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Stefan Fritz, Nicht-finanzielle Anlagekriterien in:

Stefan Fritz

Stifterwille und Stiftungsvermögen, page 67 - 69

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4166-6, ISBN online: 978-3-8452-1999-8 https://doi.org/10.5771/9783845219998

Series: Schriftenreihe zum Stiftungswesen, vol. 41

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67 Zum anderen könnte die Abweichung bei Aktien und Renten in der Auswahl der befragten Stiftungen begründet sein. Bei der Studie der Universität Stuttgart machen Stiftungen mit mehr als einer Million Euro mit insgesamt 31,7 Prozent nur knapp ein Drittel aus.225 Die Heissmann-Studie hingegen untersucht nur Stiftungen ab dieser Vermögensgröße bzw. mit Stiftungsausgaben von mindestens 100.000 Euro.226 Dass sich die Asset-Allokation großer Stiftungen vom Durchschnitt unterscheidet, macht schon der Vergleich zwischen den gewichteten und den ungewichteten Werten der Heissmann-Studie deutlich. Große Stiftungen tendieren offenbar dazu, weniger Liquidität (minus elf Prozent) und größere Anteile an Renten (plus 14 Prozent) und Aktien (plus sechs Prozent) zu halten. Dies könnte damit zusammen hängen, dass größere Stiftungen über ein professionelleres Management verfügen, oder vermehrt Berater mit entsprechenden Kenntnissen konsultieren. Dementsprechend fällt der Anteil etwa von Sichteinlagen oder Sparformen stärker, der von Renten und Aktien schwächer aus, je mehr kleinere Stiftungen sich an der Befragung beteiligen. Zeichnet sich dieser Effekt bereits innerhalb des Segments von Vermögensgrößen ab einer Million Euro deutlich ab, müsste er umso stärker ausfallen, wenn rund zwei Drittel der Stiftungsvermögen unter dieser Marke liegen. Auf eine weniger konsistente Herangehensweise zahlreicher kleinerer Stiftungen deutet auch die in der Stuttgarter Studie aufscheinende Widersprüchlichkeit zwischen den Angaben der Stiftungen zu ihren hohen Cash-Positionen und der beabsichtigten geringen Haltedauer hin. Parallelen zwischen Stiftungsgröße, Diversifikation und Zufriedenheit mit der Vermögensanlage zeichnen sich auch in der Umfrage des Bundesverbands (2008) ab. Die Daten geben Auskunft darüber, wie die Stiftungen das Verhältnis zwischen angemessener Ertragserwartung und einer breiten Risikostreuung in ihrem Portfolio einschätzen. Hier fällt auf, dass das Ergebnis nahezu linear besser ausfällt, je höher die Befragten ihren eigenen Kenntnisstand hinsichtlich der Vermögensanlage von Stiftungen einschätzen und je größer das verwaltete Vermögen ist. So bewerten die Stiftungen mit guten eigenen Kenntnissen das Ergebnis im Mittelwert mit 2,5 Die Stiftungen, die über geringe eigene Kenntnisse verfügen, geben die Note 3,6. Stiftungen bis zu 1 Mio. Euro Vermögen benoten das Risiko-Ertragsverhältnis ihres Portfolios im Mittel mit 3,0; die größeren Stiftungen mit 2,0. 4. Nicht-finanzielle Anlagekriterien a) Studienergebnisse Von den durch die Universität Stuttgart befragten Stiftungen gab nur ein geringer Teil an, ethische und soziale Kriterien bei den eigenen Anlageentscheidungen zu berücksichtigen. Als häufigsten Grund für die ablehnende Haltung gegenüber nicht- 225 Schäfer/ Gülle/ Ramp/ Redel, Kap. 4.2, S.26. 226 Heissmann Stiftungs-Studie 2004, S.5. 68 finanziellen Anlagekriterien nannten die Stiftungen in der Untersuchung ein vermutetes zu hohes Risiko der betreffenden Investments.227 Allerdings repräsentieren diejenigen Stiftungen, die die genannten Kriterien berücksichtigen, einen überdurchschnittlichen Anteil am Gesamtkapital der befragten Stiftungen. Unterstellt man, dass die Stiftungen mit größerem Vermögen auch über ein professionelleres Management verfügen, lässt sich daraus schließen, dass mit zunehmender Professionalität der Vermögensverwaltung auch die Affinität für die Berücksichtigung nichtfinanzieller Anlagekriterien zunimmt. Übersicht 4: Berücksichtigung nicht-finanzieller Anlagekriterien Nicht-finanzielle Kriterien Anteil ungewichtet228 Anteil gewichtet229 Ökologische Kriterien 19,6 % 38,2 % Soziale Kriterien 24,0 % 43,7 % Sonstige ethische Kriterien 21,3 % 38,5 % Ähnliche Schlüsse lassen sich auch aus der Umfrage des Bundesverbands (2008) ziehen: Obwohl die Umfrage sechs Jahre jünger ist als die Stuttgarter Studie, verfügen nach wie vor nur knapp 11 Prozent der befragten Stiftungen über nachhaltige Anlagen in ihrem Portfolio. Allerdings möchten über 40 Prozent der Stiftungen, die bereits Private Equity einsetzen, auch ihre SRI-Positionen ausbauen.230 Unter der Vermutung, dass innovative und große Stiftungen eher zu alternativen Investments tendieren, scheint diese Gruppe auch für SRI aufgeschlossener zu sein. Befragt nach einer möglichen Änderung ihres Anlageverhaltens, äußerten 63,5 Prozent der von der Universität Stuttgart befragten Stiftungen, die nicht-finanziellen Kriterien bislang keine Beachtung geschenkt hatten, sie hätten dies auch weiterhin nicht vor. 25,9 Prozent waren sich diesbezüglich nicht sicher. Die nachhaltige Vermögensanlage war auch Gegenstand der Heissmann Stiftungs-Studie 2005. Die hier befragten Stiftungen zeigten noch ein deutlich geringeres Interesse an ethischen Kriterien. Nur fünf beziehungsweise sechs Prozent von ihnen stuften diese Ziele als sehr wichtig beziehungsweise wichtig ein.231 Etwas optimistischer stimmt diesbezüglich die jüngste Umfrage zu diesem Thema. Knapp 30 Prozent der Stiftungen, die sich 2008 an der Befragung des Bundesverbands beteiligten, wünschen sich künftig ethisch/ökologisch/soziale Geldanlagen in ihrem Portfolio.232 Korrespondierend schneidet das aktuelle Beratungsange- 227 Schäfer/ Gülle/ Ramp/ Redel, Kap. 4.3.1, S.31 ff. 228 Schäfer/ Gülle/ Ramp/ Redel, Kap. 4.3.1, S.27 f. 229 Schäfer/ Gülle/ Ramp/ Redel, Kap. 4.3.1, S.29. 230 StiftungsReport 2008/09, S.31. 231 Heissmann Stiftungs-Studie 2005, S.21 f. 232 StiftungsReport 2008/09, S.30. 69 bot der Banken zu diesen Investments aus Sicht der Stiftungen mit einem Mittelwert von 4,0 relativ schlecht ab.233 b) Interpretation der Ergebnisse Insgesamt überrascht die geringe Anzahl der Stiftungen, die bei der Anlage ihres Vermögens auf ideelle Gesichtspunkte achten. Die von den Organisatoren der Stuttgarter Befragung vermutete Affinität gemeinnütziger Stiftungen zu einer möglichst gemeinwohlverträglichen Anlagepolitik scheint sich nicht zu bestätigen. Jedenfalls sehen sich die Stiftungen in ihrer Gesamtheit nicht zu nachhaltiger Anlage verpflichtet. Auffällig ist, dass sich größere Stiftungen offenbar eher zutrauen, eine nachhaltige Anlagestrategie umzusetzen als der Durchschnitt. Möglicherweise spielen hier die höhere Professionalität und die erweiterten Informationsmöglichkeiten eine Rolle. Darauf lässt auch die Argumentation derjenigen Stiftungen schließen, die bislang nicht nachhaltig investieren. Denn dass nachhaltige Investments ein höheres Risiko oder eine schlechtere Rendite bedingen, lässt sich in der Praxis nicht belegen.234 Ein Zusammenhang zwischen der Expertise der Stiftungsorgane in Anlagefragen und der Aufgeschlossenheit für SRI geht auch aus der Umfrage des Bundesverbands (2008) hervor: Die Zufriedenheit derer, die ihre eigenen Kenntnisse als »gut« einstufen, mit der diesbezüglichen Bankberatung liegt mit einem Mittelwert von 3,8 eine ganze Notenstufe höher, als bei denjenigen mit geringen eigenen Kenntnissen (4,8). Bei der Würdigung dieses Ergebnisses ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Stuttgarter Befragung bereits im Jahr 2002 stattfand. Damals waren nachhaltige Kapitalanlagen weit weniger bekannt und etabliert als heute. Dies belegt auch die Heissmann Stiftungs-Studie. Selbst 2005 schätzten die hier befragten Stiftungen ihren Informationsstand zu ethischen Anlagen im Durchschnitt immer noch als eher mittelmäßig ein. Im Jahr 2008 ist das Angebot an nachhaltigen Anlagen bereits deutlicher breiter – und über die Marketingaktivitäten der Anbieter auch in der öffentlichen Wahrnehmung präsenter. 5. Anlagebeschränkungen a) Ergebnisse der Studie der Universität Stuttgart Einzig die Studie der Universität Stuttgart befragte die Teilnehmer zu bestehenden Anlagerestriktionen. 38 Prozent der befragten Stiftungen gaben an, gesetzlichen oder satzungsmäßigen Anlagebeschränkungen zu unterliegen. Welche gesetzlichen Anlagebeschränkungen hier gemeint sind, geht aus der Studie nicht hervor. Die drei 233 StiftungsReport 2008/09, S.24 f. 234 Heissmann Stiftungs-Studie 2005, S.14.

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Zusammenfassung

Die jüngste Finanzkrise hat in zahlreichen Stiftungsdepots deutliche Spuren hinterlassen und die Diskussion über die konkreten Anforderungen an das Vermögensmanagement von Stiftungen neu entfacht. Dabei zeigt sich, dass zentrale Begriffe wie Vermögenserhaltung, ertragbringende Anlage oder Wirtschaftlichkeit in der Praxis nach wie vor unterschiedlich interpretiert werden.

Das Werk untersucht zunächst die bundes- und landesgesetzlichen Vorgaben zum Stiftungsvermögen, um anschließend den Gestaltungsspielraum des Stifters und des Stiftungsmanagements herauszuarbeiten. Ihnen obliegt es, die Art der Vermögensverwendung festzulegen – einschließlich des Erhaltungskonzepts. An den Anlagezielen Wert, Ertrag, Risiko und vor allem Zweck hat sich jede einzelne Anlage- und Umschichtungsentscheidung zu orientieren.

Dieses Buch enthält das rechtliche und ökonomische Basiswissen für alle Praktiker, die selbst Verantwortung für Stiftungsfinanzen tragen oder Stiftungen in Vermögensfragen beraten.

Der Autor ist im gehobenen Privatkundensegment einer großen Geschäftsbank für die Beratung von Stiftern und Stiftungen verantwortlich und verfügt über langjährige Praxiserfahrung in diesem Segment.