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Anne van Rießen, Stefanie Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements aus der Perspektive der Engagierten vor und während der CoronaPandemie in:

Voluntaris, page 205 - 225

Voluntaris, Volume 8 (2020), Issue 2, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2020-2-205

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205DOI: 10.5771/2196-3886-2020-2-205 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Editorial AUFSÄTZE Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements aus der Perspektive der Engagierten vor und während der Corona Pandemie Eine Studie im Mixed Methods Design Prof. Dr. Anne van Rießen Professorin für Methoden Sozialer Arbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf | Leiterin der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und -entwicklung | stellvertretende Leiterin des interdisziplinären Instituts für lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung | anne.van_riessen@hs-duesseldorf.de Stefanie Henke Diplom-Pädagogin | Vertretung der Juniorprofessur für erziehungswissenschaftliche Medienforschung an der Universität zu Köln | ehemals wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Ehrenamt der Zukunft: Selbstbestimmt teilhaben im Stadtteil“ (EZuFÖST) an der Hochschule Düsseldorf | stefanie.henke@hs-duesseldorf.de Zusammenfassung Der Artikel fasst die Ergebnisse einer Studie im Mixed-Methods-Design zusammen und beleuchtet dabei zivilgesellschaftliches Engagement1 im Rahmen institutioneller Nachbarschaftshilfen vor und während der ersten Wochen der Corona-Pandemie. Dazu wird zunächst analysiert, welche Personen sich während der Pandemie zum Engagement bereit erklären, um dann aus der Sicht der Befragten zu rekonstruieren, welchen Nutzen sie ihrem Engagement zuschreiben. Schließlich wird reflektiert, was Menschen veranlasst, sich in der besonderen Situation der Pandemie bei etablierten Trägern der Wohlfahrtspflege zu engagieren. Im Weiteren werden die Ergebnisse aus der Perspektive gesellschaftlicher Teilhabe interpretiert. Schlagwörter: Nutzerorientierung; zivilgesellschaftliches Engagement; Nachbarschaftshilfe; Corona-Pandemie; Nutzerforschung; Ehrenamt; Teilhabe 1 Zur Bezeichnung der Menschen, die freiwillig und unentgeltlich aktiv werden, verwenden wir nachfolgend die Bezeichnung „Engagierte“. Engagement wird dabei im Sinne des Dritten Engagementberichts (Deutscher Bundestag 2019: 42–43) durch folgende Charakteristika bestimmt: Freiwilligkeit; nicht auf materiellen Gewinn ausgerichtet; Gemeinschaftlichkeit; Ausübung im öffentlichen Raum; Gemeinschaftsbezogenheit; Gemeinwohl fördernd; dient als Sinn- und Erfahrungsraum. Im Untersuchungsfeld der Nachbarschaftshilfen wird der Terminus „Ehrenamt“ vor allem als Selbstzuschreibung der Engagierten verwendet, weshalb als Name des Projekts „Ehrenamt der Zukunft“ festgelegt wurde. Entsprechend bezeichnet der Begriff „Ehrenamt“ im Folgenden die untersuchten Nachbarschaftshilfen. Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie 206 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Abstract The article reflects changes in the field of neighbourly volunteer work in welfare associations during the coronavirus pandemic by analysing: Who engages in these activities during the pandemic? What are the benefits of volunteering for the volunteers and what are the reasons to volunteer in a welfare association in this special situation? The results are compared to findings of a study in this field conducted before the pandemic and conclusions for the design of future volunteer jobs are drawn. Keywords: use and benefits of volunteering; neighbourly help; coronavirus pandemic; participation 1. Ausgangssituation Zivilgesellschaftliches Engagement zur Unterstützung der Teilhabe und Selbstbestimmung älterer Menschen wird unter anderem von Wohlfahrtsträgern organisiert. Vor der Corona-Pandemie war zu beobachten, dass die Anzahl jener Personen, die sich in der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit in den vorhandenen Strukturen2 engagieren wollten, sank. Gleichzeitig stieg die Anzahl der älteren Menschen, die eine Unterstützung wünschten. Diese Problemstellung fokussiert das Projekt „Ehrenamt der Zukunft: Förderung der Selbstbestimmung und Teilhabe Älterer im Quartier“ (EZuFöST).3 Langfristiges Ziel des Projekts ist es, ein nachhaltiges und übertragbares Modellkonzept zu entwickeln, das aufzeigt, wie auch zukünftig unter veränderten gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen ein flexibles, zugleich verlässlich-wirkungsvolles Ehrenamt ältere Menschen bei ihrer gesellschaftlichen Teilhabe unterstützen kann. Als Forschungs- und Erprobungsfeld dienen dabei unter anderem die Nachbarschaftshilfen Kölsch Hätz, die sich in ökumenischer Trägerschaft der Caritas für die Stadt Köln und des Diakonischen Werks Köln befinden. An vier Standorten der Nachbarschaftshilfen wird das Projekt sozialraumbezogen realisiert, das heißt, in der Erhebungsphase werden zunächst die spezifischen Sichtweisen der Akteur*innen (Hauptamtliche, Ehrenamtliche und ältere Unterstützungssuchende) der jeweiligen Standorte erhoben. Auf Basis der dadurch gewonnenen Erkenntnisse sollen dann sozialraumbezogene Projekte entwickelt werden, in denen noch im Projektverlauf neue Ansätze der Ehrenamtsgestaltung erprobt und formativ evaluiert werden. Auf der Grundlage der Forschungsbefunde und Projekterfahrungen wird dann abschließend ein Modellkonzept „Ehrenamt der Zukunft“ entwickelt. 2 So wurde etwa im Deutschen Freiwilligensurvey deutlich, dass die grundsätzliche Bereitschaft, sich zu engagieren, steigt, während die Häufigkeit und das wöchentlich aufgewendete Zeitbudget sinken (BMFSFJ 2016: 6; 341). 3 Das Projekt EZuFöST wird von 2019 bis 2022 von der Stiftung Wohlfahrtspflege gefördert. Es findet dabei als Praxisforschungsprojekt statt; so werden von den Geldern unter anderem Stellen sowohl in der Praxis – beim Caritasverband für die Stadt Köln e. V. – als auch in der Forschung – bei der Hochschule Düsseldorf – finanziert. Die empirischen Analysen werden so direkt in die Praxis zurückgespeist und auf ihrer Basis in der Praxis Projektideen entwickelt und durchgeführt. 207 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements Veränderungen im Forschungsfeld während der Ausgangs und Kontaktbeschränkungen Die Pandemie stellte die Nachbarschaftshilfen vor besondere Herausforderungen und veränderte in der Folge das Forschungsfeld des Projektvorhabens gravierend. Erstens konnten die bisherigen Begleit- und Besuchsangebote der Organisation aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht fortgeführt werden, da sie durchgängig auf persönlichem Kontakt basieren und sowohl die meisten Engagierten als auch die Begleiteten der Risikogruppe der Älteren angehören. Zweitens wurde die soziale Isolation der älteren Menschen noch verstärkt. Die Nachbarschaftshilfen reagierten auf diese veränderte Bedarfssituation und initiierten innerhalb weniger Tage mit der Corona-Hilfen Kölsch Hätz ein neues Angebot. Dieses verfolgt das Ziel, die vulnerable Gruppe der Älteren durch Einkaufshilfen zu unterstützen und ihnen durch telefonische Kontakte weiterhin soziale Beziehungen zu ermöglichen. Eine Öffentlichkeitsarbeitskampagne wurde gestartet und unter Mitarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen eine Hotline für potenziell Engagierte und Hilfebedürftige organisiert. Gestaltete sich die Akquirierung Neuehrenamtlicher, insbesondere für den Besuchsdienst, bislang meistens als Herausforderung, formierte sich nach Freischalten der Corona-Hilfen-Hotline eine regelrechte Welle der Hilfsbereitschaft. So überstieg die Zahl der Engagementbereiten (zum Zeitpunkt der Erhebung im Juni 2020 insgesamt 753 Personen) im Kölner Stadtgebiet diejenigen der Hilfesuchenden (148 Personen) bei Weitem. Diese neue Situation wurde in die Begleitforschung integriert, um noch während der Krisensituation zu analysieren, was aktuell den Ausschlag gibt, helfend aktiv zu werden. Entsprechend wurden die interesseleitenden Fragen für die wissenschaftliche Begleitforschung erweitert: • Wer sind die (potenziellen) Ad-hoc-Ehrenamtlichen der Corona-Hilfen? • Welchen subjektiven Nutzen schreiben Ad-hoc-Ehrenamtliche ihrem Engagement in der Pandemie zu? • Welche Faktoren bedingen die Bereitschaft, sich in einer Krisensituation bei einem Träger der Wohlfahrtspflege zu engagieren? Die Fragen schlossen damit unmittelbar an die Befunde der EZuFöST-Basiserhebung an, die gezeigt hatte, dass eine wesentliche Barriere des Engagements und der Rekrutierung neuer Engagierter die mangelnde Bekanntheit der Angebote ist. Größter förderlicher Faktor für zivilgesellschaftliches Engagement im Feld der Nachbarschaftshilfen – so zeigten die vorangegangenen empirischen Analysen deutlich (van Rießen/Henke 2020) – ist der subjektive Nutzen, den die Freiwilligen ihrem Engagement zuschreiben. Diese Perspektive wurde nun in die Corona- Hilfen-Erhebung integriert. 208 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Um die Forschungsfragen zu operationalisieren, wurde das ursprüngliche Projekt um eine multiperspektivische (Engagierte, Hauptamtliche, Ältere) Studie im Mixed-Methods-Design erweitert. Diese umfasst ein Sprachnachrichten-Tagebuch einer in den Corona-Hilfen tätigen hauptamtlichen Fachkraft ebenso wie qualitative Interviews mit Engagierten und älteren Nachbar*innen4 sowie eine quantitative Online-Befragung aller Personen, die sich zu einem Engagement bei den Corona-Hilfen bereit erklärt haben. 2. Forschungsdesign 2.1 Vorgehen Das hier dargestellte Design und die aus den entsprechenden Erhebungen abgeleiteten Befunde beziehen sich auf den Teil der Corona-Hilfen-Erhebung, der die Perspektive der Engagierten selbst abbildet, also sowohl auf Leitfadeninterviews mit den Engagierten (qualitativer Teil; a) als auch eine Online-Fragebogenerhebung (quantitativer Teil; b). Die leitfadengestützten Interviews wurden von Mitarbeiter*innen der Hochschule Düsseldorf im April und Mai 2020 – also kurz nach Einsetzen der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen Ende März – mittels verschiedener Videokonferenztools online durchgeführt, aufgezeichnet und anschließend wortgetreu transkribiert. Die Dauer der Interviews betrug zwischen 24 und 73 Minuten. Ihre anschließende Auswertung erfolgte mittels inhaltlich strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz 2018: 97–122). Dazu wurde zunächst ein Kategoriensystem anhand der in der EZuFöST-Basiserhebung erzielten Befunde erstellt (van Rießen/Henke 2020) und anschließend induktiv am Material weiter ausdifferenziert. Im Juni 2020 bestand für alle Engagementbereiten der Corona-Hilfen innerhalb eines Zeitraums von drei Wochen die Möglichkeit, an der Online-Befragung teilzunehmen. Einen entsprechenden personalisierten Link erhielten sie vorab per E-Mail. Die Erhebung umfasste insgesamt 23 Fragen (inklusive Filterfragen) zu den Themenkomplexen Soziodemografie, Teilnahme an den Kölsch-Hätz-Corona- Hilfen, Lebenssituation in der Corona-Krise, Einstellung zur Trägerorganisation, Motivation, Zufriedenheit, Engagementerfahrung sowie Bedingungen der Engagementverstetigung. Die Rohdaten wurden nach Abschluss der Erhebung in SPSS exportiert und dann ausgewertet. 4 Mit Nachbar*innen werden bei den Kölsch-Hätz-Nachbarschaftshilfen die Menschen bezeichnet, die eine Begleitung wünschen. 209 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements 2.2 Beschreibung der Stichproben In der vorausgegangenen qualitativen Basisuntersuchung vor der Pandemie zeigte sich, dass im Rahmen freiwilliger Nachbarschaftshilfen in erster Linie ältere Menschen tätig werden, die das Ehrenamt nutzen, um ihren Alltag zu strukturieren und sich für andere zu engagieren (van Rießen/Henke 2020). Schon in den ersten Tagen nach der Einrichtung der Corona-Hilfen zeichnete sich nach Aussagen von haupt- und ehrenamtlich Engagierten ab, dass die Ad-hoc-Ehrenamtlichen deutlich jünger und fast durchgängig berufstätig waren. Daran anknüpfend wurden im Rahmen der (a) qualitativen Untersuchung zur Zusammensetzung der Stichprobe vor allem die Merkmale „Erwerbstätigkeit“ und „junges Alter“ zugrunde gelegt, um die Sichtweisen der entsprechenden Merkmalsträger*innen eingehender analysieren zu können. Insgesamt umfasste das Interview-Sample 20 Personen im Alter zwischen 17 und 52 Jahren (ø = 32 Jahre), 15 Frauen und fünf Männer. Elf der interviewten Personen sind im Rahmen einer Vollzeitstelle, fünf im Rahmen einer Teilzeitstelle erwerbstätig. Dabei handelte es sich um sieben Student*innen, vier Lehrer*innen, eine*n Schüler*in, zwei Referendar*innen (Lehramt und Recht). Sechs Personen sind in verschiedenen anderen Berufen tätig. Neun der Interviewten üben einen sozialen Beruf aus oder studieren ein sozial orientiertes Fach. Acht der befragten Personen gaben an, neben ihrer Berufs- bzw. Ausbildungstätigkeit regelmäßig (zwischen zwei und 20 Stunden pro Woche) Care-Arbeit zu leisten. Adressiert wurden mit der (b) quantitativen Online-Fragebogenerhebung alle Personen, die sich bei den Corona-Hilfen gemeldet und bereit erklärt hatten, aktiv zu werden. So umfasste die Bruttostichprobe 765 Menschen. Insgesamt nahmen von diesen Personen 156 an der Umfrage teil. Das entspricht einer Rücklaufquote von 20 Prozent. Alle in den Leitfadeninterviews befragten Personen sind bei den Corona-Hilfen aktiv. In die online-gestützte Fragebogenerhebung wurden sowohl Menschen einbezogen, die aktiv sind (32 %, n = 50), als auch solche, die ihre Bereitschaft dazu erklärt hatten, jedoch bislang nicht zum Einsatz kamen (67,9 %, n = 106). Die Stichprobe bezog 107 Frauen (70,4 %) und 45 Männer (29,6 %)5 ein. 3. Ergebnisse 3.1 Die Engagierten der Corona-Hilfen 3.1.1 Alter Die Auswertung der quantitativen Daten verdeutlicht, dass die (potenziell) Engagierten der Corona-Hilfen, im Vergleich mit den Engagierten der Nachbarschaftshilfen vor der Pandemie, vergleichsweise jung sind. So ist der überwiegende Teil der Befragten zwischen 21 und 34 Jahren alt: 5 Vier Personen beantworteten diese Frage nicht. 210 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Abbildung 1: Alter der (potenziell) Engagierten der Corona Hilfen (in Prozent) n = 151 3.1.2 Bildung, Ausbildung und Erwerbsstatus Die Teilnehmer*innen der Online-Befragung sind weit überdurchschnittlich hoch gebildet: 83 Prozent haben Abitur und 75 Prozent einen Hochschul- bzw. Universitätsabschluss. Darüber hinaus besitzen 9,9 Prozent eine Fachhochschulreife. Zum Vergleich dazu verfügen in der Kölner Gesamtbevölkerung nur 44,3 Prozent über eine Fachhochschul- oder Hochschulreife (Stadt Köln 2013). Etwa die Hälfte der Befragten ist Vollzeit erwerbstätig (46,7 %), 12,5 Prozent in Teilzeit. 15,8 Prozent der Befragten befinden sich noch in der Ausbildung (Schüler*innen, Student*innen, Auszubildende). Verrentet sind nur 5,3 Prozent der Teilnehmenden. 7,2 Prozent sind aktuell in Kurzarbeit beschäftigt. Wenngleich die Einkommenssituation der Proband*innen nicht dezidiert erfragt wurde, kann davon ausgegangen werden, dass diese aufgrund ihres überdurchschnittlich hohen Bildungsstands vergleichsweise gut sein dürfte. 3.1.3 Sozialraum und Wohnorte Für die Befragten scheint bedeutsam, sich vor Ort, also in ihrem unmittelbaren Sozialraum, zu engagieren. Betrachtet man jedoch die Verteilung der Wohnorte der Menschen, die (potenziell) bei den Corona-Hilfen aktiv werden, fällt auf, dass die Engagementbereitschaft sich keinesfalls gleichmäßig über das gesamte Kölner Stadtgebiet erstreckt. Vielmehr möchten die Engagierten im Wesentlichen in drei von neun Stadtbezirken aktiv werden: Innenstadt (20 %), Lindenthal (23 %) und Nippes (18 %). Dahingegen leben die zu unterstützenden Älteren relativ gleichmä- ßig über das Stadtgebiet verteilt (Stadt Köln 2013). Die Bezirke Innenstadt, Lindenthal und Nippes gehören zu den Bezirken mit den höchsten Mietpreisen der 211 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements Stadt (Stadt Köln 2018). Zudem sind die Bezirke unter den vier Bezirken mit dem niedrigsten Anteil Arbeitsloser des Stadtgebiets (Stadt Köln 2019: 59). Die Bezirke Innenstadt und Lindenthal verzeichnen die größte Anzahl Lediger in Köln (Stadt Köln 2019: 16) und entsprechend hoch ist der Anteil von Einpersonenhaushalten im Vergleich zu allen anderen Bezirken (Stadt Köln 2019: 30). In den Leitfadeninterviews beschrieben die Befragten ihre Verbundenheit mit Köln als Ganzes. Die Stadt stellte für sie einen wichtigen Identifikationsraum dar, in dessen Rahmen es als erstrebenswert gilt, sich zu engagieren. So ordneten einige der Befragten allein schon den Ortsbezug im Namen der Nachbarschaftshilfen (Kölsch Hätz) positiv ein, was an Äußerungen wie „ich möchte was für Köln tun, mich für Köln engagieren“ deutlich wurde. 3.2 Subjektiver Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements in der Pandemie Als wesentlicher Befund der vor der Corona-Pandemie durchgeführten EZuFöST- Erhebungen zeigte sich, dass als zentraler Faktor ehrenamtlichen Engagements der Nutzen hervortritt, den Ehrenamtliche ihrem Engagement zuschreiben. Dabei verdeutlichen die empirischen Analysen, dass sich dieser als Resultat verschiedener wesentlicher nutzenstrukturierender Faktoren ausgestaltet6 (van Rießen/Henke 2020): Je nachdem, wie der antizipierte Nutzen realisiert werden kann oder nicht, entsteht Zufriedenheit bzw. wird der Tätigkeit ein subjektiver Nutzen zugeschrieben. Entsprechend integrierte auch die Corona-Hilfen-Erhebung die Frage nach dem Nutzen für die Engagierten, um etwaige Veränderungen nachvollziehen zu können. Mit Nutzen wird hier mit Gertrud Oelerich und Andreas Schaarschuch der Umstand bezeichnet, „dass die professionellen sozialen Dienstleistungen für die Nutzer*innen einen Gebrauchswert im Hinblick auf deren produktive Auseinandersetzungen mit den Aufgaben der Lebensführung, vor die sie sich gestellt sehen, aufweisen müssen“ (Schaarschuch/Oelerich 2005; vgl. für einen Überblick zum Nutzen van Rießen/Jepkens 2020). Die Erhebungsinstrumente (Interviewleitfaden und Fragebogen) wie auch das Kategoriensystem der Auswertung der qualitativen Erhebung wurden daran orientiert. Das diente als Basis, um nach einer kategoriengeleiteten Auswertung ein Nutzenprofil für die Ad-hoc-Ehrenamtlichen zu erstellen. Das im Folgenden dargestellte Profil integriert die Befunde der qualitativen Leitfadeninterviews mit Engagierten der Corona-Hilfen, die mittels der Ergebnisse der quantitativen Erhebung weiter validiert und illustriert werden. Die gewählte Darstellungsstruktur ergibt sich aus den Auswertungskategorien der inhaltsanalytischen Interpretation. 6 Dabei handelt es sich um die soziale, zeitliche, inhaltliche, sozialräumliche und institutionelle Aufgabenstruktur sowie den Personenfaktor „Werteorientierung“. 212 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Abbildung 2: Nutzenprofil Corona Hilfen Quelle: eigene Darstellung Drei wesentliche Faktoren bedingen den Nutzen, den die Ad-hoc-Engagierten der Corona-Hilfen ihrem Engagement zuschreiben. Die Faktoren interagieren jeweils mit einer spezifischen Situation, im aktuellen Fall die Corona-Pandemie, verbunden mit den entsprechenden Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen. So strukturiert sich der subjektiv zugeschriebene Nutzen des Engagements über die Faktoren: • Bekanntheit und Zugang, • Aufgabenstruktur sowie • Personenfaktoren. Zusammenfassend liegt der wesentliche Nutzen ihres Engagements für die Aktiven der Corona-Hilfen im Ausüben einer als sinnvoll empfundenen Aufgabe. So verwirklichen sie ihr zentrales Engagementanliegen, Menschen, denen es weniger gut geht, zu unterstützen. Sie selbst erleben sich in dieser Zeit, die als absolute Ausnahmesituation beschrieben wird, zumindest in diesem klar umrissenen Handlungsfeld als selbstwirksam. Aus den Schilderungen der Interviewten wird deutlich, dass der Eindruck, eine Aufgabe zu haben, die darüber hinaus hilft, den Ausnahmealltag zu strukturieren, ihnen Sicherheit vermittelt. 3.2.1 Bekanntheit und Zugang des Angebots Die Bereitschaft zur Übernahme einer freiwilligen Aufgabe setzt zunächst voraus, dass das Angebot den potenziell Engagierten bekannt wird und dass der Zugang 213 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements sowie die verfügbaren Informationen keinen negativen Nutzen, sprich Zugangsbarrieren oder Schwierigkeiten, implizieren. Die Teilnehmer*innen an den Leitfadeninterviews beschreiben die Informationen über die Möglichkeit, bei den Corona-Hilfen aktiv zu werden, als leicht auffindbar. Dabei informierten sie sich im Wesentlichen auf zwei Wegen: Während die eine Gruppe nicht intentional, zufällig über Medien (konkret: Fernsehen, Tageszeitungen, Facebook oder Flyer) aufmerksam wurde, recherchierte die andere Gruppe gezielt nach Engagementmöglichkeiten in ihrem sozialen Nahraum im Internet. Die quantitative Erhebung veranschaulicht, dass die meisten Engagementbereiten über Online-Angebote erreicht wurden: Abbildung 3: Wo sind Sie auf die Kölsch Hätz Corona Hilfen aufmerksam geworden? (in Prozent) Mehrfachnennungen, n = 180 Quelle: eigene Darstellung Insgesamt bezogen also 52,9 Prozent Engagementinteressierte die entsprechenden Angebots-Informationen über das Internet. Davon informierten sich 35,5 Prozent der Befragten über die Homepage des Anbieters und 17,4 Prozent über sogenannte soziale Medien. Die Strategie, verschiedene Medienkanäle und -formate zu nutzen, um auf die Engagementmöglichkeit aufmerksam zu machen, hat sich als sehr wirksam erwiesen, da sich in der quantitativen Erhebung offenbarte, wie deutlich sich die Nutzung der verschiedenen Informationsquellen altersgruppenspezifisch ausdifferenzierte: Die 21bis 34-Jährigen fanden die Informationen überdurchschnittlich oft (45,8 %) durch eine Internetrecherche (z. B. die Trägerhomepage), während die 35- bis 44-Jährigen am häufigsten (27,6 %) über soziale Medien (Facebook) aufmerksam wurden. 214 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Hingegen erhielten 30,0 Prozent der über 55-Jährigen die Informationen über persönliche Kontakte oder „Sonstiges“, vor allem analoge Medien, wie zum Beispiel Flyer. Den Zugang zu den Corona-Hilfen skizzieren die Interviewten aus ihrer Sicht als ausgesprochen niedrigschwellig. Die Kontaktaufnahme sei einfach und unkompliziert, die hauptamtlichen Ansprechpartner*innen aufgeschlossen wie freundlich. Auch die Vermittlungen werden als sehr zügig und gut organisiert beschrieben. Als verständlich und übersichtlich werden die zur Verfügung gestellten Informationen bewertet. Dass als Kommunikationsmedien Telefon und E-Mail genutzt wurden, haben die Interviewten als angemessen erlebt. 3.2.2 Struktur der Aufgabe Das eigene Engagement in den Nachbarschaftshilfen erhält in der Pandemie, im Vergleich zur Situation vor dem Ausbruchsgeschehen, eine besondere Neukonturierung. Während die ursprünglich begleitenden oder koordinierenden freiwilligen Aufgaben explizit kontinuierlich ausgeübt werden sollten, um langfristige soziale Beziehungen zu begünstigen, ist das aktuelle Engagement zunächst limitiert auf die Zeit der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen. Inhaltlich ist die Aufgabe seitens des Anbieters klar definiert (Einkaufen, Botengänge und Telefonate) und somit für die Interessierten transparent und kalkulierbar. Alle Befragten verfügten vorab über Erfahrungen mit den geforderten Unterstützungsleistungen, da es sich um grundlegende, alltägliche Erledigungen handelt. Dementsprechend charakterisieren alle Engagierten ihre Aufgabe als eher leicht bewältigbar und keinesfalls herausfordernd oder überfordernd. Organisatorische oder kreative Vorarbeiten der Engagierten selbst waren nicht erforderlich, sodass sie unmittelbar starten konnten. Soziale Struktur Die soziale Struktur des Engagements bei den Corona-Hilfen ist durch eine Einszu-eins-Konstellation – das heißt, ein*e Ad-hoc-Ehrenamtliche*r unterstützt eine hilfsbedürftige Person – festgelegt. Charakteristisch für das Unterstützungsangebot war zudem, dass die Freiwilligen und die durch die Einkaufshilfen Unterstützten sich jeweils nur auf Distanz begegnen konnten. Der konkrete Kontakt wurde individuell ausgestaltet und reichte vom völlig kontaktlosen Erledigen von Einkäufen über kurze Gespräche auf Distanz im Treppenhaus bis hin zu intensiven Telefonkontakten, abhängig von den Bedarfen und Wünschen der Unterstützten. Inhaltliche Struktur Die Inhalte der Aufgabe werden von den Interviewten als verständlich und transparent empfunden. Die faktisch ausgeübte Tätigkeit traf dabei genau ihre 215 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements Erwartungen. Die Zufriedenheit mit der Tätigkeit ordnen die Interviewten als hoch ein, was daraus resultiert, dass die Aufgabe den antizipierten Anforderungen durchgängig entspricht. Zudem ist die Aufgabe auf die unmittelbare Ausführung fokussiert und erfordert keinerlei organisatorische Vorarbeiten oder Abstimmungen. Sozialräumliche Struktur Die organisatorische Anbindung der Corona-Hilfen an die Kölsch-Hätz-Nachbarschaftshilfen deutet bereits an, dass auch das Ad-hoc-Angebot darauf abzielt, Menschen vor Ort in ihrem sozialen Nahraum zu unterstützen. Dieser Aspekt wird von den Freiwilligen der Corona-Hilfen als sehr positiv beurteilt. Das wird auch damit begründet, dass keine öffentlichen Verkehrsmittel zum Ausüben der Tätigkeit benutzt werden müssen, wodurch sich das eigene Ansteckungsrisiko minimiert. Institutionelle Struktur Institutionell ist das Angebot der Corona-Hilfen bei den Nachbarschaftshilfen Kölsch Hätz angesiedelt, die sich in ökumenischer Trägerschaft der Caritas für die Stadt Köln und des Diakonischen Werks befinden. In den qualitativen Interviews tritt zutage, dass die Befragten die Wohlfahrtsträger (siehe unten) im Zusammenhang mit ihrer Aufgabe am ehesten im Sinne einer Vermittlungsagentur einordnen. In der konkreten Ausführung ihrer Aufgabe empfinden sie sich hingegen als weitestgehend trägerunabhängig. 3.2.3 Personenfaktoren Gravierend veränderte Alltagssituation Entscheidend für die Bewertung und die Zuschreibung eines subjektiven Nutzens des eigenen Engagements sind für die Befragten einschneidende Veränderungen in ihrer Lebensführung und ihren Alltagsroutinen, die aus den Kontaktbeschränkungen resultieren. Diese biografische Ausnahmesituation stellt für den wahrgenommen Nutzen und die Voraussetzungen der Engagementbereitschaft die zentrale Deutungsschablone dar. Diese konkretisierte sich für die Teilnehmer*innen der beiden Erhebungen insbesondere dadurch, dass sie ihre Erwerbsarbeit oder ihr Studium nicht mehr im Präsensmodus ausführen konnten, ihre direkten Sozialkontakte stark eingeschränkt waren und sie ihren Hobbies deutlich seltener nachgingen. Dadurch wurde das verfügbare (Frei-)Zeitbudget, im Vergleich zu ihrem Alltag vor der Pandemie, erheblich erhöht und somit eine entscheidende Ausgangsbedingung für die aktuelle Engagementbereitschaft gelegt. Die nachfolgende Übersicht illustriert die konkreten Verschiebungen durch die Pandemie für das Zeitbudget der Befragten. 216 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Abbildung 4: Zeitbudeget während der Kontaktbeschränkungen im Vergleich mit der Zeit vor der Corona Krise7 (in Prozent) n = 156 Quelle: eigene Darstellung Ferner tritt zutage, wie unmittelbar die Teilnehmenden der Fragebogenerhebung ihre Engagementbereitschaft im Kontext der beginnenden Corona-Krise verorten: Abbildung 5: Entwicklung der Engagementbereitschaft: Bitte schätzen Sie Ihre Bereitschaft ein, andere Menschen durch Ihr Engagement zu unterstützen (in Prozent) n = 155 Quelle: eigene Darstellung 7 Der Begriff „Corona-Krise“ wurde in Absprache mit der Trägerorganisation gewählt, da er den Engagierten geläufi g war. 217 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements So offenbart sich, dass zum Zeitpunkt der Befragung im Juni 2020 die eigene Bereitschaft zu Engagement im Vergleich mit dem Beginn der Kontaktbeschränkungen – mit entsprechenden Konsequenzen für die eigene Erwerbsarbeit und die Pflege sozialer Kontakte – bereits wieder als abnehmend eingeschätzt wird. Subjektive Pandemiebetroffenheit Das Verständnis für die Situation der Älteren während der Pandemie scheint durch subjektive Betroffenheit, konkret durch den Eindruck, regelrecht „im selben Boot zu sitzen“, moderiert zu sein. Das heißt, wenngleich sich die Interviewten im Gegensatz zu den Älteren nicht unmittelbar als einer Risikogruppe zugehörig einordnen, fühlen sie sich sehr wohl in die krisenhafte Gesamtsituation involviert. Dabei werden die Sorgen im Hinblick auf die eigenen gesundheitlichen Gefahren zunächst recht verhalten geschildert. Anhand von Äußerungen in verschiedenen Interviewkontexten werden dann aber recht fundamentale eigene Verunsicherungen deutlich: […] dann eben das Gefühl, dass so ‚ne gewisse Machtlosigkeit da mit reinspielt, dass man selber das Gefühl hat, man kann so gar nichts tun. Und dann eben das Gefühl von man kann wenigstens ‚n bisschen was tun […] (Interview Nr. 15: 00:04:33). zu diesem Zeitpunkt war glaub’ ich, das Gefühl von hier rollt was auf uns zu, was niemand absehen kann, wo’s keine Statistiken, keine Präzedenzfälle, kein gar nichts gibt, wie man damit umgehen kann […] (Interview Nr. 15: 00:02:18). Diese Ankerbeispiele verdeutlichen, dass die aktuell gezeigte Empathie sich durchaus als Nachempfinden auf der Grundlage eigenen Betroffenseins interpretieren lässt. Reflektiertes Bewusstsein eigener Ressourcen In den qualitativen Leitfadeninterviews zeichnet sich durchgängig ab, dass die Adhoc-Ehrenamtlichen ihre Entscheidung für ein Engagement nicht nur auf der Basis der aktuellen Ausnahmesituation fällten, sondern dieser vor allem ein Bewusstsein für die grundsätzlich gute eigene Ausstattung mit ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen zugrunde lag. Entsprechend benennen die Interviewten keinerlei finanzielle oder gar existentielle Sorgen in der Pandemie. Die Befragten sind sich der eigenen privilegierten Situation bewusst, artikulieren diese und deuten diesen Ressourcenreichtum beinahe im Sinne eines Handlungsimperativs: […] mir geht es gut und ich bin gesund, also kann ich Leuten, die zur Risikogruppe gehören, helfen (Interview Nr. 11: 00:03:41). Charakteristisch für die Äußerungen in den Interviews ist in diesem Zusammenhang der Begriff „Zurückgeben“, der immer wieder verwendet wird. Hier zeigt sich, dass die Engagierten sich der eigenen privilegierten Situation bewusst sind 218 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie und diese durchaus mitunter anderen bzw. bestimmten sozialen Umständen bzw. Verhältnissen verdanken. Daraus erwächst ein Verantwortungshabitus, der sich für die Befragten aus den eigenen Privilegien ergibt. Engagementerfahrung und Werteorientierung Fast alle Interviewten des qualitativen Samples verfügen über Vorerfahrungen mit freiwilligem Engagement. Mehrere Interviewte beschreiben entsprechend, dass die Prämisse, anderen zu helfen, für sie schon immer eine zentrale Werteorientierung darstellte. Die Befragten zeigen sich demnach als sozial orientiert, was sich bei einem Großteil von ihnen (neun Personen) in ihrer Berufs- bzw. Studienwahl dadurch manifestiert, dass sie sich für soziale Berufe entschieden haben. Auch für die meisten Teilnehmer*innen der Online-Befragung ist es nicht das erste Mal, dass sie sich freiwillig engagieren. So geben fast drei Viertel (73,3 %) von ihnen an, bereits in der Vergangenheit aktiv gewesen zu sein. Dabei waren die meisten von ihnen im Kinder- und Jugendbereich (61,1 %) aktiv und rund ein Drittel (28,7 %) verfügt bereits über Erfahrung in der Arbeit mit Älteren.8 3.3 Änderungen der nutzenstrukturierenden Faktoren im Vergleich zur Prä-Corona-Zeit Die ursprünglichen Erhebungen im EZuFöST-Projekt (zusammenfassend siehe van Rießen/Henke 2020) verdeutlichten, wie stark das Engagement durch die Zuschreibung eines subjektiven Nutzens bedingt wird. Dieser wird entscheidend durch die Struktur der Aufgabe festgelegt. Als zentraler nutzenstrukturierender Faktor trat in der Zeit vor der Pandemie die soziale Struktur hervor, die für zwei untersuchte Ehrenamtlichengruppen9 sehr unterschiedliche Nutzenprofile bedingte. Ausschlaggebend war dabei für die Engagierten beider Gruppen der Wunsch nach sozialem Anschluss. Hier offenbart sich in der Pandemie eine deutliche Differenz: Wenngleich alle Engagierten der Corona-Hilfen angeben, ihre Sozialkontakte reduziert zu haben, erscheint das Engagement nicht vorrangig aufgenommen worden zu sein, um soziale Beziehungen zu knüpfen. Vielmehr scheinen andere Bedürfnisse, wie die Möglichkeit, sich handlungsfähig zu fühlen, hier in den Vordergrund gerückt zu sein. Hier wird im Vorher-nachher-Abgleich mit den Aussagen der Befragten, die vor der Pandemie in den institutionellen Nachbarschaftshilfen aktiv waren (im Besuchsdienst wie auch im ehrenamtlichen Koordinationsteam), eine Veränderung 8 Hier waren Mehrfachnennungen möglich. 9 Bei den Nachbarschaftshilfen Kölsch Hätz können sich Interessierte in zwei verschiedenen Ehrenamtsangeboten engagieren: Im Besuchsdienst begleiten Engagierte ältere Menschen in einem Eins-zu-eins-Verhältnis, während es die Aufgabe der Engagierten im Koordinationsteam ist, interessierte Freiwillige an Ältere, die Begleitung wünschen, zu vermitteln. 219 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements deutlich: Diese hatten ihre Aktivität gezielt zur Gestaltung einer Lebensphase langfristig geplant und dann umgesetzt. Auf dieser Basis konnte insbesondere die Antizipation des baldigen Ruhstands als Engagement-förderlich eingeordnet werden. Dagegen scheint das Interesse am Engagement in der Pandemie primär mit der spontanen Handlungsoption in einer handlungseingeschränkten, außergewöhnlichen Zeit begründet zu sein. Im Vergleich zu den Nutzenprofilen, die im Vorfeld der Pandemie ermittelt wurden, zeichnet sich also ab, dass sich insbesondere auf der Seite der personenbezogenen nutzenstrukturierenden Faktoren wesentliche Veränderungen ergeben haben, die den zugeschriebenen und erlebten Nutzen des Engagements entscheidend ausrichten. Bekanntheit und Zugang Nach Analyse der Bekanntheit des Engagementangebots in der Pandemie wird deutlich, dass sich diese im Vergleich zur Zeit vor Corona gravierend erhöht hat: Während dessen mangelnde Bekanntheit vor der Pandemie die Hauptbarriere zur Rekrutierung weiterer Ehrenamtlicher darstellte, zeigt sich nun, dass mit der zeitgleichen Nutzung zahlreicher Medienkanäle und -formate viele Interessierte adressiert werden können, die zuvor nicht bei den Nachbarschaftshilfen Kölsch Hätz engagiert waren, also insbesondere jüngere, berufstätige Menschen. Struktur der Aufgabe Für alle beteiligten Personen handelt es sich um eine Ausnahmesituation – für die Hauptamtlichen der Nachbarschaftshilfen und die anderen Zuständigen der Trägerorganisation ebenso wie für die Engagierten selbst sowie die unterstützten älteren Personen. Vor der Pandemie wurde die Aktivität in den Nachbarschaftshilfen ganz entscheidend durch die soziale Struktur der Aufgabe geformt. So konnte gezeigt werden, dass die soziale Struktur (Team-Ehrenamt oder Einzelbegleitung) als Nutzen entscheidende Anerkennungsebenen öffnet bzw. schließt. Dadurch wird wesentlich bedingt, inwiefern freiwilliges Engagement im Sinne einer gesellschaftlichen Teilhabe wirksam wird. Dieser Aspekt erscheint im Zusammenhang mit den Corona-Hilfen eher nachrangig, vermutlich, da die Entscheidung für das Engagement eher spontan gefällt wurde und so einem unmittelbareren Handlungsimpuls folgt und weniger längerfristige Erwartungen impliziert. Insgesamt erscheint der Engagement-Zeitrahmen der Ad-hoc-Ehrenamtlichen zunächst auf die Ausnahmesituation begrenzt. Dieser Faktor interagiert mit der Einschätzung der Engagierten, während der Pandemie im Homeoffice über mehr freie Zeit zu verfügen, da sie insgesamt weniger Zeit vor allem für Erwerbsarbeit und zur Pflege von Sozialkontakten aufwenden. 220 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Personenfaktoren Als einer der zentralen nutzenstrukturierenden Personenfaktoren tritt während der Pandemie die subjektive Betroffenheit von der Ausnahmesituation hervor, was die Engagement-Bereiten für die Lage anderer Menschen in der Pandemie zu sensibilisieren scheint. Vor der Pandemie hingegen war die „biografische Passung“ ein entscheidender Faktor für die Aufnahme eines institutionell strukturierten Ehrenamts. Damit verbunden war das konkrete Anliegen, eine bestimmte Lebensphase, wie die baldige Verrentung oder Pensionierung, aktiv zu gestalten. Im Gegensatz dazu scheint aktuell für die Bewältigung der auch biografisch herausragenden Situation eher unmittelbares Handeln, als Folge einer mitunter spontanen Engagement-Entscheidung, charakteristisch. In Bezug auf den antizipierten und auch realisierten Nutzen des eigenen Engagements zeigt sich, dass die Engagierten in der Pandemie weniger deutliche Erwartungen an die sozialen Erfahrungen und die Intensität der sozialen Kontakte während ihres Engagements formulieren; wenngleich in der qualitativen Erhebung alle Befragten angeben, ihre sozialen Kontakte aktuell reduziert zu haben. In der Zeit vor der Pandemie offenbarte sich als zentrale Nutzenerwartung im Zusammenhang mit dem Ehrenamt der Wunsch nach regelmäßigen (intensiven) sozialen Kontakten. Dieser Wunsch konnte, abhängig von der ausgeübten Tätigkeit, in den Nachbarschaftshilfen nicht immer vollumfänglich realisiert werden. Dahingegen offenbart sich bei den Adhoc-Engagierten eher eine untergeordnete Rolle des Wunsches, soziale Kontakte zu knüpfen. Im Vordergrund steht eher das Anliegen, bedarfsgerecht und unmittelbar zu helfen und dadurch Selbstwirksamkeit in der Krisensituation zu erfahren. Die Erwartungen und der antizipierte Nutzen der Corona-Hilfen-Engagierten stellt sich insgesamt als geprägt durch die Angebotsinformation dar, sodass diese entsprechend an die konkreten Erfordernisse der Aufgabe angepasst waren. Die Sinnhaftigkeit des Engagements in der Krisensituation hängt für die Corona- Hilfen-Engagierten ganz wesentlich von der von ihnen diagnostizierten Notsituation ab, in der sich Ältere gerade befinden. Dies entspricht ihrer grundsätzlichen Werteorientierung, solidarisch zu handeln, die sich bei den Interviewten mitunter als biografisch leitmotivisch darstellt. 4. Bedingungsfaktoren zivilgesellschaftlichen Engagements bei etablierten Trägern der Wohlfahrtspflege in der Pandemie Die Situation und die Rolle der Träger der Wohlfahrtspflege stellte sich in der Zeit vor Corona als herausfordernd dar und wurde im Kontext der Forderungen nach einem „neuen Ehrenamt“ in den vergangenen Jahren immer wieder kritisch reflektiert. Entsprechend fokussierten nun die Corona-Hilfen-Erhebungen des 221 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements EZuFöST-Projekts die Rolle der institutionellen Träger und deren Beurteilung durch die Neuehrenamtlichen. Dabei offenbarte sich, dass die Pandemie nicht nur die persönliche Lebenssituation der Befragten gravierend beeinflusste, sondern zugleich zeigte sich auch eine neue Sicht auf die Träger der Wohlfahrtspflege. Entsprechend verbinden die Befragten in der Pandemie ausgesprochen positive Assoziationen mit den Trägergesellschaften. Den Organisationen wird Vertrauen entgegengebracht und ihnen vor allem Seriosität zugeschrieben, was als zentrale Voraussetzung gedeutet wird, damit Ältere sich überhaupt als unterstützungsbedürftig an ein solches Angebot wenden. Der mediale Auftritt in der Krise und die Informationen über aktuelle Engagement-Möglichkeiten (auch über Massenmedien) wird als gut organisiert und professionell wahrgenommen und unterstützt das Vertrauen. Befragt nach den Vorzügen eines trägerbasierten freiwilligen Angebots gegen- über einem von Privatpersonen organisierten, betonen die Interviewten, dass sie die Trägergesellschaften vor allem als kompetenten und in der Arbeit mit älteren Menschen erfahrenen Anbieter einschätzen. Vor allem seien diese in der Lage zu beurteilen, über welche Kanäle Ältere adressiert werden können und verfügten über Know-how, auf das sie selbst in der gegebenen Situation angewiesen sind, und über das ihres Erachtens Initiator*innen spontaner Hilfsaktionen nicht in gleichem Umfang verfügen. Diese Befunde wurden auch in der Fragebogenerhebung bestätigt. Hier kreuzten über 90 Prozent als ausschlaggebend für ihr Engagement bei einem etablierten Träger der Wohlfahrtspflege an, „die Fachkräfte sind Ansprechpartner*innen für ältere Menschen und kennen deren Bedürfnisse“. Auf der Grundlage der zugeschriebenen Kompetenz in der Arbeit mit Älteren beurteilen die Befragten dieses Angebot als besonders nachhaltig, da sie davon ausgehen, dass die aktuellen Bedarfe der Älteren auch nach dem Abklingen der Pandemie weiter berücksichtigt und gefördert werden. Das Bedürfnis, in der Krise unmittelbar handelnd aktiv zu werden, korrespondiert mit den Angaben, die die Befragten der Fragebogenerhebung bezüglich des Nutzens eines Engagements bei etablierten Trägern der Wohlfahrtspflege machen. So ist es ihnen ein zentrales Anliegen, dass die Organisation für ihr eigenes Engagement bereits vorhanden ist und sie sich unmittelbar auf ihre Aufgabe fokussieren können. Die kirchliche Trägerschaft hingegen polarisiert die Befragtengruppe der Leitfadeninterviews stark: Während für einige Interviewte der christliche Kontext das Engagement mit veranlasst, wirkt er auf andere beinahe abschreckend; das Spektrum reicht hier von einem deutlichen missionarischen Anspruch bis zu klar ablehnenden Haltungen. In der Fragebogenerhebung offenbarte sich, dass die Befragten der christlichen Orientierung der Trägergesellschaften, unabhängig von ihrer eigenen Religiongszugehörigkeit, keine besonders große Bedeutung zuschreiben: 222 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Abbildung 6: Bedeutung des christlichen Hintergrunds der Träger in Abhängigkeit von der eigenen Religionszugehörigkeit (in Prozent) n = 151 Quelle: eigene Darstellung Insgesamt trägt die Pandemie also dazu bei, dass die Träger der Wohlfahrtspflege insbesondere als kompetente Ansprechpartner*innen im Zusammenhang mit den Bedarfen Älterer wahrgenommen werden. Die eher untergeordnete Rolle, die einer konfessionellen Ausrichtung zugeschrieben wird, könnte auch als Indiz dafür interpretiert werden, dass im Vorfeld einer Engagement-Entscheidung die christliche Orientierung im Sinne von Selbstselektionsprozessen bestimmte Personen und Personengruppen von einem Engagement Abstand nehmen lässt. 5. Diskussion Die beiden dargestellten Corona-Hilfen-Erhebungen verdeutlichen, dass mit diesem neu konzipierten Angebot in der Ausnahmesituation der Pandemie auch Personengruppen als Freiwillige erreicht werden, die sich bisher nicht im Rahmen von institutionell organisierten Nachbarschaftshilfen engagiert haben. Dabei handelt es sich primär um Berufstätige und jüngere Menschen. Diese neuen Ad-hoc- Ehrenamtlichen beschreiben ihre aktuelle Bereitschaft gebunden an die freie Zeit, über die sie in der Ausnahmesituation verfügen. Darüber wird abermals deutlich, dass Zeit der kritische Faktor im Zusammenhang mit der Engagement-Bereitschaft von Menschen ist, die im Erwerbsleben stehen. Betrachtet man die Spezifika der Personen, die sich aktuell institutionell im Rahmen der Corona-Hilfen engagieren bzw. engagieren möchten, so tritt deutlich 223 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements hervor, dass es sich um eine weit überdurchschnittlich gebildete Gruppe handelt. Weniger Gebildete sind in dieser Erhebung nicht nur unter-, sondern beinahe gar nicht repräsentiert, sodass sich die schon in anderen Studien diagnostizierte mangelnde soziale Vielfalt im zivilgesellschaftlichen Engagement (z. B. Simonson u. a. 2017: 649; Klatt/Walter 2011) nicht nur als bestätigt, sondern sogar als intensiviert darstellt. Das ist insofern relevant, als es sich bei den geforderten Tätigkeiten um Alltagsverrichtungen handelt, die fast alle Menschen regelmäßig ausüben und die keinerlei Vorkenntnisse oder besonderer Fachkompetenzen bedürfen, und somit in den Anforderungen der Aufgaben kein Ausschlusskriterium bestimmter gesellschaftlicher Gruppen begründet liegen dürfte. Vergleicht man die Gruppe der Ad-hoc-Ehrenamtlichen im Weiteren mit den Befunden, die die Analysen des Ehrenamtssurveys (Simonson u. a. 2017) geliefert haben, so wird deutlich, dass die Corona-Hilfen-Engagierten insofern allgemein Engagierten entsprechen, als sie gebildet sind, sie über Vorerfahrungen mit sozialem Engagement verfügen und ihnen Solidarität ein zentraler Wert ist. Es fällt jedoch auf, dass in der Gruppe dieser Engagierten eine starke Selbstselektion auf der Basis eines hohen Bildungsstands erfolgt ist. Wie dieser Effekt zustande kommt und welches genau die Ausschließungsmechanismen sind, die weniger Gebildete davon abhalten, sich in der Krisensituation institutionell zu engagieren, kann gegenwärtig nur gemutmaßt werden. Da Engagement als soziale Interaktion Öffentlichkeit mitkonstruiert und -bestimmt, bedeutet dies im Weiteren, dass hier wesentliche Teile der Gesellschaft, insbesondere Menschen, die strukturell sozial benachteiligt sind – bspw. Personen mit niedrigeren Bildungs- und Berufsabschlüssen, Menschen in finanziell prekären Verhältnissen sowie Menschen ohne Erwerbsarbeit –, auch im Hinblick auf die Mit-Gestaltung der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Gleichsam wird deutlich, dass jene, die sich institutionell im Rahmen der Corona- Hilfen engagieren, dies auch tun können, da sie in einer privilegierten Situation leben. Diese ist zwar durch die Auswirkungen des Lockdowns auch Einschränkungen unterworfen, bietet dabei jedoch so viel Stabilität, dass sie Möglichkeiten haben, sich – neben der Selbstsorge (vgl. Jakob 1993) – auch solidarisch mit anderen zu verhalten. Sie reagieren dabei impulsiv und zeitnah, das heißt, sie haben keinen lang gehegten und geplanten Vorsatz, sich ehrenamtlich zu engagieren, sondern die Ad-hoc-Engagierten erleben sich in einer Ausnahmesituation, die sie für viele andere als Notsituation wahrnehmen. In dieser streben sie kein dauerhaftes Engagement (ein Ehren-„Amt“) an, sondern möchten unmittelbar und punktuell aktiv werden, auch um sich als selbstwirksam und handelnd erfahren zu können. Für die Engagierten scheinen hier regelrechte „Nutzenkalkulationen“ abzulaufen: Ich kann helfen, ich habe mich in solchen und ähnlichen Situationen bewährt und bin gegenwärtig nicht unmittelbar bedroht. 224 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Dass sie ihr Engagement nun im Rahmen der institutionell organisierten Corona- Hilfen anbieten, hat primär pragmatische Gründe: Sie schreiben dem Wohlfahrtsträger als Anbieter der institutionell organisierten Corona-Hilfen sehr klar umrissene Kompetenzen (Erfahrung in der Arbeit mit Älteren) und Funktionen (Vermittlung von zu begleitenden Älteren) zu. Die Rolle der christlichen Trägerschaft lässt sich dabei bestenfalls ambivalent einordnen. Möglicherweise bedingt sie Selbstselektionsprozesse anderer potenziell engagierter Menschen, die aufgrund dessen eine negative Engagement-Entscheidung fällen. Diese empirischen Analysen machen somit darauf aufmerksam, dass es sich bei den (potenziell) Engagierten um nur kleine Teile der Gesellschaft handelt und nicht alle gesellschaftlichen Gruppen repräsentiert sind. Das bedeutet auch, dass zahlreiche Menschen sich gegenwärtig entweder aufgrund ihrer Lebenssituation noch nicht (sichtbar) engagieren können oder wollen, oder durch institutionelle Grenzen und Barrieren vom institutionellen Engagement ausgeschlossen werden. Diesem Aspekt kommt ein besonderes Gewicht zu, da freiwilliges Engagement nicht nur die Teilhabe der Adressat*innen – also hier der älteren Menschen selbst – begünstigt. Darüber hinaus hat das Engagement auch einen subjektiven Nutzen für die Engagierten selbst (van Rießen/Henke 2020): Denn sich sozial zu engagieren bedeutet daneben immer, (mit) zu gestalten und dadurch auch selbst Teilhabe und Anerkennung zu erfahren. Für institutionelle Träger der Wohlfahrtspflege erwachsen aus den hier vorliegenden empirischen Analysen der Corona-Hilfen-Erhebungen verschiedene Reflexionsperspektiven, wollen sie weiterhin ausreichend Menschen ansprechen, die ihr Engagement zur Verfügung stellen. So erscheint erstens unabdingbar, dass sie sich in der Konzipierung von Engagement-Arrangements nicht nur an den Bedürfnissen der Inanspruchnehmenden ausrichten (hier der älteren Menschen). Zudem sollte konsequent und kontinuierlich die Perspektive der Engagierten in die strukturelle Ausgestaltung der Angebote einbezogen werden. Dafür ist es sowohl relevant, den antizipierten Nutzen der Engagierten als auch die Umstände zu berücksichtigen, unter denen sich jene überhaupt engagieren können. Erst dann geraten Bedingungen in den Fokus, die dem Engagement im Wege stehen. Angesprochen sind damit beispielsweise Wege der Ansprache bzw. Modelle, die kompatibel mit Erwerbs- oder Care-Arbeit sind. Zweitens gilt es zu reflektieren, ob die Vielfalt der Gesellschaft in den Angebotsformen berücksichtigt wird – und wenn dies nicht der Fall ist, was geändert werden muss, um allen die Möglichkeit zu geben, sich zu engagieren und damit die gesellschaftliche Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen zu ermöglichen. Hier kann unter anderem die Frage integriert werden, wie welche Personen über welche Medienkanäle adressiert werden und welche Einoder Ausschlussprozesse möglicherweise dazu beitragen, bestimmte Personengruppen nicht zu erreichen. 225 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Aufsätze van Rießen & Henke, Der Nutzen zivilgesellschaftlichen Engagements Literaturverzeichnis BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2016): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Zentrale Ergebnisse des Deutschen Freiwilligensurveys 2014, Berlin. 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Jepkens, Katja, Anne van Rießen und Rebekka Streck (2020b): Nutzung Sozialer Arbeit im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen, In: Soziale Arbeit, 69, Heft 2, S. 42–48. Klatt, Johanna und Franz Walter (2011): Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement, Bielefeld. Kuckartz, Udo (2018): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung, Weinheim/Basel. van Rießen, Anne (2020): Subjekt- und Ressourcenorientierung, in: Soziale Arbeit in Schlüsselbegriffen, hrsg. von Peter-Ulrich Wendt, Weinheim/Basel, S. 78–83. van Rießen, Anne und Christian Bleck (2020) (im Erscheinen): Nahraum, in: Sozialraum. Eine elementare Einführung, hrsg. von Fabian Kessl und Christian Reutlinger, Wiesbaden. van Rießen, Anne und Katja Jepkens (Hrsg.) (2020): Nutzen, Nicht-Nutzen und Nutzung Sozialer Arbeit. Theoretische Perspektiven und empirische Erkenntnisse subjektorientierter Forschungsperspektiven, Wiesbaden. van Rießen, Anne und Stefanie Henke (2020): Selbstbestimmte Teilhabe älterer Menschen durch ehrenamtliches Engagement. Chancen und Herausforderungen, in: Blätter der Wohlfahrtspflege, 167. Jg., Heft 5, 173-176. Schaarschuch, Andreas und Gertrud Oelerich (2005): Theoretische Grundlagen und Perspektiven sozialpädagogischer Nutzerforschung, in: Soziale Dienstleistungen aus Nutzersicht. Zum Gebrauchswert Sozialer Arbeit, hrsg. von Gertrud Oelerich und Andreas Schaarschuch, München/Basel, S. 9–25. Simonson, Julia, Claudia Vogel und Clemens Tesch-Römer (Hrsg.) (2017): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der deutsche Freiwilligensurvey 2014, Wiesbaden. Stadt Köln (2013): Bevölkerungs-, Gebäude- und Wohnungszählung. Erste Ergebnisse, www. stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf15/koelner-statistische-nachrichten-2-2013-zensus-2011.pdf (31.08.2020). Stadt Köln (2018): Mietspiegel in Köln, www.koeln.de/immobilien/mietspiegel.html (22.09.2020). Stadt Köln (2019): Kölner Stadtteilinformationen, file:///C:/Users/stefa/AppData/Local/Temp/ stadtteilinformationen_2019.pdf (22.09.2020).

Abstract

The article reflects changes in the field of neighbourly volunteer work in welfare associations during the coronavirus pandemic by analysing: Who engages in these activities during the pandemic? What are the benefits of volunteering for the volunteers and what are the reasons to volunteer in a welfare association in this special situation? The results are compared to findings of a study in this field conducted before the pandemic and conclusions for the design of future volunteer jobs are drawn.

Zusammenfassung

Der Artikel fasst die Ergebnisse einer Studie im Mixed-Methods-Design zusammen und beleuchtet dabei zivilgesellschaftliches Engagement1 im Rahmen institutioneller Nachbarschaftshilfen vor und während der ersten Wochen der Corona-Pandemie. Dazu wird zunächst analysiert, welche Personen sich während der Pandemie zum Engagement bereit erklären, um dann aus der Sicht der Befragten zu rekonstruieren, welchen Nutzen sie ihrem Engagement zuschreiben. Schließlich wird reflektiert, was Menschen veranlasst, sich in der besonderen Situation der Pandemie bei etablierten Trägern der Wohlfahrtspflege zu engagieren. Im Weiteren werden die Ergebnisse aus der Perspektive gesellschaftlicher Teilhabe interpretiert.

References
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Zusammenfassung

Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.