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Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion I – Zur Inklusivität der Erwerbsarbeit in:

Cornelius F. Moriz

Markt und Teilhabe, page 79 - 118

Über Sein und Sollen in der kapitalistischen Moderne

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-95832-100-7, ISBN online: 978-3-7489-2664-1, https://doi.org/10.5771/9783748926641-79

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79 2. Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion I – Zur Inklusivität der Erwerbsarbeit Die politischen Reaktionen auf die sich auswachsende soziale Misere konzentrierten sich zumindest bisher in der Hauptsache auf Maßnahmen und Programme, welche die Verringerung der Arbeitslosigkeit zum vorrangigen Ziel hatten. Da die Politik indes im Rahmen einer privatwirtschaftlich verfassten Ökonomie nicht einfach per Dekret beliebig viele Arbeitsplätze schaffen kann und ihr hierfür auch im öffentlichen Sektor enge Grenzen gesetzt sind, werden indirekte Mittel ergriffen, um die Beschäftigung zu fördern. Als paradigmatisches Beispiel solcher Maßnahmen kann die Agenda 2010 der deutschen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder dienen, die zwischen 2003 und 2005 schrittweise umgesetzt wurde. So wurden unter anderem die Sozialleistungen für Erwerbslose gesenkt, was in Kombination mit der Verschärfung der Zumutbarkeitskriterien für amtliche Arbeitsangebote die individuelle »Bereitschaft« erhöhen sollte, auch niedrig entlohnte Stellen unterhalb des bisherigen Qualifikationsniveaus anzunehmen. Komplementär dazu zielte die Realisierung arbeitgeberfreundlicher Ideen, wie etwa die Verringerung der betrieblichen Lohnnebenkosten (gegenfinanziert durch die stärkere Belastung der Nettolöhne) oder die Lockerung arbeitsrechtlicher Restriktionen, insbesondere des Kündigungsschutzes, auf die Förderung eines günstigen Investitionsklimas, welches die Unternehmen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze animieren sollte. Dass die solchermaßen vollzogene Verkürzung von Sozialpolitik auf Beschäftigungspolitik zur raschen Ausdehnung des Niedriglohnsektors und zu einer erheblichen Vermehrung unsicherer Arbeitsverhältnisse führen musste, wurde von Seiten der Regierung dabei bewusst in Kauf genommen. Einer der wesentlichen Gründe für diese keineswegs unproblematische Vorgehensweise ist, dass im politischen – und im Übrigen auch im wissenschaftlichen – Mainstream die Erwerbsarbeit zumeist, wie bei der Erörterung des Exklusionsbegriffs bereits ausgeführt, als das zentrale Medium zur Sicherung sozialer Inklusion betrachtet wird und somit im Mittelpunkt der modernen, »ganz und gar auf Erwerbsarbeit ausgerichtet[en]«204 Arbeitsgesellschaft steht. Die Einbindung erwerbsfähiger Personen in das Arbeitsleben sei, so die Bundesregierung in ihrem 204 Martin Kronauer: »Integration, Gefährdung, Ausgrenzung. Spaltungen am Arbeitsmarkt und ihre Folgen für die Bürgerrechte«, in: Hans-Georg Zilian (Hg.): Insider und Outsider, München / Mering 2004, S. 29–45, hier S. 38. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 80 Dritten Armuts- und Reichtumsbericht aus dem Jahre 2008, »der Schlüssel dafür, Teilhabe- und Verwirklichungschancen für alle Haushaltsmitglieder zu eröffnen und damit auch Kinderarmut zu vermeiden.«205 Folglich müsse, wer die geschilderten Probleme von Armut, Marginalisierung und sozialer Exklusion wirkungsvoll bekämpfen wolle, vor allem – und offenbar um nahezu jeden Preis – die Arbeitslosigkeit verringern. Es ist diese Fixierung auf die Erwerbsarbeit, welche der konsequenten Reduktion von Sozialpolitik auf Maßnahmen der Beschäftigungsförderung maßgeblich mit zugrunde liegt und Politiker unterschiedlichsten Parteizugehörigkeit in dem gemeinsamen Glauben eint, dass per se sozial sei, was Arbeit schafft. So einleuchtend dieser populäre Wahlkampfslogan vielen nach wie vor erscheinen mag, es lassen sich starke Argumente anführen, die zeigen, dass es sich bei ihm um einen gesellschafts- und sozialpolitisch folgenschweren Irrtum handelt, der letztendlich auf einem Missverständnis bezüglich der sozialinklusiven Effekte von Erwerbsarbeit einerseits und eines ausreichenden Geldeinkommens andererseits beruht. Dieses Missverständnis gilt es aufzuklären. Hierfür soll zunächst die soziale Inklusivität der (Erwerbs-)Arbeit betrachtet werden. 2.1 Zur ideologischen Inklusivität der Erwerbsarbeit a) Vormoderne Bewertung der Arbeit Dass die Erwerbsarbeit im Zentrum der modernen, ganz und gar auf sie ausgerichteten Arbeitsgesellschaft stehe und insofern sowohl in praktischer als auch in normativer Hinsicht nicht weniger als den Mittelpunkt des modernen Lebens überhaupt bilde, wird einem Großteil der Menschen in den Industrienationen inzwischen ebenso selbstverständlich erscheinen, wie es das historisch unwahrscheinliche Resultat einer radikalen Umwertung der Arbeit darstellt. Denn so war und ist die Arbeit im Marxschen Sinne des basalen Austauschprozesses »zwischen Mensch und Natur, […] worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert«206, zwar nach wie vor eine nicht zu hintergehende, »von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung«207 – und sind beziehungsweise waren in diesem Sinne trivialerweise alle menschlichen Gesellschaften Arbeitsgesellschaften –, doch wäre es den vormodernen Bürgern der griechisch- 205 Bundesregierung 2008, S. 71. 206 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1 (= Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Bd. 23), Berlin 1984, S. 192. 207 Ebd., S. 57. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 81 römischen Antike und des Mittelalters niemals in den Sinn gekommen, sie deshalb schon als primären Fluchtpunkt des Sozialen an sich zu betrachten, um den herum sich alle anderen menschlichen Tätigkeits- und Daseinsformen gruppierten, und mehr noch, sie sogar zur moralischen Referenz des guten, individuell erstrebenswerten Lebens zu erheben. Ganz im Gegenteil sah man im klassischen Altertum in allen Tätigkeiten, die durch die existentiellen Erfordernisse des Lebens erzwungen waren, vor allem in der besonders verachteten körperlichen Arbeit, den Ausdruck der wesentlichen Unfreiheit des Menschen. »Arbeiten hieß, Sklave der Notwendigkeit sein«208, und eben dies war eines freien Mannes nicht würdig. Wahre Freiheit erforderte vielmehr, von den Notwendigkeiten des Daseins unabhängig zu sein und in jedem Augenblick des Lebens nach Belieben über die Verwendung seiner Zeit oder seines Aufenthaltsortes entscheiden zu können. Zu den erstrebenswerten Tätigkeiten, die nach dieser Auffassung für einen freien Bürger noch übrigblieben, zählte Aristoteles neben dem müßiggängerischen »Genuß und Verzehr des körperlich Schönen« sowie der Philosophie im Sinne der Erforschung »dessen, was nie vergeht«, insbesondere das politische Handeln innerhalb der jeweiligen Polis.209 Auch das Mittelalter teilte diese Sicht im Wesentlichen und verband mit Arbeit hauptsächlich Mühsal und Strapazen – von denen die grundbesitzenden Feudalherren aus dem Adel und dem hohen Klerus selbstredend befreit waren. Zwar trifft es zu, dass in der jüdisch-christlichen Tradition eines der wesentlichen Motive für den späteren Bruch des neuzeitlichen Denkens mit der antiken Arbeitsethik schon von Anfang an enthalten war, wurden doch die unaufhörlichen Mühen und Entbehrungen, unter denen die Menschen seit ihrer Vertreibung aus dem Paradies ihr Dasein jeden Tag aufs Neue zu bestreiten haben, bereits in der Genesis als die gerechte Strafe Gottes für den Sündenfall beschrieben. »Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen, alle Tage deines Lebens. […] Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bist du zurückkehrst zum Ackerboden.«210 In diesem alttestamentarischen Mythos liegen die Wurzeln für die spezifisch religiöse Interpretation der Arbeit als eines Gottesdienstes, den im Bewusstsein der Schuld bußfertig auf sich zu nehmen die gottgefällige Pflicht im Grunde eines jeden Menschen sei. Die generelle Abwertung existenznotwendiger Arbeit, wie sie bei den Griechen zu beobachten war, ist deshalb in der jüdisch-christlichen Vorstellungswelt, zumindest dem Grundsatz nach, eigentlich nicht mehr 208 Arendt 2010, S. 101. 209 Vgl. ebd., S. 22f. 210 Gen 3, 17–19. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 82 möglich.211 Dennoch überwog in der gesellschaftlichen Praxis auch im christianisierten Europa bis ins hohe Mittelalter hinein nahezu dieselbe Verachtung der Arbeit, wie sie schon die Antike gekennzeichnet hat. Noch immer sah die aristokratische Elite die Besorgung manueller Arbeiten als knechtisch und in jedem Fall als unter ihrer Würde an, eine Überzeugung, die nicht zuletzt von Thomas von Aquin, dem vermutlich einflussreichsten Philosophen und Theologen des Hochmittelalters – der freilich selbst von adeliger Herkunft war –, ganz selbstverständlich mitgetragen und legitimiert wurde. Thomas, dessen Denken und Werk wesentlich von der aristotelischen Philosophie geprägt war, vertrat dabei nicht nur die Ansicht, dass die Tätigkeiten des Priester- und des Ritterstandes, das heißt die auf Gott gerichtete Vita contemplativa einerseits sowie die Ausübung weltlicher Herrschaft andererseits, sittlich höherstand als die Arbeit der Bauern und Handwerker.212 Er erklärte außerdem explizit, dass lediglich die Notwendigkeit den Menschen zur Arbeit zwinge und letztere somit keineswegs für alle, sondern nur für diejenigen eine unausweichliche Pflicht darstelle, denen andernfalls die Mittel zum Überleben fehlten. »Denn allein die Notwendigkeit des Lebensunterhalts zwingt dazu, mit den Händen zu arbeiten«, so der Aquinate wörtlich.213 Wer jedoch auf andere Einkommensquellen wie zum Beispiel Erbschaften, Mitgiften, Renten oder Abgaben zurückgreifen konnte, der war von dieser Pflicht befreit. Es ist evident, dass diese Argumentation angesichts des Umstandes, dass sich die für das Überleben in der mittelalterlichen Agrargesellschaft bei weitem wichtigste Ressource, das Land, 211 Vgl. Werner Conze: »Arbeit«, in: Otto Brunner u. a. (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 154–215, hier S. 158. 212 »Im Bereich aller Gehaben und Akte [also innerhalb der weltlichen Vita activa, C.M.] ist das Befehlen Sache des Wichtigeren; so befiehlt die Heeresführung als Wichtigere der Schirrmacherei.« Die politisch und militärisch herrschende Aristokratie rangiert somit über dem »weniger wichtigen« Stand der Bauern und Handwerker. Andererseits jedoch schreibt Thomas von Aquin wenige Zeilen später, »[…] daß das beschauliche Leben [gemeint ist die klerikale Vita contemplativa, C.M.] schlechthin besser ist als das tätige Leben,« womit die mittelalterliche Ständeordnung, in welcher der Klerus bekanntlich an der Spitze steht, insgesamt bestätigt wird. Siehe Thomas von Aquin: Summa Theologica, 2,2, Frage 182, Art. 1.2f. (= Heinrich Christmann (Hg.): Die deutsche Thomas-Ausgabe, Bd. 23, Heidelberg u. a. 1954, S. 225f.). Am tiefsten stehen Thomas von Aquin zufolge jene Erwerbsarten, die am wenigsten Geist erfordern und deshalb vor allem den Sklaven (sic!) zukommen; die Parallelen zu Aristoteles sind offenkundig. Vgl. hierzu Johannes Haessle: Das Arbeitsethos der Kirche. Nach Thomas von Aquin und Leo XIII, Freiburg 1923, vor allem Kap. 1, §9.: »Körperliche und geistige Arbeit«, S. 47–51, hier S. 49; vgl. ferner Conze 1972, S. 162. 213 Thomas von Aquin: Summa contra gentiles, Bd. 3, Teil 2, 3. Buch, Kapitel 135, hg. und übers. von Karl Allgaier, 2. Aufl., Darmstadt 1996, S. 261. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 83 größtenteils in der Hand des Adels und der Kirche befand, de facto auf die implizite Rechtfertigung der feudalen Herrschaftsordnung im Allgemeinen und des Privilegs jedenfalls der körperlichen Arbeitsfreiheit von Aristokratie und Klerus im Besonderen hinauslief. Dieses aristokratische Verständnis von Arbeit, Freiheit und dem guten Leben basierte notwendig auf der Versklavung und Ausbeutung eines Großteils der Bevölkerung. Denn da der Mensch als Gattungswesen den Notdürften seines Lebens naturgemäß unterworfen ist und bleibt, kann er als Individuum nur frei werden (jedenfalls im Sinne der Antike und des Mittelalters), indem er andere unterwirft und notfalls mit Gewalt zwingt, die Notdürfte seines Lebens für ihn mitzutragen.214 Dabei macht er sich den – später auch der kapitalistischen Mehrwertproduktion zugrundliegenden – Kraftüberschuss des menschlichen Körpers zunutze, »dessen Leistungsfähigkeit nicht erschöpft ist, wenn er die eigenen Lebensmittel hervorgebracht hat, sondern imstande ist, einen ›Überschuß‹ zu produzieren, das heißt mehr, als zur ›Reproduktion‹ der eigenen Kraft und Arbeitskraft notwendig ist.«215 Die Freiheit und Würde, von der Aristoteles spricht, hat mithin die Unfreiheit und Rechtlosigkeit der meist durch Kriegsgefangenschaft oder Schuldknechtschaft unfrei gewordenen Arbeitssklaven – wie übrigens auch der ähnlich entrechteten Frauen – zur Voraussetzung, deren Wesen sich in den Augen ihrer Herren »nicht mehr entscheidend von dem eines Haustiers unterschied.«216 b) Zur Geschichte der modernen Glorifizierung der Arbeit Erst im Spätmittelalter setzte sich innerhalb des politisch und wirtschaftlich an Einfluss gewinnenden städtischen Bürgertums allmählich eine veränderte, weniger ablehnende oder bereits affirmative Betrachtung der Arbeit durch. Vor allem die durch die Zunftordnung rechtlich eingerahmte Arbeit der Handwerker, aber auch der an Volumen zunehmende Handel wurden dort inzwischen hoch bewertet und respektiert, worin sich einerseits der sozioökonomische Bedeutungszuwachs nichtlandwirtschaftlicher Tätigkeiten widerspiegelte und andererseits der fundamentale Wandel, der mit der protestantischen Berufslehre verbunden war, ankündigte.217 Der Kern dieser Lehre bestand in der Radikalisierung der schon im Alten Testament angelegten christlichen Arbeitsethik, mit 214 Vgl. Arendt 2010, S. 101 215 Ebd., S. 105. 216 Ebd., S. 101. 217 Vgl. Conze 1972, S. 163. Zur protestantischen Berufslehre siehe vor allem Max Weber: Die protestantische Ethik und der »Geist« des Kapitalismus, 3. Aufl., Weinheim 2000. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 84 der im Zuge der Reformation endlich Ernst gemacht werden sollte und der zufolge die engagierte Wahrnehmung der innerweltlichen Berufspflichten der für jedermann einzige Weg sei, Gottes Willen wahrhaft zu entsprechen. In scharfem Kontrast zur aristotelisch geprägten Philosophie und Theologie, die über fast zwei Jahrtausende hinweg das abendländische Arbeitsverständnis dominiert hatte, stellten die Vordenker der Reformation, allen voran Luther sowie, etwas später und noch energischer, Calvin, im 16. Jahrhundert nicht nur die übergeordnete Stellung der Vita contemplativa über die Vita activa in Frage, vielmehr bestritten sie grundsätzlich, dass das weltabgewandte, kontemplative Klosterleben der Mönche überhaupt in irgendeiner Weise wertvoll oder gar gottgefällig sei. Ganz im Gegenteil sahen die Reformatoren, die sich durch die soziale Erfahrung in ihrer Ansicht bestätigt fühlten, in der mönchischen Lebensführung vor allem das »Produkt egoistischer, den Weltpflichten sich entziehender Lieblosigkeit.«218 Mitglieder des Klerus, die nicht arbeiteten, galten ihnen schlicht als faul und unnütz. Demgegenüber propagierten sie die Auffassung, dass harte Arbeit – und zwar jede, so lange sie erlaubt und nützlich wäre, gleichermaßen – als Gottesdienst aufzufassen und dem Gebet insofern gleichzustellen sei, und, mehr noch, dass nur sie, dass also allein berufliche Anstrengung und Erfolg die Gläubigen der Gnade Gottes versichern könne. In dieser radikalen, die Standesgrenzen konsequent überschreitenden Verallgemeinerung des göttlichen Arbeitsgebotes sowie in der damit verbundenen ungeheuren Aufwertung des weltlichen Berufslebens, die das antike Arbeitsverständnis nachgerade auf den Kopf stellte, sieht Max Weber zu Recht »eine der folgenschwersten Leistungen der Reformation […].«219 Indes richtete sich die reformatorische Kritik am Müßiggang der privilegierten Stände zunächst nur auf den Klerus, ließ die bestehende Herrschaftsordnung ansonsten aber unangetastet. Luther zum Beispiel erklärte die »Eingliederung der Menschen in die gegebenen Stände und Berufe zum direkten Ausfluss göttlichen Willens und also das Verharren des einzelnen in der Stellung und in den Schranken, die Gott ihm zugewiesen hat, [zur] religiöse[n] Pflicht.«220 Die teils rigorose Autoritätsfeindschaft vor allem der auf Calvin zurückgehenden puritanischen Denominationen, wie sie beispielsweise das Mitte des 17. Jahrhunderts in England entstandene Quäkertum kennzeichnete, welches jede menschliche Autorität als »Kreaturvergötterung« brandmarkte und die Unterwerfung unter einen anderen als Gottes Willen rundweg ablehnte, wäre Luther noch fremd gewesen.221 Doch namentlich für das aufstrebende Bürger- 218 Ebd., S. 40. 219 Ebd., S. 41. 220 Ebd., S. 130. 221 Vgl. ebd., S. 92, Fußnote 147. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 85 tum, das gemeinsam mit den Bauern zwar den Hauptanteil der gesellschaftlichen Arbeit zu schultern hatte, von der politischen Macht aber weiterhin so gut wie ausgeschlossen blieb, war es nur ein verhältnismä- ßig kleiner – und aus heutiger Sicht naheliegender – Schritt, die Kritik am Müßiggang der »Oberen« vom christlichen Arbeitsgebot ausgehend auf den Adel auszudehnen, womit dann »schon der späteren revolutionären Gegensätzlichkeit von privilegierten, parasitären und nutzbringenden, schaffenden Ständen präludiert [war].«222 Der Kritik am elitären Privileg der Arbeitsfreiheit korrespondierte dabei spiegelbildlich der nicht minder konsequent geführte Kampf gegen die vermeintliche Arbeitsscheu am unteren Ende der sozialen Hierarchie, im Zuge dessen arbeitslosen Bettlern und Vagabunden deren angeblicher Hang zu »Faulenzerei, Ausschweifung und romantische[r] Freiheitsduselei«223 gründlich ausgetrieben werden sollte. Zu diesem Zweck wurden seit dem 16. Jahrhundert, wiederum hauptsächlich von calvinistischen Ländern ausgehend, sogenannte Arbeitshäuser gegründet, die man bewusst als gefängnisähnliche »Häuser des Schreckens« (Houses of Terror) gestaltete, in welchen einerseits den darin zumeist wegen Bettelei oder Landstreicherei Einsitzenden mit Hilfe eines bis zu vierzehnstündigen harten Arbeitstages, ständigem psychisch-moralischem Druck und fortwährenden Erniedrigungen die sittlichen und praktischen Vorzüge eigenständiger Existenzsicherung erzieherisch nahegebracht, andererseits aber auch die wachsenden Kosten für die kommunale Armenfürsorge begrenzt und die allgemeine gesellschaftliche Erwerbseinstellung gefördert werden sollten.224 In der Summe erweist sich somit die Radikalisierung der christlichen Arbeitsethik durch die Reformation als zentraler ideologischer Wegbereiter für die Entstehung der modernen Arbeitsgesellschaft, in der es – mit Ausnahme höchstens der Kinder, Alten oder Kranken – niemanden mehr geben darf, der sich der für alle gleichermaßen geltenden religiösen Arbeitspflicht entzieht. War die Arbeit ehedem der mit Mühsal und Unfreiheit assoziierte untrügliche Ausweis eines niederen gesellschaftlichen Ranges, um dessentwillen die arbeitenden von den herrschenden Bevölkerungsschichten verachtet oder bestenfalls bemitleidet wurden, entwickelte sie sich von nun an und ganz im Gegenteil zum alleinseligmachenden Instrument der ethisch-moralischen Qualifizierung und Selbstbestätigung des neuzeitlichen Bürgers. Aus dieser ursprünglich religiös begründeten radikalen Um- und Aufwertung der Arbeit heraus 222 Conze 1972, S. 164. 223 So die unmissverständliche Ausdrucksweise des anonymen Verfassers des Essays on Trade and Commerce. Containing Observations on Taxation etc., London 1770, S. 242f., hier zitiert aus Marx 1984, S. 292. 224 Vgl. ebd., weiterhin Conze 1972, S. 165, sowie Karl Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt/M. 1978, hier S. 145f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 86 gewinnt die heutzutage zwar weitgehend säkularisierte, ihrem inneren Wesen nach aber unverändert normative Bestimmung der modernen Gesellschaft als Arbeitsgesellschaft, in der nicht nur – wie schlicht in allen menschlichen Gesellschaften – gearbeitet werden muss, sondern in der vielmehr gearbeitet werden soll, überhaupt erst ihren distinktiven Sinn. Der neben dem Denken der Reformation zweite wichtige Begründungsstrang, der maßgeblichen Anteil an der ideologischen Verherrlichung der Arbeit und ihrem »glänzenden Aufstieg […] von der untersten und verachtetsten Stufe zum Rang der höchstgeschätzten aller Tätigkeiten«225 hatte, geht auf die bekannte, naturrechtlich argumentierende Eigentumstheorie John Lockes zurück.226 Locke, der, was für das Verständnis seiner Theorie nicht ganz unwichtig sein dürfte, selbst aus einer wohlhabenden Familie der englischen Bourgeoisie stammte und dessen Eltern Puritaner waren,227 der also einerseits die sozioökonomische Interessenlage des aufstrebenden Bürgertums von Haus aus teilte und andererseits mit der protestantischen Sittenlehre und Arbeitsethik bestens vertraut gewesen ist, sah das individuelle Recht auf Eigentum, das andere von der Nutzung ausschloss, einzig durch die Arbeit des eigenen Körpers und das Werk der eigenen Hände als gerechterweise zu begründen an. Mit dieser durchaus revolutionären These stellte er sich offenkundig – wenngleich nicht offen, wie die vorsichtshalber anonyme Publikation der beiden Abhandlungen über die Regierung zeigt – gegen die bis dahin dominierenden feudal-absolutistischen Eigentumstheorien, die allein dem König respektive dem Adel legitime Besitzansprüche einräumten. Ihren Ausgang nimmt Lockes Argumentation dabei vom menschlichen Selbsterhaltungstrieb, welcher, da er der von Gott gegebenen Natur des Menschen entspringe, ein angeborenes Selbsterhaltungsrecht begründe. Aus diesem Naturrecht auf individuelle Selbsterhaltung logisch folgend müsse es den Menschen freistehen, sich der Erde und aller Dinge, die sich darauf fänden, zu bedienen, um ihren Unterhalt zu bestreiten und ihr Dasein zu genießen.228 Dabei ist es für Locke entscheidend, dass die Pflanzen, Tiere und sonstigen nutzbaren Dinge, welche die Erde hervorbrächte, den Menschen gemeinsam gehörten, »weil sie wildwachsend von der Natur erzeugt« würden und deshalb niemand ein ur- 225 Arendt 2010, S. 119. 226 Siehe hierzu das einschlägige V. Kapitel unter der Überschrift »Das Eigentum« aus John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung, Abhandl. II, hg. und eigeleitet von Walter Euchner, Frankfurt/M. 1977, S. 215–231. 227 Vgl. Walter Euchner: »Einleitung des Herausgebers«, in: John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung, hg. und eingeleitet von Walter Euchner, Frankfurt/M. 1977, S. 9–59, hier S. 11f. 228 Die klassische Stelle, an der Locke das Recht auf Eigentum aus dem angeborenen Recht auf Selbsterhaltung ableitet, findet sich schon in der ersten Abhandlung, § 86; Locke 1977, S. 136. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 87 sprüngliches, die anderen ausschließendes Besitzrecht über irgendetwas haben könne.229 Die Erde sei mithin ein Geschenk Gottes an alle Menschen, und nicht nur an die Angehörigen der adeligen Herrscherhäuser. Das einzige, was jedem Mensch von Anfang an je ganz für sich allein gehöre, woran also ausschließlich er selbst ein unbestreitbares Eigentum habe, das sei die eigene Person sowie das damit untrennbar verwobene Recht auf die Erzeugnisse der eigenen Hände Arbeit. Letzteres resultiere dabei aus dem Umstand, dass der arbeitende Mensch durch die Bearbeitung der in der Natur vorfindlichen Dinge seine unveräußerliche Person mit diesen Dingen vermische, ihnen also etwas Ureigenes hinzufüge und sie eben dadurch in sein persönliches Eigentum verwandle. Denn da die Arbeit, so Locke, »das unbestreitbare Eigentum des Arbeiters ist, kann niemand außer ihm ein Recht auf etwas haben, was einmal mit seiner Arbeit verbunden ist.«230 Seine Grenze finde das solcherma- ßen durch Arbeit gerechtfertigte Eigentum lediglich in den folgenden beiden, erneut naturrechtlich deduzierten Beschränkungen: Erstens müsse der durch Arbeit angeeignete Privatbesitz den anderen »genug und ebenso gutes« übrig lassen, sodass ihnen nicht geschadet und ihr gleichrangiges Recht auf Selbsterhaltung nicht gemindert wird.231 Und zweitens dürfe niemand mehr besitzen, als er auch tatsächlich verwenden könne, bevor es verderbe. Was über diesen Punkt hinausgehe, sei mehr als dem einzelnen zustehe und gehöre daher den anderen. Denn nichts sei von Gott geschaffen worden, damit es die Menschen verkommen ließen oder vernichteten.232 Doch innerhalb dieser – mit der »Erfindung« des Geldes als eines unverderblichen und zumindest theoretisch wertstabilen Gutes sukzessive ausgedehnten und im Prinzip auch große Ungleichheiten zulassenden – Grenzen, deren Aufgabe es ist, den Umfang des Privatbesit- 229 Ebd., S. 216. 230 Ebd., S. 217. 231 Ebd. 232 Vgl. ebd., S. 219. Man denke an dieser Stelle kurz an die Berge von Lebensmitteln, die in den westlichen Überflussgesellschaften Jahr für Jahr im Müll landen, sei es, um das Angebot künstlich zu verknappen und die Preise dadurch hochzuhalten, oder weil die saturierten Konsumenten das ganze Jahr hindurch und auch am späten Abend noch das immer gleiche, überreiche Angebot an makellosen, in Form und Aussehen stets homogenen Produkten fordern, was sich einzig durch systematische Überproduktion und die von vornherein einkalkulierte anschlie- ßende Vernichtung des Überschusses befriedigen lässt. Das Resultat ist, dass rund die Hälfte der hergestellten Lebensmittel weggeworfen wird, allein in Deutschland etwa 20 Millionen Tonnen pro Jahr. Vgl. Oswald Thurns Dokumentarfilm Taste the Waste aus dem Jahre 2011 beziehungsweise das von Thurn und Stefan Kreutzberger herausgegebene Buch zum Film: Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist, Köln 2011. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 88 zes bei aller Unterschiedlichkeit auf ein Maß zu beschränken, das anderen nicht zum Nachteil gereicht, ist es Locke zufolge sowohl geboten als auch der einzig legitime Weg, sich durch die Anstrengungen der Arbeit Eigentum und damit die zum Leben und Genuss desselben erforderlichen Mittel zu beschaffen. Mit diesem Denken, das der liberalen Leistungsgesellschaft heute noch zugrunde liegt, erweist sich Locke als zentraler Philosoph der Emanzipation des Bürgertums aus den obsolet gewordenen Verkrustungen und Zwängen des absolutistischen Systems. Adam Smith, der Begründer der klassischen Nationalökonomie, dessen Werk bekanntlich bis in die Gegenwart hinein größten Einfluss auf die Wirtschaftswissenschaften hat, knüpfte an Lockes Theorie an. Auch für ihn galt Arbeit, die er zu einem Hauptbegriff der Ökonomie erhob, als die »ursprünglichste Grundlage alle[n] […] Eigentums.«233 Darüber hinaus jedoch entwickelte er den – in etwas weniger elaborierter Form ebenfalls schon bei Locke zu findenden234 – Gedanken systematisch weiter, dass die Arbeit auch dem Prozess der Wertschöpfung ursprünglich zugrunde liege, das heißt als eigentliche Quelle des gesellschaftlichen Wohlstands zu betrachten sei und insofern auch den einzig wahren Maßstab für den Tauschwert respektive Preis aller Waren liefere.235 Insbesondere durch möglichst effiziente Arbeitsteilung, welche die Spezialisierung und Geschicklichkeit der Arbeiter fördere, Zeit einspare und den Einsatz von Maschinen erleichtere, entfalte die Arbeit eine ungeahnte Produktivität, welche für den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt einer Gesellschaft maßgeblich verantwortlich sei.236 Während die Arbeit also für die Reformatoren noch als zwar mühevolle, aber eben darum gottgefällige Pflicht erschien, die es dem höchstpersönlichen Seelenheil zuliebe auf sich zu nehmen galt, und John Locke mit ihr in erster Linie die individuelle Aneignung privaten Eigentums zu rechtfertigen suchte, wird sie bei Smith mithin zum entscheidenden Faktor nicht mehr nur für das Wohlergehen des einzelnen, sondern für das Wohlergehen und die Prosperität der Gesellschaft an sich. Dabei entsprach es dem Ökonomismus des 18. und 19. Jahrhunderts, den Schwerpunkt bei der Betrachtung des individuellen wie des kollektiven Wohlergehens und Glücks von der inneren »Zufriedenheit der Seele« immer stärker auf »den äußerlichen Zustand« 233 Adam Smith: Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Volkswohlstandes (Der Wohlstand der Nationen), Neu-Isenburg 2009, S. 180. 234 »Denn es ist tatsächlich die Arbeit, die jedem Ding einen unterschiedlichen Wert verleiht.« Locke 1977, S. 225. 235 »Der wirkliche Wert aller Bestandteile des Preises wird, wie zu beachten sein wird, nach der Arbeitsmenge gemessen, die für einen jeden von ihnen zu haben ist.« Smith 2009, S. 99. 236 Vgl. ebd., vor allem das anschauliche 1. Kapitel des 1. Buches: »Teilung der Arbeit«, S. 49–58. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 89 zu verlegen,237 sodass das »physische Glück« gewissermaßen zum wesentlichen »Grund von der moralischen Glückseligkeit« des Menschen wurde.238 Daraus leitete man in einer Art materialistischen Eudämonologie, welche die klassisch-antike wie hochmittelalterliche Lehre von der Glückseligkeit radikal ins Gegenteil verkehrte, Forderungen nach kontinuierlichen Produktivitätssteigerungen und stetigem Wirtschaftswachstum ab, um mittels des individuellen wie auch des Nationalreichtums das allgemeine Glück zu vermehren. »Die Menge der genießbaren Sachen […] muß unaufhörlich vervielfältigt werden […]; desto glücklicher wird die ganze Gesellschaft […]«,239 so lautet das erstaunlich modern klingende Credo des deutschen Nationalökonomen Johann August Schlettweins aus dem Jahre 1773, das man so oder so ähnlich in allenfalls sprachlich modifizierter Form auch heute noch regelmäßig in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen oder den Lehrbüchern der Ökonomie zu lesen bekommt. Die Arbeit, einst ungeliebter Ausdruck ewiger Mühsal und Plackerei, kurz: des genauen Gegenteils eines guten Lebens, ist somit zur hochgepriesenen Quelle des Reichtums und der mit diesem ideologisch gleichgesetzten Glückseligkeit avanciert. Immerhin, dies gilt es zu beachten, verstand man die Arbeit in keiner der bis hierhin genannten neuzeitlichen Denktraditionen schlechterdings als Zweck an sich. Ging es den theologisch argumentierenden protestantischen Berufsethikern eben in erster Linie um innerweltliche Bewährung zum Zwecke der religiös-moralischen Qualifikation beziehungsweise der Vergewisserung des eigenen Gnadenstandes, zielte das gegen den Absolutismus gerichtete liberale Denken Lockes auf die philosophische Rechtfertigung der bürgerlichen Aufstiegs- und Besitzansprüche, während Adam Smith wiederum und die an ihn anknüpfenden wirtschaftswissenschaftlichen Theorien den Sinn und Zweck der Arbeit im Wohlstand und Glück der Nation erblickten.240 Die Arbeit ist also in jeder dieser Argumentationslinien, in der theologischen genauso wie in 237 So zum Beispiel Johann August Schlettwein, der wichtigste deutsche Vertreter der sogenannten Physiokraten, in: Allgemeine Sätze von der Glückseligkeit der Staaten, Mainz 1782, S.3; hier zitiert aus Conze 1972, S. 175. 238 Johann August Schlettwein, in: Die wichtigste Angelegenheit für das ganze Publikum: oder die natürliche Ordnung in der Politik, Bd. 2, Karlsruhe 1773, S. 288; hier zitiert aus Conze 1972, S. 175. 239 Schlettwein 1773, S. 277ff.; hier zitiert aus Conze 1977, S. 175. 240 Smith selbst war sich allerdings – ganz im Gegensatz zum Mainstream der durch ihn begründeten Nationalökonomie – durchaus darüber im Klaren, dass es sich bei der generalisierenden Identifikation von materiellem Wohlstand und subjektivem Glück lediglich um eine Täuschung handelt. In Wahrheit brächte Reichtum (ebenso wie Macht) nicht viel mehr als »ein paar wertlose Bequemlichkeiten für körperliches Wohlbefinden« zustande. Siehe dazu Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle, Hamburg 1977, S. 314f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 90 der eigentumsphilosophischen oder ökonomischen, lediglich ein Mittel, dessen jeweils variierender Zweck außerhalb der Arbeit selbst zu suchen ist. Dies ist einerseits auch bei Karl Marx noch der Fall, der teils direkt, teils vermittelt durch David Ricardo an Smith anschloss, den Begriff der Arbeit indes wie niemand vorher zur theoretischen Entfaltung brachte und ins Zentrum seines ganzen politisch-ökonomischen Denkens rückte. Auch für ihn repräsentierte die Arbeit als produktivste aller Tätigkeiten zunächst einmal eine schlichte, universelle Naturnotwendigkeit, deren Aufgabe es ist, die materiellen Voraussetzungen des menschlichen Lebens erstens zu erhalten und zweitens zu verbessern. Andererseits jedoch, und hierin drückt sich augenscheinlich das philosophische Erbe Friedrich Hegels aus, existiert im Denken (jedenfalls des jungen) Marx‘ neben dieser materialistischen Deutung noch eine zweite, durchaus idealistisch zu bezeichnende, der zufolge Arbeit nicht weniger als das innere Wesen des Menschen ausmache, welches sich im Arbeitsprozess verwirkliche.241 »Die ganze sogenannte Weltgeschichte [ist]«, so Marx, »nichts anders […] als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit.«242 Demnach fielen Zweck und Mittel, Menschwerdung und Arbeit, in eins, würden ununterscheidbar, da die eigentliche Menschlichkeit des Menschen, die ihn von den Tieren trennte, eben in der Arbeit selbst läge. Mit dieser elementaren Wesensbestimmung des Menschen als eines »Animal Laborans«243 schloss Marx, wenn auch kritisch, an eine spezifische Entwicklung innerhalb der bürgerlichen Interpretation der Arbeit an, die im ausgehenden 18. Jahrhundert ihren Anfang nahm und Arbeit mehr und mehr als Selbstzweck deutete. Das Motiv dahinter war im Wesentlichen die bewusste ideologische Abgrenzung von der noch immer müßiggängerischen Welt des Adels, der man das arbeitsame bürgerliche Leben mit wachsendem Stolz als ethisch-moralischen Kontrapunkt entgegenhielt. Nicht mehr als Last – geschweige denn als verachtenswerte Sklaverei – sollte man die Arbeit sehen, sondern als eine aus sich selbst heraus subjektiv erfüllende und identitätsstiftende Tätigkeit, die dem Fleißigen zur Ehre gereiche und an der man zudem, erst einmal daran gewöhnt, auch »viel Vergnügen« fände, sodass man schließlich »gar nicht mehr ohne Arbeit leben [möge].«244 Besonders anschaulich wird dieses – dem aristotelischen diametral entgegengesetzte – bürgerliche Selbstverständnis und der Stolz, den das moderne Bürgertum aus 241 Hanna Arendt besteht allerdings darauf, dass sich die Doppeldeutig des marxschen Arbeitsbegriffs durch Marx› gesamtes Werk hindurch »von Beginn bis Ende« nachweisen lasse. Arendt 2010, S. 123. 242 Karl Marx: Schriften, Manuskripte, Briefe bis 1844 (= Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Erg.-Bd. 1), Berlin 1968, S. 546. 243 Arendt 2010, S. 121. 244 Joachim Heinrich Campe: Sittenbüchlein für Kinder aus gesitteten Ständen, o. O. 1798, S. 16; hier zitiert aus Conze 1977, S. 172. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 91 der Arbeit bezog, beispielsweise an den vielzitierten Versen aus Friedrich Schillers Glocke von 1799: »Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen seiner Mühe Preis«, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zum allgemeinen Bildungsgut des deutschen Bürgertums gehörten, oder an der folgenden Passage aus einer Rede des liberaldemokratischen Politikers Wilhelm Löwe vor der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche 1848: »Ist früher das Vorrecht heilig gewesen, so ist heute die Arbeit heilig; die freie Arbeit, der Fleiß und die Tätigkeit […] ist heute die höchste Ehre.«245 Von hier aus war es in der Tat, wie Werner Conze bemerkt hat, nur noch ein kleiner Schritt, dass man die »Arbeit selbst zur modernen Religion, zum eigentlichen Sinn des Lebens« erklärte und die »alte Triade ›Bedürfnis – Arbeit – Genuß‹« angesichts des immateriellen Eigenwertes, den man der Arbeit fortan unterstellte, zwar nicht verschwand, in ihrer Bedeutung aber relativiert wurde.246 c) Widersprüche zwischen Ideologie und Realität der Arbeit In der gesellschaftlichen Praxis des 19. Jahrhunderts waren es allerdings im besten Fall die privilegierten Stände des Besitz- und Bildungsbürgertums, das heißt der Unternehmer, Professoren und hohen Staatsbeamten, die in ihrer sozial angesehenen und meist auch einträglichen Arbeit wirklich einen Selbstzweck oder gar ein »Vergnügen« entdecken konnten. Für die breite Masse der Bevölkerung hingegen und insbesondere für das wachsende Proletariat war Arbeit angesichts der häufig fürchterlichen Zustände in den Fabriken sowie der grassierenden Armut und Verelendung wie eh und je von Mühsal, wenn nicht sogar von Qual bestimmt. Dieser Widerspruch von Ideologie und Realität spiegelt sich auch und gerade in der von Marx geprägten Theorie der Arbeiterbewegung wider. Denn so drängt die graue Wirklichkeit der Arbeit, die aller menschlichen Erfahrung nach vor allem von »Not und äußere[r] Zweckmäßigkeit bestimmt ist« und die Marx deshalb zu Recht als »Reich der Notwendigkeit« bezeichnet hat, auf ihre alsbaldige Überwindung (oder zumindest Linderung), beginnt das »Reich der Freiheit« also erst »jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.«247 Andererseits jedoch käme die tatsächliche Überführung der Gesellschaft in eine politisch-ökonomische Sozialordnung, in der die Besorgung der nach wie vor erforderli- 245 Nachzulesen in: Franz Wigard (Hg.): Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, Bd. 5, Frankfurt/M. 1848, S. 3899; hier zitiert aus Conze 1977, S. 190. 246 Ebd. 247 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 3 (= Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Bd. 25), Berlin 1984, S. 828. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 92 chen Arbeit den Maschinen überlassen bliebe, der bewussten Stilllegung des, jedenfalls nach Marx, größten und menschlichsten Vermögens und damit einer Art Selbstverstümmelung des Menschen gleich.248 Das kommunistische »Reich der Freiheit«, in dem man nach Belieben heute dies und morgen jenes tun könnte, in dem das Jagen, Fischen oder Kritisieren mithin zum reinen Zeitvertreib herabgesunken wäre,249 brächte ihn gewissermaßen um sein wahres Wesen. Dieser »eklatante Widerspruch«, der im Grunde nur die »unerträgliche Alternative zwischen produktiver Knechtschaft und unproduktiver Freiheit« übrig lässt,250 ist nichts anderes als die logische Konsequenz der letztlich – wie so viele anthropologische Wesensbestimmungen – ganz und gar arbiträren, rein weltanschaulich zu begründenden Glorifizierung der Arbeit zum Wesenskern und letzten Daseinszweck des Menschen, die mit den realen Bedingungen des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses wohl kaum jemals zur Deckung kommen dürfte. Dennoch ist diese spezifisch bürgerliche Frage (keine andere gesellschaftliche Großgruppe als das moderne Bürgertum ist von sich aus je auf die Idee gekommen, sie zu stellen, weder der Adel noch die Bauern oder Sklaven und ursprünglich noch nicht einmal das Proletariat, dessen Ehrentitel die Arbeit angeblich ist – lediglich dessen Vordenker, die freilich selbst mehrheitlich aus bürgerlichen Familien stammten), ob die Arbeit eher als Last oder als Lust, als bloße Notwendigkeit oder Selbstzweck, der keiner weiteren Begründung mehr bedarf, zu betrachten ist, bis heute nicht entschieden. Jene, die in der Arbeit mehr erkennen als einen reinen Broterwerb, verweisen in der Regel auf ihre sinn- und identitätsstiftenden Effekte, auf die Befriedigung, die mit dem schöpferischen ins Werk setzen der eigenen Arbeitskraft verbunden sei, oder auf die soziale Anerkennung und die Kontakte, die sie vermittle. Aufgrund dieser immateriellen, auf das positive Erleben des Subjekts bezogenen Erträge besitze das Arbeiten einen Eigenwert, der den instrumentellen Nutzen übersteige. Bestätigt werde dies ex negativo durch arbeitspsychologische Befunde, die zeigten, dass Erwerbslosigkeit nicht nur zu finanziellen Einbußen führe, sondern auch eine Reihe psychischer Beeinträchtigungen begünstige, die von der Verschlechterung des Selbstwertgefühls und psychosomatischen Beschwerden über Depressivität und Angstsymptome bis hin zum Alkohol- und Drogenmissbrauch reichten.251 All das scheint für manche Kommentatoren selbst die zugespitzte These zu 248 Vgl. Arendt 2010, S. 123. 249 Vgl. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie (= Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Bd. 3), Berlin 1969, S. 33. 250 Arendt 2010, S. 123. 251 Vgl. Gisela Mohr: »Erwerbslosigkeit«, in: Uwe Kleinbeck (Hg.): Arbeitspsychologie, Göttingen 2010, S. 471–520, hier S. 480. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 93 rechtfertigen, dass es, wie beispielsweise der CDU-Politiker und ehemalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen in einem Fernsehinterview einmal äußerte, im Extremfall sogar immer noch besser sei, ein working poor als nur arm zu sein. Skeptisch lässt sich jedoch einwenden, dass die Rede vom ideellen Mehrwert der Arbeit auffallend häufig von Personen geführt wird, die in ihrem eigenen Beruf, zum Beispiel eben als Politiker, Wissenschaftler oder Unternehmer, abwechslungsreiche Tätigkeitsprofile mit vergleichsweise hohen (Selbst-)Verwirklichungs- und Freiheitspotentialen sowie, zumindest auf das gesamte Erwerbsleben bezogen, überdurchschnittlichen Verdienstchancen kombiniert sehen und zudem nicht selten, namentlich im Fall der letztgenannten Gruppe, profunde Eigeninteressen mit der Stilisierung der Arbeit zum Selbstzweck verbinden mögen. Demgegenüber dürfte es etwa einem vollzeitbeschäftigten Leiharbeiter, der am Fließband eines Zulieferbetriebes in der Automobilindustrie für die gleiche Arbeit nicht nur mehrere Hundert Euro weniger als sein festangestellter Kollege erhält, und damit selbst brutto häufig unterhalb der Armutsgrenze liegt, sondern darüber hinaus auch noch mit den belastenden Konsequenzen der andauernden Beschäftigungs- und Planungsunsicherheit zurechtkommen muss (so stellt zum Beispiel oftmals schon der Umzug an den Arbeitsort angesichts der stets präsenten Kündigungsgefahr ein unvertretbares wirtschaftliches Risiko dar, was stundenlange Arbeitswege nach sich ziehen kann, und auch die Familienplanung wird durch die prekäre Situation vor erhebliche Probleme gestellt), vermutlich sehr viel schwerer fallen, das immaterielle »Glück der Arbeit« zu genie- ßen. Dasselbe wird man, um ein weiteres Beispiel aus der Wirklichkeit der deutschen Arbeitswelt zu nennen, von einer Küchenhilfe annehmen müssen, die an sechs von sieben Tagen in einem Restaurant arbeitet und trotz 42 Wochenarbeitsstunden – die unbezahlten Überstunden gar nicht mitgezählt – am Monatsende auf nicht mehr als 697 Euro netto kommt. Wer wollte ihr die Wut über ihren Job und die »drei Autos« ihres Chefs ernsthaft verübeln?252 Natürlich, das ist zuzugeben, handelt es sich hierbei um zwei extreme Beispiele, die bei weitem nicht die Mehrheit der abhängig Beschäftigten in Deutschland repräsentieren. Richtig ist aber auch, dass, wie oben bereits ausgeführt, infolge der Deregulierung des deutschen Arbeitsmarktes die Gruppe der besonders armutsgefährdeten Niedriglohnempfänger seit den 1990er Jahren sukzessive angeschwollen ist, sich die Zahl der Leiharbeiter in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts mehr als verdoppelt 252 Diese und weitere anschauliche Fallbeispiele für das Leben der working poor in Deutschland finden sich in dem von Wolfgang Uchatius recherchierten Artikel »Lohnt sich das?«, der in der Wochenzeitung Die Zeit, Nr. 20, vom 11.05.2006 erschienen ist. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 94 hat und es im Zusammenhang mit dieser tendenziellen Prekarisierung der Lohnarbeit zu einer erheblichen Ausdehnung des Problems der Armut trotz Erwerbstätigkeit gekommen ist. Diese brisante gesellschaftliche Entwicklung ist für eine realistische Einschätzung des von den Arbeitnehmern potentiell wahrgenommenen immateriellen Eigenwertes der Arbeit von großer Bedeutung und somit zu berücksichtigen. Analysiert man zum Beispiel das psychische Wohlbefinden der Erwerbstätigen als Indikator für den subjektiven, die Ebene des rein Instrumentellen übersteigenden Mehrwertes der Arbeit differenzierter als dies gemeinhin geschieht, so stellt man fest, dass die vielfach angeführte gesundheitliche Diskrepanz zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen verschwindet, sobald man letztere nicht mit allen Erwerbstätigen vergleicht, sondern nur jene in die Betrachtung einbezieht, die in sogenannten »bad jobs« beschäftigt sind.253 Denn so trifft es zwar zu, wie das umfangreiche Datenmaterial der Krankenkassen zeigt, dass Arbeitslose im Durchschnitt häufiger erkranken als die Gesamtheit der Erwerbstätigen, dass beispielsweise arbeitslose Männer, meist infolge psychischer Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen, dreimal öfter stationär behandelt werden müssen als Erwerbstätige und auch die ärztlichen Verordnungsraten von Psychopharmaka bei Arbeitslosen dreimal höher als bei Erwerbstätigen sind.254 Doch richtet man den Fokus speziell auf die wachsende Gruppe eben jener prekarisierten Arbeitnehmer, die in geringfügigen, niedrig entlohnten und ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen stehen und die zudem oftmals mit besonders problematischen Arbeitsbedingungen konfrontiert sind, so ist im Hinblick auf die physische und vor allem psychische Gesundheit kein Unterschied zu den Arbeitslosen mehr messbar,255 wenn es ihnen psychisch nicht so- 253 Vgl. Mohr 2010, S. 481. 254 Vgl. dies.: »11 Thesen – Positionspapier des Fachbeirates Gesundheitsförderung bei Arbeitslosen«, in: dies. u. a. (Hg.): Erwerbslosigkeit. Handlungsansätze zur Gesundheitsförderung, Lengerich 2011, S. 15–32, hier S. 16. Zu beachten ist hierbei, dass sich zwar durchaus auch Selektionseffekte nachweisen lassen, die bewirken können, dass »bei einigen Menschen […] psychische Labilität der Erwerbslosigkeit Vorschub leistet« (Selektions- beziehungsweise Drifthypothese), dass diese Effekte indes deutlich schwächer ausfallen als jene, die von der Erwerbslosigkeit ausgehen und das psychische Wohlbefinden vormals gesunder Personen nachhaltig beeinträchtigen (Verursachungs- beziehungsweise Kausalitätshypothese). Vgl. Mohr 2010, S. 470. Bestätigt wird dies unter anderem durch die Ergebnisse einer Metaanalyse von insgesamt 223 Untersuchungen aus unterschiedlichen westlichen Ländern. Vgl. Gisela Mohr, Peter Richter: »Psychosoziale Folgen von Erwerbslosigkeit und Intervention«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 40-41/2008, S. 25–32, hier S. 26. 255 Vgl. David Dooley u. a.: »Underemployment and Depression. Longitudinal Relationships«, in: Journal of Health and Social Behavior, 41/2000, Nr. 4, S. 421– 436; David Dooley, JoAnn Prause: »Effect of Favorable Employment Change on ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 95 gar noch schlechter geht als diesen.256 Die tief frustrierende Erfahrung des äußeren Zwangs und der subjektiven Entfremdung, die mit solchen »bad jobs« sehr häufig verbunden ist, scheint jegliche positiven Effekte, welche die Sphäre instrumenteller Zwecke und Motivationen transzendieren könnten (und die besonders mit selbstgewählten Tätigkeiten unter lebbaren Bedingungen durchaus verbunden sein mögen), von vornherein zu absorbieren. Es ist insofern nur allzu verständlich, dass wenigstens die freiwillige Aufnahme einer solchen Arbeit von Erwerbslosen oftmals nur dann in Erwägung gezogen wird, wenn dies durch eine signifikante Verbesserung ihrer finanziellen Lage – die niederländischen Wirtschaftspsychologen van Raaij und Antonides beispielsweise nennen in ihrer Studie aus dem Jahr 1991 einen Zugewinn von mindestens 9 %257 – kompensiert würde, während Arbeitslosigkeit andernfalls die »attraktivere« Alternative bliebe. Zumindest aus Sicht der unmittelbar Betroffenen ist mithin fraglich, ob es wirklich besser ist, ein working poor als nur arm zu sein. Im Übrigen scheint, entgegen der quasireligiösen Überhöhung der Arbeit zum Wesen und letzten Daseinszweck des Menschen, selbst oberhalb der besonders benachteiligten Arbeitsmarktsegmente in der breiten Masse der Erwerbsbevölkerung die deutlich pragmatischere Einstellung vorzuherrschen, dass Arbeit trotz der gegebenenfalls mit ihr verbundenen immateriellen Gratifikationen letztlich doch eher eine Last als Lust darstelle. Zu diesem Befund kommt jedenfalls der Sozialhistoriker Jürgen Kocka, der eine Reihe populärer Gesellschaftsutopien aus dem 16. bis 20. Jahrhundert als phantastische und zugleich sozialkritische Gegenentwürfe zur grauen Alltagswirklichkeit auf die in ihnen enthaltenen visionären Darstellungen zukünftiger Arbeit (oder vielmehr: Nicht-Arbeit) hin untersucht hat, um daraus, wenn auch indirekte, Rückschlüsse auf die jeweils herrschende Realität des Arbeitens ziehen zu können.258 Übereinstimmend mit den Ergebnissen ähnlich konzipierter Studien, die beispielsweise hunderte von Volksliedern, verbreiteten Redensarten oder Alcohol Abuse. One- and Five-Year Follow-Ups in the National Longitudinal Survey of Youth«, in: American Journal of Community Psychology, 25/1997, Nr. 6, S. 787–807; Zeynep Aycan, John W. Berry: »Impact of Employment-Related Experiences on Immigrants’ Psychological Well-Being and Adaptation to Canada«, in: Canadian Journal of Behavioural Science, 28/1996, Nr. 3, S. 240–251. 256 Dies meinen etwa Mohr und Richter. Vgl. dies. 2008, S. 32. 257 Vgl. Gerrit Antonides, W. Fred van Raaij: »Costs and Benefits of Unemployment and Employment«, in: Journal of Economic Psychology, 12/1991, S. 667–687. 258 Vgl. Jürgen Kocka: »Mehr Last als Lust. Arbeit und Arbeitsgesellschaft in der europäischen Geschichte«, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Jg. 2005, H. 2, S. 185–206. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 96 Texten auf dieselbe Frage hin analysierten,259 habe sich dabei in bemerkenswerter Eindeutigkeit ein Bild der Erwerbsarbeit rekonstruieren lassen, welches diese durch die Jahrhunderte hindurch in erster Linie als unumgängliche – und insofern durchaus affirmierte –, indes möglichst kurz zu haltende Notwendigkeit wiedergebe, bei der die Mühsal überwiege. Untermauert wird dieses vergleichsweise nüchterne Bild unter anderem durch die klassische Forderung der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie nach Arbeitszeitverkürzungen, welche – ungeachtet der parallelen und an sich widersprüchlichen Glorifizierung der Arbeit zum ideologischen Ehrentitel des Proletariats – seit dem 19. Jahrhundert bis in die späten 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein zu den Hauptanliegen der organisierten Arbeiterbewegung zählte. Und auch der Umstand schließlich, dass große Teile der Erwerbsbevölkerung ihrem Ruhestand, sofern er wirtschaftlich gut abgesichert ist, lieber früher als später entgegensehen (man denke nur an die lebhafte Debatte um die Erhöhung des Renteneintrittsalters), spricht wenigstens tendenziell für das eher instrumentelle Arbeitsverständnis breiter Schichten. d) Trotz manifester Widersprüche zwischen Ideologie und Realität: Apotheose der Arbeit in drei Dimensionen Doch auch wenn sich demnach zumindest die Hochstilisierung der Arbeit zum Wesenskern und eigentlichen Lebenssinn des Menschen – als gewissermaßen finalem Schritt der neuzeitlichen Apotheose des Arbeitens – aufgrund ihrer asketischen, das motivationale Grundgerüst der meisten Menschen überfordernden Radikalität einer umfassenden, alle Berufs- und Bevölkerungsgruppen gleichermaßen miteinbeziehenden Popularisierung bislang widersetzt hat, ist dennoch festzuhalten, dass es, jedenfalls ursprünglich, in keiner anderen Gesellschaft als jener der europäischen Moderne jemals zu einer vergleichbaren normativen Aufwertung, um nicht zu sagen Verherrlichung der Arbeit gekommen wäre.260 Das Vorangegangene resümierend lassen sich dabei im Wesentlichen drei, sich teilweise überschneidende Dimensionen dieses Moralisierungsprozesses unterscheiden, die tatsächlich Eingang in den präskriptiven Fundus der Gesellschaft gefunden haben. Erstens stellt die Arbeit heute für die Mehrheit der Erwachsenen eine fundamentale ethisch-moralische Verpflichtung dar, der sich, gerade weil sie für das Gros der Menschen eine ungeliebte ist, niemand ohne weiteres entziehen können soll. 259 Vgl. etwa Karl Peppler (Hg.): Die »Deutsche Arbeitskunde«, Leipzig 1940, hier S. 432ff.: »Die deutsche Arbeit in Lied und Literatur«; ferner Keith Thomas (Hg.): Oxford Book of Work, Oxford 1999, S. xVIII; beides zitiert aus Kocka 2005. 260 So auch Kocka, vgl. ebd. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 97 Zwar ist die universelle Geltung dieser Pflicht unter den pluralistischen Verhältnissen der Gegenwart nicht mehr unmittelbar auf ein gemeinsames Fundament religiöser Glaubenssätze zurückzuführen, wie es etwa bei den Puritanern der neuenglischen Kolonien noch der Fall sein konnte. Dennoch stößt das paulinische Diktum: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen«,261 auch und gerade in der säkularisierten bürgerlichen Gesellschaft, in der das egalitäre Ideal formaler Gleichberechtigung – das genetisch selbst in der für das jüdisch-christliche Selbstverständnis zentralen Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen gründet – und die Abwesenheit askriptiver Privilegien, namentlich des Privilegs der Arbeitsfreiheit, von grundlegender Bedeutung sind, nach wie vor auf breite Zustimmung. Während sich in vormodernen, nicht-egalitären Gesellschaftsformationen die herrschenden Eliten auf ihre qualitative Verschiedenheit und ihren, sei es religiös oder schlicht gewaltsam »begründeten«, höheren Wert berufen konnten, um ihr Vorrecht auf ein unproduktives Dasein zu Lasten der von ihnen unterworfenen arbeitenden Bevölkerung ideologisch zu rechtfertigen, sind in der zumindest auf formale Gleichheit geeichten bürgerlichen Gesellschaft tatsächlich oder vermeintlich unproduktive Menschen automatisch dem Generalverdacht ausgesetzt, es sich womöglich auf Kosten Dritter gut gehen zu lassen, weswegen sie als potentielle Vertreter eines moralisch zweifelhaften, tendenziell parasitären und jedenfalls frivolen Lebensstils unter argwöhnischer, nicht selten missgünstiger Beobachtung der anderen stehen.262 Dabei wird nicht nur die generelle Ablehnung eines mehr als irgend nötig auf Arbeit ausgerichteten Lebens kritisiert, schon die bloße Reduzierung derselben auf ein bequemeres Niveau kann in einer Gesellschaft, in der selbst acht Stunden Schlaf bisweilen als Luxus angesehen werden, zu skeptischer Verwunderung, spitzen Kommentaren und einigem Erklärungsbedarf führen. Akzeptiert sind allenfalls Rechtfertigungen, die zum Beispiel auf die Optimierung der sogenannten »Work-Life- Balance« zielen, fördert diese doch nicht zuletzt wieder die Produktivität am Arbeitsplatz, oder die mit gesundheitlichen Problemen, die idealerweise auf ein vorausgegangenes Übermaß an Arbeit schließen lassen, argumentieren. Wer, attestiert etwa durch Herzinfarkt oder Burnout-Syndrom, sprichwörtlich bis zum Umfallen geschuftet hat, dem gesteht man heutzutage verständnisvoll und gerne ein paar Wochen der Erholung zu, damit er sich alsbald mit neu geschöpfter Kraft und frischem Tatendrang aufs Neue in den produktiven Reigen der bürgerlichen Arbeitsge- 261 2 Thess 3, 10. 262 Man denke nur an die teilweise hochemotional geführte Debatte über das vermeintlich überall lauernde »Sozialschmarotzertum«, die im August 2003 durch einen Bericht der Bild-Zeitung über einen in Miami Beach lebenden, von der Bild »Florida-Rolf« genannten Sozialhilfeempfänger angestoßen wurde. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 98 sellschaft einzureihen vermag. Freilich: wieder einzureihen hat er sich – die Pflicht zur Arbeit bleibt sakrosankt. Damit verbunden gilt Arbeit heute zweitens als elementare Grundlage für den legitimen, nach Maßgabe individueller Anstrengung abgestuften Anspruch auf den Besitz von Eigentum und die Partizipation am gesellschaftlichen Wohlstand. Dieses Credo der liberalen Leistungsgesellschaft findet dabei keineswegs nur in den vergleichsweise lichten Reihen des eigentlichen Besitzbürgertums Unterstützung, sondern ebenso unter den Lohnabhängigen, welche die große Mehrheit der Bevölkerung stellen.263 Die Arbeit ist insofern nicht nur eine allgemeine Pflicht, die es eben mit mehr oder weniger Talent und Fleiß einfach zu erfüllen gilt, um sich seines ansonsten gleichen Anteils zu versichern. Sie umreißt vielmehr das soziale Feld, in welchem die modernen Verteilungskämpfe idealiter auszutragen sind und die Gesellschaft anhand der jeweils erbrachten Leistung über das gerechte Maß an Ungleichheit befindet. Dass es sich hierbei um eine bloße Utopie handelt, da die effektiv wirksamen Mechanismen der Aneignung und intergenerationellen Transmission ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals das Leistungsprinzip unter den Verhältnissen der kapitalistischen Moderne faktisch unterlaufen und stattdessen zur leistungsunabhängigen, die unteren Sozialschichten massiv benachteiligenden Perpetuierung des Status quo oder sogar zur weiteren Polarisierung der Gesellschaft beitragen (ich komme darauf zurück), scheint ihrer normativen Geltung und ideologischen Breitenwirkung dabei keinen Abbruch zu tun. Nach wie vor wird sozio- ökonomisch schlechtgestellten Gruppen, zum Beispiel Langzeitarbeitslosen oder Migranten, seitens der etablierten Mehrheitsgesellschaft mangelnde Leistungsbereitschaft unterstellt,264 weshalb es moralisch richtig und sachlich geboten sei, sie mittels behördlich anzuordnender »Aktivierungsmaßnahmen« zu mehr Eigenverantwortung zu erziehen. Der 263 Ablesen lässt sich dies zum Beispiel daran, dass für mehr als 93% der deutschen Bevölkerung »Gerechtigkeit bedeutet, dass das Einkommen einer Person allein von ihrer Leistung abhängt«, während über 88% es tendenziell oder gänzlich ungerecht finden, »wenn die Unterschiede in der Gesellschaft auch widerspiegeln, aus welcher Familie jemand stammt.« Vgl. Klein / Zick 2010, S. 124. 264 So stimmen beispielsweise rund 79% der Deutschen der Aussage tendenziell oder ganz zu, dass sozial schwache Gruppen aktiv zu mehr Eigenverantwortung anzuhalten seien, und fast zwei Drittel meinen, dass sozial Schwache erst lernen müssten, sich selbst zu helfen. Ferner gehen über 68% der Bevölkerung davon aus, dass heutzutage jeder die Möglichkeit habe, »etwas aus sich zu machen«, was den Umkehrschluss nahe zu legen scheint, dass sozioökonomisch schlechtgestellte Gruppen letztlich selbst für ihre Lage verantwortlich seien. Vgl. Eva Gross u. a.: »Die Ökonomisierung der Gesellschaft. Ein Nährboden für Menschenfeindlichkeit in oberen Status- und Einkommensgruppen«, in: Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände, Folge 9, Berlin 2010, S. 138–157, hier S. 142. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 99 Umstand, dass eine solche rein fiktive »Verwandlung« sozialstruktureller Probleme in individuelle Defizite, die unter staatlicher Ägide zu kurieren seien, objektiv betrachtet ebenso unangemessen wie unfair ist und zudem regelmäßig zu entwürdigenden, manchmal auch absurden Situationen führt – so etwa, wenn arbeitslose Akademiker unter Androhung von Leistungskürzungen zu Schulungen beordert werden, in denen sie das korrekte Formulieren, Falten und Versenden von Bewerbungen studieren; oder wenn Arbeitslose zu Brettspielen genötigt werden, um ihre soziale Kompetenz zu stärken – wird ignoriert. Worum es in erster Linie zu gehen scheint, ist, dass man den Empfängern von Sozialtransfers für die Generosität der Gesellschaft, sie sozusagen unverdient am allgemeinen Wohlstand zu beteiligen, irgendeine Gegenleistung abverlangt, selbst wenn diese häufig in nichts anderem als der sinnlosen und entwürdigenden Simulation von produktiver Arbeit (zum Beispiel in Form ununterbrochener Bewerbungsaktivität, die auch nach dutzenden von Ablehnungen trotz ihrer Aussichtslosigkeit nicht zum Erliegen kommen darf) oder der Bereitschaft zur Therapie ihrer angeblich defizitären Persönlichkeit (mangelndes Engagement, Inflexibilität, Suchtprobleme etc.) besteht. Insofern trifft also der besonders unter neoliberalen Ökonomen verbreitete Ausspruch: »There‘s no such thing as a free lunch«265 (eigentlich: There shall not be such thing as a free lunch), für die liberale Leistungsgesellschaft auf alle Fälle zu. Drittens schließlich repräsentiert Arbeit im Kapitalismus, in dem Profitmaximierung und Wirtschaftswachstum zu quasireligiösen Heilsversprechen geworden sind,266 als kreativer Ursprung des materiellen Reichtums nicht weniger als die gepriesene Quelle des mit diesem identifizierten guten Lebens und der Glückseligkeit. Daher impliziert auch jede Relativierung der zentralen Stellung der Arbeit im Alltag der auf sie fixierten Gesellschaft zugleich die Infragestellung der eudämonistischen Grundüberzeugungen der kapitalistischen Moderne. Denn wer die alle anderen Daseinssphären und Tätigkeitsformen überragende Bedeutung produktiver im Sinne von mehrwertschaffender Arbeit bezweifelt, bezweifelt damit ebenso die sinnstiftende Bedeutung und praktisch-philosophische Substanz der materialistischen Verheißungen des Reichtums, von dessen ewigen Wachstum man sich zwar die parallele Steigerung des gesellschaftlichen wie subjektiven Glücks erhofft, dessen Effekte sich aber in den übersättigten Wohlstandsgesellschaften des Westens längst schon auf die weitestgehend sinnentleerte und gerade deshalb immer 265 Vgl. etwa Milton Friedman: There’s No Such Thing as a Free Lunch, LaSalle 1975. 266 Siehe hierzu Christoph Deutschmanns Großessay: Die Verheißung absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus, Frankfurt/M. / New York 1999. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 100 hektischere Anhäufung stets neuer Dinge und Erlebnisse, die die Menschen in ihrem Streben nach Zufriedenheit und Lebensqualität in der Regel keinen Schritt voran bringen, beschränken. Zwar scheint die naheliegende Vermutung durchaus zuzutreffen, dass das durchschnittliche Glücksempfinden in besonders armen Ländern, in denen selbst die elementarsten Grundbedürfnisse häufig nicht für alle sichergestellt sind, deutlich geringer ausfällt als in reichen.267 Dementsprechend kann wirtschaftliches Wachstum hier – sofern es allen Bevölkerungsgruppen und nicht nur den Eliten zugutekommt – tatsächlich zur allgemeinen Verbesserung des Wohlbefindens beitragen, da jeder hinzukommende Euro die unmittelbare Not zu lindern hilft.268 Ebenso trifft es zu, dass auch innerhalb der reichen Länder die Angehörigen der unteren Einkommensschichten im Durchschnitt unzufriedener sind als die der oberen.269 Doch im Gegensatz zu armen Ländern führt in reichen die weitere Zunahme des materiellen Wohlstands eben nicht mehr automatisch zur parallelen Steigerung des gesellschaftlichen Glücks, da sich die Unzufriedenheit der sozioökonomisch schlechtgestellten Gruppen hier in aller Regel nicht mehr aus existentiellen Nöten speist, sondern vielmehr mit ihrer relativen Deprivation zu erklären ist, das heißt mit der subjektiven Erfahrung sozialer Marginalisierung und Exklusion, der nur durch die Verringerung der sozialen Ungleichheit und eine möglichst gleichmäßige Verteilung der sozialen Partizipationschancen abzuhelfen ist. Zu diesem weitreichenden Resultat gelangt eine von den britischen Sozialwissenschaftlern Richard Wilkinson und Kate Pickett auf Basis jahrelanger empirischer Forschungsarbeit vorgelegte komparative Studie,270 die die enge Korrelation von sozialer Gleichheit und individuellem 267 Dies zeigen insbesondere die zeit- und ländervergleichenden Untersuchungen des World Values Surveys, dessen Ergebnisse und umfangreiches Datenmaterial aus inzwischen fünf weltweiten Erhebungswellen auf der Website des Projektes, das als internationales Netzwerk von Sozialforschern organisiert ist, frei zugängig sind: http://www.worldvaluessurvey.org/wvs.jsp (23.03.16); vgl. weiterhin Ronald Inglehart u. a.: »Development, Freedom, and Rising Happiness. A Global Perspective (1981–2007)«, in: Perspectives On Psychological Science, 3/2008, Nr. 4, S. 264–285; Mathias Binswanger: »Why Does Income Growth Fail to Make Us Happier? Searching For the Treadmills Behind the Paradox of Happiness«, in: The Journal of Socio-Economics, 35/2006, S. 366–381; ders.: Die Tretmühlen des Glücks, 6. Aufl., Freiburg 2011, S. 24ff.; Richard Layard: Die glückliche Gesellschaft, 2. Aufl., Frankfurt/M. 2009, S. 46f. 268 Vgl. etwa Ed Diener, Shigehiro Oishi: »Money and Happiness. Income and Subjective Well-Being Across Nations«, in: Ed Diener, Eunkook M. Suh (Hg.): Culture and Subjective Well-Being, Cambridge 2000, S. 185–218. 269 Vgl. Binswanger 2011, S. 30ff. 270 Wilkinson / Pickett 2009. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 101 Wohlbefinden eindrucksvoll belegt.271 Dieser Zusammenhang bewirkt, dass es den Menschen in relativ egalitären Gesellschaften, wie zum Beispiel den skandinavischen oder der japanischen, im Durchschnitt subjektiv deutlich bessergeht als etwa den Bürgern der Vereinigten Staaten, Großbritanniens oder Portugals, wo die scharfen sozialen Gegensätze mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Probleme und erheblichen Spannungen einhergehen.272 Das Interessante dabei ist, dass bereits ab einem (aus westlicher Perspektive) erstaunlich niedrigen Einkommensniveau – Wilkinson und Pickett nennen als Anhaltspunkt ironischerweise das kubanische – die subjektive Zufriedenheit und Lebensqualität der Menschen nicht mehr von der absoluten Höhe des Einkommens abzuhängen scheinen, sondern insbesondere von dessen gerechter beziehungsweise als gerecht empfundener Verteilung. Unterstützt wird dieser Befund durch die Ergebnisse des World Values Surveys, die in ähnlicher Weise dokumentieren, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes lediglich bis zu einem Schwellenwert von etwa 15.000 Dollar pro Kopf signifikant zum durchschnittlichen Wohlbefinden seiner Bewohner beiträgt, während darüber hinausgehende Werte in dieser Hinsicht kaum noch positiven Niederschlag finden.273 In den Vereinigten Staaten zum Beispiel hat sich, wie der schweizerische Ökonom Mathias Binswanger berichtet, das reale BIP seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als verdreifacht, ohne dass sich das Glücksempfinden der Bevölkerung auch nur geringfügig verbessert hätte. Noch extremer sei die Entwicklung in Japan verlaufen, wo sich das reale BIP seit 1945 sogar versechsfacht habe, das Glücksempfinden aber ebenfalls konstant geblieben sei. Und auch in den europäischen In- 271 Selbst der egalitaristischen Positionen eigentlich abholde Philosoph und Gerechtigkeitstheoretiker Wolfgang Kersting zeigte sich von Wilkinsons und Picketts Buch, das auf wahren »Halden von Daten« beruhe und dennoch »übersichtlich«, »leicht verständlich« und »erfreulich unaufgeregt« sei, sichtlich beeindruckt. Die verbreitete Common Sense-Überzeugung, »dass eine Gesellschaft bekömmlicher ist, wenn in ihr Gleichheit herrscht und sie darum auch als gerecht, zumindest als gerechter bezeichnet werden kann, […] erfährt durch Richard Wilkinson und Kate Pickett starke Rückendeckung«, so Kersting in seiner Rezension des Buches, die unter dem Titel: »Es schwankt das Fundament des Glücks. Warum rentiert sich gesellschaftliche Gleichheit? Richard Wilkinson und Kate Pickett antworten mit einleuchtenden Zahlen« in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.02.2010 erschienen ist. 272 Siehe hierzu neben Wilkinson / Pickett 2009, S. 33f., auch ein Interview mit Richard Wilkinson, das unter dem Titel: »›Die Mittelklasse irrt‹. Je ungleicher eine reiche Gesellschaft, desto größer ihre sozialen Probleme: Der britische Sozialforscher Richard Wilkinson über die Frage, warum der wachsende Abstand zwischen Arm und Reich schlecht für alle ist« in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, Nr. 13, vom 25.03.2010, erschienen ist, http://www.zeit.de/2010/13/Wohlstand-Interview-Richard-Wilkinson (23.03.16). 273 Vgl. Inglehart u. a. 2008, S. 268ff., insb. Abb. 2. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 102 dustrienationen, für die seit Beginn der 1970er Jahre entsprechende Daten existieren, seien das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Bürger trotz Wirtschaftswachstum auf freilich hohem Niveau stagniert.274 Im Grunde weisen alle vorliegenden Informationen in dieselbe Richtung: Ist ein bestimmtes (überraschend niedriges) Wohlstandsniveau in einer Gesellschaft erst einmal erreicht, trägt die weitere Vermehrung des materiellen Reichtums nicht mehr zur Verbesserung des durchschnittlichen Wohlbefindens der Menschen bei. Angesichts dessen stellt sich unmittelbar die Frage, wie sinnvoll die moderne Glorifizierung rastloser Arbeit und die quasireligiöse (Selbst-) Verpflichtung der Individuen auf das kapitalistische Programm unaufhörlicher Steigerung des Überflusses eigentlich ist, zumal die negativen Konsequenzen dieser in eudämonistischer Hinsicht ineffizienten, weil materialistisch fehlgeleiteten Ideologie kaum noch zu ignorieren sind. Von den in diesem Text vorrangig interessierenden sozialen Verwerfungen einmal abgesehen, repräsentieren vor allem die durch die Industrialisierung bedingte Zerstörung der Natur, die rücksichtslose Überbeanspruchung der begrenzten Rohstoffreserven sowie die durch anthropogene CO2-Emissionen verursachte Klimaerwärmung globale Probleme von solcher Tragweite, dass man die Legitimität, Rationalität und Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus ohnehin schon ernsthaft bezweifeln muss. Doch der Umstand, dass all diesen Problemen auch und gerade in denjenigen Ländern, die sie mit ihrem verschwenderischen Lebensstil primär zu verantworten haben, seit Jahrzehnten überhaupt keine relevanten Zugewinne an Glück und Wohlergehen der Menschen mehr gegenüberstehen, dass also die industrielle Wachstumsmaschinerie mit all ihren gravierenden Nachteilen in gewisser Weise ganz umsonst heiß läuft, lässt das kapitalistische Wirtschaftsmodell vollends unverantwortlich und absurd erscheinen. Doch trotz dieser fundamentalen Paradoxien, auf die in Teilen275 bereits der Club of Rome vor 40 Jahren erstmals hingewiesen hat, ist zumindest im Mainstream von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft noch immer keine prinzipielle Abkehr von der herrschenden Ideologie rastloser Produktivität und immerwährenden Wachstums erkennbar. Dafür lassen sich sowohl handlungstheoretische wie auch systemlogische Gründe angeben, wobei auf handlungstheoretischer Seite vor allem die Effekte in der Literatur so genannter »Tretmühlen«, namentlich der 274 Vgl. Binswanger 2011, S. 28f. 275 »In Teilen«, da der Club of Rome zwar auf die natürlichen Grenzen des Wachstums hinwies, letzteres jedoch nur aufgrund seiner prognostizierten Endlichkeit, nicht aber hinsichtlich seiner fragwürdigen eudämonistischen beziehungsweise arbeitsethischen Implikationen kritisierte; vgl. Donella Meadows u. a.: The Limits of Growth, New York 1972. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 103 »Statustretmühle« sowie der »Anspruchstretmühle«,276 zu nennen sind. So fördert die besondere Betonung und dezidiert positive Besetzung des Wettbewerbs in der modernen Leistungsgesellschaft einerseits die unablässige interpersonale Statuskonkurrenz (»Mein Haus, mein Auto, mein Boot« usw.), die in praktisch allen Lebensbereichen zu immer neuen Anstrengungen und Überbietungskämpfen anstachelt und anhaltende Zufriedenheit mit dem jeweils Erreichten mindestens erschwert. Andererseits kommt hinzu, dass das persönliche Anspruchsniveau erfahrungsgemäß mit dem jeweils realisierten Lebensstandard wächst. Vor allem die durch materiellen Konsum erzielte Befriedigung währt meist nur kurz und drängt daher besonders in einer Gesellschaft, die das Materielle nachgerade zu vergöttern scheint, zu immer weiterem Konsum, ohne dass diese von Werbung und Medien fleißig in Gang gehaltene Endlosschleife je zu einem Ende kommen würde. Gemeinsam tragen beide Tretmühleneffekte entscheidend zur Formung und Reproduktion des nimmersatten Konsumenten bei, ohne den das kapitalistische Wirtschaftssystem augenblicklich implodieren würde.277 Der Preis allerdings, den die lohnabhängige Bevölkerung für diesen konsumorientierten, in eudämonistischer Hinsicht augenscheinlich wenig zielführenden Lebensstil zu zahlen hat, ist die unbedingte – im Falle ihrer Verschuldung sogar rechtlich fixierte – Verpflichtung zur Erwerbsarbeit, welche zumindest in den mittleren und höheren Einkommensschichten den bei moderateren Ansprüchen erforderlichen Umfang an Lebenszeit regelmäßig, nicht selten sogar ganz erheblich überschreitet.278 Aus systemlogischer Perspektive wiederum erweisen sich diese zu Konsum und Arbeit anheizenden Tretmühlen als zweckdienlich, da sie eine elementare Bedingung für das Wirtschaftswachstum sind, ohne das der 276 Vgl. Binswanger 2006 & 2011, S. 48–83; ferner Layard 2009, S. 53–62. 277 Würden die Kunden in den entwickelten Industriegesellschaften beispielsweise dazu übergehen, ihre Mobiltelefone erst dann zu ersetzen, wenn diese defekt sind und tatsächlich nicht mehr funktionieren, anstatt sie einfach zu verschubladen und neue zu kaufen, und in vergleichbarer Weise auch mit all den anderen Gebrauchsgegenständen, Konsumartikeln und Lifestyle-Produkten verfahren, die für den westlichen Lebensstil so charakteristisch sind (zum Beispiel moderne Multimedia-Geräte, modische Kleidung, »trendige« Einrichtungsgegenstände oder Sportartikel, schicke Automobile usw.), bräche die Wirtschaft binnen kürzester Zeit zusammen. 278 Dass den unteren Einkommensschichten indes kaum Möglichkeiten zur »Mäßigung« ihres Anspruchsniveaus respektive zur Verringerung des Arbeitspensums zur Verfügung stehen, ohne den Anschluss an das gesellschaftliche Leben gänzlich zu verlieren, versteht sich dabei von selbst. Entsprechende Aufforderungen zu mehr Bescheidenheit sind hier also verfehlt und lassen die Gefahr sozialer Exklusion unberücksichtigt. Vielmehr würden die unteren Soziallagen durchaus von einer Verbesserung beziehungsweise Angleichung ihrer materiellen Lebenssituation profitieren. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 104 Kapitalismus nicht funktionieren würde. Nicht nur für Neugründungen, sondern auch, um konkurrenzfähig zu bleiben und im Haifischbecken des Marktes überleben zu können, sind Unternehmen auf kontinuierliche Investitionen angewiesen, zum Beispiel um ihre Produktionsanlagen zu modernisieren oder zu erweitern, neue Märkte zu erschließen oder um innovative Produkte entwickeln und herstellen zu können. Hierzu benötigen sie Kreditgeber, die bereit sind, ihnen das erforderliche Kapital gegen Zinsen zur Verfügung zu stellen. Daraus erklärt sich, dass und warum das Wachstum eben nicht nur ein kontingenter Nebeneffekt, sondern vielmehr eine systematische Bestandsvoraussetzung der schuldenfinanzierten kapitalistischen Wirtschaftsweise ist. Denn der Zins repräsentiert nichts anderes als einen Mehrwert, der von den Schuldnern zusätzlich zum Ausgangswert des eingeworbenen Fremdkapitals erst noch geschaffen werden muss.279 Das Streben nach Wachstum und immer neuen Gewinnen resultiert somit nicht einfach – zumindest nicht allein – aus der persönlichen Profitgier der Unternehmer, »sondern aus [dem] strukturelle[n] Zwang, die einmal aufgenommenen Schulden auch wieder loszuwerden.«280 Dieser fundamentale Zusammenhang von Verschuldung, Zins und Wachstum, dessen gesamtwirtschaftliche Bedeutung man schon daran ablesen kann, dass die durchschnittliche Eigenkapitalquote der europäischen Unternehmen lediglich 35 % beträgt,281 erklärt auch, warum es im Kapitalismus langfristig nur die Alternative zwischen Wachstum oder Rezession geben kann, die bloße Erhaltung des Status quo dagegen nicht vorstellbar ist. Denn abgesehen davon, dass bereits ein wirtschaftliches Nullwachstum (und nicht erst negative Wachstumsraten) die Gewinnerwartungen der Anleger empfindlich schmälert, die Börsenkurse einbrechen lässt und eine Rezession wahrscheinlich macht, bedeutet dauerhaft ausbleibendes Wachstum vor allem, dass Schulden nicht mehr bedient werden können, ein Teil der Unternehmen folglich Insolvenz anmelden muss, die aggregierte Nachfrage sinkt und die Gesamtwirtschaft dadurch in eine sich selbst verstärkende 279 Vgl. Paul 2004, S. 179. 280 Ebd. 281 Vgl. Andreas Trautvetter: Bedeutung der Eigenkapitalausstattung für den Mittelstand, Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut 2011, S. 10. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote deutscher Unternehmen liegt mit gerade einmal 25% sogar noch deutlich unter der gesamteuropäischen, jene der US-amerikanischen hingegen mit 45% signifikant darüber. Hintergrund für diese Unterschiede sind die traditionell verschiedenen Finanzierungsweisen der Industrie. Während sich beispielsweise US-amerikanische Unternehmen das benötigte Kapital stärker durch die Ausgabe von Aktien verschaffen (das heißt das Eigenkapital erhöhen), basieren die kontinentaleuropäischen Volkswirtschaften stärker auf der Kreditvergabe durch Banken. Vgl. Susanne Lütz: »Finanzmärkte«, in: Andrea Maurer (Hg.): Handbuch der Wirtschaftssoziologie, Wiesbaden 2008, S. 341–360. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 105 Abwärtsspirale gerät, aus der es ohne erneutes Wachstum kein Entrinnen gibt.282 Insofern treibt also die der kapitalistischen Reichtumsakkumulation ursprünglich zugrundeliegende Verschuldungsdynamik den ökonomischen Wachstumszwang notwendig aus sich hervor. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum der etablierte Mainstream so fixiert an Arbeit, Wachstum und Profitmaximierung als Zentralbegriffen der Gesellschaft festhält und die mit diesem ideologischen Dreiklang verbundenen Ungerechtigkeiten und Verwerfungen, insbesondere die Zunahme von sozialer Marginalisierung und Exklusion sowie die immer katastrophalere Ausmaße annehmende globale Umweltzerstörung, billigend in Kauf nimmt, obwohl alldem zumindest in den entwickelten Ländern längst keine Steigerung des gesellschaftlichen Wohls mehr gegenübersteht und die Gretchenfrage, wie in einer endlichen Welt unendliches Wachstum überhaupt möglich sein soll, nach wie vor offen ist. Denn wer die Arbeit kritisiert – und sei es nur in ihrer glorifizierten Form als unermüdliche, immer produktive, mehrwertschaffende Erwerbsarbeit –, kritisiert damit die aller Technisierung zum Trotz nach wie vor unabdingbare Voraussetzung von wirtschaftlichem Wachstum und Profit und läuft somit – jedenfalls wenn er zu Ende denkt – Gefahr, unversehens auf eine Fundamentalkritik des kapitalistischen Systems als Ganzem zuzusteuern. Das erscheint der Mehrheit der Etablierten nicht opportun; schließlich hat man es gerade unter den bestehenden Verhältnissen vermocht, sich häuslich einzurichten. Andererseits darf jedoch auch nicht verschwiegen werden, dass mit dem vollständigen Scheitern des Realsozialismus die einzige konkrete Systemalternative weggebrochen und diskreditiert ist. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wüsste daher gar niemand so recht zu sagen, wie ein grundstürzender gesellschaftlicher Gegenentwurf zum Kapitalismus vernünftigerweise auszusehen hätte und wie man ihn, was eine mindestens genauso schwierige Frage ist, in die Tat umsetzen könnte. Das Beharrungsvermögen der kapitalistischen Praxis und Ideologie ist insofern wenigstens auch der konzeptionellen Schwäche ihrer Gegner geschuldet, die über das Stadium der Kritik häufig nicht hinausgelangen und konstruktive Vorschläge allzu oft vermissen lassen. Damit erübrigt sich die grundsätzliche Kapitalismuskritik zwar keineswegs, denn das Misslingen des sozialistischen Feldversuchs stellt für sich genommen noch kein positives Argument für den Kapitalismus dar, an dessen eigener Zukunftsfähigkeit, Umwelt- und Sozialverträglichkeit sowie Gerechtigkeit man davon unbenommen ernstlich zweifeln muss. Doch hat sie es entsprechend schwer, sich über den Kreis all jener hinaus, die sie ohnehin längst teilen, effektiv Gehör zu verschaffen 282 Siehe hierzu Mathias Binswanger: »Is there a growth imperative in capitalist economies? A circular flow perspective«, in: Journal of Post Keynesian Economics, 31/2009, Nr. 707–727. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 106 und nachhaltigen transformatorischen Einfluss auf Gesellschaft und Politik zu entfalten. Solange dies so bleibt, steht zu befürchten, dass man sich in der kapitalistischen Gesellschaft auch weiterhin von den Verheißungen des wachsenden Reichtums blenden lassen wird und infolgedessen an der normativen Überhöhung der Arbeit als dessen kreativen Ursprungs festhält. Ebenso ist nicht abzusehen, dass sich die moralische Verpflichtung zur Arbeit oder ihre – wiewohl fragwürdige – Bedeutung als gerechtigkeitsethischer Verteilungsschlüssel verringern werden. Die zentrale Stellung insbesondere der mehrwertschaffenden Erwerbsarbeit in der ganz und gar auf sie fixierten modernen Arbeitsgesellschaft scheint mithin wie zementiert. Insofern verfehlt, wer keiner Erwerbstätigkeit nachgeht, die elementaren Normen der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie sich seit dem Zeitalter der Reformation herausgebildet haben. Exakt dieser Sachverhalt stellt – neben dem handfesten Interesse der Ökonomie an billigen Arbeitskräften – einen ganz entscheidenden, primär also normativ begründeten Erklärungsfaktor dafür dar, weshalb sich die politischen Reaktionen auf die im 1. Kapitel beschriebene soziale Misere in den meisten, selbst sozialdemokratisch regierten Industrienationen bislang eben vorrangig auf Maßnahmen und Programme konzentrieren, welche in erster Linie die Verringerung der Arbeitslosigkeit zum Ziel haben. Denn wer nicht erwerbstätig ist, kann – jedenfalls den dominierenden gesellschaftlichen Moralvorstellungen zufolge – für sich auch nicht beanspruchen, ein vollwertiges und respektables Mitglied der bürgerlichen Produktions- und damit Wertegemeinschaft zu sein, und ist insofern zumindest in moralischer Hinsicht tatsächlich exkludiert. Dies ist zweifellos ein wichtiger Aspekt, repräsentiert doch die Möglichkeit der subjektiven Selbstachtung, die wesentlich von der Anerkennung durch andere beeinflusst wird, ein hohes Gut.283 Allerdings – und hierin liegt das fatale Missverständnis einer auf Beschäftigungspolitik verkürzten Sozialpolitik – resultiert aus dieser gewissermaßen ideologischen Exklusion für sich genommen ebenso wenig der automatische Ausschluss von den vielfältigen Chancen und Errungenschaften der modernen Gesellschaft, 283 Der Philosoph John Rawls etwa zählt das maßgeblich von sozialen Faktoren beeinflusste individuelle Selbstwertgefühl (neben gleichen Rechten, Freiheiten, Chancen sowie Einkommen und Vermögen) mit zu den wichtigsten gesellschaftlichen Grundgütern, von deren gerechter Verteilung die Gerechtigkeit der Gesellschaft als solcher abhängt. Vgl. John Rawls: Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1975, S. 112f., 479ff. Rawls entwickelt hier einen Gedanken weiter, der bereits bei Adam Smith vorkommt. Auch Smith ging nämlich davon aus, dass die sozioökonomisch voraussetzungsreiche Chance, sich den landestypischen Sitten und Gebräuchen anpassen und sich folglich ohne Scham in der Öffentlichkeit bewegen zu können, zu den ganz und gar unentbehrlichen Lebensbedürfnissen eines Menschen gehört. Vgl. Smith 2009, S. 966f. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 107 die sich ja keineswegs auf die Erwerbsdimension reduzieren lassen, wie umgekehrt die Inklusion in die Produktionsgemeinschaft notwendig mit der Vermittlung über die Erwerbsarbeit hinausreichender Teilhabe- und Verwirklichungschancen einherzugehen braucht. Ein Sklave oder Leibeigener beispielsweise ist nicht schon deshalb als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu betrachten, weil er arbeitet – vielmehr war bis ins späte Mittelalter hinein das genaue Gegenteil der Fall –, und in ganz ähnlicher Weise wird man auch von einem noch so schwer arbeitenden working poor aus heutigen Tagen wohl kaum behaupten können, dass seine konkreten Partizipations- und Lebenschancen jenseits des Arbeitens, obschon formalrechtlich garantiert, den gesellschaftlichen Normalvorstellungen gedeihlicher und gleichberechtigter Inklusion entsprechen. Die ideologische Inklusivität der Erwerbsarbeit geht offensichtlich keineswegs per se mit der praktischen Vollinklusion in das reichhaltige Leben der modernen Gesellschaft einher. Wenn es der Politik daher, wie sie jedenfalls in demokratischen Ländern gemeinhin proklamiert, ernstlich darum geht, allen Bürgern möglichst gleichberechtigte Teilhabe- und Verwirklichungschancen, kurz: ein gutes Leben zu vermitteln, und wenn sie ferner den zentralen Schlüssel hierfür, wie beispielsweise die deutsche Bundesregierung nicht nur in ihren Armutsberichten regelmäßig verlauten lässt, in der Schaffung von Arbeitsplätzen sieht, so ist danach zu fragen, auf welche Weise die Erwerbsarbeit all dies über die bloße Einbeziehung in die Produktionsgemeinschaft hinaus konkret leisten soll und kann. Meine im weiteren Verlauf noch näher auszuführende These hierzu ist, dass die wesentlichen Inklusionseffekte, die tatsächlich mit einer spürbaren Verbesserung der konkreten Partizipationsmöglichkeiten der Menschen einhergehen, letztlich gar nicht von der Erwerbstätigkeit selbst ausgehen, sondern vielmehr von dem Einkommen, das sie vermittelt. Trifft dies zu, so bedeutet das nicht weniger, als dass die gegenwärtig dominierende Wirtschafts- und Sozialpolitik nach der Maxime: Sozial ist, was Arbeit schafft!, welche die massive Ausweitung des Niedriglohnsektors nicht nur in Kauf nimmt, sondern als beschäftigungs- und damit vermeintlich inklusionsfördernde Maßnahme sogar bewusst vorantreibt, vollkommen fehlgeleitet ist und letztlich nicht viel mehr als die von den staatlichen Behörden erzwungene – und darin in fataler Weise an die Frühzeit der Industrialisierung erinnernde – Verwandlung nichtarbeitender in arbeitende Arme betreibt und nicht selten sogar als sozialpolitischen »Erfolg« darzustellen versucht. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 108 2.2 Zur praktischen Inklusivität der Erwerbsarbeit Die Frage, auf welche konkrete Weise die Erwerbsarbeit ihre gemeinhin unterstellte praktisch-inklusive Kraft jenseits ideologischer Aspekte eigentlich entfaltet, ist nicht nur für die Soziologie der Arbeit (beziehungsweise Arbeitslosigkeit) von zentraler Bedeutung, sondern auch und gerade für die Sozialpolitik, die sich so viel von ihr verspricht. Umso erstaunlicher ist es, dass es bislang nur relativ wenige Versuche gegeben hat, eine systematische Antwort auf diese Frage zu formulieren. Eine begrüßenswerte und empirisch fundierte Ausnahme bildet das fünf Analysedimensionen umfassende Modell der Vergesellschaftung durch Erwerbsarbeit, welches von den Soziologen Martin Kronauer, Berthold Vogel und Frank Gerlach als Kontrastfolie entwickelt wurde, um die negativen Auswirkungen der Erwerbslosigkeit methodisch geordnet in den Blick zu bekommen.284 Ich möchte dieses Modell, das mir die wesentlichen Intuitionen auf den Punkt zu bringen scheint, welche von Politik und Öffentlichkeit im Allgemeinen mit Arbeit in Verbindung gebracht werden, hier vorstellen, um auf dem Wege seiner kritischen Diskussion den Nachweis zu erbringen, dass die sozialintegrativen Effekte, die man der Erwerbsarbeit üblicherweise zuspricht, erstens nicht auf diese beschränkt sind, das heißt ebenso oder zumindest in ähnlicher Weise auch von anderen, wenngleich oft weniger prestigeträchtigen Arbeitsformen ausgehen können; und dass sie zweitens weder eine hinreichende, also für sich genommen ausreichende, noch überhaupt notwendige, das heißt für die befriedigende Inklusion des Individuums unter den Verhältnissen der kapitalistischen Moderne unverzichtbare Bedingung repräsentieren, was alleine die Rede von der Erwerbstätigkeit als dem entscheidenden Inklusionsmedium rechtfertigen könnte. (1) Die erste Dimension der Vergesellschaftung durch Erwerbsarbeit besteht Kronauer u. a. zufolge in der erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt.285 Durch den vertraglich geregelten Verkauf ihrer Arbeitskraft und die Beschäftigung innerhalb rechtlich normierter Arbeitsverhältnisse würden die Erwerbstätigen in die gesellschaftliche, das heißt den durch persönliche Beziehungen abgesteckten Bereich lediglich privater Tätigkeiten überschreitende Arbeitsteilung eingebunden. Dabei signalisiere die Bezahlung, dass die jeweiligen Arbeitsprodukte und -handlungen gesellschaftlich nachgefragt seien, was auf die Menschen selbst übertragen werde, die sie hervorbrächten. Gemeinsam attestierten die rechtliche Form sowie das wesentliche Element der finanziellen Entloh- 284 Vgl. Martin Kronauer u. a. 1993, S. 23–42. 285 Zum Vergleich dieser und der anderen vier Vergesellschaftungsdimensionen durch Erwerbsarbeit siehe ebd. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 109 nung den Erwerbstätigen mithin ihre gesamtgesellschaftliche Relevanz und Nützlichkeit und lieferten insofern das konkrete, lebenspraktische Substrat für das subjektive Gefühl, ein anerkanntes Vollmitglied der idealisierten Arbeitsgesellschaft zu sein. (2) Mit der Unterzeichnung des Arbeitsvertrages öffne sich zweitens der Weg für die Vergesellschaftung im praktischen Vollzug des Arbeitens selbst. Dabei beinhalte der Arbeitsprozess – zumindest für abhängig Beschäftigte – immer zwei vergesellschaftende Momente. Zum einen impliziere er, dass die Erwerbstätigen gemeinsam mit anderen, das heißt eingegliedert in ein soziales Kollektiv, ein gemeinschaftliches Produkt herstellten beziehungsweise eine Gemeinschaftsleistung erbringen würden und auf diese Weise ihr individuelles Arbeitsvermögen in die Gesellschaft einbrächten. Dies biete sowohl die Chance subjektiver Identifikation mit der eigenen Tätigkeit als auch die Gelegenheit, mit den Kollegen zu wetteifern und aus der Praxis des wechselseitigen Beurteilens, durch welche der eigenen Arbeit gewissermaßen ein sozialer Spiegel vorgehalten werde, berufliche Identität zu gewinnen. Zum anderen jedoch bedeute abhängige Erwerbsarbeit zugleich, in eine soziale Hierarchie eingebunden zu sein und infolgedessen in verschiedenster Hinsicht sowie in unterschiedlichem Ausmaß fremdbestimmt zu werden. Form und Ausmaß der Fremdbestimmung spielten dabei eine entscheidende Rolle im Hinblick auf die Frage, ob beziehungsweise inwieweit die Umsetzung des eigenen Arbeitsvermögens die Identifikation mit der jeweiligen Tätigkeit tatsächlich zulasse. Die konkreten Vergesellschaftungseffekte der Erwerbsarbeit sind somit auch für das politisch zentrale Thema der Reproduktion der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse von größter Wichtigkeit. (3) Die dritte Vergesellschaftungsdimension durch Erwerbsarbeit sehen Kronauer u. a. im durch den Arbeitslohn ermöglichten Kauf von Gütern und Dienstleistungen für den privaten Konsum. Das selbstverdiente Geld – im Unterschied zu innerfamilialen oder wohlfahrtsstaatlichen Transfers – sei die praktische Voraussetzung dafür, als unabhängiger Akteur auf dem Markt agieren und losgelöst von anderen an den eigenen Präferenzen orientierte Handlungs- und Konsumentscheidungen treffen zu können und sich dadurch aktiv in die Reihen der Konsumgesellschaft zu integrieren. Dabei gehe es infolge der enormen Wohlfahrtssteigerungen in den westlichen Ländern längst nicht mehr allein um die Deckung des lebensnotwendigen Bedarfs, sondern vor allem darum, den geltenden Regeln des anspruchsvollen und höchst voraussetzungsreichen Wechselspiels von sozialer Anpassung, zum Beispiel durch modische Konformität oder den Besitz »angesagter« Lifestyle-Produkte, sowie der Darstellung und Betonung eigener Individualität, etwa durch das stilistische Hinzufügen einer persönlichen Note oder die Kultivierung eines speziellen Lebensstils, entsprechen zu können. Darüber hinaus jedoch hänge TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 110 auch die »soziale Reichweite« einer Person von ihrem verfügbaren Einkommen ab, wodurch sich das Geld als maßgebliches Regulativ sozialer Beziehungen erweise. Denn spätestens jenseits des verwandtschaftlichen Beziehungsnetzes sei es für die Aufrechterhaltung und Pflege auch nur informeller Kontakte unerlässlich, das im Stillen wirksame Gebot der Reziprozität zu beachten und zum Beispiel Einladungen oder Geschenke angemessen zu erwidern. Fehlten die hierzu erforderlichen Mittel, offenbare sich auf ernüchternde Weise nur allzu schnell, »wie sehr zwischenmenschliche Beziehungen von monetären überlagert oder beherrscht sind.«286 (4) Viertens vergesellschafte die Erwerbsarbeit durch die strenge Vorgabe und Reglementierung sozialer Zeit- und Sinnstrukturen. So zwinge das rigide Zeitregime, das mit der Erwerbsarbeit verbunden ist und im Zuge der Industrialisierung mit Hilfe massiver obrigkeitsstaatlicher Zwangsmaßnahmen – es sei nur an die oben erwähnten »Häuser des Schreckens« erinnert – gegen den teils zähen Widerstand der Bevölkerung durchgesetzt wurde, der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft machtvoll ihren Rhythmus auf. Dabei ist es bemerkenswert zu sehen, dass die im Kultur- und Zeitvergleich ausgesprochen restriktiven kollektiven Zeit- und Sinnvorgaben, die ja als wesentliches Merkmal lebenspraktischer Fremdbestimmung und Disziplinierung zu betrachten sind und besonders in der strengen, von den Arbeitgebern scharf kontrollierten Trennung von Arbeitszeit und Freizeit zum Ausdruck kommen, den Menschen in den modernen Industrienationen mit der Zeit so in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie von den meisten inzwischen als quasi »natürliche Einstellung« wahrgenommen werden, die in ihrem subjektiven Zeit- und Sinnerleben als unhinterfragter und allgemein akzeptierter Erfahrungshintergrund wirksam werden. Für die Erklärung dieses eigentlich überraschenden Sachverhaltes dürfte die im vorausgegangenen Kapitel (Kapitel 2.1.) beschriebene ideologische Glorifizierung der Erwerbsarbeit – neben den staatlichen und unternehmerischen Disziplinarmaßnahmen – augenscheinlich eine wichtige Rolle spielen. (5) Mit dieser Thematik eng verbunden nennen Kronauer u. a. als fünfte und letzte Dimension schließlich die Vergesellschaftung der Individuen durch die Normierung kollektiv vorgegebener Muster der individuellen Erwerbsbiographie. So habe sich mit der endgültigen Durchsetzung der industriellen Zeitstrukturen in der Nachkriegszeit die besonders – heute aber längst nicht mehr nur – für männliche Erwerbstätige geltende Vorstellung einer »Normalbiographie« etabliert, die aus der spezifischen Abfolge einzelner Lebensphasen von der Vorbereitung auf das Erwerbsleben, diesem selbst bis hin zum daran anschließenden Ruhestand bestehe. Dieses Biographiemuster sei unbeschadet der Tatsache, dass es für 286 Ebd., S. 35. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 111 viele Millionen aufgrund der seit nunmehr über drei Jahrzehnten andauernden Massenarbeitslosigkeit faktisch nicht oder jedenfalls nicht bruchlos zu verwirklichen ist, noch immer eine machtvolle Norm, die gleich einer verinnerlichten Richtschnur der persönlichen Lebensplanung diene und überdies dem institutionellen Handeln seitens des Staates und der Sozialversicherungssysteme sowie der Tarifvertragsparteien zugrunde liege. Demgemäß stelle die massenhafte Abweichung von der Norm das öffentliche Institutionengefüge ebenso wie die Betroffenen, die ja nicht nur mit den psychischen Folgen ihrer Arbeitslosigkeit, sondern auch mit zum Teil empfindlich verringerten Rentenansprüchen zurechtkommen müssen, vor erhebliche Probleme. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Überlegungen Kronauers u. a. einiges an empirischer Plausibilität für sich beanspruchen können und ihr Analysemodell sehr dazu beitragen kann, sowohl die praktischen Vergesellschaftungseffekte der Erwerbsarbeit als auch, vice versa, die zumeist (aber keineswegs nur!) negativen Phänomene, die mit Erwerbslosigkeit typisch verbunden werden,287 in eine systematische Ordnung zu bringen. Dennoch gibt es eine Reihe kritischer Bemerkungen hinzuzufügen. So ist zunächst einmal ganz grundsätzlich festzustellen, dass sich der Begriff der Arbeit in jenem oben schon erwähnten elementaren Sinne Marx‘, nämlich des basalen Austauschprozesses »zwischen Mensch und Natur, […] worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert«,288 und welcher für die individuelle wie gesellschaftliche (Re)Produktion gänzlich unverzichtbar ist, nicht auf erwerbsförmig verrichtete Arbeiten reduzieren lässt. Vielmehr ist diese zwar irreführende, in der kapitalistischen Gesellschaft aber trotzdem allgemein übliche Engführung des Arbeitsbegriffs selbst schon als augenfälliger Ausdruck und Resultat der ideologischen Überhöhung profitabler, mehrwertschaffender Tätigkeiten zu betrachten, deren Kehrseite naturgemäß in der relativen Entwertung aller anderen Arbeitsformen besteht. Mit großer Deutlichkeit tritt dieser Sachverhalt beispielsweise zutage, wenn man in einem aktuellen Handbuch der Soziologie unter dem Begriff »Arbeit« nachschlägt und zu lesen findet, dass Arbeit selbst in wissenschaftlichen Debatten normalerweise mit 287 Ob beziehungsweise inwieweit Arbeitslosigkeit auch als Befreiung von den Zwängen und Belastungen des Erwerbslebens erfahren wird, hängt neben ihrer Dauer sehr davon ab, wie befriedigend die vorher ausgeübte Tätigkeit subjektiv erlebt wurde, welche alternativen Beschäftigungsformen zur Verfügung stehen und vor allem, ob die finanziellen Verhältnisse weiterhin gesichert sind, oder ob die Betroffenen vielmehr von existentiellen Zukunftsängsten geplagt werden. Siehe hierzu die informative und anschauliche Typologie der subjektiven Erfahrungsweisen und des Umgangs mit Arbeitslosigkeit ebd., vor allem Kap. V: »Ausgrenzungsrisiko und Arbeitslosigkeitserfahrung«, S. 89–217. 288 Marx 1984, S. 192. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 112 Erwerbsarbeit gleichgesetzt werde, von welcher »[…] der weite Bereich der informellen, nicht-offiziellen oder auch autonomen Arbeit, mit dem der ganze ›Rest‹ [sic!] wirtschaftlicher Aktivitäten bezeichnet wird […]«, zu unterscheiden sei.289 Die nicht-erwerbsförmige Arbeit ist hier also zu einer bloßen Residualkategorie geschrumpft, zu etwas Übriggebliebenem, das im Grunde nur noch der Vollständigkeit halber zu erwähnen ist. Doch es fragt sich, wie sich diese weitverbreitete Betrachtungsweise mit dem Umstand verträgt, dass der vermeintliche Rest in Deutschland (und es ist davon auszugehen, dass es sich in anderen Industrienationen im Wesentlichen genauso verhält) in Wahrheit ein sehr viel größeres Volumen umfasst, als es bei der angeblichen Hauptkategorie selbst der Fall ist. Denn tatsächlich belief sich das Jahresvolumen unbezahlter Arbeit einer repräsentativen Langzeituntersuchung des Statistischen Bundesamtes zufolge im Jahr 2001 mit etwa 96 Mrd. Stunden auf mehr als das 1,7fache der Erwerbsarbeit, deren Volumen lediglich 56 Mrd. Stunden umfasste.290 Wenn angesichts dieser Zahlenverhältnisse die Nicht-Erwerbsarbeit dennoch als Restgröße behandelt wird, so hat man es offenkundig mit einem einigermaßen unbefriedigenden Klassifikationssystem zu tun. Für das Analysemodell Kronauers u. a. ergibt sich daraus, dass mit der Erwerbsarbeit tatsächlich nur der kleinere Teil der gesellschaftlichen Arbeit unter dem Gesichtspunkt ihrer sozialinklusiven Effekte fokussiert wird. Daran gibt es zwar grundsätzlich nichts auszusetzen, doch wird die Reichweite der auf diese Weise gewonnen Erkenntnisse spürbar limitiert, was es besonders im Hinblick auf die hier interessierende Frage, inwieweit die Erwerbsarbeit gewissermaßen als Zentralschlüssel für soziale Teilhabe und individuelle Verwirklichungschancen zu betrachten ist, zu berücksichtigen gilt. Wenn etwa, wie von Kronauer u. a. in den ersten beiden Analysedimensionen ihres Modells vorgeschlagen, die praktische Einbindung in die gesellschaftliche Arbeitsteilung als wichtiges Kriterium für die erfolgreiche Vergesellschaftung des Individuums dargestellt wird, so ist zu konstatieren, dass dieses Kriterium selbstredend auch von nicht-bezahlten Arbeitsformen erfüllt werden kann und insofern kein Alleinstellungsmerkmal der Erwerbsarbeit repräsentiert. Dabei mag es zwar richtig sein, dass ein großer Teil der unbezahlten Arbeit im Lichte der modernen Unterscheidung von privater und öffentlicher Sphäre gemeinhin der zuerst genannten zugeschlagen wird, doch ändert dies für sich genommen selbstredend nichts an ihrer wesentlich sozialen, für die Gesellschaft teils sogar konstitutiven Bedeutung. 289 Hartmut Hirsch-Kreinsen: »Arbeit«, in: Nina Baur u. a. (Hg.): Handbuch Soziologie, Wiesbaden 2008, S. 33–53, hier S. 33. 290 Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2003, S. 11. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 113 Auch wenn dieser gesellschaftliche Grundsachverhalt infolge der vorherrschenden Fixierung auf produktive Erwerbsarbeit und die Steigerung der Profite nur allzu oft in den Hintergrund gerät, lässt sich beispielsweise kein Tätigkeitsbereich denken, der für das Soziale schlechthin eine fundamentalere Bedeutung hätte, als die reproduktive Haus- und Familienarbeit, ohne die – im Gegensatz zu sehr vielen prinzipiell durchaus verzichtbaren Formen der Erwerbsarbeit – die Gesellschaft als Ganze schlicht nicht existieren könnte. Zudem spielen sowohl die bewussten (das heißt den Erziehungsprozess aktiv gestaltenden) wie unbewussten Beiträge der Familie zur Sozialisation der nachkommenden Generationen eine kaum zu überschätzende Rolle für das gesamtgesellschaftliche Bildungsniveau und somit auch und gerade für die Produktivität und Leistungsfähigkeit der modernen, hochgradig wissensabhängigen Ökonomie. Die eben nur vermeintlich rein private Angelegenheit der familialen Kinderbetreuung und -erziehung entfaltet mithin weit über das Private hinausgreifende gesellschaftliche Wirkungen. Mit diesem Umstand dürfte wohl die unter dem Eindruck der PISA-Ergebnisse auch in Deutschland wachsende Bereitschaft von Politik und Öffentlichkeit teilweise zu erklären sein, selbst die frühkindliche Erziehung mehr und mehr an eigens dafür ausgebildete Fachleute zu übergeben (das heißt zu professionalisieren und damit in eine bezahlte Erwerbstätigkeit zu verwandeln), um die vor allem in den unteren Gesellschaftsschichten gehäuft vermuteten Defizite elterlicher Erziehung im Interesse der Allgemeinheit zu kurieren. Weiterhin stellt auch die Versorgung der mehr als zwei Millionen Pflegebedürftigen ein wichtiges Beispiel für eine Arbeit dar, die zwar nach wie vor größtenteils, nämlich zu rund 70 %,291 von unbezahltem, überwiegend weiblichem »Privatpersonal« aus dem familialen Umfeld – ohne welches das öffentliche Gesundheits- und Pflegesystem augenblicklich kollabieren würde – erledigt wird, deren private Form indes nicht über ihre hohe und infolge des demographischen Wandels sehr wahrscheinlich noch weiter zunehmende gesamtgesellschaftliche Relevanz hinwegtäuschen sollte. Von vornherein gesellschaftlich orientiert sind dagegen die ungezählten Stunden ehrenamtlicher Arbeit – zum Beispiel bei der freiwilligen Feuerwehr, dem Roten Kreuz, in den zahlreichen Vereinen oder in der Jugendsozialarbeit –, die für das Gemeinwohl von unschätzbarem Wert sind, sowie ferner die Kulturarbeit und Kunst, die häufig nicht nur finanziell desinteressiert, sondern sogar ausdrücklich gegen kommerzielle Interessen gerichtet sind, ohne die eine lebenswerte Gesellschaft aber dennoch (oder gerade deshalb?) unvorstellbar erscheint. Gemeinsam illustrieren und bestätigen diese Beispiele auf anschauliche Weise, dass die subjektiv von vielen als wichtig empfundene Inklusion 291 Vgl. Blinkert 2004, S. 320. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 114 in die soziale Arbeitsteilung und damit das Gefühl, »gesellschaftlich tätig und gebraucht zu werden«,292 mithin zu etwas nütze zu sein, keineswegs allein auf die Erwerbsarbeit beschränkt ist, sondern genauso (und de facto in erheblich größerem Umfang) durch alternative Arbeitsformen bewirkt werden kann. Daran ändert auch deren fehlende Bezahlung nichts. Denn diese mag zwar durchaus als Ausdruck eines ungerechten Mangels an sozialer und ökonomischer Anerkennung wahrgenommen werden, doch ist sie mitnichten ein Beweis für die gesellschaftliche Nutzlosigkeit der jeweiligen Tätigkeit oder gar für die soziale Desintegration der sie verrichtenden Personen; auch nicht-bezahlte Arbeit ist in aller Regel mehr als ein isoliertes Privatvergnügen. Insofern wäre also, wenn überhaupt, jede gesellschaftlich notwendige Arbeit – und nicht allein erwerbsförmig organisierte, wie Kronauer u. a. im Einklang mit der Mehrheitsmeinung zu denken scheinen – als maßgebliches Vehikel für die geglückte gesellschaftliche Inklusion der Individuen zu betrachten. Doch auch dies trifft so nicht zu. Denn gleichwohl sinnvoll nicht bestritten werden kann, dass Arbeit aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive gänzlich unverzichtbar ist, so ist sie es für die über das reine Arbeitsleben hinausgehenden sozialen Teilhabe- und Verwirklichungschancen des Einzelnen doch keineswegs. So gab und gibt es neben der – von den vormodernen Eliten noch offen perhorreszierten – persönlichen Beteiligung am gesellschaftlichen Produktionsprozess auch heute noch (und zwar keineswegs nur für Kinder und Alte) unterschiedliche Alternativen der müßiggängerischen, primär konsumtiven und im Grenzfall sogar vollkommen unproduktiven Teilnahme am vielfältigen und abwechslungsreichen Leben der Gesellschaft. Idealtypisch hierfür wären etwa die sozialen Figuren des reichen Vermögenserbens oder des Rentiers zu nennen, wobei beide Typen in ihrer Existenz genauso wie die Herren der Antike und des Mittelalters de facto von den Leistungen der arbeitenden Bevölkerung profitieren und abhängen. Zwar kann es in solchen und ähnlichen Fällen durchaus zutreffen, dass die subjektiven Zeit- und Sinnstrukturen von den für die breite Masse geltenden Normen mitunter auf eklatante Weise abweichen; ebenso mag es sein, dass mit der Einbindung in die Arbeitswelt eine für viele Menschen der Moderne wichtige Quelle subjektiver Identität und sozialer Anerkennung fehlt. Doch sind diese Verluste, so sie von wohlhabenden Privatiers selber überhaupt als solche wahrgenommen werden (was gelegentlich bezweifelt wird), mit Bestimmtheit zu verkraften, weil und sofern eben alternative Partizipations- und Verwirklichungschancen sowie befriedigende Sozialkontakte jenseits der gesellschaftlichen Produktionssphäre vorhanden sind. Insofern wäre es also auch unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft – ihrer ideologischen Glorifizierung der Arbeit zum 292 Kronauer u. a. 1993, S. 27. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 115 Trotz – verfehlt, die Abweichung von der sogenannten »Normalbiographie« und sogar konsequente, lebenslange Nicht-Arbeit automatisch mit einer Lebenslage zu assoziieren, in welcher die jeweiligen Personen vernünftigerweise als »gesellschaftlich exkludiert« zu bezeichnen wären; »in hohem Maße privilegiert« dürfte den Sachverhalt sowie die Fremdund Selbstwahrnehmung der fraglichen Personen manchmal um einiges genauer beschreiben. Wie sehr dies tatsächlich zutrifft, mag man ungefähr erahnen, wenn man sich im Rahmen eines kleinen Gedankenexperiments beispielsweise die Reaktion eines reichen, gleichwohl arbeitslosen Großaktionärs vorstellt, dem man, um ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien und um ihm die Chance zu geben, sich als vollwertiges und nützliches Mitglied in die moderne Arbeitsgesellschaft zu inkludieren, einen Job, etwa als Gärtner der städtischen Grünanlagen, als Erntehelfer oder als Raumpfleger, anträgt. Sie wird wahrscheinlich wenig überschwänglich sein. Allerdings können solche und ähnlich gelagerte Beispiele nicht allein als Beleg dafür dienen, dass (Erwerbs-)Arbeit eben keine notwendige, das heißt unverzichtbare Voraussetzung für die ansonsten durchaus befriedigende Inklusion in die kapitalistische Gesellschaft darstellt. Vielmehr verweisen sie implizit zugleich auf die letztlich entscheidende Form der praktischen Vergesellschaftung durch Lohnarbeit, die vielfach auch gemeint ist, wenn Arbeit als probate Therapie gegen sozioökonomische Marginalisierung und Exklusion vorgeschlagen wird: auf ihre instrumentelle Funktion als Einkommensquelle. Denn von den Problemen, mit denen sich Kronauer u. a. zufolge jene Personen, deren Lebenslauf von der normativ gesetzten »Normalbiographie« erkennbar abweicht, hauptsächlich konfrontiert sehen, nämlich erstens dem moralischen Rechtfertigungsdruck gegenüber sich und anderen, nicht zuletzt gegenüber potentiellen Arbeitgebern; zweitens dem subjektiven Gefühl des beruflichen Scheiterns; und drittens schließlich den finanziellen Einbußen, die sich aus der Abweichung von der »Normalbiographie« typisch ergeben (zu denken ist hier nicht nur an die unmittelbaren Einkommensverluste, sondern ebenso an die verringerten Rentenansprüche),293 führt lediglich das letztgenannte Problem mit einiger Notwendigkeit zu sozialer Exklusion im Sinne der empfindlichen Reduktion individueller Teilhabe- und Verwirklichungschancen, und zwar immer dann, wenn alternative Einkommensquellen oder Vermögen nicht vorhanden sind. Das aber heißt, dass die konkreten sozialinklusiven Effekte in dieser zentralen Vergesellschaftungsdimension (der dritten im skizzierten Modell Kronauers u. a.) gerade nicht durch die Erwerbsarbeit selbst, sondern durch das Geldeinkommen, das sie einbringen soll, bewirkt werden. Es 293 Vgl. Kronauer u. a. 1993, S. 39f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 116 geht hier also nicht um den inhärenten Wert der Arbeit als solcher, sondern lediglich um ihre ganz profane Funktion als Gelderwerb. Übrigens lässt sich diese Annahme, dass die im Hinblick auf die konkreten sozialen Partizipationsmöglichkeiten einer Person wirklich entscheidenden In- und Exklusionseffekte nicht von der Arbeit selbst, sondern vom Einkommen ausgehen, nicht zuletzt anhand des empirischen Materials erhärten, das von Kronauer u. a. zu den desintegrativen Folgen fehlender Arbeit selbst zusammengetragenen wurde. Denn so groß das subjektive Frustrationspotential vor allem langanhaltender Erwerbslosigkeit für sich genommen auch sein mag und so belastend diese für das Selbstwertgefühl unter Umständen ist, lässt sich aus der von Kronauer u. a. auf Basis qualitativer Interviews mit Arbeitslosen aufgestellten Typologie der unterschiedlichen Erfahrungsweisen und des Umgangs mit Erwerbslosigkeit doch ablesen, dass die Mehrheit der Arbeitslosen nach wie vor in sozialen Verhältnissen lebt, welche die Rede von gesamtgesellschaftlicher Exklusion im Sinne »sozioökonomischer Marginalisierung, lebenskultureller Entfremdung und sozialräumlicher Isolierung«, durch welche der »Anschluss an den Mainstream der Gesellschaft« verlorengegangen wäre,294 nicht rechtfertigen würde. Die meisten bleiben wenigstens zu Beginn ihrer Arbeitslosigkeit auch weiterhin in ihre bisherigen sozialen Netzwerke, aus denen sie neben emotionaler oftmals auch materielle Unterstützung beziehen, integriert und nehmen auch sonst (mit Ausnahme der Erwerbsarbeit) am normalen Leben der Gesellschaft teil. Manche können den neu hinzugewonnen Freiheitsgraden mitunter sogar positive Seiten abgewinnen. Doch je länger die Arbeitslosigkeit andauert, umso schwerer wiegen meist auch die materiellen Probleme, da die staatlichen Transferleistungen (in Deutschland in der Regel nach einem Jahr) reduziert werden und eventuelle Ersparnisse allmählich verbraucht sind. Die psychischen Belastungen infolge existentieller Nöte und Zukunftssorgen werden daher immer erdrückender, während die potentiell entlastenden sozialen Partizipations- und Verwirklichungschancen infolge des Geldmangels zusehends schrumpfen. Anfangs mag es nur der Urlaub sein, den man sich nicht mehr leisten kann, aber mit der Zeit gewinnen die Einschnitte spürbar an Schärfe. Mit dem Lebensstil der Freunde und Bekannten weiter mitzuhalten und im nuancierten Spiel der wechselseitigen Aufmerksamkeiten den subtilen Regeln der Reziprozität zu genügen wird immer schwieriger. Aus Scham zieht man sich zurück. Langjährige Hobbies oder Vereinsmitgliedschaften müssen aufgegeben werden, weil die anfallenden Kosten nicht mehr bezahlt werden können, und am Ende sind meist schon kleinere Vergnügungen und Annehmlichkeiten wie gelegentliche Kinobesuche, Ausflüge mit den Kindern oder der regelmä- ßige Friseurbesuch kaum noch möglich. Irgendwie »durchzukommen« 294 Bude 2008b, S. 247. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 117 wird unter dem Eindruck der zunehmenden Verarmung zur bestimmenden Maxime des Alltags.295 Es kann niemanden verwundern, dass diese ungünstige Entwicklung für viele der Betroffenen in weitgehender sozialer Isolation endet. Depressionen sind eine häufige Folge. Aber die zentrale Variable für all das ist eben nicht die fehlende Arbeit, sondern das fehlende Geld. Man kann also davon ausgehen, dass mit hinreichenden finanziellen Mitteln ein Großteil der Exklusionseffekte, die von Politik und Öffentlichkeit irrtümlicherweise dem Verlust der Erwerbsarbeit zugerechnet werden, kompensiert werden könnte beziehungsweise gar nicht erst auftreten würde.296 Auch arbeitspsychologische Längsschnittuntersuchungen legen dies nahe. So ist die finanzielle Lage das einzige Merkmal, für das eine Mediatorwirkung bezüglich depressiver Reaktionen auf Erwerbslosigkeit festgestellt werden konnte. Das bedeutet, dass ein Zusammenhang zwischen Erwerbslosigkeit und Depressivität nicht mehr nachzuweisen war, wenn die Befragten angaben, mit ihren finanziellen Mitteln gut auszukommen.297 Dass es infolgedessen umgekehrt auch keine wirkliche Lösung sein kann, Arbeitslose in sogenannte »bad jobs« zu vermitteln, in denen sie trotz ihrer Erwerbstätigkeit weiterhin ein Leben in Armut fristen müssen, habe ich weiter oben bereits erläutert. In psychologischer Hinsicht profitieren die working poor jedenfalls nicht davon und 295 Vgl. hierzu die anschauliche, mit zahlreichen Interviewauszügen angereicherte Beschreibung unterschiedlicher Typen subjektiver Erfahrung von beziehungsweise des Umgangs mit Erwerbslosigkeit in Kronauer u. a. 1993, vor allem Kap. V: »Ausgrenzungsrisiko und Arbeitslosigkeitserfahrung«, S. 89–217. 296 Bestätigt wird dies beispielsweise durch die Ergebnisse des Wohlfahrtssurveys, demzufolge sich mit 25% der deutschen Bevölkerung deutlich mehr Menschen infolge von »finanziellen Engpässen« sozial ausgegrenzt fühlen, als zum Beispiel infolge einer »schwierigen Arbeitsplatzsuche« (16,5%) oder aufgrund von arbeitslosen Haushaltsmitgliedern (13,3%). Finanzielle Engpässe stellen damit den wichtigsten Einzelfaktor für subjektive Ausgrenzungserfahrungen dar. Interessant ist ferner, dass mit 19,3% an zweiter Stelle »Probleme im Berufsalltag« genannt werden. Solche können selbstverständlich auch in gesicherten und gutbezahlten Arbeitsverhältnissen vorkommen, doch ist zu erwarten, dass sie in prekären und schlechtbezahlten Jobs besonders häufig sind. Vgl. Petra Böhnke: »Marginalisierung und Verunsicherung. Ein empirischer Beitrag zur Exklusionsdebatte«, in: Heinz Bude, Andreas Willisch (Hg.): Exklusion. Die Debatte über die Überflüssigen, Frankfurt/M. 2008, S. 97–120, hier S. 111, Abb. 6. 297 Vgl. Mohr 2010, S. 475, 491, 495; Michael Frese, Gisela Mohr: »Prolonged Unemployment and Depression in Older Workers: A Longitudinal Study of Intervening Variables«, in: Social Science and Medicine, 25/1987, S. 173–178; Katja Kokko, Lea Pulkkinen: »Unemployment and Psychological Distress. Mediator Effects«, in: Journal of Adult Development, 5/1998, S. 205–217; David Fryer: »Benefit Agency? Labour Market Disadvantage, Deprivation and Mental Health«, in: Psychologist, 8/1995, S. 265–272. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 118 hinsichtlich ihrer konkreten gesellschaftlichen Partizipations- und Verwirklichungschancen erweisen sich die subjektiven Konsequenzen ihrer Verarmung als genauso exkludierend wie bei Arbeitslosen auch.298 Eines der wichtigsten sozialpolitischen Argumente für die bewusste Ausdehnung des Niedriglohnsektors, die Bekämpfung von sozialer Ausgrenzung, erweist sich damit als verfehlt. In der Zusammenschau ergibt sich für die soziale Inklusivität der Arbeit somit folgendes Bild: Erstens sind die inhärenten, unmittelbar mit der Arbeit selbst verbundenen Vergesellschaftungseffekte, das heißt vor allem die Integration in den gesellschaftlichen Arbeitsprozess, die Umsetzung des individuellen Arbeitsvermögens sowie das subjektive Gefühl, eine sinnvolle und nützliche Tätigkeit auszuüben, weder notwendig auf eine erwerbsförmige Arbeit beschränkt, noch sind sie zweitens für die Gewährleistung ansonsten normaler, gegebenenfalls sogar überdurchschnittlicher Lebenschancen unverzichtbar. Demgegenüber ist drittens der instrumentelle Nutzen einer Erwerbsarbeit, also der Lohn, für die gelingende Vergesellschaftung all jener, die auf keine Einkommensalternativen oder Vermögen zurückgreifen können, unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne die conditio sine qua non. Das aber heißt viertens, dass ungeachtet der bürgerlichen Glorifizierung der Arbeit im Kapitalismus eben nicht diese das entscheidende Medium der sozialen Inklusion repräsentiert, sondern vielmehr das Einkommen oder genauer: das Geld. Dass dies, nicht zuletzt infolge der dargestellten Ideologie der Arbeit, nicht sauber unterschieden wird und folglich eine gewisse Konfusion über das Verhältnis von Zweck und Mittel besteht, dürfte eine der Hauptursachen für das im Prinzip vorhersehbare Scheitern jener paradoxen Sozialpolitik sein, die sich offiziell zwar die Gewährleistung konkreter Lebens- und Teilhabechancen für alle Bürger auf die Fahnen geschrieben hat, zu diesem Zweck aber vornehmlich auf Beschäftigungspolitik konzentriert. Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal auf die Sinnhaftigkeit, vor allem aber auf die Gerechtigkeit dieser Vorgehensweise zurückkommen. Doch ist es sinnvoll, sich vorher der umfassenden sozialen Inklusivität des Geldes sowie den umgekehrt genauso weitreichenden Exklusionseffekten der Armut zuzuwenden. 298 Vgl. Aycan / Berry 1996; Dooley / Prause 1997; Dooley u. a. 2000; Mohr, Richter 2008.

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References

Zusammenfassung

Ungeachtet der noch immer schwelenden Eurokrise lag das europäische Privatvermögen 2013 bei fast 38 Billionen Dollar – das entspricht rund einem Viertel des globalen Reichtums. Gleichzeitig jedoch lebten 17 Prozent der Europäer, d. h. etwa 84 Millionen Menschen, in Armut und über 24 Prozent waren von sozialer Ausgrenzung bedroht. Dieser Widerspruch existiert nur scheinbar, denn bei genauerem Hinsehen erweisen sich diese Zahlen gerade als Resultat des erfolgreichen Operierens der Märkte. Nicht etwa die soziale Inklusion und Teilhabe eines jeden, sondern allein die Akkumulation des Kapitals ist deren Ziel. Wer dazu nichts beizutragen weiß, wird von der auf Effizienz und Leistung geeichten kapitalistischen Ökonomie systematisch exkludiert. Aufgabe der Politik wäre es nun eigentlich, dem entgegenzuwirken und gedeihliche Lebensbedingungen für alle wohlfahrtsstaatlich zu garantieren. Dass sie daran offenkundig scheitert, ist namentlich ihrer notorischen Fixierung auf Erwerbsarbeit geschuldet, wie sie etwa in dem parteiübergreifenden Credo: „Sozial ist, was Arbeit schafft!“ beispielhaften Ausdruck findet. Dadurch wird übersehen, dass der eigentliche Schlüssel zu sozialer Inklusion und Teilhabe in der kapitalistischen Moderne durchaus nicht in Arbeit, sondern schlicht in Geld besteht, und deshalb die in vielen Ländern zu beobachtende Verkürzung von Sozial- auf Beschäftigungspolitik nur allzu oft lediglich zur Verwandlung von erwerbslosen in erwerbstätige Arme führt, statt Armut und Ausgrenzung an sich wirksam zu verringern. Während die soziologische Beschreibung und Analyse der monetären Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Fokus des ersten Teils des Buches steht, ist deren sozialphilosophische Reflexion Aufgabe des zweiten. Ziel ist es, die ungleiche Verteilung der individuellen Lebens- und Teilhabechancen systematisch mit den wichtigsten, empirisch verankerten Gerechtigkeitsvorstellungen westlicher Gesellschaften zu bewerten. Dieser Vergleich von Sein und Sollen kann dann nicht nur dazu dienen, sich zur kapitalistischen Moderne soziologisch aufgeklärt und gerechtigkeitstheoretisch reflektiert ins Verhältnis zu setzen. Er dient auch als Basis für die Diskussion der sachlichen wie normativen Vor- und Nachteile eines Bedingungslosen Grundeinkommens, das seit einigen Jahren wieder verstärkt als mögliches sozialpolitisches Instrument zur Bekämpfung von Armut und Exklusion verhandelt wird.