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Eva Herschinger, Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? Die Bedeutung von Geschlecht im Kontext von Politisierung in:

Andreas Schäfer, David Meiering (Ed.)

(Ent-)Politisierung?, page 121 - 146

Die demokratische Gesellschaft im 21. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6301-6, ISBN online: 978-3-7489-0407-6, https://doi.org/10.5771/9783748904076-121

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Eva Herschinger Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? Die Bedeutung von Geschlecht im Kontext von Politisierung Punk-Band-Frontfrau, Ex-Katholikin, Kosmetikverkäuferin – für die meisten klingt das nicht nach der Biographie einer der ehemals aktivsten Anhängerinnen des Islamischen Staates (IS). Und doch: Bis Sally Jones im Juni 2017 vermutlich bei einem US-Drohnenangriff ums Leben kam, war die Britin für mehr als vier Jahre eines der prominenten weiblichen Mitglieder des IS. Unter ihren noms de guerre »Umm Hussain al-Britani« oder »Sakinah Hussain« betrieb sie in solchem Maße Propaganda und Rekrutierung für den IS, dass die Vereinten Nationen sie ab September 2015 als eine der meistgesuchten Terroristinnen listeten. Die Geschichte von Jones ist in vielerlei Hinsicht interessant, rührt sie doch an der gerade in der internationalen Politik (und der Disziplin der Internationalen Beziehungen) anzutreffenden Vorstellung, Frauen seien eher Opfer als Täterinnen, weil sie – so die Ansicht – von Natur aus friedliebender und unpolitischer seien als Männer.1 Frauen wie Sally Jones oder auch Ulrike Meinhof sowie Beate Zschäpe stellen diese Vorstellung in Frage, weil sie darauf verweisen, dass sowohl die Beteiligung von Frauen an terroristischen Gruppen als auch weibliche Radikalisierung weder neu noch extrem selten sind. Während es in der Literatur verschiedene Ansätze gibt, um zu verstehen, warum Frauen sich radikalisieren und zu terroristischer Gewalt greifen, soll hier eine hegemonietheoretische und genderbasierte Perspektive eingenommen werden, die weg vom Individuum und der Gruppe geht. Denn Radikalisierung und Terrorismus passieren in einem (diskursiven) gesellschaftspolitischen Raum, der von verschiedenen Dynamiken durchzogen ist. Zwei zentrale dieser zeitgenössischen Dynamiken werden hier genauer in den Blick genommen: die der Politisierung und Entpolitisierung. Sie bilden den Kontext, innerhalb dessen in diesem Beitrag die Bedeutung von Gender für weibliche Radikalisierung und Terrorismusbeteiligung diskutiert wird. Zwei Argumente stehen dabei im Vordergrund. Erstens soll weibliche Radikalisierung als eine Politisierung von Frauen verstanden werden. Dies unter der Prämisse, dass Politisierung als der zunehmende Einschluss und steigende Einfluss von zum Teil bislang exkludierten Akteuren, die inhaltliche Ausweitung auf u. a. die normativen Rahmenbedingungen eines politischen Systems sowie die Intensivierung und gesteigerte Reichweite von Konflikten verstanden werden kann.2 Es handelt sich um eine Politisierung von Frauen, da diese ihren Platz im radikalisierten Diskurs und/oder Raum des Terrors suchen. Eine solche Politisierung entspricht der Subjektwerdung von Frauen als Akteurinnen des Terrors, da sie ihren 1 Vgl. u. a. Sjoberg, Tickner 2013, S. 176-178. 2 Siehe die Herausgeber in diesem Band; auch Grande, Kriesi 2013. Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020, S. 121 – 145 Platz im radikalisierten Diskurs auch finden und behaupten. Gerade die Beteiligung von Frauen im IS und seinen Aktionen ist hier instruktiv, da Frauen in dieser zeitgenössischen Terrororganisation eine prominente Rolle innehatten. Wie erfolgt diese Politisierung? Hier setzt das zweite Argument an. Voraussetzung ist ein hegemonietheoretischer Blick, der die Frage nach dem »Wie« weiblicher Politisierung einfangen kann. Mehr noch: Der Blick erlaubt es auch, die Bedeutung der Interaktion zwischen gesellschaftlichen Geschlechterrollen und Geschlechterdiskursen und den Geschlechterkonstruktionen im terroristischen Diskurs genauer zu analysieren. Also nicht nur von Frauen zu sprechen, sondern von Gender. Denn nicht allein Frauenbilder spielen für weibliche Politisierung eine zentrale Rolle, sondern vielmehr das komplementäre Zusammenspiel von radikalisierten Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen und die durch sie etablierten Geschlechterverhältnisse. Hegemonietheoretisch gelesen zeigt sich, dass die Politisierung der Frauen einerseits eine Subjektwerdung durch dynamische Anpassung der radikalisierten Geschlechterordnung ist. Dynamisch, da im Falle des IS nicht nur die Frau als Kämpferin, sondern auch der männliche, emotionale Liebhaber als mit den Geschlechterinterpretationen des IS kompatibel konstruiert werden. Andererseits birgt diese Anpassung neben der Politisierung der Frau die Gefahr der zeitweiligen Entpolitisierung des Mannes, der sich den Raum des Terrors nun mit der Frau zumindest temporär teilen muss. Abschließend stellt sich die Frage nach der normativen Dimension von Politisierung, wenn es sich um Radikalisierung handelt. Weibliche Radikalisierung und Terrorismus In der Forschung und vor allem auch in der öffentlichen Auseinandersetzung wurde die »eigenständig motivierte und aggressiv-politische Involviertheit von Mädchen und jungen Frauen in extremistischen Milieus«3 über lange Zeit nur selektiv wahrgenommen und/oder stark medial skandalisiert.4 Dieser Diskrepanz – entweder selektiver Blick oder Aufregung – steht eine zahlenmäßige Entwicklung gegen- über, die sowohl dem vermeintlichen »Neuheitscharakter« weiblicher Radikalisierung widerspricht als auch klarstellt, dass Terroristinnen nicht extrem selten sind. Das zeigt ein kurzer graphischer Überblick seit 2012, der auf von Europol erhobenen Daten beruht.5 1. 3 Srowig et al. 2018, S. 13. 4 Schraut 2012, S. 7; Pause 2010; Carter Center 2017, S. 1. 5 Die Graphiken sind eine eigene Zusammenstellung basierend auf den EU Terrorism Situation & Trend Reports (TE-SAT) von Europol von 2012-2019. Zu finden unter: https://www.europol.europa.eu/activities-services/main-reports/eu-terrorism-situation-an d-trend-report#fndtn-tabs-0-bottom-2 (Zugriff vom 7.2.2020). Es gilt bei den Daten von Europol zu beachten, dass nicht alle Länder an die Behörde berichten (daher beinhalten die Graphiken nur 17 EU-Mitgliedsstaaten) und gerade im Fall von Großbritannien sind die Daten unspezifisch, d. h. die Differenzierung in unterschiedliche Terro- 122 Eva Herschinger Graphik 1: Verhaftungen wegen Terrorismusverdacht EU-176 0 200 400 600 800 1000 1200 1400 2012 2013 2014 2015 2017 2018 Verhaftungen EU-17 wegen Terrorismusverdacht Verhaftungen insgesamt Dschihadismus Rechts gerichteter T Separatistischer T 2016 Links gerichteter T Unbenannt Die erste Graphik zeigt die Zahl aller Verhaftungen in 17 Staaten der Europäischen Union (EU) seit 2012, d. h. Männer und Frauen zusammen sowie für alle von Europol erhobenen gängigen Terrorismusformen, d. h. vom Rechtsextremismus bis hin zum ethno-nationalistischen Separatismus. Es ist eine Zunahme von Verhaftungen aufgrund des Dschihadismusverdachts und ein Rückgang aufgrund des Verdachts des Separatismus zu beobachten. In der Folge begann Europol die Daten im Bereich des Dschihadismusverdachts nach Geschlecht aufzuteilen. Dies zeigt die zweite Graphik. rismusarten wird nicht vorgenommen. Auch aus diesem Grund sind die Europol-Daten als rein illustrativ zu verstehen. 6 In der Legende zur Graphik 1 steht »T« für Terrorismus. Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 123 Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020 Graphik 2: Anteil weiblicher Verhafteter in EU-17 wegen Dschihadismusverdacht 216 315 687 718 705 511 13,1% (52) 2,8% (6) 18,6% (128) 24,9% (179) 16% (113) 22% (112) 0 100 200 300 400 500 600 700 800 2013 2014 2015 2016 2017 2018 Verhaftungen EU-17 wegen Dschihadismusverdacht Anteil Frauen prozentual (gesamt) Verhaftungen insgesamt Bei den Verhaftungen zeigt sich ein kontinuierlicher Anstieg von 2013-2016. 2018 stellen Frauen fast ein Viertel der Verhafteten. Die dritte und letzte Graphik nimmt die Verurteilungen wegen Dschihadismus in den Blick. Graphik 3: Verurteilungen in EU-17 aufgrund Dschihadismus 400 313 444 514 580 352 664 16,5% (85) 16,2% (72) 13,4% (42) 12,5% (50) 9,1% (53) Verurteilungen in EU-17 wegen Dschihadismus 14,15% (94) 11,9% (42) 0 100 200 300 400 500 600 700 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 Anteil Frauen prozentual (gesamt) Verurteilungen insgesamt Hier zeigt sich zwar ein Rückgang in 2016 an weiblichen Verurteilten, aber die höheren Anteile seit 2017 bestätigen laut Europol den erneuten »upward trend« von weiblicher Beteiligung am dschihadistischen Terrorismus.7 Insgesamt gibt es 7 Europol 2018, S. 58. 124 Eva Herschinger seit 2012 einen im Mittel niedrigen zweistelligen Prozentsatz an Frauen, die wegen Dschihadismus vor Gericht standen. Bei allen drei Graphiken ist zu bedenken, dass diese Zahlen eher als die Spitze eines Eisbergs verstanden werden sollten, da es sich um Verurteilungen und Verhaftungen handelt und nicht um die Zahl radikalisierter Personen. Weibliche Beteiligung ist also weder neu noch extrem selten.8 Die Forschung hat die Beweggründe von Frauen in unterschiedlichem Maß und zu unterschiedlichen Zeiten in den Blick genommen. Während über Gründe linker femininer Militanz seit den 1970er Jahren immer wieder diskutiert wird (was mehr »über die gesellschaftlich etablierten Geschlechterrollen und -klischees« verrät als über die Beweggründe der Frauen),9 gerieten in den 1990er Jahren rechtsextreme Frauen in den Blick. Eine systematische Untersuchung der Rolle von rechten Frauen hat jedoch erst in jüngerer Zeit begonnen, seit die Rechtsextremismusforschung insgesamt »willens [ist], der Gender-Kategorie mehr als nur rein deskriptive Aufmerksamkeit zu schenken«.10 In den letzten Jahren ließ vor allem die Gewalt von Musliminnen das Interesse an deren Motivationen wachsen. Nicht zuletzt hat manche Beobachtende irritiert, dass Musliminnen auch als (Selbstmord)Attentäterinnen agierten, da unhinterfragt eine angenommene Unsichtbarkeit von Frauen in islamisch fundierten Gesellschaften mit einer unauffälligen Rolle in islamistischen Terrororganisationen gleichgesetzt wurde.11 Verstärkt durch eine traditionelle Auffassung von Frauenrollen als im Wesentlichen passiv, konzentrierte sich diese Forschung auf Männer und ihre Aktionen. Frauen galten eher als Opfer denn als Täterinnen.12 So waren Frauen für viele nur Unterstützerinnen, die sich mit Logistik, dem Sammeln von Informationen, dem Schutz von Häusern oder der psychischen Unterstützung beschäftigen oder wurden als politisch unmotivierte Mitläuferinnen dargestellt, gelockt durch Aussicht auf Heirat und Mutterschaft – die sich letztlich auf etwas einlassen, dass »eine Nummer zu groß« für sie ist.13 8 Dazu passen zwei Studien, die zwar Syrienausreisende aus Deutschland in den Blick nehmen, jedoch stützen die dort erhobenen Zahlen die Daten auf europäischer Ebene. Denn auch hier zeigt sich eine Zunahme der weiblichen Beteiligung von 2014 zu 2016: Von insgesamt 378 Personen in 2014 waren 11 % weibliche Ausreisende; in 2016 waren es bereits 21 % von insgesamt 784 Personen. Vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz et al. 2014; 2016. 9 Pause 2010; auch Grisard 2011. 10 Bitzan 2016, S. 336. Die Autorin spricht auch von der späten Entwicklung einer gendersensiblen Rechtsextremismusforschung (S. 329) und liefert einen sehr guten Überblick (S. 329-337). 11 Speckhard 2008; Carter Center 2017, S. 2; Loken, Zelenz 2018, S. 46-47. 12 Vgl. Überblick in Herschinger 2014 und in Jacques, Taylor 2009; Crenshaw 2000; Victor 2004; Bloom 2007; 2011; Schraut 2012, S. 17; Carter Center 2017. 13 Gaub, Liesieka 2016, S. 1 sprechen bspw. davon, dass die Frauen als »misguided teenagers« betrachtet werden. Passend dazu auch die Beschreibung mancher RAF-Frauen als »Flinten-Weiber« oder Beate Zschäpe als »Terror-Braut« und die weiblichen Syrien- Ausreisenden als »IS-Bräute«. Vgl. auch Carter Center 2017, S. 2; Cunningham 2003, S. 173; 2007; Jacques, Taylor 2010; Fair, Hamza 2018, S. 2, 7. Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 125 Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020 Dieser Opfer-These widersprechen auf der einen Seite die zahlreichen Propaganda-Aktivitäten gerade der Frauen des IS. Es wäre verkürzt, hier zu behaupten, die Frauen würden ein weiteres Mal Opfer ihrer strategischen Funktionalisierung durch die Gruppenführung. Verschiedene empirische Studien zu den Social-Media-Aktivitäten von IS-Befürworterinnen14 verweisen auf ihre zentrale Rolle als Vermittlerinnen und Rekrutiererinnen von potenziell Ausreisewilligen. Darüber hinaus streben die Frauen ebenso wie die männlichen Kämpfer den Krieg gegen die Ungläubigen an und wollen Teil einer größeren Bewegung sein.15 Frauen kann und muss heute eine bedeutsame Rolle in der öffentlichen Propaganda, Rekrutierung und Mobilisierung offline und online zugeschrieben werden – die eingangs genannte Sally Jones ist ein eindrückliches Beispiel dafür. Exemplarisch haben Arbeiten wie die von Dominique Grisard zum Linksterrorismus, Renate Bitzan zum Rechtsextremismus oder Susanne Schröter zu islamistischen Bewegungen im deutschsprachigen Raum Gender als analytische Kategorie genutzt, indem sie Genderkonstruktionen, Machtverhältnisse und Rollenbilder in das Zentrum ihrer Analyse stellen.16 International haben sich unter anderem Jane C. Huckerby und Margaret L. Satterthwaite, Laura Shepherd, Laura Sjoberg oder Caron E. Gentry kritisch mit der Sicht auf weibliche Gewalt beschäftigt und Gender zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Studien gemacht.17 Gender als analytische Kategorie zu verstehen, heißt dabei mehr, als Gender mit dem biologischen Geschlecht gleichzusetzen: Geschlecht ist einerseits »ein konstitutives Element sozialer Beziehungen, das auf wahrgenommenen Unterschieden zwischen den Geschlechtern beruht« und zum anderen »ein primärer Weg, um Machtverhältnisse zu bezeichnen«18 und zu hinterfragen. TerroristInnen, Terrorismus, weibliche und männliche Radikalisierung sind daher Produkt einer »gendered world«.19 Dieses umfassendere Verständnis von Gender hat seine Spuren in jüngeren Arbeiten zum IS und seinen weiblichen Anhängern hinterlassen. Auch wenn Teile der Forschung trotz empirischer Detailgenauigkeit eher deskriptiv bleiben und/ oder weiterhin nach dem genuin weiblichen Motiv, nach den weiblichen Bedingungen für Radikalisierung und Kampfeslust suchen,20 stehen demgegenüber Analysen, die die Entwicklung weiblicher IS-Gewalt(bereitschaft) in sich verändernden Frauen- und Männerbilder sowie Geschlechterrollen nachzeichnen und so versuchen den Blick auf die Wirkung von Gender freizugeben.21 Diskurs meint 14 Vgl. Saltman, Smith 2015, S. 70; Hoyle, Bradford, Frenett 2015; Neumann et al. 2018. 15 Instruktiv vor allem Hoyle, Bradford, Frenett 2015 oder Windsor 2020. 16 Grisard 2011; Bitzan 2007; 2011; Schröter 2017. 17 Huckerby, Satterthwaite 2013; Shepherd 2007; 2008; Sjoberg 2009; Sjoberg, Gentry 2011. 18 Scott 1986, S. 1067, Hervorhebung EH. 19 Sjoberg, Gentry 2011, S. 236. 20 Vgl. Bakker, Leede 2015; Saltman, Smith 2015; Ingram 2017. 21 Vgl. u. a. Günther et al. 2016; Pollmann 2016; Van Leuven, Mazurana, Gordon 2016; Patel, Westermann 2018. 126 Eva Herschinger dabei vor allem den Propaganda- und Rekrutierungsdiskurs von dschihadistischen oder salafistischen Gruppierungen und weniger einen gesamtgesellschaftlichen »Mainstream-Diskurs« als Resonanzboden für ideologisch begründete Genderkonstruktionen. Darin spiegelt sich die Neigung wider, gesellschaftliche Diskurse eher als Umweltfaktoren für Radikalisierung und Terrorismus zu betrachten, anstatt ihre konkrete Verschränkung mit gruppenspezifischer und individueller Hinwendung zu Militanz zu analysieren.22 Jedoch ist gerade diese Verbindung zwischen den Konjunkturen eines gesellschaftlichen Geschlechterdiskurses und den Entwicklungen in radikalisierten und extremistischen Gruppierungen ein wichtiges zukünftiges Forschungsfeld.23 Denn um die Kraft von Gender als analytischer Kategorie zu entfalten, kommt es darauf an, die Bedeutung weiblicher und männlicher Geschlechterrollen in und für Radikalisierungsprozesse zu untersuchen. Geschlechterrollen extremistischer Gruppen sind nicht unabhängig von gesellschaftspolitischen und transnationalen Geschlechterdiskursen, sie werden vielmehr von ihnen mithervorgebracht und geformt. Es gilt also die Verschränkung von Geschlecht, extremistischen Angeboten und gesellschaftlichen Geschlechterdiskursen bei der Analyse von Gender und Radikalisierung im Blick zu behalten. Ein hegemonietheoretischer Ansatz auf Politisierung und Entpolitisierung, so das Argument, offeriert eine ebensolche ganzheitliche Perspektive. Radikalisierung als Politisierung Der Begriff »Radikalisierung« wird im Nachgang zum 11. September 2001 zunehmend synonym für die Hinwendung zu politischer Gewalt oder fundamentalistischer Ideologie sowie ganz unmittelbar für Terrorismus verwendet.24 Standen in der Radikalisierungsforschung zunächst Gruppenprozesse im Vordergrund, fokussiert die Forschung heute vor allem auf die individuelle Ebene, geschuldet im Wesentlichen der Zunahme dschihadistischer Militanz im Westen, wie sie sich unter anderem durch die Syrien-Ausreisenden manifestierte.25 Entscheidend ist, Radikalisierung als Prozess und nicht als Zustand zu verstehen.26 Ein wesentlicher Diskussionspunkt ist dabei die Frage, ob terroristische oder extremistische Gewalt den Endpunkt eines Radikalisierungsprozesses darstellen. Für das Gros der ForscherInnen ist Radikalisierung ohne Gewalt nicht denkbar27 und Terrorismus oder Extremismus sind eng mit Radikalisierung ver- 2. 22 Vgl. Herschinger et al. 2018, S. 2. 23 So bspw. Bitzan 2016, S. 359. 24 Vgl. Pisoiu 2013; Dzhekova et al. 2016; Malthaner 2017; Ceylan, Kiefer 2017; Neumann 2017. 25 Malthaner 2017, S. 369. 26 McCauley, Moskalenko 2011. 27 Vgl. della Porta, LaFree 2012; Moghaddam 2005; Doosje et al. 2016. Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 127 Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020 knüpft.28 Eine der wenigen, die Radikalisierung auch gewaltlos denken – und damit die Trennung von Einstellung- und Handlungsebene nicht zwingend an dem Auftreten von Gewalt festmachen, ist Anja Dalgaard-Nielsen.29 Sie trennt in Radikalisierung und gewaltvolle Radikalisierung: »radicalization is understood as a growing readiness to pursue and support far-reaching changes in society that conflict with, or pose a direct threat to, the existing order«. Demgegenüber definiert sie »violent radicalization [as] a process in which radical ideas are accompanied by the development of a willingness to directly support or engage in violent acts«.30 Noch stärker trennen Abay Gaspar et al.31 Gewalt und Radikalisierung, indem sie vor dem Hintergrund eines weiten Radikalisierungsbegriffs zwischen Radikalisierung in die Gewalt, in der Gewalt und ohne Gewalt unterscheiden. Dies vor dem Hintergrund einer Definition, die Radikalisierung versteht »als die zunehmende Infragestellung der Legitimation einer normativen Ordnung und/ oder die zunehmende Bereitschaft, die institutionelle Struktur dieser Ordnung zu bekämpfen«.32 Derartig differenziert lässt sich eine radikalisierte Einstellung von Handlungen trennen; ein Umstand, der gerade für die Betrachtung weiblicher Radikalisierung, die nicht unbedingt mit gewaltvollen Aktionen einhergeht, hilfreich ist. Das Moment einer Infragestellung der normativen Ordnung erlaubt es, den Radikalisierungsprozess als eine Fokussierung auf den normativen Rahmen eines (politischen) Systems zu verstehen und somit eine erste Verbindungslinie zwischen Radikalisierung und Politisierung zu ziehen. Denn oben wurde erläutert, dass Politisierung unter anderem die inhaltliche Ausweitung auf eben diese normativen Rahmenbedingungen eines Systems bedeutet. Radikalisierung ist vor diesem Hintergrund eine Form der Politisierung, da es sich dabei – hegemonietheoretisch gelesen (wie noch genauer auszuführen ist) – um politische Forderungen hegemonialen Zuschnitts handelt, die auf die Etablierung einer anderen normativen Ordnung abzielen. »[A] demand is political to the extent that it publicly contests the norms of a particular practice or system of practices in the same name of a principle or ideal«.33 Die Infragestellung und Bereitschaft zum Kampf spiegelt sich im hegemonialen Zuschnitt politischer Forderungen wider. Zum einen liegt dies im Anspruch der Forderungen, ein Allgemeines zu repräsentieren (bspw. die Ummah oder das Volk) und zum anderen im Bezug zu jenem Allgemeinen über ein Negatives (bspw. über einen Feind – die Ungläubigen, die Juden, der Westen etc.).34 28 Böckler, Zick 2015; Neumann 2013, S. 4; 2016; 2017, S. 17. 29 Dalgaard-Nielsen 2010; siehe auch Borum 2011a; 2011b; 2011c; Clément 2014. 30 Beide Zitate in Dalgaard-Nielsen 2010, S. 798. 31 Abay Gaspar et al. 2018, S. 5-15. 32 Ebd., S. 5. 33 Glynos, Howarth 2007, S. 115. 34 Damit soll auch deutlich werden, dass das Politische nicht a priori an einen bestimmten Ort wie einen Staat gebunden ist (Glynos, Howarth 2007, S. 114). 128 Eva Herschinger Wird Politisierung wie oben weiterhin als der zunehmende Einschluss und steigende Einfluss von zum Teil bislang exkludierten Akteuren verstanden, dann kann weibliche Radikalisierung noch enger mit Politisierung zusammengeschnürt werden, da mit ihnen mehr und/oder zuvor teils unbeteiligte Akteurinnen in einen Konflikt eingeschlossen werden. Dieser Einschluss führt, drittens, zu einer vermehrten Sichtbarkeit als Gewaltakteurinnen, die zur Intensivierung und Reichweite des Konflikts beitragen kann. Intensivierung und größere Reichweite, da der Konflikt so kontinuierlicher einen Bereich umfasst, der zuvor eher am Rande tangiert schien. Sichtbar werden Frauen durch Statistiken wie die oben zitierten von Europol, die eine Zunahme an Festnahmen von Frauen, weiblichen Verdächtigen und Verurteilten im Bereich des Dschihadismus aufzeigen. Auch die Möglichkeiten von Social Media erlauben eine große Präsenz der Frauen im radikalisierten Diskurs. Twitter oder Tumblr ermöglichen Frauen in einer leichten Weise ortsunabhängig präsent und (dauerhaft) handlungsfähig zu sein, auch wenn – wie bspw. für IS- Anhängerinnen – ihnen der Zugang zu bestimmten physischen Orten verwehrt ist, da diese den Männern vorbehalten sind. Mit Blick auf die zunehmende Reichweite und Intensivierung der Konflikte ist zudem die Autorenschaft der Frauen instruktiv. Mehr und mehr schreiben Frauen in terroristischen, extremistischen Organisationen auch selbst an der eigenen Rollenvorstellung mit und tragen so zu der inhaltlichen Ausweitung von Genderrollen bei (die wiederum Teil der normativen Rahmenbedingungen des von den Frauen geforderten Systems sind). Frauen des IS wie Aqsa Mahmood oder Sally Jones haben ihren Platz vor allem im Propaganda-Diskurs der Terrorgruppe gefunden und behaupten können. Ihre geschlechtsspezifische Werbung für ein Leben und Sterben vor allem im Territorium des IS ließ die Frauen sichtbar werden und in ihren häufig drastischen Äußerungen auch zur Verschärfung von Positionen (d. h. Intensivierung des Konflikts) beitragen. Die Politisierung liegt inhaltlich gesehen vor allem in der Infragestellung der Geschlechterordnung insbesondere demokratischer, westlicher Staaten – die Verneinung und Ablehnung dieser normativen Ordnung und den daraus fließenden Rahmenbedingungen wie bspw. die Gleichheit von Mann und Frau oder die Freiheit der sexuellen Orientierung. So, wenn IS-Propaganda das eroberte Territorium als einen Ort schildert, an dem fromme Frauen, unabhängig von ihrem kulturellen oder staatlichen Hintergrund, respektiert und nicht wegen ihres Glaubens und ihrer Kleidung (Kopftuch, Schleier etc.) diskriminiert werden wie im Westen.35 Ähnlich die Argumentation des IS, dass der westliche Feminismus ein Emanzipationsmodell ausschließlich für weiße, der Elite zugehörige Frauen darstelle und auf Kosten aller nicht-weißen Frauen gehe. Diesen Frauen verspricht der IS eine von »islamischen« Idealen inspirierte weibliche Agency, die nicht in Konkurrenz mit, sondern komplementär und kooperativ zu männlicher Agentschaft stehe.36 Oder in Schriften von IS-Anhängerinnen wie »Frauen im Islamischen Staat« von der al-Khanssaa-Brigade, 35 Committee on Women’s Rights and Gender Equality 2017, S. 23. 36 Carter Center 2017, S. 5. Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 129 Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020 auch als »weibliche Sittenpolizei des IS« bezeichnet, wird erläutert, dass der »westliche« Emanzipationsdiskurs Frauen keinesfalls befreie. Vielmehr sei es ein Unterdrückungsdiskurs, der »die Frauen aus dem Band ihres Heimes entfesselte«37 und zur Berufstätigkeit zwinge. Das Frauenmodell des Westens sei gescheitert, sowohl normativ als auch praktisch. Das zeige sich nicht zuletzt daran, dass »die Regierungen einiger Staaten Gehälter und Prämien anbieten, damit die Frauen in ihr Haus zurückkehren und ihre Kinder erziehen. Sie erkannten den Beruf ›der Hausfrau‹ an.«38 Ganz anders im Islam: Frauen könnten ungehindert die Aufgaben ausüben, für die Gott sie geschaffen habe: Mutter und gehorsame Ehefrau.39 Radikalisierung als Politisierung hegemonietheoretisch gelesen Gerade diese illustrativen Ausführungen zum westlichen Emanzipationsdiskurs erlauben es, auf die oben genannte erste Verbindungslinie zwischen Radikalisierung und Politisierung zurückzukommen und sie zu präzisieren. Es wurde dazu ausgeführt, dass Radikalisierung als Politisierung verstanden werden kann, da der Radikalisierungsprozess politische Forderungen hegemonialen Zuschnitts laut werden lässt, die auf die Etablierung einer anderen normativen oder auch politischen Ordnung abzielen. Hegemonie soll hier im Sinne der politischen Theorie von Ernesto Laclau (in weiten Teilen in Zusammenarbeit mit Chantal Mouffe) als Formationen diskursiven Sinns (eine spezifische Deutung/Interpretation eines Phänomens, eines sozialen Sachverhalts, einer sozialen Beziehung etc.) verstanden werden, die zu machtvollen, dominanten Formationen werden, sich stabilisieren und unter Umständen auch institutionalisieren. D. h. bestimmte Formationen setzen sich durch, indem sie als »normal«, »richtig«, »sinnvoll« erscheinen. Diese Durchsetzung hat entscheidend damit zu tun, dass die Formationen beanspruchen, ein soziales System oder Projekt – die Demokratie, den Kapitalismus, die internationale Sicherheit – in seiner Gesamtheit einheitlich zu repräsentieren. Genauer: Sie imaginieren sich als angemessene Ordnungen in einem Feld, das sie in Gänze zu repräsentieren beanspruchen, denn eine vollkommene Repräsentation bleibt empirisch unmöglich.40 Entscheidend ist, dass diese hegemonialen Verbindungen den diskursiven Raum dichotom zu organisieren suchen. Denn die »Einheitsrepräsentation« funktioniert durch Grenzziehungen, weil die Gesamtheit erst identifizierbar, sichtbar 3. 37 Al-Khanssaa Brigade 2015, S. 61. 38 Ebd. 39 Ebd., S. 65. Ähnlich auch junge Frauen der Identitären Bewegung: Sie inszenierten sich auf Facebook, YouTube oder Instagram als wehrhafte Patriotinnen und richten sich in ihrer Rolle der potenziell von sexueller Gewalt durch männliche Muslime und Flüchtlinge bedrohten Frau mit warnenden Botschaften an andere Frauen. Siehe bspw. https:/ /www.youtube.com/watch?v=OOLXIn5eEiQ (Zugriff vom 2.7.2020). 40 Stäheli 2000, S. 55. 130 Eva Herschinger wird durch die Abgrenzung von anderen sozialen Systemen oder Projekten (die Demokratie in Abgrenzung zur Autokratie, der Kapitalismus in Abgrenzung zum Kommunismus und so fort). Für diese Grenzziehungen sind einmal die politische Logik der Äquivalenz und zum anderen das Konzept des Antagonismus entscheidend. Die Logik der Äquivalenz umschreibt die Formierung des diskursiven Terrains durch Differenzierung und Abgrenzung. Während diskursive Elemente per se als different verstanden werden, produziert die Logik der Äquivalenz »äquivalente Differenzen«. Das heißt, diskursive Elemente werden mit Bezug auf eine hegemoniale Forderung (zum Beispiel der Forderung nach einer islamischen Geschlechterordnung) als äquivalent in Bezug auf ein spezifisches Allgemeines, ein Gemeinsames (bspw. die Vorstellung von einem islamischen Staat) konstruiert.41 Entscheidend für äquivalente Beziehungen ist, dass die Elemente nicht allein deswegen äquivalent sind, weil deren Bezug auf das Gemeinsame ein positiver ist. Vielmehr wird dieser Bezug dadurch hergestellt, dass das Gemeinsame negativ fundiert ist. Diese Negativität liegt in der Grenzziehung durch die Äquivalenzlogik begründet, da sie den diskursiven Raum in eben jene zwei einander diametral gegenüberstehenden Lager teilt, von denen das eine nur das repräsentieren kann, was die Elemente jenseits der Grenze ablehnen – ihnen also widerspricht. »The unification of India, China and the Muslim world into a single entity can only be performed by establishing an equivalent relationship between the cultural characteristics of those peoples, a link based on the simple negative fact that none of them is Western«.42 Weiterhin – und das ist das Herz einer hegemonialen Operation – ist ein Element in der Lage alle äquivalenten Elemente zu repräsentieren, für die gesamte Kette von Elementen symbolisch einzustehen. Laclau hat diese Differenz als leeren Signifikanten bezeichnet, als ein Element, das mit unterschiedlichen, auch einander widersprüchlichen Bedeutungen aufgeladen ist, so dass es letztlich (fast) leer wird.43 In hegemonialen Beziehungen ist dies ein machtgeladener Prozess und damit ein antagonistischer. Etabliert die Logik der Äquivalenz doch vor allem feindliche Grenzen: »by making reference to an ›us-them‹ axis: two or more elements can be substituted for each other with reference to a common negation or threat«. Und: »That is to say, they are equivalent (…) insofar as they have a common enemy«.44 Das »gemeinsame Etwas« der Elemente, das die Logik herausschält, ist also das Projekt, einem gemeinsamen Feind entgegenzuwirken. Entscheidend ist, dass die Elemente in einer Äquivalenzkette dieses Andere als gefährlich betrachten, da es der Realisierung der Vision des Gemeinsamen entgegensteht – das Andere blockiert diese Realisierung und darin liegt der Antagonismus. Das Gemeinsame kann erst »vollkommen sein«, wenn das Andere überwunden ist, nur die Auslö- 41 Laclau, Mouffe 2001, S. 127. 42 Laclau 1990, S. 32. 43 Laclau 1994, S. 174. 44 Glynos, Howarth 2007, S. 144, Hervorhebung EH. Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 131 Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020 schung des Anderen kann zu der vollkommenen – imaginierten – Einheit führen.45 Insofern entsteht ein Gemeinsames durch die Abgrenzung von einem oder mehreren antagonistischen Anderen, die die imaginierte Einheit blockieren. Hegemonietheoretisch gelesen ist (weibliche) Radikalisierung demnach nicht nur die Entstehung und Artikulation von politischen Forderungen und Praktiken aufgrund des Infragestellens der herrschenden normativen (Geschlechter-)Ordnung. Sondern auch die Artikulation eines gegenhegemonialen Projektes, das durch die Überwindung der bestehenden Ordnung entstehen kann. Im Falle des IS ging es um die Etablierung eines Kalifats oder eines als Kalifat deklarierten dschihadistischen »Staatsbildungsprojekt(s)«,46 in dem die (Geschlechter-)Ordnung nach der IS-gemäßen Interpretation des Koran und islamischer Schriften organisiert sein sollte (und auch war). Dieser »Proto-Staat« des IS diente der Vision einer »ideale[n] gottgefällige[n] Gesellschaft«47 und verstand sich als Gegenentwurf bestehender politischer Systeme nicht nur deshalb, weil der IS es verstand, ein Regierungssystem zu entwickeln, das religiöse, bildungsbezogene, juristische, sicherheitsrelevante, humanitäre und infrastrukturelle Projekte gleichermaßen umfasste.48 Sondern auch, weil der IS Gendersegregation im öffentlichen Raum sehr erfolgreich als »social engineering tool«49 nutzte und so den Weg für viele Frauen aus allen Regionen der Welt ebnete. Das gelang durch die Etablierung von nach Geschlecht getrennten Parallelinstitutionen: In fast jeder IS- Einrichtung – Bildung, Gesundheitswesen, Verwaltung, Polizei, Finanzen und Soziales – behandelte ein eigener Abschnitt ausschließlich Frauenangelegenheiten. Diese Bereiche wurden vollständig von Frauen geleitet und die Kommunikation mit ihren männlichen Kollegen minimiert. Vom IS wurde diese strikte Trennung nach Geschlecht sowohl als integraler Teil der Vision der gottgefälligen Gesellschaft porträtiert als auch als radikaler Gegenentwurf zum westlichen, säkularen Gesellschaftsmodell, in dem Frauen kein frommes muslimisches Leben führen könnten. So konnte der IS den Frauen eine Umgebung anbieten, in der sie eben jenes gottgefällige Leben inmitten einer nach religiösen Vorstellungen gestalteten Gesellschaft und staatlichen Struktur verwirklichen konnten.50 Darin lag, nach Maßstäben der allermeisten Frauen, ihre Selbstverwirklichung als eigenständiges Subjekt in einer religiös strukturierten Gemeinschaft. Bedeutung von Genderrollen im Prozess von Radikalisierung als Politisierung Das zweite Argument dieses Beitrags zielt darauf, die Bedeutung von gesellschaftspolitischen Geschlechterrollen für Radikalisierung als Politisierung in den Blick zu 4. 45 Laclau, Mouffe 2001, S. 125. 46 Perthes 2014. 47 Günther et al. 2016, S. 160; Khelghat Doost 2017, S. 18. 48 Caris, Reynolds 2014, S. 4. 49 Khelghat Doost 2017, S. 20. 50 Tarras-Wahlberg 2017; Cottee 2015; Khelghat Doost 2017, S. 21-23. 132 Eva Herschinger nehmen. Denn das hegemoniale Gegenprojekt, das sich durch Radikalisierung artikuliert, beinhaltet nicht nur Frauenbilder, sondern formt vielmehr ein Zusammenspiel von Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen zu einer Ordnung der Geschlechter. Insofern muss zunächst die Frage weiblicher Radikalisierung im Zusammenhang mit männlicher Radikalisierung bearbeitet werden. Das geht durch eine konsequente Einbeziehung von Gender als sozialwissenschaftlicher Kategorie. Dabei zählt nicht in erster Linie das biologische Geschlecht, sondern wie durch Geschlechterordnungen Herrschaftsverhältnisse entstehen und gerechtfertigt werden. Gender ist relevant, um zu erkennen, wie extremistische Angebote und Lebenswelten auf ganz spezifischen Geschlechterordnungen aufruhen und mit diesen ihre Handlungen und Ansichten rechtfertigen. Damit ist klar, dass individuelle oder gruppenspezifische Radikalisierungsprozesse nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfinden. Um nachzuvollziehen, welche Attraktivität diese Angebote für potenziell Radikalisierungsgefährdete haben und wie Gruppen diese Geschlechterrollen zur Rekrutierung einsetzen, bedarf es daher, diese Verschränkung von Extremismen, Geschlecht und Reaktion auf gesellschaftspolitische Geschlechterdiskurse im Blick zu behalten. Betrachtet man die Situation seit Mitte der 1960er in Deutschland, lässt sich diese Verschränkung äußerst verknappt und plakativ so zusammenfassen: Im Nachgang von feministischer Bewegung, Studentenrevolte und sexueller Befreiung wollten Extremistinnen von links mit den vorherrschenden traditionellen Genderrollen brechen. Rechte und islamistische Extremistinnen heute propagieren demgegenüber die Rückkehr zu traditionellen Geschlechterverhältnissen und lehnen moderne Gendervielfalt ab.51 Wie bereits erwähnt, haben diese Konstruktionen eine bedeutsame Rolle für die Rekrutierung, da die Heroisierung männlicher und weiblicher Rollenangebote – gerade medial – eine starke Attraktivität entfaltet. Dass diese Heroisierung nicht nur durch Männer erfolgt, sondern auch durch Frauen, wurde ebenfalls schon erwähnt. Das ist attraktiv. Fundamentalisierte Rollen-Modelle bieten Orientierung und Sinn in einer als unsicher und konflikthaft erlebten modernen Welt. Geschlecht ist somit eine der zentralen Kategorien, anhand welcher sich die Gemeinschaft ordnet und die Einzelnen ihren Platz erhalten. Die Attraktivität liegt auch darin, dass es eine Bandbreite in sich dynamisch entwickelnden Geschlechterbildern gibt. Ein Verweis auf den IS, innerhalb dessen es verschiedene Frauenbilder von klassisch bis modernisiert gibt, ist hier erneut instruktiv. Das Bundesamt für Verfassungsschutz unterscheidet neben passiven Rollen drei idealtypische aktive Profile: die Kämpferin, die Unterstützerin und die Missionarin.52 Die Kämpferin sucht Selbstverwirklichung im Dschihad, das Konzept des Kampfes steht im Fokus der eigenen Aktivitäten. Frauen als IS-Kämpferinnen scheinen auf den ersten Blick widersprüchlich, da es sich mit einer klassi- 51 Etwas quer dazu liegen manche ethno-nationalistischen separatistischen Bewegungen: Die Tamil Tigers aus Sri Lanka bspw. propagierten früh Geschlechtergleichheit und hatten einen weiblichen paramilitärischen Arm. 52 Bundesamt für Verfassungsschutz 2011. Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 133 Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020 schen Frauenrolle als Mutter beißt. Die bereits erwähnte Aqsa Mahmood äußert sich in einem Post auf Tumblr deutlich ablehnend: »I will be straight up and blunt with you all, there is absolutely nothing for sisters to participate in Qitaal [fighting]. Sheikh Omar Shishani has been quite clear on his answer and has emphasized that there is nothing for sisters as of yet. No amalia istishihadiya (martyrdom operations) or a secret sisters katiba. These are all rumours you may have heard through some sources who themselves are not actually aware of the truth. And the women you may have seen online participating are all part of a propaganda. The women in the video are part of secularist groups who are not calling for the law of Allah. Please sisters do not believe anything you hear or see online where apparently sisters are fighting feesaabeelilah [for the sake of God]. For the time being Qitaal [fighting] is not fardh ayn [a compulsory religious duty] upon the sisters. We have plenty brothers who don’t even get selected on going on operations. The brothers get upset and start crying since they want to participate, so what does that make you think? For the sisters its completely impossible for the now«.53 Ähnlich argumentiert das IS Online-Magazin, Rumiyah, das Frauen nur sehr begrenzte Möglichkeiten zur Teilnahme am physischen Dschihad einräumt und ihnen stattdessen vorschlägt, ihren Kampf beispielsweise durch Fundraising für die Organisation zu führen.54 Diese Position wird von anderen IS-Propagandistinnen gerade in den ersten Jahren des IS fast wie ein Mantra wiederholt.55 Dabei ist die Rollenverteilung zentral, wie im Beitrag von Mahmood deutlich wird: Die kämpfende Frau wird einerseits mit dem Verweis auf religiöse Pflichten abgelehnt, andererseits wird der Verweis auf die in den Startlöchern wartenden Männer genutzt, um die Frauen an ihren Platz in der Geschlechterordnung zu erinnern. Viele Unterstützerinnen bedauerten dies, wollten sie doch genauso kämpfen wie die Männer: »I wna b da 1st UK woman 2 kill a UK or US terrorist!«,56 schreibt bspw. Khadijah Dare 2014, Mittzwanzigjährige Konvertitin aus London, die sich dem IS angeschlossen hat. Lediglich eine Grundausbildung in Schusswaffen konnten Frauen im IS erhalten, die jedoch nur für Notfälle und zur Selbstverteidigung gedacht sei. Die Frauen im Kalifat, die eine militante Rolle übernehmen konnten, waren Mitglieder einer rein weiblichen Brigade wie der Al-Khanssaa-Brigade. Anfang 2014 gegründet war die Brigade für die Einhaltung religiöser und moralischer Verhaltensregeln verantwortlich. Medien- und Augenzeugenberichte beschrieben die mit Maschinengewehren in den Straßen patrouillierenden Frauen als äußerst brutal, da sie harte körperliche Strafen gegen Frauen verhängten, die gegen die strengen Regeln des IS verstießen.57 53 Zitiert in Hoyle, Bradford, Frenett 2015, S. 32-33 und FN 119. 54 Committee on Women’s Rights and Gender Equality 2017, S. 31; Ohl 2017, v. a. S. 289-290. 55 Vgl. Hoyle, Bradford, Frenett 2015. 56 https://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/james-foley-beheading-i-wantto-be-the-first-uk-woman-to-kill-a-westerner-says-british-jihadist-in-9684908.html (Zugriff vom 2.7.2020). 57 Siehe u. a. https://www.counterextremism.com/content/isiss-persecution-women (Zugriff vom 2.7.2020). 134 Eva Herschinger Allerdings hat sich diese Ablehnung einer kämpfenden Position nicht gehalten. Aufnahmen wie dieser Screenshot aus einem IS-Video von Anfang Februar 2018 plausibilisieren einen Tabubruch: Erstmals ist augenscheinlich eine Frau direkt am Kampf beteiligt. Das mag bloße Propaganda sein oder auf die Verzweiflung des IS hindeuten, trotz des Gebiets- und Einflussverlusts handlungsfähig zu bleiben. Das ist aber nicht der entscheidende Punkt: Frauen als Kämpferinnen darzustellen, zu inszenieren, zeigt die Bereitschaft, tradierte Rollenbilder aufzuweichen. Bild 1: IS-Kämpferin Quelle: BVerfS Diese Bereitschaft fügt sich zudem in einen bestehenden Diskurs ein, der weit in die Historie des Islams zurückgeht, in der Frauen auch immer wieder als Kämpferinnen agierten.58 Blickt man in die zeitgenössische Debatte, so finden sich unter anderem die Argumentation von Umayma Hassan Ahmed Muhammad Hassan, Frau von Al-Qaida Chef Al-Zwahiri, die sich 2009 in einem offenen Brief an ihre muslimischen Schwestern wandte. »Jihad is an individual obligation on every Muslim man and woman, but the path of combat is not easy for a woman. (…) However, we must support our religion in many ways (…) even with martyrdom-seeking acts.«59 Auch Frauen müssen den Dschihad ausüben, um ihre Religion zu ehren und im Ernstfall, so Umayama Hassan Ahmed Muhammad Hassan, kann das bedeuten, dass Frauen zu Märtyrerinnen werden – im Wesentlichen sind hier Selbstmordat- 58 Patel, Westermann 2018, S. 53. 59 http://news.siteintelgroup.com/blog/index.php/about-us/21-jihad/227-translated-messa ge-from-zawahiris-wife-to-muslim-women (Zugriff vom 2.7.2020). Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 135 Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020 tentate gemeint. Gewalt wird dabei als gerechtfertigt angesehen, um die eigene Religion zu bewahren und zu stärken, selbst wenn es sich dabei um den Märtyrertod handelt. Eine solche Aktion wird situiert mit Blick auf die Identität der Frau, ihrer Rolle und der Geschlechterordnung im Islam. Besonders ist die Notwendigkeit und Unausweichlichkeit, die aus der individuellen Verpflichtung und Verantwortung zum Jihad für jede Frau spricht. Diese Position war nicht unumstritten, so betonten bspw. Osama bin Laden oder Al-Zawahiri zwar die wichtige Rolle von Frauen im Jihad als Mütter und Ehefrauen, aber nicht als Kämpferinnen (so lehnt bspw. Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel weibliche Selbstmordattentäterinnen ab).60 Insofern wäre es irreführend, aufgrund der geringeren Anzahl von weiblichen Gewalttaten zu schließen, Gewalt sei für weibliche Radikalisierung wenig bedeutsam. Bspw. zeigte sich mit Blick auf die Syrien-Ausreisenden im Jahr 2016, dass das Motiv, an Kampfhandlungen teilzunehmen, auf etwa jede fünfte Frau zutraf (aus 784 Personen Ende 2016).61 Ein zweites Profil ist das der Unterstützerin: Sie kennzeichnet ein eher unreflektiertes, aktionistisches und adoleszenztypisches Handeln zur Unterstützung des Dschihad bei gleichzeitiger Rebellion gegen die Familie und Gesellschaft aus. Drittens, die Missionarin: Sie stellen ihre als missionarischen Akt wahrgenommenen Hintergrundaktivitäten in den Dienst der Verbreitung des wahren Islam und der Unterstützung Gleichgesinnter. Neben diesen aktiven Profilen ist die passive Rolle wichtig, die Aufopferungsbereitschaft, Gefolgschaft und Gehorsamkeit gegenüber dem Ehemann einschließt. Die hohe Wertschätzung der Mutterschaft gilt als bedeutsames Motiv sowohl bei deutschen Konvertitinnen als auch Muslimen.62 Ähnlich vielfältige Typen gibt es in der Konstruktion und Inszenierung von Männlichkeit: in einer jüngeren Studie zum Salafismus63 wird zwischen dem gewalttätigen Krieger, dem empfindsamen potenziellen Liebhaber und dem Pflichtbewussten unterschieden. Gerade im IS wird der gewalttätige Kämpfer als unbesiegbarer, harter und erbarmungsloser Vollstrecker des Glaubens dargestellt. Die äußerst brutalen Inszenierungen von Gewalt sollen abschreckend wirken. »Männlichkeit wird hier konstruiert als eine ungehemmte Kraft in einem archaischen Kampf«64 und es werden dazu Stereotypen von Männlichkeit genutzt und bedient, »die Abenteuerfilmen und Computerspielen entlehnt wurden«.65 Demgegenüber befriedigt der empfindsame Liebhaber die Suche junger Frauen, die im/ durch den Dschihad ihren Traummann suchen. Meiering et al. verweisen in diesem Zusammenhang auf Bilder von Katzen herzenden Dschihadisten in sozialen Netzwerken. »Reproduktionsstrategien und Kampfesstärke werden so ikonographisch miteinander verwoben. Gleichzeitig wird das Anwerben der Frau damit in 60 Lahoud 2014, S. 783. 61 Bundesamt für Verfassungsschutz et al. 2016. 62 Böckler, Zick 2015, S. 107f.; Saltman, Smith 2015. 63 Günther et al. 2016. 64 Meiering, Dziri, Foroutan 2018, S. 19. 65 Günther et al. 2016, S. 178. 136 Eva Herschinger den Funktionsbereich des bewaffneten Dschihad gerückt, denn Ehe und Kinderzeugen ist Pflicht im IS.«66 Ernsthaftigkeit und Verantwortung sowie die Legitimierung des Dschihad stehen im Zentrum einer weiteren Männlichkeitskonstruktion. Diese soll diejenigen ansprechen, die sich nicht durch Gewaltphantasien und Grausamkeiten oder reinen Erlebnishunger anziehen lassen, sondern denen es um die richtige, fromme Tat geht und die auch bereit sind, sich für ihren Glauben zu opfern.67 Ganz offensichtlich sprechen diese Konstruktionen zueinander und sind zueinander komplementär.68 Der empfindsame Liebhaber und Kämpfer passt zu der nicht-kämpfenden Frau, die ihre Mutterrolle ausüben will. Der Pflichtbewusste komplementiert die missionarische agierende Frau, deren missionarisches durch ein humanitäres Anliegen verstärkt wird, die sich bspw. durch die Gräueltaten an Muslimen und Musliminnen motiviert fühlt. Diese Darstellung einander komplettierender Konstruktionen ist von ganz erheblicher Bedeutung für die Attraktivität und Stabilität der Geschlechtsordnungen. Hegemonietheoretisch gelesen verweist diese Pluralität der Entwürfe darauf, dass die Politisierung der Frauen einerseits eine Subjektwerdung durch dynamische Anpassung der radikalisierten Geschlechterordnung ist. Dynamisch, da im Falle des IS nicht nur die Frau als Kämpferin, sondern auch der männliche, emotionale Liebhaber als mit der Geschlechterinterpretation des IS kompatibel konstruiert werden. Andererseits birgt diese Anpassung neben der Politisierung der Frau die Gefahr der zeitweiligen Entpolitisierung des Mannes, der sich den Raum des Terrors nun mit der Frau zumindest temporär teilen muss. Die aktiven Rollen der Frauen verweisen darauf, dass das Mächteverhältnis, das sich in der Geschlechterordnung widerspiegelt, vor der Herausforderung einer dynamischen Anpassung steht. Die temporäre Entpolitisierung des Mannes liegt dabei im Wesentlichen in der Sichtbarkeit und dem Einschluss der Frauen in den Raum des Terrors, der zuvor die alleinige Domäne des Mannes war. Mehr noch, mit der weiblichen Forderung nach Teilhabe am physischen Kampf besteht die Gefahr der Verdrängung, der Ausbootung der Männer. Darauf verweist das obige Zitat von Aqsa Mahmood. Temporär auch deshalb, da die dargestellten pluralen Entwürfe durch das Prinzip der hegemonialen Maskulinität, die Vorherrschaft des Mannes über die Frau verbunden sind. Diese wird durch keine Aktivität der Frauen in Frage gestellt, daher kann eine Entpolitisierung im Sinne eines Zurückdrängens des Mannes aus dem Raum des Kampfes immer nur temporär sein, solange die Anpassung, die Rechtfertigung der kämpfenden Frau in den Diskurs eingespeist ist. Auch deshalb widersprechen dynamische Anpassung und Pluralität der Rollenentwürfe nur auf den ersten Blick der oben dargestellten rigorosen Verfasstheit von Geschlechterrollen. Sowohl Anpassung als auch Pluralität verwirklichen sich nur in dem ge- 66 Meiering, Dziri, Foroutan 2018, S. 19. 67 Ebd., S. 19. 68 Ebd. Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 137 Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020 steckten, patriarchalen Rahmen, der durch die oben beschriebene Geschlechtertrennung in Parallelinstitutionen maßgeblich gestützt wird.69 Denn es bedarf dieser Aufrechterhaltung männlicher Dominanz, da diese in direkter Opposition zur modernen Vorstellung von Gleichberechtigung der Geschlechter und Vielfalt der Lebensentwürfe in westlichen Demokratien steht – das, wovon sich abgegrenzt wird. Oder, hegemonietheoretisch gelesen, wo antagonistische Grenzen gezogen werden. Insofern entstehen die Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen extremistischer Angebote immer auch vor der Folie herrschender gesellschaftspolitischer Geschlechtsordnungen vor allem durch Abgrenzung und Widerspruch. »Vor allem«, denn die Attraktivität der Angebote speist sich auch aus ihren Anknüpfungen an Teile des gesellschaftlichen oder religiösen Mainstreams oder ihrer Resonanz mit gesellschafspolitisch kontrovers diskutierten Fragen. So haben traditionalistisch bzw. sozio-biologistisch gewendete Argumentationen im gesellschaftspolitischen Geschlechterdiskurs in den letzten Jahren wieder verstärkt ihren Platz gefunden.70 Konzepte von Ehre, männlicher Dominanz, Kontrolle der weiblichen Sexualität, Geschlechtersegregation, Verhüllung des weiblichen Körpers etc. sind auch im Mainstream-Islam akzeptiert. Zudem verfügen sie als Themen heftiger gesellschaftlicher Auseinandersetzungen hohe Anschlussfähigkeit für Angebote gewaltförmiger islamistischer Gruppierungen. In ihrer Abgrenzung und vermeintlichen Klarheit bieten extremistische Genderrollen Orientierung und die Möglichkeit des Bruchs mit herrschenden Normen – was gerade für die Radikalisierung in der Jugendphase bedeutsam ist. Gender- Narrative haben also eine Herrschaftsfunktion. Die Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktionen dienen im Wesentlichen der Stabilisierung der Gemeinschaft, die im Falle des IS fundamentalistisch definiert ist. Fazit: Normative Dimension von Radikalisierung als Politisierung Der Beitrag hat, basierend auf einem Verständnis von Gender als analytische Kategorie und verdichtet durch empirische Illustrationen aus der Geschichte des IS, die Radikalisierung von Frauen als Politisierung konzeptualisiert. Mit Hilfe eines hegemonietheoretischen Ansatzes wurde die weibliche Politisierung als Subjektwerdung verstanden, die in einem komplementären, aber dynamischen Zusammenspiel von radikalisierten Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen entsteht. 5. 69 Dazu passt auch, dass dem IS ein gewisser Pragmatismus in ideologischen Fragen nachgesagt wird, bspw. mit Blick auf die Zusammenarbeit mit nicht islamistischen Gruppen (vgl. Noyes 2016). 70 Anknüpfungspunkte für traditionalistische Flügel der extremen Rechten bieten etwa die Schriften von Eva Herman (zum Beispiel 2006), Thilo Sarrazin (zum Beispiel 2014) oder auch die Ratgeberliteratur von Allan und Barbara Pease, siehe z.B. Pease, Pease 2004; 2011; 2018. 138 Eva Herschinger Der Gewinn einer hegemonietheoretischen Sichtweise liegt vor allem darin, dass dieses dynamische Zusammenspiel der Konstruktionen offengelegt werden kann. Damit wird klar, unter welchen Bedingungen weibliche Subjektwerdung möglich ist und dass dies zu einer temporären Entpolitisierung des Mannes führen kann. Auch die Herrschaftsfunktion der Genderkonstruktionen wird mittels einer hegemonietheoretischen Lesart greifbar und kann auch die innergeschlechtlichen Zuschreibungen offenlegen: So war im IS Subjektwerdung naturgemäß nur für Frauen der richtigen Konfession möglich, für alle anderen, nicht-sunnitischen Frauen im IS stand der Subjektwerdung vor allem Versklavung gegenüber.71 Auch vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie normativ wünschenswert eine solche Form der weiblichen Subjektwerdung ist. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass ein Radikalisierungsbegriff, der sich nicht auf die Anwendung von Gewalt verengen lässt, in der Debatte, gleich ob in der Forschung oder in den Medien, nur selten vertreten ist. Das hat die Diskussion im zweiten Abschnitt verdeutlicht. Zu dieser negativen Konnotation kommt, dass das »radikal« in Radikalisierung als Gegenpart zu »normal« verstanden wird. Und demnach ist das, das nicht »normal« oder »moderat« ist, radikal.72 Nun verweist Politisierung, so wie hier definiert, bereits auf eine Abkehr vom »Normalen«: Der Einschluss neuer Akteure in einen Diskurs ist ebenso eine Veränderung des »Normalen« wie die Infragestellung der normativen Rahmenbedingungen eines (politischen) Systems. Damit ist noch nichts über die normative Erwünschtheit solcher Politisierung gesagt, diese wird letztlich von den Spielregeln des jeweiligen Systems bestimmt. Oder auch dadurch, dass sich ein hegemoniales Projekt durchsetzen kann und die darin enthaltenen Vorstellungen normalisiert werden.73 Das Interessante an weiblicher Radikalisierung ergibt sich aus einem potenziellen normativen Widerstreit gerade in Demokratien. Einerseits ist Gewalt als Mittel der Zieldurchsetzung abzulehnen (mit der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols beauftragte Instanzen davon ausgenommen); andererseits ist die Emanzipation von Frauen mit dem Ziel der Gleichstellung der Geschlechter zunächst zu befürworten. Aber die Idee einer emanzipativen Subjektwerdung durch und Gleichstellung in einem Bereich wie Radikalisierung, Terrorismus und Gewalt wird höchst unterschiedlich bewertet und vor allem mit Blick auf Musliminnen als westliche Idee stark kritisiert.74 Diese Frage bedarf einer umfassenden Diskussion. Denn die Deutungshoheit über weibliche Radikalisierung als Politisierung sollte nicht den Aktivistinnen überlassen bleiben. 71 Mein Dank geht an eine/n anonyme/n GutachterIn für diesen Hinweis. 72 Sedgwick 2010; Abay Gaspar et al. 2018, S. 5. 73 Für diesen Hinweis danke ich David Meiering. 74 Vgl. Berko, Erez 2007; Mahmood 2005; Zia 2009; 2013a; 2013b. Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 139 Leviathan, 48. 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Diese Politisierung der Frauen lässt sich durch eine genaue Betrachtung des Zusammenspiels von Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen verstehen. Für die Analyse bedient sich der Beitrag eines hegemonietheoretischen Rahmens und illustriert anhand der Anhängerinnen des IS, dass die Politisierung der Frauen einerseits eine Subjektwerdung durch dynamische Anpassung der jeweiligen Geschlechterordnung ist. Andererseits birgt diese Anpassung die Gefahr der Entpolitisierung des Mannes, der sich den Raum des Terrors nun mit der Frau zumindest temporär teilen muss. Die Bedeutung von Gender und Radikalisierung im Kontext von Ent-/Politisierung verweist zum einen darauf, dass eine sich verstärkende Gleichzeitigkeit von Ent- und Politisierungsprozessen abzeichnet. Zum anderen stellt sich die Frage nach der normativen Erwünschtheit von Politisierung, wenn es sich um Radikalisierung handelt. Schlagwörter: Radikalisierung, Gender, Subjekt, Hegemonietheorie, Politisierung. Becoming a female subject via radicalization? The importance of gender in processes of politicization Abstract: I argue that radicalization of women can be understood as female politicization. To fully grasp the process of politicization it is necessary to examine the interplay between constructions of feminity and masculinity. To this end, I deploy a hegemony theory framework – illustrated with female involvement in ISIS – to show that the politicization of women implies, on the one hand, becoming a subject through dynamic adaptation of the respective gender order. On the other hand, this adaptation threatens to depoliticize male ISIS members, who must – at least temporarily – share the area of terror with women of ISIS. The importance of gender and radicalization in the context of de-/politicization indicates, that there is an increasing simultaneity of depoliticization and politicization processes. Yet, there is the question of the normative desirability of politicization when it comes to radicalization. Keywords: radicalization, gender, subject, hegemony theory, politicization. Radikalisierung als weibliche Subjektwerdung? 145 Leviathan, 48. Jg., Sonderband 35/2020

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Abstract

Contradictory trends of depoliticisation and (re-)politicisation seem to characterise current democratic society. Protest movements and populism polarise opinions on both the streets and social media, while anonymous algorithms or scientific expertise threaten to technocratise political decision-making. At the same time, these phenomena raise the question of democratic theoretical standards of evaluation. This special volume provides a conceptual framework for the analysis and interpretation of these processes and relates previously unconnected fields of research. Theoretical perspectives and empirical findings thus form a debate on the understanding as well as the manifestations and dynamics of politics in the 21st century. With contributions by Priska Daphi, Beth Gharrity Gardner, Anna Geis, Samuel Greef, Simon Hegelich, Eva Her-schinger, Fabienne Marco, David Meiering,Michael Neuber, Orestis Papakyriakopoulos, Friedbert W. Rüb, Linda Sauer, Andreas Schäfer, Wolfgang Schroeder, Hanna Schwander, Grit Straßenberger, Jennifer Ten Elsen, Lena Ulbricht and Claudia Wiesner.

Zusammenfassung

Widersprüchliche Tendenzen der Ent- und (Re-)Politisierung prägen die gegenwärtige demokratische Gesellschaft. Protestbewegungen und Populismus polarisieren auf der Straße und in sozialen Medien, während anonyme Algorithmen oder wissenschaftliche Expertise politisches Entscheiden zu technokratisieren drohen. Zugleich werfen diese Phänomene die Frage nach den demokratietheoretischen Beurteilungsmaßstäben auf. Der Sonderband liefert einen konzeptuellen Rahmen für die Analyse und Deutung dieser Prozesse und setzt bisher unverbundene Forschungsfelder in Beziehung. Theoretische Perspektiven und empirische Befunde verbinden sich so zu einer Debatte um das Verständnis sowie die Erscheinungsformen und Dynamiken von Politik im 21. Jahrhundert. Mit Beiträgen von Priska Daphi, Beth Gharrity Gardner, Anna Geis, Samuel Greef, Simon Hegelich, Eva Her-schinger, Fabienne Marco, David Meiering,Michael Neuber, Orestis Papakyriakopoulos, Friedbert W. Rüb, Linda Sauer, Andreas Schäfer, Wolfgang Schroeder, Hanna Schwander, Grit Straßenberger, Jennifer Ten Elsen, Lena Ulbricht und Claudia Wiesner.