Content

Peter Kasiske, Kritik an der Kantischen Moralphilosophie und am Utilitarismus in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 75 - 78

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

Bibliographic information
75 Dewey sie entworfen hat, ist daher eine im Kern prozedurale Ethik, der es in erster Linie um den Reflexionsprozess geht, der mit moralischem Handeln verbunden ist. Dewey entwickelt sein Konzept einer prozeduralen Ethik dabei in Abgrenzung zu den beiden wichtigsten Denkrichtungen der modernen Moralphilosphie, der kantischen deontologischen Pflichtenlehre einerseits und dem Utilitarismus andererseits. 2. Die Kritik an der Kantischen Moralphilosophie und am Utilitarismus Ebenso wie die Philosophie der Erkenntnis befand sich auch die Moralphilosophie seiner Zeit für Dewey noch in einem gleichsam vormodernen Stadium, vergleichbar dem der Naturwissenschaften vor dem Durchbruch der experimentellen Methode. Dies galt aus seiner Sicht sowohl für die vor allem durch Kant geprägte Tradition einer deontologischen Pflichtenethik als auch für utilitaristische Auffassungen im Gefolge Jeremy Benthams. a) Deweys Kritik an der kantischen Moralphilosophie Immanuel Kants Moralphilosophie erhob den Anspruch, eine „Metaphysik der Sitten“ zu sein. Ihr erklärtes Ziel war es, die obersten Prinzipien moralischen Handels auszumachen. Für Kant konnten dies nur solche sein, die allein in reiner Vernunft begründet waren und daher apriorische Geltung für sich beanspruchen konnten. Von Erfahrungswissen und empirischer Anthropologie musste diese Metaphysik der Sitten rein gehalten werden, da diese immer nur ein Wissen a posteriori und nicht a priori verbürgen konnten199. Für Dewey und den Pragmatismus war es aber gerade diese Unabhängigkeit von jeglicher Empirie, die Kants Auffassung wissenschaftlich unhaltbar machte. Die Suche nach apriorisch gültigen obersten Prinzipien der Sittlichkeit war nichts anderes als ein weiteres Kapitel jenes aussichtslosen Unterfangens, das Dewey als „Die Suche nach Gewissheit“ kritisiert hatte. Das Streben nach absoluter apriorischer Gewissheit war für ihn auch auf dem Gebiet der Ethik eine Illusion, und diejenigen, die vorgeben, sie zu besitzen, versuchten für Dewey lediglich, ihre bestehenden moralischen Vorurteile als vernunftnotwendige Prämissen auszugeben, um sie auf diese Weise gegen Kritik und Falsifizierung zu immunisieren200. Ebenso wie im Bereich der Naturwissenschaften war für Dewey auch auf dem Gebiet der Moral apriorisches Wissen unmöglich, weil auch moralische Prinzipien nicht einer reinen Vernunft entsprangen, sondern eine Basis in der kontingenten und sich stetig wandelnden empiri- 199 Vgl. Kant AA IV, 389f.; ebd. 411: „... daß alle sittlichen Begriffe völlig a priori in der Vernunft ihren Sitz und Ursprung haben und ... daß sie von keinem empirischen und darum bloß zufälligen Erkenntnisse abstrahiert werden können; daß in dieser Reinigkeit ihres Ursprungs eben ihre Würde liege“ 200 Vgl. Dewey MW 12.173 f. (RiP); LW 4.211 f. (QfC). 76 schen Welt besitzen mussten. Der Gegenstand der Ethik ist für Dewey also nicht deontologischer Natur, es geht nicht um Werte und Prinzipien, die in einer eigenen Sphäre jenseits der empirischen Realität angesiedelt wären. Stattdessen unterwirft Dewey die Ethik einer naturalistischen Betrachtungsweise201: Moralität ist immer bezogen auf Handlungen, d.h. auf menschliches Verhalten. Dieses Verhalten wiederum erfolgt nie isoliert, sondern immer in Interaktion mit der natürlichen und sozialen Umwelt. Auch moralisches Handeln steht somit immer im Dienst einer Umweltanpassung und sollte daher vor allem unter dem evolutionären Gesichtspunkt untersucht werden, welche Anpassungsleistung es erbringt202. Der Ausgangspunkt hierfür muss wiederum die Erfahrung sein, genauer, die tatsächlichen Bedürfnisse und Neigungen des Menschen. Sie bilden für Dewey das empirische Fundament, auf das jede Moralphilosophie aufgebaut werden muss203. Anders als Kant sieht Dewey deshalb auch keinen unaufhebbaren Antagonismus zwischen moralischer Vernunft und sinnlicher Neigung. Nur weil die Moral letztlich im Dienste der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse steht, ist für ihn der Mensch überhaupt zu moralischem Handeln zu motivieren. Gegen Kant wendet Dewey deshalb ein, dass er aufgrund seines konstruierten Gegensatzes zwischen Moral und Neigung nicht erklären könne, weshalb aus reiner Vernunft deduzierte Moralgesetze überhaupt faktisch befolgt werden204. Kants in der „Kritik der praktischen Vernunft“ hierzu vorgetragene Lösung, das moralische Gesetz bringe ein Gefühl der Achtung hervor, das zur Befolgung desselben motiviere205, hält Dewey nicht für überzeugend, da es willkürlich sei, alle menschlichen Neigungen für sinnlichen Ursprungs und damit per se unmoralisch zu erklären und dann für das Gefühl der Achtung eine Ausnahme zu machen, indem man es für nicht durch Sinnlichkeit sondern durch das Sittengesetz selbst bestimmt erklärt206. Dewey stimmt zudem der oft geäußerten Kritik an Kants kategorischem Imperativ zu, dass dieser ein rein formales Kriterium angebe, und daher nicht in der Lage sei, zu konkretem Handeln anzuleiten207. Gleichwohl hält Dewey Kant immerhin zugute, erkannt zu haben, dass es bei moralischem Handeln letztlich immer darum gehe, unmittelbare sinnliche Bedürfnisse einem Gesetz unterzuordnen, auch wenn Kant daraus die falsche Konsequenz gezogen habe, diese Bedürfnisse ganz aus der Moralphilosophie auszuschließen208. 201 Zum Naturalismus bei Dewey vgl. auch Dalton (2002) S. 9 ff.; Kloppenberg (1985) S. 143 f.; differenzierend Noble (1978) S. 53 ff. 202 Vgl. Dewey MW 2.1 ff. (The Evolutionary Method as Applied to Morals, 1902). 203 Vgl. Dewey LW 1.305 (EaN); LW 4.207 ff. (QfC); MW 12.183 (RiP). 204 Dewey LW 7.187 f. (Theory of the moral Life, 1932 = TML); EW 3.294 f. (Outlines of a Critical theory of Ethics, 1892 = Out). 205 Kant, AA V, 132 f. 206 Dewey EW 3.294 f. 207 Dewey EW 3.296 f.; ausführlich zu den auch politischen Konsequenzen dieser Kritik unten S. 131 ff. 208 Dewey EW 3.300 (Out). 77 b) Die Kritik am Utilitarismus Die Kritik an einer apriorischen Moralwissenschaft teilt Dewey mit dem Utilitarismus. Und auch in anderen wesentlichen Punkten stimmen Pragmatismus und Utilitarismus überein: Für beide sind die Grundlagen der Moral nicht in reiner Vernunft sondern in der Erfahrung zu suchen. Für klassische Utilitaristen wie Bentham und Mill war das Fundament der Ethik das empirische Faktum, dass der Mensch bestrebt ist, Lust zu gewinnen und Unlust zu vermeiden209. In diesem naturalistischen Blick auf die Moral ist Dewey sich mit den Utilitaristen einig210. Vor allem teilen Utilitarismus und Pragmatismus aber die Auffassung, dass für die moralische Beurteilung einer Handlung primär auf deren mögliche Konsequenzen abzustellen sei: „The insistence of utilitarianism that we must become aware of the moral quality of our impulses and states of mind on the basis of the results they effect ... is a fundamental truth of morals.“211. Trotzdem liegen für Dewey auch dem Utilitarismus in mehrerlei Hinsicht noch überkommene Vorstellungen zugrunde. Dies zum einen deshalb, weil er moralischen Wert und emotionale Befriedigung in eins setzt, wenn beispielsweise Mill behauptet, „dass Lust und das Freisein von Unlust die einzigen Dinge sind, die als Endzwecke wünschenswert sind“212. Für Dewey ist dies ebenso problematisch wie die Position des klassischen Empirismus, Erfahrung mit unmittelbaren Sinneseindrücken zu identifizieren213. Ebenso wenig wie sich der Erkenntnisvorgang auf ein bloßes Abbilden von Sinneseindrücken im Bewusstsein reduzieren lässt, geht der moralische Charakter einer Handlung darin auf, dass er gewisse Lustempfindungen hervorruft. Stattdessen beharrt Dewey darauf, dass moralisches Handeln ebenso wie Erkennen ein komplexer Vorgang reflektierten Handelns ist, weshalb es einen entscheidenden moralischen Unterschied macht, ob ein Handeln lediglich aus einem auf Lustgewinn hin gerichteten Impuls oder reflektierter Überlegung entspringt. Dewey wirft dem Utilitarismus außerdem vor, er sei nicht in der Lage, aus seiner anthropologischen und psychologischen Prämisse, dass jedes Wesen nach Lustgewinn strebe, überindividuelle und altruistische moralische Werte zu begründen. Er könne zwar plausibel machen, weshalb ein Mensch nach Glück für sich selbst strebt, nicht jedoch, weshalb er auch nach dem Glück aller seiner Mitmenschen streben sollte, denn daraus, dass Glück für alle Menschen ein Gut sei, folgt nicht, dass auch 209 Bentham (1776) S. 237; Mill (1863) S. 13. 210 Dewey treibt den Naturalismus freilich noch weiter als die Utilitaristen, wenn er bewusste Bedürfnisse und Wünsche in eine Kontinuität zu rein biologischen Impulsen des Organismus stellt, vgl. Dewey LW 13.197 ff. (Theory of Valuation, 1939 = ToV); dazu auch Joas (1999) S. 167 f. 211 Dewey MW 5.231 (Theory of the moral life, rev. ed. 1932 = TML) 212 Mill (1863) S. 13.; vgl. dazu Deweys Kritik in EW 3.256 f., 260 sowie LW 5.261 ff. 213 Zu dieser Parallele vgl. Dewey LW 4.205 ff. (QfC); sowie ausführlich bereits in EW 3.252 ff. 78 das Glück aller Menschen für jeden Einzelnen ein erstrebenswertes Gut sein müsse214. Schließlich ist der Utilitarismus aus pragmatistischer Sicht noch mit einem weiteren Makel behaftet: Denn auch er hält mit dem Nützlichkeitsprinzip an der Idee eines unwandelbaren höchsten moralischen Gutes fest, das von außen her an die Situation herangetragen wird. Für Dewey hingegen besteht die Aufgabe der Moralphilosophie nicht darin, ein höchstes Gut zu bestimmen, das für alle moralischen Fragen ein Entscheidungskriterium liefern kann, so wie dies im Utilitarismus das Prinzip der „greatest happiness of the greatest number“ übernimmt215. Ein derartiges Unternehmen wäre nur ein weiterer Ausdruck einer von vornherein zum Scheitern verurteilten "Suche nach Gewissheit". Anstatt von der Existenz eines vorgegebenen höchsten Guts auszugehen, besteht Dewey darauf, dass jede Situation, in der sich ein moralisches Problem stellt, einzigartig ist und ihr jeweils eigenes Gutes hervorbringt216. Ebenso wie wissenschaftliche Wahrheit nichts ist, was der konkreten Forschungssituation bereits unveränderlich vorgegeben wäre, sondern erst aus dieser heraus anhand der experimentellen Bewährung entsteht, ist auch moralische Richtigkeit nicht etwas, was gefunden oder aus einem Katalog akzeptierter Regeln deduziert, sondern etwas, was erst in der konkreten Situation durch intelligentes Handeln hervorgebracht werden muss217. Die Aufgabe einer Theorie der Moral besteht daher für Dewey nicht darin, ein „summum bonum“ oder einen kategorischen Imperativ zu bestimmen, der als definitiver letztgültiger Maßstab für die moralische Beurteilung einer Handlung unabhängig von der konkreten Situation dienen könnte, sondern darin, anzugeben, durch welches Verfahren wir in konkreten Problemsituationen zu moralisch richtigen Urteilen gelangen. 3. Moralität als Reflexionsprozess Wie bei den Utilitaristen nimmt auch Deweys Entwurf einer pragmatistischen Moralphilosophie seinen Ausgang von der empirischen Tatsache, dass Menschen Bedürfnisse und Neigungen haben, dass sie bestrebt sind, diesen nachzukommen und dass ihre Befriedigung als „gut“ empfunden wird. 214 Dewey EW 3.275 f. (Out) bezugnehmend auf die Argumentation von Mill (1863) S. 61. 215 Dewey MW 12.183 (RiP). Gegenstand von Deweys Kritik ist dabei immer Handlungsutilitarismus Benthams und Mills, nicht der Regelutilitarismus, wie er später etwa von R.F. Harrod vertreten wurde; vgl. zu dieser Unterscheidung etwa Scarre (1996) S. 122 ff. 216 Dewey MW 12.173 (RiP). 217 Vgl. dazu auch Hook (1950) S. 198.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.