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Peter Kasiske, Einleitung in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 7 - 18

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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7 Inhaltsverzeichnis Einleitung 7 Teil A: Entstehungsgeschichte und philosophische Grundlagen des Pragmatismus 19 I. Die Vorgeschichte: Die Bewegungen des „Enlightenment“ und des „Transcendentalism“ in Nordamerika 19 II. Die Entstehung des Pragmatismus. Charles Saunders Peirce und der Metaphysical Club in Cambridge 24 1. Semiotische Erkenntnistheorie 24 a) Kritik am cartesianischen Rationalismus 24 b) Kritik an der kantischen Erkenntnistheorie 27 2. Der Begriff der Realität 29 a) Die Idee des finalen Konsensus 29 b) Fallibilismus und die notwendige Gemeinschaftsbezogenheit von Forschung 31 3. Überzeugungen als Verhaltensdispositionen 33 a) Der Einfluss der Ideen von Alexander Scott Bain 33 b) Die Bildung von Überzeugungen 35 4. Die pragmatische Maxime 37 a) Die Formulierung der pragmatischen Maxime in "How to make our ideas clear" 37 b) Die Bedeutung der pragmatischen Maxime 38 c) Pragmatische Maxime und naturwissenschaftliche Methode 40 5. Peirce und die pragmatistische Philosophie 42 III. Der pragmatische Instrumentalismus John Deweys 44 1. Deweys Kritik an den metaphysischen Dualismen und der repräsentationalistischen Erkenntnistheorie 44 a) Der Ursprung der Dualismen in der griechischen Philosophie 44 b) Bedeutung der repräsentationalistischen Erkenntnistheorie 46 8 2. Der Paradigmenwechsel in der Erkenntnistheorie durch die experimentelle Naturwissenschaft 47 a) Die neuen Methoden der Naturwissenschaften 47 b) Die Übertragung der neuen Methoden auf die Philosophie 49 3. Naturalistischer Erfahrungsbegriff und Theorie der Forschung 52 a) Deweys Begriff der Erfahrung 52 b) Die Methode wissenschaftlicher Forschung 55 c) Forschung und formale Logik 57 4. Das evolutionäre Verständnis von Wissenschaft 58 a) Evolutionistische Erkenntnistheorie 59 b) Naturwissenschaften und Instrumentalismus 60 IV. Der pragmatistische Wahrheitsbegriff 64 1. Wahrheit, Verifkation und „Warranted assertibility“ 64 a) William James: Wahrheit als Verifikation 64 b) John Dewey: "Warranted assertability" statt absoluter Wahrheit 67 2. Das Verhältnis von Wahrheit und Rechtfertigung 68 V. Pragmatistische Ethik 72 1. Der Dualismus von Fakten und Werten 72 2. Kritik an der Kantischen Moralphilosophie und am Utilitarismus 75 a) Deweys Kritik an der kantischen Moralphilosophie 75 b) Die Kritik am Utilitarismus 77 3. Moralität als Reflexionsprozess 78 a) Der Unterschied von "desired" und "desirable" 79 b) Die Rolle von Prinzipien und Werten 79 c) Die kritische Funktion der Moralphilosophie 81 d) Das Kontinuum von Zielen und Mitteln 82 4. Moralisches Handeln als “Self-Realization” 84 a) Das neoaristotelische Verständnis von Selbstverwirklichung in Deweys Frühwerk 84 b) Self-Realization als Prozess 85 5. Das Problem des Relativismus 87 a) Die Objektivität moralischer Werte 87 b) Die Kontextabhängigkeit moralischer Objektivität 89 9 6. Probleme des moralischen Prozeduralismus 91 a) Das Kriterienproblem 91 b) Grenzen des moralischen Prozeduralismus 93 c) Grenzen der Umformulierung von Werten und Prinzipien in Hypothesen 94 d) Moralische Urteilsbildung und Forschungsprozess 95 VI. Die Stellung des Pragmatismus in der modernen Philosophie 98 1. Die Entwicklung des Pragmatismus in den USA 98 a) Der Aufstieg des Pragmatismus bei W. James und J. Dewey 99 b) Das vorläufige Verschwinden des Pragmatismus nach 1945 100 2. Die Pragmatismus-Rezeption in Deutschland und Europa 103 a) Die Rezeption des Pragmatismus bei Max Scheler und der kritischen Theorie 103 b) Die Rezeption des Pragmatismus bei Eduard Baumgarten 106 c) Pragmatismusrezeption bei K.-O. Apel und Jürgen Habermas 107 3. Die Wiederentdeckung des Pragmatismus 109 a) Richard Rortys Anleihen bei John Dewey 109 b) Der Neopragmatismus Hilary Putnams 111 4. Die pragmatische Wende der analytischen Philosophie 112 a) Analytische Philosophie und Repräsentationalismus 112 b) Die Wende zur Sprachpragmatik 113 c) Der Pragmatismus als Mittelweg zwischen Metaphysik und Postmoderne 115 Teil B: Pragmatismus und Demokratietheorie 117 I. Idealistische vs. ökonomistische Theorie der Demokratie 117 1. Jean-Jacques Rousseau: Gesellschaftsvertrag und Gemeinwille 117 a) Der Gesellschaftsvertrag bei Rousseau 118 b) Die volonté general 119 2. Joseph Schumpeter: Demokratie als Wettbewerb 121 a) Realistische Kritik des Demokratiebegriffs 122 b) Demokratie als Wettbewerb um politische Macht 123 c) Vergleich der Demokratietheorien Rousseaus und Schumpeters 124 10 II. Demokratietheorie bei John Dewey 126 1. John Dewey als "Public Philosopher" des Progressivismus 126 a) Das Programm des Progressivismus 126 b) Die Rolle John Deweys 129 2. Philosophie und Politik 131 a) Die politische Bedeutung von Kants Moralphilosophie 131 b) Die Philosophie des a priori als Wegbereiter des Totalitarismus 133 3. Kritik an der liberalen Demokratietheorie 135 a) Die politische Philosophie des klassischen Liberalismus 135 b) Deweys Kritik am normativen Individualismus 137 c) Die Kritik am liberalistischen Demokratieverständnis 139 d) Die Erneuerung des Liberalismus 141 4. Demokratie als Voraussetzung von "Self-Realization" 142 a) Deweys Neubestimmung des Freiheitsbegriffs 142 b) Individuum und Gemeinschaft - Demokratie als "way of life" 144 c) Die liberale Kritik an Dewey 146 d) Ethisch fundierte Demokratietheorie und pragmatischer Instrumentalismus 149 5. Demokratie als Verfahren kooperativer öffentlicher Problemlösung 150 a) Deweys Begriff der Öffentlichkeit 150 b) Die Übertragung der pragmatistischen Forschungslogik auf die Politik 152 c) Deweys Ablehnung einer Herrschaft der Experten 154 d) Politische Aufklärung der Zivilgesellschaft 156 e) Die Idee der "Great Community" 158 f) Einordnung von Deweys Demokratietheorie 160 III. Pragmatismus und deliberative Demokratie 162 1. Merkmale deliberativer Demokratie 162 a) Öffentliche Diskussion als Kern des demokratischen Prozesses 162 b) Deliberative Demokratie in der Praxis 163 c) Öffentliche Vernunft und Konstitution von Gemeinschaft 165 2. Deliberative Demokratie und politischer Liberalismus 166 11 a) John Rawls' liberale Konzeption von deliberativer Demokratie 166 b) Schranken des öffentlichen Vernunftgebrauchs 169 3. Deliberative Demokratie und Diskurstheorie 171 a) Die Verschränkung von privater und öffentlicher Autonomie 171 b) Der universelle Anspruch der Diskurstheorie 172 4. Deliberative Demokratie und Pragmatismus 174 a) Demokratische Praxis als Ausgangspunkt pragmatistischer Demokratietheorie 174 b) Die demokratische Öffentlichkeit als Forschungsgemeinschaft 175 c) Die demokratische Struktur des Forschungsprozesses 177 d) Eine epistemologische Rechtfertigung der Demokratie 178 5. Rationalität und Legitimität 181 a) Legitimität durch Verfahrensrationalität 182 b) Geltungsanspruch politischer Legitimität 184 6. Die Rolle der Grundrechte 185 a) Die Vernachlässigung der Grundrechtsproblematik im klassischen Pragmatismus 186 b) Verankerung der Grundrechte in der Struktur des Forschungsprozesses 187 7. Voraussetzungen deliberativer Demokratie 190 IV. Probleme einer pragmatistischen Konzeption deliberativer Demokratie 193 1. Rortys Kritik an einer philosophischen Begründung der Demokratie 193 a) Ist eine philosophische Rechtfertigung der Demokratie überhaupt möglich? 194 b) Probleme von Rortys Ethnozentrismus 195 2. "Realistische" vs. "deliberative" Demokratietheorie 197 a) Beruht die deliberative Demokratietheorie auf unrealistischen Voraussetzungen? 197 b) Deliberative Demokratie als normatives Ideal 198 c) Die Notwendigkeit eines normativ gehaltvollen Demokratieverständnisses 199 12 Teil C: Pragmatismus und Rechtstheorie 202 I. Der Pragmatismus im Rechtsdenken von Oliver Wendell Holmes 202 1. Holmes' Biographie und seine Verbindungen zu den Pragmatisten 204 2. Die Kritik am Formalismus 205 a) Formalistische Jurisprudenz bei Austin und Langdell 205 b) Zur Berechtigung des Formalismusvorwurfs 208 c) Die Kritik am Formalismus in "The Common Law" 209 d) Formalismus in der Rechtsprechung: Das Lochner-Urteil 211 3. Der Rechtsbegriff der „Prediction Theory of Law“ 212 a) Die "Prediction Theory of Law" und die pragmatische Maxime 213 b) Die Bedeutung der "Prediction Theory of Law" 215 c) Das Verhältnis von Recht und Moral 217 d) Das Verhältnis von Sein und Sollen 219 4. "The Common Law" 221 a) Die Evolution des Rechts 221 b) Die Rolle von Begriffs- und Systembildung 222 c) Externalismus 223 d) Der "man of prudent foresight" als objektiver Standard 225 e) "The Common Law" als Vorstufe eines pragmatistischen Rechtsverständisses 227 5. Rechtsinstrumentalismus 228 a) Vom organischen zum instrumentalistischen Rechtsverständnis 229 b) Interessenanalyse und Folgenabschätzung 230 c) "Struggle for existence" und "marketplace of ideas" 231 6. Die Rolle des Richters bei Holmes 234 a) "Detachment" und "Judicial Restraint" 234 b) Holmes' Liberalismus 237 7. Holmes’ Pragmatismus 239 a) Instrumentalismus statt Utilitarismus 239 b) Holmes und Dewey 241 II. Pragmatismus und amerikanische Rechtstheorie 1900-1950 243 1. John Dewey und die logische Methode im Recht 243 13 a) Deweys realistischer Rechtsbegriff 243 b) Die logische Methode im Recht 245 c) Normbegriff und Gesetzesbindung 248 2. R. Pound, B. Cardozo und die Sociological Jurisprudence 249 a) Roscoe Pound und die Theorie der "social interests" 250 b) Benjamin Cardozo: "The Nature of Judicial Process" 252 c) Sociological Jurisprudence, Pragmatismus und Progressivism 253 3. Der Legal Realism 254 a) Der Rechtsbegriff des Legal Realism 254 b) Rule-scepticism und "law in action" 256 c) Wertrelativismus 257 d) Legal Realism und Pragmatismus 259 III. Rechtspragmatismus 262 1. Elemente der pragmatistischen Rechtstheorie 262 a) Realistischer Rechtsbegriff 263 b) Instrumentalismus 263 c) Folgenabwägung als zentrales Kriterium der Rechtsanwendung 263 d) Rechtswissenschaft als empirische Sozialwissenschaft 264 2. Die empiristische Wende im amerikanischen Rechtsdenken 265 a) Realistischer Rechtsbegriff statt Dualismus von Sein und Sollen 265 b) Instrumentalismus statt Autonomie des Rechts 266 c) Sozialtechnologie statt Geisteswissenschaft 267 d) Der Sonderweg der amerikanischen Rechtstheorie 268 3. Die Kritik am Rechtspragmatismus 269 a) Die Kritik am pragmatistischen Rechtsbegriff 269 b) Kritik an einer Überschätzung der Sozialwissenschaften 271 c) Das Problem der Gesetzesbindung 276 d) Dworkins Kritik am Rechtsinstrumentalismus 279 4. Das Verhältnis von Recht und Demokratie 284 a) Autonomie und Legitimität des Rechts 284 b) Der Zusammenhang von Rechts- und Demokratietheorie im Pragmatismus 286 c) Gesetzesbindung 288 d) Gerichtliche Kontrolle des demokratischen Gesetzgebers 291 14 IV. Das pragmatistische Erbe in der neueren amerikanischen Rechtstheorie 293 1. Richard Posner: Economic Analysis of Law und Legal Pragmatism 293 a) Posners "Everyday Pragmatism" 294 b) Die pragmatistischen Wurzeln der Economic Analysis of Law 296 c) Posners Demokratieverständnis 296 2. Cass Sunstein: Judicial Minimalism als "Second-Order-Pragmatism" 300 a) Elemente eines Judicial Minimalism 300 b) Judicial Minimalism und deliberative Demokratie 302 c) Judicial Minimalism im Verfassungsrecht 304 Schlussbetrachtung 307 Literaturverzeichnis 311 Personenverzeichnis 331 15 Einleitung Der Pragmatismus hatte es lange Zeit schwer, in Europa angemessen wahrgenommen zu werden. Die Geschichte seiner Rezeption, vor allem der drei pragmatistischen Klassiker Charles Saunders Peirce, William James und John Dewey, ist vor allem eine Geschichte von Missverständnissen1. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Pragmatismus auch von der Philosophie in der alten Welt wirklich entdeckt. Maßgeblich hierfür waren vor allem die Arbeiten von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas, die für ihre Diskurstheorie nicht zuletzt auch auf Einsichten von Peirce zurückgriffen. Auch die moderne politische Philosophie in Deutschland zeigt neuerdings ein wachsendes Interesse insbesondere für John Dewey, der sich in seinem Werk vor allem den politischen und sozialen Implikationen des Pragmatismus gewidmet hat, und dessen "A Quest for Certainty" von Jürgen Habermas zusammen mit Wittgensteins "Tractatus" und Heideggers "Sein und Zeit" zu den wichtigsten Werken der Philosophie im 20. Jahrhundert gerechnet wird2. In den Vereinigten Staaten hat die pragmatistische Philosophie auch das Rechtsdenken ganz maßgeblich beeinflusst. Das gilt nicht nur für ältere Strömungen wie die Sociological Jurisprudence und den Legal Realism, sondern trifft auch auf aktuelle Denkrichtungen wie die Economic Analysis of Law zu. Die kontinentaleuropäische Rechtstheorie hingegen hat den Pragmatismus bis dato praktisch ignoriert. Lediglich Peirces Lehre von der Abduktion als eigenständiger Form logischen Schliessens neben Deduktion und Induktion fand eine gewisse Resonanz3. Weitestgehend unbeachtet blieben hingegen die Kerngedanken pragmatistischen Rechtsdenkens, insbesondere dessen empirisch-realistischer Rechtsbegriff 4. 1 Vgl. Joas (1999) S. 7. 2 Habermas (2001 b) S. 155. Vgl. zur Wiederentdeckung Deweys in der politischen Philosophie insbesondere die Monographien von Jörcke (2003), Wentz (2006) und Rost (2006), sowie den von Joas herausgegebenen Sammelband zu Dewey "Philosophie der Demokratie" aus dem Jahr 2000. 3 Erstmalig bei Lüderssen (1972), auch Arthur Kaufmann berief sich gelegentlich auf Peirces Ausführungen zur Logik, vgl. insb. Kaufmann (1986) S. 260 ff., sowie (1990) S. 33 f. Rechtslogische Fragestellungen bilden auch die Grundlage für die Pragmatismusrezeption in den Monographien von Schulz (1988) und Lege (1999). 4 Eine Ausnahme bildet die Studie von Löffelholz zur pragmatistischen Rechtsphilosophie, Löffelholz (1961), die allerdings über weite Strecken ein exemplarisches Beispiel für die oben angesprochene mißverständliche Rezeption des Pragmatismus hierzulande darstellt. Ausführungen zum pragmatistischen Rechtsverständnis finden sich auch in den Arbeiten von Casper (1967) und Reich (1967), die sich mit dem Legal Realism und der Sociological Jurisprudence beschäftigen, sowie bei Fikentscher (1975). Aus der jüngeren Zeit sind Eidenmüllers umfassende Untersuchung zur ökonomischen Analyse des Rechts (2005) und die Arbeit von Rea-Frauchiger (2006) zu nennen. 16 Die vorliegende Arbeit möchte dazu beitragen, diese Rezeptionslücke zu schlie- ßen. Sie versucht die Konsequenzen aufzuzeigen, die sich aus der Anwendung pragmatistischen Denkens auf Recht und Politik ergeben. Vor allem geht es ihr darum, die enge Verbindung zu verdeutlichen, die im Pragmatismus zwischen Rechtsund Demokratietheorie besteht. Im ersten Teil der Arbeit werden dazu zunächst die Grundgedanken der pragmatistischen Philosophie erläutert. Der Pragmatismus soll hier vor allem als der Versuch interpretiert werden, das Denken der neuzeitlichen experimentellen Naturwissenschaften auf die Philosophie zu übertragen. Daraus resultiert eine Ablehnung der traditionellen repräsentationalistischen Erkenntnistheorie. Erkenntnis wird nicht mehr als ein Vorgang kontemplativer Abbildung von Gegenständen in einem Bewusstsein verstanden, sondern als ein Prozess tätigen Handelns, der immer auch eine Interaktion mit der Umwelt und dem Erkenntnisobjekt einschließt. Entscheidend ist für den Pragmatismus zudem die Einsicht, dass wissenschaftliche Forschung notwendig ein sozialer Vorgang ist, der von praktischen Interessen angeleitet wird, und der deshalb stets innerhalb einer normativ verfassten öffentlichen Gemeinschaft von Forschenden stattfindet. Theorie und Praxis sind damit ebenso wie Fakten und Werte aus Sicht des Pragmatismus keine unhintergehbaren Dualismen, sondern untrennbar ineinander verwoben. Der zweite Teil widmet sich der pragmatistischen Demokratietheorie, wie sie insbesondere von John Dewey geprägt wurde. Besonderes Augenmerk gilt dabei Deweys Ansatz, gewissermaßen eine epistemologische Begründung der Demokratie zu entwerfen, indem er demokratische Öffentlichkeiten als Analogon zu wissenschaftlichen Forschungsgemeinschaften begreift. Interessant ist dieser Ansatz vor allem deshalb, weil er als ein Vorläufer des Konzepts der deliberativen Demokratie gelten kann, das derzeit zu den meistdiskutierten Themen der politischen Philosophie gehört. Die pragmatistische Perspektive erweist sich dabei als eine eigenständige Alternative zu den traditionellen Demokratietheorien, insbesondere denen des politischen Liberalismus und der Diskurstheorie. Der dritte Teil schließlich behandelt die Rechtstheorie des Pragmatismus. Hier soll versucht werden, aufzuzeigen, wie der Einfluss der pragmatistischen Philosophie, vermittelt vor allem durch die Arbeiten von Oliver Wendell Holmes, eine empirische Wende in der amerikanischen Rechtstheorie bewirkte. Sie führte dazu, dass sich dort eine instrumentalistische Betrachtungsweise des Rechts durchsetzte, die in ihm in erster Linie ein Instrument zur Durchsetzung politischer und sozialer Zwecke sah und demgemäß die Rechtsanwendung vor allem an ihren realen sozialen Konsequenzen ausrichtete. Die daraus resultierende Offenheit des Rechts für politische Folgenerwägungen steht im Gegensatz einer vor allem in der kontinentaleuropäischen Rechtstheorie propagierten Autonomie des Rechts, die gerade die Trennung von Recht und Politik betont. Auch für die Frage nach der normativen Geltung des Rechts ergeben sich grundlegende Unterschiede. Da der Rechtspragmatismus auf einem realistischen Rechtsbegriff basiert, kann das Recht seinen normativen Geltungsanspruch nicht mehr aus sich selbst heraus, etwa über eine Grundnorm, begründen. Die Legitimität des Rechts wird im pragmatistischen Modell stattdessen 17 wesentlich durch das demokratische Verfahren vermittelt. Der Rechtspragmatismus lässt sich daher nur dann angemessen verstehen, wenn man ihn vor dem Hintergrund der pragmatistischen Demokratietheorie betrachtet. Im letzten Teil der Arbeit werden daher mit Richard A. Posner und Cass Sunstein zwei Vertreter eines zeitgenössischen Rechtspragmatismus vorgestellt, die sich in ihren Arbeiten insbesondere auch mit dem Verhältnis von Recht und Demokratie befassen. Der Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne, der sich auch in der Rechtstheorie niedergeschlagen hat. Er ist gekennzeichnet durch den Versuch der Überwindung der traditionellen Dualismen, an denen sich die abendländische Philosophie seit der Antike abgearbeitet hat: Theorie und Praxis, Subjekt und Objekt, Sein und Sollen. Der Pragmatismus versteht Philosophie nicht als eine "Suche nach Gewissheit" sondern als das Projekt, in einem kontinuierlichen Forschungsprozess die Methoden des Denkens so fortzuentwickeln, dass sie es ermöglichen, das Handeln bestmöglich anzuleiten. Dieser Verzicht auf Dogmen und Letztbegründungen und die Betonung von offenem Diskurs und praktischer Bewährung macht den Pragmatismus als politische Philosophie für eine pluralistische Gesellschaft so interessant. 18

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Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.