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Katharina Dahms, Über kurz oder lang: Wie die Dauer des Freiwilligendienstes Lebenswege prägt. Das Beispiel Kulturweit in:

Voluntaris, page 367 - 378

Voluntaris, Volume 8 (2020), Issue 2, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2020-2-367

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367DOI: 10.5771/2196-3886-2020-2-367 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Über kurz oder lang: Wie die Dauer des Freiwilligendienstes Lebenswege prägt Das Beispiel Kulturweit Katharina Dahms M.A. | Referentin für Qualitätssicherung, Evaluation und Monitoring Deutsche UNESCO-Kommission, Freiwilligendienst Kulturweit | dahms@unesco.de 1. Einleitung Im Herbst 2019 wurde der Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO-Kommission zehn Jahre alt.1 Mehr als 4.000 junge Menschen sind in einem Jahrzehnt Kulturweit in fast 90 Länder gereist, um sich mit Unterstützung des Auswärtigen Amts in Kultur- und Bildungseinrichtungen weltweit zu engagieren. Für Kulturweit war das der Anlass nachzufragen, was aus seinen Ehemaligen geworden ist. Die persönlichen Berichte der Alumni zeigen eindrucksvoll, wie sich der internationale Freiwilligendienst auf Entscheidungen, die später im Leben getroffen werden, auswirken kann. Spuren der Kulturweit-Erfahrung finden sich in der Studienund Berufswahl, aber auch beim ehrenamtlichen Engagement. Der Bezug zum Einsatzland und den übergeordneten UNESCO-Themen Kultur, Bildung, Menschenrechte und Nachhaltigkeit lässt sich ebenso in den Lebensläufen der Alumni nachzeichnen. Im Zuge des zehnjährigen Jubiläums wurde die „Verbleibstudie – 10 Jahre Freiwilligendienst kulturweit“ veröffentlicht2, die einen Blick auf die Lebenswege der Alumni wirft. Die vorliegende Analyse fokussiert die Unterschiede zwischen den Freiwilligen, die sechs Monate im Ausland verbracht haben und denjenigen, die zwölf Monate lang mit Kulturweit unterwegs waren. Es geht um die Frage, ob sich in den Daten der Verbleibstudie zeigt, dass sich ein längerer Aufenthalt auch stärker auf die anschließende Lebensgestaltung auswirkt. 2. Überblick Eine Reihe von Studien beschäftigt sich mit den Auswirkungen von längeren Auslandsaufenthalten auf die spätere Lebensführung, die Persönlichkeit sowie die berufliche Entwicklung. Insbesondere die Psychologie befasst sich mit den Effekten von Auslandsaufenthalten auf die Persönlichkeit. Beispielsweise kommt eine Untersuchung zu 1 Der Freiwilligendienst Kulturweit wurde 2008 auf Initiative des Auswärtigen Amts ins Leben gerufen. Die ersten Freiwilligen reisten 2009 aus. Partnerorganisationen sind der Deutsche Akademische Austauschdienst, das Deutsche Archäologische Institut, die Deutsche Welle Akademie, das Goethe-Institut, der Pädagogische Austauschdienst in Kooperation mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen sowie zahlreiche UNESCO- Nationalkommissionen weltweit. 2 Download der Studie unter: www.kulturweit.de/qualität/verbleibstudie. 368 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Studienaufenthalten im Ausland, bei der die Persönlichkeitsstruktur mithilfe des psychometrischen Big-Five-Modells3 gemessen wird, zu dem Schluss, dass sich Eigenschaften wie Extraversion (Geselligkeit) und Verträglichkeit (Kooperation, Empathie) durch die Auslandserfahrung verstärken. Gleichzeitig sinkt die Ausprägung von Neurotizismus, also emotionaler Labilität (Niehoff/Petersdotter/Freund 2017). Darüber hinaus wird gezeigt, dass die Eigenschaft Beharrlichkeit4, hierunter ist die Leidenschaft für das Erreichen eines längerfristigen Ziels zu verstehen, positiv mit der Dauer eines Auslandsaufenthaltes zusammenhängt (Wolff u. a. 2020). In einer Studie zu Wechselwirkungen zwischen Auslandaufenthalten, interkultureller Kompetenz und soziokultureller Anpassung kommen Genkova und Schubert (2020) unter Anwendung einer Regressionsanalyse zu dem Schluss, dass die Dauer von Auslandsaufenthalten mit der erlangten interkulturellen Kompetenz und beruflichen Auslandsmotivation positiv zusammenhängt. Auch das Erasmus+- Programm wird in Bezug auf derartige Wirkungen untersucht. So konnte festgestellt werden, „dass Auslandsaufenthalte substantielle Auswirkungen auf die individuelle Entwicklung im Sinne der Entwicklungsziele der Pariser Deklaration haben“ (NA DAAD 2019). Wirft man einen Blick auf die Effekte von Auslandsaufenthalten während der Ausbildung, so berichten Auszubildende, Schulen und Betriebe insbesondere von gestärktem Selbstbewusstsein, höherer Motivation und Verantwortungsbereitschaft der international mobilen Auszubildenden und erkennen einen Zuwachs im selbstständigem Arbeiten (NA BIBB 2018). Auch für kurzzeitige Aufenthalte im Zuge von Jugendbegegnungen5 während der Schulzeit kann eine Wirkung im späteren Verlauf des Lebens angenommen werden. So kommt eine Studie der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland (IJAB) zu dem Ergebnis, dass diese Begegnungen neben Fremdsprachenkompetenzen auch zur Steigerung des Selbstbewusstseins sowie interkultureller und sozialer Kompetenzen führen können. Rückblickend lassen sich langfristige Auswirkungen in der Biografie von Personen erkennen, die während ihrer Schulzeit an Jugendbegegnungen teilgenommen haben (IJAB 2015). Ein besonders wichtiger Faktor scheint hier das Alter der Teilnehmenden zu sein, da die Erfahrung zu Schulzeiten auch für das spätere Leben besonders prägend sein kann. Untersuchungen zu Freiwilligendiensten und ehrenamtlichem Engagement vervollständigen das Bild. Zum Beispiel konnte gezeigt werden, dass sich Personen, die einen Freiwilligendienst absolviert haben, im Anschluss häufiger freiwillig 3 Das Big-Five-Modell ist ein Modell, dass die Persönlichkeit eines Menschen in folgende fünf Faktoren einteilt: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus (Costa/McCrae 1992). 4 Beharrlichkeit stellt hierbei eine Facette der Eigenschaft Gewissenhaftigkeit dar, eines der fünf im Big-Five Modell formulierten Persönlichkeitseigenschaften (Wolff u. a. 2020). 5 Gemeint sind hiermit folgende Begegnungsformate: Schüler*innenaustausch, gegenseitige Jugendgruppenbegegnungen bei den Partnern vor Ort, Jugendkulturbegegnungen oder multinationale Workcamps. 369 Dahms, Über kurz oder lang: Wie die Dauer des Freiwilligendienstes Lebenswege prägt Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen engagieren oder den Freiwilligendienst als Anstoß für ihr späteres Engagement beschreiben (Vogel/Simonson 2014). Untersuchungen des Weltwärts-Programms kommen zu dem Schluss, dass die Freiwilligen Wissen über ihr Einsatzland erwerben, ihre Sprachfertigkeiten und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel steigern, aber auch mehr Empathie für Menschen aus ihrem Einsatzland entwickeln. Zudem beschäftigen sich die Ehemaligen in ihrem ehrenamtlichen Engagement nach dem Freiwilligendienst stärker mit entwicklungspolitischen Inhalten (Polak/Guffler/ Scheinert 2017). Wie passen nun die Ergebnisse der Verbleibstudie in dieses Bild? 3. Eckdaten und Methodik Das methodische Design der Verbleibstudie umfasst keine Vorher-Nachher-Messungen oder Vergleiche mit einer Kontrollgruppe. Der Fokus liegt auf der individuellen, subjektiven Einschätzung der Veränderungen, die sich für die Alumni aus der Kulturweit-Erfahrung ergeben haben. Tabelle 1: Eckdaten zum methodischen Design der Verbleibstudie Grundgesamtheit: Kulturweit-Alumni, die bis Februar 2018 zurückkehrt sind verschickte Einladungen: 3.009 Größe der Stichprobe: 1.229 Durchführungszeitraum: August 2018 Erhebungsmethode: Online-Befragung Methodik: In Anlehnung an die Verbleibstudie aus dem Jahr 2014 Methodenmix aus standardisierten, quantitativen und offenen, qualitativen Elementen. Verbunden mit zehn multimedial aufgearbeiteten Porträts. Quelle: eigene Darstellung Die Verteilung der Merkmale (Aufenthaltsdauer, Partnerorganisation, Geschlecht, Ausreisezeitpunkt und Weltregion) innerhalb der Stichprobe entspricht im Abgleich mit der Kulturweit-Datenbank weitestgehend der Verteilung der Grundgesamtheit6 unserer Alumni. Die Datenlage lässt sich demnach als für unsere Alumni weithin repräsentativ einschätzen.7 Die Sorgfalt, mit der die offenen Fragen beantwortet wurden, unterstreicht die hohe Datenqualität. Was glaubst du wäre passiert, wenn du Kulturweit nicht gemacht hättest? [...] dann würde ich heute nicht in Erinnerungen schwelgend an dieser Umfrage sitzen, sondern ein Erfahrungsloch im Persönlichkeitsgewebe besitzen und dabei noch nicht einmal davon wissen. 6 Maximale positive/negative Abweichungen: ein bis zwei Prozentpunkte. 7 Der für Umfragen bekannte non-response Bias kann nie vollständig ausgeschlossen werden. 370 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen 4. Zusammenfassende Darstellung ausgewählter Ergebnisse Das Ziel von Kulturweit ist es, zu einer weltoffenen Gesellschaft im Sinne der UNESCO beizutragen. Der Freiwilligendienst soll einen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung entlang der Themen Kultur, Bildung und Menschenrechte sowie Nachhaltigkeit anstoßen. Frieden, Menschenwürde und Gerechtigkeit sollen hier zentrale Elemente des Wertekompasses der jungen Engagierten sein. Doch was lässt sich in Bezug auf die Alumni diesbezüglich feststellen? Seit 2009 konnten die Ehemaligen schätzungsweise 22.000 Freundschaften schlie- ßen und weltweit Kontakte knüpfen, die bis zum heutigen Tag und damit teilweise über viele Jahre Bestand haben.8 So nimmt die Zahl der Kontakte ins Einsatzland über die Zeit zwar erwartungsgemäß ab, allerdings hat die Hälfte der Alumni aus den ersten Ausreisen Kontakt zu mindestens einer Person aus der Einsatzstelle und 72 Prozent zu Freund*innen oder Bekannten im Einsatzland. Neben den unzähligen Begegnungen vor Ort zeigt sich somit auch nach dem Freiwilligendienst der individuelle, menschliche Beitrag zum Zusammenwachsen von Gesellschaften weltweit. Abbildung 1: Anteil ehemaliger Kulturweit Freiwilliger mit bestehenden Kontakten gruppiert nach Ausreisezeitpunkt (in Prozent) n = 1.229; Differenz zu 100 %: keine bestehenden Kontakte/keine Angabe Quelle: eigene Darstellung Der besondere Schwerpunkt von Kulturweit liegt auf den UNESCO-Themen Kultur, Bildung und Menschenrechte sowie Nachhaltigkeit. 84 Prozent der Alumni geben an, sich auch nach dem Freiwilligendienst damit auseinanderzusetzen – sei es im Studium, der Freizeit, beruflich oder privat. Neben der Integration dieser Themen in den Alltag und die weitere Lebensgestaltung wird auch das 8 Aktuelle Hochrechnung auf Basis der bis Frühjahr 2020 zurückgekehrten Freiwilligen. Nicht miteinbezogen sind all jene Kontakte, die aktuell nicht mehr aktiv gepflegt werden, sowie die Freundschaften der Alumni untereinander. 371 Dahms, Über kurz oder lang: Wie die Dauer des Freiwilligendienstes Lebenswege prägt Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen bürgerschaftliche Engagement weiterverfolgt: 70 Prozent der Alumni engagieren sich zum Zeitpunkt der Befragung gesellschaftlich, politisch oder sozial. Gleichzeitig berichten 35 Prozent von ihnen, dass sich ihre Engagementbereitschaft nach dem Freiwilligendienst sogar erhöht hat. Abbildung 2: Engagement nach dem Freiwilligendienst (in Prozent) n = 1.229; Abweichungen in der Summe rundungsbedingt Quelle: eigene Darstellung Etwa die Hälfte der befragten Alumni war nach ihrer Rückkehr rund um Kulturweit aktiv. Am fundamentalsten scheint jedoch der Einfl uss auf den Lebensstil und die persönliche Entwicklung zu sein, den rund 97 Prozent der Alumni bei sich feststellen. Abbildung 3: Bedeutung des Freiwilligendienstes (in Prozent) n = 1.229; Abweichungen in der Summe rundungsbedingt Quelle: eigene Darstellung 372 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen 5. Vergleich der Gruppen nach Aufenthaltsdauer Um die langfristigen Wirkungen in Bezug auf die Dauer des Freiwilligendienstes zu beleuchten, werden die Daten entlang der Aufenthaltsdauer eines halben oder ganzen Jahres gegenüberstellt, signifikante Unterschiede9 identifiziert und diese Differenzen im Folgenden dargestellt. 5.1 Beziehungen zum und ins Einsatzland Was war die größte Veränderung, die sich durch den Kulturweit-Freiwilligendienst in deinem Leben ergeben hat? Ich habe ein Land und seine Menschen kennengelernt, die ich jetzt jeden Tag in meinem Herzen trage. Der Vergleich zeigt, dass die Bindung zum Einsatzland nach einem Jahr Freiwilligendienst stärker ausgeprägt ist. Über die Hälfte der Alumni, hinter denen ein ganzes Freiwilligenjahr liegt, ist im Anschluss noch einmal in ihr Einsatzland zurückgekehrt. Dieser Anteil ist signifikant höher als bei denjenigen, die einen sechsmonatigen Freiwilligendienst absolviert haben. Hier liegt der Anteil bei einem Drittel. Auch die internationale Mobilität ist bei den Ein-Jahres-Freiwilligen stärker ausgeprägt. Der Anteil derjenigen, die durch Studium, Praktikum oder Beruf noch einmal längere Zeit im Ausland verbrachten,10 liegt mit 54 Prozent höher als bei denjenigen, die sechs Monate mit Kulturweit unterwegs waren. Bei ihnen beträgt der Anteil 48 Prozent. Abbildung 4: Anteil der Alumni, die noch einmal ins Einsatzland zurückgekehrt sind/die einen weiteren Auslandsaufenthalt realisiert haben (in Prozent) n = 1.229; Differenz zu 100 %: keine Rückkehr/kein Aufenthalt und keine Angabe Quelle: eigene Darstellung 9 Anhand einer umfassenden Kreuztabellierung wurden die Daten auf Zusammenhänge untersucht. Der Kontingenzkoeffizient Cramérs V weist auf die Zusammenhangsstärke zwischen den beiden Gruppen hin und Signifikanzen werden überprüft (siehe Tabelle 2 im Anhang). 10 Unter einem längeren Auslandsaufenthalt wird ein Aufenthalt von mindestens drei Monaten verstanden. 373 Dahms, Über kurz oder lang: Wie die Dauer des Freiwilligendienstes Lebenswege prägt Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Zu vergleichbaren Ergebnissen kommt man, wenn man die soziale Vernetzung betrachtet. Fragt man nach bestehenden Kontakten zu anderen Kulturweit-Freiwilligen, unterscheiden sich die Anteile nach Dauer des Aufenthaltes nicht. Geht es um noch bestehende Kontakte ins Einsatzland, erkennt man signifikante Unterschiede: Es zeigt sich, dass ein längerer Aufenthalt von einem Jahr dort auch häufiger mit Freund- und Bekanntschaften einhergeht, die den Freiwilligendienst überdauern. Verbringen die Freiwilligen also mehr Zeit im Einsatzland, ist es ihnen auch eher möglich, Kontakte zu knüpfen, die von Dauer sind. Abbildung 5: Anteil ehemaliger Kulturweit Freiwilliger mit langfristigen bestehenden Kontakten (in Prozent) n = 1.229; Differenz zu 100 %: keine bestehenden Kontakte/keine Angabe Quelle: eigene Darstellung 5.2 Bilder im Wandel Was war die größte Veränderung, die sich durch den Kulturweit-Freiwilligendienst in deinem Leben ergeben hat? Die Denkanstöße, die ich während des Freiwilligendienstes mit auf den Weg bekommen habe, haben mich nachhaltig beeindruckt und dazu geführt, dass ich mich weiterhin mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzen möchte. Verbunden mit dem Leben und dem Austausch mit Kolleg*innen, Bekannten und Freund*innen vor Ort bekommen die Freiwilligen die Möglichkeit, sich ein umfassendes und differenziertes Bild vom Einsatzland zu machen. So hinterfragen sie Vorurteile und setzen sich aktiv mit Stereotypen auseinander. Auch hier zeigt sich, dass diejenigen, die ein ganzes Jahr blieben, eine signifikant stärkere Veränderung in ihrer Wahrnehmung des Landes bemerken. 374 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Abbildung 6: Veränderung des Bildes vom Einsatzland (in Prozent) n = 1.229; Differenzen in der Summe rundungsbedingt Quelle: eigene Darstellung Durch ihre Zeit im Ausland können die Freiwilligen mehr über ihr Gastland erfahren. Das bestätigen vor allem diejenigen, die länger unterwegs waren. Auch nach der Rückkehr bricht das Interesse nicht ab: So stellen 87 Prozent der Alumni, die einen zwölfmonatigen Freiwilligendienst absolviert haben, fest, dass ihr Interesse an Land und Region gestiegen ist und sie deshalb aktuelle Entwicklungen weiterhin verfolgen. Bei einem kürzeren Aufenthalt von sechs Monaten fällt der Anteil mit 80 Prozent geringer aus. Abbildung 7: Wissen über und Interesse am Einsatzland n = 1.229; Zustimmungswerte in Prozent „trifft zu“ und „trifft eher zu“ Quelle: eigene Darstellung 5.3 Alumniarbeit und bürgerschaftliches Engagement „Kulturweit hört nicht mit dem Freiwilligendienst auf.“ Dieser Satz fällt, wenn es um die Zeit nach Kulturweit geht. Die Aktivitäten für und von Alumni bei Kulturweit greifen zentrale UNESCO-Themen auf: Seien es Weiterbildungen zum UNESCO-Welterbe oder Bildung für nachhaltige Entwicklung, das Engagement 375 Dahms, Über kurz oder lang: Wie die Dauer des Freiwilligendienstes Lebenswege prägt Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen als Buddy im Incoming-Projekt11 von Kulturweit oder als Ansprechperson auf Messen, in Schulen oder Universitäten. Auch hier zeigt sich ein signifikanter Unterschied: Von den Ein-Jahres-Freiwilligen werden 51 Prozent im Alumni-Netzwerk aktiv,12 gegenüber 44 Prozent derjenigen, die ein halbes Jahr Freiwilligendienst geleistet haben. Ein wichtiges Ziel des Freiwilligendienstes ist es, bürgerschaftliches Engagement auch nach Dienstende zu stärken. Im Vergleich ist der Anteil der Alumni, deren Bereitschaft sich aufgrund der Teilnahme an Kulturweit verstärkt hat, unter den Ein-Jahres-Freiwilligen höher. Diejenigen, die einen sechsmonatigen Freiwilligendienst absolviert haben, geben häufiger an, ihre Engagementbereitschaft sei unverändert geblieben. Abbildung 8: Engagement nach dem Freiwilligendienst nach Aufenthaltsdauer (in Prozent) n = 1.229 Quelle: eigene Darstellung 5.4 Stärkung der Persönlichkeit Was war die größte Veränderung, die sich durch den Kulturweit-Freiwilligendienst in deinem Leben ergeben hat? Persönlichkeitsentwicklung: (noch) weltoffener, mutiger, entspannter, diskussionsfreudiger, streitfähiger. Und vieles, das ich nicht in Worte fassen kann. 11 Das Projekt „Gemeinsam freiwillig engagiert“ gibt jungen Frauen aus Ägypten, Jordanien, Marokko, Libanon und Tunesien die Möglichkeit, sich für drei Monate in Kultur- und Bildungseinrichtungen in Deutschland zu engagieren, gefördert durch das Auswärtige Amt. 12 Dies umfasst alle, die nach dem Abschluss des Freiwilligendienstes noch bei Kulturweit aktiv waren (z. B. in einer Regionalgruppe, durch Teilnahme an Weiterbildungen oder Seminaren, bei der Kulturweit-Öffentlichkeitsarbeit, durch die Teilnahme an Jahrestreffen etc.). 376 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Gerade weil sich die jungen Engagierten, zwischen 18 und 26 Jahren alt, in einer prägenden Lebensphase befinden, hat der Freiwilligendienst einen wichtigen Einfluss auf ihre Persönlichkeitsentwicklung. Auch hier gibt es einen signifikanten Unterschied: Für 78 Prozent derjenigen, die ein ganzes Jahr im Ausland waren, ist der Freiwilligendienst auch ein sehr wichtiger Bestandteil der persönlichen Entwicklung im Gegensatz zu den Halbjahres-Freiwilligen, unter denen 61 Prozent diese Erfahrung als sehr wichtig beschreiben. Abbildung 9: Bedeutung des Freiwilligendienstes für die persönliche Entwicklung (in Prozent) n = 1.229; Abweichungen in der Summe rundungsbedingt Quelle: eigene Darstellung 6. Fazit Was glaubst du wäre passiert, wenn du Kulturweit nicht gemacht hättest? Ich hätte das beste Jahr meines Lebens verpasst. Der weiterführende Blick auf die Daten der Verbleibstudie zeigt eine Reihe von Aspekten, die nach einem längeren Aufenthalt stärker ausgeprägt sind. Sicherlich lässt sich nicht vollkommen ausschließen, dass diejenigen, die sich für ein ganzes Jahr Freiwilligendienst entscheiden, insgesamt eine höhere Affinität für freiwilliges Engagement aufweisen. Allerdings hängt die Entscheidung über die Dauer eines Freiwilligendienstes auch stark von der Lebenssituation und den damit verbundenen zeitlichen und finanziellen Ressourcen ab. Daher greift es zu kurz, diejenigen, die einen sechsmonatigen Freiwilligendienst absolvieren, per se als weniger involviert zu beschreiben. Vielmehr sprechen die gezeigten Befunde dafür, dass, je länger der Freiwilligendienst absolviert wird, auch nachhaltigere Wirkungen erzielt werden können. Schließlich bietet ein ganzes Jahr mehr Möglichkeiten, nach dem Ankommen im Gastland Menschen kennenzulernen und sich in die alltäglichen Abläufe vor Ort zu integrieren. Es finden mehr Begegnungen statt, die den Lernprozess begleiten, es gibt mehr Zeit für neue Herausforderungen. 377 Dahms, Über kurz oder lang: Wie die Dauer des Freiwilligendienstes Lebenswege prägt Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Insgesamt sind die Erfahrungen vielfältiger und umfassender, die Eindrücke mannigfaltiger und die Auseinandersetzung mit Differenzen und Ähnlichkeiten profunder. In den Stimmen der Kulturweit-Alumni zeichnet sich die Empfehlung ab, sich wenn möglich, mehr Zeit zu geben, entgegen verkürzter Ausbildungszeiten zu agieren und sich von dem damit verbundenen Erwartungs- und Zeitdruck zu lösen. Anhang: Übersicht der Korrelationen Tabelle 2: Zusammenhänge nach Aufenthaltsdauer Variablen Cramérs V Signifikanz Interesse an aktuellen Entwicklungen im Land/in der Region ist gestiegen 0,15 *** größeres Wissen über das Einsatzland allgemein 0,14 *** Bild vom Einsatzland verändert 0,17 *** Engagementbereitschaft verändert 0,08 * Wirkung des Freiwilligendienstes auf persönliche Entwicklung 0,17 *** Wirkung des Freiwilligendienstes auf professionelle Entwicklung 0,09 * Wirkung des Freiwilligendienstes auf berufliche Orientierung 0,06 nicht signifikant Rückkehr ins Einsatzland 0,23 *** weiterer Auslandsaufenthalt 0,07 * Kontakt zu … … Freund*innen und Bekannten im Einsatzland 0,14 *** … anderen Kulturweit-Freiwilligen 0,02 nicht signifikant … Freiwilligen anderer Organisationen 0,09 ** … längerfristig ins Einsatzland entsandten Personen 0,21 *** … Kolleg*innen in der Einsatzstelle 0,08 ** bei Kulturweit aktiv 0,08 ** Cramérs V, Signifikanzniveaus: * 95-%-Niveau (signifikant), ** 99-%-Niveau (hoch signifikant), *** 99,9-%-Niveau (höchstsignifikant) Literaturverzeichnis Costa, Paul und Robert McCrae (1992): Four ways five factors are basic, in: Personality and Individual Differences, Heft 6, Jg. 13, S. 653–665. Genkova, Petra und Christiane Elisabeth Schubert (2020): Die Wechselwirkungen zwischen Auslandsaufenthalt, interkultureller Kompetenz und soziokultureller Anpassung für Auslandsentsendungen, in: Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie, Heft 1, Jg. 51, S. 103–116. 378 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V. (2015): Langzeitwirkungen der Teilnahme an internationalen Jugendbegegnungen auf die Persönlichkeitsentwicklung der TeilnehmerInnen, www.ijgd.de/fileadmin/content/ ijgd/dokumente/07_download/Langzeitwirkungen_Zusammenfassung_deutsch.pdf (11.08.2020). Niehoff, Esther, Linn Petersdotter und Philipp Alexander Freund (2017): International sojourn experience and personality development: Selection and socialization effects of studying abroad and the Big Five, in: Personality and Individual Differences, Jg.112, S. 55–61. NA BIBB – Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (2018): Auslandsaufenthalte in der Berufsausbildung 2017, Mobilitätsstudie, www.nabibb.de/presse/news/mobilitaetsstudie-2017 (11.08.2020). NA DAAD – Nationale Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit (2019): Leitbild Freiheit und Demokratie: Interkulturelle Kompetenz und Werteorientierung durch Individualmobilität und Erasmus+ Projekte, www.eu.daad.de/studie-wirkung-2018 (11.08.2020). Polak, Jan Tobias, Kerstin Guffler und Laura Scheinert (2017): Weltwärts-Freiwillige und ihr Engagement in Deutschland, hrsg. vom Deutschen Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (DEval), Bonn. Vogel, Claudia und Julia Simonson (2014): Empirische Studien zum bürgerschaftlichen Engagement, in: Freiwilliges Engagement in Deutschland: Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014, hrsg. von Simonson, Julia, Claudia Vogel und Clemens Tesch-Römer, Berlin, S. 179– 197. Wolff, Fabian, Fabian Schmidt, Christoph Borzikowsky, Jens Möller und Jenny Wagner (2020): Educational stays abroad and the development of self-perceived grit: A longitudinal analysis in young adulthood, in: Current Psychology S. 1-16.

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References
Costa, Paul und Robert McCrae (1992): Four ways five factors are basic, in: Personality and Individual Differences, Heft 6, Jg. 13, S. 653–665.
Genkova, Petra und Christiane Elisabeth Schubert (2020): Die Wechselwirkungen zwischen Auslandsaufenthalt, interkultureller Kompetenz und soziokultureller Anpassung für Auslandsentsendungen, in: Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie, Heft 1, Jg. 51, S. 103–116.
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Wolff, Fabian, Fabian Schmidt, Christoph Borzikowsky, Jens Möller und Jenny Wagner (2020): Educational stays abroad and the development of self-perceived grit: A longitudinal analysis in young adulthood, in: Current Psychology S. 1-16.

Zusammenfassung

Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.