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Stephan Kirchschlager, Mario Störkle, Engagement im Homeoffice? Folgen der Corona-Pandemie für ältere Freiwillige und ihr Engagement in:

Voluntaris, page 243 - 260

Voluntaris, Volume 8 (2020), Issue 2, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2020-2-243

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243DOI: 10.5771/2196-3886-2020-2-243 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Engagement im Homeoffice? Folgen der Corona Pandemie für ältere Freiwillige und ihr Engagement Eine empirische Interviewstudie aus der Schweiz Prof. Dr. Stephan Kirchschlager Institut Sozialarbeit und Recht | Hochschule Luzern – Soziale Arbeit | Institutsleitung stephan.kirchschlager@hslu.ch Dr. des. Mario Störkle Institut für Soziokulturelle Entwicklung | Hochschule Luzern – Soziale Arbeit Dozent und Projektleiter | mario.stoerkle@hslu.ch Zusammenfassung Die Corona-Pandemie hat das zivilgesellschaftliche Engagement von Menschen im höheren Lebensalter schlagartig und bis auf Weiteres einschneidend verändert. Der Beitrag stellt die Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie in der Deutschschweiz ins Zentrum, die sich mit den unmittelbaren Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Engagement von Menschen im höheren Lebensalter (65 plus) sowie auf deren persönliche Lebenssituation als Angehörige einer Risikogruppe beschäftigt. Die Studie zeigt, wie die Befragten ihr Leben auch während der Pandemie aktiv gestalten und Wege finden, ihr Engagement aus der Distanz heraus fortzuführen. Ambivalent in den Erzählungen der Befragten bleibt insbesondere der Aspekt, sich einerseits fit, gesund und aktiv zu fühlen und andererseits pauschal zur vulnerablen Gruppe zu gehören, die am besten zu Hause bleiben soll. Schlagwörter: zivilgesellschaftliches Engagement im Alter; aktives Altern; Corona-Pandemie; vulnerable Gruppen Abstract The social engagement of elderly people has changed abruptly due to the corona pandemic. This article focuses on the results of a qualitative interview study conducted on people aged 65+ in the German-speaking part of Switzerland. The study examines the impact of the corona pandemic on the social engagement of interviewees as well as the effect on their personal lives as members of an at-risk group. The study reconstructs how the respondents shape their lives and find ways to continue their social engagement from a distance during the pandemic. In particular, the aspect of feeling fit, healthy, and active while belonging to a vulnerable group remains ambivalent for respondents. Keywords: social engagement of elderly people; active ageing; corona pandemic; vulnerable groups 244 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie 1. Einleitung und Aufbau des Beitrags Das zivilgesellschaftliche Engagement von älteren Menschen in der Schweiz ist aufgrund der Schutzmaßnahmen ab Mitte März bis zu den ersten Lockerungen ab Ende Mai weitgehend zum Erliegen gekommen und damit ebenso dessen beträchtliche gesellschaftliche Leistung. Zugleich zählen in der Schweiz ältere Menschen ab 65 Jahren pauschal zur besonders schutzbedürftigen Personengruppe, ein Umstand, der ihr Engagement und ihre sozialen Teilnahmemöglichkeiten weiterhin beschränkt.1 Vor diesem Hintergrund werden in dem Beitrag die Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung in der Deutschschweiz vorgestellt und diskutiert, die sich mit den unmittelbaren Auswirkungen und Konsequenzen der Corona-Pandemie auf das Engagement von Menschen im höheren Lebensalter (65 plus) sowie auf deren persönliche Lebenssituation als Angehörige einer Risikogruppe beschäftigt. Wir interessieren uns in der Studie erstens dafür, welche Handlungsspielräume den von älteren Menschen mitorganisierten Freiwilligenorganisationen in der Corona-Pandemie bleiben und inwiefern die Befragten ihr Engagement auch mit den geltenden Einschränkungen weiterführen. Wir fragen zweitens danach, wie die Befragten die pauschale Zuordnung zur Risikogruppe wahrnehmen und inwieweit diese mit ihren biografischen Selbstkonzepten in Konflikt gerät. Biografische Selbstkonzepte verstehen wir nach Graefe, van Dyk und Lessenich, als „Teil der lebenslangen, notwendig inkohärent bleibenden und damit unabschließbaren ‚Identitätsarbeit‘ der Subjekte“ (Graefe/van Dyk/Lessenich 2011: 299). Anhand von Stellungnahmen prominenter Forschungsinstitutionen und Gesellschaften sowie mithilfe von Interviews fassen wir zunächst Reaktionen aus der Alter(n)sforschung zu den Covid-19-Maßnahmen und deren Konsequenzen für ältere Menschen zusammen. Die Kritik wird in den Kontext aktueller Altersdiskurse sowie der jüngsten Zahlen zum freiwilligen Engagement in der Schweiz gestellt. Im Anschluss an das Forschungsdesign stellen wir im Hauptteil des Beitrags die Ergebnisse der Studie vor und formulieren Implikationen für weitere Forschungen und die zukünftige Praxis des zivilgesellschaftlichen Engagements älterer Menschen in Corona-Zeiten. 2. Reaktionen aus der Alter(n)sforschung zu den Covid 19 Maßnahmen Sowohl die pauschale Zuordnung zur Risikogruppe auf Basis des kalendarischen Alters als auch die negativen Konsequenzen der getroffenen Schutzmaßnahmen werden international vor allem von Altersforscher*innen kritisiert. Grundlage für die Kritik bildet der seit Jahren etablierte Konsens „that mere chronological age 1 Das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit BAG unterteilt in ihren Richtlinien besonders gefährdete Personen in drei Gruppen ein. Personen ab 65 Jahren, schwangere Frauen, Erwachsene mit Vorerkrankungen. 245 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Kirchschlager & Störkle, Engagement im Homeoffice? explains virtually nothing about human aging“ (Moody 1988: 30, zit. in van Dyk 2015: 15). Zum einen, so die einhellige Auffassung, bilden Menschen in der dritten und vierten Lebensphase längst keine homogene Gruppe und unterscheiden sich insbesondere auch hinsichtlich ihrer körperlichen Fitness und ihrer Gesundheit beträchtlich (bspw. Tesch-Römer u. a. 2020). Befunde der Alter(n)sforschung legen zum anderen den Schluss nahe, dass eine längere soziale Distanzierung mit gesundheitlichen Risiken für Ältere verbunden sein könnte (Huxhold/Engstler/ Klaus 2020: 1 f.). Social Distancing kann bedeuten, dass emotionale Nähe und zärtliche Kontakte nicht mehr stattfinden; dass kognitiv anregende Freizeitaktivitäten wegfallen; dass körperliche Bewegung nicht mehr oder nur eingeschränkt möglich ist; dass ehrenamtliches Engagement oder berufliche Tätigkeiten nicht mehr ausgeübt werden können; dass Probleme in der medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Versorgung auftreten. Und schließlich, dass Mangelernährung, Delire und Stürze nicht mehr durch das soziale Umfeld entdeckt werden können (Kessler u. a. 2020: 1). Daraus folgt, dass die getroffenen Maßnahmen ältere Menschen nicht nur schützen. Eine pauschale Etikettierung erhöhe zudem das Risiko einer Altersdiskriminierung (Spuling/Wettstein/Tesch-Römer 2020). Eine Zuordnung zur Risikogruppe betone „eine gerontologisch fragwürdige und veraltete Altersdefinition“ und intensiviere „defizitorientierte Vorstellungen zum Alter“ (Höpflinger 2020a). Ein negatives Bild und ein möglicher sozialer Ausschluss oder eine Bevormundung können entstehen „eben, weil sie zu der Gruppe gehören, von denen man zu wissen glaubt, dass ihre Chancen geringer seien, eine Ansteckung zu überleben“ (Griffig 2020). Diese Befürchtung wird unter anderem durch altersdiskriminierende Memes auf Twitter und anderen sozialen Medien genährt, die Covid-19 bereits sehr früh als boomer remover bezeichneten (Burrow/Ong 2020). Pointiert äußert sich der Schweizer Altersforscher François Höpflinger in einem Interview zur Zugehörigkeit zur Risikogruppe: „Auf einen Schlag wurde das Bild von den aktiven Alten zerstört“ (Höpflinger 2020b: 11). In ähnlicher Weise sieht Eva-Maria Kessler die Gefahr, in alte Stereotype über das Alter zurückzufallen (Kessler 2020). Ein wesentlicher Kritikpunkt in diesem Zusammenhang besteht darin, dass ältere Menschen als „zu Beschützende und Schwache in der Gesellschaft“ dargestellt werden (Kessler/Gellert 2020: 2). Es wird mehrheitlich über sie gesprochen und nicht mit ihnen. So entstehe ein „Bild von älteren Menschen als Mitglieder der Gesellschaft, die in Bezug auf die Coronapandemie ohne Handlungsspielräume und ohne Stimme (ohne ‚Agency‘) sind“ (Kessler/Gellert 2020: 2). 246 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie 3. Aktuelle Altersdiskurse und zivilgesellschaftliches Engagement älterer Menschen in der Schweiz Die dargestellten Reaktionen aus der Alter(n)sforschung überraschen keineswegs. So haben sich die gesellschaftlichen Diskussionen um „Alter“ und den damit verbundenen Altersbildern in den letzten 20 Jahren stark verändert. Im Zusammenhang mit zivilgesellschaftlichem Engagement älterer Menschen ist vor allem auf das angesprochene Leitbild des „aktiven Alterns“ (z. B. WHO 2002) zu verweisen, das die Debatte entscheidend mitgeprägt hat. Dabei wird das Alter(n) weniger mit defizitären, negativen Vorstellungen in Verbindung gebracht, es wird vielmehr auf eine positive, aktive und dynamische Seite fokussiert. Vor diesem Hintergrund werden die Potenziale von nachberuflichen Betätigungen für die älteren Menschen besonders hervorgehoben. Mit dem Alter(n) werden also nicht per se Lebensabend oder Ruhestand verbunden, sondern neue Handlungsräume und Möglichkeiten der Aktivität. Im Fokus steht dabei vornehmlich die Altersgruppe der sogenannten jungen Alten, das heißt Personen der Altersgruppe zwischen 60 bis circa 80 Jahren, mit denen bestimmte Zuschreibungen und Erwartungen verknüpft werden. Die Angehörigen dieser Altersgruppen sind meist noch bei guter Gesundheit, weisen eine höhere Lebenserwartung auf, sind besser gebildet und können auf ein größeres Einkommen zurückgreifen als frühere Generationen. Da sie zunehmend einen aktiven Lebensstil bis ins hohe Alter hinein pflegen, wird in sie ebenfalls die Hoffnung gesetzt, sich auch zu engagieren. Eng mit diesen Diskussionen ist ein genereller Wandel bzw. eine Differenzierung vorherrschender Altersbilder verknüpft, die den Blick auf das Engagement älterer Menschen ebenfalls beeinflussen. Einschlägige Veröffentlichungen sind dabei beispielweise die Altersberichte aus Deutschland. So spricht der fünfte Altersbericht explizit die „Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft“ und der sich daraus ableitende „hohe gesellschaftliche Nutzen des Engagements älterer Menschen“ an (BMFSFJ 2005: 381). Der sechste Altersbericht betont die Notwendigkeit von differenzierten Altersbildern, um der „Vielfalt des Alters“ gerecht zu werden und daraus wiederum Rückschlüsse auf die Potenziale des Alters abzuleiten (BMFSFJ 2010: 19). Die vorherrschenden Leitbilder und Diskurse in Bezug auf die Förderung des freiwilligen Engagements Älterer werden in der Literatur auch kritisch betrachtet (Denninger u. a. 2014). Sie bergen die Gefahr, all diejenigen zu diskriminieren, die dem Konzept nicht entsprechen wollen oder nicht (mehr) können. Die Zahlen des jüngsten Freiwilligen-Monitors (FM) der Schweiz zeigen, dass sich das freiwillige Engagement bei älteren Menschen großer Beliebtheit erfreut: Knapp die Hälfte (45 %) aller 60- bis 74-Jährigen in der Schweiz leisten Freiwilligenarbeit in Vereinen und Organisationen. Auch die Altersgruppe der 75-Jährigen und Älteren hat mit 37 Prozent noch einen vergleichsweise hohen Anteil an 247 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Kirchschlager & Störkle, Engagement im Homeoffice? freiwillig engagierten Personen (Lamprecht/Fischer/Stamm 2020: 46 f.). Ein gro- ßer Anteil älterer Menschen in der Schweiz engagiert sich für andere und das nicht erst seit dem letzten Erhebungszeitpunkt des FM: Zieht man die Zahlen früherer FM hinzu, so sind die Engagementanteile in den höheren Altersgruppen weitestgehend konstant geblieben (2009: 25 %; 2014: 26 % bei den 65- bis 79-Jährigen) (Freitag u. a. 2016: 59). Für die letzten zehn Jahre lässt sich eine stabile Zahl älterer Menschen feststellen, die sich in Vereinen und Organisationen engagieren. 4. Forschungsdesign Die methodische Herangehensweise fußt auf einem qualitativen Forschungsparadigma, das sich für die subjektive Eigenperspektive der Akteur*innen interessiert. Der Feldzugang erfolgte über Ansprech- und Leitungspersonen in den Freiwilligenorganisationen, die wiederum die Interviewpartner*innen vermittelten.2 Insgesamt wurden neun Interviews im Zeitraum von Ende Mai bis Anfang Juni durchgeführt, die aufgrund der Schutzmaßnahmen telefonisch erfolgten. Ein Interview wurde mit einer Fachperson geführt, die anderen mit Freiwilligen im Alter von 64 bis 82 Jahren, die sich in unterschiedlichen Engagementfeldern (bspw. Altersgremienarbeit, Nachbarschaftshilfe, Seniorensport) engagieren. Die geführten Interviews können dem Typus des „problemzentrierten Interviews“ zugerechnet werden, die auf „eine möglichst unvoreingenommene Erfassung individueller Handlungen sowie subjektiver Wahrnehmungen und Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Realität“ abstellen (Witzel 2000: Abs. 1). Um die Perspektive der Freiwilligen möglichst unverzerrt erfassen zu können, wurde nach den Auswirkungen der Corona-Pandemie gefragt, die sie persönlich im (Engagement-) Alltag erleben, und danach, wie sie und ihre Organisationen damit umgehen. Die Interviewtranskripte wurden mit einem Kodierschema ausgewertet, bei dem das Material sowohl mit Stichworten aus dem Forschungsdiskurs („aktives Alter“) als auch mit weiteren Merkworten, die auf neue Aspekte im Untersuchungsgegenstand hindeuteten („Auszeit“), markiert wurde. Der Auswertungsprozess als solcher diente, der Logik von explorativen Interviews folgend, der thematischen Strukturierung und Hypothesengenerierung (Bogner/Menz 2001: 480). Eine methodologische Gefahrenquelle bei der Auswertung von Befragungen älterer Menschen besteht paradoxerweise gerade in der sozialen (Fremd-)Verortung der Befragten als ältere Menschen. Genauer gesagt darin, alle Antworten ausschließlich als Aussagen von älteren Menschen zu interpretieren. Dabei wird übersehen, dass Alter bei Weitem nicht die einzige soziale Klassifizierung darstellt, der 2 An dieser Stelle danken wir den Freiwilligenorganisationen für die Vermittlung von Interviewpersonen und den Befragten für ihre Beteiligung und Auskunftsbereitschaft. Sowohl die Namen der Freiwilligen und der Organisationen als auch Ortsnamen sind anonymisiert, um die Persönlichkeitsrechte der Interviewpartner*innen zu wahren. 248 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie sich ältere Menschen zurechnen und auf deren Basis sie sich äußern. Wenn wir die Transkripte mit einem age-blind-Blick (Heinrichsmeier 2018: 46) lesen, dann fällt auf, dass altersbezogene sprachliche Markierungen in großer Mehrheit erst im späteren Verlauf der Interviews mit der Frage zur Zugehörigkeit der altersbedingten Mitgliedschaft in der Risikogruppe auftauchen. In unserer Befragung äußern sich die Interviewten ebenfalls als Freiwillige und Organisationsmitglieder, aber eben nicht durchgehend als ältere Menschen. Graefe, van Dyk und Lessenich weisen darauf hin, dass einer „gesellschaftlichen Kategorisierung nach Alter“ kaum zu entgehen ist (Graefe/van Dyk/Lessenich 2011: 305). Da wir uns aber gerade für die Selbstverortungen der Befragten interessieren und für ihre Haltung gegenüber der gesellschaftlichen Fremdverortung in die Risikogruppe, ist es umso bedeutsamer, nicht von vornherein anzunehmen, Alter sei die primäre Identitätsquelle, auf deren Basis die Antworten zu interpretieren sind (siehe auch Heinrichsmeier 2018: 46). Anderenfalls würden wir uns der gleichen Kritik aussetzen, welche die Alter(n)sforschung bezüglich der Klassifizierung älterer Menschen allein aufgrund des kalendarischen Alters als Risikogruppe formuliert. 5. Reaktionen der freiwillig Engagierten auf die Einschränkungen des öffentlichen Lebens Im folgenden Teil werden die empirischen Ergebnisse unserer Studie dargestellt. Zunächst werden wir auf das freiwillige Engagement der älteren Freiwilligen eingehen. Dabei wird insbesondere auf die jeweiligen Anpassungen im Engagement fokussiert, die sich bei den Engagierten zu Beginn der Kontaktsperre gezeigt haben. Im Anschluss daran werden wir den Themenbereich der Risikogruppe empirisch näher beleuchten. Die Daten zeigen, dass nahezu alle Befragten in ihren Projekten weiterhin engagiert sind und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Obwohl Veranstaltungen und Sitzungen abgesagt oder verschoben werden, findet das praktizierte Engagement alternative Wege und entwickelt sich an manchen Stellen sogar zu neuen Formen des Engagements. Wir haben in unserem Interviewmaterial vier unterschiedliche Formen der Ver- änderung respektive Anpassung von Engagement herausarbeiten können, die im weiteren Verlauf des Kapitels beschrieben werden: • Anpassungen von Engagement durch Aussetzen • Anpassungen von Engagement durch Online-Formate • Anpassungen von Engagement durch Aufrechterhaltung aus der Distanz • Anpassungen von Engagement durch neue Formate und Formen der Solidarität 249 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Kirchschlager & Störkle, Engagement im Homeoffice? 5.1 Anpassungen von Engagement durch Aussetzen Nahezu alle engagierten Personen berichten in den Interviews über das Aussetzen von Engagement, vor allem zu Beginn der Kontaktbeschränkungen Mitte März. Häufig hat es dabei größere öffentliche Veranstaltungen getroffen, die zunächst abgesagt und dann auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Auch werden viele Teamsitzungen, Generalversammlungen und Meetings als erste Reaktion auf die neue Situation abgesagt oder verschoben. Gleiches gilt für einige Aktivitäten mit älteren Menschen, welche direkte Begegnungen und Kontakte beinhalten. Begründet werden diese Schritte in erster Linie mit den vom Schweizerischen Bundesamt für Gesundheit (BAG) kommunizierten Schutzmaßnahmen und der Kontaktsperre. Das Material zeigt zudem deutlich, dass alle interviewten Personen das Aussetzen ihrer Engagementform als temporäre Ausnahmesituation einordnen. An keiner Stelle finden sich Hinweise darauf, das Engagement aufgrund der neuen Umstände zu überdenken oder ganz damit aufzuhören. Die interviewten Personen machen hingegen an vielen Stellen deutlich, wie sie ihre Engagementtätigkeiten der neuen Situation anpassen und teils nahtlos, teils nach einer kurzen Pause, in anderen Formen weiterführen. 5.2 Anpassen von Engagement durch Online-Formate Unsere Daten illustrieren, dass die Engagierten alternative Wege für eine Aufrechterhaltung der Engagementtätigkeiten finden. Am deutlichsten zeigt sich dies bei der Durchführung von Teamsitzungen und Besprechungen. Viele Befragte berichten davon, dass sie insbesondere Arbeitssitzungen und Meetings in Form von Telefon- oder Videokonferenzen mit Skype, Zoom oder Teams weiter durchführen. Für einige Freiwillige scheint diese Umstellung unproblematisch: Ihre Arbeitsgruppen stellen wie selbstverständlich von physischen auf digital vermittelte Online-Formate (OF) um und arbeiten einfach weiter. So beschreibt es beispielsweise Int. 8: Und in den beiden Projekten, in denen ich engagiert bin, hat man sich einfach auf schriftliche Kommunikation, auf Telefongespräche und auf Videokonferenzen verlegt und das, also von daher hat es eigentlich keine Einschränkung gegeben von der Aktivität (Int. 8, Z. 118–122). Die rasche und zumeist problemlose Umstellung auf OF bei einigen der älteren Freiwilligen illustriert, mit welcher Form von freiwilligem Engagement wir es hier zu tun haben: Es sind gut organisierte, sehr professionell arbeitende, höher qualifizierte und technisch versierte Engagierte, die einen Großteil ihrer freiwilligen Tätigkeiten mit Projektarbeit und Arbeitsgruppensitzungen verbringen (Kirchschlager/Störkle 2019). Bei diesen Freiwilligen finden sich keine Hinweise, die das praktizierte Engagement in OF grundsätzlich problematisieren. Es wird vielmehr als etwas Selbstverständliches beschrieben, was nun eben alle tun. Die digitalen Sitzungen werden teilweise auch als Vorteil wahrgenommen, nicht mehr so 250 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie viel zu physischen Sitzungen anreisen zu müssen. In der praktizierten Weiterarbeit an Freiwilligen-Projekten im Homeoffice lassen sich zudem einige Parallelen zur Arbeitswelt erkennen, an der man sich stark zu orientieren scheint. Ähnlich zu Beobachtungen aus der Berufswelt sind es auch in unserer Studie meist bessergestellte und höher qualifizierte Personen, die ihre Tätigkeiten zu Beginn der Pandemie relativ problemlos digital und im Homeoffice weiterführen können. Andere Freiwillige tun sich schwerer mit digitalen Formaten der Zusammenkunft und brauchen dafür etwas Anlaufzeit, insbesondere bei der technischen Umsetzung und der anderen Kommunikationsform (bspw. beim Wechsel von Redebeiträgen in Zoom-Konferenzen). Zudem wird betont, dass sich bestimmte physische Treffen nicht so leicht durch digitale Formate ersetzen lassen. Der persönliche Face-to- Face-Kontakt mit anderen wird als wertvolle Komponente des Engagements hervorgehoben und die Umstellung auf OF als bedauernswerten, aber notwendigen Schritt beschrieben. Es wird deutlich, dass OF für das freiwillige Engagement älterer Menschen in unserem Sample durchaus vorrausetzungsvoll sind, es aber stark von den Tätigkeiten, technischen Fertigkeiten sowie der Zielgruppe der freiwilligen Tätigkeiten abhängt, ob sie diese Anforderungen bewältigen. OF sind insbesondere für solche Formen des freiwilligen Engagements wertvoll, deren Haupttätigkeiten in der Durchführung von Projekt- und Arbeitsgruppensitzungen liegen. Dennoch zeigen sich auch hier Unterschiede in der digitalen Kompetenz der Engagierten. Während einige der älteren Engagierten diese Kompetenzen bereits aus dem Berufsleben kennen und sich nun wie selbstverständlich weitere Programme aneignen, müssen andere erst einmal lernen, mit den technischen Neuerungen überhaupt umzugehen. Das heißt, es existiert ein digital-gap in unserem Sample, der allerdings nicht per se mit dem Alter der Engagierten zusammenhängt, sondern mit dem sozioökonomischen Status und den technischen Fertigkeiten der Befragten. Somit kann auch für unser Sample die Feststellung von Tesch-Römer u. a. unterstrichen werden, dass soziale Unterschiede lebenslang wirksam sind und Menschen bis ins hohe Alter hinein prägen können (Tesch-Römer u. a. 2020: 1). 5.3 Anpassungen von Engagement durch Aufrechterhaltung aus der Distanz Neben den OF haben wir noch andere Formen der Anpassungen identifizieren können. Diese zeigen sich bei Engagementformen, die mit Aktivitäten und Begegnungen mit älteren Menschen verbunden sind (Besuchsdienste, Gymnastik für Senior*innen, Nachbarschaftshilfe). Da viele Freiwillige bei dieser Engagementform selbst zur Risikogruppe 65 plus gehören und physische Begegnungen somit nicht stattfinden können, spielt dabei das schlichte Aufrechterhalten von Kontakten aus der Distanz eine entscheidende Rolle. So halten die Engagierten mit alleinlebenden älteren Personen beispielsweise regelmäßige Telefon- oder 251 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Kirchschlager & Störkle, Engagement im Homeoffice? Briefkontakte, anstatt sie zu Hause zu besuchen. Bei den Nachbarschaftshilfen haben sich auch systematische Telefonketten etabliert, um die Besuchsdienste zu kompensieren und Kontakt zu Hochbetagten im Quartier zu erhalten. In manchen Fällen wird uns auch von gelegentlichen Kurzbesuchen mit dem nötigen „Sicherheitsabstand“ am Fenster oder auf dem Balkon berichtet. Um sicherzugehen, dass sich ihre Kursteilnehmenden auch während der Kontaktsperre zu Hause regelmä- ßig bewegen, ruft Int. 4 (sie gibt Gymnastikkurse für Senior*innen) bei ihnen zu Hause an. In folgender Passage beschreibt sie, wie sie Senior*innen telefonisch auf Sportsendungen im Fernsehen hinweist, bei denen man mitmachen kann: Und dann habe ich die Leute natürlich auch informiert, dass die im Fernsehen, im Tele1, Tele1 hat ja jetzt immer für die Senioren aktiv zu Hause. Und ich habe so viele Rückmeldungen, dass sie wirklich das Turnen gemacht haben. Das kam immer am Morgen, Montag bis Freitag um Zehn, für 30 Minuten. Also ich habe, gut, viele sagten, es ist dann schon nicht das Gleiche, wie wenn man in der Halle richtig, also miteinander turnt, aber trotzdem, viele haben dort mitgemacht (Int. 4, Z. 474–483). Im Vergleich zu den Beobachtungen, die wir bei den OF gemacht haben, geht es bei dieser Form des Engagements nicht darum, sich mit anderen zu treffen, um Projekte oder sonstige Aufgaben zu besprechen. Bei dieser Form des Engagements ist die Begegnung respektive der Kontakt ein wesentlicher Teil der freiwilligen Tätigkeit, der auch auf Distanz aufrechterhalten wird. Dennoch zeugen solche Maßnahmen eher von provisorischem Charakter, da sie physische Begegnungen nur bedingt ersetzen können. So zeichnet es beispielsweise Besuchsdienste gerade aus, dass jemand zu alleinlebenden älteren Menschen nach Hause kommt und sich mit ihnen vor Ort unterhält. Trotz allem wird an vielen Stellen die hohe Bedeutung des Aufrechterhaltens von Kontakten aus der Distanz betont; insbesondere bei alleinlebenden Hochbetagten, die aufgrund der Kontaktsperre Gefahr laufen, ohne Sozialkontakte in ihren Wohnungen zu vereinsamen oder sich nicht ausreichend zu bewegen. Bemerkenswert ist zudem, dass bei dieser Form von Engagement digitale Formen der Kontaktaufnahme kaum zum Zuge kommen. Es dominieren „klassische Formen“ wie Telefon und Schriftverkehr, die als geeignetere Formen der Kommunikation mit hochbetagten Menschen betrachtet werden. 5.4 Anpassungen von Engagement durch neue Formate und Formen der Solidarität Weiter enthalten die Interviews Verweise auf neue Formate und Formen der Solidarität. Dabei sind in erster Linie neue Organisationsformen der Freiwilligenarbeit gemeint, die aufgrund der coronabedingten Anpassungen entstanden sind und sich bei den Engagierten etabliert haben. Von einer beispielhaften Anpassung von Engagement haben wir im Bereich der Nachbarschaftshilfen erfahren. Auch 252 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie dort gehören die meisten Freiwilligen der Altersgruppe 65 plus an und eine Vielzahl von Besuchs-, Essens- und Einkaufsdiensten im Quartier können plötzlich nicht mehr durchgeführt werden. Hier ist es dem Organisationsteam gelungen, innerhalb von kurzer Zeit einen großen Pool an jüngeren Freiwilligen zwischen 18 und 40 Jahren zu rekrutieren, um die Nachbarschaftshilfe wieder in Gang zu bringen. Schwierigkeiten, die jüngeren Freiwilligen anzuwerben, gibt es keine, das Gegenteil ist der Fall. Viele jüngere Menschen verfügen aufgrund von coronabedingter Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder Homeoffice über mehr freie Zeit, die sie sinnvoll nutzen möchten. So haben sich während der Kontaktsperre sehr viele jüngere Freiwillige aus eigenem Antrieb bei den Nachbarschaftshilfen gemeldet. Int. 2 beschreibt in folgenden Passagen die Anpassungen in der Nachbarschaftshilfe: Also mussten wir aus dem Boden stampfen junge Freiwillige, die nicht zu der Risikogruppe gehören und die zu all unseren alten Leuten zum Einkaufen gehen, Medikamententransport, zum Beispiel regelmäßige Telefonanrufe, dass die nicht völlig vereinsamen und das haben wir dann geschafft, innerhalb von zwei Wochen haben wir 400 Helfer und 450 Leute, die Unterstützung geben, gehabt (Int. 2, Z. 18–24). So haben sich aufgrund der plötzlich eintretenden Notlage innerhalb von kürzester Zeit neue, spontane Formen der Generationensolidarität entwickelt und dies aus ganz unterschiedlichen Motiven. Um diese Dienste weiterhin flächendeckend anbieten zu können, wird nun auch zukünftig auf den vermehrten Einbezug von jüngeren Freiwilligen gesetzt. Dabei wird bereits beobachtet, dass einige nach ihrem Einsatz in der Nachbarschaftshilfe „hängen bleiben“ und sich dort weiterhin engagieren. Darüber hinaus werden an einigen Stellen auch praktische Neuerungen in der Organisation des Engagements erwähnt: So werden die Einsätze mit den jüngeren Freiwilligen konsequent über WhatsApp-Chatgruppen koordiniert. Des Weiteren hat eine Nachbarschaftshilfe im Zuge der coronabedingten Umstellungen ein eigenes Bezahlsystem mit Supermarktkarten entwickelt, die einen bargeldlosen Einkaufsdienst für die älteren Menschen im Quartier ermöglichen. Eine andere Neuausrichtung ist im Bereich der Gestaltung/Konzeption von Veranstaltungen zu beobachten. Am Beispiel einer abgesagten Veranstaltung zu einem altersspezifischen Thema hat sich gezeigt, wie durch eine alternative Konzeption neue Chancen entstehen, ein Thema für die öffentliche Diskussion aufzubereiten. So wurden daraus drei unterschiedlichen Formate entwickelt, um mit der Thematik in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten: eine virtuelle Variante der Veranstaltung, eine Online-Publikation mit den wichtigsten Statements sowie ein Radiobeitrag, der auch als Podcast verfügbar ist. Int. 1 fasst diese Chancen wie folgt zusammen: 253 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Kirchschlager & Störkle, Engagement im Homeoffice? Also das heißt, eigentlich ist diese Corona-Geschichte jetzt in diesem Fall eine große Herausforderung. Auch neu zu denken, auch Wege zu suchen. Nicht einfach, das jetzt halt abzusagen, haben wir wirklich etwas anzubieten, was ein Ersatz sein kann. […] Das ist so, ja also, was hat Corona auf dieses Projekt für einen Einfluss, man musste es absagen, aber es eröffnet neue Chancen eigentlich auch (Int. 1, Z. 260–267). 6. Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe und der Umgang mit Social Distancing 6.1 Zur Positionierung in der Risikogruppe In den Interviews wurden die Freiwilligen eingeladen, sich zu ihrer altersbezogenen Zugehörigkeit in einer Risikogruppe zu äußern. Das Thema wurde in allen Interviews in einem vergleichbaren Wortlaut wie folgt eingeführt: Interviewer: Jetzt würde ich noch gerne etwas anderes wissen und zwar, gemäß dem BAG zählen ja Menschen ab 65 zu den besonders gefährdeten Personen in dieser ganzen Zeit. Jetzt bist du ja selbst auch schon pensioniert und auch schon in dieser Gruppe und jetzt würde ich einfach mal gerne wissen, was für einen Einfluss hat das jetzt eigentlich auf dich, auf deinen Alltag persönlich und doch jetzt auch auf dein Engagement, kannst du da schon etwas sagen? Bereits eine kursorische Durchsicht verdeutlichte, dass die Frage im Interview als sensibel oder heikel behandelt wird. Dafür gibt es unterschiedliche Belege. Bereits in der Frage wird das Thema als potenziell heikel eingeführt. Oben deutet sich dies exemplarisch in der Formulierung „jetzt würde ich einfach mal gerne wissen“ an. In den Antworten finden sich beispielsweise Verzögerungen in Form von Überbrückungssignalen wie Pausen, Lachpartikel oder Rezeptionssignalen am Beginn der Antworten. Eine Person versichert sich am Ende ihrer Äußerung, ob sie die Frage beantworten konnte. Ein weiterer Interviewpartner reagiert zunächst mit einer Gegenfrage und stellt die Relevanz des Themas infrage, um auf diese Weise nicht antworten zu müssen. Die Rahmung der Zugehörigkeit zur Risikogruppe als heikles oder sensibles Thema ist demnach co-konstruiert. Die Interviewten weisen an unterschiedlichen Stellen darauf hin, dass sie sich stets an die Vorgaben des BAG gehalten haben und zwar unabhängig davon, wie sie ihre Zugehörigkeit bewerten. Diese Äußerungen verweisen auf soziale Implikationen im Umgang mit den Vorgaben für Angehörige der Risikogruppen. In der öffentlichen Kommunikation wurde betont, dass die Vorgaben nicht allein dem Schutz der Risikogruppen dienen, sondern gesamtgesellschaftlich einer Überlastung der Krankenhäuser und des Gesundheitssystems vorbeugen. Indem die Befragten angeben, sich an die Vorgaben zu halten, zeigen sie sich als solidarisch gegenüber der Allgemeinheit und beugen dem Vorwurf vor, unverantwortlich zu handeln. 254 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Aufgrund der sozialen Implikationen im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zur Risikogruppe haben wir bei der Analyse die Art und Weise, wie die Befragten sich äußern, viel stärker in die Analyse einbezogen, als bei den Fragen zum Engagement, bei dem die Interviews vor allem der Informationsgewinnung dienten. Selbstauskünfte zur Mitgliedschaft in sozialen Kategorien und Identitätsfragen sind eng miteinander verknüpft. Ein Weg, unerwünschte Schlussfolgerungen über die eigene Person zu vermeiden, besteht darin, die unterstellte Zugehörigkeit zu relativieren oder die soziale Kategorie zu modifizieren (Widdicombe 2017: 460). Für die Befragten ist ihre Zugehörigkeit zur Risikogruppe, anders als vom BAG und in den Medien kommuniziert, nicht allein mit dem kalendarischen Alter verbunden. Auffällig sind Angaben, die Rückschlüsse auf das funktionale Alter, das heißt auf die physiologische und/oder psychische Verfasstheit, erlauben. Befragte, die von keinen physiologischen Einschränkungen berichten, unterstreichen ihre gute Gesundheit mit Extremformulierungen („absolut gesund“, Int. 3), („ich fühle mich sehr fit“, Int. 9) oder sie stellen sie als einen Ausnahmefall dar („gottseidank in der glücklichen Lage“, Int. 1): Also, ist noch schwer zu sagen. Ich finde, ja also, es ist so gewöhnungsbedürftig, sag ich jetzt mal. Weil, ich bin eine Person, ich vergesse mein Alter. Weil, ich bin gottseidank in der glücklichen Lage, dass ich mich nicht unbedingt damit befassen muss. Es sei denn eben, indem ich mitdiskutiere, aber so jetzt für mich als Person, ich kann machen, was ich will, oder? Ich bin nicht eingeschränkt durch dieses Alter (Int. 1, Z. 321–325). Ja, also @haha@. Die Tatsache, dass ich zu dieser Risikogruppe gehöre, das macht mich vorsichtig, ich habe keine Vorerkrankungen, ich bin absolut gesund, mindestens soweit ich weiß und ich bin auch nicht ängstlich (Int. 3, Z. 351–356). Ja, also ich denke, ich persönlich, ich fühle mich sehr fit. Und ich habe das als einen schrecklichen Stempel empfunden, dass man einfach zur Risikogruppe per Definition gehört. […] Ich habe kein Übergewicht und ich rauche nicht, aber ich trinke gern ein Glas Wein, aber sonst habe ich da keine Risiken gesehen (Int. 9, Z. 215–217). Damit relativieren sie ihre Zugehörigkeit zur Kategorie Alter, genauer gesagt die damit assoziierten negativen Altersbilder, bei denen Alter(n) automatisch mit körperlichen Einschränkungen verbunden ist. Auf diese Weise plausibilisieren sie ihre Haltung zur Risikogruppe, die als „gewöhnungsbedürftig“ (Int. 1) markiert wird, die zur Vorsicht gemahnt (Int. 3) oder rundherum abgelehnt wird (Int. 9). Im Unterschied dazu stehen Begründungen, welche die Einhaltung der Regelungen aufgrund von Vorerkrankungen begründen: 255 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Kirchschlager & Störkle, Engagement im Homeoffice? [Int.: Jetzt sind Sie auch schon pensioniert, oder?] Ich werde 80, ja. [Int.: Genau, und gehören eben auch zu dieser Personengruppe.] Ja, ja. Und zwar doppelt. Ich habe im Blut ein Problem, wogegen ich jeden Tag Chemotabletten nehmen muss. Also, ich bin freiwillig wirklich zu Hause geblieben. Weil mein Immunsystem nicht gerade gut ist, aber es geht mir gut, es geht mir trotzdem gut (Int. 5, Z. 150–155). Ich selber mit 74, ich habe auch schon Vorerkrankungen und ich habe ein sehr schwaches Immunsystem und habe mich dementsprechend auch wirklich sehr schnell @räuspern@, sehr schnell daran gehalten (Int. 7, Z. 353–358). Auffällig ist hier die Überbetonung der Einhaltung „freiwillig wirklich“ (Int. 5) und „wirklich sehr schnell“ (Int. 7). Mit dieser eigentlich unnötig erscheinenden Betonung unterstreichen sie paradoxerweise, dass sie sich keinesfalls allein aufgrund ihres kalendarischen Alters an die Regelungen halten. In allen Fällen wird das Alter in Beziehung zur Gesundheit/Krankheit gesetzt. Studien zeigen, dass diese Unterscheidung in gesundheitsbezogenen Settings und Forschungsinterviews von älteren Menschen regelmäßig als kommunikative Ressource herangezogen wird, mit der sich die Befragten in einer bestimmten Weise positionieren. Und zwar entweder, um mit dem fortschreitenden Alter gesundheitliche Probleme zu begründen (und nicht etwa aufgrund ihres Verhaltens), oder aber, indem die gute Gesundheit angeführt wird, um sich als nicht alt im stereotypen Sinne zu positionieren (Heinrichsmeier 2018: 46). In unserem Material dient die Unterscheidung Gesundheit/Krankheit als Ressource für die Positionierung zur Risikogruppe und für den Entwurf eines stimmigen Selbstbilds in Kontrast zur pauschalen Zugehörigkeit aufgrund des kalendarischen Alters. 6.2 Der Umgang mit Social Distancing Weitere Aspekte, welche die Interviewpartner*innen ansprechen, stehen im Zusammenhang mit den Konsequenzen des Social Distancing. Die Vermeidung von sozialen Kontakten im Modus der Kopräsenz jeglicher Art bzw. der geforderte Abstand bis hin zum Verzicht auf Besorgungen des alltäglichen Gebrauchs haben einen erheblichen Effekt auf die soziale und kommunikative Beziehungspflege der Befragten. Dazu gehören in absteigender Relevanz das engere familiäre Umfeld (Partner*innen im eigenen Haushalt, (Enkel-)Kinder und Eltern), das soziale Umfeld (Freund*innen und Freizeit) sowie Begegnungen mit Mitmenschen. Das Social Distancing veranlasst ältere Menschen, neue Formen der Beziehungspflege in ihrem sozialen Netzwerk zu finden und zur Anpassung ihres Verhaltens im öffentlichen Raum. Nicht alle bewerten diese Veränderungen negativ bzw. sie erleben Formen, welche die Beziehungen durchaus positiv beeinflussen. Häufig wurde hier der kommunikative Austausch in der Familie angeführt: 256 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Es war süß, meine Enkelkinder haben mehr Post geschickt, einfach neben den elektronischen Medien, da bekam ich plötzlich lustige Karten oder Briefe. Und da stand mehr als einmal drin, also ich habe eine Enkeltochter, die ist in der vierten Klasse und eine in der ersten Klasse, sogar die Erstklässlerin schrieb, ich möchte dich gerne wieder mal sehen. Das war also wirklich ganz süß. Oder ein andermal, wahrscheinlich, weil sie davon geredet haben, schrieb sie, hoffentlich wirst du nicht krank (Int. 6, Z. 400–408). Die Befragten vermissen zwar die Besuche und die damit verbundene persönliche und körperliche Nähe. An ihre Stelle treten Online-Begegnungen, Telefonate und Briefe mit den nächsten Angehörigen. Vereinzelt erhöht sich sogar die Frequenz des Kontakts. Bezüglich des Verhaltens im öffentlichen Raum gaben die Befragten an, dass sie und ihr*e Partner*innen sich sowohl gemeinsam als auch in gleicher Weise an die geltenden Regeln und Empfehlungen halten. Dies gilt selbst für eine Pensionierte, die mit 64 Jahren formal noch nicht zur Risikogruppe gehört und auch hätte einkaufen gehen können. Ich habe es eigentlich gleich gehandhabt, mein Partner ist, gehört zur Risikogruppe und wir haben das beide eigentlich gleich gehandhabt und man ist schon halt viel mehr zu Hause geblieben. Es ist, ähm, wir haben auch geschaut, dass jemand für uns einkaufen geht und wir das einfach mal auch durchstehen wollen, obwohl ich das vielleicht noch hätte machen können. Aber wir haben das bewusst gemacht (Int. 6, Z. 321–326). Nicht nur in der Partnerschaft wird das Thema diskutiert und es muss eine Abstimmung gefunden werden, auch von einer Neujustierung der Rechte und Pflichten zwischen den Befragten als Eltern und den erwachsenen Kindern ist mehrfach die Rede. Nach ihren Erlebnissen beim Einkaufen gefragt, antwortet eine Befragte: Ich bin eben nie gegangen. Unsere Tochter hat absolut nicht mehr gewollt, dass wir gehen, und sie hat das dann übernommen (Int. 7, Z. 439–441). Die Formulierung „absolut nicht mehr gewollt“ hebt die Vehemenz, mit der die Tochter ihren Standpunkt vertreten hat, hervor. Auffällig ist zudem, dass die Interviewte eine Bewertung dieser Haltung sowie ihre eigene Haltung dazu hier außen vor lässt. Eine andere deutlich kritischere Position wird bei dem Thema im folgenden Ausschnitt ersichtlich: Was ich gemerkt habe, dass teilweise Kinder, dass die ernster genommen haben den Eltern gegenüber. Als den Eltern quasi verboten haben, auszugehen, einkaufen zu gehen. Wir haben uns beschränkt, wir sind einmal in der Woche einkaufen gegangen, aber zu einer Randzeit oder irgendwie über Mittag, als das nicht gestört hat (Int. 9, Z. 224–229). 257 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Kirchschlager & Störkle, Engagement im Homeoffice? Während im ersten Teil der Interviews das Einkaufengehen durchweg positiv besetzt war, zum Beispiel mit der Hilfsbereitschaft der Jüngeren und der Leistungsfähigkeit der Freiwilligenorganisationen im Altersbereich, zeigt sich im zweiten Interviewteil ein differenziertes Bild. In Int. 9 wird kritisiert, dass es (erwachsene) Kinder gibt, die ihre Rechte und auch Pflichten gegenüber den (erwachsenen) Eltern klar überschreiten, indem sie ihnen „quasi verbieten“, alltägliche Besorgungen zu machen. In derartigen Grenzüberschreitungen sieht Kessler die Gefahr, in alte Stereotype über das Alter(n) zurückzufallen. Kulturell sei die Vorstellung, dass ältere Menschen hilfsbedürftig sind, weiterhin „tief verankert“ (Kessler 2020). Instrumentelle Unterstützung durch Familienmitglieder, wie beispielsweise Besorgungen erledigen, kann zudem negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden älterer Menschen haben, sofern es ihre Autonomie untergräbt (Huxhold/Engstler/Klaus 2020: 2). Mit der zeitlichen Verortung des Einkaufengehens in eine „Randzeit“, bei der der Aufenthalt im Geschäft „nicht gestört“ hat, wird zudem deutlich, dass nicht nur soziale Beziehungen im näheren sozialen Umfeld zum Teil neu austariert werden müssen. Im Material finden sich mehrere Berichte, dass die Befragten oder Gleichaltrige unter Nachbar*innen und im öffentlichen sozialen Verkehr anders als zuvor wahrgenommen werden und sich zum Teil anders behandelt fühlen. Dies wird sowohl positiv als auch negativ konnotiert. Wie im Ausschnitt anklingt, beugen manche Befragte dem vor, indem sie sich abseits der frequentierten Wege im Stadtviertel bewegen, sich in der Natur aufhalten oder zu Randzeiten das Haus verlassen. Die Haltung gegenüber dieser wahrgenommenen Veränderung im sozialen Miteinander ist nicht einheitlich. Es findet sich sowohl Verständnis gegenüber dem, in diesen Fällen mit Sorge und Rücksichtnahme in Verbindung gebrachtem Verhalten anderer als auch eine deutliche Kritik, die sich auch als Gesellschaftskritik äußert, wie das letzte Beispiel aus dem Material zeigt: Ich bin zehn Jahre älter wie die 65-Jährigen, aber ich finde es diskriminierend, dass man anhand von einer Zahl entmündigt wird. Und das sind wir geworden. Nur weil wir so alt sind, nicht, weil wir unfähig sind, nicht. Aber was denkt die junge Gesellschaft über Leute, die man entmündigen muss. Also, wir müssen nach Außen treten und sagen, uns muss man nicht entmündigen. Wir können, wir haben bisher unser Leben im Griff gehabt, wir haben es weiterhin im Griff (Int. 7, Z. 495–501). Der letzte Interviewausschnitt verdeutlicht exemplarisch, dass die Befragten auch in der Pandemie als aktive und autonome Gesellschaftsmitglieder wahrgenommen werden wollen, die auch in anderen Lebensbereichen verantwortlich handeln, eine eigene Risikoeinschätzung vornehmen und sich an die Regeln des Social Distancing halten. Die Aufrechterhaltung eines biografischen Selbstkonzepts als aktive und engagierte Gesellschaftsmitglieder ist insofern für das freiwillige Engagement bedeutsam, da es der Gefahr eines verlustorientierten Altersbilds entgegenwirkt. Dieses wiederum 258 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie könnte zum Ausstieg aus dem Engagement führen, da sie sich verletzlicher und vulnerabler fühlen, als sie es tatsächlich sind (siehe auch Kessler 2020). Altersbezogene Abbruchgründe könnten daher in Zukunft zunehmen. Wie der jüngste Schweizerische Freiwilligen-Monitor für das Jahr 2019 feststellt, sind „Alter“ und „gesundheitliche Gründe“ schon jetzt zu 19 bzw. 13 Prozent aller Fälle für die Beendigung des freiwilligen Engagements verantwortlich (Lamprecht/Fischer/Stamm 2020: 100). 7. Einordnung der Ergebnisse Im Folgenden werden die Ergebnisse gebündelt zusammengefasst und mögliche Implikationen für das zukünftige Engagement älterer Menschen als Angehörige einer vulnerablen Gruppe skizziert. • Die Befragten und ihre Mitstreiter*innen sind auch während der Kontaktsperre weiterhin engagiert, indem sie auf digitale und fernmündliche Formen der Zusammenarbeit bei der Organisation des freiwilligen Engagements in ihren Vereinen und Initiativen umstellen. • Das Ausbleiben der älteren Engagierten im Bereich der Nachbarschaftshilfe konnte durch das spontane Engagement jüngerer Freiwilliger in kurzer Zeit kompensiert werden. Hier zeigt sich eine durch die Pandemie ausgelöste Stärkung der Solidarität zwischen den Generationen. • Als Vertreter*innen ihrer Organisationen übernehmen die Befragten Verantwortung, indem sie weiterhin untereinander sowie mit ihrer ebenfalls älteren Zielgruppe Kontakt halten. Zugleich zeigen sie Verständnis für die Kontaktsperre, welche das vielfältige Angebot an Veranstaltungen, Kursen und Besuchsdiensten im Alterssektor erheblich reduziert hat. • Der Kategorisierung Risikogruppe stehen die Befragten kritisch und ambivalent gegenüber. Erstens widersprechen die damit verbundenen Assoziationen ihrem Selbstbild und dem praktizierten Engagement. Zweitens zwingt das Social Distancing zum räumlichen Rückzug ins Private. Drittens sind sie angehalten, ihr Tun im sozialen Miteinander anderen gegenüber zu rechtfertigen. • Die Befragten haben für sich eine individuelle Risikoeinschätzung vorgenommen, die sich bei Weitem nicht allein am kalendarischen Alter orientiert, sondern gesundheitliche und soziale Erwägungen miteinbezieht. Dies zeigt bereits im Ansatz die Heterogenität der Lebensentwürfe und unterschiedlichen sozialen Konstellationen älterer Menschen. Unsere Ergebnisse stellen eine Momentaufnahme in einer höchst dynamischen Situation dar. Zum Erhebungszeitpunkt galt in der Schweiz eine Kontaktsperre, erste Lockerungen waren bereits in Sicht und die Befragten blickten zumeist optimistisch in die Zukunft. Lockerungen bringen jedoch weitere Herausforderungen 259 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Kirchschlager & Störkle, Engagement im Homeoffice? mit sich, wie etwa das Tragen von Masken, die Einhaltung von Mindestabständen oder die Reduzierung der Teilnehmendenzahl bei Veranstaltungen. Unsere Interviews zeigen, dass die Befragten über ein breites Handlungsrepertoire verfügen, um mit den damaligen bzw. kommenden Widrigkeiten und Belastungen der Pandemie umzugehen. Ihr Wille, sich weiterhin zu engagieren, ist trotz der Bereitschaft zur Mitwirkung an der Eindämmung der Pandemie ungebremst. Jetzt kommt es darauf an, dass sie wieder stärker in ihrer Rolle als kompetente Mitglieder zivilgesellschaftlicher Organisationen agieren können. Zivilgesellschaftliche Organisationen von und für Menschen im höheren und hohem Alter sind wichtige Akteure, die negativen Altersstereotypen entgegentreten und ein stärkeres Mitspracherecht einfordern können. Es besteht allerdings auch weiterhin die Gefahr von einem überzeichneten Altersbild, beispielsweise wenn der Eindruck entsteht, Senior*innen würden mühelos auf digitale Formen der Kommunikation wechseln (Kessler/Gellert 2020: 3). Hingegen konnte unsere Studie exemplarisch belegen, dass ältere Menschen auch im Umgang mit der Krise und als Angehörige der Risikogruppe je nach gesundheitlicher Disposition und ihrer je individuellen biografischen Situation divers bleiben und entsprechend wahrgenommen und behandelt werden sollten. Literaturverzeichnis BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2005): Fünfter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft – Der Beitrag älterer Menschen zum Zusammenhalt der Generationen, Berlin. BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2010): Sechster Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland – Altersbilder in der Gesellschaft, Berlin. Bogner, Alexander und Wolfgang Menz (2001): „Deutungswissen“ und Interaktion. Zu Methodologie und Methodik des theoriegenerierenden Experteninterviews, in: Soziale Welt, 52. 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Abstract

The social engagement of elderly people has changed abruptly due to the corona pandemic. This article focuses on the results of a qualitative interview study conducted on people aged 65+ in the German-speaking part of Switzerland. The study examines the impact of the corona pandemic on the social engagement of interviewees as well as the effect on their personal lives as members of an at-risk group. The study reconstructs how the respondents shape their lives and find ways to continue their social engagement from a distance during the pandemic. In particular, the aspect of feeling fit, healthy, and active while belonging to a vulnerable group remains ambivalent for respondents.

Zusammenfassung

Die Corona-Pandemie hat das zivilgesellschaftliche Engagement von Menschen im höheren Lebensalter schlagartig und bis auf Weiteres einschneidend verändert. Der Beitrag stellt die Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie in der Deutschschweiz ins Zentrum, die sich mit den unmittelbaren Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Engagement von Menschen im höheren Lebensalter (65 plus) sowie auf deren persönliche Lebenssituation als Angehörige einer Risikogruppe beschäftigt. Die Studie zeigt, wie die Befragten ihr Leben auch während der Pandemie aktiv gestalten und Wege finden, ihr Engagement aus der Distanz heraus fortzuführen. Ambivalent in den Erzählungen der Befragten bleibt insbesondere der Aspekt, sich einerseits fit, gesund und aktiv zu fühlen und andererseits pauschal zur vulnerablen Gruppe zu gehören, die am besten zu Hause bleiben soll.

References
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(10.08.2020).

Zusammenfassung

Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.