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Christoph Gille, Benjamin Haas, Editorial in:

Voluntaris, page 202 - 204

Voluntaris, Volume 8 (2020), Issue 2, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2020-2-202

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202 DOI: 10.5771/2196-3886-2020-2-202 EDITORIAL Liebe Leser*innen, Die Begrenzungen öffentlicher Handlungsräume zur Bekämpfung der Corona- Pandemie haben ohne Zweifel enorme Auswirkungen auf das Zusammenwirken innerhalb der Zivilgesellschaft. Persönliche Treffen, Versammlungen und Proteste – als elementare Bestandteile einer engagierten Zivilgesellschaft – finden unter erschwerten Bedingungen statt. Internationale Freiwilligendiensteinsätze sind ganz zum Erliegen gekommen. Und auch nachdem der erste Lockdown im Frühjahr gelockert wurde, blieben die Handlungsräume für die Zivilgesellschaft durch die weiteren Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie verengt. Doch auch Gegenteiliges ließ und lässt sich beobachten: So bekam vor allem das ad-hoc- Engagement zum Beispiel von Nachbarschaftsinitiativen viel Aufmerksamkeit und zeigt, dass auch und gerade in Krisensituationen die Zivilgesellschaft wesentliche gesellschaftliche Funktionen übernimmt. Manche sahen in den vielfältigen Aktivitäten gar eine neue Gesellschaftsordnung evolvieren, die sich durch mehr Solidarität und Stabilität auszeichnet. Es scheint also, als sei es weder angemessen, in Zeiten der Corona-Pandemie den Abgesang auf die Zivilgesellschaft anzustimmen, noch sie als Heilsbringer zu überschätzen. Viel eher muss erkundet werden, welche vielfältigen Transformationen mit der Pandemie verbunden sind, wo Handlungsräume eventuell beschränkt und wo vielleicht erweitert wurden. Dass es dazu Etliches zu entdecken gibt, zeigen die Beiträge unseres Themenschwerpunktes Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie. Ja, es entstehen neue, kreative und nachhaltige Initiativen, die zur Bewältigung der Krise beitragen. Das zeigt die Dokumentation von Dr. Carola Croll über den Smart Hero Award. Anhand der eingereichten Projekte für den von der Stiftung Digitale Chancen ausgelobten Preis zeichnet sie Veränderungen des sozialen Engagements im digitalen Raum nach. In anderen Feldern zeigt sich eine überraschende Adaptionsfähigkeit und Stabilität von bestehendem Engagement. So zeigt der Aufsatz von Prof. Dr. Stephan Kirchschlager und Dr. Mario Störkle, wie Engagierte im höheren Lebensalter in der Schweiz auch während der Kontaktsperre weiterhin engagiert bleiben, indem sie auf digitale Formate zurückgreifen. Dort, wo sie – selbst als Risikogruppe kategorisiert – in der Nachbarschaftshilfe ausfielen, kompensierten dies kurzfristig jüngere Freiwillige, was die Forscher als Stärkung der intergenerationalen Solidarität werten. Witold Mucha, Anna Soßdorf, Laura Ferschinger und Viktor Burgi konstatieren der Fridays For Future-Bewegung eine starke Resilienz gegenüber der Covid-19 Krise, da sie bereits vorher über umfangreiche Erfahrungen mit digitalem Protest sowie Organisations- und Mobilisierungsformen Editorial 203 Editorial gesammelt hatte. Sie übertrugen ihre Methoden weiter auf den digitalen Raum und verloren – so die Erkenntnis – nicht an Reichweite und Wirkung. Die Methodik der Forschung ist bemerkenswert: Teile der Studie wurden im Rahmen des Citizen- Science-Ansatzes mit den Aktivist*innen gemeinsam geplant. Neben diesen eher positiv oder optimistisch konnotierten Erkenntnissen zeigt der Beitrag von Prof. Dr. Anne van Rießen und Stefanie Henke ein ambivalentes Bild und macht deutlich, dass sich soziale Ungleichheit und Privilegien im Engagement durch die Pandemie verstärken. So konnten sie zwar einerseits zeigen, dass neu geschaffene Engagement-Formate Personengruppen als Freiwillige erreichen, die sich bisher nicht im Rahmen von institutionell organisierten Nachbarschaftshilfen eingebracht hatten. Andererseits sind diese neuen Ad-hoc-Ehrenamtlichen weit überdurchschnittlich gebildet und leben in privilegierten Situationen, die es ihnen ermöglichen neben der Selbstsorge auch freiwillige Fremdsorge zu leisten. Die bereits bekannte mangelnde soziale Vielfalt im zivilgesellschaftlichen Engagement heben die Forscher*innen daher als „intensiviert“ hervor. Damit lenken die Autorinnen den Blick auf die Rahmung des zivilgesellschaftlichen Engagements, ein Aspekt, der in mehreren Artikeln besprochen wird. So fordern Führungskräfte von Verbänden und gemeinnützigen Organisationen in einer Panelbefragung mehr staatliche Unterstützung für zivilgesellschaftliche Strukturen sowie größere Anerkennung von ehrenamtlichen Leistungen. Dr. Birthe Tahmaz dokumentiert die Ergebnisse und macht deutlich, dass in der Pandemie zwar Chancen für zivilgesellschaftliches Engagement liegen, es jetzt aber vermehrter Investitionen in Strukturbildung und digitale Infrastruktur benötigt, um die „neuen Engagierten“ nachhaltig einzubinden. Dass der verbliebene „harte Kern“ der zivilgesellschaftlichen Geflüchtetenhilfe durch die Corona-Pandemie ernsthaft in Gefahr geraten ist, zeigt der Aufsatz von Clara van den Berg, Prof. Dr. Edgar Grande und Prof. Dr. Swen Hutter. Zugangsverbote in den Asylunterkünften und die Altersstruktur der meisten Ehrenamtlichen haben nicht nur für einen vorübergehenden Stillstand des Engagements gesorgt, so das Ergebnis ihrer Studie. Denn bereits vor Corona bestand in diesem Beriech ein hohes Maß an Erschöpfung und Frustration, sodass das Engagement geschwächt in die Krise ging. Durch Covid-19 ist es nun an einigen Orten in seiner Substanz gefährdet. Überforderung und mangelnde Unterstützung der Engagierten findet in der Pandemie einen Katalysator, der zu weiterer Demobilisierung führen kann. Ebenfalls substanziell betroffen von der Corona-Krise durch Reisebeschränkungen und andere Präventionsmaßnahmen sind die internationalen Freiwilligendienste. In unserer Rubrik Debatte und Dialog haben wir dazu Sekamana Archimede, den Executive Director des Rwanda Volunteer Network, interviewt. Er geht nicht davon aus, dass es ein Zurück zum business as usual geben wird und plädiert stattdessen für ein Nachdenken über neue Formate des Austauschs. 204 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Editorial Grundsätzlichen Veränderungen geht auch Marcela Cano in Debatte und Dialog nach. Mit dem Blick auf so unterschiedliche zivilgesellschaftliche Proteste wie die der Black-Lives-Matter-Bewegung und die Anti-Corona-Demonstrationen macht sie eine Entgründung von vermeintlich sicher geglaubten gesellschaftlichen Tatsachen aus. Das Krisenhafte der Pandemie zeigt sich demnach nicht in einem für die Zivilgesellschaft verengten Raum, sondern im Ausbruch neuer, radikaler Antagonismen, die sich noch nicht in eine Richtung aufgelöst haben. Neben den Beiträgen des Themenschwerpunktes erwartet Sie ebenfalls eine spannende Themenvielfalt. Hervorgehoben sei die ethnografische Studie von Stefanie Schien zur Bedeutung eines Freiwilligen-Projektes für ein indigenes Dorf in Ecuador. Sie bringt darin Stimmen aus dem Globalen Süden zur Geltung, die vielfältigen Nutzen aus dem Voluntourismus-Projekt ziehen und setzt so dem vielfach kritisierten Sektor ein alternatives Modell entgegen. Statt kommerzieller Ausbeutung und postkolonialer Kontinuität trägt es zu selbstbestimmten Handlungsspielräumen der Dorfgemeinschaft bei. Voluntaris-Mitherausgeber Hartmut Brombach zieht nach 20-jähriger Tätigkeit für den Internationalen Bund eine fachliche und persönliche Bilanz zu den Bedingungen der Freiwilligendienste und weist auf eine ganze Reihe von Konflikten und Konstruktionsfehlern hin, die auch weiterhin virulent sein werden. Christine Orth-Theis erläutert in einer äußerst praxisrelevanten Dokumentation ein wegweisendes Urteil zur Umsatzsteuerbefreiung für das Freiwillige Soziale Jahr. Wir wünschen eine erkenntnisreiche Lektüre! Christoph Gille und Benjamin Haas für die Herausgeber*innen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie

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Zusammenfassung

Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.