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Carola Croll, Engagement im Netz trotz(t) Corona in:

Voluntaris, page 352 - 366

Voluntaris, Volume 8 (2020), Issue 2, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2020-2-352

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352 DOI: 10.5771/2196-3886-2020-2-352 Engagement im Netz trotz(t) Corona Dr. Carola Croll Wissenschaftliche Mitarbeiterin | Stiftung Digitale Chancen | ccroll@digitale-chancen.de Das Wort Pandemie kommt „aus dem Griechischen von πᾶν (pan) (dt. allumfassend, ganz, völlig, gesamt) und δῆμος (demos) (dt. das Volk, die Bevölkerung)“ (Wortbedeutung.info o. J.). Seit Beginn des Jahres ist die weltweite Covid-19-Pandemie mehr und mehr zum Hauptthema aller Medien geworden. Dieses Thema betrifft die gesamte Menschheit und die dynamische Entwicklung der Verbreitung des Virus hat andere Themen zunächst in den Hintergrund treten lassen. Wenn man nun aber die wörtliche Übersetzung des Wortes Pandemie im Sinne von „alle Völker umfassend“ zugrunde legt, hat dies mit Krankheit zunächst nichts zu tun. In diesem Artikel soll – am Beispiel des Smart Hero Awards – diskutiert werden, welche Auswirkungen die Pandemie auf das gesellschaftliche Engagement in Deutschland hat. Ob dieses beispielhaft für die Weltbevölkerung stehen kann, muss die Zukunft zeigen. Mit dem Smart Hero Award werden von der Stiftung Digitale Chancen und Facebook seit 2014 Projekte ausgezeichnet, die soziale Medien für den guten Zweck nutzen. Smart steht dabei für den klugen Einsatz von Social Media für Anerkennung, Respekt und Toleranz. Als am 22. Februar die Bewerbungsphase des Smart Hero Awards unter dem diesjährigen Thema NACHHALTIG.ENGAGIERT gestartet ist, war ein Lockdown wie in Wuhan für Deutschland noch unvorstellbar und der Wettbewerb lief zunächst an wie in jedem anderen Jahr auch. Zum siebten Mal sollten Smart Heroes gesucht werden; 2020 in den Kategorien: • Sozial Handeln: Smart Heroes, die sozial handeln, setzen sich für ein starkes und soziales Miteinander ein. Sie leisten zum Beispiel Hilfestellung in Notsituationen oder helfen Menschen bei einer Einschränkung durch Krankheit oder Behinderung. • Demokratisch Gestalten: Smart Heroes, die demokratisch gestalten, machen sich für die gleichen Chancen und Rechte aller Menschen stark. Sie fördern zum Beispiel den gesellschaftlichen Dialog oder leisten Aufklärungsarbeit im Bereich demokratische Werte. • Ökologisch Wirtschaften: Smart Heroes, die ökologisch wirtschaften, setzen sich für den Schutz von Natur und Ressourcen ein. Sie sensibilisieren zum Beispiel für das Thema „bewusster Konsum“ oder leisten einen aktiven Beitrag für die Umwelt. 353 Croll, Engagement im Netz trotz(t) Corona Drei Wochen nach Wettbewerbsstart waren die Schulen und Geschäfte geschlossen und es gab auch in Deutschland nur noch ein Thema in den klassischen sowie auch in den sozialen Medien. Die Covid-19-Pandemie hat sich direkt in den Bewerbungen für den Wettbewerb bemerkbar gemacht. Denn bei vielen gesellschaftlich engagierten Gruppen waren und sind die Auswirkungen der Pandemie auf ihre Arbeit deutlich zu spüren. Gesellschaftliches Engagement findet unter normalen Umständen größtenteils im realen öffentlichen Raum statt – sei es auf Demos, in Gruppen oder Vereinen, im Dorf, der Familie oder mit den besten Freund*innen. Menschen kommen zusammen, setzen sich gemeinsam für etwas ein und berichten und reden darüber. In der Folge der Einschränkungen physischer Kontakte hat ab Mitte März weltweit eine Verlagerung des öffentlichen und privaten Lebens ins Internet stattgefunden, die in großem Maße auch Aktivitäten des (zivil-)gesellschaftlichen Engagements betrifft. Im Folgenden werden die Entwicklungen, die unter den Einreichungen zum Smart Hero Award 2020 beobachtet werden konnten, vorgestellt. Anhand konkreter Beispiele werden die Anpassungen und Ver- änderungen des sozialen Engagements in Social Media zu Zeiten der Pandemie beleuchtet sowie Überlegungen zur Nachhaltigkeit neuer Entwicklungen und neu gegründeter Initiativen angestellt. Die Informationen zu den einzelnen Projekten stammen aus den Bewerbungen sowie aus der Analyse des Bewertungsteams der Stiftung Digitale Chancen während des laufenden Wettbewerbsjahres. Als Vergleich zu Vorjahren dient die 2019 erschienene Studie „#engagiert – Was zivilgesellschaftliches Engagement im Netz für die Demokratie bewirkt“ (Croll u. a. 2019). Hier wurden die eingereichten Beiträge der ersten vier Wettbewerbsjahre des Smart Hero Awards mittels quantitativer und qualitativer Methoden analysiert und auf ihre Demokratie fördernde Wirkung hin untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Förderung demokratischer Werte, die im zweiten Engagementbericht der Bundesregierung dem Einsatz von Einzelnen oder Gruppen für die Gesellschaft zugesprochen wird, auch eintritt, wenn das Engagement in und mit Social Media ausgeübt wird (Croll u. a. 2019: 9 u. 98). Unter der Überschrift „Engagement trotz(t) Corona“ hat der Smart Hero Award während der Bewerbungsphase auf die Bedeutung der sozialen Medien hingewiesen, die sich angesichts der durch die Corona-Pandemie notwendigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der realen sozialen Kontakte stärker denn je zeigt. Hier finden sich Menschen auf digitalem Weg zusammen, tauschen sich aus, zeigen Solidarität und organisieren Hilfe. Dadurch setzen sie ein wichtiges Zeichen dafür, dass soziale Medien wirklich soziale Medien sein können. Hintergrundinformationen zum Smart Hero Award Im Zeitraum von 2014 bis 2020, in dem der Smart Hero Award bisher ausgeschrieben wurde, konnte die Stiftung Digitale Chancen die Zunahme der Bedeutung von 354 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Social Media im (zivil-) gesellschaftlichen Sektor beobachten. Der Wettbewerb ist die erste und bis jetzt einzige Auszeichnung für Engagement und Social Media in Deutschland. Für die Wettbewerbsdurchführung und die Bewertung der eingereichten Projekte ist es erforderlich, sich stetig auf dem Laufenden zu halten und über aktuelle Entwicklungen im Bereich Social Media und Engagement informiert zu sein. Die Möglichkeiten für das Online-Engagement wandeln sich stetig und schaffen so neue, dauerhafte Chancen. Die Nominierten des Smart Hero Awards – die Smart Heroes – sind Best-Practice-Beispiele für die Nutzung von „Social Media for Social Good“. Mit der jährlichen Anpassung des Kriterienkatalogs zur Bewertung der Einreichungen und der Vergabe von Social-Media-Coachings, einem Jurypreis für den besonderen Einsatz für demokratische Werte oder auch einem Sonderpreis für Facebook-Gruppen, die aktuell immer mehr an Bedeutung gewinnen und darüber hinaus mit der Kampagne #MehrGemeinsam von Facebook aktiv unterstützt werden, reagiert der Wettbewerb auf aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft und im Bereich Engagement in und mit Social Media. Die Nominierung erfolgt nach der Bewertung durch das Team der Stiftung Digitale Chancen und eines Expert*innengremiums.1 Alle Einreichungen werden im ersten Schritt auf Dopplungen durch Mehrfachvorschläge angesehen und auf Rechtskonformität geprüft. Dazu gehören unter anderem die Einhaltung der Impressumspflicht und der gesetzlichen Datenschutzvorgaben. Danach kommt der in sechs Bereiche gegliederte Kriterienkatalog des Wettbewerbs (Qualität der geteilten Inhalte und Informationen, Sinnvoller Einsatz von sozialen Medien, Zielgruppenansprache, Reichweite, Kreativität, Nachhaltigkeit) zum Einsatz. In jeder der sechs Kriteriengruppen werden unterschiedliche Aspekte beurteilt und Punkte vergeben. Die Gesamtpunktzahl aus allen Kriterien entscheidet dann darüber, wer den nächsten Schritt im Bewertungsverfahren erreicht und vom Expert*innengremium begutachtet wird. Final entscheidet die Jury2 über die Vergabe der Preise. Weiterhin wird online über den Publikumspreis abgestimmt. Engagement online und offline Die Zahl der Menschen, die weltweit Social Media nutzen, hat sich von einer Milliarde 2010 auf heute knapp vier Milliarden im Jahr 2020 nahezu vervierfacht (Statista 1 Eine Gruppe von Menschen, die in unterschiedlichen Bereichen mit gesellschaftlichem Engagement und sozialen Medien zu tun haben, unterstützt den Smart Hero Award durch ihre persönliche Expertise. Sie wendet den Kriterienkatalog an, diskutiert gemeinsam die individuellen Urteile und einigt sich am Ende auf die Projekte und Initiativen, welche sie für die Auszeichnung mit dem Smart Hero Award nominiert. 2 Die finale Entscheidung über die Preisträger*innen des Wettbewerbs liegt bei der Jury. Eine Gruppe von Menschen des öffentlichen und politischen Lebens steht vor der schwierigen Aufgabe, aus den Nominierten, die nach dem Votum des Expert*innengremiums alle gleichermaßen für eine Auszeichnung infrage kommen, die Smart Heroes in den drei Kategorien zu bestimmen. 355 Croll, Engagement im Netz trotz(t) CoronaVoluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen 2020). In Deutschland sind geschätzt 50 Millionen Menschen auf Social Media aktiv. Durch diese Entwicklung gewinnen Social-Media-Kanäle auch für das (zivil-) gesellschaftliche Engagement zunehmend an Bedeutung. Sie werden von Privatpersonen wie sozialen Organisationen genutzt, um Aufmerksamkeit auf spezifische Themen zu lenken, die Diskurse um neue Formate der Kommunikation zu erweitern und Menschen kurzfristig wie dauerhaft für soziales Engagement zu mobilisieren. Die Covid-19-Pandemie hat nicht nur die Internetnutzung an sich befördert, sondern auch die Social-Media-Nutzung in der Bevölkerung gesteigert. Laut einer im April 2020 durchgeführten Umfrage, nutzen 75 Prozent der deutschen Bevölkerung Social-Media-Kanäle stärker als vor der Pandemie (Bitkom 2020). In den vergangenen Jahren hat die Verknüpfung von Online- und Offline-Engagement in vielen Bereichen zugenommen und kann inzwischen kaum noch getrennt betrachtet werden (Croll u. a. 2019: 96). Bei der Dokumentation von Engagement, der Mobilisierung zum Aktivwerden und dem Angebot von Dialogformaten wird oft auf eine ausgewogene Mischung und eine gezielte Verknüpfung zwischen online und offline geachtet. Insbesondere bei jungen Menschen findet keine spezifische Trennung mehr statt: Wie auch [der 3. Engagementbericht der Bundesregierung] gezeigt hat, trennen Jugendliche heute nicht mehr zwischen On- und Offline-Leben, die analoge und digitale Welt sind für sie nicht mehr zwei verschiedene Erfahrungsräume, sondern verschmelzen auf vielfältige und dynamische Weise zu hybriden Räumen (Deutscher Bundestag 2020: 135). Diese zunehmende Verschmelzung, die sich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen besonders ausgeprägt zeigt, jedoch auch von anderen Altersgruppen wahrgenommen und gelebt wird, bietet in vielen Bereichen des (zivil-)gesellschaftlichen Engagements eine geeignete Grundlage für den nahtlosen Übergang in rein digitales Engagement zu Zeiten der Covid-19-Pandemie. Auch wenn in Deutschland die Digitalisierung noch nicht so weit vorangeschritten ist, wie in einigen anderen Ländern, so sind mit einer Zahl von 86 Prozent der Bevölkerung, die das Internet nutzen, die Voraussetzungen für das Online-Engagement gegeben (Initiative D21 e. V. 2020: 12). Aus den zum Smart Hero Award 2020 eingereichten Projekten wird deutlich, dass die mit der Pandemie einhergehende Krise viele Menschen motiviert, kreative, digitale Wege für mehr Zusammenhalt und Engagement zu entwickeln. Die Zivilgesellschaft hat sich an vielen Stellen den Herausforderungen der Pandemie gestellt und nutzt den Digitalisierungsschub, um sich neu zu organisieren und zu strukturieren. Hierbei ist zu beachten, dass es sowohl Entwicklungen des Adhoc-Volunteering gibt als auch Initiativen, die sich auf langfristiges Handeln ausrichten. Anhand der Analyse von Beispielprojekten, die in diesem oder auch den 356 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Vorjahren zum Smart Hero Award eingereicht wurden, werden im Folgenden verschiedene Strategien aufgezeigt und es wird analysiert, inwieweit diese sich – auch über die Pandemie hinaus – auf das gesellschaftliche Leben auswirken, welche Risiken und negativen Folgen daraus resultieren können und welche Chancen sich für die demokratische Gesellschaft ergeben. Dass die Covid-19-Pandemie die Nutzung von Social Media tatsächlich beeinflusst hat, lässt sich an vielen Stellen erkennen, auch wenn noch keine konkreten Zahlen und Studien hierzu vorliegen. Es ist davon auszugehen, dass der bereits erläuterte Trend zu höherer Social-Media-Nutzung dazu beigetragen hat, dass sich neue Formate und Unterstützungsangebote vermehrt im digitalen Raum und über Social Media gegründet haben, aktiv sind und längerfristig planen. Der bereits vor Covid- 19 existierende Trend hat durch die Pandemie einen Schub bekommen, aber vieles, von dem, was umgesetzt wird, überhaupt erst ermöglicht. Projekte, die schon länger Social Media nutzen, können ihre Arbeit leichter anpassen und umstellen, während weitere sich neu finden müssen, jedoch von den Erfahrungen anderer profitieren. Im Folgenden werden daher die Smart-Hero-Projekte vor allem unter drei Aspekten betrachtet: Anzahl der Projekte mit Corona-Bezug in den einzelnen Wettbewerbskategorien vor Corona aktiv versus neu gegründet und Themen der eingereichten Projekte mit Corona-Bezug. Im Wettbewerbsjahr 2020 wurden insgesamt 436 Beiträge zum Smart Hero Award eingereicht. Von diesen weisen 130 einen eindeutigen Bezug zum Thema Corona3 auf. Die Einreichungen bestätigen damit die These, die die Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, Sawsan Chebli, im Tagesspiegel aufstellt: „Erfolgreiches Krisenmanagement der Behörden ist unabdingbar, aber wir sehen auch, wie sehr es auf wache und aktive Bürger, auf ein erfolgreiches Miteinander von Politik und Zivilgesellschaft ankommt. Engagement ist systemrelevant!“ (Chebli 2020). Die Smart Hero Kategorien 2020 in Zeiten der Pandemie Betrachtet man die 130 Projekte mit Corona-Bezug genauer, lassen sich verschiedene Aspekte erkennen, die die oben genannte These ebenfalls stützen. 3 Die statistische Auswertung des Corona-Bezugs sowie die Verschlagwortung der Projekte erfolgte im Rahmen der internen Bewertung durch das Bewertungsteam der Stiftung Digitale Chancen im Zeitraum März bis Mai 2020. Bei einigen Projekten kann sich in der Zwischenzeit eine Neudefinierung und Erweiterung des Corona-Bezugs ihrer Social-Media-Arbeit ergeben haben. Wo relevant, wird hierauf Bezug genommen. 357 Croll, Engagement im Netz trotz(t) CoronaVoluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Abbildung 1: Anzahl der Projekte mit Corona Bezug nach Wettbewerbs Kategorien (© ccroll) Die meisten der Projekte haben sich in der Kategorie „Sozial Handeln“ (96 Projekte) beworben und beschäftigen sich mit Themen wie Nachbarschaftshilfe, Soforthilfe, Gesundheit oder allgemeinen Informationen rund um Corona. Hier zeigt sich die Essenz des Corona-Engagements. In oft schnell gegründeten Initiativen engagieren sich Menschen auf unkomplizierte Art für ihre Mitmenschen, zum Beispiel, indem sie über Social Media organisieren, dass Einkäufe erledigt, Post und Care-Pakete verschickt oder Telefongespräche gegen Einsamkeit vermittelt werden. Außerdem werden Online-Angebote zur Unterhaltung, Kinderbetreuung oder sportlichen Betätigung bereitgestellt. Auf diese Art werden Menschen enger zusammengebracht, ohne in direkten physischen Kontakt treten zu müssen. Einige dieser Projekte waren zwischen März und Juni 2020 sehr aktiv, haben aber über den Sommer einen Rückgang der Aktivitäten erlebt. Dies hängt unter anderem mit den Schulferien zusammen, aber auch damit, dass vermehrt Lockerungen in Kraft getreten sind. Durch die Einführung der deutschlandweiten Verordnung zum Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen in Geschäften, dem Personenverkehr und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, sind wieder mehr Menschen unterwegs und die Nachfrage nach Einkaufshilfen etc. hat nachgelassen. Die Strukturen, die Projekte wie die QuarantäneHeld*innen4 oder In Quarantäne? Nachbar hilft! 4 QuarantäneHeld*innen ist eine Plattform, die als virtuelles Schwarzes Brett fungiert: Menschen, die Hilfe benötigen, stellen eine Anfrage, und automatisch werden Helfende aus der Umgebung benachrichtigt. Alle, die helfen möchten, geben an, in welcher Umgebung sie helfen können und werden per E-Mail benachrichtigt, sobald jemand Hilfe benötigt. Zudem kann man auch online über eine interaktive Karte Hilfsgesuche einsehen. Facebook @quarantaenehelden. 358 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie #Coronahilfe #mehrgemeinsam5 aufgebaut haben, lassen sich jedoch jederzeit reaktivieren und vielfach bestehen Kontakte, die während des Lockdowns unter Nachbar*innen geknüpft wurden, weiterhin. So zeigt sich, dass das aus der Not geborene soziale Handeln zu längerfristigem Engagement führen und Menschen zusammenbringen kann. Ein ähnliches Beispiel ist das Projekt Essen packt an!6. Dieses wurde im Jahr 2014 aus einer Notsituation gegründet, um akut zu reagieren und den Menschen vor Ort Hilfe zu bieten. Die geschaffenen Strukturen werden inzwischen für viele weitere Nachbarschafts- und Soforthilfe-Projekte in der Region genutzt. Projekte, die sich in der Kategorie „Demokratisch Gestalten“ (27 Projekte) beworben haben, betrachten unter anderem gezielt die Auswirkungen, die die Pandemie auf die Grundrechte und die demokratischen Werte hat. Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie sich die Veränderungen, denen unsere Gesellschaft durch die Pandemie ausgesetzt ist, längerfristig auf die Gestaltung des sozialen Miteinanders auswirken und welche positiven, aber auch negativen Chancen und Folgen daraus entstehen können. In Debatten, die oft mühelos in den digitalen Raum verlegt werden, stehen Themen wie Fake News, Verschwörungsmythen und Radikalisierung, die durch die Pandemie wie durch ein Brennglas an Bedeutung gewonnen haben, im Fokus. Ebenfalls in dieser Kategorie haben sich Projekte beworben, bei denen der Aspekt der Chancengleichheit in der Bildung im Vordergrund steht und die sich dafür einsetzen, dass vor allem Kinder und Jugendliche in Zeiten von Homeschooling gleichbleibende Chancen und Möglichkeiten haben. Bei der Corona School7 steht das Thema Bildungsgerechtigkeit im Fokus. Das Projekt ist aus einer akuten Notsituation entstanden, jedoch von Beginn an auf Nachhaltigkeit ausgelegt, um auch über die Pandemie hinaus Schüler*innen mit Studierenden zusammenzubringen und der Bildungsbenachteiligung, die aus unterschiedlichen Gründen entstehen kann, entgegenzuwirken. Nur sieben Projekte aus der Kategorie „Ökologisch Wirtschaften“ hatten zur Zeit der Bewertung einen konkreten Bezug zur Pandemie. Dies kann zum einen dadurch bedingt sein, dass die ökologischen Auswirkungen der Pandemie und auch die Klimakrise thematisch zunächst in den Hintergrund gerückt waren. Zum anderen nutzen viele der Projekte aus dem Bereich ökologisches Wirtschaften Social Media in erster Linie zu Aufklärungszwecken und konnten so trotz Corona ihre Arbeit relativ 5 Die Facebook-Gruppe In Quarantäne? Nachbar hilft!, die inzwischen eine Kooperation mit den Quarantäne- Held*innen eingegangen ist, vernetzt bundesweit Hilfesuchende mit Hilfegebenden. So soll eine “Kultur des Helfens” als neue soziale Praxis vor dem Hintergrund von Social Distancing ermöglicht und gefördert werden. 6 Essen packt an! ist eine Initiative, die sich nach dem Sturm Ela im Juni 2014 gegründet hat, um von Sturmschäden betroffene Menschen im Raum Essen zu vernetzen und sich gegenseitig zu helfen. Über Social-Media-Kanäle werden Angebote und Unterstützungswünsche jeglicher Art verwaltet. Durch die praktischen Erfahrungen und die zusätzlich gewonnenen Möglichkeiten und Ressourcen ist das Projekt auch weiterhin im Bereich Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe aktiv. Facebook @Essenpacktan. 7 Corona School – der Name ist Programm. Das Ziel des Projekts ist es, Schüler*innen eine kostenfreie, digitale Bildungsförderung zu ermöglichen und Eltern beim Thema Homeschooling zu entlasten. Ehrenamtlich arbeitende Studierende bieten für Schüler*innen aller Stufen digitale Hilfestellungen bei der Bearbeitung von Schulaufgaben an. Facebook @coronaschoolgermany. 359 Croll, Engagement im Netz trotz(t) CoronaVoluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen uneingeschränkt fortsetzen. Inzwischen lässt sich jedoch bei einigen der Projekte in der Kategorie „Ökologisch Wirtschaften“ ein deutlich stärkerer Bezug zur Pandemie erkennen. So beschäftigen sich die Projekte unter anderem mit den Folgen der Pandemie für Natur und Umwelt, indem sie auf die Zunahme von Verpackungsmüll und das Wegwerfen von Einwegmasken und -handschuhen hinweisen oder mögliche umweltbedingte Ursachen der Entstehung und Verbreitung des Corona-Virus untersuchen. Vor Corona aktiv versus neu gegründete Projekte Von den 130 Projekten mit konkretem Corona-Bezug waren 88 schon vor Corona aktiv und haben eine mehr oder weniger starke Umstrukturierung und Anpassung auf die Lage vorgenommen; 42 Projekte haben sich innerhalb kürzester Zeit neu gegründet. Abbildung 2: Prozentsätze der Projekte, die bereits vor Corona aktiv waren oder sich neu gegründet haben (© ccroll) Bei den 88 bereits bestehenden Projekten sind die folgenden Ausrichtungen zu beobachten: Geringe Änderungen im Programm Es werden Kurse (unter anderem aus den Bereichen Bildung, Kultur, Sport) komplett digital angeboten. Beispiel: Straßenkinder e. V. – Digital-Coaching8 8 Straßenkinder e. V. kümmert sich seit 20 Jahren um Straßenkinder und Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die von Kinder- und Bildungsarmut betroffen sind. Mithilfe des digitalen Coachings betreuen sie Kinder und Jugendliche, welche ohnehin schon Schwierigkeiten bei der Erfüllung des Lernstoffs haben, um eine weitere, durch die Corona-Krise bedingte Benachteiligung zu vermeiden. Facebook @VereinStrassenkinder.e.V. 360 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Es wird über bestehende Social-Media-Kanäle zu (konkreten) Themen rund um die Pandemie aufgeklärt und informiert. Beispiel: Mother Hood e. V.: Corona-Informationen für Schwangere und Familien9 Dokumentation der Corona-bedingten Änderungen im Arbeitsablauf über Social Media Aufgrund der sich dynamisch und schnell ändernden Lage und neu hinzukommenden Änderungen von Abstands- und Hygieneregeln, der Beschränkungen der Anzahl von Personen, die sich treffen dürfen, und den aktuellen Reisebestimmungen, haben sich für viele Projekte, insbesondere in der akuten Nothilfe für spezifische Zielgruppen wie Obdach- und Wohnungslose, Geflüchtete und sozial schwächere Menschen, ständig neue Bedingungen ihrer Arbeitsweise ergeben. Statt, wie bisher, über Social Media ausschließlich über die normalen Arbeitsabläufe zu berichten, wird vermehrt auf die Änderungen in der aktuellen Lage hingewiesen und spezifisch über die Bedeutung von Corona für die jeweilige Zielgruppe aufgeklärt. Beispiele: Wir packen’s an10 und Corona-StrassenHILFE von StrassenBLUES11 Komplette Verlagerung der Aktivitäten auf Social Media: Projekte, deren Aktivitäten nicht mehr wie gewohnt offline stattfinden konnten, haben kreative Möglichkeiten geschaffen, ihre Veranstaltungen online abzuhalten und gleichzeitig Spenden zu generieren, um aufzufangen, was an anderer Stelle fehlte. Beispiel: Viva con Agua de St. Pauli e. V. – #stream4water12 9 Bei Mother Hood e. V. setzen sich Eltern bundesweit für eine gute Versorgung von Mutter und Kind vor, während und nach der Geburt ein. Aktuell informiert der Verein Schwangere und Familie zuverlässig und aktuell zu Schwangerschaft/Geburt/Stillen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Als die Kontaktbeschränkungen Mitte März 2020 eingeführt wurden, waren sie die einzige Organisation, die den Eltern bei diesen Themen als Anlaufstelle diente. Facebook @motherhoodev. 10 Am Anfang war eine Idee: Ein Truck mit gespendeten Hilfsgütern als Nothilfe für die überfüllten Lager auf die griechischen Inseln bringen. Mit dieser Idee löste Wir packen‘s an eine Lawine an Hilfsbereitschaft aus und mobilisierte hunderte Freiwillige, die sich mittlerweile in der Region und an den Außengrenzen Europas für geflüchtete Menschen einsetzen. Die Arbeit des Vereins ist eng verbunden mit dem aktuellen, politischen Diskurs zum Thema Flucht und Asyl. Facebook @nothilfebb. 11 Der Hamburger Verein StrassenBLUES möchte obdach- und wohnungslosen Menschen Wege aus der Armut aufzeigen. Mit der Corona StrassenHILFE hat der Verein auf die Covid-19-Pandemie reagiert und bietet unter anderem Soforthilfe für Obdachlose durch Bargeld, Soforthilfe für Obdachlose durch Essen und temporäre und sichere Schlafplätze für Obdachlose durch Hotels an. Über diese Aktivitäten klären sie umfassend über Social Media auf und sensibilisieren so die Öffentlichkeit, um längerfristige Unterstützung und Mobilisierung zum Helfen zu generieren. Facebook @strassenblues. 12 Viva con Agua sammelt im Sommer immer Pfandbecher auf Konzerten und Festival, um mit dem Erlös Menschen weltweit Zugang zu sauberem Trinkwasser zu verschaffen und eine angemessene Sanitär- und Hygieneversorgung zu gewährleisten. Aber was, wenn es einen Sommer ohne Festivals gibt? Kein Problem: Innerhalb kürzester Zeit hat der Verein das digitale Festival #stream4water auf die Beine gestellt, bei dem dank zahlreicher prominenter Unterstützer*innen mehr als doppelt so viele Spenden wie erhofft gesammelt werden konnten. Facebook @vivaconagua. 361 Croll, Engagement im Netz trotz(t) CoronaVoluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Neuorientierung bzw. Neugründung eines Unterprojekts Projekte, oft mit konkreter Zielsetzung, haben den Bedarf für eine gezielte Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Pandemie erkannt und dafür Unterprojekte und/oder -gruppen gegründet. Beispiel: Der Corona-Blog des Eine Welt Netzwerk Thüringen e. V.13 Mischformen Einige Projekte arbeiten mit Kombinationen der beschriebenen Anpassungen und reagieren flexibel auf die sich ständig ändernde Situation. Sie nutzen Social Media jeweils bestmöglich, um ihre Ziele zu erreichen und oft darüber hinaus, um Spenden zu sammeln, Informationen zu verbreiten, Aufmerksamkeit zu generieren und Menschen zu unterhalten. Beispiel: Imaginäres Freundschaftsspiel: SG Rackith/ Dabrun-FC Victoria Wittenberg 2014 e. V.14 Bei den neu gegründeten Projekten lassen sich vor allem zwei Hauptthemen erkennen: Nachbarschaftshilfe und Herstellung von Mund-Nasen-Schutz. Nachbarschaftshilfe ist kein neues Thema, doch die Organisation lief bisher häufig über Nachbarschafts- und Gemeindezentren und wurde weitestgehend offline koordiniert. Bereits existierende Plattformen, wie nebenan.de, haben in der Pandemie ebenso an Bedeutung gewonnen, wie die neu gegründeten Initiativen zur lokalen oder überregionalen Vernetzung von Helfenden und Hilfesuchenden. Die bereits vorgestellten Projekte QuarantäneHeld*innen oder In Quarantäne? Nachbar hilft! #Coronahilfe #mehrgemeinsam sind Beispiele hierfür. Für Nähen, Häkeln oder Stricken von Mund-Nasen-Schutz gab es vor der Pandemie keinen Bedarf. Mit der generellen Einführung der Maskenpflicht und der Knappheit von Einwegmasken stieg dieser akut an und viele der neu gegründeten Initiativen organisieren das Herstellen von Masken zur Weiterleitung an soziale Einrichtungen auf lokaler, aber auch überregionaler Ebene. Hierbei sind vor allem die Koordination des Einsatzes von Material und hilfsbereiten Menschen sowie die Verteilung entscheidend dafür, möglichst effizient zur arbeiten und die benötigten Masken schnell bereitzustellen. Ob Projekte mit dem Thema Mund-Nase-Bedeckung in Zukunft benötigt werden und die Arbeit weitergeführt wird, ob die Arbeit in eine andere Richtung entwickelt wird oder mit dem Ende der Pandemie wieder 13 In einer Zeit des Information-Overloads stellt sich das Eine Welt Netzwerk Thüringen der Pandemie mit einer klugen und informativen Kampagne entgegen. Im Corona-Blog kommen in Videobotschaften Menschen aus der ganzen Welt zu Wort und berichten, welche Auswirkungen die Covid-19-Pandemie auf ihre Region und ihre ganz persönliche Situation hat. So wird ein Perspektivwechsel ermöglicht und gezielt über globale, politische, soziale, wirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge und Auswirkungen der Pandemie informiert. https://global-corona.blog/. 14 Mit dem virtuellen Freundschaftsspiel zwischen den Fußballvereinen SG Rackith und Dabrun-FC Victoria Wittenberg wurden Spenden gesammelt. Nach dem großen Erfolg und unter anderem einem Auftritt in Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs wurde das Projekt mit virtuellen Trainingsstunden und Informationen rund um das Vereinsleben auf- und ausgebaut. www.Facebook.com/273426262942/posts/10158117688217943/?vh=e&d=n 362 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie eingestellt wird, ist noch nicht absehbar. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Gruppen von Engagierten, die sich einmal zusammengefunden, erfolgreich gearbeitet und etwas erreicht haben, sich häufig auch weiterhin engagieren möchten und die einmal aufgebauten Strukturen nutzen, um sich längerfristig für eine Sache einzusetzen. Diese Annahme liegt für die neu gegründeten Projekte nahe, da unter anderem bereits vor der Pandemie bestehende Näh- und Handarbeitsprojekte, wie die Wooligans – gemeinsam sträkeln für eine warme Gesellschaft15, ihre Arbeit direkt auf den aktuell neuen Bedarf ausgerichtet haben und so auch der umgekehrte Weg erwartbar ist. Es geht also beim Engagement für andere häufig nicht um eine konkrete Sache oder Zielgruppe, sondern darum, einen aktiven Beitrag zur Gestaltung der Zivilgesellschaft zu leisten und Gutes für die Gemeinschaft zu tun. Corona Themen beim Smart Hero Award 2020 Die eingereichten 130 Projekte mit Corona-Bezug beschäftigen sich mit einer gro- ßen Bandbreite an Themen. Um diese näher zu analysieren, wurde eine Verschlagwortung16 vorgenommen. Insgesamt wurden 32 verschiedene Schlagworte vergeben, elf Schlagworte weisen eine hohe Häufigkeit auf und sollen deswegen hier näher betrachtet werden. Abbildung 3: Corona Themen (©ccroll) 15 Die Wooligans sträkeln, also stricken und häkeln, für Menschen ohne Obdach. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Zusammenhalt und die Stärkung von Gemeinschaft und Nachbarschaft sowie die direkte Hilfe für Obdachlose, Wohnungslose und Bedürftige. Ziel der Wooligans ist es, Vorurteile abzubauen, Verständnis zu fördern, Vereinsamung und Isolation entgegenzuwirken und das Bewusstsein für Menschen in prekären Lebenslagen zu schärfen. Facebook @wooligansgemeinsamstraekeln 16 Es gilt zu beachten, dass pro Projekt mehrere Schlagworte vergeben werden konnten. 363 Croll, Engagement im Netz trotz(t) CoronaVoluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Mit 30-facher Nennung ist das Thema Nachbarschaftshilfe eindeutig das am häufigsten genannte Thema. Die Auswirkungen der Pandemie auf die Nachbarschaftshilfe und die vermehrte Verlagerung ins Internet wurden bereits betrachtet. Auf Schlagworte wie Obdachlosen- und Soforthilfe soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, da sie als spezifizierende Unterthemen für die Nachbarschaftshilfe gesehen werden können. Eine ähnliche Fokussierung des Engagements auf einen damals aktuell relevanten Engagementbereich konnte bereits im Wettbewerbsjahr 2015/16 in Bezug auf die Situation von Geflüchteten festgestellt werden. Auch hier gab es sowohl bereits bestehende Projekte, die sich auf die neue Situation eingestellt und akute Hilfestellung geleistet haben, als auch Projekte, die sich innerhalb kürzester Zeit komplett neu gegründet haben, um – meist regional – Soforthilfe für geflüchtete Menschen beim Ankommen oder auf der Durchreise zu leisten. Den Hilfsprojekten zur Flüchtlings- und Corona-Krise ist gemein, dass sie sehr schnell entstanden sind und sehr schnell eine große Anzahl von Hilfswilligen mobilisieren konnten. In beiden Fällen ist außerdem zu beobachten, dass eine nachhaltige Entwicklung und Verstetigung des Engagements oft bereits in der Entstehung mitgedacht werden. So wurde zum Beispiel Hanseatic Help e. V.17 2015 gegründet, um geflüchtete Menschen in Hamburg mit dem Nötigsten zu versorgen (Croll u. a. 2019: 80–84). Daraus ist nach und nach ein logistisches Netz erwachsen, das mittels Geld- und Sachspenden weitere Gruppen, wie Wohnungslose, Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind oder Kinder, die in Armut leben, unterstützen kann. Bei der Arbeit stehen das gemeinsame Erleben und etwas Schaffen im Vordergrund. Die Verstetigung der Arbeit ist nicht nur ein Ergebnis der guten Logistik, sondern ein gewünschtes Ziel der Organisator*innen und Helfenden. Die Themen Kinder, allgemeine Tipps und Infos, Unterhaltung, Bildung und Familie können zusammen betrachtet werden, da sie bei vielen Projekten im Zusammenhang genannt wurden. Insbesondere die Aspekte Bildung und Unterhaltung haben in der akuten Pandemiesituation für Eltern und Kinder eine große Rolle gespielt. Mit der Schließung von Schulen, Kindertagesstätten und Freizeiteinrichtungen hat sich das gesamte Leben von Familien nach Hause verlagert. Eltern, die gleichzeitig berufliche Tätigkeit und Kinderbetreuung gewährleisten mussten, konnten auf Angebote und Projekte zurückgreifen, die Informationen, Unterstützung beim Homeschooling oder Unterhaltungsangebote online zur Verfügung gestellt haben. Abenteuer Familie 17 Unter dem Motto #EinfachMachen leistet der Verein Hanseatic Help e. V. schnell und unkompliziert dort Hilfe, wo sie gebraucht wird. Jede*r ist willkommen mitzumachen und so bietet das Projekt einen besonderen Ort des Engagements, der interkulturellen Begegnung, der sozialen Integration, Inklusion und Bildung. Das Konzept beruht auf drei Säulen: EinfachHelfen – durch unkomplizierte Soziallogistik, EinfachSchnacken – interkulturelle Begegnungen und Gemeinschaft schaffen und EinfachStarten – durch Bildung und Integration. 364 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie – Leben mit Kindern18 möchte all jenen eine Struktur im Tagesablauf geben, die das allein vielleicht nicht schaffen. Auch dieses Projekt plant, über die Pandemie hinaus aktiv zu sein und Familien zu unterstützen. Damit leistet es nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Krise, sondern ermöglicht außerdem Kindern trotz der Einschränkung sozialer Kontakte, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und auf Zugang zu Informationen, sowie ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe, Freizeit und Spiel gemäß der UN-Kinderrechtskonvention wahrzunehmen. Wenig überraschend ist, dass das Thema Gesundheit bzw. (mentale) Gesundheit insgesamt 18 Mal genannt wurde. Hierbei handelt es sich um Projekte, die über die Risiken und gesundheitlichen Auswirkungen von Covid-19 – insbesondere auch für spezifische (Risiko-)Gruppen – aufklären ebenso wie Projekte, die sich mit den Folgen der Pandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung auseinandersetzen. Hierbei gibt es sowohl neu gegründete Projekte wie #StayInStaySane19 als auch Aktionen von bereits bestehenden Projekten wie Freunde fürs Leben e. V.20 Mit neun Nennungen ist das Thema Demokratieförderung ebenfalls unter den besonders häufig genannten Schlagworten bei den Projekten mit Corona-Bezug. Wie bereits im Abschnitt zu den Kategorien des Smart Hero Award 2020 erläutert, beschäftigen sich Projekte auf unterschiedliche Art mit dem Thema Demokratieförderung und Corona. So ist zum Beispiel das Motto des coronarchiv21 „Wir demokratisieren Erinnerungen!“ Durch das Sammeln von Bildern, Videos und Geschichten zum Thema Corona entsteht ein vielfältiges digitales Archiv, das von allen ergänzt und genutzt werden kann und das die gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie in allen Facetten dokumentiert. Im Gegensatz zu Archiven, die historische Ereignisse im Nachhinein festhalten und zugänglich machen, wird die Covid-19-Pandemie mittels digitaler Instrumente und sozialer Medien unmittelbar und zeitgleich mit 18 Die Facebook-Gruppe Abenteuer Familie – Leben mit Kindern möchte Familien, die von einem Tag auf den anderen aufgrund der Corona-Pandemie ihre Kinder zu Hause betreuen und beschulen müssen, eine Stütze sein. Die Gruppe dient dem Austausch von Ideen einer sinnvollen Freizeitgestaltung mit Kindern, aber auch dem Austausch bei Problemen, Ängsten und Sorgen. Zudem gibt es Live-Mitmach-Angebote, an denen die Gruppenmitglieder teilnehmen können. 19 #StayInStaySane beschäftigt sich mit der Förderung der psychischen Gesundheit und dem sozialen Miteinander junger Menschen. Aufgrund der enormen Belastungssituation durch Corona nehmen psychische Belastungen stark zu und das Projekt möchte (junge) Menschen digital in ihrer psychischen Gesundheit unterstützen. Instagram @we.dare2care. 20 Freunde fürs Leben e. V. betreibt Aufklärungs- und Informationsarbeit zu den Themen Depression und Suizid. Das Projekt hat erkannt, das die Corona-Krise für uns eine große Herausforderung darstellt, und möchte mit umfangreichen Informationen über Angebote im Online-Therapiebereich sowie über wichtige Anlaufstellen in Krisensituationen unterstützen. Facebook @freundefuersleben. 21 Das coronarchiv ist ein freies und offenes Online-Portal, zu dem alle beitragen können und das allen zugänglich ist. Ziel des coronarchivs ist die fortlaufende Sammlung, Archivierung, Kontextualisierung und langfristige Bereitstellung von persönlichen Erinnerungen und Fundstücken zur Corona-Krise. Damit soll nicht nur auf die enorme Bedeutung von Alltagserfahrungen und Fundstücken für die künftige historische Forschung hingewiesen werden, sondern die Menschen davon überzeugt werden, dass ihre Stimmen wichtig sind, um die Vielfalt der Gegenwartserfahrungen im demokratischen Diskurs der Corona-Krise abzubilden und langfristig zu sichern. Facebook @coronarchiv. 365 Croll, Engagement im Netz trotz(t) CoronaVoluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen dem aktuellen Geschehen für die Nachwelt dokumentiert. Andere Projekte beschäftigen sich mit Fake News, Verschwörungsmythen und den direkt spürbaren Auswirkungen, die die Pandemie auf unser gesellschaftliches Zusammenleben und die Grundwerte unserer Demokratie hat. Das Projekt Kleiner Fünf 22 klärt auf und stellt gezielt Informationen zum Faktencheck rund um Corona zur Verfügung. Fazit Als Ergebnis der Auswertungen der Einreichungen zum Smart Hero Award 2020 kann festgehalten werden, dass Engagement trotz Corona stattfindet, dass Engagierte zahlreiche Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen finden, die mit Covid-19 verbunden sind, und mit neuen, kreativen und oft nachhaltig angelegten Initiativen informieren, diskutieren und helfen, gemeinsam Wege zum Umgang mit der Pandemie und zur Bewältigung der Krise zu finden. Insgesamt lassen sich aus den diesjährigen Einreichungen zum Smart Hero Award die folgenden drei Aspekte in Bezug auf die aktuelle Lage des Engagements in Social Media erkennen: • Die Social-Media-Nutzung hat seit Beginn der Pandemie nicht nur zu privaten Zwecken, sondern auch zur Ausübung von Engagement zugenommen. • Projekte, Initiativen, Organisationen und Privatpersonen nutzen Social Media kreativ und auf innovative Weise, um ihr Engagement weiterhin ausüben und ihre Aufgabenstellung voranbringen zu können. • Ein großer Teil der Projekte und Engagierten haben es sich zum Ziel gemacht, ihr Engagement nachhaltig auszuüben und denken Ansätze und Lösungen für die Zukunft ebenso mit wie Möglichkeiten zur direkten und unmittelbaren Hilfe. Menschen, die sich (zivil-)gesellschaftlich engagieren, finden also Mittel und Wege, um dies trotz erschwerter Bedingungen auch in Krisensituationen zu tun. Das Internet und insbesondere Social Media tragen hierzu einen erheblichen Teil bei, indem sie neue Möglichkeiten und Chancen eröffnen, Engagement akut und auch längerfristig zu organisieren und auszuüben. Wie zu Beginn erläutert, hat der Begriff Pandemie ursprünglich nichts mit Krankheit zu tun, sondern bedeutet „alle Völker umfassend“. Ausgehend von den drei zuvor genannten Aspekten könnte man im Gegenteil sogar positiv formulieren, dass es coronabedingt – zumindest in Deutschland, wenn nicht sogar weltweit – eine Pandemie des Engagements gibt und dass Zusammenhalt, Solidarität und 22 Der Verein Tadel verpflichtet! setzt sich mit der Initiative Kleiner Fünf für ein vielfältiges, demokratisches Miteinander in Deutschland ein. Ziel des Vereins ist es, Menschen zu ermutigen, Haltung gegen Menschenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Hass zu zeigen. Die Verantwortlichen treten für eine entschlossene, sachliche und radikal höfliche Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Positionen ein. Facebook @kleinerfuenf. 366 Voluntaris, Jg. 8, 2/2020, Dokumentationen Themenschwerpunkt: Engagement in Zeiten der Corona-Pandemie Gemeinschaft in Zeiten der Krise stärker sind als zuvor. Solche Wellen des Helfens sind, wie bereits beschrieben, kein neues Phänomen, sondern scheinbar eine natürliche Reaktion der Gesellschaft auf Krisensituationen, wie zum Beispiel Flüchtlings- oder Corona-Wellen. Politik und Wirtschaft allein reichen nicht aus, um Unterstützung für alle zu gewährleisten, Krisen zu bewältigen und eine starke, solidarische und demokratische Gesellschaft zu erhalten. Engagement ist und bleibt, wie Sawsan Chebli schreibt, „systemrelevant“. Literaturverzeichnis Bitkom (2020): Social-Media-Nutzung steigt durch Corona stark an, www.bitkom. org/Presse/Presseinformation/Social-Media-Nutzung-steigt-durch-Corona-stark-an (12.10.2020). Chebli, Sawsan (2020): Engagement in der Coronavirus-Krise. Das Ehrenamt ist systemrelevant, www.tagesspiegel.de/berlin/engagement-in-der-coronavirus-krise-das-ehrenamtist-systemrelevant/25681932.html (31.08.2020). Croll, Carola, Jutta Croll, Katharina Gelhaus, Stephan Peters und Michael Raeder (2019): #engagiert: Was zivilgesellschaftliches Engagement im Netz für die Demokratie bewirkt, Leipzig. Deutscher Bundestag (2020): Dritter Engagementbericht Zukunft Zivilgesellschaft: Junges Engagement im digitalen Zeitalter und Stellungnahme der Bundesregierung, http://dipbt. bundestag.de/doc/btd/19/193/1919320.pdf (31.08.2020). Initiative D21 e. V. (2020): Wie digital ist Deutschland?, D21-Digital-Index 2019/2020, https:// initiatived21.de/app/uploads/2020/02/d21_index2019_2020.pdf (29.08.2020). Statista (2020): Anzahl der aktiven Social-Media-Nutzer weltweit in den Jahren 2015 bis 2020, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/739881/umfrage/monatlich-aktivesocial-media-nutzer-weltweit/ (29.08.2020). Wortbedeutung.info (o. J.): Pandemie, www.wortbedeutung.info/Pandemie/ (18.08.2020).

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References
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Wortbedeutung.info (o. J.): Pandemie, www.wortbedeutung.info/Pandemie/ (18.08.2020).

Zusammenfassung

Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.