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Hartmut Brombach, Freiwilligendienste zwischen staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Selbstorganisation in:

Voluntaris, page 321 - 328

Voluntaris, Volume 8 (2020), Issue 2, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2020-2-321

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321DOI: 10.5771/2196-3886-2020-2-321 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Debatte & Dialog Freiwilligendienste zwischen staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Selbstorganisation Eine fragmentarische Bilanz nach 20 Jahren bei dem freien Träger Internationaler Bund Hartmut Brombach Abteilungsleiter a. D. Freiwilligendienste und Bürgerschaftliches Engagement beim Internationalen Bund | Mitherausgeber von Voluntaris | Hartmut.Brombach@voluntaris.de Schlagwörter: Trägerprinzip/Subsidiaritätsprinzip, Umsatzsteuer, Politische Bildung, Dienstpflicht, Partizipation Keywords: subsidiarity principle, sales tax, education for democratic citizenship, military duty, participation Am Donnerstag, den 25. Juni 2020, war nach fast genau 20 Jahren mein letzter Arbeitstag beim Internationalen Bund (IB). Für die Jüngeren: Das ist länger als die Regierungszeit von Angela Merkel, für die Älteren: länger als die Regierungszeit Helmut Kohls und für die ganz Alten: auch länger als die Regierungszeit von Konrad Adenauer (die sozialdemokratischen Intermezzi können an dieser Stelle unerwähnt bleiben). In dieser Zeit war ich in der Zentralen Geschäftsführung (ZGF) des IB für die Freiwilligendienste dieses Verbandes verantwortlich, die meiste Zeit als Referent, in den letzten Jahren, nachdem sich der Arbeitsbereich erheblich ausgeweitet hatte und die Teilnahmezahlen in den Freiwilligendiensten stark angestiegen waren, als Referats-, danach als Fachbereichs- und schließlich als Abteilungsleiter. Einige Ereignisse aus dieser Zeit sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Darauf möchte ich im Folgenden eingehen und zum Schluss eine politische Bewertung der Freiwilligendienste in Deutschland versuchen. Freiwilligendienste und Umsatzsteuer – ein Evergreen Nahezu seit Beginn meiner Tätigkeit in den Freiwilligendiensten hat mich das Thema „Umsatzsteuer“ begleitet. Dank der DRK Volunta gGmbH, die erfolgreich gegen die Position der Finanzverwaltungen geklagt hat, und einiger Finanzbehörden, die immer wieder glauben, doch einen Grund gefunden zu haben, Trägern des Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ) die Umsatzsteuer aufbürden zu können, ist die Frage, ob der von den Einsatzstellen an die Träger gezahlte Betrag für die pädagogische Begleitung umsatzsteuerpflichtig ist oder nicht, bis heute nicht abschlie- ßend geklärt.1 1 Das Urteil des Hessischen Finanzgerichts, demzufolge diese Zahlung nicht umsatzsteuerpflichtig ist, ist inzwischen vom Bundesfinanzhof für das FSJ bestätigt worden und damit rechtskräftig. Vergleiche hierzu den Artikel von Christine Orth-Theis in diesem Heft. Freiwilligendienste zwischen Steuerung und Selbstorganisation Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Debatte & Dialog 322 Die schließlich gefundene „Lösung“ des Problems in Form dreiseitiger Verträge zwischen Freiwilligen, Trägern und Einsatzstellen hat die Träger der Freiwilligendienste strukturell benachteiligt, weil sie dadurch formal nicht mehr in der Arbeitgeberfunktion gegenüber den Freiwilligen sind und deshalb auch ihre Position als „Anwalt der Freiwilligen“ geschwächt ist. Von dem gestiegenen bürokratischen Aufwand soll hier weiter keine Rede sein. Das mag für viele Insider „kalter Kaffee“ sein, ich finde es wichtig, sich dies immer vor Augen zu führen und im Gedächtnis zu behalten. Subsidiarität und Trägerprinzip: das Beispiel Bundesfreiwilligendienst Damit komme ich zu einem weiteren Grundsatzthema, das bereits im Zusammenhang mit der Umsatzsteuerfrage auftauchte, mit der Diskussion um die Einführung des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) jedoch an Bedeutung gewonnen hat: Subsidiarität und Trägerprinzip. Historisch betrachtet sind die Freiwilligendienste in Deutschland ein Kind gesellschaftlicher Organisationen und nicht des Staates. Gleichwohl sollte die Bedeutung staatlicher Beteiligung, beginnend mit dem FSJ- Gesetz 1964 und nachfolgend zahlreicher Novellen und Überarbeitungen bis zum Gesetz über den Bundesfreiwilligendienst 2011, nicht unterschätzt werden. Insbesondere durch die öffentliche Förderung von Bund und Ländern haben staatliche Stellen viele Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Gestaltung der Freiwilligendienste. Unmittelbare Beteiligung an den Freiwilligendiensten in Deutschland konnte der Zentralstaat jedoch erst mit der Einführung des BFD erreichen. So sehr dies auch mit dem Aussetzen der allgemeinen Wehrpflicht und damit des Zivildienstes zusammenhing und es gerade die Wohlfahrtsverbände waren (die gleichzeitig auch zu den größten Trägern der Freiwilligendienste gehören), die damals Alarm schlugen, weil ihnen die Zivildienstleistenden fehlen würden (die ja eigentlich ohnehin nur Zusatzaufgaben hätten übernehmen dürfen – Stichwort „Arbeitsmarktneutralität“), so wurde sehr schnell deutlich, dass an eine Ausweitung der gesellschaftlich organisierten Freiwilligendienste in freier Trägerschaft seitens der damals politisch Verantwortlichen nicht gedacht wurde. Diese Position der Bundesregierung hat sich – trotz einer inzwischen anderen parteipolitischen Konstellation – bis heute nicht geändert. Die Forderung der Freiwilligendienste-Träger, die freiwerdenden Mittel aus dem Zivildienst in den Ausbau der (Jugend-)Freiwilligendienste zu stecken, wurde mit dem Hinweis abgelehnt, bei den Jugendfreiwilligendiensten (JFD) handele es sich um „Länderdienste“, in deren Förderung eine Übertragung der Bundesmittel aus verfassungsrechtlichen und haushaltspolitischen Gründen nicht möglich sei. Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Debatte & Dialog 323 Brombach, Freiwilligendienste zwischen Steuerung und Selbstorganisation In diesem Zusammenhang ist festzuhalten: Erst seit Bestehen des BFD ist in Abgrenzung zu diesem Format von „Länderdiensten“ die Rede, wenn von offizieller Stelle über FSJ und Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) gesprochen wird. Das steht jedoch in klarem Gegensatz zu den Tatsachen, dass es 1. mit dem Jugendfreiwilligendienstegesetz (JFDG) ein Bundesgesetz gibt, das die Jugendfreiwilligendienste regelt und das weit mehr als ein Rahmengesetz ist; 2. eine Bundesförderung gibt. Insbesondere in diesem Zusammenhang ist die Rede von „Länderdiensten“ problematisch, da dem Bund der Eingriff in Länderangelegenheiten verfassungsrechtlich nur in klar definierten Fällen erlaubt ist. Der Bundesrechnungshof (BRH) hat ja bereits öfter die Bundesförderung der Freiwilligendienste kritisch angemerkt und sich dabei auf die Länderzuständigkeit in Bildungsfragen bezogen. Ein Kostenübernahmeverbot, wie es auch im Zusammenhang mit der Bundesförderung für Schulen angemahnt wurde, könnte auch in den Freiwilligendiensten als Argument gegen eine weitere Förderung seitens des Bundes angeführt werden. Wenn dem Bund also tatsächlich an einer stabilen „freien“ Trägerstruktur wenigstens in den Jugendfreiwilligendiensten gelegen ist, sollte man hier nicht mit dem Feuer spielen und sich keiner zweideutigen Sprache bedienen! Zusammen mit dem BFD wurde erstmalig in Deutschland mit dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) eine zentrale Bundesbehörde geschaffen, die nicht nur als eigene Zentralstelle für BFD und FSJ fungiert, sondern auch im BFD andere Zentral- und Einsatzstellen zulassen oder ablehnen kann und die außerdem im FSJ Fördermittel vergibt, deren Verwendung prüft und Teilempfänger dieser Mittel ist. Der dieser Struktur immanente Interessenkonflikt wurde von politischer Seite schlichtweg geleugnet und mit dem Hinweis auf getrennte Bereiche innerhalb der Behörde für ausgeschlossen erklärt. Es gab verschiedene Argumente, die zur Begründung für die Schaffung der staatlichen Verwaltung eines neuen Freiwilligendienstes herangezogen wurden: • formaljuristische (Wehrpflicht und Zivildienst sind nur ausgesetzt und können wieder eingesetzt werden, deshalb müssen die Strukturen aufrechterhalten werden), • soziale (viele Mitarbeiter*innen des ehemaligen Bundesamts für Zivildienst und der Zivildienstschulen droht die Arbeitslosigkeit), • politische (viele kleine Organisationen, die freiwillige Arbeit leisten und sich keinem großen Träger anschließen wollen, brauchen eine überverbandliche, quasi neutrale Zentralstelle) und schließlich aus Sicht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Debatte & Dialog 324 • „verwaltungslogische“ (das frühere Bundesamt für den Zivildienst, BAZ, war die einzige nachgeordnete Behörde des BMFSFJ. Seine Auflösung oder Verkleinerung hätte einen Bedeutungsverlust für dieses Ministerium bedeuten können.) Die Diskussion um die Frage BFD oder Ausweitung der Jugendfreiwilligendienste wurde damit beendet, dass man seitens der politisch Verantwortlichen den FSJ- Trägern nahelegte, sich am Aufbau des BFD zu beteiligen, andernfalls würde man die Bundesförderung des FSJ/FÖJ auf den Prüfstand stellen. Von einem Diskurs auf Augenhöhe konnte also keine Rede sein. Was bleibt, ist die Feststellung, dass sich der Zentralstaat eine eigene, ihm unmittelbar zugeordnete Institution geschaffen hat, mit der er direkt in einen genuin zivilgesellschaftlichen Bereich eindringt. Damit wurde das Subsidiaritätsprinzip in diesem Bereich ausgehebelt! Eine aus sowohl historischer wie auch (bis dahin allgemeingültiger) rechtlicher Sicht genuin gesellschaftliche Aufgabe, die Trägerschaft der Freiwilligendienste, wurde zu einem nicht unwesentlichen Teil in die Hände des Zentralstaates gelegt. Leider haben die Vertreter*innen der Wohlfahrtsverbände und Träger in dieser Situation auch nicht gerade Rückgrat bewiesen.2 Politische Bildung im BFD – eine staatliche Aufgabe? Wie weit die unmittelbare Einflussnahme des Staates auf die inhaltliche Gestaltung der Bildungsarbeit im BFD geht, zeigt der Umgang mit dem Thema „politische Bildung“. Im BFD-Gesetz wurde verankert, dass die Freiwilligen mindestens eine Woche politische Bildung absolvieren müssen (§4.4 BFDG). Über die Frage, ob dies an den Bildungszentren des Bundes oder durch den Träger bzw. die „selbstständige Organisationseinheit“, wie es im Amtsdeutsch heißt, geschehen muss, kam es zu heftigen Diskussionen zwischen dem BMFSFJ/BAFzA und Vertreter*innen der Träger. Unter Berufung auf den Beutelsbacher Konsens (Überwältigungsverbot) argumentierten die Vertreter*innen des Bundes, dass politische Bildung im BFD von einer neutralen Instanz durchgeführt werden müsse, was nur durch Bundeseinrichtungen garantiert sei. Die Existenzberechtigung freier Träger in einer pluralistischen Gesellschaft sei aber gerade durch ihre weltanschauliche Orientierung begründet. Daraus folge, dass die von ihnen durchgeführte politische Bildung nicht neutral sein könne. Abgesehen von der fragwürdigen Position, dass staatliche Stellen neutral seien, unterstellt die Auffassung des Bundes, dass weltanschaulich orientierte Organisationen den bei ihnen tätigen Freiwilligen ihre Weltanschauung oktroyieren 2 Über das Verhalten und Verhältnis der freien Träger zum Staat habe ich mich in einem Aufsatz in der Zeitschrift Widersprüche geäußert (Brombach 2010). Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Debatte & Dialog 325 Brombach, Freiwilligendienste zwischen Steuerung und Selbstorganisation würden. Diese Unterstellung entbehrt nicht nur jeglicher Grundlage, sie wäre – selbst wenn dies versucht würde – in der „bunten“ (früher sagte man „pluralistischen“) Gesellschaft gar nicht realisierbar. Der deutsche Soziologe Max Weber hat bereits Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Diskussion um Werturteilsfreiheit darauf hingewiesen, dass Neutralität nicht durch das Vermeiden von Werturteilen, sondern gerade durch deren klares Benennen erreicht werden kann (Weber 1917[1988]: 489-540). Nur so hat der/die andere die Möglichkeit, die Position des Gegenübers zu erkennen und zu bewerten. Leider hat sich auch in dieser Diskussion zwischen freien Trägern und Bund der Mächtigere durchgesetzt. Freiwilligkeit oder Dienstpflicht? Eng verbunden mit der Diskussion um Freiwilligendienste ist die öffentliche Debatte um eine Dienstpflicht, die in den letzten Jahren immer mal wieder als „Sommerloch“-Thema auftauchte, wenn Hinterbänkler*innen glaubten, eine gute Gelegenheit zu erkennen, sich in den Medien platzieren zu können. Ebenso gut hätten sie sich zur Frage der Glühwürmchenzucht positionieren können. Der Medienwissenschaftler Bazon Brock nannte dies in den 1980er Jahren einmal „medienabhängige Informationsproduktion“ (Medien Magazin 1984: 41-44). Der Vorstoß von Annegret Kramp-Karrenbauer vor zwei Jahren war da schon ernster zu nehmen, auch wenn er trotz eines Wiederbelebungsversuchs im vergangenen Jahr3 keine längerfristige Resonanz bewirken konnte. Nicht unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle, dass mit Dr. Jens Kreuter, dem ehemaligen Bundesbeauftragten für den Zivildienst und später einer der Hauptpromotoren des BFD, ein „alter Bekannter“ versuchte, für die Einführung einer Dienstpflicht zu werben. Meine ablehnende Position zur Dienstpflichtdebatte habe ich bereits ausführlich dargelegt (Brombach 2020). Allerdings war es nicht zuletzt der enge Zusammenhang zwischen dem Thema Freiwilligendienste und der politischen Diskussion um eine allgemeine Dienstpflicht, der mich in meiner grundsätzlichen Verortung der Freiwilligendienste bestärkt hat. So war es die großartige Studie von Christine Krüger (2016) über die Geschichte der Jugendfreiwilligendienste in Deutschland und Großbritannien im 20. Jahrhundert,4 die auch die Diskussion um einen Pflichtdienst in Deutschland schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik aufgreift und vor dem Hintergrund der politischen Kultur dieser Epochen in einen Zusammenhang stellt. 3 Werkstattgespräch der CDU am 28. November 2019 in Berlin. 4 Siehe dazu die entsprechende Rezension in diesem Heft. Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Debatte & Dialog 326 Verortung von Freiwilligendiensten in der politischen Kultur Deutschlands In der öffentlichen Wahrnehmung wie im Verständnis führender Repräsentant*in nen der Trägerorganisationen sind Freiwilligendienste auch heute noch zuerst altruistische Formen gesellschaftlichen Engagements, die – pointiert ausgedrückt – entweder (aus konservativer Perspektive) als Hilfskräfte insbesondere im Care- Bereich gesehen werden, wo sich der Staat möglichst heraushalten sollte (was einer einseitigen Sichtweise des Subsidiaritätsprinzips entspricht), oder (aus kritischer und gewerkschaftlicher Perspektive) als „nützliche Idioten“, die die Lücken des Sozialstaats füllen. Auch wenn diese letztere Sichtweise sicher verkürzt ist und andere Aspekte des Freiwilligendienstes wie zum Beispiel die persönliche Erfahrung und den Zugewinn an non-formaler Bildung außer Acht lässt, so sollte sie dennoch nicht völlig ignoriert werden, wie der Diskurs um die Arbeitsmarktneutralität zeigt. Es ist und bleibt ein ständiges Thema in den Freiwilligendiensten, wo die Grenze zu regulärer Beschäftigung im Sinn eines Arbeitsverhältnisses überschritten wird. In einem Beitrag zu einer FSJ-Trägerkonferenz von Bundesarbeitskreis (BAK) FSJ und BMFSFJ 2011 in Berlin habe ich deshalb vor einigen Jahren angeregt, dieses Problem nicht anhand der inhaltlichen Aufgaben der Freiwilligen zu diskutieren, sondern vielmehr die Handlungslogik der Einsatzstellen (gewinnorientiert oder gemeinnützig) als Basis der Beurteilung zu nehmen. Diese Anregung wurde leider nicht aufgegriffen, was sicher auch damit zusammenhängt, dass viele große Freiwilligendienste-Träger eng mit teilweise gewinnorientiert arbeitenden Organisationen verbunden sind. Die mit der Novelle des damaligen FSJ-Gesetzes 2002 eingeführte Kategorie der Gemeinwohlorientierung hat sich für die Beurteilung des Problems der Arbeitsmarktneutralität als wenig hilfreich erwiesen, da dieser Begriff – im Unterschied zur Gemeinnützigkeit – nicht eindeutig definiert ist. Zu Beginn meiner Tätigkeit beim IB habe ich mich mit Begriff und Realität der Freiwilligendienste in Deutschland beschäftigt (Brombach 2001) und versucht, sie gegenüber Erwerbsarbeit und anderen Beschäftigungsformen abzugrenzen. An meinem damaligen Resümee halte ich auch heute noch fest: Freiwilligendienste sind – in Abgrenzung zur Erwerbsarbeit – dadurch definiert, dass sie 1. frei wählbar sind, was auch ein Nichtstun als Alternative einschließt; 2. nicht sozial (Hausarbeit) und sozialpolitisch (im Unterschied zu den Pflichtdiensten) zwingend sind; 3. untertariflich vergütet sind, was in der Regel bedeutet, dass sie nicht erwerbsmäßig geleistet werden (Brombach 2001: 209). Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Debatte & Dialog 327 Brombach, Freiwilligendienste zwischen Steuerung und Selbstorganisation oder anders ausgedrückt: Das Charakteristikum des Freiwilligendienstes besteht nicht darin, sich für eine bestimmte Tätigkeit „freiwillig“ zu entscheiden, sei sie nun je nach Standpunkt besonders wertvoll (heute würde man sagen „systemrelevant“) oder nicht – das könnte auf Erwerbsarbeiten ebenso zutreffen –, sondern darin, dass die Teilnehmer*innen auf mögliche Alternativen (Erwerbsarbeit, formale Qualifizierungen wie Berufsausbildung, Studium etc. oder „Auszeit“) verzichten und für ein Taschengeld sowie Unterkunft und Verpflegung tätig werden (vgl. Krüger 2016: 12). Wenn auch gleichfalls verkürzt, so lohnt sich dennoch ein gründlicher Blick auf die folgenden, von mir als „konservativ“ charakterisierten Positionen zu den Freiwilligendiensten, weil sie meines Erachtens dem Wesensgehalt der Freiwilligendienste näherkommen als die gewerkschaftliche Kritik. Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass mit dem Attribut „konservativ“ keine parteipolitische Präferenz gemeint ist, vielmehr möchte ich damit eine Haltung beschreiben, die in der deutschen politischen Kultur wurzelt. In Deutschland wurde und wird ein solcher Dienst als für „die Gesellschaft“, „das Volk“ oder „die Gemeinschaft“ besonders wertvoll angesehen. Bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein wurde an die Opferbereitschaft und den Idealismus der vor allem weiblichen Jugend appelliert – je nach politischer Großwetterlage im Krieg, für Ehe und Familie oder ganz allgemein „die Gesellschaft“. Eng verknüpft mit diesen Appellen und nicht immer im Gegensatz zu den Freiwilligendiensten stand eine politische Diskussion um Dienstpflicht. Das zeigt meines Erachtens, dass es den Befürworter*innen vor allem der Dienstpflicht, zum Teil aber auch der Freiwilligendienste, weniger um Selbstbestimmung, Partizipation und Förderung der Freiwilligen als eigenständiger Subjekte ging, sondern vielmehr um eine Erziehung zur Einordnung in die „Gemeinschaft“. Diese Intentionen wurden zweifellos im Zuge und in der Folgezeit der antiautoritären Revolte Ende der 1960er und in den 1970er Jahren aufgebrochen. Heute stehen Subjektorientierung und Forderungen nach Partizipation der Freiwilligen auf der Tagesordnung – zumindest der Freiwilligendienste-Träger. Die Schwierigkeiten mit der Partizipation in den Einsatzstellen zeigen jedoch, dass dieses Ziel noch lange nicht erreicht ist und durch eine stärkere Beteiligung der Freiwilligen an der Bildungsarbeit der Träger nicht kompensiert werden kann. Aktuell scheint mir angesichts des großen Drucks zum Beispiel in den Pflegeberufen die Funktionalisierung der Freiwilligen in den Einsatzstellen (Stichwort Arbeitsmarktneutralität) zum Problem zu werden. Hier sind die Träger gefordert, auch wenn sie manchmal in Interessenkonflikte geraten, ihrer Anwaltsfunktion nachzukommen, wollen sie nicht einen wichtigen Teil ihrer Existenzberechtigung aufs Spiel setzen. Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Debatte & Dialog 328 Ebenso sollte die teilweise latente, manchmal auch einfach aus einer Systemlogik heraus entstehende, aber immer weiter zunehmende Einflussnahme des Staates kritisch beachtet und verfolgt werden. Auf die Diskussion um politisch-ideologische Einflussnahmen habe ich bereits im Zusammenhang mit der politischen Bildung im BFD an den Einrichtungen des Bundes hingewiesen. Aber auch andere Ereignisse sollten alle wachsam sein lassen, die die Entwicklung der Freiwilligendienste verfolgen. Wenn eine Partei wie die sogenannte „Alternative für Deutschland“ (AfD), die gesellschaftlich (noch) in der Minderheit ist (immerhin stellt sie bereits die größte Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag!), in der Corona-Krise eine Sonderförderung im BFD für besonders betroffene (deutsche!) Bevölkerungsgruppen fordert und sich dabei ausdrücklich auf die Sonderförderung „BFD mit Flüchtlingsbezug“ bezieht, so sollte das aufhorchen lassen. Aber soweit muss es gar nicht kommen. Aus Gesprächen mit Vertreter*innen politischer Parteien und einer verbreiteten öffentlichen Wahrnehmung der Freiwilligendienste geht hervor, dass sie diese vor allem aus der Perspektive des Nutzens für die Gesellschaft und weniger oder gar nicht aus der Perspektive des Nutzens für die Freiwilligen betrachten. An die Stelle früherer Appelle an Opferbereitschaft und Idealismus ist heute bei Vielen ein Kalkül von Aufwand und Ertrag sans phrase getreten. Das sollte die Erkenntnis über und den Blick auf die Ambivalenz eines gesellschaftlichen Konstrukts, wie es die Freiwilligendienste sind, eigentlich erleichtern. Literaturverzeichnis Brombach, Hartmut (2020): Freiwilligendienst (mit Rechtsanspruch?) oder Pflichtdienst?, in: Engagement und gesellschaftlicher Zusammenhalt – Der Beitrag der Zivilgesellschaft, Jahrbuch Engagementpolitik, hrsg. von Ansgar Klein, Rainer Sprengel und Johanna Neuling, Frankfurt am Main, S. 69–77. Brombach, Hartmut (2010): „… und alle machen mit“ – Freie Träger im Dilemma zwischen neoliberalem Markt und bürokratischer Zuwendungspraxis, in: Widersprüche, 30. Jg., Heft 116, S. 53–62. Brombach, Hartmut (2001): „Was ich kann, ist unbezahlbar“, Freiwilligendienste in Deutschland – Zwischen der Suche nach einer Perspektive und staatlicher Vereinnahmung, in: Jugendhilfe, 39. Jg., Heft 6, S.285–294. Krüger, Christine G. (2016): Dienstethos, Abenteuerlust, Bürgerpflicht – Jugendfreiwilligendienste in Deutschland und Großbritannien im 20. Jahrhundert, Göttingen. Medien Magazin (1984): Martin Stankowski im Interview mit Bazon Broock, Heft 6, S. 41-44. Weber, Max (1917[1988]): Der Sinn der »Wertfreiheit« der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, in: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen, S. 489–540.

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References
Brombach, Hartmut (2020): Freiwilligendienst (mit Rechtsanspruch?) oder Pflichtdienst?, in: Engagement und gesellschaftlicher Zusammenhalt – Der Beitrag der Zivilgesellschaft, Jahrbuch Engagementpolitik, hrsg. von Ansgar Klein, Rainer Sprengel und Johanna Neuling, Frankfurt am Main, S. 69–77.
Brombach, Hartmut (2010): „… und alle machen mit“ – Freie Träger im Dilemma zwischen neoliberalem Markt und bürokratischer Zuwendungspraxis, in: Widersprüche, 30. Jg., Heft 116, S. 53–62.
Brombach, Hartmut (2001): „Was ich kann, ist unbezahlbar“, Freiwilligendienste in Deutschland – Zwischen der Suche nach einer Perspektive und staatlicher Vereinnahmung, in: Jugendhilfe, 39. Jg., Heft 6, S.285–294.
Krüger, Christine G. (2016): Dienstethos, Abenteuerlust, Bürgerpflicht – Jugendfreiwilligendienste in Deutschland und Großbritannien im 20. Jahrhundert, Göttingen.
Medien Magazin (1984): Martin Stankowski im Interview mit Bazon Broock, Heft 6, S. 41-44.
Weber, Max (1917[1988]): Der Sinn der »Wertfreiheit« der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, in: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen, S. 489–540.

Zusammenfassung

Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.