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Stefanie Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ - Die Bedeutung eines Voluntourismusprojekts für ein indigenes Dorf in Ecuador . in:

Voluntaris, page 278 - 304

Voluntaris, Volume 8 (2020), Issue 2, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2020-2-278

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278 DOI: 10.5771/2196-3886-2020-2-278 „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“1 Die Bedeutung eines Voluntourismusprojekts für ein indigenes Dorf in Ecuador Stefanie Schien M.Sc., Doktorandin an der Philipps-Universität Marburg | schien@staff.uni-marburg.de Zusammenfassung Wie verändert Voluntourismus das Leben in lokalen Gemeinschaften? Welche Erwartungen und Ziele verbinden die Gastgebenden mit ihrer Teilnahme? Inwiefern werden diese eingelöst? Dieser Artikel nähert sich den genannten Fragestellungen anhand eines ethnographischen Fallbeispiels aus einem Shuar-Dorf in Ecuador und stellt dabei die Sichtweisen der indigenen Gemeinschaft in den Vordergrund. Das Tourismusprojekt im Fallbeispiel wurde von der Dorfgemeinschaft selbst initiiert und wird von ihr betrieben. Im Kontext von Voluntourismus bedeutet dies einen selten verzeichneten hohen Grad an Selbstbestimmtheit der Gastgebenden. Mit einem ethnologischen Interesse an der Selbstwahrnehmung der Shuar werden anhand dieses Sonderfalls die Ziele und die Bewertung von Voluntourismus durch die gastgebende Gemeinschaft in den Fokus gestellt. Darin wird ein Verständnis der eigenen Handlungsmacht der Gastgebenden ersichtlich, das bislang im Diskurs um Voluntourismus vernachlässigt wurde. Schlagwörter: Voluntourismus; Ecuador; Shuar; indigener Tourismus; Autonomie Abstract How does voluntourism impact on the life of local communities? Which expectations and aims do the hosts tie to their participation? In how far are those fulfilled? The article approaches those questions by way of an ethnographic example from a Shuar village in Ecuador, foregrounding the perspectives of the indigenous community. The tourism project of the example has been initiated and is currently managed by it. In the context of voluntourism this constitutes a rare case of a high degree of autonomy of the hosts. With an ethnological interest in the self-perception of the Shuar, the article centers, based on this specific case, on the aims and evaluation of voluntourism within the host community. While hitherto disregarded in the discourse on voluntourism, the hosts’ understanding of their agency becomes apparent. Keywords: volunteer tourism; voluntourism; Ecuador, Shuar; indigenous tourism, autonomy 1 “Es como una forma de independización” (Mateo Vargas 2013), Mateo über die Entscheidung, eine eigene Stiftung zu gründen. 279 Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ 1. Einleitung: Den Blick auf die Gastgeber*innen2 richten „Wenn wir nicht mit Tourismus oder den Freiwilligen gearbeitet hätten, wo wären wir dann?“3 „Immer haben wir auch darauf geschaut, dass wenn wir Tourismus oder Voluntourismus machen, unsere Kultur nicht in einen Markt zu verwandeln. Also hier ist es bekannt, dass Tourismus die Kultur zerstören kann.“4 Wie verändert Voluntourismus5 das Leben in lokalen Gemeinschaften? Welche Erwartungen und Ziele verbinden die Gastgebenden mit ihrer Teilnahme? Inwiefern werden diese eingelöst und erfüllt? Trotz eines umfangreichen und stetig wachsenden Literaturkorpus stieß man mit diesen Fragen vor einer knappen Dekade genauso auf eine Leerstelle wie in der jüngeren Vergangenheit: Although research relating to IDV [international development volunteering] has gathered recent interest, there remains relatively little work that considers the host perspective in any detail. Limited coverage of host interests is expressed consistently in neo-liberal and neo-colonial critiques of broader development and volunteering agendas (McLachlan/Binns 2019: 67). In diesem Artikel möchte ich mich daher den genannten Fragestellungen anhand eines ethnographischen Fallbeispiels aus dem Shuar-Dorf6 Arútam in Ecuador annähern und dabei die Sichtweisen der indigenen Gemeinschaft in den Vordergrund stellen. Wie kam es zu ihrer Involvierung im Voluntourismus und wie bilanzieren sie ihre Erfahrungen? Die von der Dorfgemeinschaft wahrgenommenen positiven und negativen Veränderungen in ihrem Lebensalltag geben Aufschluss darüber, inwiefern ihre Erwartungen an Voluntourismus eingelöst wurden. Das Tourismusprojekt der Organisation Fundación para Desarrollo Comunitario Indígena de Pastaza (FUNDECOIPA) im Fallbeispiel wurde von der Dorfgemeinschaft selbst initiiert und wird von ihr betrieben. Im Kontext von Voluntourismus bedeutet dies einen selten verzeichneten hohen Grad an Selbstbestimmtheit der Gastgebenden. Da die Situation der lokalen Gruppen in der Voluntourismusforschung vor 2 Im englischsprachigen Diskurs wird eine Vielzahl von Begriffen verwendet, die entweder die exponierte Stellung der Voluntourismus-Erfahrung (the volunteered, the visited) oder die Gastgeber*innenrolle (hosts, receiving communities) in den Vordergrund stellen. Um die zugeschriebene Passivität der lokalen Akteur*innen und deren Reproduktion im wissenschaftlichen Diskurs zu vermeiden, schließe ich mich dem Gebrauch des Letzteren an. 3 “Si nosotros no hubiésemos trabajado con turismo o con los volontarios dónde estaríamos nosotros” (Pedro Vargas 2013). Alle Übersetzungen stammen von der Autorin. 4 “[Y] siempre también vimos de que si hacemos turismo o sea volontariado no transformar nuestra cultura en un mercado. Entonces ahí turismo también saben que puede destruir a la cultura” (Lorenzo Vargas 2013). 5 Ins Deutsche von den englischen Begriffen volunteer tourism und voluntourism übernommen. 6 Die Shuar sind die zweitgrößte der staatlich anerkannten indigenen Gruppen Ecuadors. Sie gehören der Familie der Jívaro-Sprecher*innen an, die eine der größten Sprachgruppen im westlichen Amazonasbecken bilden. Die Shuar siedeln mehrheitlich in Ecuador, leben aber auch in den Grenzgebieten Perus und Kolumbiens (Meiser 2013: 42 ff.). 280 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze allem durch strukturelle Ungleichheiten und die verbundenen negativen Konsequenzen von Voluntourismus rezipiert wird, möchte ich anhand dieses besonderen Falls die Ziele und Handlungsstrategien der lokalen Gruppen aufzeigen. Dies bedeutet nicht, dass dieses Beispiel außerhalb ungleicher, globaler Strukturen zu verorten ist. Es kann jedoch aufgrund der besonderen Rolle und Situation der indigenen Akteur*innen die wissenschaftliche Beschäftigung mit Voluntourismus um eine weitere Dimension ergänzen. Denn im Sinne der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema gilt es nicht nur, Abhängigkeitsstrukturen aufzuzeigen, sondern eben auch die Sichtweisen der Betroffenen ernst zu nehmen. Daher hoffe ich, einige neue Einblicke zu teilen, wie die Gemeinschaft auf vielseitige Weise ihr Leben zu gestalten und zu verbessern versucht. Zu diesem Zweck werde ich im Weiteren zunächst das Phänomen des Voluntourismus in seiner Entwicklung, von einem Nischentourismus zu einer der am schnellsten wachsenden Reisesparten, sowie seine wissenschaftliche Rezeption darstellen. Ehe ich im Anschluss daran ausführlich die lokale Perspektive aus Arútam beleuchte, werde ich zudem auf mein methodisches Vorgehen und meine Positioniertheit im Feld und als Forscherin eingehen. Darauffolgend werde ich die Geschichte, Zielsetzung und Bewertung des Voluntourismusprojekts im Regenwaldgebiet Ecuadors mit Blick auf die ökonomischen, ökologischen und kulturellen Auswirkungen aus Sicht seiner Begründer*innen und Mitarbeiter*innen darstellen. Im Fazit möchte ich die Ergebnisse des Fallbeispiels nochmals resümieren und Überlegungen anstellen, inwiefern sich aus diesen Rückschlüssen auf Voluntourismus und den akademischen Diskurs dazu ergeben. 2. Voluntourismus – Urlaub mit gutem Gewissen? Zum Einstieg möchte ich kurz einige Hintergrundinformationen und historische Entwicklungen zum Thema Voluntourismus skizzieren, bevor ich mich dem Forschungsstand in der wissenschaftlichen Literatur zuwende und Forschungsdesiderata herausstelle. Voluntourismus, auch Voluntärtourismus genannt, bezeichnet eine Urlaubsreise, in der geplant ein Teil oder der gesamte Aufenthalt darauf verwandt wird, ehrenamtlich beispielweise in der Armutsbekämpfung oder im Umweltschutz zu arbeiten (Guttentag 2009). Es handelt sich um ein relativ junges Tourismusphänomen, das sich innerhalb der letzten 20 bis 30 Jahre zunächst vor allem aus Ökotourismus- und Umweltschutzprojekten entwickelt hat (Brightsmith/Stronza/Holle 281 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ 2008). Heute bilden jedoch Projekte, die in den Kontext von Entwicklungshilfe7 und Armutsbekämpfung fallen, einen mindestens genauso großen Anteil. Angesichts der allein für das Jahr 2016 geschätzten 1,6 Millionen Voluntourist*innen, die in einem Bericht der European Association for Tourism and Leisure Education ausgewiesen wurden (McAllum/Zahra 2017: 291), und dem anhaltenden Trend zur vermehrten Nutzung entsprechender Angebote, avancierte der Voluntourismus von einer Nische zu einer der weltweit am schnellsten wachsenden Reisesparten (Mostafanezhad 2013: 485). Vor allem junge Menschen aus dem Globalen Norden, aus Mittelschichtskontexten und mit höheren Bildungsabschlüssen zwischen 18 und 30 Jahren nehmen daran teil (Wearing/Grabowski 2011: 194). Typischerweise überwiegen im Voluntourismus relativ kurze Aufenthalte von wenigen Wochen (Tiessen/Heron 2012: 47). Touristisch an dieser Form der Freiwilligenarbeit ist, dass nicht nur Transport und Unterkunft von den Reisenden gezahlt werden, sondern auch die Möglichkeit zur Teilnahme an den jeweiligen Projekten (Mostafanezhad 2013: 485). Anders als bei klassischen Freiwilligendiensten spielen aufgrund der Marktorientierung bei kommerziellen Anbietern Einschränkungen in Hinblick auf Eignung, Qualifikation oder Vorbereitung kaum eine beziehungsweise gar keine Rolle. Die Angebotsstruktur ist differenziert auf die Wünsche und finanziellen Möglichkeiten der Voluntourist*innen abgestimmt: Dabei reicht das Spektrum von Komplettangeboten mit durchorganisiertem Reiseplan, Sprachkursen, Freiwilligendienst/ en in einem oder mehreren Projekt/en und Sightseeing, hin zu Angeboten lokaler Initiativen, gegründet von Hostels oder Nichtregierungsorganisationen (NRO), die sich an spontan entschlossene Backpacker*innen wenden. Bis in die jüngere Vergangenheit dominierten spezialisierte kommerzielle Anbieter und NRO, heute kommen zunehmend Wohltätigkeitsorganisationen mit konventionellen Freiwilligendiensten hinzu; der ehemals dominierende Marktakteur und Reiseveranstalter TUI hatte sein Portfolio zu diesem Zweck erweitert und aufgrund der Nachfrage wurden und werden neue Projekte gegründet (Burrai/Mostafanezhad/Hannam 2017; Czarnecki u. a. 2015: 6). Die zunehmende Popularität bei Reisenden und die wachsende Anzahl von Anbietern ist auch im wissenschaftlichen Diskurs nicht unbeobachtet geblieben. Als intrinsisch interdisziplinärer Forschungsgegenstand ist Voluntourismus unter anderem aus Sicht der Ökologie, des Umweltschutzes, der Tourismus- und Freizeitforschung, der Betriebswirtschaft, der Soziologie, Humangeographie, den Entwicklungsstudien und der Ethnologie betrachtet worden. In den frühen 7 Entwicklungshilfe oder Entwicklungszusammenarbeit stellen innerhalb des Voluntourismusdiskurses unspezifisch genutzt und unhinterfragte Kategorien dar. Für eine kritische Reflexion der Begriffs- und Theoriegeschichte siehe Edelman/Haugerud (2005). 282 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze 2000er-Jahren war die Diskussion insbesondere vonseiten der Tourismus- und Freizeitforschung durch mehrheitlich positive Erwartungen geprägt (Raymond/ Hall 2008). Ähnlich wie zuvor für Ökotourismus wurde das Potenzial für nachhaltigen Umweltschutz und Armutsbekämpfung sowie die individuelle Entwicklung der Tourist*innen hoch eingeschätzt (Rattan/Eagles/Mair 2012; Wearing 2001). Da Voluntourismus zu Beginn vor allem in Umweltschutz- und ökologischen Forschungsprojekten praktiziert wurde, standen der messbare Einfluss auf den Umweltschutz und die Qualität der von Voluntourist*innen erzeugten wissenschaftlichen Daten im Vordergrund (Brightsmith/Stronza/Holle 2008: 2833; Macdonald/Feber 2015). Nachfolgend rückten Themen wie die Erfahrung der Voluntourist*innen und das Management durch die entsendenden Anbieter als wichtige Bedingungen für die Zufriedenheit der Voluntourist*innen – und damit als Voraussetzung für das erfolgreiche Fortbestehen des Voluntourismus – in den Vordergrund (Brown 2005; Chen/Bao/Huang 2014; Stoddart/Rogerson 2004). Insofern die Wirkung von Voluntourismus auf Umweltschutz oder die Verbesserung der lokalen Lebensbedingungen evaluiert wurden, blieben die Erhebungen sowie die Formulierung expliziter Bewertungskriterien für den Erfolg von Initiativen und Projekten an ökologischen, technokratischen und an wirtschaftlichen Parametern von Umweltschutz und Entwicklung orientiert (Vrasti 2013: 3). Dahingegen wurden lokale Konzepte von Mensch-Natur-Beziehungen oder Lebensqualität wie zum Beispiel buen vivir8 und damit die Stimmen der lokalen Gemeinschaften ausgelassen (Wearing/Grabowski 2011: 195 f.). In den sich ausdifferenzierenden Interessensbereichen blieb die Vorannahme über das positive Potenzial von Voluntourismus für Mensch und Umwelt zunächst bestehen. Vor allem aus der Kritik an den neoliberalen und neokolonialen Aspekten von Voluntourismus aus der kritischen Sozialforschung (McLachlan/Binns 2019: 64) und aus postkolonialen Perspektiven heraus, wurden diese jedoch spätestens ab dem Erscheinen von Kate Simpsons Artikel “‘Doing development’: the gap year, volunteer-tourists and a popular pratice of development” (2004) und Daniel Guttentags Artikel “The possible negative impacts of Volunteer Tourism” (2009) zunehmend infrage gestellt und durch eine Historisierung der Praxis kritisch beleuchtet. In der Auseinandersetzung mit Voluntourismusprojekten sowie mit der Metaphorik, der Sprache und der Motive, die in der Industrie und unter den Voluntourist*innen verbreitet sind, wurden die historischen Kontinuitäten von Voluntourismus zu kolonialen Akteur*innen und Legitimationsmustern aufgezeigt 8 Das gute Leben – buen vivir im Spanischen, sumak kawasay auf Kichwa oder penker pujústin auf Shuar Chimcham – bezeichnet einen Diskurs, der sich aus indigenen Natur-Mensch-Beziehungen entwickelte, der ein wachstumszentriertes Entwicklungsverständnis zurückweist und die Harmonie und Koexistenz von Menschen mit ihrer Umwelt in den Vordergrund stellt (Cortez/Wagner 2013). 283 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ (Benson 2011: 1 f.; Butcher 2017). In Übereinstimmung mit diesen Legitimationsmustern werden die lokalen Gemeinschaften oft als passive Rezipient*innen von voluntouristischen Hilfeleistungen behandelt und deren Maßnahmen von außen bestimmt (Ingram 2011). Es ist meist schlicht nicht ersichtlich, inwiefern die Bedarfe und Wünsche der involvierten Gemeinschaften überhaupt ermittelt und eingebracht werden. Dokumentiert ist hingegen eine starke Besucher*innenorientierung. James Keese stellte in einer Studie heraus, dass die befragten NROs Kriterien wie Sicherheit oder Attraktivität der Region für Voluntourist*innen als ausschlaggebend für die Wahl von neuen Voluntourismusstandorten benannten, wohingegen die Bedürftigkeit oder die Bedarfe der lokalen Gemeinschaften keine Rolle spielten (2011). Als extremes Beispiel hierfür müssen Projekte gelten, in denen die Arbeit von Voluntourist*innen nach deren Abreise wieder zerstört wurden, um neue Aufgaben für die nächsten Besucher*innen zu schaffen (Fee/Mdee 2011: 226). Zudem ergaben unterschiedliche Studien, dass sowohl für die Industrie (Keese 2011; Smith/Font 2014) als auch für die Voluntourist*innen (Conran 2011) die Bewertungskriterien für den Erfolg von Voluntourismus entkoppelt von den Effekten für lokale Gemeinschaften sind (Freidus 2017; Hindman 2014): Die emotionale Aufladung des Erlebnisses und das potenziell daraus resultierende kulturelle Kapital der Voluntourist*innen stellten sich als das primäre Versprechen und Resultat der Freiwilligenarbeit mit von Armut bedrohten Menschen dar (Toomey 2017). Simpson stellt zudem fest, dass die Ursachen von Armut von den Voluntourist*innen einer zufälligen „Lotto-Logik“ (2004: 689) zugeschrieben werden, die die geschichtlichen und kontemporären Ursachen struktureller Ungleichheit ausspart. Dies entpolitisiert Freiwilligenarbeit und Entwicklungszusammenarbeit und droht im Zweifelsfall die strukturelle Ungleichheit faktisch und diskursiv zu verfestigen (Vrasti 2013: 11 f.). Während die Herangehensweise von Organisationen und vor allem die Haltungen und Beweggründe von Voluntourist*innen demnach umfangreich dokumentiert wurden, liegt der Fokus nach wie vor selten auf den Perspektiven der gastgebenden Gruppen. Zwar gibt es auch hier nennenswerte Ausnahmen, doch selbst in den Publikationen, in denen auch explizit auf die Meinungen der lokalen Gemeinschaften referiert wird, legt ein Teil der Autor*innen den Fokus wiederum auf die Voluntourist*innen oder die strukturellen Effekte von Voluntourismus (Mostafanezhad 2014; Conran 2011). Die Untersuchungen unterscheiden sich zudem in den Fragestellungen, unter denen sie die Einstellungen der lokalen Gruppen darlegen: Sie thematisieren beispielsweise das Erleben des Kontaktes und der Beziehungen zu den Voluntourist*innen (Mostafanezhad 2014; Sin 2010), die Hoffnungen und Erwartungen, individuell soziales und kulturelles Kapital zu gewinnen (Conran 2011, für Thailand; Mostafanezhad, für Thailand; Sin 2010, für Kambodscha), 284 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze den Wunsch, ein realistisches Bild ihres Herkunftslandes zu vermitteln (Conran 2011: 1463) oder auch die diskrepanten Vorstellungen von Entwicklung zwischen Voluntourist*innen und lokalen Gemeinschaften (Gray/Campbell 2007). Vergleiche sind daher nur eingeschränkt möglich. Dies ergibt sich auch aus der häufig unkonkreten Einordnung des Verhältnisses zwischen den lokalen Gemeinschaften und den Voluntourismusanbietern. Wie kam der Kontakt zustande? Welche Absprachen bestehen? Veröffentlichungen, die sich beispielweise konkret auf lokale gegründet oder gemanagte Projekte beziehen, sind besonders selten (Burrai/Mostafanezhad/Hannam 2017). Weitgehend ungeklärt bleibt also, wie sich die Menschen vor Ort – und damit die Gruppe(n), zu deren Gunsten Voluntourismus sich letztlich auswirken soll – die in Aussicht gestellte Verbesserung konkret vorstellen und wie sie den, aus Voluntourismus resultierenden, Wandel erleben. Mit dem hier vorgestellten Fallbeispiel möchte ich dieses Desiderat aufnehmen und die Sichtweisen der Beteiligten des Voluntourismusprojekt in Arútam ins Zentrum der Analyse stellen. Dabei schließe ich mich den zuvor dargestellten kritischen Einschätzungen der strukturellen Grundbedingungen von Voluntorismus sowie der Beurteilung der historischen Kontinuitäten, die zu anderen Formen machtasymmetrischer Beziehungen zwischen Globalem Norden und Süden existieren, an. Gleichzeitig möchte ich, ähnlich wie es in den vorher genannten Studien von Conran, Mostafanezhad und Sin bereits anklingt, den Fokus insbesondere auf jene Motive der teilnehmenden lokalen Gruppen richten, die über passive Hilfeerwartungen hinausgehen. Dieser Fokus ist insbesondere mit meinem ethnologischen Interesse für die lokale Rezeption globaler Prozesse und Phänomene verbunden. Ich erachte diesen Fokus auch deshalb als notwendig, da die bisherigen kritischen Studien dazu tendieren, lokalen Haltungen und Handlungen zugunsten einer Fokussierung auf die strukturellen globalen Ungleichheiten unterzuordnen (Conran 2011: 1463). Um einen derart gelagerten Bias und eine implizite passive Charakterisierung der gastgebenden Gemeinschaften durch den wissenschaftlichen Diskurs zu vermeiden, müssen lokale Haltungen gleichermaßen sichtbar gemacht sowie strukturelle Rahmenbedingungen benannt werden. Dies ist für mich neben der theoretischen Debatte auch der Empirie des Fallbeispiels geschuldet. Im Gegensatz zu den vorher aufgeführten strukturellen Bedingungen globalen Voluntourismus zeichnet sich das hier betrachtete Projekt durch einige Besonderheiten aus: Die Dorfgemeinschaft operiert das Tourismusprojekt eigenständig und ist für die Akquise von Besucher*innen nicht auf die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen oder kommerziellen Entsendeorganisationen angewiesen. Vielmehr gestalten sie die Entwicklungsziele und den Kontakt mit den Voluntourist*innen selbstständig. Zuvor geschilderte Problematiken, wie die Unterordnung oder Vernachlässigung lokaler Bedürfnisse bedingt durch die kommerzielle Ausrichtung der Anbieter, ergeben sich daher nicht in gleicher Form. Im 285 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ Rahmen meiner Recherche für Ecuador ist das Projekt damit Teil einer kleinen, aber durchaus verbreiteten Sparte von unabhängigen Initiativen auf lokaler Ebene. Als Sonderfall kann und soll das ethnographische Beispiel die zuvor zusammengefasste Kritik nicht hinterfragen oder auflösen; vielmehr soll es sie um weitere, weniger offensichtliche Dimensionen ergänzen und darüber hinaus für die Strategien und selbstwahrgenommene Handlungsmacht der besuchten Gruppen sensibilisieren. 3. Methodisches Vorgehen und eigene Positioniertheit Um die Perspektive der Gastgebenden angemessen verstehen und abbilden zu können, ist eine fundierte Kenntnis der lokalen Situation ebenso wichtig wie weitreichende Gespräche mit den Bewohner*innen. Dies habe ich über eine ethnographische Feldforschung zu realisieren versucht. Die dabei gewonnen Daten liegen diesem Artikel zugrunde. Ich habe sie in zwei Feldforschungsaufenthalten in den Jahren 2011 und 2013 von insgesamt elf Monaten Dauer mittels ethnographischer Erhebungsverfahren der empirischen Feldforschung (teilnehmende Beobachtungen, semistrukturierte Interviews und Dokumentenanalysen) erhoben. Für den vorliegenden Beitrag habe ich Interviews und Audioaufnehmen von allen erwachsenen, männlichen Dorfbewohnern,9 die dauerhaft in Arútam leben, eingeschlossen. Aufgrund der Größe des Dorfes und der Zuordenbarkeit der Bewohner*innen sowie des Projekts via Internet und vorhandener Veröffentlichungen (Meiser/Dürr 2014; Meiser 2013; Schien 2019) ist eine Anonymisierung nicht zweifelsfrei zu gewährleisten. Dies betrifft insbesondere die exponierte Position des Gründers. Ich habe mich dennoch dazu entschieden, die Namen und die Beschreibung der Personen in der Analyse insoweit anzupassen, dass keine Rückschlüsse von den Zitaten auf die Einzelpersonen möglich sind.10 Die Interviews, als Resultat einer konkreten Interviewsituation und einer expliziten Einladung zur Darstellung der eigenen Position, wurden hier bevorzugt, um auf Themen und Wahrnehmungen der Projektmitglieder zu stoßen, die durch die Beobachtungskontexte nicht abgedeckt wurden und um den Darstellungen der Shuar Raum zu geben. Im Rahmen der Interviewanalyse kategorisierte ich systematisch die Antworten zu Fragen bezüglich der Beweggründe für die Gründung der Organisation, der eigenen Erfahrungen im Projekt und mit den Voluntourist*innen sowie wahrgenommenen Einflüsse und Veränderungen durch das Projekt und die Gäste. Darüber hinaus nahm ich alle Äußerungen auf, die Effekte und Akteur*innen der sich ergebenden, induktiv gewonnen Kategorisierungsschwerpunkte ergänzen, 9 Aufgrund ihrer vielfältigen Aufgaben in ihrer Berufstätigkeit, Kinderfürsorge wie Subsistenz- und Haushaltsaufgaben kamen die geplanten Interviews mit den Frauen des Dorfes wiederholt nicht zustande. Tägliche informelle Gespräche gingen jedoch in die Protokolle ein. 10 Dies betrifft gegebenen Falls auch Eingriffe in die Zitate. Diese sind mit [Name] gekennzeichnet. 286 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze wie beispielsweise Anmerkungen über das Verhältnis von indigenen Gruppen zum Staat. Die Ergebnisse der Analyse stelle ich jeweils mittels konkreter Aussagen in Form von Zitaten der Projektmitarbeiter*innen in den Vordergrund. Die ergänzenden Informationen entstammen ebenfalls aus Interviews, informellen Gesprächen und Beobachtungen oder sofern ausgewiesen aus Dokumenten oder Literatur. Diese wurden zur Kontextualisierung und Fundierung der Aussagen hinzugezogen. In diesem Sinne handelt es sich bei den Analyseergebnissen um „dichte Beschreibungen“,11 die Interviewinhalte und andere Daten miteinander verflechten, um die Konstruktionen der Konstruktionen anderer darzustellen, wie Clifford Geertz es beschreibt (Geertz 2000: 9). Wie unterscheiden sich Forscher*innen und Voluntourist*innen für die Gemeinschaft vor Ort? Diese Frage haben zuvor schon Vrasti und Mostafanezhad aufgeworfen (Vrasti 2012: 18; Mostafanezhad 2014: 18). Aus einer formellen und strukturellen Perspektive erscheinen die Unterschiede nicht groß auszufallen: Wie Voluntourist*innen bezahlte ich für meinen Aufenthalt und nahm an den Aufgaben und Aktivitäten dieser teil. Auch komme ich, wie die meisten anderen Besucher*innen, aus einem Land des Globalen Nordens, ausgestattet mit Ressourcen, die es mir erlaubten, das Forschungsvorhaben durchzuführen. Insofern unterschied ich mich nicht von den Voluntourist*innen oder Ethnograph*innen, die in Kontexten asymmetrischer Machtbeziehungen zwischen Forschenden und ihren Gesprächspartner*innen arbeiten (Sponsel 1992). Tatsächlich steuerte hier vielmehr die Organisation selbst, wie ich mich jedoch unterscheiden musste, um überhaupt als Forscherin arbeiten zu dürfen. Mein Forschungsvorhaben wurde der Familiengemeinschaft vorgestellt und über meine Erlaubnis zur Forschung abgestimmt. Weiterhin übernahm ich zusätzliche Aufgaben und wurde häufig wie eine Mitarbeiterin eingesetzt. Es kann also festgehalten werden, dass die Familie die Umstände ihres Kontakts mit Besuchenden bewusst und nach ihren Vorstellungen beeinflusste. 4. Voluntourismus mit FUNDECOIPA in Ecuador In der Provinz Pastaza, gut erreichbar entlang der Hauptverkehrsstraße zwischen der Provinzhauptstadt Puyo und der Nachbarprovinz Morona Santiago gelegen, umgeben vom subtropischen Regenwald und mit Blick auf die Cordillera Occidental, befindet sich die Ortschaft Arútam. Sie ist der Ursprungs- und Hauptstandort eines Voluntourismusprojekts unter der Schirmherrschaft der indigenen NRO FUNDECOIPA. FUNDECOIPA steht für Fundación para Desarrollo Comunitario 11 Für diesen Hinweis und alle weiteren aufschlussreichen Anmerkungen der Gutachter*innen möchte ich mich bedanken. Ebenfalls gilt mein Dank Maximiliane Brand, Anne Goletz, Ernst Halbmayer, Stephanie Suon-Szabo, Greta von Zehmen und insbesondere Michaela Meurer für ihre Unterstützung und Anregungen zu diesem Artikel. 287 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ Indígena de Pastaza, übersetzt Stiftung für gemeinschaftliche indigene Entwicklung Pastazas. Während der Name auf eine Tätigkeit in der ganzen Provinz Pastaza und über ethnische Grenzen hinweg schließen lässt, steht dahinter im Kern eine polygame Shuar-Familie rund um den Begründer Ernesto Vargas. Das Projekt entstand als Reaktion auf dringende wirtschaftliche, ökologische und soziopolitische Bedürfnisse des Dorfes in den 1990er-Jahren. Es finanziert sich hauptsächlich aus Einkünften aus Öko- und Voluntourismus vor Ort. Die Stiftung ist die rechtliche Organisationsform dieses Entwicklungsprojekts. Die Entstehung der Organisation und des Voluntourismus in Arútam muten durchaus als eine touristische Erfolgsgeschichte an: Nachdem Ernesto sich in den 1970er-Jahren mit seiner ersten Frau im heutigen Arútam12 niedergelassen hatte, lebten er und seine wachsende Familie von Landwirtschaft und Viehzucht. Insbesondere mit der in Ecuador für Säfte und Nachspeisen beliebten Frucht der Lulopflanze naranjilla (solanum quitoense) ließen sich gute Einkünfte erwirtschaften. Jedoch ist die Pflanze gerade im Großanbau anfällig für Schädlingsbefall und Krankheiten (Rudel/Bates/Machinguiashi 2002: 154), weshalb Ernesto über längere Zeit auf den Einsatz verschiedenster Chemikalien zum Schutz dieser setzte. Dies ist aus Sicht der Familie auch der Grund, aus dem er 1993 schließlich schwer erkrankte und sich aus der Landwirtschaft zurückziehen musste. Ernesto nahm daraufhin das bereits bestehende Angebot seines Cousins an, mit dessen Hilfe ein Waldschutzgebiet auf seinem Landbesitz einzurichten und bei einem Umweltschutz- und Tourismusprojekt, gefördert durch die damaligen Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), mitzuarbeiten. Als Teil dieser Kooperation ließ die Familie 1.050 Hektar ihres Landbesitzes zum Waldschutzgebiet Bosque Protector Arútam erklären. Damit schafften sie nicht nur einen attraktiven Raum für touristische Aktivitäten, sondern umgingen auch ein drohendes rechtliches Problem, das aus einer Bodenrechtsreform von 1964 resultierte. Laut der damaligen Gesetzgebung muss ein Viertel des Landbesitzes permanent landwirtschaftlich genutzt werden, um als Eigentum zu gelten (Harner 1973: 39). Weiterhin wurde im Rahmen der Zusammenarbeit mit der GTZ einer der Söhne zur Schulung als Fremdenführer zu einer Tourismusagentur in die Stadt Baños de Agua Santa, einem bekannten Tourismusknotenpunkt in der Nachbarprovinz Tungurahua, und zudem die ersten Tourist*innen nach Arútam entsandt. Dies war der Startschuss für eine andauernde Präsenz von Tourist*innen in der Gemeinschaft und im Alltag ihrer Bewohner*innen. 12 Das Dorf wurde durch Ernesto Vargas gegründet. In Arútam leben ausschließlich Verwandte der Familie: Neben Ernesto, seiner Frau, ihren Kindern und den Enkeln der beiden, wohnen dort auch die Ehepartner*innen der Kinder sowie gelegentlich Mitglieder aus dem erweiterten Verwandtenkreis. Im Folgenden werde ich Dorf, Gemeinschaft und Familie daher synonym verwenden. 288 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze In den folgenden Jahren gab es wiederholt Kooperationen, sowohl mit großen Akteuren wie der GTZ als auch mit kleineren NROs. Die Gesamtheit dieser Erfahrungen und die Feststellung, dass die Möglichkeiten zur Finanzierung durch staatliche und nichtstaatliche Akteure an die rechtliche Organisationsform eines Projektes gebunden sind, führte 2004/2005 zu der Entscheidung – wiederum mit Unterstützung von außen –, eine eigene Organisation in Form von FUNDECOIPA zu gründen. Dies sollte dem Projekt zudem erlauben, unabhängiger von den Vorstellungen Dritter zu agieren. Der Augenblick war günstig, fällt er doch zeitlich mit der globalen Expansion von Voluntourismus zusammen. FUNDECOIPA bildet seither den Rahmen, innerhalb dessen Tourismus in der Dorfgemeinschaft stattfindet und gemanagt wird. Hierfür werden vor Ort unterschiedlich gestaltete und bepreiste Programme sowohl für Individualreisende als auch Gruppen mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung wie Öko- und Voluntourismus oder Heilbehandlungen angeboten. Während für Ökotourist*innen und Medizintourist*innen etwa zwei bis drei Tage Aufenthalt und thematisch bezogene Aktivitäten, etwa Waldwanderungen und traditionelle Behandlungen, eingeplant werden, sollen Voluntourist*innen für mindestens 14 Tage ins Dorf kommen. Für sie gibt es einen konkreten Tagesplan, der Arbeitsphasen an den Vor- und Nachmittagen vorsieht. Diese umfassen beispielweise Unterstützung bei der Feldarbeit, bei Konstruktionsarbeiten, Unterricht in der Grundschule oder die Pflege der Projektbauten und der Wege um das Dorf. Für 2012 und 2013 waren im Besucher*innenbuch jeweils etwa 90 Personen verzeichnet – mehrheitlich weiblich. Den größten Anteil der Besuchenden machten während meiner Feldforschung die Voluntourist*innen aus. Da sich jedoch nicht alle Besucher*innen eintragen und Tagestourist*innen nicht alle aufgeführt werden, würde ich die Zahl deutlich höher, auf 150 bis 200 Besucher*innen pro Jahr schätzen. Gemessen an der Bewohner*innenschaft von etwa zwölf Erwachsenen und sieben Kindern eine nicht unerhebliche Anzahl. Für Zeiträume bis zu einem Jahr befinden sich kontinuierlich Tourist*innen und Freiwillige im Dorf. Aus Deutschland, Großbritannien, Belgien, Frankreich, Spanien, Norwegen, den Niederlanden, Japan, den USA, Australien, Kanada, der Tschechischen Republik, Österreich, Italien, Dänemark, Irland, Schweden, der Schweiz, Montenegro, Kroatien, Singapur, Israel, Südafrika, Argentinien und Chile haben Besucher*innen seit Gründung des Projekts den Weg nach Arútam gefunden. Der Grad der Involvierung unterscheidet sich allerdings. Da alle Ämter in der Organisation auf Zeit vergeben und durch Wahl bestimmt werden, wechseln diese zwischen den Familienmitgliedern. Dementsprechend verbringen diejenigen, die gerade ein Amt innehaben, mehr Zeit mit den Besucher*innen. Zweifelsohne haben jedoch alle Bewohner*innen kontinuierlich Kontakt zu den Besucher*innen. 289 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ 4.1 FUNDECOIPA – Entwicklung nach lokalen Maßstäben 4.1.1 FUNDECOIPAs Mission Um zu kontextualisieren, nach welchen Maßstäben die Bewohner*innen die Auswirkungen von Voluntourismus auf die Dorfgemeinschaft beurteilen, möchte ich zunächst kurz auf den selbstgewählten Auftrag und Zweck von FUNDECOIPA eingehen. In den darin enthaltenen Zielsetzungen erschließen sich die Probleme und Herausforderungen, denen die Familie damit prioritär zu begegnen versucht. Gleichermaßen kann im Vergleich der Zielsetzungen und den Erfahrungen der befragten Familien- und Projektmitglieder eruiert werden, inwiefern der Voluntourismus die Erwartungen einlöst oder auch nicht. Die folgende Beschreibung der Mission der Fundación befindet sich auf deren Webseite. In dieser spiegeln sich die Ursachen für die Gründung des Projektes wider: Es wurde als eine Festung geboren, um die sozialen und ökonomischen Schwierigkeiten zu minimieren, denen sich die benachbarten Gemeinschaften und Arútam gegenübersehen; und um die Gemeinschaftsentwicklung durch innovative Projekte zu bewahren, die die Kultur der Shuar und die biologischen Ressourcen über die Zeit aufrechterhalten (Fundación de Desarrollo Indígena de Pastaza 2019).13 Mittels des Projekts ergriff die Familie also die Initiative gegen drohende soziale, ökologische und wirtschaftliche Probleme. Zu diesen gehörten, wie vorab erwähnt, unter anderem die vorherige finanzielle Abhängigkeit von chemieintensiver Landwirtschaft, der mögliche Landverlust sowie aus Sicht der Familie auch die drohende Expansion des in Ecuador bestehenden Erdölabbaus und dessen soziale sowie ökologische Folgeerscheinungen. Die Missionsbeschreibung berücksichtigt, dass sowohl die vorherige Wirtschaftsweise als auch andere ausbeutungsorientierte Strategien zulasten der Umwelt gehen und die eigene Lebensgrundlage und -weise gefährden würden. Weiterhin resoniert in dem Statement der anhaltende Widerstand indigener Gruppen Ecuadors, die ihre kulturellen Identitäten entgegen rassistischer Diskriminierung und der Integration in die Nationalgesellschaft verteidigen, erhalten und stärken wollen (Beck/Mijeski/Stark 2011). Neben den Herausforderungen definiert FUNDECOIPA mit dem Statement gleichermaßen auch die Zielsetzung: Nachhaltig soziale und ökonomische Stabilität für Arútam und seine Nachbarschaft herzustellen, auf eine Weise, die kulturell und ökologisch vertretbar ist. 13 “Nace como una fortaleza para minimizar las dificultades sociales y económicas que enfrentan las comunidades vecinas y Arútam; y, para mantener el desarrollo comunitario a través de proyectos innovadores que sostengan en el tiempo la cultura Shuar y los recursos biológicos” (Fundación de Desarrollo Indígena de Pastaza 2019). Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war die Webseite nicht mehr verfügbar. 290 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze 4.2 Stimmen aus Arútam Im Folgenden werden nun die Einstellungen der Bewohnerschaft Arútams zum Erfolg von Voluntourismus mit Blick auf die Stiftungsziele in den Fokus gesetzt und ausführlicher dargestellt. Aufgrund der Überschneidung von Dorfmitgliedern und Projektmitarbeitern, stellen die Befragten gleichzeitig den Großteil der erwachsenen männlichen Dorfgemeinschaft dar. Alle Befragten waren durch ihre Mitarbeit in einer verantwortlichen Position innerhalb der Fundación mit dem Projekt vertraut und gewöhnt, es gegenüber interessierten Besuchenden darzustellen. 4.2.1 Nachhaltiges finanzielles Einkommen Die Generierung von Einnahmen mittels Voluntourismus ist sicherlich zentral für den Projekterfolg und eine notwendige Voraussetzung, um alle übrigen Zwecke der Fundación zu erreichen. Ohne Einkünfte wäre bereits der Unterhalt von FUN- DECOIPA eine weitereichende Belastung für die Familie. Weiterhin setzt der Verzicht auf die Kommerzialisierung natürlicher Rohstoffe und umweltbelastenden Wirtschaftsformen das Vorhandensein einer alternativen Einnahmequelle voraus. Die Dorfgemeinschaft bewertet das finanzielle Einkommen, das mittels Öko- und Voluntourismus erwirtschaftet wird, aus diesen und weiteren Gründen positiv. Aus Juans Sicht erlaubt es der Familie, auf Chemie gestützte Landwirtschaft und Viehzucht als Haupteinnahmequelle zu verzichten. Dies beugt gleichzeitig, Umweltverschmutzung und Gesundheitsbelastung durch Pestizide vor: „[E]s gibt Einnahmen ohne […] Kontamination, ohne irgendwie zu schaden.”14 Mit dem Einkommen kann die Familie Mittel des täglichen Bedarfs und Medikamente erstehen und, wenn notwendig, Investitionen in die Infrastruktur des Projekts finanzieren. Das Projekt ist zudem ein Arbeitgeber für die Dorfgemeinschaft und ihre nähere Verwandtschaft. Pedro und Mateo merken an, dass es denjenigen Mitgliedern der Familie, die über keine anderen Einkommensquellen verfügen, erlaubt, zu etwas Geld zu kommen: „[M]eine Brüder, die kein Einkommen, keine Arbeit haben, können so ein wenig Geld verdienen.“15 Die Aufgaben sind überwiegend ungelernt ausgeführte Tätigkeiten, die zum reibungslosen Ablauf des Tourismusbetriebs beitragen. Sie umfassen unter anderem die Freiwilligenkoordination, Waldführungen oder das Kochen und Waschen. Für die Jungen, die noch am colegio im Nachbarort zur Schule gehen oder derzeit ohne Arbeit sind, ist dies ein attraktiver Nebenverdienst. Überdies tragen die Einkünfte und Kooperationen im Voluntourismus zu den Bildungschancen der Dorfmitglieder bei. Pedro erinnert sich: „Also mit ihnen 14 “Se ingreso sin […] contamincación sin hacer nada” (Juan Vargas 2013). 15 “Mis hermanos los que no tienen […] ejemplo no tienen trabajo pueden traer un poco de dinero” (Pedro Vargas 2013). 291 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ [Schutzwald e. V.] […] bezahlten wir den Lehrer.“16 Für mehrere Jahre konnte durch die finanzielle Unterstützung des deutschen Vereins Schutzwald e. V. – der von ehemaligen Voluntourist*innen gegründet worden war – das Gehalt eines Lehrers für die, mittlerweile geschlossene, Grundschule in Arútam bezahlt werden. Dadurch konnten die Kinder ohne Busfahrt und zusätzliche Kosten zur Schule gehen. Diese Stelle hatte zudem für lange Zeit ein Familienmitglied inne. Durch die finanzielle Unterstützung werden nicht nur die schulische Bildung und die Gehaltszahlungen, sondern auch die berufliche Weiterbildung unterstützt: Pedro wurde formell und außerhalb des Dorfes für den Tourismusbetrieb ausgebildet. Er sieht seine Weiterbildungschance durch die Einkünfte aus dem Tourismus gefördert: „[M]ittels der Freiwilligen und, ja, auch Touristen. Sie haben mich für mein Studium bezahlt.“17 Diese Möglichkeit steht nun auch den jüngeren Generationen offen, urteilt er, insofern sie dies möchten: „Wenn sie es wünschen, können sie studieren. Das hängt von ihnen ab.“18 Ihre Qualifikationen bestärkt die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Familie auch jenseits des Projektes. Neben der positiven Wirkung nach innen, trägt die relativ stabile, wenngleich saisonabhängige,19 Einkommensquelle auch zur Unterscheidung Arútams von den es umgebenden Dorfgemeinschaften bei. Zum einen kann durch den Tourismus mehr verdient werden als durch den in der Region üblichen Verkauf von Marktfrüchten oder Holz. Die Preisgestaltung hier liegt bei der Familie selbst und die Einkünfte übersteigen bei weitem die Erträge aus dem Verkauf. Zum anderen erscheinen für die Projektmitglieder, bestärkt durch die Autonomie einer eigenen Verdienstquelle, die finanziellen Anreizstrukturen, wie die Comunidad del Milenio,20 mittels derer der ecuadorianische Staat versucht, für extraktivistische Tätigkeiten wie Tagebau oder Erdölförderung zu werben, weniger attraktiv. Die wirtschaftliche und damit letztlich auch politische Unabhängigkeit aus der Arbeit mit ausländischen Tourist*innen wirkt sich in den Schilderungen Juans auch auf die Wahrnehmung durch andere Dorfgemeinden aus: [M]an sagt, dass [Juan], da dieser im Tourismus mit Ausländern arbeitet, dass er deshalb nicht will. Ich sage dann, denk nach Kamerad, ich muss auch mit den Freiwilligen arbeiten, sie geben mir nicht bloß Geld. Klar, unterstützen 16 “Entonces de ellos [Schutzwald e.V.] […] nos haciendo nos pagamos al maestro” (Pedro Vargas 2013). 17 “Por los volontarios y sí de turistas , me pagaron para mis estudios” (Pedro Vargas 2013). 18 “Si ellos desean pueden estudiar. Depende de ellos” (Pedro Vargas 2013). 19 Das Hauptreiseaufkommen von Voluntourist*innen sowohl als Einzelpersonen wie als auch Gruppen fällt in die Monate März bis September und in diesen insbesondere während der jeweiligen Semesterferien. 20 Die Comunidad del Milenio ist ein Siedlungsbauprogramm der ecuadorianischen Regierung, das seit 2013 im Amazonasgebiet die Konstruktion von neu angelegten Wohnsiedlungen und Versorgungsinfrastruktur zur Verbesserung der Lebenssituation der Bewohnerschaft Amazoniens durchführt. Es wird durch Erdölrenten finanziert (El Universo 2014). 292 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze sie, sie kommen und zahlen, es ist nicht kostenlos [...] so werde ich noch viele Jahre leben.21 Während das Geld nicht einfach zu ihm kommt und er auch dafür arbeiten muss, geben ihm die Zahlungen der Voluntourist*innen eine Sicherheit, aufgrund derer er zuversichtlich in die Zukunft blicken kann. Die Selbstständigkeit und finanzielle Sicherheit der Dorfgemeinschaft ist, wie Juan impliziert, einerseits Quelle neidvoller Blicke anderer Dörfer, hat aber zugleich zur Anerkennung und zum Einfluss der Familie beigetragen. Beispielweise war während der Feldforschung 2013 einer der Söhne für die Entwicklung und Beratung von Tourismusprojekten innerhalb der Federación de la Nacionalidad Shuar de Pastaza zuständig, der politischen Vertretung von 51 Shuar-Siedlungen in Pastaza. Wenngleich die aus dem Voluntourismus generierten Einnahmen keinen mühelosen oder massiven Reichtum für die Familie bedeuten, so erfüllt sich aus ihrer Sicht dennoch die Erwartung und das Stiftungsziel, mittels des Projekts ein nachhaltiges finanzielles Einkommen zu sichern. Wie sich zeigt, gehen die Effekte sogar über die unmittelbare Verfügbarkeit von Geldmitteln hinaus: Die Netzwerke und die Jobs im Projekt verbessern einerseits die Bildungschancen der jüngeren Generationen und stärken andererseits die Dorfgemeinschaft in ihrer Unabhängigkeit und ihren politischen Verbindungen. 4.2.2 Umgang mit Umwelt und der Natur Ebenfalls unter die Prämisse der Nachhaltigkeit fällt das selbst definierte Projektziel, mit natürlichen Ressourcen nachhaltig umzugehen und die Natur zu schützen. Vom Standpunkt Raúls, der noch ein kleines Kind war, als die ersten Voluntourist*innen nach Arútam kamen und der heute gelegentlich als Freiwilligenkoordinator oder als Waldführer arbeitet, wurde das Projekt speziell zum Zweck des Walderhalts überhaupt gegründet: „Mein Vater, glaube ich, hat mit allem angefangen und auch heute sind wir damit einverstanden, mit ihnen [Voluntourist*innen] zu arbeiten, um den Wald zu erhalten.“22 So wurden im Rahmen der Gründung des Waldschutzgebiets unterschiedliche Nutzzonen definiert, unter anderem ein Primärwaldgebiet, in dem in keiner Form gewirtschaftet werden darf. Die übrigen Zonen unterteilen sich nach Nutzungsfunktionen, wobei intensive Holz- oder Landwirtschaft nur noch in einer Zone vorgesehen ist (Comunidad Arútam 1999-2000). Mateo und Pedro schließen sich dieser Haltung an, gehen jedoch in ihren Überlegungen noch viel weiter. Pedro beschreibt, dass 21 “Dice que a [Juan] que este trabajo turista con extranjero que por eso él no quiere. Digo piensen compañero yo también trabajo de eso volontario a mi no me dan dinero pero. Claro sustenieron, vienen pagan, no está gratis […] con eso yo voy a vivir muchos años” (Juan Vargas 2013). 22 “Mi padre creo que empezó todo esto y ahora también estamos de acuerdo trabajar con ellos para mantener la selva” (Raúl Vargas2013). 293 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ die Familie vor der Kooperation mit der GTZ ihren gesamten Waldbesitz abholzen wollte, um ein Auto kaufen zu können. Er skizziert, wie das Auto eines Tages „aufgebraucht“ gewesen wäre: Wir wollten alles aufbrauchen, den ganzen Wald roden und verkaufen und ein Auto kaufen. Ja, das war unsere Realität […]. Das war, was wir wollten, aber in Wirklichkeit war es schlecht. Wir hätten davon ein Auto kaufen können, das Auto wäre schon aufgebraucht. Aber der Wald ist nicht verbraucht und die Bäume stehen bis heute.23 Aus heutiger Sicht beschreibt Pedro dieses Vorhaben als eine kurzsichtige Handlung, da die natürlichen Ressourcen für ein zeitlich begrenztes Unterfangen aufgezehrt worden wären. Der Wald stehe jedoch bis heute und Pedro verweist auf die besondere Erfahrung, die er durch seine Ausbildung als Fremdenführer gemacht hat. Sie hat dazu beigetragen, dass er den Wald um sich mit all seinen Pflanzen neu kennen- und schätzen gelernt hat: Das war dann eine große Erfahrung, ich habe viel davon gelernt. Danach lernte ich Fremdenführung [...] ich lernte meine Pflanzen kennen, denen ich nie Bedeutung beigemessen hatte [...] heute denke ich bei mir immer, wenn wir nicht angefangen hätten im Tourismus und mit Freiwilligen zu arbeiten, wo wären wir dann? Es war eine große Freude zu teilen, zu lernen, noch einmal geboren zu sein.24 Pedro beschreibt eine Kehrtwende, die in eine geradezu kathartische Erfahrung mündet. Von dem destruierenden Wunsch der Aneignung der Natur für Konsumzwecke, überwindet er im neugefundenen Kontakt mit der Natur Unkenntnis und Ignoranz, wobei er in seinen Worten eine Wiedergeburt erfährt. Eine, die ohne die Arbeit mit den Voluntourist*innen nicht denkbar gewesen wäre und die für Pedro die Frage aufwirft, wie sich ihr Leben ohne den Voluntourismus entwickelt hätte. Für ihn ergibt sich daraus auch eine Umorientierung in der Lebensweise und im Umgang mit der Natur. Letztere wird schützenswert. Dies wird ermöglicht durch den Beitrag der Fundación und eine Rückkehr zur Lebens- und Wirtschaftsweise ihrer Vorfahren: „Mit der Fundación geht es darum zu sehen, wie wir den Wald erhalten können und in einer organisierten und ordentlichen Weise arbeiten 23 “Nosotros queríamos terminar todo, cortar todo la selva y vender y comprar un carro. Sí eso era realidad de nosotros […]. Eso lo que nosotros queríamos pero la realidad este estaba mal. Esto nos comprado un carro, carro ya se terminado. Pero la selva no terminan hasta hoy están los árboles” (Pedro Vargas 2013). 24 “Entonces fue así una grande experiencia yo aprendí mucho de eso […] después bueno aprendí a guíar … era conocer mis plantas lo que yo no tomaba importancia […] ahora digo siempre en mi mente si nosotros no hubiésemos trabajado con turismo o con los volontarios dónde estaríamos nosotros? […] Vaya una grande felicidad de compartir, aprender de nacer nuevamente” (Pedro Vargas 2013). 294 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze können. Nicht viel zerstören, sondern ein wenig wie unsere Großeltern zu leben, wie sie ihre Gärten hatten.“25 Hierauf bezieht sich auch Lorenzo in einer Präsentation der Fundación für Studierende, die im Rahmen eines Praktikums aus Quito nach Arútam kamen. Klimawandel und Umweltverschmutzung seien das Resultat unseres schlechten Umgangs mit der Natur: In allem haben wir die Umwelt geschädigt und auch heute! Vielleicht wissen Sie vom Klimawandel. Also haben wir geschaut, wie unsere Großeltern lebten. Damals hatten sie festgelegt, wo gelebt, kultiviert wurde. Das Haus war immer im Zentrum und herum waren ihre Anbauflächen, das was die Landwirtschaft ist und sie hatten auch Raum, wo gejagt wurde […] sie haben es gut gehandhabt.26 Die Gemeinschaft habe auf ihre Großeltern gesehen und erkannt, dass diese schon immer die Einteilung des Waldes in unterschiedliche Nutzbereiche und rotierende Schonflächen gekannt und damit vorweggriffen hätten, was heute das Waldschutzgebiet Bosque Protector Arútam vorsieht. Im Gebrauch der Begriffe Naturschutz, Biodiversität und Klimawandel – alles Konzepte, die auf wissenschaftlichen Paradigmen aus westlich-akademischen Wissenstraditionen fußen – bedienen sich die Projektmitglieder gleichsam eines abstrahierenden und verdinglichten Verständnisses von Natur (Hutchins 2010: 4). Ebenso wie die Ethnologin Anna Meiser, die als eine der ersten Freiwilligen in Arútam zu Gast war, verstehe ich dies als Strategie bewusster Aneignung globaler Umweltdiskurse, mittels derer die Shuar ihre politischen und wirtschaftlichen Bestrebungen anschlussfähig an die Wahrnehmungen und Argumentationsweisen ihrer Besucher*innen kommunizieren (Meiser/Dürr 2014: 160 f.).27 Dies ist sicherlich ein Faktor, der erheblich zum Erfolg des Voluntourismusprojekts beigetragen hat, da die Bedarfe der Shuar mit den moralischen Vorstellungen der 25 “Con la fundación es mirar como manternos la selva y trabajar de una manera organisado ordenada, no destruir mucho sino vivir un poco como nuestro abuelos como tuverieron su huerta” (Pedro Vargas 2013). 26 “En todo estabamos haciendo daño al medio ambiente y ahora también! Tal vez ustedes […] se dan cuenta el cambio de clima. Entonces que vimos nosotros nuestros abuelos […] Entonces ellos tenían especifico donde trabajar, cultivar, la casa siempre estaba en el centro y alrededor había sus cultivos […] lo que es la agricultura y también tenían espacio donde cazar […] ellos manejaban bien” (Juan Vargas 2013). 27 Gleichzeitig bedeutet diese Rückbesinnung auf Natur in einem naturwissenschaftlichen Paradigma auch einen subtilen Bruch mit der heraufbeschworenen Kontinuität zur Vergangenheit: Die mobile/seminomadische hortikulturelle Wirtschaftsweise der Shuar war vor der erzwungenen Sesshaftwerdung durch eine starke Abhängigkeit vom Wald geprägt. Dies spiegelte sich nicht nur in der Lebensweise, sondern auch in ihrer Kosmologie (Karsten 2000). Der Wald ist ein Raum, in dem bedeutsame mythische Heroen leben und die Shuar in Kontakt mit den machtvollen Geistern ihrer Vorfahren arútam und anderen nichtmenschlichen Wesenheiten treten können (Harner 1973: 135 ff.). Pflanzen besitzen Agentivität und können mittels geheimer Steine und spezieller Gesänge in ihrem Wachstum beeinflusst werden (Mader/Gómez R. 1999: 85 ff.). Wie für viele indigene Gruppen Amazoniens ist der Wald aus Sicht der Gemeinschaft in Arútam nicht primär ein Naturraum (Meiser/Dürr 2014: 159), sondern ein Ort sozialer Beziehungen. 295 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ Voluntourist*innen verknüpft werden konnten. Darin zeigt sich ein weiterer Lernoder Anpassungseffekt, der ein tiefer greifendes Verständnis für relevante Diskurse und wirkmächtige Symboliken erkennen lässt. Diese Kenntnisse lassen sich wiederum gut für die Vermittlung aller Projektziele einsetzen. 4.2.3 Indigenität und die Kultur der Shuar Neben dem Naturschutz sind der Erhalt und die Pflege der Kultur der Shuar weitere selbstgestellte Projektziele. Als Teil ihrer Kultur zählen die Shuar vor allem ihre Sprache, ihre Ernährung, den Wald als Lebens- und Kulturraum sowie Traditionen wie Tanz und Musik. In den Gesprächen mit den Bewohner*innen Arútams nehmen diese Themen besonders viel Raum ein. Die gesteigerte Wahrnehmung des Eigenen ist dabei ebenfalls gebunden an den Kontakt mit den Voluntourist*innen. Um die Lebensweise der Shuar und damit eine andere als ihre eigene kennenzulernen, kommen die Voluntourist*innen ebenso nach Arútam wie zu dem Zweck, den Regenwald zu erleben. Dies ist der Familie sehr präsent. Mateo formuliert, wie sich für ihn der Kontakt mit den Voluntourist*innen auswirkte: „Der Wandel, der in meinem Leben stattfand ist: Für mich war es die Frage, wie ich meine Kultur und Traditionen schätzen kann.“28 Neben der Erfahrung, mit Respekt und Empathie auf das Gegenüber einzugehen, lernte er seine Kultur und die Traditionen der Shuar neu schätzen. Diese Entwicklung ist, wie zuvor erwähnt, im nationalen Klima der Entstehungszeit des Projekts in Ecuador zu sehen. In den 1990er-Jahren und unter der neoliberalen Orientierung der Regierungen war die Wertschätzung der eigenen indigenen Wurzeln ein nahezu widerständiger Akt. Auch Pedro artikuliert, dass sie feststellten, dass nicht lediglich ein monetärer Gewinn für das Dorf bestünde, sondern dass das Interesse der Tourist*innen auch dazu beiträgt, die traditionelle Lebensweise erhalten zu können: „Also haben wir gemerkt, was es bedeutet, im Tourismus zu arbeiten, es war nicht Geld verdienen, sondern unsere Form zu Leben zu erhalten. Da es Touristen gab, die mit uns das Leben, die Kultur, die Sprache und den Wald teilen wollten.“29 Das Interesse der Tourist*innen hat somit zu einer aktiveren Auseinandersetzung beigetragen und damit zum bewussten Erhalt und so zu einer Reaktivierung der als traditionell erachteten Lebensweise geführt. Insofern entwickeln sich die Shuar, aus Sicht der Mitarbeiter*innen, durch den Austausch mit den Voluntourist*innen weiter. Der durch Tourismus verursachte Wandel besteht nicht ohne Ambivalenzen: In nicht unähnlicher Weise wie Natur im Kontext von Naturschutz, wird Kultur hier 28 “El cambio lo que se ha tenido en mi vida es: para mi ha sido de como de balorizarlo que es mi cultura y costumbre” (Mateo Vargas 2013). 29 “Entonces dimos ni cuenta de que es trabajar en turismo, no era hacer dínero sino mantener nuestro forma de vivir entonces había turistas querían compartir con nosotros la vida la cultura la idioma la selva” (Pedro Vargas 2013). 296 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze zu etwas Verdinglichtem, im Sinne eines Sets klar umrissener Charakteristika und zu etwas, das man präsentieren kann. Walter Little schildert am Beispiel guatemaltekischer Maya, dass dies auch in einer bewussten Trennung zwischen privat gelebter Alltagskultur und der Performanz einer erwarteten indigenen Kultur für Tourist*innen münden kann (Little 2000: 179). Aus Mateos Sicht trifft dies auch auf andere Tourismusprojekte zu, wobei er FUNDECOIPA bewusst davon ausnimmt: „Denn es gibt Personen, die machen oder zeigen die Lebensweise nur als Angebote. Das ist also auch anders, denn im Gegensatz dazu leben wir hier wie wir leben.“30 Im Projekt realisiert sich aus seiner Sicht einfach ihre Art zu leben und damit auch die Zielsetzung des Erhalts ihrer Lebensweise. „Immer haben wir auch darauf geschaut, dass wenn wir Tourismus oder Voluntourismus machen, unsere Kultur nicht in einen Markt zu verwandeln. Also hier ist es bekannt, dass Tourismus die Kultur zerstören kann.“31 Gleichzeitig zeigt das zweite Eingangszitat, dass die Mitglieder der Fundación durchaus aus eigener Erfahrung oder der Beobachtung anderer Projekte der Konsequenzen des Tourismusbetriebs gewahr sind. Lorenzo fasst darunter unter anderem die Nachahmung der Tourist*innen in Erscheinungsbild und Lebensweise sowie den Wunsch einiger Shuar, mit diesen romantische Beziehungen einzugehen: Wenn man im Tourismus arbeitet, also habe ich in anderen Gemeinden gesehen, dass sie sich die Haare komisch schneiden und sich hier [zeigt auf Nase] oder hier [zeigt auf Lippe] oder dort Piercings hinsetzen, wenn sie anfangen, dort zu arbeiten. Und auch, dass sie sowas [zeigt auf Mobiltelefon] kaufen, dass sie so reden wollen wie sie [Tourist*innen] und sich außerdem nur noch mit ihnen einlassen wollen, nur noch mit blonden Frauen und Männern.32 Neben dem möglichen, nicht intendierten Wandel innerhalb des Dorfes müssen die Shuar zudem mit stereotypisierenden Zuschreibungen bezüglich ihrer Indigenität und der Infragestellung dieser vonseiten der Voluntourist*innen umgehen (Schien 2019). Dennoch verorten sie die für sie gravierenderen Probleme außerhalb des Kontakts mit den Voluntourist*innen: in den staatlichen Aktivitäten gegenüber indigenen Gruppen in Ecuador. Die geplanten oder bereits durchgeführten Modifikationen des bilingualen Bildungssystems unter dem damaligen Präsidenten Rafael Correa (Regierungszeit 2007 bis 2017), die Kompensationsleistungen für die Ausweitung der Erdölförderung im amazonischen Tiefland, die Siedlungsbauprojekte im Rahmen der Comunidad del Milenio sowie deren moderne Bauweise 30 “Porque hay personas que hacen o demuestran la forma de vivir solo para oferta. Entonces eso también es diferente porque en cambio aquí nosotros vivimos como vivimos” (Mateo Vargas 2013). 31 Siehe Fußnote 3. 32 “Trabajar en turismo bueno yo veo ellos se cortan muy raro o ellos se ponen aretes aquí o aca [zeigt auf Nase] o aca [zeigt auf Lippe] o aca porque he visto en otros comunidades cuando empiezan trabajar pasa esto y también ya ya se compran como esto [zeigt auf ein Handy] y ya quieren hablar casi como ellos ya y también solo quieren llevarse con […] las rubias o rubios” (Lorenzo Vargas 2013). 297 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ interpretieren sie als implizite Versuche der Akkulturation und damit letztlich der Auslöschung indigener Lebensweisen: Die Regierung sagt, dass sie uns mit allem hilft, aber das stimmt nicht. Sie redet viel von der Bildung des Jahrtausends, der Stadt des Jahrtausends, aber ich bin mir darüber im Klaren, dass das ihr Leben ist, nicht unseres […]. Heutzutage will die Regierung uns dicht machen.33 Mit Blick auf die jüngeren Generationen und Dörfern außerhalb von Arútam befürchtet Pedro, dass der Wandel die Shuar weg von den Werten ihrer Kultur und zu einer starken Konsumorientierung führt: Wenige Menschen fühlen den Wert des Lebens unserer Vorfahren. Viele sagen, dass sie denken, wir müssten ein modernes Leben führen. Doch was ist das [modern Leben] gewesen? Modernes Leben […], wir haben nichts gemacht, wir haben nichts hergestellt, nichts gebaut, sondern wir haben nur konsumiert.34 Die Versprechungen des urbanen, modernen Lebens bürgen für Pedro wenig Mehrwert. Juan schätzt die Situation bezüglich der Bedrohung durch den Staat ähnlich wie Pedro ein. Aus seiner Sicht beabsichtigt der Staat, langfristig den Erd- ölabbau in allen Provinzen Amazoniens auszubauen. Er fasst sowohl die aus Erd- ölrenten finanzierten Investitionen in Infrastruktur- und Siedlungsbaumaßnahmen sowie die angebotenen Beteiligungszahlungen als bewusste Strategien auf, die lokale Bevölkerung von diesen Exploitationsprojekten zu überzeugen und den Widerstand zu diskreditieren.35 Dabei legitimiert die Regierung ihre Intervention, seiner Auffassung nach, mit der Armut der indigenen Bevölkerung. Gegen diese Zuschreibung wehrt sich Juan: „Wir sind reich, wir haben zu Essen, wir haben genug. Du willst ein Haus bauen? Vielleicht könnten wir es aus Beton bauen, aber wir haben ausreichend Holz […].“36 Im Gegenteil verbindet er die durch Comunidad del Milenio in Aussicht gestellten städtischen Siedlungen mit einem Verlust an Autonomie und der Möglichkeit zur Subsistenz. Von einem Haus aus Beton, so sagt er, könne man nicht leben: „Ein modernes Haus, was sollen wir auch damit 33 “El gobierno dice de que nos está ayudando en todo pero realmente no. Habla mucho lo que es de la educacción milenio y cuidad milenio pero yo me digo cuenta eso es vida de ellos no vida de nosotros […] ahora el gobierno y el estado nos quiere cerrarnos” (Pedro Vargas 2013). 34 “Poco person sentimos el valor de la vida de nuestros antepasados. Muchas dicen piensan tenemos que vivir una vida moderna, pero ha sido qué! vida moderna […] no hemos hecho nada, no elaboramos no construimos sino solo nos consumimos […]” (Pedro Vargas 2013). 35 Der Erdölabbau auf indigenen Territorien ist seit 2008 gesetzlich an eine consulta previa – eine freie und informierte Vorabkonsultation der betroffenen Gemeinschaften und deren Zustimmung – geknüpft (Schien 2019: 57); Asamblea Constituyente de Ecuador (2008: 57). Die Confederación de nacionalidades indigenas de ecuador (CONAIE) – der Dachverband der circa 30 indigenen Verbände in Ecuador – wirft der Regierung Correa die systematische Umgehung dieser vor (CONAIE 26.11.2015). 36 “Nosotros somos rico, tenemos comida, tenemos suficiente […] tienes que construir la casa, tal vez podemos construir la en cemento pero tenemos suficiente madera” (Juan Vargas 2013). 298 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze machen, wo kommt das her, wenn wir keine Landwirtschaft haben. Das Haus werden wir nicht essen.“37 Darüber hinaus hält er die versprochenen finanziellen Kompensationen für unwahr und lehnt die Comunidad del Milenio aufgrund des zuvor genannten Autonomieverlusts ab: Jetzt wird uns diese Regierung die Hälfte des Geldes geben. Das ist eine Lüge […], heute reden sie von den Bauten del Milenio, Schulen und auch Häuser wollen sie uns geben. Ich bin damit nicht einverstanden […]. Was willst Du? Heute sind wir frei, frei, weil, wenn einmal dieses Geld und diese Bauten Einzug halten, wird der Erdölabbau kommen. Du wirst nicht nein sagen, du bist nicht frei. Heute bin ich frei, niemand wird deshalb über mich bestimmen.38 In diesem Szenario sehen sich die indigenen Gruppen einer kontinuierlichen Einkreisung durch Regierung und rohstofffördernden Unternehmen gegenüber, die sich durch Gelder und Siedlungsbau Zutritt zu verschaffen drohen. Bei Erfolg verlieren die Bewohner*innen Amazoniens in den Augen Juans ihre Freiheit und Selbstbestimmung über ihre Territorien und die Grundlagen ihrer Lebensweise. Vor diesem Hintergrund gewinnt die bereits im Kontext des Einkommens erwähnte finanzielle Unabhängigkeit, die das Voluntourismusprojekt für die Familie bedeutet, zumindest für die älteren und politisch aktiven Mitglieder an Bedeutung. Es fördert die Möglichkeiten der Familie, unabhängig zu agieren, und trägt damit fundamental zum Erhalt ihrer Lebensweise und kulturellen Praktiken bei. 5. Rekapitulation und Ausblick: Voluntourismus in Arútam Der theoretische Ausgangpunkt dieses Beitrags war das Fehlen von lokalen Stimmen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Voluntourismus. Dabei wurde eingangs die Frage nach den Veränderungen für gastgebende Gemeinschaften durch Voluntourismus, nach deren Erwartungen und Zielen gestellt. Um diesen Fragen in meinem ethnographischen Fallbeispiel nachzukommen, habe ich die selbstdefinierten Ziele des Voluntourismusprojekt von FUNDECOIPA in dem Shuar-Dorf Arútam den Äußerungen der Mitarbeiter bezüglich der von ihnen wahrgenommenen Veränderungen und ihrer Bewertung des Voluntourismusprojekts gegenübergestellt. Das Voluntourismusprojekt und die Fundación als rechtliche Körperschaft zur Implementierung des Tourismusbetriebs wurden in Reaktion auf die dringliche Notwendigkeit gegründet, trotz eines Rückzugs aus der extensiven Feldwirtschaft eine Einkommensquelle zu schaffen. Daran war die Hoffnung 37 “Una casa moderne que vamos hacer también? La comida si nosotros no tenemos producción, casa no vamos comer no” (Juan Vargas 2013). 38 “Ahora este gobierno a nos va dinero la mitad. Es mentira […] Están hablando construcciones de Milenio, escuelas y también casa quieren dar a nosotros. Yo no estoy de acuerdo […] qué quieres, ahora estamos libra nosotros estamos libre porque cuando una ves que entregan esa plata esa construcción es cambio de petróleo. No vas a decir que a no, tu no estás libre usted. Ahora soy libre yo, nadie por eso me gobierno” (Juan Vargas 2013). 299 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ geknüpft, dass diese nicht nur mit Blick auf die Verlässlichkeit der monetären Einnahmen nachhaltig sein sollte, sondern dass die Art der Einnahmequelle vereinbar mit dem Erhalt des Naturraums und ihrer traditionellen Lebensweise sei. In den Aussagen der Shuar spiegelt sich wider, dass sich dies aus ihrer Sicht in vielerlei Hinsicht erfüllt hat: Der Voluntourismus generiert für die Bewohnerschaft überschaubare, aber fortwährende Einkünfte und stellt innerhalb des Dorfes auch eine Arbeitsmöglichkeit dar. Weiterhin konnte die Familie durch die Verlagerung ihrer Tätigkeit auf die Tourismusbranche auch weitgehend auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen auf ihrem Territorium zum Lebenserhalt verzichten. Das Interesse der Voluntourist*innen an der Kultur der Shuar führte aus Sicht der Dorfgemeinschaft auch zu einer deutlichen Aufwertung dieser in der eigenen Selbstwahrnehmung. Aus Sicht der Gemeinschaft ergeben sich noch weitere positive Aspekte, die über die auf der Webseite umrissenen Ziele hinausgehen: Die Einkünfte aus dem Projekt wie auch die Netzwerke, die die Fundación mit ehemaligen Voluntourist*innen und NROs unterhält, trugen erheblich zu den Bildungschancen der jüngeren Generationen im Dorf bei. Dabei spielte nicht nur das Erlernen vielfältiger neuer Wissensinhalte wie die Verwaltung des Waldschutzgebietes oder des Voluntourismusprojekts, berufliche Fertigkeiten wie Fremdenführung oder die Möglichkeit zum Studium eine Rolle, sondern auch die Revitalisierung von traditionellen Wissensbeständen. Diese werden nun bewusster und mit Stolz an die jüngeren Familienmitglieder weitergegeben und mit den Besucher*innen geteilt. Alle diese Aspekte sind miteinander verzahnt, wie sich insbesondere an der wahrgenommenen Bedrohung durch staatlich geförderten Ressourcenabbau zeigt. Hier begünstigt die finanzielle Unabhängigkeit die politische Autonomie der Familienmitglieder, die einerseits gut über die Konsequenzen von Abbauprojekten informiert sind und andererseits den Wert des Regenwaldes und ihrer indigenen Lebensweise höher einschätzen als die in Aussicht gestellten Kompensationsleistungen und ein „modernes“ Leben. Unbestritten hat die permanente Präsenz von Ökotourist*innen und Voluntourist*innen auch ungeplante Veränderungen mit sich gebracht, wie die Auseinandersetzung mit stereotypisierenden Zuschreibungen vonseiten der Voluntourist*innen. Die überwiegend positive Bilanz meiner Gesprächspartner*innen mag besonders im Licht der vielseitigen kritischen Befunde in der Voluntourismusforschung überraschen. Hierfür gibt es aus meiner Sicht zwei Gründe: Zum einem sind sicherlich der hohe Grad der Selbstbestimmung und umfängliche Spielraum in der Gestaltung sowohl des Kontakts mit den Voluntourist*innen als auch in der Entwicklung und Umsetzung ihrer eigenen Projektziele entscheidend für die allgemeine Zufriedenheit mit dem Projekt. Diese Autonomie vermag sich positiv auf das Selbstwirksamkeitserleben und die Erfüllung der eigenen Erwartung auf die Zufriedenheit der Beteiligten auswirken. Damit entfallen wesentliche Problematiken, die sich in anderen Voluntourismusprojekten aus der kommerziellen Ausrichtung der 300 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Anbieter ergeben. Zum anderen hängt die positive Bilanz auch mit einem Faktor zusammen, den ich als Problemhierarchie bezeichnen würde. Die Shuar nehmen Ungleichheit durchaus wahr. Nichtsdestotrotz bewerten sie andere Probleme, wie fehlende Einkommensquellen, Umweltzerstörung und dominante staatliche Akkulturationspolitik schlicht als dringender. Voluntourismus ist für die Dorfgemeinschaft eine Handlungsstrategie, sich innerhalb dieser Zwänge wirtschaftlich zu emanzipieren und ein Forum, über das sie ihre Belange in ein nationales und sogar internationales Netzwerk kommunizieren können. Insofern verschafft es ihnen dringend benötigten Handlungsspielraum. Meiner Einschätzung nach stellt sich daher für meine Gesprächspartner*innen kaum die Frage nach Hindernissen oder Problemen von Voluntourismus. Das Projekt trägt vielmehr in positiver Weise zum Erhalt ihrer Lebensweisen und -gewohnheiten bei und stellt, auch mit Blick auf die Zukunft, eine wichtige Ressource dar. Gleichzeitig, so muss angemerkt werden, lässt die lokale Haltung nicht notwendigerweise Rückschlüsse auf die strukturellen Effekte des Projekts zu. Vielmehr spielt strukturelle Ungleichheit auch hier eine Rolle und setzt sich fort: Voluntourismus sorgt zwar in einem von der Familie benennbaren Umfang für Verbesserungen, es kann jedoch die Ungleichheiten, die zwischen den Dorfmitgliedern und den Besuchenden bestehen, nicht nivellieren. Das Projekt beruht zuletzt auf einer Inwertsetzung der Ungleichheitsbedingungen, die Voluntourismus hervorbrachten. Indem es die asymmetrischen Beziehungen zwischen und die Rollen von Helfer*innen und Hilfeempfänger*innen nutzt, trägt es zu einer diskursiven Reproduktion von Machthierarchien bei. Sowohl der Grad an Autonomie des Tourismusprojekt der Fundación als auch die Fokussierung auf den eigenen Handlungsspielraum stellen besondere Aspekte dar, die das hier dargestellte Beispiel zu einem speziellen Fall innerhalb des Phänomens des Voluntourismus wie auch in der dazugehörigen Forschung machen. Allerdings verweist die Analyse auf die herausgehobene Bedeutung, die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung, Mitrede und Steuerung für lokale Gemeinschaften im Kontext von Voluntourismus haben können. Dies wäre eine dringend notwendige Zielsetzung und ausstehende Veränderung für Voluntourismusprojekte weltweit, unter jeder Form der Trägerschaft. Darüber hinaus verstehe ich meinen Beitrag als Plädoyer für eine stärkere Sensibilisierung für lokale Realitäten und Handlungsstrategien. Es gilt, den analytischen Blick auf die Ebene lokaler Akteur*innen zu lenken, die sich trotz Ungleichheitsverhältnisse und ihrer marginalisierten Rolle in globalen wie nationalen Gefügen als handlungsmächtige Subjekte sehen. Solche lokalen Projekte und Strategien sind dabei weder zwangsläufig mit den Rationalitäten und Bemessungslogiken externer, wissenschaftlicher Beobachter*innen und Kooperationspartner*innen vereinbar noch überwinden sie Ungleichheiten und doch gilt es anzuerkennen, dass Akteur*innen ihre Resilienz aus dem gewonnen Handlungsspielraum speisen 301 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Schien, „Es ist ein Schritt in die Unabhängigkeit“ können (Chernela 2011). Diese zu übersehen oder nicht ernst zu nehmen droht, in dem Versuch eine machtkritische Perspektive auf Voluntourismus einzunehmen, ein Bild der gastgebenden Gemeinschaften und marginalisierter Akteur*innen als passive Objekte zu zeichnen. Dadurch würde die kritische Voluntourismusforschung die Charakterisierung des allgemeinen Diskurses zu Voluntourismus ungewollt reproduzieren (Ingram 2011; Stronza 2001: 262). In diesem Sinne wollte ich den Wahrnehmungen, Perspektiven und Zielen der Shuar in diesem Beitrag einen Raum gegeben, um sie in die Debatte um Voluntourismus einfließen zu lassen und die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem, um eine weitere Dimension zu ergänzen. Literaturverzeichnis Beck, Scott H., Kenneth J. Mijeski und Meagan M. Stark (2011): ¿Qué Es Racismo? Awareness of Racism and Discrimination in Ecuador, in: Latin American Research Review, 46. Jg., Heft 1, S. 102–125. Benson, Angela M. (2011): Volunteer Tourism: Theory and Practice, in: Volunteer tourism, Theoretical frameworks and practical applications, hrsg. von Angela M. Benson, Abingdon, Oxon–New York, NY, S. 1–6. Brightsmith, Donald J., Amanda Stronza und Kurt Holle (2008): Ecotourism, conservation biology, and volunteer tourism: A mutually beneficial triumvirate, in: Biological Conservation, 141. Jg., Heft 11, S. 2832–2842. 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(2001): Volunteer tourism: experiences that make a difference, Wallingford. Wearing, Stephen und Simone Grabowski (2011): Intercultural Exchange: Exploring the ‘Other’ in the experience, in: Volunteer tourism, Theoretical frameworks and practical applications, hrsg. von Angela M. Benson, Abingdon, Oxon–New York, NY, S. 193–210.

Abstract

How does voluntourism impact on the life of local communities? Which expectations and aims do the hosts tie to their participation? In how far are those fulfilled? The article approaches those questions by way of an ethnographic example from a Shuar village in Ecuador, foregrounding the perspectives of the indigenous community. The tourism project of the example has been initiated and is currently managed by it. In the context of voluntourism this constitutes a rare case of a high degree of autonomy of the hosts. With an ethnological interest in the self-perception of the Shuar, the article centers, based on this specific case, on the aims and evaluation of voluntourism within the host community. While hitherto disregarded in the discourse on voluntourism, the hosts’ understanding of their agency becomes apparent.

Zusammenfassung

Wie verändert Voluntourismus das Leben in lokalen Gemeinschaften? Welche Erwartungen und Ziele verbinden die Gastgebenden mit ihrer Teilnahme? Inwiefern werden diese eingelöst? Dieser Artikel nähert sich den genannten Fragestellungen anhand eines ethnographischen Fallbeispiels aus einem Shuar-Dorf in Ecuador und stellt dabei die Sichtweisen der indigenen Gemeinschaft in den Vordergrund. Das Tourismusprojekt im Fallbeispiel wurde von der Dorfgemeinschaft selbst initiiert und wird von ihr betrieben. Im Kontext von Voluntourismus bedeutet dies einen selten verzeichneten hohen Grad an Selbstbestimmtheit der Gastgebenden. Mit einem ethnologischen Interesse an der Selbstwahrnehmung der Shuar werden anhand dieses Sonderfalls die Ziele und die Bewertung von Voluntourismus durch die gastgebende Gemeinschaft in den Fokus gestellt. Darin wird ein Verständnis der eigenen Handlungsmacht der Gastgebenden ersichtlich, das bislang im Diskurs um Voluntourismus vernachlässigt wurde.

References
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Zusammenfassung

Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.