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Simon J. A. Mason, Entwicklung staatlicher Mediationsprofile: Kerndimensionen und Leitfragen in:

Anne Holper, Lars Kirchhoff (Ed.)

Friedensmediation, page 25 - 34

Spannungsfeld aus Methodik, Macht und Politik

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-5405-2, ISBN online: 978-3-8452-9574-9, https://doi.org/10.5771/9783845295749-25

Series: Interdisziplinäre Studien zu Mediation und Konfliktmanagement, vol. 5

Bibliographic information
Entwicklung staatlicher Mediationsprofile: Kerndimensionen und Leitfragen Simon J. A. Mason Dieses Kapitel1 soll zu den Überlegungen politischer Entscheidungsträger*innen und zivilgesellschaftlicher Akteure beitragen, die das Mediationsprofil eines Staates (weiter)entwickeln wollen. Das Kapitel skizziert dafür einige der relevanten Dimensionen und Fragen, mit denen die Konturen eines staatlichen Mediationsprofils herausgearbeitet werden können. Zur Veranschaulichung bietet es exemplarische Antworten mit Blick auf die Mediationsprofile der Schweiz, Norwegens, Deutschlands, Südafrikas, Russlands und der USA. Dabei geht es nicht darum, das Vermittlungsprofil dieser verschiedenen Länder komplett zu erfassen oder im Einzelnen zu vergleichen2, sondern die Vielfalt möglicher Antworten aufzuzeigen, um die Bedeutung und Relevanz der Fragen zu klären. Die Hypothese ist, dass das Vermittlungsprofil eines Staates durch die Reflexion und Beantwortung der Fragen aus dessen spezifischer Perspektive an Klarheit und Effektivität gewinnt. Die Fragen gliedern sich in vier Abschnitte um folgende Kerndimensionen: 1) zur Motivation eines Staates für Mediation, 2) zur 1 Dieser Artikel entstand im Rahmen des Mediation Support Project, einem Gemeinschaftsprojekt des Center for Security Studies der ETH Zürich und swisspeace, finanziert durch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Dank für die hilfreichen Diskussionen, die dieses Papier geprägt haben, geht an folgende Expert*innen: Georg Stein (EDA), Julian Th. Hottinger (EDA), Christopher Moore (CDA), Laurie Nathan (Kroc Institute, University of Notre Dame), Andreas Wenger (CSS ETH Zürich), Anne Holper und Marike Blunck (Europa-Universität Viadrina). 2 Ein empirischer Überblick über verschiedene Arten von Mediationsakteuren, einschließlich Staaten, ist zu finden unter: Isak Svensson und Monika Onken, „Global Trends of Peace Negotiations and Conflict Mediation“, in Global Trends 2015: Prospects for World Society, hg. von Michèle Roth u. a. (Bonn/Duisburg: Development and Peace Foundation, Institute for Development and Peace/Käte Hamburger Kolleg – Centre for Global Cooperation Research, 2015), 65–79. Ein Versuch, verschiedene Mediationsakteure zu vergleichen, findet sich in: Simon J. A. Mason und Damiano Angelo Sguaitamatti, A Comparison of Third Parties and Implications for Switzerland (CSS Mediation Resources, Center for Security Studies (CSS), ETH Zürich, 2011). 25 Rolle des Staates im Bereich Mediation, 3) zu den ihm für Mediation zur Verfügung stehenden Ressourcen und 4) zur daraus resultierenden Strategie für Mediation. Motivation: Warum engagieren wir als Staat uns als Mediationsakteur und wie passt das zu unserem Land? • Welche Kombination von Normen und (in-)direkten nationalen Interessen motiviert und leitet unser Handeln im Bereich Mediation? Wie explizit, wie definiert, wie stabil ist diese Zusammensetzung? • Wie ist die Passung von Mediation mit anderen aktiv genutzten au- ßenpolitischen Instrumenten, mit dem Kurs der Regierung und der Rechts- und Verfassungsgrundlage? • Wenn die Mediationsarbeit in Spannung oder Widerspruch zu anderen außenpolitischen Zielen oder Instrumenten steht, wie werden dann Prioritäten gesetzt? • Wie sieht die historische Entwicklung unseres Landes aus, die unser Vermittlungsprofil prägt? • Wie sieht die Unterstützung durch inländische Wahlkreise und Steuerzahlende aus? Die Motivation eines Staates, sich mit Mediationseinsätzen zu engagieren, prägt die Antworten auf alle weiteren Fragen und ist somit die grundlegendste und wichtigste Frage. Im Allgemeinen motivieren verschiedene Gründe einen Staat, Mediation als außenpolitisches Instrument und als Maßnahme in konkreten Konflikten zu wählen: Im Kern sind es Werte und Normen (z. B. Frieden, Sicherheit und Recht), direkte nationale Interessen (z. B. mit Blick auf den Konfliktausgang) und indirekte nationale Interessen (z. B. internationale Reputation und Zugang zu Schlüsselpersonen). In den Fällen der Schweiz und Norwegens resultiert diese Motivation beispielsweise sowohl aus humanistischen Leitwerten als auch aus indirekten nationalen Interessen. Die Verpflichtung der Schweiz zur Friedensförderung ist zudem in ihrer Verfassung verankert.3 Die Kerninteressen hinter der Friedensarbeit dieser beiden Länder sind die Sicherung guter 1. 3 Art. 54 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999, in der es heißt: „Der Bund sorgt für die Wahrung der Unabhängigkeit der Schweiz und ihres Wohlergehens; er unterstützt insbesondere die Linderung von Not und Armut in der Welt und fördert die Achtung der Menschenrech- Simon J. A. Mason 26 Reputation und der Zugang zu wichtigen Akteuren (z. B. den Regierungen der USA und Russlands), selten sind direkte Interessen die Hauptmotivation für ein Engagement (z. B. wirtschaftliche Einstiegspunkte nach dem Friedensabkommen). Für beide Länder ist das Mitwirken in der Friedensförderung eine Möglichkeit, zur globalen Lastenverteilung beizutragen. Bei einem Land wie Südafrika, das seine Vermittlungsbemühungen auf den afrikanischen Kontinent konzentriert, setzt sich die Motivation etwas anders zusammen – und sie ändert sich von einem zum nächsten Engagement. Was Werte und Normen angeht, ist die Motivation Südafrikas eng mit der Vision einer „afrikanischen Renaissance“ und mit der Selbstverpflichtung des African National Congress (ANC) verbunden, den heute im Konflikt stehenden afrikanischen Menschen zu helfen, die einst Südafrika bei der Überwindung der Apartheid geholfen haben. Bei grenznahen Konflikten wie in Simbabwe, wo Südafrika von möglichen negativen Konfliktauswirkungen wie Migrationsbewegungen, Sicherheitsproblemen an Grenzen und wirtschaftlichen Aspekten betroffen ist, kommt ein direktes nationales Interesse an der Mitgestaltung der Ergebnisse von Konfliktvermittlungen hinzu. Deutschland bekennt sich in seinem jüngst veröffentlichtem Konzept Friedensmediation ebenso explizit dazu, dass die Entscheidung für Mediation von Fall zu Fall von „unseren eigenen Interessen […] und unseren Verpflichtungen aus politischen Bündnissen und multilateralen Verträgen“ geprägt ist.4 Länder wie die USA und Russland nutzen Mediation als Teil ihrer jeweiligen regionalen und globalen diplomatischen und militärischen Gesamtstrategie, mit oft sehr spezifischen nationalen Interessen am Ausgang des Konflikts. Viele würden argumentieren, dass damit der grundsätzliche Anspruch von Mediation als ein die Zustimmung der Konfliktparteien voraussetzender Prozess („consent“) in Frage gestellt wird – aber diese Länder engagieren sich gleichwohl als Drittpartei in diplomatischen Aktivitäten, die sie „Mediation“ nennen. Wenn also der Begriff „Mediation“ verwendet wird, ist es wichtig zu verstehen, wer ihn definiert und zu welchem Zweck. te und der Demokratie, das friedliche Zusammenleben der Völker sowie die Erhaltung der natürlichen Ressourcen.“ 4 Auswärtiges Amt, Konzept Friedensmediation (Berlin: Auswärtiges Amt, 2019). Entwicklung staatlicher Mediationsprofile: Kerndimensionen und Leitfragen 27 Rolle: Was bedeutet Mediation für uns und was ist unsere Rolle im Feld der Mediation? • Was ist unser Verständnis von Mediation? • Wie wird die Stellung unseres Staates in der Welt und wie von den Wählerschaften innerhalb des Landes wahrgenommen? Was erlaubt bzw. hindert diese Stellung uns zu tun? • Wie direktiv, wie fazilitativ vermitteln wir? • Gehen wir über Mediation hinaus und nutzen Machtdiplomatie? Wenn ja, wie kombinieren und unterscheiden wir Mediation und Machtdiplomatie (abgegrenzt/übergehend, unabhängig/abgestimmt)? • Welche vermittlungsbezogenen Rollen sind wir bereit zu übernehmen (z. B. Leitung eines Mediationsprozesses, Unterstützung anderer Mediationsakteure, fallbezogene Arbeit, Fokus auf generische Professionalisierung, bilaterale oder multilaterale Arbeit)? • Welche Verbindungen zu anderen Ländern können wir für Mediation mobilisieren? Es besteht ein breiter wissenschaftlicher und politischer Konsens darüber, dass die Konfliktparteien dem/der Mediator*in und dem Mediationsprozess ihre „Zustimmung“ geben müssen, damit eine Vermittlungstätigkeit als Mediation bezeichnet werden kann.5 Allerdings stehen im Normalfall alle Akteure unter Druck, so dass in der Regel unklar ist, ob eine signalisierte „Zustimmung“ zu 10 oder zu 90 Prozent freiwillige Zustimmung bedeutet und wie sich diese möglicherweise im Laufe eines Prozesses verändert. Häufig wird zu Beginn nur zurückhaltende Zustimmung gegeben, die dann zunimmt, wenn der Prozess an Fahrt gewinnt und die Parteien erkennen können, was sie für sich herausholen können. Besteht auf Seiten des Mediationsakteurs direktes Interesse an einem bestimmten Ergebnis der Konfliktvermittlungen (wie im Falle der USA, Russlands oder Südafrikas), kann dies dessen Bereitschaft erhöhen, niedrige oder asymmetrische Zustimmung seitens der Konfliktparteien als Arbeitsgrundlage zu akzeptieren. Die Voreingenommenheit der USA zugunsten Israels in den israelisch-palästinensischen Friedensprozessen ist dafür ein Beispiel. Länder wie die Schweiz und Norwegen, die neben ihrer Unparteilichkeit, ihren finanziellen Ressourcen und ihrem Fachwissen nur über geringe Einflussmöglichkeiten verfügen, sind dagegen auf ein insgesamt höheres Maß und eine 2. 5 United Nations, United Nations Guidance for Effective Mediation (New York: United Nations, 2012), 4. Simon J. A. Mason 28 stärkere Ausgewogenheit der Zustimmung angewiesen, um effektiv als Mediatoren arbeiten und akzeptiert bleiben zu können. Da diese Länder aufgrund ihrer geringen Größe zudem nicht ohne Unterstützung arbeiten können, müssen sie auch innerhalb der internationalen Gemeinschaft größtmögliche Zustimmung für ihre Mediationsaktivitäten generieren oder zumindest sicherstellen, dass andere Akteure nicht eigene Interessen gefährdet sehen. Das jeweilige Verständnis von Mediation und die eigene Rolle im Feld Mediation ergibt sich folglich nicht zuletzt aus der machtpolitischen Stellung eines Staates und den daraus resultierenden Eigen- und Fremderwartungen, für was und wie dieser Staat Mediation nutzen soll. Die Frage der Zustimmung steht entsprechend auch in enger Verbindung mit der Frage nach dem Mediationsstil, den ein Land nutzt. Norwegen und die Schweiz arbeiten in der Regel mit einem fazilitativen Ansatz. Die USA und Russland nutzen dagegen üblicherweise einen direktiven Mediationsansatz, mit dem sie oft so viel Einfluss ausüben, dass ihre Bemühungen über die Grenzen zustimmungsbasierter Mediation6 hinausgehen und als machtbasierte Vermittlung zu verstehen sind. Länder mit mittelstarker politischer Einflussmacht – wie Deutschland auf globaler Ebene oder Südafrika in Afrika – haben die Möglichkeit, zwischen fazilitierenden und direktiven Mediationsstilen zu wählen und dabei von Fall zu Fall auch zu variieren. Gleichzeitig kann ihre regionale Vormachtstellung sie daran hindern, bestimmte Vermittlungsaufgaben zu übernehmen. Deutschland und Russland würden zum Beispiel mit Blick auf eine innerukrainische Konfliktvermittlung kaum als neutrale Vermittler angesehen werden. Aufgrund ihrer hohen Abhängigkeit von multilateraler Kooperation engagieren sich grundsätzlich eher kleine Länder im Feld der Mediation, das ebenfalls im Multilateralismus verwurzelt ist und diesen unterstützt. Sie folgen dabei den in der UN Guidance for Effective Mediation beschriebenen Leitprinzipien der Mediation oder schließen sich in sogenannten Groups of Friends zusammen. Großmächte wie die USA und Russland nutzen Mediation tendenziell auch außerhalb multilateraler Formate als Teil ihrer jeweiligen eigenen außenpolitischen Agenda, insbesondere im aktuellen geopolitisch polarisierten Kontext. Für Deutschland ist eine Schlüsselfrage, inwieweit es sich direkt als eigenständiger Mediationsakteur oder indirekt im Rahmen des EU-Systems engagiert. Aufgrund seiner wirtschaftlichen 6 Die Formulierungen „with their consent“, „assist“ und „mutually agreeable“ der UN Guidance for Effective Mediation markieren implizit die Grenzen von Mediation zu machtbasierter Vermittlung. Entwicklung staatlicher Mediationsprofile: Kerndimensionen und Leitfragen 29 Verflechtungen und seiner einzigartigen Rolle in der EU ist zu erwarten, dass Deutschland oft bevorzugt durch die EU agieren wird; sicherlich wird es aber nicht an Vermittlungsaktivitäten teilnehmen, die seine Beziehungen zur EU beeinträchtigen würden. Die EU ist weltweit eine der größten Geldgeberinnen von Mediationsprozessen und über diese Finanzierungsmechanismen eine zentrale Gestalterin dieser Prozesse. Kleine Staaten engagieren sich sowohl in Mediationsprozessen als auch in einer Reihe anderer mediationsbezogener Aktivitäten. Nach einigen Misserfolgen in hervorgehobenen Führungsrollen hat sich Norwegen beispielsweise im Mediationsprozess in Sri Lanka dazu entschieden, auch weniger sichtbare Mediation-Support-Aktivitäten zu übernehmen.7 Als ein weiteres Beispiel hat die Schweiz kürzlich zum Spektrum seiner mediationsbezogenen Aktivitäten erläutert, inwiefern Dialogunterstützung, Fazilitation, Verhandlungsunterstützung, Mediation Support und Mediation unterschiedliche, aber miteinander verbundene Aktivitäten sind, die sich gegenseitig ergänzen können.8 Das Kernargument ist, dass nicht alles, was Mediation genannt wird, auch Mediation ist, und dass eine präzisere Verwendung der Terminologie die Effektivität und Legitimität verschiedener Instrumente erhöht. Dagegen ist es unwahrscheinlich, dass sich Länder wie die USA, Russland und Südafrika, die zu einer stärker politisierten Form von Mediation neigen, für definitorische Schärfe einsetzen, was Mediation ist und was nicht. Wie steht Deutschland zu dieser Frage? Das kürzlich veröffentlichte Konzept Friedensmediation9 stellt Deutschlands Definition und Leitprinzipien von Mediation vor. Aus dem Grundsatzdokument lässt sich schließen, dass Deutschland fallbasiert entscheidet, ob es eine Mediationsrolle prinzipienbasiert und unparteiisch umsetzen kann, und die Tatsache anerkennt, dass es Fälle gibt, in denen dies nicht möglich ist und andere Ansätze angewendet werden sollten. 7 Lena Merkle, „The Nordic Model of Peace Diplomacy: Pride and Hegemonic Prejudice“, Beyond Peacebuilding: Challenging a Critical Mainstream. ASPR Report No. 3 (2019): 15-20. 8 Arbeitsgruppe Aussenpolitische Vision Schweiz 2028, Die Schweiz in der Welt 2028. Bericht der Arbeitsgruppe „Aussenpolitische Vision Schweiz 2028“ (Bern: AVIS28, 2019). 9 Auswärtiges Amt, Konzept Friedensmediation. Simon J. A. Mason 30 Ressourcen: Wer steuert Mediation und welche Ressourcen können wir als Staat für Mediation einsetzen? • Wer steuert Mediation auf welcher Regierungsebene: Präsident*in, Minister*in, Unterstaatssekretär*in (bezogen auf die Verantwortlichkeit für Außenpolitik)? • Welche Unterstützungsstrukturen für Mediation werden aufgebaut und genutzt (in bzw. außerhalb des Auswärtigen Amts bei NGOs, in der Wissenschaft etc.)? • Welche Ressourcen sind verfügbar? Woraus speist sich die vorhandene Einflussmacht und Hebelwirkung (Expertise, Geld, politisches Gewicht, Allianzen, militärische Friedenssicherung)? Die Motivation für ein Engagement im Bereich Mediation und das davon geleitete Mediationsverständnis bestimmen, welche Ressourcen ein Land in Mediation investiert. Das fachwissenbasierte Mediationsverständnis der Schweiz und Norwegens lässt diese Länder interne Unterstützungsstrukturen (d. h. innerhalb des Auswärtigen Amts) und externe (z. B. akademische, durch NGOs10) nutzen und mit Ausbildungsformaten und Forschung in die Professionalisierung von Mediation investieren. Unter Nelson Mandela, Thabo Mbeki und Jacob Zuma bedeutete Südafrikas präsidialer und persönlicher Ansatz in der Mediation hochrangiges politisches Engagement, verbunden mit einer schnellen und starken politischen Steuerung von Mediationsprozessen und weniger Investitionen in interne und externe technische Unterstützungsstrukturen. Der langfristige Aufbau von Ressourcen und Reputation im Bereich Mediation erfordert eine breite und dauerhafte innerstaatliche Unterstützung. Eine Kernfrage in jedem Land ist daher, inwieweit der innenpolitische Konsens für Engagement in der Friedensförderung von allen politischen Parteien des gesamten politischen Spektrums sowie von den jeweiligen Regierungen und deren persönlichen Präferenzen getragen wird. An der Schweiz und Norwegen lässt sich ablesen, wie so ein breiter und beständiger Konsens erhalten werden kann, auch wenn sich die Argumentation und die Zusammensetzung von Werten und nationalen Interessen als Motivationsquelle für Mediation über die Zeit ändern. In der Schweiz 3. 10 Zum Beispiel das vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) finanzierte Mediation Support Project des Center for Security Studies, ETH Zürich (CSS) und swisspeace, das zusammen mit dem EDA den jährlichen Peace Mediation Course organisiert (www.peacemediation.ch, 29.6.2020). Entwicklung staatlicher Mediationsprofile: Kerndimensionen und Leitfragen 31 wird ein solcher parteiübergreifender Konsens durch ein föderales Regierungssystem erreicht, in dem es eine regierende Koalition gibt. Aufgrund der Anlage dieses Systems kann keine Partei hoffen, eine sehr große Mehrheit zu erhalten. In Norwegen basiert dieser Konsens auf parteiübergreifenden Verhandlungen, wodurch das Engagement in Mediation fortgesetzt werden kann, auch wenn es zu Regierungswechseln und Rotationen innerhalb der Exekutive kommt und jede Partei das Recht hat, die Prioritäten innerhalb der norwegischen Mediationspolitik mitzuprägen. Aufgrund der Natur ihrer innerstaatlichen Unterstützungsstrukturen engagieren sich die Schweiz und Norwegen und intervenieren in Mediationsprozessen auch nur, wenn ein hohes Maß an Zustimmung und Beteiligung durch alle relevanten Parteien besteht. Diese hohe Anforderung an Inklusivität kann je nach Fall sowohl ein Hindernis als auch einen Vorteil darstellen. Strategie: Wie gehen wir als Staat bei der Konfliktvermittlung vor? • Was sind unsere Kriterien für Engagement und Fallauswahl mit Blick auf Konflikttypen, an denen wir interessiert sind, und Ebenen, auf denen wir uns engagieren (z. B. Track 1–3, Sprachraum, Geographie)? • Wie „prozessorientiert“ bzw. „prinzipien- und normengeleitet“ gehen wir vor? • Wie risikofreundlich bzw. risikoscheu sind wir? Was sind politische Reputationsgewinne bzw. -risiken? • Welche Kohärenz besteht zwischen verschiedenen mediationsbezogenen Aktivitäten und zwischen Mediation und anderen friedensfördernden Aktivitäten unseres Landes? • Was haben wir zu bieten (z. B. Geld, Expertise, politische Autorität) und wie wird dieser Mehrwert von Seiten der Konfliktparteien wahrgenommen? • Mit wem arbeiten wir wie zusammen (z. B. allein, mit anderen bzw. mit welchem Ansatz zum Informationsaustausch, im Wettbewerb, in Arbeitsteilung)? • Wie lange engagieren wir uns? Auf welche Phase eines Prozesses (Vorvorverhandlungen, Vorverhandlungen, Verhandlungen, Umsetzung) konzentrieren wir uns? • Wie voreingenommen oder unparteiisch sind wir als Mediator*in? • Wie arbeiten wir an Zugängen und Einstiegspunkten („entry points“)? • Wie ist unser Ansatz zu „do no harm“, wie unsere Ausstiegs-, Aufteilungs- und Übergabestrategie? 4. Simon J. A. Mason 32 Die Phasen von Friedensprozessen, zu denen seine Mediationseinsätze beitragen, sowie das Maß an Risikobereitschaft prägen die strategische Herangehensweise eines Staates an Mediation und mediationsbezogene Aktivitäten. Norwegen engagiert sich in allen Phasen eines Friedensprozesses: in der Vorbereitungs-, Verhandlungs- und Umsetzungsphase. Die Schweiz hat sich bisher stärker auf die Vorbereitungs- und Verhandlungsphase, weniger auf die Umsetzungsphase konzentriert. Norwegen investiert mehr Ressourcen und ist seit langem risikofreundlicher als die Schweiz, auch wenn die Schweiz in ihrem jüngsten Politikbericht argumentiert, dass Friedensförderung „eine gewisse Risikobereitschaft“ erfordert.11 Die Schweiz arbeitet gerne mit anderen Akteuren zusammen, um die Last nicht allein zu tragen, Norwegen engagiert sich dagegen sowohl allein als auch gemeinsam mit anderen Ländern und erscheint eher bereit, eine führende und sichtbarere Rolle zu übernehmen (z. B. Israel-Palästina, Sri Lanka, Kolumbien). Je nach Fall scheinen Länder wie Südafrika, USA oder Russland tendenziell im Alleingang oder über regionale oder globale Organisationen zu agieren: zum Beispiel Südafrika im Fall von Simbabwe über die Southern African Development Community (SADC) oder Russland und die USA im Fall von Syrien über die UN. Kleine und mittlere Staaten, die sich im Bereich Mediation engagieren, tendieren dazu, sich auf die Professionalisierung von Mediation zu konzentrieren. Sei es durch die UN Mediation Support Unit (MSU) und das UN Mediation Standby Team oder durch unterstützende Programme wie den Master of Advanced Studies ETH Mediation in Peace Processes, in dem die Schweiz, Deutschland, Finnland, Schweden und die UN eine strategische Partnerschaft mit der ETH Zürich eingegangen sind, um die nächste Generation von Friedensmediator*innen auszubilden.12 Großmächte wie die USA und Russland nutzen zwar auch Mediationskompetenzen, weil diese Länder aber mehr auf diplomatischen Druck sowie auf eine starke außenpolitische Agenda setzen, werden die Instrumente der Mediation eher Teil der diplomatischen, wirtschaftlichen, militärischen und Anti-Terror-Strategie dieser Länder, anstatt sich in erster Linie auf einen lokal getragenen Frieden zu konzentrieren. 11 Arbeitsgruppe Aussenpolitische Vision Schweiz 2028, Die Schweiz in der Welt 2028. 12 ETH Zürich, Department of Humanities, Social and Political Sciences, „MAS Mediation in Peace Processes. Preparing the Next Generation of Mediators“, https:// mas-mediation.ethz.ch/ (6.1.2020). Entwicklung staatlicher Mediationsprofile: Kerndimensionen und Leitfragen 33 Zusammenfassung Die hier aufgeführte Sammlung von Fragen und veranschaulichenden Antworten ist keineswegs abschließend, sondern vielmehr als Inspirationsanstoß für ein systematischeres Nachdenken über relevante Dimensionen in der Entwicklung staatlicher Mediationsprofile zu betrachten. Es ist darüber hinaus wichtig zu betonen, dass zwischen diesen verschiedenen Dimensionen und dazugehörigen Fragen ein Abhängigkeitsverhältnis besteht, aus dem sich eine bestimmte Reihenfolge für deren Klärung ergibt: Wenn sich die Motivation für das Engagement im Bereich Mediation ändert, wird sich dies auf die Rolle, den Ressourceneinsatz und die strategischen Entscheidungen auswirken. Mit anderen Worten: Es braucht zuerst Klarheit über die Motivation und die übergreifende Zielsetzung in diesem Feld, bevor sich die strategische Ausrichtung eines Staates bestimmen lässt. Die auf diese Weise erreichte Schärfung des Mediationsprofils sollte es dann auch ermöglichen, auf eine bessere Zusammenarbeit zwischen verschiedenen staatlichen Mediationsakteuren hinzuarbeiten und für gute Passungen zwischen Mediationsakteur und Konflikt zu sorgen. Literaturangaben Arbeitsgruppe Aussenpolitische Vision Schweiz 2028. Die Schweiz in der Welt 2028. Bericht der Arbeitsgruppe „Aussenpolitische Vision Schweiz 2028“. Bern: AVIS28, 2019. Auswärtiges Amt. Konzept Friedensmediation. Berlin: Auswärtiges Amt, 2019. ETH Zürich, Department of Humanities, Social and Political Sciences. „MAS Mediation in Peace Processes. Preparing the Next Generation of Mediators“. https:/ /mas-mediation.ethz.ch/ (6.1.2020). Mason, Simon J. A., und Damiano Angelo Sguaitamatti. A Comparison of Third Parties and Implications for Switzerland. CSS Mediation Resources, Center for Security Studies (CSS), ETH Zürich, 2011. Merkle, Lena. „The Nordic Model of Peace Diplomacy: Pride and Hegemonic Prejudice“, Beyond Peacebuilding: Challenging a Critical Mainstream. ASPR Report No. 3 (2019): 15–20. Svensson, Isak, und Monika Onken. „Global Trends of Peace Negotiations and Conflict Mediation“, in Global Trends 2015: Prospects for World Society, hg. v. Michèle Roth, Cornelia Ulbert, Tobias Debiel und Stiftung Entwicklung und Frieden, 65–79. Bonn/ Duisburg: Development and Peace Foundation, Institute for Development and Peace/Käte Hamburger Kolleg – Centre for Global Cooperation Research, 2015. United Nations. United Nations Guidance for Effective Mediation. New York: United Nations, 2012. Simon J. A. Mason 34

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Abstract

This volume is dedicated to the field of peace mediation, which has developed fast and rapidly become specialised and professionalised in recent decades, both internationally and in Germany. In bringing together the history, status quo and perspectives on future developments in this field, the volume has three special features: It combines a critical academic and a practical assessment of actual political developments. It offers a selection of the ‘Fact Sheets on Peace Mediation’, which were compiled jointly by the Federal Foreign Office and the Initiative Mediation Support Deutschland (IMSD). And it provides concrete ideas on how Germany's peace mediation profile and methodology can be further enhanced and translated into real political practice. With contributions by Marike Blunck, Sebastian Dworack, Dr. Anne Holper, Prof. Dr. Lars Kirchhoff, Dr. David Lanz, Christoph Lüttmann, Dr. Simon Mason, Brigitta von Messling, Dirk Splinter, Luxshi Vimalarajah, Julia von Dobeneck, Dr. Almut Wieland-Karimi, Dr. Carsten Wieland, Felix Würkert

Zusammenfassung

Dieser Band ist dem Feld der Friedensmediation gewidmet, das sich international seit über einem Jahrzehnt und in Deutschland seit nunmehr einigen Jahren rasant entfaltet, profiliert und professionalisiert hat. Die in diesem Band geleistete Zusammenführung von Entstehung, Status Quo und Zukunftsperspektiven des Themas weist dabei drei Besonderheiten auf. Erstens vereint sie den wissenschaftlichen und den praktischen Blick: tatsächliche politische Entwicklungen werden kritisch nachgezeichnet und sogleich konzeptionell und kontextuell eingebettet, auch im internationalen Vergleich. Zweitens bietet der Band eine Auswahl der „Fact Sheets Friedensmediation“, die in den vergangenen Jahren im Zusammenwirken zwischen dem Auswärtigen Amt und der Initiative Mediation Support Deutschland (IMSD) erarbeitet wurden. Drittens gibt der Band konkrete Anstöße, wie Deutschlands Profil in der Friedensmediation in die politische Praxis übersetzt werden kann. Der Kreis der Autor*Innen setzt sich aus Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen sowie Repräsentant*innen relevanter Ministerien und Organisationen zusammen. Durch die Kombination dieser Perspektiven entsteht eine aussagekräftige Momentaufnahme zum Thema Friedensmediation in der deutschen Außenpolitik, die stets in einem Spannungsfeld aus Macht und Methodik agieren muss. Mit Beiträgen von Marike Blunck, Sebastian Dworack, Dr. Anne Holper, Prof. Dr. Lars Kirchhoff, Dr. David Lanz, Christoph Lüttmann, Dr. Simon Mason, Brigitta von Messling, Dirk Splinter, Luxshi Vimalarajah, Julia von Dobeneck, Dr. Almut Wieland-Karimi, Dr. Carsten Wieland, Felix Würkert