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Birthe Tahmaz, CoronaPandemie und organisierte Zivilgesellschaft: Krise oder Chance? Ergebnisse eines real-time-Führungskräfte-Panels in:

Voluntaris, page 343 - 351

Voluntaris, Volume 8 (2020), Issue 2, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2020-2-343

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343DOI: 10.5771/2196-3886-2020-2-343 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Debatte & Dialog DOKUMENTATIONEN Corona Pandemie und organisierte Zivilgesellschaft: Krise oder Chance? Ergebnisse eines real-time Führungskräfte Panels Dr. Birthe Tahmaz Sozialwissenschaftlerin | Projektleiterin organisierte Zivilgesellschaft ZiviZ gGmbH im Stifterverband | birthe.tahmaz@stifterverband.de Zusammenfassung Die Corona-Pandemie hat durch die Erkrankung und den Tod vieler Menschen Deutschland in eine Krise gestürzt. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus bedingen weitere Einschränkungen für das zivilgesellschaftliche Engagement. Krisen als Prozesse des Wandels bergen jedoch auch immer Momente der Chance, so auch für die organisierte Zivilgesellschaft. Diese These beleuchtet der Beitrag anhand der Ergebnisse des Engagement-Barometers, einer Panelbefragung von Zivilgesellschaft in Zahlen (ZiviZ) im Stifterverband. Mit finanzieller Unterstützung der Länder Bayern, Berlin, Rheinland-Pfalz und der Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern hat ZiviZ im Frühjahr und Sommer 2020 Führungskräfte von Verbänden und Infrastruktureinrichtungen gemeinnütziger Organisationen zur Situation in der Pandemie befragt. Im Mittelpunkt standen vor allem die Mitglieder- und Engagemententwicklung, die finanzielle Situation sowie Digitalisierungsprozesse. 1. Einleitung Wenn auch unüblich für Beiträge wie diese, soll dieser Artikel mit einer fiktiven Anekdote beginnen. Sie vereint viele Elemente, die den Lesenden aus der Praxis vertraut sein werden: Eine ältere Frau, bereits Rentnerin, lebt in einer Kreisstadt in Deutschland und engagierte sich bis zum Frühjahr 2020 mit Freude in ihrer Kirchengemeinde, bei einer Schülernachhilfe und bei der Pflege des Stadtparks. Das Ehrenamt war ein wichtiger Teil ihres Alltags, sie wurde gebraucht und sie brauchte diese Pflichten, um ihre freie Zeit und ihre Lebenserfahrung in das gesellschaftliche Leben einbringen zu können. Durch die Corona-Pandemie musste sie von heute auf morgen dieses Engagement einstellen. Sie begab sich mehrere Wochen in Isolation und litt sehr darunter, kaum anderen Menschen begegnen und helfen zu können. Die Pandemie stürzte sie in eine schwere Krise. Der Stadtpark verwilderte, aber vor allem die Kinder der Nachhilfegruppe litten unter dem Wegfall des Angebots. Sie waren plötzlich auf sich allein gestellt, den Unterrichtsstoff zu bewältigen und verloren während des Shutdowns den Anschluss in der Klasse. 344 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Im Kreis Höxter und anderen Dörfern in Deutschland ging das Gemeindeleben jedoch weiter – nur eben digital. Höxter ist eine von drei Verbandsgemeinden, die 2015 im Rahmen des Pilotprojekts „Digitale Dörfer“ mit der Entwicklung einer gemeinsamen digitalen Plattform starteten, um durch smarte Lösungen Leben in ländlichen Regionen zu unterstützen. In nur wenigen Monaten wurde aus dem Projekt ein bundesweit populäres Programm für smartes Dorfleben, welches mittlerweile deutschlandweit von mehr als zwei Dutzend Gemeinden genutzt und gemeinsam weiterentwickelt wird. DorfbewohnerInnen werden beispielsweise über die App der Gemeinde über aktuelle Veranstaltungen, Hilfsangebote oder auch neue Verordnungen aufgrund der Corona-Pandemie informiert. Viele BewohnerInnen erfahren mit diesem Service in der außergewöhnlichen Zeit, an welchen Stellen digitale Angebote eine hilfreiche Ergänzung sein können, um den Alltag so wenig wie möglich umgestalten zu müssen. Zugleich verlegen sie den Plausch am Gartenzaun in digitale Räume und nutzen ein digitales Brett, um beispielsweise Einkaufshilfen zu organisieren.1 Die Corona-Pandemie und ihre Folgen haben Deutschland und die Welt in eine tiefe Krise gestürzt. Krisen sind disruptive Prozesse des fundamentalen Wandels. Jedem Wandel gehen jedoch immer auch vereinzelte Momente des Neustarts voraus. Sollten sich in der Corona-Krise also auch Indizien für neue Chancen finden lassen? ZiviZ im Stifterverband hat bereits im April 2020 45 Führungskräfte von Verbänden und Infrastruktureinrichtungen der organisierten Zivilgesellschaft mittels leitfadengestützter Interviews befragt, inwiefern gemeinnützige Organisationen von der Pandemie betroffen sind und wie sie, unter den besonderen Verordnungen zur Eindämmung, ihre Tätigkeiten fortsetzen konnten. Finanziert von den Ländern Bayern, Berlin, Rheinland-Pfalz und der Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern, hat ZiviZ die Ergebnisse in der Studie „Lokal kreativ, finanziell unter Druck, digital herausgefordert. Die Lage des freiwilligen Engagements in der ersten Phase der Corona-Krise“ veröffentlicht (Krimmer u. a. 2020). Die Erkenntnisse waren erste Momentaufnahmen. Daher wurde eine zweite Befragung in Form eines Onlinefragebogens im August vorgenommen und ausgewertet. Auch in dieser Befragung schätzten die Führungskräfte die Situation der Mitglieder- bzw. vernetzten Organisationen ein. Von 135 angeschriebenen Organisationen konnten 60 ausgefüllte Fragebögen ausgewertet werden. Die Ergebnisse wurden Anfang Oktober in dem Grafikenband „Freiwilliges Engagement während der Corona-Pandemie: Zurechtfinden in einer ‚neuen Normalität‘“ veröffentlicht. Dieses Engagement-Barometer ist als real-time-Befragung konzipiert und die Aussagen der Befragten sind nicht repräsentativ für die breite Engagementlandschaft 1 Weitere Informationen zum Projekt unter: www.digitale-doerfer.de/das-projekt/ (05.10.2020). 345 Tahmaz, Corona-Pandemie und organisierte Zivilgesellschaft: Krise oder Chance? Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen von circa 700.000 gemeinnützigen Organisationen in Deutschland (Priemer/ Krimmer/Labigne 2017). Nichtsdestotrotz konnte das Projekt Hinweise erfassen, die auf Chancen für die organisierte Zivilgesellschaft in der Pandemie hindeuten. Es gilt, diese Hinweise in anschließenden Untersuchungen, quantitativ oder qualitativ zu überprüfen und auszudifferenzieren. Dieser Beitrag diskutiert daher die Frage: Birgt die derzeitige Situation des organisierten zivilgesellschaftlichen Engagements während der Corona-Pandemie Chancenmomente, die genutzt werden können und sollten? Wenn ja, können wir aus den Ergebnissen der qualitativen und quantitativen Befragungen des Engagement-Barometers schließen, ob die Corona-Pandemie als Krise oder Chance für die Zivilgesellschaft zu bewerten ist? Auf den folgenden Seiten werden diese Indizien bzw. Hinweise detaillierter beschrieben und der Anteil sowohl der Krise als auch der Chance in ihnen diskutiert. Dabei handelt es sich um die Themenbereiche: (1) Engagement- und Mitgliederentwicklung, (2) Finanzierungsstrukturen, (3) Engagement digitalisieren, (4) Governance und Beziehungen zwischen Engagierten, (5) staatliche Soforthilfen sowie (6) Anerkennung und awareness. Der Beitrag wird mit einem kleinen Ausblick enden, der Angebote formuliert, was Beteiligte tun können, damit in bestehenden Krisenzuständen Momente der Chance erkannt und zur Überwindung des Zustands mobilisiert werden können. 2. Indizien der Krise oder der Chancen? 2.1 Engagement- und Mitgliederentwicklung Wie auch während der vermehrten Zuwanderung geflüchteter Menschen 2015/16 zu beobachten war, stieg die Zahl der spontanen und informell Engagierten zu Beginn der Corona-Krise stark an, Engagierte halfen den eigenen NachbarInnen mit der Übernahme von Einkäufen oder organisierten sich in Vereinen oder Initiativen. In den geführten Interviews im Frühjahr 2020 beschrieben die Befragten mehrheitlich, dass das Angebot an helfendem Engagement sogar deutlich grö- ßer sei als die Nachfrage. So sei es ein Phänomen eben dieser Krise, dass das Mehr an verfügbarer Zeit genutzt werde, um sich stärker engagieren zu können (Krimmer u. a. 2020: 18). Sportvereine, aber auch Freizeit- und Migrantenorganisationen fungierten während der besonderen Beschränkungen des öffentlichen Lebens (dem sogenannten Shutdown oder Lockdown) als die zentralen Drehscheiben und Plattformen. Die Interviews führten zu dem Ergebnis: Zivilgesellschaftliches Engagement ist kreativ, flexibel und spontan, um auf Krisen kurzfristig reagieren zu können. Das Prädikat „kurzfristig“ ist dabei jedoch besonders zu betonen sowie das Verb „reagieren“. Denn ein langfristiges und proaktives Gestalten wird nicht möglich 346 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie sein, wenn bei Veranstaltungen, Vereinstreffen oder auch Beratungsgesprächen weiterhin besondere Hygieneschutzmaßnahmen berücksichtigt werden müssen. So bestätigten Teilnehmende bereits in der Frühjahrsbefragung, dass vor allem das bisherige klassische Engagement in sozialen Einrichtungen gefährdet sei. Je länger Ehrenamtliche in diesem Bereich nicht aktiv sein könnten, desto schwieriger, so die Befragten, werde es, diese nach dem Ende der Pandemie wieder reaktivieren zu können. Die Folge wären strukturelle Schäden von Engagementstrukturen, die nur langsam wachsen und sich regenerieren können (Krimmer u. a. 2020: 18 f.). 2.2 Finanzierungsstrukturen In der Online-Befragung im August 2020 wurden die Teilnehmenden gefragt, ob Mehrkosten durch diese besonderen Hygieneschutzmaßnahmen verzeichnet wurden. 66 Prozent der Befragten bestätigten dies und gaben an, dass diese Kosten teils erheblich seien (Krimmer/Tahmaz 2020: 13). Auch Einnahmen über Mitgliedsbeiträge seien rückläufig, so 25 Prozent. Weniger Einnahmen durch Spenden bestätigte sogar mehr als jeder Zweite. 53 Prozent schätzten den Anteil von Organisationen, die sich bereits in einer existenzgefährdeten Situation befinden, auf ein Viertel (Krimmer/Tahmaz 2020: 12 f.). Die bisherigen Wege der Finanzierung von gemeinnützigem Engagement sind in die gegenwärtige Situation einer „neuen Normalität“ nicht deckungsgleich übertragbar. Bisher nicht ausgeschöpfte rechtliche Handlungslücken werden sichtbar und stellen beispielsweise zu Recht die Frage, ob die gegenwärtige Existenzkrise einer Stiftung oder eines Vereins hätte verhindert werden können, wenn das Gebot der zeitnahen Mittelverwendung differenzierter formuliert wäre und im Vorfeld Rücklagen für Notfälle wie diesen hätten gebildet werden können (Krimmer u. a. 2020: 8). So verneinten 44 Prozent der Befragten die Frage, ob es angemessen sei, den Zugang zu Soforthilfen daran zu koppeln, dass zuvor Rücklagen aufgebraucht würden (Krimmer/ Tahmaz 2020: 22). Anderseits ist die aktuelle Situation eine wichtige Chance für Online-Fundraising- Kampagnen, die ganz neue Möglichkeiten des Engagements und des Beteiligungsinteresses eröffnen. Sie und viele andere Chancen sollten nun mit den Beteiligten diskutiert, entwickelt und genutzt werden. 2.3 Engagement digitalisieren Der Shutdown hat viele Organisationen gezwungen, sehr schnell zu entscheiden, ob sie ihre Arbeit gänzlich einstellen oder eine digitale Fortsetzung versuchen wollen, indem sie Programme und Applikationen ausprobieren und mit den Erfahrungen lernen und an ihnen wachsen. Engagierten wurde durch diesen Push an digitalen Alternativen bewusst(er), dass diese eine sinnvolle Ergänzung zu analogen Formen sein können, im Engagementalltag jenseits der Pandemie. Jedoch sind die Bedarfe weiterhin massiv. So zeigte im Rahmen der zweiten Befragung 347 Tahmaz, Corona-Pandemie und organisierte Zivilgesellschaft: Krise oder Chance? Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen die Abfrage der größten Probleme und Herausforderungen im Digitalisierungsbereich, dass für mehr als drei Viertel der Teilnehmenden sämtliche Antwortmöglichkeiten ein großes Problem bzw. Herausforderung seien. Dazu zählen: digitales Know-how der Engagierten schaffen (92 %), Hardwareausstattung gewährleisten (88 %), Überblickswissen über digitale Instrumente sicherstellen (87 %), digitales Know-how der Mitarbeitenden schaffen (87 %), Umsetzbarkeit der Arbeit in digitale Formate sicherstellen (87 %), Netzabdeckung und Breitbandausbau sicherstellen (75%), Datensicherheit gewährleisten (73 %), Datenschutz sicherstellen (72 %), mangelnde Beratungsangebote ausgleichen (72 %) sowie Open-Source- Software etablieren (58 %) (Krimmer/Tahmaz 2020: 15). Zweitens wurde durch die qualitative Befragung im Frühjahr deutlich, dass Organisationen sich in Situationen des Dilemmas wiederfanden. Um die Arbeitsfähigkeit der Organisation aufrechtzuerhalten, waren datenschutzrelevante Bedingungen nicht immer gegeben, trotzdem entschieden sich viele für die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit und gegen das Einhalten sämtlicher datenschutzrelevanter Standards (Krimmer u. a. 2020: 5). 2.4 Governance und Beziehungen zwischen Engagierten Die Auswertung der Frühjahrsbefragung deutete auf eine Verschiebung bisheriger Governance-Prozesse hin. „In der Krise stellt das Hauptamt die organisationale Infrastruktur für das Ehrenamt noch stärker als sonst dar“ (Krimmer u. a. 2020: 6). Ehrenamtliche konnten in den Vereinsbüros nicht mehr so präsent und tätig sein, wie zuvor, bisherige Verwaltungsstrukturen verhinderten ihre digitale Beteiligung. Interviewees berichteten, dass viele der Aufgaben nun auf den Schultern hauptamtlich Tätiger lagen. Auch Entscheidungen, die zuvor im Team getroffen wurden, mussten teils schnell und weniger abgestimmt getroffen werden. Diese Entwicklung trifft auf Einzelfälle zu, ist jedoch nicht als Trend für die breitere Landschaft gemeinnütziger Organisationen zu deuten, wie die Ergebnisse des Sommer-Surveys bestätigen. Nur 16 Prozent der VertreterInnen von Verbänden und Infrastruktureinrichtungen gaben an, dass während des Shutdowns Entscheidungen zunehmend von Hauptamtlichen ohne Abstimmung mit Ehrenamtlichen getroffen wurden (Krimmer/Tahmaz 2020: 9). Dass das Hauptamt in Krisenmomenten eine kurzweilige Governance-Rolle übernehmen kann, ohne nachhaltigen Schaden an der gemeinnützigen, vom Ehrenamt maßgeblich geprägten Engagementlandschaft zu verursachen, ist ein wichtiges Signal. Nichtsdestotrotz sollte diese Situation nicht erneut eintreten müssen. Sie könnte durch das Erproben von anderen Kommunikations- und Abspracheformaten und -routinen verhindert werden, die die Last auf den Schultern auch in anderen besonders fordernden Situationen besser verteilen. 348 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie 2.5 Staatliche Soforthilfen Mit verschiedenen Hilfsprogrammen reagierten Bund und Länder im Sommer 2020, um zivilgesellschaftliche Organisationen finanziell entlasten zu können. So konnten zum einen Einmalzahlungen beantragt werden, zum anderen wurden und werden teils weiterhin Darlehen zu niedrigen Zinsbedingungen angeboten. Die Konzepte der Länder sind unterschiedlich aufgestellt. Für Kultur- und Sportorganisationen ist nahezu in jedem Bundesland ein eigenes Sonderprogramm konzipiert. Andere berücksichtigen zusätzlich noch gesondert Natur- und Tierschutz (siehe bspw. NRW und Schleswig-Holstein). Auch die Höhe der Fördergelder variiert. Während manche Länder speziell für die einzelnen Organisationstypen oder Themenbereiche Sonderprogramme anbieten (so bspw. Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein), stellen andere ein Hilfsprogramm bereit, für das sämtliche gemeinnützigen Organisationen Anträge einreichen können. Im Rahmen der zweiten Befragung wurden Führungskräfte der Verbände und Infrastruktureinrichtungen befragt, wie sie die Soforthilfeprogramme bewerteten. 34 Prozent der Befragten gaben an, dass diese Hilfszahlungen erste Einnahmeausfälle abgefedert hätten. Nur 17 Prozent waren der Meinung, dass diese an den Bedarfen vorbeigingen. Sieben von zehn waren jedoch auch der Meinung, dass ein zweites Maßnahmenpaket in den kommenden Monaten aufgesetzt werden müsse (Krimmer/Tahmaz 2020: 22). Dieses Ergebnis verdeutlicht: Die Soforthilfeprogramme, welche kurzfristig „Löcher stopfen“ sollten, haben ihr Ziel durchaus erreicht. Jedoch hat der Schaden der Pandemie für gemeinnützige Organisationen nachhaltige Tragweite. So verursachen die besonderen Auflagen für Veranstaltungen im öffentlichen Raum und unmittelbare Pflege oder Betreuung Mehrkosten durch Hygienemaßnahmen. Die Wirtschaftsrezession schmälert das Einkommen ehrenamtlich Engagierter, was sich bereits jetzt in Mindereinnahmen durch Mitgliedsbeiträge niederschlägt, Spendeneinnahmen sind ebenfalls rückläufig. Um aus dem Zustand der Schuldenbegleichung in jenen eines Neustarts des gemeinnützigen Engagements in Deutschland zu kommen, sind weitere Finanzhilfen notwendig. 2.6 Anerkennung und Awareness Die Engagementbereitschaft und gemeinsam entwickelte Ideen, welche seit dem letzten Frühjahr zu beobachten sind, beeindrucken. Auch Monate nach dem Ende des Shutdowns kam es nicht gleich zu einem Einbruch spontaner Engagementbereitschaft, wie unser Survey des Sommers zeigt. 35 Prozent beobachteten ein Nachlassen, 28 Prozent widersprachen dieser Beobachtung und 37 Prozent konnten bislang keinen klaren Trend in die ein oder andere Richtung beobachten (Krimmer/Tahmaz 2020: 9). 349 Tahmaz, Corona-Pandemie und organisierte Zivilgesellschaft: Krise oder Chance? Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Engagierte und Organisationen im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, Migrantenorganisationen sowie Selbsthilfe und Engagement fördernde Infrastruktureinrichtungen waren gerade im Frühjahr besonders gefordert. Doch die Wahrnehmung, für dieses auch „systemrelevante“ Engagement nicht entsprechend wertgeschätzt zu werden, wurde in den geführten Interviews im Frühjahr dieses Jahres mehrfach zum Ausdruck gebracht (Krimmer u. a. 2020: 6). Mangelt es an einer gewissen Sensitivität oder awareness für diese Akteur*innen, ihre Leistungen für die Gesellschaft und ihre Expertise? Diese Frage scheint nachvollziehbar, denn nur jedeR vierte Befragte war in die Entwicklung eines Soforthilfeprogramms eingebunden (Krimmer u. a. 2020: 19). Der Gedanke, aus der gegebenen Krisensituation Handlungs- und Veränderungsmöglichkeiten zu identifizieren und diese in Chancen zu operationalisieren, benötigt ein Gefühl der grundsätzlichen „Rückendeckung“. Diese scheint jedoch weder in der Gesellschaft (durch Anerkennung) noch in der Verwaltung und Politik (durch awareness des Expertenpotenzials) gegeben zu sein. 3. Bilanz und Ausblick Ist die Corona-Pandemie Krise oder Chance für die Zivilgesellschaft? Und kann eine Panelbefragung, die zeitgleich während der Pandemie Daten unter 45 bis 60 Führungskräften von Verbänden und Infrastruktureinrichtungen gemeinnütziger Organisationen erhebt, hier Aufschluss geben? Die sehr frühzeitige Befragung von ZiviZ unter Stakeholdern der Verbände und Infrastruktureinrichtungen hat durch die Erfahrungen und Bewertungen nur einen Einblick in die tatsächliche Situation der Organisationen gewähren können. Eindeutige belastbare Aussagen können erst repräsentative Befragungen oder ausführliche qualitative Befragungen und Dokumentenanalysen geben. ZiviZ plant beispielsweise im Rahmen des kommenden repräsentativen ZiviZ-Surveys für das Jahr 2021 einen Frageschwerpunkt zu den Auswirkungen der Pandemie auf die circa 700.000 zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland (Priemer/ Krimmer/Labigne 2017). Jedoch ist auch ein Panel unter Führungskräften ein wichtiger Mehrwert für die Zivilgesellschaftsforschung. Es kann Trends erfassen und Themen des Wandels, der Herausforderung oder der positiven Entwicklung eingrenzen. Repräsentative Datenerhebungen sowie qualitative Arbeiten können auf dieser „Basisarbeit“ aufbauen und die als relevant identifizierten Erkenntnisinteressen anschließend ausführlich beleuchten. Anhand von sechs Themenbereichen wurden Hinweise herausgearbeitet, die Tendenzen andeuten. Was ist ihre Bilanz? Und was kann unternommen werden, damit sich in diesen Bereichen aus einem weiterhin andauernden Krisenzustand ein Prozess der Chance entwickeln kann? 350 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Erstens: Nach 2015/16 haben die Menschen in Deutschland erneut bewiesen, dass ihr Engagement sowohl spontan als auch kreativ ist. Das ist eine wichtige Beobachtung. Jedoch kann dieses Engagement nur von Dauer und in der organisierten Zivilgesellschaft nachhaltig integriert werden, wenn es Anerkennung findet, sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch von Politik und Wirtschaft. Zweitens müssen die finanziellen Strukturen der Organisationen so über die Dauer der Pandemie hinweg stabilisiert werden, dass durch engagierte und kreative Informationskampagnen das Interesse an Engagement aufrechterhalten und in andere Tätigkeitsformen übersetzt werden kann. Wer im Frühjahr noch Einkäufe übernommen hat, kann sich nun vielleicht auch mit Vorlesestunden für Kinder via Skype anfreunden. Drittens: Digitale Möglichkeiten zu entdecken, testen und zu etablieren, dies wird nur mit finanziellen Mitteln zur Beschaffung von Hardware, Programmen und Formaten für Wissenstransfer möglich sein. Zudem können gerade jetzt jüngere Engagierte oder an Engagement Interessierte ihr digitales Wissen einbringen. Sie können Älteren die Scheu vor Geräten und Apps nehmen, sie begleiten, anleiten und damit einen wichtigen Mehrwert für die Weiterentwicklungen der Organisationen in eine digitale Zukunft leisten und zugleich dem Rückgang von Vereinsmitgliedschaften entgegenwirken. Ihr Interesse gilt es für die Themen der Organisationen zu wecken und sie nachhaltig einzubinden. Viertens: Mit den Soforthilfeprogrammen für gemeinnützige Organisationen haben Bund und Länder schnell reagiert und Betroffene dabei unterstützt, Einnahmeausfälle überbrücken zu können. Die Rolle der Verantwortung, in der sie sich in dieser Situation für die Organisationen sehen, ist ein guter Moment für die Gestaltung der zukünftigen Beziehungsfacetten zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Jedoch bleiben weiterhin die Einnahmen von Vereinen, kleinen Stiftungen und anderen sehr niedrig, da weniger gespendet wird, weniger Mitgliedsbeiträge gezahlt werden und übliche Veranstaltungen als Einnahmequellen ausbleiben. Fünftens verursachen die besonderen Hygienemaßnahmen zusätzliche Mehrkosten. Es ist daher gut, dass bereits jetzt Länder beraten, ob und wie sie ihre bisherigen Programme nochmals anpassen können oder neue Hilfsprogramme konzipieren sollten. Wo wäre beispielsweise der Erlass von Mietkosten bei der Nutzung von Räumen für Treffen von Selbsthilfegruppen oder Weiterbildungskursen möglich? Wären neue Mitgliedschaftsformen, beispielsweise „Vereinsmitglied light“, denkbar? Hier sind sämtliche beteiligten AkteurInnen gefragt, die gemeinsam Alternativen entwickeln und einführen müssen. So können die Hilfen noch besser an die Bedarfe angepasst werden. Sechstens: In den ersten Wochen der Corona-Pandemie war es Ehrenamtlichen kaum möglich, ihr Engagement weiter auszuüben. Viele Aufgaben mussten 351 Tahmaz, Corona-Pandemie und organisierte Zivilgesellschaft: Krise oder Chance? Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen hauptamtlich Tätige übernehmen. Dies führte in manchen Organisationen kurzfristig auch zu einer Verschiebung der ‚Governance‘-Verteilung. Damit dies nicht erneut eintritt, können bereits jetzt andere Kommunikations- und Abspracheformate und -routinen erprobt werden, mit denen die Last auf den Schultern in Zukunft besser verteilt ist. Dafür werden bisherige rechtliche Regelungen allerdings zeitnah überprüft werden müssen. Hinweise auf aktuelle Chancenmomente für eine engagierte gestaltende Zivilgesellschaft in Deutschland geben die Befragungen des Engagement-Barometers hinreichend. Doch allein wird sie es nicht schaffen. Sie ist angewiesen auf finanzielle Unterstützung, vor allem durch den Staat, mutige, kreative und weiterhin engagierte Köpfe und eine Gesellschaft, die das Engagement anerkennt und wertschätzt. Denn die Corona-Pandemie ist eine, die Struktur unserer Gesellschaft gefährdende Krise. Aus dieser können indirekte Folgekrisen entstehen. Die Gefahr ist gegeben, eine Auswahl an Indizien dafür wurde in diesem Beitrag ebenfalls aufgezeigt. „Wo aber Gefahr liegt, wächst das Rettende auch.“ Im Sinne Friedrich Hölderlins ist darum die Frage berechtigt: Wer, wenn nicht die Zivilgesellschaft, kann durch ihre wertebasierte plurale Engagiertenkultur für sich aus Chancen Realitäten der Krisenüberwindung schaffen? Damit dies gelingt, darf sie ihrem Schicksal aber nicht allein überlassen bleiben. Literaturverzeichnis Krimmer, Holger und Birthe Tahmaz (2020): Freiwilliges Engagement während der Corona- Pandemie: Zurechtfinden in einer „neuen Normalität“, ZiviZ im Stifterverband, Berlin. Krimmer, Holger, Magdalena Bork, Lydia Markowski und Johanna Gorke (2020): Lokal kreativ, finanziell unter Druck, digital herausgefordert. Die Lage des freiwilligen Engagements in der ersten Phase der Corona-Krise, ZiviZ im Stifterverband, Berlin. Priemer, Jana, Holger Krimmer und Anaël Labigne (2017): Vielfalt verstehen. Zusammenhalt stärken, ZiviZ-Survey 2017, Essen.

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Die Corona-Pandemie hat durch die Erkrankung und den Tod vieler Menschen Deutschland in eine Krise gestürzt. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus bedingen weitere Einschränkungen für das zivilgesellschaftliche Engagement. Krisen als Prozesse des Wandels bergen jedoch auch immer Momente der Chance, so auch für die organisierte Zivilgesellschaft. Diese These beleuchtet der Beitrag anhand der Ergebnisse des Engagement-Barometers, einer Panelbefragung von Zivilgesellschaft in Zahlen (ZiviZ) im Stifterverband. Mit finanzieller Unterstützung der Länder Bayern, Berlin, Rheinland-Pfalz und der Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern hat ZiviZ im Frühjahr und Sommer 2020 Führungskräfte von Verbänden und Infrastruktureinrichtungen gemeinnütziger Organisationen zur Situation in der Pandemie befragt. Im Mittelpunkt standen vor allem die Mitglieder- und Engagemententwicklung, die finanzielle Situation sowie Digitalisierungsprozesse.

References
Krimmer, Holger und Birthe Tahmaz (2020): Freiwilliges Engagement während der Corona-Pandemie: Zurechtfinden in einer „neuen Normalität“, ZiviZ im Stifterverband, Berlin.
Krimmer, Holger, Magdalena Bork, Lydia Markowski und Johanna Gorke (2020): Lokal kreativ, finanziell unter Druck, digital herausgefordert. Die Lage des freiwilligen Engagements in der ersten Phase der Corona-Krise, ZiviZ im Stifterverband, Berlin.
Priemer, Jana, Holger Krimmer und Anaël Labigne (2017): Vielfalt verstehen. Zusammenhalt stärken, ZiviZ-Survey 2017, Essen.

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Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.