass demokratische Öffentlichkeiten die politische Variante einer wissenschaftlichen Forschungsgemeinschaft darstellen. Hält man sich die pragmatistische Konzeption wissenschaftlicher Forschung vor Augen, wie sie bei Peirce und in Deweys Forschungslogik enthalten ist, so beinhaltet sie neben der praktischen experimentellen Bewährung von Hypothesen an der Realität vor allem auch deren theoretische Bewährung in der Diskussion innerhalb der Forschungsgemeinschaft, wo ihre Plausibilität und Vereinbarkeit mit dem bisherigen Stand der Forschung geprüft wird563. Diese Etappe im Forschungsprozess ist notwendig, weil ein Forscher allein nicht in der Lage ist, diese Überprüfung zu leisten, sondern dabei auf das Wissen und die Kritik der übrigen Mitglieder der Forschungsgemeinschaft angewiesen ist564. Der Prozess der Forschung ist daher notwendig öffentlich und auf eine Gemeinschaft von Forschern bezogen565. Es ist diese Stelle, in der die Forschungsgemeinschaft566 ins Spiel kommt, wo sich am ehesten demokratische Strukturen im Forschungsprozess verorten lassen. Folgt also der Prozess der Rechtfertigung einer Hypothese vor dem öffentlichen Forum der Forschungsgemeinschaft demokratischen Spielregeln? Zunächst ist festzuhalten, dass die Forschungsgemeinschaft, wie Peirce sie konzipiert hatte, sich dadurch auszeichnet, dass die Standards der Forschung von allen Beteiligten konsensual festgelegt werden. Dies entspricht dem demokratischen Grundgedanken souveräner Selbstgesetzgebung aller Betroffenen567. Entscheidend ist darüber hinaus aber auch die Frage, nach welchen Regeln sich Konsensbildung und Diskussion in der Forschungsgemeinschaft vollziehen. Erstaunlich ist, dass sich ausgerechnet bei Dewey, der sich ja von allen Pragmatisten am grundsätzlichsten mit Demokratie und Öffentlichkeit auseinandergesetzt hat, nur verhältnismäßig wenig dazu findet, welche Rolle die Öffentlichkeit in der wissenschaftlichen Forschung spielt und wie sie verfasst sein muss, um ihre Funktion zu erfüllen568. Allerdings lässt sich Deweys Position hierzu aus seinen Schriften durchaus rekonstruieren. Auch wenn er sie nicht ausdrücklich zur Sprache gebracht hat, so liegt doch seiner Forschungslogik die Forderung zugrunde, dass im Prozess 563 Vgl. dazu oben S. 55 f. 564 Talisse (2004) S. 103. 565 Zu dieser grundlegenden These von Peirce vgl. oben S. 21 f.. 566 Und zwar als reale fachwissenschaftliche Öffentlichkeit und nicht etwa als die ideale, ins Unendliche verlagerte Forschungsgemeinschaft, die Peirce für seinen Begriff von Wahrheit heranzieht. 567 Bohman (1999) S. 591. 568 Dies konstatiert mit einer gewissen Ratlosigkeit auch Westbrook (2000) S. 353. 178 der Forschung ein möglichst freier Fluss aller verfügbaren Informationen gewährleistet sein muss569. Daraus lässt sich die Folgerung ziehen, dass die Forschungsgemeinschaft als eine "offene" Gemeinschaft gedacht werden muss, in der alle Ansichten und Hypothesen geäußert werden können und in der es weder Tabus noch Denkverbote gibt. Die Theorie der deliberativen Demokratie geht zudem davon aus, dass sich in demokratischen Reflexionsprozessen freie und gleiche Mitbürger gegenüber stehen. Inwiefern trifft diese Voraussetzung auch auf den Forschungsprozess zu? Freiheit ist hier zumindest in dem Sinne gewährleistet, als alle Teilnehmer berechtigt sind, ihre Ansichten und ihre Kritik in den Forschungsprozess einzubringen. Da die Effektivität des Forschungsprozesses als Problemlösungsverfahren vor allem vom freien Informationsfluss abhängt, muss die Freiheit der Teilnehmer auch insoweit gewährleistet sein, als sie ihre Ansichten möglichst frei von äußeren Zwängen einbringen können. Um seine Rationalität voll entfalten zu können, muss sich der Forschungsprozess daher am Ideal einer "herrschaftsfreien Kommunikation" orientieren. Dieses Ideal erfordert auch, dass sich die Teilnehmer untereinander als Gleiche betrachten. Zwar mag innerhalb der Forschungsgemeinschaft ein Nobelpreisträger ein höheres Ansehen genießen als ein Doktorand, doch darf dies keine Auswirkungen darauf haben, welche Überzeugungskraft ihren Argumenten beigemessen wird. Die Gültigkeit von Gründen im Forschungsprozess muss sich allein aus ihrer Überzeugungskraft in der Sache ergeben. Weil damit von der Person des Argumentierenden abstrahiert wird, lässt sich sagen, dass im Forschungsprozess alle Teilnehmer in Bezug auf die Wertigkeit ihrer Argumente als Gleiche behandelt werden müssen. Zusammenfassend lässt sich die - zumindest ideale - Verfassung der wissenschaftliche Forschungsgemeinschaft demnach so beschreiben, dass ihre Regeln von ihren eigenen Mitgliedern festgelegt werden, dass sie einen offenen Meinungsaustausch ermöglichen muss und dass ihre Mitglieder sich gegenseitig als Freie und Gleiche behandeln müssen. Eine solche Verfassung trägt aber mit ihrem Charakter als souveräne Selbstgesetzgebung freier und gleicher Personen ganz wesentlich demokratische Züge. Der Forschungsprozess, wie er sich aus Sicht des Pragmatismus darstellt, ist daher nach demokratischen Grundsätzen organisiert. d) Eine epistemologische Rechtfertigung der Demokratie Es lassen sich zudem noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen wissenschaftlichem Forschungsprozess und demokratischer Willensbildung aufzeigen, jedenfalls dann, wenn letztere im Sinne der deliberativen Demokratietheorie verstanden wird. So sind beide sich der Fallibilität und Vorläufigkeit ihrer Ergebnisse bewusst. Die Resultate des Forschungsprozesses beanspruchen nicht den Status absoluter Wahrhei- 569 Putnam (1997) S. 237. 179 ten, sondern bestenfalls den einer "begründbaren Behauptbarkeit" (warranted assertibility)570. Sie stehen unter dem ständigen Vorbehalt, durch bessere Theorien und neue experimentelle Ergebnisse widerlegt zu werden. Die Fallibilität der Ergebnisse zeichnet aber auch die Meinungsbildungsprozesse der deliberativen Demokratietheorie aus. Einmal im deliberativen Prozess gewonnene Ergebnisse können später jederzeit wieder revidiert werden, wenn neue, überzeugendere Gründe auftauchen, die für ein anderes Ergebnis sprechen571. Wissenschaftlicher Forschung und demokratischer Willensbildung ist demnach gemeinsam, dass sie mit Hypothesen arbeiten, die sie in einem öffentlichen Prozess entwickeln, und die sich an den Herausforderungen der Praxis, sei es im Labor oder in der sozialen Wirklichkeit, bewähren müssen. Beide sind einer kontinuierlichen Revision und Verbesserung der eigenen Methoden unterworfen: Die Standards wissenschaftlicher Forschung ändern sich im Detail ebenso wie die Regeln des politischen Verfahrens (wobei freilich die Grundstrukturen konstant bleiben: Die Bewährung an der Realität und die öffentliche Überprüfung der Hypothesen innerhalb der Forschungsgemeinschaft bleiben bestehen. Jedoch können sich die Methoden und Standards ändern, anhand derer diese Bewährung konkret beurteilt wird). Gutmann und Thompson weisen zudem auf eine weitere Parallele zwischen Forschungsprozess und Demokratie hin: Das Erfordernis, das experimentelle Resultate prinzipiell reproduzierbar sein müssen, wenn sie in der wissenschaftlichen Diskussion argumentativen Wert haben sollen, entspreche letztlich dem demokratischen Erfordernis der Wechselseitigkeit ("Reciprocity") wonach eine Behauptung nur dann als gerechtfertigt gilt, wenn sie auch von anderen als vernünftig akzeptiert und nachvollzogen werden kann572. Die pragmatistische These, wonach wissenschaftliche Forschungsgemeinschaften und demokratische Öffentlichkeiten ähnlich verfasst sind, hat demnach einiges für sich. Teilt man zudem die Auffassung des Pragmatismus, dass der wissenschaftliche Forschungsprozess die rationalste und effektivste Art und Weise darstellt, Probleme zu lösen, so muss die Schlussfolgerung lauten, dass eine demokratisch strukturierte Öffentlichkeit die besten Voraussetzungen für die Bewältigung politischer und sozialer Fragen mitbringt. Hilary Putnam hat das pragmatistische Argument für die Demokratie auf folgende Formel gebracht: „Die Demokratie ist nicht bloß eine Form des sozialen Lebens neben anderen funktionierenden Formen des sozialen Lebens, sondern sie ist die Voraussetzung der vollständigen Anwendung des geistigen Vermögens auf die Lösung gesellschaftlicher Probleme."573. Die soeben skizzierte pragmatistische Rechtfertigung der Demokratie knüpft unmittelbar an die Konzepte der Forschungsgemeinschaft und die Logik des Forschungsprozesses an, wie sie von den pragmatistischen Klassikern, insbesondere 570 Dazu oben S. 67 f. 571 Dazu Gutmann/Thompson (2004) S. 110 ff.; Talisse (2004) S. 107 f. 572 Gutmann/Thompson (2004) S. 98 ff.; 133 f. 573 Putnam (1997) S. 227. Ähnlich Dryzek (2000) S. 173: "Democratic deliberation ... is the most effective political means currently available to solve complex political problems." 180 von Peirce und Dewey entwickelt worden sind. Die Demokratietheorie Deweys rezipiert sie indes nur zum Teil. Bei dieser ließen sich ja zwei unterschiedliche Begründungsstränge ausmachen: Zum einen eine normativ-ethische Rechtfertigung der Demokratie, wonach sich das moralische Leitbild der individuellen „Self- Realization“ am besten in einer demokratisch verfassten Gemeinschaft verwirklichen lässt, zum anderen die Vorstellung, dass eine demokratisch organisierte Öffentlichkeit am ehesten geeignet ist, die Ressourcen der Bürger für eine kooperative Lösung sozialer und politischer Probleme fruchtbar zu machen. Es ist ausschließlich dieser letztere Ansatz, an den die modernen pragmatistischen Konzepte deliberativer Demokratie anknüpfen. Putnam sieht in ihm eine epistemologische Rechtfertigung der Demokratie in Deweys Werk574. Dewey selbst hat zwar nie ausdrücklich von einer epistemologischen Rechtfertigung der Demokratie gesprochen (allein schon deshalb, weil er eine grundsätzliche Abneigung gegenüber dem Begriff „epistemologisch“ hatte, der für ihn untrennbar mit den Irrtümern der repräsentationalistischen Erkenntnistheorie verbunden war575), doch der Gedanke, dass demokratisch verfasste Öffentlichkeiten eine rationalere Form der politischen Entscheidungsfindung ermöglichen, durchzieht insbesondere Deweys Überlegungen in „The Public and Its Problems“. Insoweit beruft Putnam sich durchaus zu Recht auf Dewey. Allerdings tritt dieser epistemologische Aspekt bei Dewey nie isoliert in Erscheinung, sondern ist immer zugleich noch rückgekoppelt an das moralischnaturalistische Konzept der Self-Realization576. Putnam hingegen interessiert sich nur für den epistemologischen Ansatz in Deweys Demokratietheorie, während er über den moral-theoretischen Zusammenhang kein Wort verliert. Die Rechtfertigung der Demokratie ergibt sich so allein aus einer Übertragung der Grundsätze von Deweys Forschungslogik auf den Bereich der politischen Willensbildung, losgelöst vom moralischen Kontext der Self-Realization. Nun lässt sich fragen, ob Putnam damit noch Deweys Intentionen gerecht wird, oder ob er nicht eine ebenso einseitig entstellende Interpretation von Dewey abliefert, wie dies Richard Rorty immer vorgeworfen wird. Vieles spricht dafür, dass Dewey die Einbettung der Demokratietheorie in einen moralischen Kontext für unverzichtbar hielt, so dass ihm eine Demokratietheorie, die nur auf die überlegene Rationalität des demokratischen Verfahrens abzielt, wahrscheinlich unzureichend erschienen wäre. Schließlich sah Dewey eine wesentliche Eigenschaft seiner politischen Philosophie darin, dass sie die Trennung von Moral und Politik gerade aufhob577 und das Konzept der Self-Realization bildete den entscheidenden normativen Bezugspunkt von Deweys Demokratietheorie578, so dass es daher kaum wahrscheinlich erscheint, dass er sich eine von diesem Konzept losgelöste Demokratietheorie vorstellen konnte. 574 Putnam (1997) S. 227. 575 Westbrook (2000) S. 343; ebenso Shusterman (1997) S. 194 Fn. 3. 576 Dazu oben S. 84 f. 577 Dewey MW 12.192 (RiP). 578 Dazu auch Shustermann (1997) S. 196 ff.; Festenstein (1998) S. 63 f., 91 ff. 181 Dass Dewey selbst eine ethische Imprägnierung der Demokratietheorie für unerlässlich hielt, heißt allerdings noch nicht, dass sein epistemologischer Ansatz nicht trotzdem auch für sich allein genommen tragfähig wäre. Und in der Tat erscheint die Verbindung von epistemologischer und ethischer Rechtfertigung der Demokratie keineswegs logisch zwingend notwendig. Die epistemologische Rechtfertigung wird allein von der pragmatistischen Forschungslogik und der Idee der Forschungsgemeinschaft getragen, ohne dass sie zu ihrer Vervollständigung noch eines normativen Fundaments in Gestalt der Self-Realization bedürfte. In gewissem Sinne ist eine solche einseitig epistemologische Begründung dem Geist der pragmatistischen Philosophie vielleicht sogar eher angemessen als Deweys Amalgam aus einer Ethik der Self-Realization und einer Theorie der Öffentlichkeit. Denn ob sich das letztlich einer naturalistischen Metaphysik entspringende materielle Konzept der Self- Realization aus Sicht eines pragmatistischen Skeptizismus und Antifundamentalismus halten lässt, erscheint fraglich, wohingegen die Forschungslogik diesem Skeptizismus sozusagen selbst eine prozedurale Gestalt gibt und daher gegenüber seinen Anfechtungen immun ist. Allerdings hat eine pragmatistische Demokratietheorie, die auf die epistemische Überlegenheit des demokratischen Verfahrens gründet, weniger den Charakter einer Theorie politischer Gerechtigkeit als vielmehr den einer Theorie politischer Rationalität. Sie liefert zunächst einmal vor allem eine Antwort auf die Frage, welche politische Organisationsform am besten geeignet ist, soziale Probleme möglichst rational zu lösen. Dies allein ergibt jedoch noch keine hinreichende Rechtfertigung der Demokratie. Hierfür müssten nämlich noch tragfähige Antworten für zwei weitere Fragen gefunden werden: Nämlich zum einen die, warum die Demokratie auch eine gerechte, also auch legitime gesellschaftliche Organisationsform darstellt, zum anderen für das Problem, ob die Demokratie auch ausreichende Schutzmechanismen bereit stellt, um die Bürger vor einem Missbrauch politischer Macht zu schützen. 5. Rationalität und Legitimität Wenn sich die pragmatistische Demokratietheorie darauf beschränkt, die demokratischen Verfahren lediglich unter Rationalitätsgesichtspunkten zu rechtfertigen, so wirft dies die Frage auf, ob damit nicht der Kern der Legitimitätsfrage verfehlt wird. Müsste sich die Rechtfertigung der Demokratie nicht aus ihrer normativen Vorzugswürdigkeit herleiten statt lediglich aus dem Anspruch, ein effektives Mittel zur rationalen Lösung sozialer Probleme bereit zu stellen? Können aus einer instrumentalistischen Zweckrationalität, wie sie der pragmatistischen Forschungslogik zugrunde liegt, überhaupt Ansprüche auf normative Verbindlichkeit abgeleitet werden?

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.