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Konfliktanalyse und Mediation Entry Points in:

Anne Holper, Lars Kirchhoff (Ed.)

Friedensmediation, page 121 - 138

Spannungsfeld aus Methodik, Macht und Politik

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-5405-2, ISBN online: 978-3-8452-9574-9, https://doi.org/10.5771/9783845295749-121

Series: Interdisziplinäre Studien zu Mediation und Konfliktmanagement, vol. 5

Bibliographic information
Konfliktanalyse und Mediation Entry Points Julia von Dobeneck & Anne Holper & Dirk Splinter 121 PEACE MEDIATION GERMANY Konfliktanalyse und Mediation Entry Points 122 Zur Bedeutung von Konfliktanalyse Konfliktanalyse ist von essenzieller Bedeutung für die Planung und die Gestaltung von Konfliktbearbeitungsverfahren und insbesondere von Mediationsprozessen. Wissenschaftler1 und Praktiker sind sich einig, dass unzureichende Analysen einer der häufigsten Gründe für mangelnde Wirksamkeit oder gar das Scheitern von mediativen Interventionen sind. Für die Mediationspraxis verwertbare Konfliktanalysen müssen die Besonderheiten des jeweiligen Konflikts differenziert abbilden, kontinuierlich prozessbegleitend aktualisiert werden und dürfen den Fokus nicht ausschließlich auf die eigene Intervention richten. Auch wirtschaftliche, soziale und geschlechtsspezifische Dynamiken sollten einbezogen werden, um dadurch ggf. wesentliche Aspekte der Gesamtdynamik und des Konfliktumfelds nicht außer Acht zu lassen. Relevante Analyseergebnisse müssen bei der strategischen Planung eines Vermittlungsprozesses in ein maßgeschneidertes Prozessdesign übersetzt werden, um zu optimalen Ergebnissen zu führen.2 International kann und sollte die Zusammenarbeit bei der Erstellung von Konfliktanalysen, die Einbeziehung lokaler und regionaler Perspektiven und der Austausch von wesentlichen Erkenntnissen zwischen involvierten Organisationen und Institutionen verbessert werden, wie auch im Report des VN-Generalsekretärs „The Future of UN Peace Operations“ vom September 2015 ausgeführt wird.3 Konkrete Einsatzfelder von Konfliktanalyse Unter den Begriff Konfliktanalyse werden recht unterschiedliche Formate und Vorgehensweisen subsumiert, deren Besonderheiten sich zum einen aus den Kontexten ergeben, in denen sie erstellt werden, zum anderen aus unterschiedlichen Zielsetzungen folgen: Der spätere Verwendungszweck definiert das jeweils sinnvollste Vorgehen. • Kontextanalyse: Wissensgenerierung als Grundlage politischen Handelns Umfassende Kontextanalysen sollen eine fundierte Basis für politische Entscheidungen sicherstellen. Hierzu werden klassische Verfahren wissenschaftlicher Informationsgewinnung (Recherchen, Interviews mit Akteuren, Pressereviews) genutzt und die Ergebnisse in Form von Studien und Empfehlungen für die Politik aufbereitet (z. B. durch die International Crisis Group oder die Stiftung Wissenschaft und Politik). 123 • Verfahrensberatung: Interventionsplanung von oder mit Drittparteien Auf Basis der oben beschriebenen Analysen werden in einem methodisch-strukturierten Vorgehen bestimmte Aspekte des Konflikts untersucht, um Handlungsoptionen für eine Einschaltung oder das weitere Vorgehen von Drittparteien zu entdecken bzw. abzuwägen. Dies beinhaltet auch das Herausarbeiten sogenannter Mediation Entry Points, also konkreter Ansatzpunkte für Mediationsaktivitäten.4 Eine derartige Beratung kann sich sowohl auf punktuelle Fragen (wie die Vorbereitung von Gesprächen mit einer Konfliktpartei) als auch auf den Gesamtprozess beziehen. Im Fokus der angewandten Analysemodelle/-instrumente stehen in der Regel einzelne Dimensionen des Konflikts, z. B. die Konfliktparteien und ihre Beziehungen, die Interessen und Bedürfnisse der Parteien oder die Wechselwirkung der verschiedenen Einflussfaktoren auf den Konflikt. Auch geschlechtsspezifische Aspekte sind hier zu berücksichtigen. • Konfliktanalyse mit Konfliktakteuren: Bestandteil von Dialog5und Mediationsarbeit nichtstaatlicher Organisationen Im Rahmen von Workshops mit Konfliktparteien können interaktiv erstellte Konfliktanalysen bereits Teil einer Intervention sein. Ziele können hierbei sein: ein tieferes Verständnis für die Situation und die handelnden Personen zu schaffen, Konflikthintergründe auszuleuchten und/oder die Auswirkungen der Konfliktdynamiken zu erforschen. Eine gemeinsam mit den Konfliktakteuren erfolgende Konfliktanalyse dient der Vertrauensbildung und als erster Schritt der konstruktiven Auseinandersetzung mit der Sichtweise anderer Akteure. Sie kann somit integraler Teil der Konfliktbearbeitung sein. • Warum eine geschlechtersensible Konfliktanalyse wichtig ist6 Frauen und Männer erleben Konflikte unterschiedlich und sind damit gleichzeitig unterschiedliche Akteure in Konflikten. Auch wenn bestimmte Gruppen aufgrund ihres Geschlechts und/oder weiterer Identitätsmerkmale auf den ersten Blick nicht Bestandteil des Konfliktes zu sein scheinen, können damit verknüpfte Dynamiken signifikante Auswirkungen auf Dialog- und Friedensprozesse haben. Eine fundierte, gendersensible Konfliktanalyse geht über die Dokumentation von geschlechtsspezifischen Auswirkungen des Konfliktes, Diskriminierungen oder Fragen der In- und Exklusion von Dialogprozessen weit hinaus. Vielmehr bringt sie sozio-politische und ökonomische Dynamiken zu Tage und identifiziert Potenziale und Ansatzpunkte für umfas- 124 sende und nachhaltige Mediations- und Dialogprozesse, die die gesamte Bevölkerung in den Blick nehmen.7 Gleichzeitig können Risiken für die Perpetuierung von Stereotypen durch geschlechtersensible Dialogprozesse identifiziert werden. Haben sich z. B. militarisierte Männlichkeitsbilder und tradierte Rollenbilder durch den Konflikt verstärkt? Welche neuen Aufgaben haben Frauen im Verlauf des Konfliktes übernommen und welche Akteure müssen in den Dialogprozess eingebunden werden, um Eskalationsrisiken zu minimieren? Je nach spezifischem Einsatzfeld und -ziel haben verschiedene Institutionen jeweils bevorzugte Formate der Konfliktanalyse entwickelt.8 So nutzen beispielsweise das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit das sogenannte Peace and Conflict Assessment zur konfliktsensitiven Programmplanung. Das Vereinigte Königreich hat sich in seinem aktuellen Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ dazu bekannt, in alle ihre Konfliktanalysen eine Genderanalyse zu integrieren.9 Das Konfliktverhütungszentrum der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und das Mediation Support Team des Europäischen Auswärtigen Dienstes führen interne Workshops zur Konfliktanalyse mit Blick auf konkrete Krisenregionen durch. Bisweilen werden auch lokale Akteure bei solchen Workshops beteiligt und/oder entsprechende Analysen werden gemeinsam mit Partnerorganisationen realisiert. Fragestellungen und Instrumente der Konfliktanalyse Das Erkenntnis- und Interventionsinteresse entscheidet über das jeweils stimmige Analyseinstrument. Eine gute Übersicht, welches Instrument für welche Fragestellung geeignet ist, bietet das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten entwickelte Conflict Wheel (s. Abb.1). Es ist als Meta-Analyseinstrument zu verstehen, das eine Auswahl gängiger Analyseinstrumente vorstellt und gleichzeitig geeignet ist, die verschiedenen Aspekte eines Konflikts übersichtlich zusammenzufassen. Die im Conflict Wheel abgebildeten einzelnen Instrumente sind genauer erläutert im „Tip Sheet Conflict Analysis Tools“ der Schweizer DEZA.10 125 Needs-Fears Mapping Konflikt-Perspektiv-Analyse Akteurs-Beziehungs-Mapping Geschlechtersensible Analyse Konflikt-Perspektiv-Analyse Needs-Fears Mapping Konflikt-Baum Glasls Eskalationsmodell Multi-Causal Role Model Konflikt-Baum Multi-Causal Role Model Konflikt-Perspektiv-Analyse Needs-Fears Mapping Glasls Eskalationsmodell Veränderung Rollen(bilder) 1 Akteure/ Beziehungen 2 Themen/ Anliegen 3 Dynamik 4 Kontext/ Strukturen 5 Kausalität 6 Optionen/ Strategien Conflict Wheel Conflict Wheel In der Folge finden Sie eine Auswahl der in der Friedensmediation gängigsten Analyseinstrumente und Bezugspunkte, die besonders mit Blick auf mediative Interventionen Relevanz entfalten können. Akteurs-Beziehungs-Mapping Das Akteurs-Beziehungs-Mapping (Actors-Relationship Mapping11) ist eine Methode, die die Hauptakteure, deren Machtverhältnisse und die verschiedenen Beziehungen der Akteure untereinander (Allianzen, Konflikte, Abhängigkeiten z. B. auf Grund von ökonomischen oder auch geschlechtsspezifischen Faktoren) visuell darstellt. Mediatoren und ihre Teams nutzen dieses Instrument am Anfang eines Mediationsprozesses, um ein besseres Verständnis der Konfliktlandschaft zu erlangen und Mediation Entry Points zu identifizieren. Es liefert Erkenntnisse darüber, welche Akteure durch bestimmte Interventionen radikalisiert werden könnten und stärker einbezogen werden sollten, wer über Kontakte zu diesen Akteuren und daher Einflussmöglichkeiten verfügt, welche Akteure als neutral oder parteiisch gesehen werden können und welche zivilgesellschaftlichen und ande- Abb. 1: → 126 ren Akteure ggf. als Unterstützer von offiziellen Friedensprozessen in Frage kommen. Neben Mediatoren benutzen auch Konfliktparteien dieses Instrument, um ihre eigenen Strategien zu verfeinern und blinde Flecken zu identifizieren. Afghanistan, Oktober 1999 Externe Unterstützung Politische Spannungen Hilfsorganisationen/ Internationale Gemeinschaft Externe Unterstützung Handelsgemeinschaft Zivil gesell schaftliche Gruppen Bürgerkrieg Legende Konfliktakteur; Größe des Kreises entspricht den Machtverhältnissen in Bezug auf den Konflikt Pfeile zeigen die dominante Richtung von Einfluss oder Aktivität an Vorhandene Beziehung Allianz Unterbrochene Beziehung Konflikt • Nicht verhandlungsbereit • Beansprucht die Legitimität als Regierung • Ausländische Einflussnahme • Beansprucht die Unterstützung der Bevölkerung • Anerkannt durch die Vereinten Nationen Positionen Vereinte Nationen Unsere Gruppe Mediation Oppositionsbündnis Taliban-Regierung Positionen • Verhandlungsbereit • Wollen Teilhabe an der Macht • Beansprucht die Vertretung von Minderheiten • Ausländische Einflussnahme • Durch die Vereinten Nationen anerkannte Regierung Akteurs-Beziehungs-Mapping, Afghanistan 199912Abb. 2: 127 Interessenanalyse Bei einer Interessenanalyse werden Interessenprofile aller relevanten Konfliktparteien (inklusive etwaiger ausgeschlossener Parteien, geopolitisch mitbetroffener Akteure sowie [potenzieller] Drittparteien) erstellt. Ziel ist es, die zumeist hinter den offiziell vorgetragenen Positionen liegenden Interessen transparent zu machen. Handelt es sich bei diesen Akteuren um natürliche Personen, können bei der Analyse auch Faktoren wie Herkunft, Geschlecht, Altersgruppen etc. einbezogen werden. Eine methodisch saubere Aufbereitung der jeweiligen Interessen im Konflikt dient insbesondere der Vorbereitung von mediativen Aushandlungsprozessen. So können neue Lösungsoptionen, Wertschöpfungspotenziale und Gemeinsamkeiten zwischen den Parteien herausgearbeitet werden.13 Gleichzeitig wird für die weitere Verhandlung deutlich, wo Nullsummenspiele, tradierte Rollenvorstellungen sowie nicht verhandelbare Identitätsaspekte die Dynamik prägen – Erkenntnisse, die für das an den Tag gelegte Verhandlungsverhalten der Konfliktparteien oftmals von gro- ßer Bedeutung sind. Erst durch eine sorgfältige Aufschlüsselung der Interessen lässt sich zum Beispiel in einem Territorialkonflikt abschätzen, zu welchen Anteilen und mit welchen Zielsetzungen wirtschaftliche, religiöse, ethnische, geschlechtsspezifische oder geopolitische Motivationen die jeweiligen Forderungen der Konfliktparteien erklären. Die praktischen Ableitungen für den Mediationsprozess reichen von der Festlegung der sinnvollsten Reihenfolge der Verhandlungsgegenstände bis hin zu Erkenntnissen über die notwendige Regelungsdichte späterer Abkommen. Interessenprofile werden häufig – so auch in unten stehendem Beispiel mit Blick auf Südthailand – in Zusammenschau mit den Positionen, Bedürfnissen und Befürchtungen der Akteure aufbereitet (sog. Needs-Fears Mapping). Die Kategorie Bedürfnis beschreibt dabei die den Interessen zugrundeliegenden, tiefer reichenden Bestrebungen und Motive. Befürchtungen markieren Linien, deren Überschreitung die Parteien von einer Annäherung abhalten würden. → 128 Positionen, Interessen, Bedürfnisse und Befürchtungen der Hauptakteure des Konflikts Kategorie Thailändischer Staat Befreiungsbewegung Zivilgesellschaft Position Souveränität und territoriale Unversehrtheit: Thailand ist ein unteilbares Königreich Unabhängigkeit von Thailand, eigener Staat Frieden und Gerechtigkeit Mitwirkungs möglichkeit und Selbstbestimmung Interesse Wahrung der öffentlichen Ordnung durch notwendige Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt Zentralisierung und Aufrechterhaltung von „Nation, Religion und Monarchie“, die die nationale Sicherheit konstituieren Sicherstellung von Autonomie, politische Freiheit Entscheidungshoheit über Lebensführung und Ressourcenverteilung Setzen eines Signals für Gleichberechtigung; gegen Diskriminierung Herstellung von Harmonie in einer pluralistischen Gesellschaft Stärken der Entscheidungshoheit in lokalen Angelegenheiten Bedürfnis Schutz der thailändischen Identität und der Würde des thailändischen Staates Politische Stabilität Freiheit, gemäß dem eigenen Glauben und der eigenen Kultur leben zu können Politische Teilhabe und Anerkennung Befürchtung Verlust von Autorität und Staatsgebiet Ethnische, religiöse und kulturelle Assimilation; mithin Verlust der malayisch-patanischen Identität Verlust von Leben oder physischer Unversehrtheit Beispiel für Ergebnis einer Interessenanalyse bezogen auf Südthailand14 Systemisches Feedback Loop Mapping Das systemische Feedback Loop Mapping nimmt das gesamte Spektrum an Faktoren (ökonomische, soziokulturelle, politische, historische etc.), die das Konfliktgeschehen beeinflussen, und die Dynamiken, die Veränderungen dieser Faktoren entfalten, in den Blick. Dadurch können Relevanz und Effektivität von geplanten oder bereits stattfindenden Interventionen überprüft werden: Auf welche zentralen Faktoren soll wie eingewirkt werden? Welche verstärkenden (Hebel-)Wirkungen (Points of Leverage) oder auch nichtintendierte Nebenwirkungen sind absehbar? Im Rahmen einer Evaluation von Friedensprojekten im Kosovo im Zeitraum vor 2006 wurde beispielsweise gezeigt, wie die internationale Unterstützung von interethnischen Projekten unbeabsichtigt zu einem Erstarken des Nationalismus Abb. 3: → 129 beitrug: Eine große Zahl von Projekten zielte auf verstärkte praktische interethnische Kooperation in verschiedenen Lebensbereichen ab (Wirtschaft, Jugend, Gesundheit etc.) – in der Annahme, dies führe zu verbesserter interethnischer Kommunikation und dem Aufbau von Vertrauen sowie damit auch zum Abbau von Nationalismus und Feindseligkeit. Es stellte sich jedoch heraus, dass andere Einflussfaktoren nicht genügend beachtet wurden. So wurde beispielsweise der von lokalen politischen Eliten ausge- übte Gruppendruck zur Einhaltung sozialer Grenzen, etwa sozialer Normen, die den Umgang mit der jeweils anderen Ethnie limitierten und sanktionierten, nicht ausreichend berücksichtigt. Weiterhin stellte sich das Empfinden von Benachteiligung der eigenen Ethnie (historisch und/oder aktuell) als zentraler Faktor heraus, der durch die o.g. Projekte nicht adressiert wurde. Teilweise wurde in der internationalen Unterstützung interethnischer Projekte sogar eine Fortführung dieser Benachteiligung gesehen. Auf diese Weise verstärkten die Friedensprojekte indirekt nationalistische Einstellungen und den o.g. Gruppendruck (vgl. Abb. 4). Eine solche systemische Analyse kann vielfältige und wichtige Informationen für die Planung von Mediations- und Dialoginitiativen liefern. Im vorliegenden Beispiel wäre eine mögliche Erkenntnis, interethnische Kooperationsprojekte stärker durch Dialog- und bisweilen Mediationsprozesse zu begleiten, die das Ungerechtigkeitsempfinden sowie den jeweiligen Gruppendruck seitens der eigenen Eliten thematisieren. – – + + + + + + + Multiethnische Projekte Nationalismus/ Feindseligkeit Interethnische Kommunikation und Vertrauensaufbau Ungerechtigkeitsempfinden und Ressentiments Qualität der interethnischen Beziehungen Sozialer Druck zur Einhaltung sozialer Grenzen Zielsetzung lokaler Politiker bzw. Position zur Statusfrage des Kosovo Internationale Ressourcen (Geld und Anreize) Unbeabs ichtigter Nebeneffekt Legende Verstärkender Effekt Abschwächender Einfluss + – Systemic Feedback Loop Mapping am Beispiel Kosovo Beispiel für Ergebnis eines systemischen Feedback Loop Mappings bezogen auf Kosovo15 Abb. 4: 130 Mediationsorientierte Konfliktanalyse Die „Mediationsorientierte Konfliktanalyse“ ist ein Instrument, das die klassischen Kernphasen der Mediation und die Methodik von Mediationsverfahren für die Analyse von Konflikten nutzt.16 Informationen zu Konflikten und erfolgten oder denkbaren Eingriffen in den Konfliktverlauf werden dabei so aufbereitet, dass daraus Handlungsoptionen für unterschiedliche Zeitpunkte eines laufenden oder anstehenden Vermittlungsverfahrens gewonnen werden: als Entscheidungsgrundlage für die Frage, ob es sinnvoll ist oder nicht, einen Mediationsprozess einzuleiten; als Sammlung für methodisch aussichtsreiche nächste Schritte im Rahmen eines gegenwärtigen Verfahrens; oder als Überprüfungsmöglichkeit, an welchen Stellen das Ergebnis einer bereits abgeschlossenen Mediation nachsteuerungsbedürftig sein könnte. Die Mediationsorientierte Konfliktanalyse setzt andere Akzente als eine rein deskriptive und analytische Beschreibung eines Konflikts und ist als komplementär zur klassischen Konfliktanalyse zu verstehen. Im Fokus steht dabei weder der Konflikt als ganzer oder seine Ursachen noch die Konfliktdynamik oder die Spezifika der Akteure. Der Blick richtet sich vielmehr auf das passende Vermittlungsverfahren, den Auftrag und die Grenzen des Mediationsmandats, die Art und Weise der Einbindung der Akteure sowie die entlang der Mediationsmethodik erfolgende Herausarbeitung und Zusammenführung der Interessen zu einigungsfähigen Lösungsmöglichkeiten. → 131 Beispiel mediationsorientierte KonfliktanalyseAbb. 5: 132 Dieses primär verhandlungsmethodisch geprägte Instrument dient damit sowohl der Sondierung von Ansatzpunkten für Mediation (sog. Mediation Entry Points) als auch der Planung des Gesamtdesigns von Mediationsprozessen. Besonders ergiebig ist die Anwendung in lange währenden Konflikten (etwa in sog. Frozen Conflicts oder Protracted Conflicts wie der Situation in Transnistrien oder Georgien), in denen bereits umfangreiche Erfahrungen und Daten über die bislang etablierten Konfliktdynamiken zur Verfügung stehen. Von der Analyse zur Identifizierung von Mediation Entry Points Gemeinsames Ziel der verschiedenen Instrumente der Konfliktanalyse ist die Identifikation von Mediation Entry Points für mediative Interventionen.17 Hierzu bietet sich ein Vorgehen in mehreren Schritten an. Unmittelbar aus einer entsprechenden Konfliktanalyse kann abgeleitet werden, an welcher Stelle mediative Interventionen sinnvoll sind, um Spannungen zu reduzieren oder zur Konfliktlösung beizutragen. Die Feinanalyse unterstützt die Entscheidung, mit welchen Akteuren, bzgl. welcher Fragestellung und unter Berücksichtigung welcher Konfliktdynamiken ein Mediationsprozess stattfinden könnte. Eine Sichtung des internationalen Interventionsumfelds zeigt auf, auf welchen Ebenen und mit welchen Akteuren andere Drittparteien bereits arbeiten, sodass ggf. eigenes staatliches Engagement komplementär dazu wirken könnte.18 In einem weiteren Schritt ist auf politischer Ebene zu entscheiden, ob, wann und wie ein im Grundsatz vorhandener Mediation Entry Point auch tatsächlich genutzt werden sollte. Hierzu bedarf es zum einen eines Abgleichs mit den Zielen und strategischen Interessen der intervenierenden Drittpartei sowie mit ihrer Rolle im Gefüge multilateraler Organisationen (politische Stimmigkeit). Zum anderen ist abzuschätzen, ob ausreichend spezifische Expertise und infrastrukturelle Ressourcen bereitgestellt werden können, um im jeweiligen Konflikt aktiv zu werden (faktische Machbarkeit). Fazit des Fact Sheets Um Konfliktanalysen auf eine ebenso differenzierte wie inklusive Art vorzunehmen, empfiehlt es sich, sowohl Personen einzubeziehen, die mit dem spezifischen Konfliktkontext vor Ort vertraut sind, als auch Personen, 133 die einen versierten Umgang mit den Methoden der Konfliktanalyse und der daraus resultierenden Identifikation von Mediation Entry Points gewährleisten. Die Einbindung verschiedener Perspektiven, von lokalen Akteuren bis hin zu Regierungsvertretern, sowie eine gendersensible Vorgehensweise bereichern die Analyse und können neue Handlungsmöglichkeiten aufdecken. Darüber hinaus ist es essenziell, Konfliktanalysen noch bewusster in die existierenden Entscheidungsprozesse zu integrieren und regelmäßig zu aktualisieren. 134 Referenzen 1 Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit ausschließlich die männliche Form benutzt. Es können damit Personen jeden Geschlechts gemeint sein. 2 Anderson, Mary B. und Olsen, Laura (2003). Confronting War. Critical lessons for Peacebuilders. Collaborative for Development Actions: Boston (MA). 3 UN General Assembly und UN Security Council (2015). The Future of United Nations Peace Operations: Implementation of the Recommendations of the High-Level Independent Panel on Peace Operations | Report of the Secretary-General (A/ 70 / 357–S/ 2015 / 682). 4 Zur Definition von Mediation Entry Points siehe: Auswärtiges Amt/ IMSD: Identifying Mediation Entry Points. Mediation Expert Meeting 2015. Conference Report, S. 9. 5 Dialogarbeit wird meist von nichtstaatlichen Akteuren durchgeführt (siehe auch Fact Sheet: Grundlagen der Mediation: Konzepte und Definitionen). Staaten oder internationalen Organisationen kommt oftmals eine Unterstützungsfunktion zu. 6 Saferworld, Toolkit, Gender analysis of conflict, 2016; Conciliation Resources, Gender & conflict analysis toolkit for peacebuilders, 2015. 7 United Nations Department of Political Affairs, Guidance on Gender and inclusive Mediation Strategies, 2017, S. 15. 8 Conflict Sensitivity Community Hub. Conflict Analysis Tools, https://c onflictsensitivity.org/resources/tools/ (29.6.2020). 9 UK National Action Plan on Women, Peace & Security 2018 to 2022, S. 22. 10 Inhaltlich modifizierte Grafik, eigene Übersetzung. Original: DEZA (2005). Conflict Analysis Tools, Tip Sheet https://www.eda.admin.ch/d am/deza/en/documents/themen/fragile-kontexte/92755-tip-sheet-cat_EN .pdf (29.6.2020). 11 Im Tip Sheet der DEZA Conflict Mapping genannt. Es handelt sich um dasselbe Instrument. 12 Am Original orientierte Grafik, eigene Übersetzung. Original: Fisher, Simon et al (2000). Working with Conflict. Skills & Strategies for Action, Responding to Conflict (RTC): London und New York, S. 23 f. In diesem Beispiel sind zur Veranschaulichung zusätzlich die Positionen der Akteure aufgenommen. Das Akteurs-Beziehungs-Mapping wird dadurch erweitert. 13 Siehe IMSD Fact Sheet „Methodik und Gestaltung des Kommunikationsprozesses in der Friedensmediation“, verfügbar unter https://www.fr 135 iedensmediation-deutschland.de/fileadmin/uploads/ueber_zif/dokume nte/FS7_Methoden_180827_final_Monitor.pdf (29.6.2020). 14 Modifiziert nach Ropers/Mathus, eigene Übersetzung. Original: Ropers, Norbert und Anuvatudom, Mathus (2014). A Joint Learning Process for Stakeholders and Insider Peacebuilders. A case study from Southern Thailand, in Asian Journal for Peacebuilding, 2/2, S. 284. 15 Modifizierte Grafik nach Woodrow/Chigas, eigene Übersetzung. Original: Woodrow, Peter und Chigas, Diana (2011). Connecting the Dots: Evaluating whether and how Programmes Address Conflict Systems, in Körppen, Daniela, Ropers, Norbert und Giessmann, Hans J. (Hrsg). The Non-Linearity of Peace Processes. Theory and Practice of Systemic Conflict Transformation. Opladen & Farmington Hills. Barbara Budrich Publishers: Opladen und Farmington Hills, S. 217. 16 Dieses Instrument wurde vom Center for Peace Mediation an der Europa-Universität Viadrina auf Basis der Konflikt- und Vermittlungsdynamiken in der Ukrainekrise ausgearbeitet. 17 Zur Definition von Mediation, Mediation Support und mediationsverwandten Dialogprozessen siehe IMSD Fact Sheet. „Grundlagen der Mediation: Konzepte und Definitionen“, https://www.friedensmediation-d eutschland.de/fileadmin/uploads/friedensmeditation/dokumente/Fact_ Sheet_Grundlagen_Friedensmediation_und_Mediation_Support_IMS D-AA_2016.pdf (28.6.2020). 18 Siehe IMSD Fact Sheet „Die Rollen und Beiträge von multilateralen und nichtstaatlichen Akteuren im Bereich Friedensmediation“, https:// www.friedensmediation-deutschland.de/fileadmin/uploads/friedensme ditation/dokumente/IMSD_Fact-Sheet_Rollen_und_Beitr%C3%A4ge_ von_multilateralen_und_nichtstaatlichen_Akteuren_im_Bereich_Fried ensmediation.pdf (28.6.2020). 136 PEACE MEDIATION GERMANY Die Initiative Mediation Support Deutschland (IMSD) besteht aus: Berlin Center for Integrative Mediation Impressum ©Auswärtiges Amt & Initiative Mediation Support Deutschland (IMSD) Original erschienen: Januar 2016, Überarbeitung Juli 2019 Autor Initiative Mediation Support Deutschland Infographiken finedesign – Büro für Text & Gestaltung, Berlin 137

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Abstract

This volume is dedicated to the field of peace mediation, which has developed fast and rapidly become specialised and professionalised in recent decades, both internationally and in Germany. In bringing together the history, status quo and perspectives on future developments in this field, the volume has three special features: It combines a critical academic and a practical assessment of actual political developments. It offers a selection of the ‘Fact Sheets on Peace Mediation’, which were compiled jointly by the Federal Foreign Office and the Initiative Mediation Support Deutschland (IMSD). And it provides concrete ideas on how Germany's peace mediation profile and methodology can be further enhanced and translated into real political practice. With contributions by Marike Blunck, Sebastian Dworack, Dr. Anne Holper, Prof. Dr. Lars Kirchhoff, Dr. David Lanz, Christoph Lüttmann, Dr. Simon Mason, Brigitta von Messling, Dirk Splinter, Luxshi Vimalarajah, Julia von Dobeneck, Dr. Almut Wieland-Karimi, Dr. Carsten Wieland, Felix Würkert

Zusammenfassung

Dieser Band ist dem Feld der Friedensmediation gewidmet, das sich international seit über einem Jahrzehnt und in Deutschland seit nunmehr einigen Jahren rasant entfaltet, profiliert und professionalisiert hat. Die in diesem Band geleistete Zusammenführung von Entstehung, Status Quo und Zukunftsperspektiven des Themas weist dabei drei Besonderheiten auf. Erstens vereint sie den wissenschaftlichen und den praktischen Blick: tatsächliche politische Entwicklungen werden kritisch nachgezeichnet und sogleich konzeptionell und kontextuell eingebettet, auch im internationalen Vergleich. Zweitens bietet der Band eine Auswahl der „Fact Sheets Friedensmediation“, die in den vergangenen Jahren im Zusammenwirken zwischen dem Auswärtigen Amt und der Initiative Mediation Support Deutschland (IMSD) erarbeitet wurden. Drittens gibt der Band konkrete Anstöße, wie Deutschlands Profil in der Friedensmediation in die politische Praxis übersetzt werden kann. Der Kreis der Autor*Innen setzt sich aus Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen sowie Repräsentant*innen relevanter Ministerien und Organisationen zusammen. Durch die Kombination dieser Perspektiven entsteht eine aussagekräftige Momentaufnahme zum Thema Friedensmediation in der deutschen Außenpolitik, die stets in einem Spannungsfeld aus Macht und Methodik agieren muss. Mit Beiträgen von Marike Blunck, Sebastian Dworack, Dr. Anne Holper, Prof. Dr. Lars Kirchhoff, Dr. David Lanz, Christoph Lüttmann, Dr. Simon Mason, Brigitta von Messling, Dirk Splinter, Luxshi Vimalarajah, Julia von Dobeneck, Dr. Almut Wieland-Karimi, Dr. Carsten Wieland, Felix Würkert