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Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion II – Zur Inklusivität des Geldes und zur Exklusivität der Armut in:

Cornelius F. Moriz

Markt und Teilhabe, page 119 - 214

Über Sein und Sollen in der kapitalistischen Moderne

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-95832-100-7, ISBN online: 978-3-7489-2664-1, https://doi.org/10.5771/9783748926641-119

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119 3. Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion II – Zur Inklusivität des Geldes und zur Exklusivität der Armut Die vorausgegangenen Überlegungen machen deutlich, dass ein Verständnis von sozialer In- und Exklusion, welches am Begriff der Arbeit ansetzt und auf ihn beschränkt bleibt, systematisch zu kurz greift und die zentralen Mechanismen, die für die hochgradig selektive Vermittlung gedeihlicher Teilhabe- und Verwirklichungschancen in der kapitalistischen Gesellschaft verantwortlich sind, allenfalls partiell in den Blick bekommt. Entsprechend begrenzt müssen demnach auch die Erfolge sozialpolitischer Maßnahmen, die diesem erwerbszentrierten Integrationsverständnis verhaftet sind, bleiben. Ablesen lässt sich dies bezeichnenderweise daran, dass die Erwerbslosigkeit in Deutschland in den vergangenen Jahren zwar deutlich zurückgegangen ist – wozu die oben erwähnte Agenda-Politik der Regierung Schröder sicherlich ihren (fragwürdigen) Beitrag geleistet hat –, die Armutsquote nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit 15,5 % aber weiterhin auf hohem Niveau stagniert.299 Das Problem ist schlicht, dass ein auf die Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt fixierter Exklusionsbegriff die Mehrheit der tatsächlich betroffenen Personen, bei denen sich die subjektive Erfahrung von Armut und Exklusion mit jener der Ausbeutung am Arbeitsplatz auf fatale Weise verbindet300 oder die dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht (mehr) zur Verfügung stehen, nicht beziehungsweise nur unzureichend berücksichtigt. Abhelfen lässt sich diesem Problem allerdings, indem man die moderne Gesellschaft theoretisch nicht mehr als Arbeitsgesellschaft modelliert, sondern primär als Gesellschaft des Geldes,301 in welcher die sozialen Beziehungen und Vollzüge – und damit die Qualität der individuellen Partizipationsmöglichkeiten – vorrangig durch die unterschiedliche Zahlungsfähigkeit der Individuen reguliert werden. Es gilt also, eine monetäre Theorie der In- und Exklusion zu entwickeln, 299 Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland: Datenreport 2011. Der Sozialbericht für Deutschland, Bd. 1, Bonn 2011, S. 154 (Bezugsjahr: 2008, Schwellenwert: 929 Euro pro Monat / 60%-Schwelle). 300 Carsten Keller kommt in seiner bedrückenden Studie zur Dynamik sozialer Ausgrenzung in segregierten städtischen Quartieren sogar zu dem Ergebnis, dass soziale Exklusion nicht etwa nur trotz Erwerbsarbeit vorkommt, sondern dass berufliche Ausbeutung in vielen Fällen vielmehr als konstitutives Element derselben zu betrachten ist. Vgl. Keller 2005, S. 128. 301 Vgl. Paul 2004. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 120 welche die gesellschaftlichen Integrationsmechanismen und die selektive Vermittlung sozial bedingter Lebens- und Teilhabechancen wirklichkeitsgetreuer als erwerbszentrierte Modelle beschreibt und damit vielleicht als Orientierung für eine zielführendere Sozialpolitik fruchtbar gemacht werden könnte. Wie eingangs angekündigt, liefert die Theoriebasis für dieses Unterfangen die Systemtheorie Niklas Luhmanns. Dies mag auf den ersten Blick etwas überraschen, hat doch gerade Luhmann eben in ausdrücklicher Opposition zu konkurrierenden Theorien, welche die moderne Gesellschaft als kapitalistische, das heißt primär ökonomisch geprägte begreifen, den gesamtgesellschaftlichen Primat eines einzelnen, auch und gerade des wirtschaftlichen Teilsystems für die funktional differenzierte Gesellschaft der Moderne fast immer vehement bestritten.302 Denn da die verschiedenen gesellschaftlichen Funktionen, etwa die Rechtsprechung, die Erziehung oder die medizinischen Versorgung, für die Gesellschaft gleichermaßen notwendig seien und sich ihr jeweiliger Vorrang somit höchstens situationsweise regeln ließe, sei es, so jedenfalls Luhmann, unmöglich die sie bearbeitenden Teilsysteme in eine hierarchische Ordnung zu überführen.303 Die moderne Gesellschaft sei mithin ohne Zentrum oder Spitze und in diesem Sinne multizentrisch beziehungsweise, mit einem Begriff des Logikers Gotthard Günter, »polykontextural definiert«.304 Dementsprechend könne auch die soziale In- und Exklusion der Individuen keinen gesamtgesellschaftlichen, das heißt teilsystem- übergreifenden Regulationsmechanismen, wie eben monetären, gehorchen.305 Warum also der Rekurs auf die Systemtheorie? Zunächst einmal ist festzustellen, dass mit Axel Pauls Entwurf einer monetären Theorie der Gesellschaft,306 aber auch mit Uwe Schimanks Überlegungen zum Verhältnis von funktionaler Differenzierung und 302 Nur »fast immer«, da Luhmann Anfang der 1970er Jahre durchaus noch selbst Andeutungen zu einem möglichen »Übergang des gesellschaftlichen Primats von der Politik auf die Wirtschaft« gemacht hat, da das Geld in der Moderne »universell relevant in den Sinne [wird], daß es auf alle Dinge und Handlungen beziehbar ist.« Siehe für das erste Zitat Niklas Luhmann: »Wirtschaft als soziales System«, in: ders.: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, 8. Aufl., Wiesbaden 2009b, S. 256–290, hier S. 275, und für das zweite: ders.: »Knappheit, Geld und die bürgerliche Gesellschaft«, in: Jahrbuch für Sozialwissenschaft, 23/1972, S. 186–210, hier S. 193. 303 Vgl. Niklas Luhmann: »Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition«, in: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik, Bd. 1, Frankfurt/M. 1980, S. 9–71, hier S. 28. 304 Claudio Baraldi u. a.: GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, 3. Aufl., Frankfurt/M. 1999, S. 68. 305 Vgl. hierzu beispielsweise Luhmann 2008b, S. 232. 306 Vgl. Paul 2004. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 121 Kapitalismus inzwischen kritisch-konstruktive Theorieanschlüsse an Luhmann vorliegen, die überzeugend demonstrieren, dass Systemtheorie und Kapitalismustheorie nicht nur keinen Widerspruch darstellen, sondern dass sich die kapitalistische Gesellschaft im Gegenteil »nur als funktional differenzierte Gesellschaft […] angemessen verstehen [lässt], so wie umgekehrt funktionale Differenzierung zwangsläufig auf Kapitalismus hinausläuft.«307 Denn einerseits konnte sich das wirtschaftliche Handeln erst im Zuge der allmählichen Ausdifferenzierung einzelner Funktionssysteme, die sich auf die Bearbeitung je spezifischer gesellschaftlicher Bezugsprobleme spezialisierten – also beispielsweise kollektiv bindende Entscheidungen zu treffen (Politiksystem), Normen zeitlich stabil und enttäuschungsfest aufrechtzuerhalten (Rechtssystem) oder die Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen zu versorgen (Wirtschaftssystem) –, von den vielfältigen soziokulturellen, politischen und religiösen Bezügen emanzipieren, welche in der vormodernen Hauswirtschaft noch untrennbar mit wirtschaftlichem Handeln amalgamiert waren.308 Erst durch diesen an der Schwelle zur Neuzeit anhebenden Differenzierungsprozess wurde die Entfesselung der Ökonomie und damit die Verselbständigung prinzipiell schrankenlosen kapitalistischen Gewinnstrebens überhaupt möglich. Andererseits jedoch lässt sich angesichts der elementaren intersystemischen Bedeutung des Geldes für die Leistungserbringung auch der nicht-wirtschaftlichen Funktionssysteme eine herausgehobene Position der Wirtschaft kaum leugnen. So stehen die Leistungen praktisch aller Subsysteme – seien es medizinische Therapien, politische Maßnahmen oder Symphoniekonzerte – unter Finanzierungsvorbehalt und werden ohne die ermöglichende Kraft des Geldes schlicht nicht erbracht. Da aber nur die Wirtschaft die individuellen wie institutionellen Akteure der modernen Gesellschaft mit Geld versorgen kann und demzufolge fast alle Bereiche des sozialen Lebens direkt oder 307 Schimank 2009, S. 330. Dass funktionale Differenzierung »zwangsläufig« auf Kapitalismus hinausläuft, mag man angesichts der (inzwischen fast überall wieder verschwundenen) realsozialistischen Regime bezweifeln. Fest steht aber sicherlich, dass infolge der noch zu erläuternden multidimensionalen Funktionalität des Geldes zumindest eine sehr starke Tendenz dazu besteht, die (jedenfalls nach derzeitigem Erkenntnisstand) ohne signifikante Freiheitsverluste politisch allenfalls zu kanalisieren, das heißt in mehr oder weniger sozialverträgliche Bahnen zu lenken ist. 308 Zum Beispiel waren Eheschließungen in der Vormoderne immer auch (unter Umständen sogar nur) von ökonomischen und im Falle der herrschenden Eliten zudem politischen Erwägungen mitbestimmt. Ebenso ließen (beziehungsweise lassen) sich in patriarchalen Gesellschaften die politischen Aufgaben der Familienoberhäupter kaum von ihren wirtschaftlichen oder religiösen Funktionen trennen, etwa wenn es um die ritualisierte Verteilung der Jagdbeute oder die Zuweisung von Arbeiten geht. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 122 indirekt von der Prosperität des Wirtschaftssystems abhängen, konnte sich dessen Rentabilitäts- und Maximierungslogik gleichsam unter der Hand zum gesamtgesellschaftlich dominierenden (allerdings nicht einzigen) Rationalitätsstandard entwickeln.309 Das heißt zwar nicht, dass die teilsystemspezifischen Eigenrationalitäten der anderen Funktionssysteme gänzlich aufgehoben oder überlagert wären und man sich zum Beispiel in der Wissenschaft nicht mehr an der systematischen Unterscheidung von wahr und falsch, im Rechtssystem nicht mehr an der Differenz von Recht und Unrecht oder in der Liebe nicht mehr am Erleben des anderen orientieren würde. Doch üben diese je spezifischen, nicht-wirtschaftlichen Operationslogiken wenn schon nicht keinen, so doch (und zwar selbst im Falle der Politik und des Rechts) einen erheblich geringeren Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen aus, als dies infolge der systemübergreifenden operativen Unentbehrlichkeit des Geldes umgekehrt der Fall ist.310 Das ökonomische System ist insofern nicht einfach ein Funktionssystem neben anderen, sondern dasjenige, das zumindest der gegenwärtigen Gesellschaft deutlicher als alle anderen seinen Stempel aufzuprägen vermag und infolgedessen den gesamtgesellschaftlichen Primat innehat. Nur deshalb, so Schimank, kann man überhaupt davon sprechen, dass eine kapitalistische Wirtschaftsordnung auch eine kapitalistische Gesellschaftsordnung ergibt.311 Folgt man dem so umrissenen Theorieumbau und bricht man also mit dem von Luhmann vertretenen »Systemrelativismus«,312 lassen sich, wie ich zeigen möchte, deutlich fruchtbarere Einsichten in die Prozesse sozialer In- und Exklusion gewinnen, wodurch die Systemtheorie ihr gerade in diesem Kontext ganz erhebliches Analysepotential allererst ausspielen kann. Denn so hält die Systemtheorie ja nicht nur das entsprechende terminologische Instrumentarium parat;313 es handelt sich bei ihr zudem um eine der wenigen soziologischen Universaltheorien, die es sich explizit zur Aufgabe gemacht hat, zu wirklich allen soziologisch relevanten Tatbeständen Aussagen zu formulieren und insofern die Gesellschaft als Ganze (und nicht nur Ausschnitte derselben wie zum Beispiel spezifische Interaktionsmuster, kulturelle Besonderheiten etc.) zu thematisieren.314 309 Vgl. Schimank 2009, S. 331ff. 310 Vgl. Paul 2004, S. 239f. 311 Vgl. Schimank 2009, S. 327. 312 Paul 2004, S. 233. 313 Vgl. vor allem Luhmann 2008b; ders.: »Jenseits von Barbarei«, in: Maxi Miller, Hans-Georg Soeffner (Hg.): Modernität und Barbarei. Soziologische Zeitdiagnose am Ende des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1996a, S. 219–230; ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2, Frankfurt/M. 1998, S. 618–634; zusammenfassend: Sina Farzin: Inklusion / Exklusion. Entwicklungen und Probleme einer systemtheoretischen Unterscheidung, Bielefeld 2006. 314 Vgl. Luhmann 1984, S. 9f. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 123 Schon deshalb sollte sie also geradezu prädestiniert sein, das Phänomen gesamtgesellschaftlicher Exklusion adäquat erfassen und beschreiben zu können. Doch vor allem weist der Soziologe Sven Opitz mit Recht darauf hin, dass die Systemtheorie »[…] die einzige derzeit vorliegende Gesellschaftstheorie [ist], die es erlaubt, Prozesse der sozialen Grenzkonstitution konsequent auf die Diskriminierung von inkludierten und exkludierten Personen zu beziehen.«315 Der Grund für diesen im Kontext der vorliegenden Arbeit entscheidenden Vorteil ist, dass das zentrale Paradigma der Systemtheorie eben gerade in der Differenz von System und Umwelt besteht,316 die soziologische Systemtheorie methodisch also genau an der für jedes soziale System konstitutiven Grenzziehung zur Umwelt ansetzt und insofern von ihrer gesamten Anlage auf die Beobachtung und Analyse von Zugehörigkeiten, mithin von In- und Exklusionsverhältnissen eingestellt ist.317 Dieses Theoriepotential gilt es unter Berücksichtigung der angesprochenen Retuschen zu entfalten. Ich werde hierfür aber zunächst die entsprechenden Überlegungen von Luhmann selbst rekapitulieren, denn schon diese erhellen in einem ersten Schritt wichtige Aspekte der spezifischen Bedingungen, unter denen sich der selektive Prozess sozialer In- und Exklusion in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft vollzieht. Dabei kann man bereits mit Luhmann feststellen und erklären, dass die sicher nicht nur, aber besonders im bürgerlichen Milieu noch immer weitverbreitete Vorstellung, dass die oben beschriebene millionenfache Marginalisierung und Ausgrenzung von Menschen gewissermaßen akzidentellen, das heißt nicht schon in der genetischen Disposition der modernen Gesellschaft angelegten Ursachen geschuldet sei (zum Beispiel vorübergehenden konjunkturellen Schwächephasen, der wohlfahrtsstaatlichen Auszehrung der Wirtschaft oder individuellen Defiziten usw.), die wahren Verhältnisse systematisch verharmlost und man stattdessen vielmehr davon ausgehen muss, dass das unter Umständen epidemische Ausmaße annehmende Phänomen sozialer Exklusion zu den normalen, systembedingten Grundtatbeständen der modernen Gesellschaft gehört. 3.1 Niklas Luhmanns Systemtheorie der In- und Exklusion Der Begriff der sozialen Inklusion bezieht sich in der kritisch an Talcott Parsons anschließenden Systemtheorie Niklas Luhmanns auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, oder genauer: auf die Frage, ob 315 Opitz 2008, S. 177. 316 Vgl. Luhmann 1984, S. 242. 317 Vgl. Opitz 2008, S. 178. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 124 und in welcher Weise Individuen in die gesellschaftliche Kommunikation einbezogen werden. Es geht also nicht um eine irgendwie substantialistisch gedachte Einschließung des ganzen Menschen in eine dinghaft vorgestellte Gesellschaft, zu deren materialen Bestandteil er gewissermaßen würde. Denn Luhmann zufolge besteht die Gesellschaft überhaupt nicht, wie man einer ersten Intuition folgend vielleicht annehmen könnte, aus den Menschen selbst (die freilich zu ihrer vorausgesetzten Umwelt zählen), sondern vielmehr aus dem komplexen Geflecht von deren wechselseitig aufeinander bezogenen und aneinander anschließenden Kommunikationen.318 Das heißt, dass also nicht schon die bloße Koexistenz von Menschen diese zu einer Gesellschaft formt, sondern erst deren wechselseitige kommunikative Bezugnahme aufeinander zur Konstitution der letzteren führt. Auf Grundlage dieser Prämisse können Individuen in einer ersten, abstrakten Fassung des Begriffs folglich dann als sozial inkludiert betrachtet werden, wenn sie im Kommunikationsprozess der Gesellschaft einerseits adressiert werden, ihre eigenen Kommunikationsofferten jedoch andererseits auch Berücksichtigung (mithin: Gehör) finden und als Anlass für kommunikative Anschlussoperationen fungieren – mit anderen Worten also: wenn sie als gesellschaftlich relevante Personen kommunikativ berücksichtigt werden. Dabei ist zu beachten, dass der Begriff der Person in der systemtheoretischen Terminologie nicht etwa das Bewusstsein oder gar den Körper eines Individuums bezeichnet, sondern ein sozial geformtes »kommunikatives Artefakt«,319 welches als sowohl adressierbare wie die Zurechnung kommunikativer Verantwortung allererst ermöglichende »Identitätsmarke« der gesellschaftlichen Strukturbildung dient und die jeweiligen Erwartungen dirigiert.320 Umgekehrt bedeutet dies allerdings auch, dass eine Person – ganz im Gegensatz zu Bewusstsein und Körper eines Menschen – nur in und durch Kommunikation existiert und mit nachlassender kommunikativer Berücksichtigung als soziale Entität allmählich zu verblassen oder ganz zu verschwinden 318 Wie der Luhmann-Schüler Rudolf Stichweh berichtet, war sich Luhmann lange Zeit nicht sicher, ob man Kommunikation oder Handlung als Letztelement der Gesellschaft zu betrachten habe. Erst in seinem 1984 erschienenen ersten Hauptwerk Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie optierte er endgültig zugunsten von Kommunikation, da die Frage, was als soziale Handlung zu betrachten sei, letztlich nur kommunikativ entschieden werden könne. Vgl. Luhmann 1984, S. 225ff.; ferner Rudolf Stichweh: »Niklas Luhmann«, in: Dirk Kaesler (Hg.): Klassiker der Soziologie, Bd. 2, 5., überarb., aktual. und erw. Aufl., München 2007, S. 240–264, hier S. 246f.; Paul 2004, S. 237. 319 Baraldi u. a. 1999, S. 78. 320 Opitz 2008, S. 185. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 125 droht. Sven Opitz bringt diese beunruhigenden Möglichkeit auf die folgende, zugespitzte Formel: »Eine Person spricht – oder sie ist nicht.«321 Folgt man diesem Verständnis, kann soziale Inklusion nicht als statischer Zustand, sondern nur als dynamischer Prozess gedacht und beschrieben werden, innerhalb dessen es den Individuen gelingt, sich stets aufs neue erfolgreich in die gesellschaftliche Kommunikation (und damit in die Gesellschaft als solche) zu integrieren. Sie ist insofern immer nur vorläufig und kann je nach Art und Dichte der kommunikativen Anschlüsse individuell sehr verschiedene Formen, Qualitäten und Intensitäten annehmen. Je unregelmäßiger, sporadischer und problembehafteter jene allerdings werden, desto stärker driften die Betroffenen in Richtung Exklusion. Die mitunter stark differierende Art und Weise, auf die Personen im kommunikativen Gefüge der Gesellschaft Berücksichtigung finden, ist somit durch ein wechselseitiges Bestimmungsverhältnis unmittelbar mit der sozialen Position verknüpft, die sie in der jeweiligen Gesellschaftsordnung einnehmen. Wichtig ist nun, dass die konkreten Ausprägungen sozialer In- und Exklusion nicht nur innerhalb einer Gesellschaft graduell variieren können, sondern dass sich im historischen und interkulturellen Vergleich aus systemtheoretischer Perspektive verschiedene Grundmodi der Inund Exklusion identifizieren lassen, welche sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Form der Primärdifferenzierung, die die Grundstruktur einer Gesellschaft maßgeblich bestimmt (segmentär, stratifikatorisch oder funktional), fundamental unterscheiden. Ich werde diese Grundmodi der Vergesellschaftung im Folgenden kurz skizzieren,322 da ihre Unterschiede für die Verdeutlichung und das Verständnis der prinzipiellen Prekarität, welche die soziale Inklusion der Individuen unter den spezifischen Bedingungen der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft kennzeichnet, von zentraler Bedeutung sind. a) Inklusion und Exklusion in vormodernen Gesellschaften Luhmann unterscheidet im Wesentlichen drei evolutionäre Grundformen sozialer Differenzierung, die Gesellschaften benutzen, um ihre Primäreinteilung zu strukturieren: segmentäre, stratifikatorische und funktionale Differenzierung.323 Segmentäre Gesellschaften, die vielfach auch als 321 Ebd., S. 186. 322 Für eine ausführliche Darstellung der luhmannschen Theorie sozialer In- und Exklusion siehe Farzin 2006. 323 Die Differenzierung in Zentrum und Peripherie (vgl. etwa Luhmann 1998, S. 663–678) stellt eine Zwischenform von segmentärer und stratifikatorischer Differenzierung dar und ist für die hier verhandelte Thematik sozialer In- und Exklusion ohne Belang; tatsächlich wird sie in den entsprechenden Aufsätzen TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 126 tribale Gesellschaften bezeichnet werden, sind dabei in strukturell, ökonomisch und kulturell gleichförmig aufgebaute lokale Kleinsteinheiten untergliedert und weisen in ihrer einfachsten Form lediglich zwei Ebenen auf: die der überlebenswichtigen Familien beziehungsweise Haushaltsgemeinschaften sowie jene der umfassenden Gesellschaft, die auf diesem relativ geringen Differenzierungsniveau auch »Horde« genannt wird. Zahlenmäßig größere Formationen können darüber hinaus auch Clans, Stämme oder Stammesverbände ausdifferenzieren, wobei sich auch diese auf den einzelnen Ebenen aus jeweils homologen Segmenten zusammensetzen und an der Basis auf der Familie beruhen. In dieser archaischen Gesellschaftsform ergibt sich die soziale Inklusion der Individuen aus der qua Geburt eindeutig fixierten Zugehörigkeit zu einem der Segmente auf der basalen, das alltägliche Leben bestimmenden Ebene der Familie, von der aus alle weiteren gesellschaftlichen Zugehörigkeiten zu übergeordneten Aggregaten (Clans, Stämme usw.) nach klar definierten Regeln, wie zum Beispiel Heirats- oder Aufnahmeregeln, reguliert werden. Soziale Exklusion kann insbesondere in Form der (gewaltsamen) Vertreibung von Personen, zum Beispiel aus Anlass unerträglichen Verhaltens, durchaus vorkommen, ist aber vergleichsweise selten und lässt dem Exkludierten meist nur die Chance, sein Überleben durch die möglichst rasche Aufnahme in ein anderes Segment zu retten.324 Im Unterschied zu segmentären sind stratifizierte Gesellschaften, beispielsweise die europäische Ständegesellschaft des Mittelalters oder die Kastengesellschaft Indiens, nach Luhmann vor allem durch die Ausdifferenzierung stabiler, hierarchisch geordneter Rollen- und Rangunterschiede gekennzeichnet, die – jedenfalls in der okzidentalen Geschichte – hauptsächlich auf allgemein akzeptierten (oder zumindest hingenommenen) Reichtumsunterschieden sowie dem Vermögen der Oberschicht beruhen, sich trotz ihres zahlenmäßig in der Regel relativ geringen Umfangs gegenüber dem Rest der Gesellschaft, im Zweifel mit Gewalt, zu behaupten. Die gesellschaftliche Differenzierung orientiert sich also an hierarchisierten Merkmalen, womit auch die üblichen Selbstbeschreibungen der Gesellschaft als Rangordnung korrespondieren.325 Ordnung ohne Rangdifferenzen ist in stratifizierten Gesellschaften unvorstellbar geworden, wobei zur ideologischen Letztbegründung der Hierarchie normalerweise auf außergesellschaftliche, in erster Linie religiös argumentierende Legitimitätsfiktionen zurückgegriffen wird.326 Luhmanns auch nicht erwähnt. Vgl. zum Beispiel Luhmann 2008b sowie ders. 1996a. 324 Vgl. Luhmann 2008b, S. 229f.; ders. 1998, S. 634–662. 325 Man denke nur an die oben erwähnten Ausführungen Thomas von Aquins. 326 Vgl. Luhmann 1998, S. 680, sowie Farzin 2006, S. 25. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 127 Die soziale Inklusion der Individuen verläuft parallel zur vertikalen Primärdifferenzierung der Gesellschaft und orientiert sich dabei an der individuellen Kasten-, Standes- oder Schichtzugehörigkeit, die sich wiederum aus der familialen Herkunft oder, wie etwa bei unverwandten Abhängigen, der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Familienhaushalt ergibt. Irgendwo, so Luhmann, sei man in stratifizierten Gesellschaften durch Geburt oder Aufnahme »zu Hause«.327 Wichtig dabei ist allerdings, dass die Individuen, wie schon in segmentären Gesellschaften, immer nur einem und nicht mehreren Teilsystemen der Gesellschaft (zum Beispiel mehreren Kasten) zugleich angehören.328 Aus der dadurch eindeutig definierten sozialen Position heraus resultieren dann alle weiteren kasten- oder standesspezifischen Formen und Partizipationsmöglichkeiten an der gesellschaftlichen Kommunikation. In der Praxis bedeutet das, welche Rechte jemandem zustehen, welche Berufe man erlernen und aus- üben darf oder wer als potentieller Ehepartner in Betracht kommt, kurzum: welche konkreten Lebens- und Verwirklichungschancen jemand hat, all das wird primär durch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stratum der Gesellschaft geregelt. Insofern konstituiert in stratifizierten Gesellschaften der vor allem qua Geburt zugeschriebene soziale Status mit der hochselektiven Vermittlung unterschiedlicher Kommunikations- und damit Teilhabechancen im Grunde die gesamte Person, was sich in Europa übrigens nicht zuletzt in den bis in die Neuzeit hinein verbreiteten philosophisch-theologischen Vorstellungen von der Unteilbarkeit des Wesens respektive der Seele des Menschen erkennbar widerspiegelt.329 Ähnlich wie in segmentären Gesellschaften ist soziale Exklusion in Form der Ausschließung aus der Schutz und Auskommen gewährenden Hausgemeinschaft auch in stratifizierten Gesellschaften, zum Beispiel aus Gründen der wirtschaftlichen Not, durchaus möglich. Doch sind die Überlebenschancen für die Betroffenen immerhin etwas größer. Denn abgesehen davon, dass der Totalexklusion aus aller gesellschaftlichen Normalität genau wie in segmentären Gesellschaften durch die Inklusion in eine andere Hausgemeinschaft entgangen werden kann, gibt es in komplexeren stratifizierten Gesellschaften häufig gewisse Auffangpositionen für sozial entwurzelte Individuen. Als Beispiel aus dem europäischen Mittelalter lässt sich exemplarisch die Sonderposition des Mönchs beziehungsweise der Nonne mitsamt der eigens für sie geschaffenen, zumindest gegen die übliche »Sozialität mehr oder weniger abgedichteten Institution des Klosters« nennen.330 Andererseits gab es an der Schwelle zur frühen Neuzeit aber auch schon eine relativ große Anzahl von »haus- 327 Luhmann 1998, S. 622. 328 Vgl. Luhmann 2008b, S. 230. 329 Vgl. Farzin 2006, S. 26. 330 Luhmann 2008b, S. 230. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 128 und herrenlosen« und damit aus der stratifizierten Grundordnung der Gesellschaft herausgefallener Menschen, wie zum Beispiel Straßenräuber, Landstreicher, Bettler, desertierte Soldaten usw., deren Schicksal höchst ungewiss war und deren Status als Exkludierte man Luhmann zufolge vor allem daran erkennen konnte, dass die normalerweise gültigen Reziprozitätserwartungen bei ihnen unterbrochen waren. Bettler zum Beispiel empfangen zwar Almosen, die sie aber nicht erwidern. »Der Ausgleich wird übers Jenseits, über Gott geleitet. Er erfolgt fiktiv.«331 Und wer schon erwartet Wiedergutmachung von einem Dieb? Dabei betont Luhmann allerdings, dass trotz des Umstandes, dass sich soziale Exklusion demnach bereits im Mittelalter und besonders in der Frühmoderne zu einem quantitativ nicht unerheblichen Problem entwickelt hat, sich der Grundmodus der stratifikatorischen Differenzierung anhand hierarchisierter Merkmale im Inklusionsbereich der Gesellschaft dennoch erhalten hat. »Was damit nicht erfasst war, blieb undifferenzierter Restbestand«332 und konnte im Normalfall übersehen oder zumindest als abseitige, residuale Existenzform gesellschaftssemantisch relativiert werden. Insofern ähneln sich vormoderne Gesellschaften (segmentäre und stratifizierte) also darin, dass das Phänomen der Exklusion im Sinne der weitgehenden Ausschließung von der Normalität der gesellschaftlichen Vollzüge in der Regel noch keine Ausmaße annimmt, welche diese Normalität selbst in Frage stellen würde. Die elementaren Strukturen der Gesellschaftsordnung bleiben somit weitgehend intakt. Unterschiede bestehen jedoch darin, dass man in stratifizierten Gesellschaften anders als in segmentären allmählich dazu übergeht, die Differenz von In- und Exklusion als innergesellschaftliches Problem zu reformulieren, statt Exkludierte einfach zu vertreiben und ihrem Schicksal zu überlassen beziehungsweise gleich zur Tötung freizugeben.333 Entsprechend gewinnen in der Frühen Neuzeit und vor allem seit dem 18. Jahrhundert sogenannte »totale Institutionen«,334 wie das oben bereits erwähnte Arbeitshaus oder das Gefängnis, verstärkt an Bedeutung und fungieren nunmehr als spezialisierte Disziplinar- beziehungsweise Re-Inklusionsanstalten für verworfene Individuen, die aus der normalen, ständisch geordneten Le- 331 Ebd., S. 231. 332 Luhmann 1998, S. 623. 333 Vgl. ebd., S. 623f. 334 Der Begriff der »totalen Institution« (auch: »totale Organisation«) wurde von Erving Goffman geprägt und bezeichnet Einrichtungen wie Klöster, Gefängnisse, Kliniken, Kasernen etc., in denen die »Insassen« der dort herrschenden Autorität (mehr oder weniger) vollständig unterworfen und von der Außenwelt abgeschnitten sind. Das Leben vollzieht sich nach einem fix vorgegebenen Plan, der praktisch alle Daseinsbereiche determiniert und kaum individuelle Freiraume zulässt. Vgl. Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt/Main 1973. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 129 bensführung herausgefallen sind.335 Soziale Exklusion nimmt also mehr und mehr die paradoxe Form einer einschließenden Ausschließung an,336 wozu das Ideal der rationalen Folgenkontrolle, das sich im Laufe der Aufklärung im Denken der herrschenden Eliten manifestiert hat, einen wichtigen Beitrag geleistet haben dürfte. Auf der anderen Seite begann man in der frühen Neuzeit zudem auch, die wachsende Gruppe der sozial entwurzelten Menschen als willkommenes Rekrutierungsreservoir für die Armee, Handels- oder Kriegsmarine sowie für den wachsenden Arbeitskräftebedarf in der protoindustriellen Produktion in Anspruch zu nehmen und die Differenz von In- und Exklusion auf diese Weise für die beginnenden Umstellung von ständischer auf funktionale Differenzierung innergesellschaftlich zu nutzen.337 Zusammengenommen sind unter dem Gesichtspunkt der Mechanismen sozialer In- und Exklusion für vormoderne Gesellschaften somit insbesondere die folgenden drei Hauptaspekte festzuhalten: Zum ersten galten gesellschaftseinheitliche Prinzipien der Inklusion, hauptsächlich der Geburt, wodurch die soziale Verortung der Menschen sowohl hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Status‘ als auch ihrer mit diesem verbundenen Lebens- und Teilhabechancen ebenso eindeutig wie (vergleichsweise) sicher geregelt war. Insofern kann man zweitens von einem hohen Maß an gesamtgesellschaftlicher Integration ausgehen. Drittens schließlich kamen soziale Exklusionen zwar durchaus vor, doch stellten diese ein für die Gesamtgesellschaft eher marginales Problem dar, welches die Sozialordnung an sich lange Zeit weder normativ zu diskreditieren noch in ihrem konkreten Zusammenhalt substantiell zu gefährden vermochte. b) Inklusion und Exklusion in der modernen Gesellschaft All das änderte sich Luhmann zufolge mit der bereits angesprochenen Umstellung von stratifikatorischer auf funktionale Differenzierung der Gesellschaft, die in den europäischen Städten schon im Spätmittelalter begann, sich auf gesamtgesellschaftlicher Ebene indes erst im Laufe des 18. Jahrhunderts durchsetzen konnte und der modernen Gesellschaft nunmehr ihr vertrautes Gesicht verleiht. Funktionale Differenzierung meint, dass sich die Gesellschaft nicht mehr vorrangig in verwandtschaftlich basierte und ideologisch hierarchisierte Teilsysteme gliedert (Stämme, Kasten, Stände usw.), sondern primär durch eine Reihe von Funktionssystemen strukturiert wird, die auf die Bearbeitung je spezifischer 335 Vgl. hierzu auch Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M. 1976. 336 Vgl. Opitz 2008, S. 188. 337 Vgl. Luhmann 2008b, S. 230f.; ders. 1998, S. 624. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 130 Bezugsprobleme (politische Entscheidungen, medizinische Versorgung, Rechtssicherheit, Bildung usw.) spezialisiert und für diese alleinzuständig sind. So werden in der modernen Gesellschaft beispielsweise nur noch im politischen System kollektiv bindende Entscheidungen gefällt und durchgesetzt, nur noch die Wissenschaft befindet über das, was als gesicherte »Wahrheit« gelten kann und nur noch dem Medizinsystem obliegt die kompetente Diagnose und Therapie des Pathologischen.338 Als wichtigste Funktionssysteme der modernen Gesellschaft sind dabei neben Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht insbesondere das Erziehungs- und Medizinsystem, das Funktionssystem der Intimbeziehungen, ferner die Religion und Kunst sowie das Medien- und Sportsystem zu nennen.339 Soweit die Gesellschaft erst einmal auf funktionale Differenzierung umgestellt ist, impliziert dies, dass keines der Funktionssysteme mehr die Aufgaben eines anderen übernehmen kann. Waren etwa in der historischen Gestalt des mittelalterlichen Lehensherrn politische, ökonomische und gegebenenfalls auch geistliche Funktionen noch untrennbar miteinander verwoben, so kann die heutige Politik (schon allein aufgrund ihrer nach wie vor territorialen Gebundenheit) der modernen Marktwirtschaft lediglich (andererseits: immerhin!) bestimmte rechtliche Rahmenbedingungen setzen, muss dem weiteren ökonomischen Geschehen dann aber erst einmal seinen Lauf lassen. Umgekehrt definiert das Wirtschaftssystem eben nicht nur für das politische Handeln den Bereich des ökonomisch überhaupt Machbaren, bleibt dabei aber beispielsweise dennoch auf den unverzichtbare Rechtssicherheit gewährenden staatlichen Erzwingungsapparat oder die wissenschaftlich angeleitete Entwicklung technischer Innovationen notwendig angewiesen. Die funktionale Spezialisierung auf je spezifische Bezugsprobleme setzt also die einigerma- ßen zuverlässige Bearbeitung anderer Problemlagen durch andere Funktionssysteme voraus, sodass man diese mit Luhmann als zwar »operativ geschlossene«, gleichwohl »strukturell gekoppelte« Systeme beschreiben kann.340 Wie ich bereits moniert habe, folgert Luhmann allerdings aus der wechselseitigen Angewiesenheit der einzelnen Teilsysteme aufeinander, dass diese in funktionaler Hinsicht gleichrangig seien, das heißt in keine Hierarchie der Subsysteme überführt werden könnten. Diese Schlussfolgerung muss jedoch aus den oben genannten Gründen revidiert werden. Die systemübergreifende Bedeutung des Geldes ist in der kapitalistischen Gesellschaft viel zu groß, um die daraus resultierende Vorrangstellung des ökonomischen Systems ignorieren zu können. Ge- 338 Vgl. Farzin 2006, S. 41. 339 Vgl. zu dieser Aufzählung den Sammelband von Gunter Runkel und Günter Burkart (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, Wiesbaden 2005. 340 Vgl. Luhmann 1998, S. 753, 779. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 131 rade die Analyse der monetär grundierten Mechanismen sozialer In- und Exklusion wird dies mit Deutlichkeit erweisen. Im Allgemeinen lässt sich die Entwicklung zu funktionaler Differenzierung der Gesellschaft durchaus als evolutionäre Errungenschaft betrachten, die mit den Effizienzgewinnen fortschreitender Arbeitsteilung und Spezialisierung auf Rollen- wie Systemebene ungeahnte Leistungssteigerungen ermöglicht hat.341 Andererseits jedoch bringt sie für die Vergesellschaftung der einzelnen Individuen auch einschneidende Ver- änderungen und Risiken mit sich. Denn die Umsetzung funktionaler Differenzierung setzt voraus, dass die Inklusion des einzelnen primär den jeweiligen Funktionssystemen überlassen bleibt, die in dieser Frage nach ihren je eigenen, funktionsrationalen Kriterien verfahren können. Beispielsweise darf die Besetzung einer Professur oder der Position eines Flugzeugkonstrukteurs eben nicht – zumindest nicht allein – von systemfremden Faktoren wie der ethnischen Zugehörigkeit oder der sozialen Herkunft abhängen, sondern muss nach Maßgabe der für die jeweilige Position relevanten Fähigkeiten entschieden werden, sofern die Vorteile der funktionalen Differenzierung nicht leichtfertig verspielt werden sollen.342 Das aber impliziert, so Luhmann, dass sich aus der Inklusion in eines der Funktionssysteme (etwa in die Religion) noch keine zuverlässigen Prognosen für die Inklusion in weitere Funktionssysteme (zum Beispiel ins Erziehungs- oder Politiksystem) ableiten lassen und somit auch die gesamtgesellschaftliche Inklusion der Individuen in der Moderne grundsätzlich unter funktionsspezifische Vorbehalte gestellt, das heißt prinzipiell riskant geworden ist. 341 So auch der grundlegende Tenor in der Differenzierungstheorie. Vgl. zusammenfassend Renate Mayntz: »Funktionelle Teilsysteme in der Theorie sozialer Differenzierung«, in: dies. u. a. (Hg.): Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt/M. / New York 1988, S. 11–44, hier S. 15. 342 Das heißt zwar ausdrücklich nicht, dass systemfremde, für die eigentliche Funktion augenscheinlich irrelevante Merkmale oder Eigenschaften der Individuen für die Inklusion in die einzelnen Teilsysteme der Gesellschaft überhaupt keine Rolle mehr spielen würden. Die gesellschaftliche Praxis zeigt ganz im Gegenteil, dass gerade die genannten Beispiele, die ethnische und soziale Herkunft, oder auch das Geschlecht nach wie vor von eminenter Bedeutung sind. Doch können diese systemfremden Selektionskriterien die funktionsspezifischen eben nicht mehr ersetzen. So mag es zwar richtig sein, dass Ausländer, Frauen oder »sozial Schwache« in vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen erheblich benachteiligt sind. Doch wird andererseits auch, um im skizzierten Bilde zu bleiben, der wohlhabende Sohn aus gutem Hause in aller Regel nur dann Professor oder Flugzeugkonstrukteur (und nicht einfach Privatier), wenn er die hierfür erforderlichen Qualifikationen und Leistungsnachweise vorweisen kann und insofern die funktionsspezifischen Selektionskriterien einigermaßen erfüllt. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 132 Seine semantische Entsprechung findet diese allgemeine Prekarisierung sozialer Inklusion paradoxerweise in den Bürger- beziehungsweise Menschenrechten, die im 18. Jahrhundert aufkamen und seitdem vollmundig individuelle Freiheit und Gleichheit verheißen. Denn wie Luhmann zu Recht betont, bedeutet Gleichheit in der bürgerlichen Gesellschaft mitnichten das faktische Fehlen oder auch nur die geringere Ausprägung sozialer Ungleichheit, sondern lediglich das rein formale Fehlen ständisch-feudaler, das heißt auf askriptiven Merkmalen beruhender Diskriminierung. Die einzelnen Individuen gleichen sich demnach allenfalls in der theoretischen Unvorhersehbarkeit ihrer aus den verschiedenen Teilsysteminklusionen formierten Gesamtmuster der Inklusion, wobei auch hier zu sehen sein wird, dass die realen Ungleichheiten in der sozialen Praxis aus ökonomischen Gründen sehr viel deutlicher ausfallen, als Luhmann dies in seiner Theorie modelliert hat. Und formale Freiheit wiederum bedeutet zunächst einmal nicht viel mehr, als dass infolge des Wegfalls ständischer Inklusionsautomatismen nunmehr aktive Entscheidungen für den kommunikativen Einbezug in die Teilsysteme der Gesellschaft notwendig geworden sind.343 So betrachtet werden die bürgerlichen Zentralbegriffe der Gleichheit und insbesondere der Freiheit und Autonomie in der modernen Gesellschaft üblicherweise stark idealisiert dargestellt,344 wodurch kaschiert wird, dass den Individuen ohnehin keine andere Wahl bleibt, als die ansonsten ausbleibende soziale Inklusion durch die mehr oder weniger »selbstbestimmte« Kontaktaufnahme mit den einzelnen Funktionssystemen zu bewirken.345 Aus dem Fehlen einer eindeutigen, für alle Teilsysteme der Gesellschaft gleichermaßen geltenden Inklusionsregel (wie eben das Recht der Geburt in vormodernen Gesellschaften) und aus dem Umstand, dass die Individuen aus einsichtigen Gründen ohnehin keinem einzelnen der inzwischen 343 Vgl. Luhmann 2008b, S. 232f. 344 Ein Vorwurf, der in ähnlicher Form schon in den viel früheren Bemerkungen von Karl Marx zur doppelten Freiheit des Lohnarbeiters enthalten ist. Dessen Freiheit besteht in der bürgerlichen Gesellschaft bekanntlich nicht allein in der formellen Verfügungsgewalt über die eigene Person und Arbeitskraft, sondern mindestens ebenso sehr in seiner »Freiheit« von jeglichen Produktionsmitteln, die ihm de facto gar nichts anderes zu tun lässt, als sich auf dem Arbeitsmarkt meistbietend zu verdingen. Die bürgerliche Idealisierung der Freiheit erscheint ohne die Dekommodifizierung der Arbeit somit als einigermaßen fadenscheinige Eskamotage, welche die für den Kapitalismus konstitutiven ökonomisch bedingten Macht- und Herrschaftsdifferentiale zwischen Kapitaleignern und Lohnabhängigen verschleiert. Vgl. Marx 1984, S. 183. 345 Vgl. Luhmann 1980, S. 31; ders.: »Die gesellschaftliche Differenzierung und das Individuum«, in: ders.: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, 3. Aufl., Wiesbaden 2008a, S. 121–136, hier S. 131f.; vgl. Farzin 2006, S. 30. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 133 hochspezialisierten Teilsysteme mehr exklusiv zugeordnet werden können – denn wie sollte man zum Beispiel ausschließlich im Kunst- oder Wissenschaftssystem existieren können? –, resultiert eine fundamentale »[…] gesellschaftlich[e] Ortlosigkeit des einzelnen, ein[e] sozial[e] Unterdeterminierung dessen, was das Individuum als Einheit im Wortsinn ausmacht.«346 Denn an die Stelle der exklusiven Inklusion der ganzen Person in ein und nur ein qua Geburt festgelegtes Teilsystem der Gesellschaft (ein bestimmtes Segment, eine Kaste, ein Stand usw.) treten unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung nunmehr vielfältige, aber jeweils nur partiale Inklusionen in die verschiedenen Funktionssysteme. Und die damit verbundene Ausdifferenzierung spezialisierter Rollen sowie an die jeweiligen Funktionszusammenhänge gebundener Verhaltensanforderungen und -erwartungen verhindert, dass Personen weiterhin als Ganze adressiert werden können. Diese Entwicklung hat signifikante Verschiebungen der Individualitätssemantik zur Folge, auf die zum Beispiel Sina Farzin hinweist. So konstituiert sich die spezifische Individualität einer Person in der Moderne eben gerade nicht mehr durch die singuläre Zuordnung zu einem bestimmten Teilsystem (wie dies etwa bei einem Mitglied des mittelalterlichen Kriegeradels noch der Fall war), sondern durch die je besondere und einzigartige Kombination vielfältiger Partialinklusionen – am Arbeitsplatz, im Kirchenchor, im Sportverein, im Freundeskreis usw. –, die sich in einer Person bündeln. Die Konstruktion der Einheit des Individuums erfolgt demnach nicht mehr wie früher innerhalb, sondern außerhalb der gesellschaftlichen Teilsysteme (eine gewisse Ausnahme bilden allenfalls familiale beziehungsweise Intimbeziehungen), sodass man mit Blick auf das fragmentierte Individuum sozusagen von einer »Exklusionsindividualität«347 beziehungsweise, mit den Worten des Luhmann-Schülers Peter Fuchs, von einem kommunikativ ausgearbeiteten, mehr oder minder spezifischen »Inklusions/Exklusions-Profil«348 sprechen kann. Von zentraler Bedeutung ist für Luhmann nun die Annahme, dass die Ausdifferenzierung der Teilsysteme der Gesellschaft im Verlauf der Moderne von der prinzipiellen Öffnung sämtlicher Funktionskontexte für alle Teilnehmer des gesellschaftlichen Lebens begleitet wird.349 Denn anders als in stratifizierten Gesellschaften wäre es für die funktionsrational operierenden (das heißt primär auf das vorliegende Bezugsproblem konzentrierten und nur in Bezug auf dieses, also sekundär, an der spezi- 346 Farzin 2006, S. 27. 347 Vgl. ebd., S. 28f. 348 Peter Fuchs: »Die Adressabilität als Grundbegriff der Systemtheorie«, in: Soziale Systeme, 3/1997, S. 57–80, hier S. 65. 349 Vgl. Niklas Luhmann: »Evolution und Geschichte«, in: ders.: Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft, 6. Aufl., Wiesbaden 2009c, S. 187–211, hier S. 200f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 134 fischen Subjektivität der mit ihm befassten Personen interessierten) Subsysteme der modernen Gesellschaft augenscheinlich nicht mehr sinnvoll, die einer Person qua Geburt willkürlich zugeschriebenen Merkmale wie etwa »Qualität« oder »Würde« weiterhin als Selektionsgrundlage zu gebrauchen.350 Für die kommerzialisierte Wirtschaft der Gesellschaft spielt es zum Beispiel überhaupt keine Rolle, ob das Geld, das eine Zahlung leistet, aus der Tasche eines Adeligen oder eines Bürgers stammt – ein Umstand übrigens, der für den Zerfall der Ständegesellschaft, den Aufstieg des Bürgertums und die damit verbundenen semantischen Umstellungen unter dem erwähnten Gesichtspunkt der formalen Egalität von mindestens ebenso großer Bedeutung sein dürfte, wie die komplementären Anstrengungen der politischen Philosophie. Ebenso ist es, um ein weiteres Beispiel zu nennen, für das allein auf die Differenz von Recht und Unrecht fokussierte moderne Rechtssystem in funktionaler Hinsicht irrelevant, wer den Anlass zu entsprechenden Verfahren liefert – zumindest idealiter ist Justitia blind. In diesem Lichte ist es zu verstehen, wenn Luhmann postuliert, dass die Funktionssysteme der Gesellschaft unter Berücksichtigung ihrer je eigenen, funktionsspezifischen Bedingungen zumindest im Prinzip auf die Inklusion der Gesamtbevölkerung angelegt seien und demzufolge jeder einen religiösen Glauben wählen oder es lassen könne, sich theoretisch jeder an der Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis beteiligen könne und auch jeder »Anspruch auf ein Minimum an Sozialleistungen, Krankenpflege und ordnungsgemäße Beerdigung habe.«351 An solchen und ähnlichen Formulierungen wird auch offenbar, wie sehr bei Luhmann analytische und normative Überlegungen ineinander übergehen, impliziert doch die bloße Umstellung von askriptiven auf funktionsspezifische Merkmale bei der Diskriminierung der zu inkludierenden oder exkludierenden Individuen für sich genommen längst noch keine Inklusionsgarantie, geschweige denn einen »Anspruch« auf soziale Inklusion. Realisiert werde die potentielle Allinklusion der Gesamtbevölkerung durch die systematische Ausdifferenzierung von Komplementär- beziehungsweise Publikumsrollen, die in funktional differenzierten Gesellschaften zu den bereits in der Vormoderne bekannten Leistungsrollen hinzugetreten sind.352 Während diese dadurch charakterisiert sind, dass die sie ausübenden Personen – Ärzte, Leistungssportler, Wissenschaftler, Geistliche usw. – bestimmte, für das jeweilige Funktionssystem konstitutive Leistungen erbringen, ermöglichen jene auch den übrigen Personen, die nicht über Leistungsrollen am Systemgeschehen partizipieren, 350 Vgl. Baraldi u. a. 1999, S. 80. 351 Luhmann 1998, S. 625. 352 Vgl. Farzin 2006, S. 46. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 135 als Leistungsabnehmer und/oder Beobachter inkludiert zu werden.353 Paradigmatische Komplementär- beziehungsweise Publikumsrollen sind etwa die des Patienten, Schülers oder Studenten im Gesundheits- und Erziehungssystem, des Zuschauers bei Sportveranstaltungen, des religiösen Laien oder auch des Wählers in demokratischen Systemen. Darüber hinaus treten zu diesen teilsystemspezifischen Komplementärrollen in modernen Wohlfahrtsstaaten vielfach noch besondere, mehr oder weniger systematisierte Angebote der Sozialhilfe hinzu, um in prekären Fällen »[…] Zurückbleibenden ein Aufholen zu ermöglichen.«354 Dabei war Luhmann allerdings bis zuletzt unentschieden, ob es sich bei diesen sozialstaatlichen Angeboten insgesamt bereits um ein neu ausdifferenziertes, gewissermaßen als subsidiärer Inklusionsvermittler fungierendes Teilsystem der Gesellschaft handelt, wie beispielsweise Dirk Baecker meint,355 oder eher um relativ weitverstreute, mal mehr mal weniger effektive Bemühungen auf der Ebene von Interaktionen und Organisationen.356 Doch fest steht jedenfalls, dass erst die umfassende Ausdifferenzierung und Institutionalisierung von Komplementär- und Publikumsrollen die wenigstens potentielle Inklusion der Gesamtbevölkerung überhaupt in den Bereich des Möglichen rückt, weil angesichts der schieren Zahlenverhältnisse nur auf dieser Basis denkbar und realisierbar ist, dass tatsächlich alle Gesellschaftsmitglieder auf die eine oder andere Art an den verschiedenen Funktionssystemen teilnehmen können.357 Dabei gilt es allerdings im Auge zu behalten, dass das solchermaßen dualisierte Schema der sozialen Inklusion in verschiedenster Hinsicht beträchtliche Ungleichheiten impliziert. Denn so bestehen im Hinblick auf den persönlichen Einfluss, das Sozialprestige und materielle Vorteile nicht nur zwischen den Trägern der verschiedenen Leistungsrollen teils erhebliche Differenzen, etwa zwischen Ärzten und Arzthelferinnen, Bühnentischlern und Intendanten oder Arbeitern und Kapitalgebern. Auch das Verhältnis zwischen Leistungs- und Komplementärrollen ist oftmals ausgesprochen asymmetrisch strukturiert (so zum Beispiel zwischen Regierung und Wahlvolk, religiösen Führern und Laien oder, mit umgekehrtem Vorzei- 353 Vgl. Rudolf Stichweh: »Inklusion in Funktionssysteme der modernen Gesellschaft«, in: Renate Mayntz u. a. (Hg.): Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt/M. / New York 1988, S. 261–293, hier S. 262ff.; ders.: »Leitgesichtspunkte einer Soziologie der Inklusion und Exklusion«, in: ders., Paul Windolf (Hg.): Inklusion und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit, Wiesbaden 2009, S. 29–42, hier S. 31f. 354 Luhmann 1998, S. 626. 355 Vgl. Dirk Baecker: »Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft«, in: Zeitschrift für Soziologie, 23/1994, S. 93–110. 356 Vgl. Luhmann 1998, S. 633. 357 Vgl. Stichweh 2009, S. 32. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 136 chen, zwischen Hauspersonal und Hausherren oder Prostituierten und Kunden), sodass die Frage, wer wann welche Leistungs- beziehungsweise Komplementärrollen einzunehmen imstande respektive gezwungen ist, offensichtlich von größter gesellschaftspolitischer wie gerechtigkeitsethischer Bedeutung ist. Die potentielle Allinklusion der Bevölkerung geht also keineswegs mit dem Verschwinden von sozialen Ungleichheiten und Ausgrenzungsprozessen einher. Im Gegenteil produziert gerade die moderne Gesellschaft zum Teil extrem divergente Lebens- und Teilhabechancen, und zwar insbesondere dann, wenn die einzelnen Funktionssysteme, namentlich das Erziehungs- und Wirtschaftssystem, streng funktionsrational operieren. Denn vor allem die genannten Systeme nutzen bereits kleinste feststellbare (oder wenigstens imaginierte) »Qualitätsunterschiede« der Subjekte wie der äußeren Bedingungen – zum Beispiel der kindlichen Begabung, der Disziplin, der Bereitschaft zur Subordination, der individuellen Leistungsfähigkeit, der Kreditwürdigkeit, des Standortvorteils etc. –, um sie für das unentwegte Streben nach Optimalität und Fortschritt fruchtbar zu machen.358 Dabei generieren sie naturgemäß – sozusagen als unvermeidliche Kehrseite der Medaille – für all jene Menschen, die den Systemanforderungen nicht genügen, systematisch ungünstige, nicht selten verhängnisvolle und sich zudem selbstverstärkende Selektionseffekte. Legitimatorisch stehen die daraus resultierenden sozialen Ungleichheiten und Marginalisierungen allerdings unter mehreren Bedingungen. Zunächst einmal dürfen sie, wie oben schon erwähnt, ausschließlich auf die operativen Funktionsrationalitäten der Subsysteme zurückzuführen sein, und nicht etwa auf askriptive Merkmale der Personen. Hinzu kommen nach Luhmann aber noch zwei weitere normative Prämissen: So sind zum einen auch funktionsrational begründete Ungleichheiten »von der Semantik der Gesellschaft her«359 nur dann irgendwie tolerabel, wenn sie aufgrund ihrer raschen Veränderlichkeit als lediglich temporär betrachtet werden können. Das heißt beispielsweise, dass großer Reichtum ebenso wie Armut nicht etwa Reichtum oder Armut für alle Zeiten bedeuten und politische Macht nicht ewig dauern darf. Und zum anderen sollten die Ungleichheiten auf die einzelnen Funktionsbereiche beschränkt bleiben. Daher müsse es wirkungsvolle Interdependenzunterbrechungen zwischen den verschiedenen Teilsystemen geben, die zum Beispiel verhinderten, dass sich ökonomisches Kapital quasi automatisch in politische Macht, das Geliebtwerden der Vermögenden oder die Entwicklung feinsinnigen Kunstverstandes übersetzen lässt. Überraschenderweise behauptet Luhmann nun, dass sich beides, das heißt die Temporalisierung ungleicher Lebenschancen ebenso wie effektive Interdependenzunter- 358 Vgl. Luhmann 1998, S. 774. 359 Luhmann 2008b, S. 234. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 137 brechungen zwischen den Systemen, in der modernen Gesellschaft tatsächlich »in erstaunlichem Umfang hat einrichten lassen.«360 Es handele sich also keineswegs nur um legitimatorische Leerformeln, welche die Bevölkerung mit der erheblichen Disparität der Lebensverhältnisse versöhnen und die querziehenden, korrumpierenden Tendenzen namentlich des Geldes überblenden sollen.361 Doch es ist offensichtlich, dass Luhmann mit dieser schwerlich aufrechtzuerhaltenden Behauptung in offenen Widerspruch zur diesbezüglich sehr umfangreichen empirischen Sozialforschung gerät, welche die zeitliche (in manchen Fällen viele Generationen übergreifende) Verfestigung sowie intersystemische »Infekti- ösität« sozioökonomischer Ungleichheit eindrücklich belegt. Schwerer noch als die Fortexistenz und weitere Zunahme sozialer Ungleichheit wiegt für Luhmann allerdings der im ersten Kapitel geschilderte Umstand, dass die funktional differenzierte kapitalistische Gesellschaft das postulierte demokratische Ideal der vollständigen Inklusion der Bevölkerung nicht realisiert.362 Zwar trifft es zu, dass die ständischfeudalen Diskriminierungen der Vormoderne heute überwunden sind. Doch stellen nunmehr die modernen Funktionssysteme entsprechend ihrer jeweiligen Operationslogiken faktisch kaum weniger rigide Zugangsvoraussetzungen auf, welche die subjektiven Partizipationschancen begrenzen und wiederum gerade dann, wenn die Funktionssysteme rational verfahren, automatisch dazu führen, dass bestimmte Personengruppen systematisch exkludiert werden. So ist es beispielsweise richtig, dass sich im Prinzip jeder am wirtschaftlichen Leben der modernen Konsumgesellschaft beteiligen darf – doch kann dies in der Praxis nur, wer über das nötige Geld dazu verfügt. Ebenso steht es heute jedem frei, zu heiraten und eine Familie zu gründen – doch auch dies gelingt faktisch nur dem, der einen anderen dazu verführen und zudem mit dem Ergebnis leben kann. Und am Erziehungssystem nimmt dank allgemeiner Schulpflicht formal gesehen zwar jeder teil – doch ob dabei wirklich etwas »Brauchbares für den Lebenslauf«363 herauskommt oder bloß flüchtige 360 Ebd., S. 234f. 361 In diesen Kontext gehört zum Beispiel auch der sogenannte American Dream, also der Glaube, dass es ein jeder, sofern er nur wirklich will und hart dafür arbeitet, vom »Tellerwäscher zum Millionär« bringen kann. Die Lebenswirklichkeit in den USA wie auch in Europa zeigt, dass sich dieses Wunschdenken für die allermeisten einfachen Arbeiter und Angestellten niemals realisiert, ganz gleich, wieviel und hart sie dafür schuften. Der American Dream bleibt für sie ein blo- ßer Traum. Doch immerhin gelingt es gerade so vielen, dass sich der Mythos erhält und seinen Beitrag zur ideologischen Stabilisierung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung leisten kann. 362 Vgl. Luhmann 1996a, S. 228. 363 Matthias von Saldern: »Erziehungssystem«, in: Gunter Runkel, Günter Burkart (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie Niklas TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 138 Irritationen erzeugt werden, hängt schließlich auch von individuellen Voraussetzungen wie der persönlichen Erziehungsfähigkeit ab. Insofern darf das postulierte Ideal der eben nur potentiellen Totalinklusion der Bevölkerung nicht über die Faktizität tatsächlich massenhaft vorkommender Exklusionen hinwegtäuschen, die anders als in vormodernen Gesellschaften nicht mehr zufällig oder impulsiv erfolgen, sondern im Gegenteil auf die spezifischen Eigenrationalitäten der Systeme zurückzuführen und insofern als systematisches Resultat der modernen Lebensweise zu betrachten sind. Die Konsequenzen dieses in sozialer Hinsicht schon für sich genommen äußerst problematischen Sachverhaltes werden durch das Ineinandergreifen zweier weiterer Faktoren zusätzlich verschärft. Zum ersten kann die Exklusion aus einem der gesellschaftlichen Teilsysteme in der modernen Gesellschaft nicht mehr einfach durch Aufnahme oder Übersiedeln in ein anderes (zum Beispiel in einen anderen Clan oder Stamm) kompensiert werden, wie dies in segmentären und auch stratifizierten Gesellschaften prinzipiell noch möglich war. Denn wie gesehen, ist es unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung überhaupt nicht mehr vorgesehen oder möglich, dass Individuen, wenn nicht dem einen, dann eben einem anderen Teilsystem – das heißt nur der Wirtschaft oder nur der Religion oder nur dem Recht usw. – als Personen exklusiv angehören.364 Deshalb kann es a priori auch keine sozialen Auffangmechanismen mehr geben, die sich als natürliche Alternative zur Exklusion aus der sozialstrukturellen Verfasstheit der modernen Gesellschaft gewissermaßen von selbst anbieten würden. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die nachträgliche Schaffung umfassender wohlfahrtstaatlicher Sicherungseinrichtungen für all jene, deren Bemühungen um Teilhabe an der Gesellschaft (aus welchen kontingenten Gründen auch immer) misslingen, jedenfalls dann unverzichtbar ist, wenn die bürgerlichen Ideale der Freiheit, Gleichheit und Solidarität irgendeine lebenspraktische Bedeutung haben sollen. Deutlich wird umgekehrt aber auch, dass sich der Wohlfahrtsstaat als sekundärer Inklusionsagent zu seiner Begründung letztlich nur auf politisch-normative (und insofern »weiche«) Argumente stützen kann, da die Gesellschaft jener Menschen, die sie aus systemrationalen Gründen soeben ausgeschlossen hat, ganz offensichtlich nicht bedarf. Es existiert also jenseits der Moral keinerlei funktionale Notwendigkeit, sich der Exkludierten wirklich anzunehmen.365 Erschwerend kommt zweitens hinzu, dass die Ausschließung aus einem der Funktionssysteme trotz ihrer formalen Unabhängigkeit mit relativ Luhmanns, Wiesbaden 2005, S. 155–194, hier S. 174. 364 Vgl. Luhmann 2008b, S. 241. 365 Man mag einwenden, dass das potentiell systemsprengende Konfliktpotential, das mit massenhafter Marginalisierung und Exklusion einhergehen kann, aus ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 139 hoher Wahrscheinlichkeit weitere Ausschließungen nach sich zieht.366 So verringern beispielsweise schulische Misserfolge im Erziehungssystem sehr schnell auch die individuellen Erfolgsaussichten im ökonomischen System, was wiederum, vermittelt durch den daraus resultierenden Geldmangel, ein relativ hohes Maß an Indifferenz gegenüber dem Rechtscode legal/illegal produzieren kann. Oder wer – wie z.B. die Sans papiers, wie man die vielen »illegalen« Einwanderer in Westeuropa nennt – über keinen Ausweis beziehungsweise keine gültige Aufenthaltsbewilligung verfügt, der kann auch nicht wählen, sein Kind zur Schule anmelden oder die Leistungen des Rechts- und Gesundheitssystems regulär in Anspruch nehmen.367 Das funktionsrationale Operieren der einzelnen Teilsysteme erzeugt also an deren Rändern Exklusionseffekte, die sich wechselseitig verstärken und zu fatalen, häufig nur schwer umkehrbaren Exklusionskaskaden auswachsen können, durch welche dann relevante Teile der Bevölkerung, die nicht selten auch wohnräumlich separiert und damit aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt werden, von der normalen Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen werden.368 Allerdings sind an dieser Stelle einige präzisierende Bemerkungen zur Erläuterung der spezifischen Form sozialer Exklusion geboten. Weiter oben habe ich soziale Inklusion mit Luhmann als personalen Einbezug in die kommunikativen Prozesse der funktional differenzierten Gesellschaft definiert. Sozial inkludiert ist nach dieser ersten, abstrakten Fassung des Begriffs also zunächst einmal jeder, der in den operativen Vollzügen der verschiedenen Subsysteme als relevante Person betrachtet und insofern kommunikativ berücksichtigt wird. Exklusion bezeichnet demnach umgekehrt »eine Lage struktureller Irrelevanz«,369 in der es auf die Betroffenen – zumindest innerhalb des durch das dichte Geflecht aus institutionalisierten Verhaltenserwartungen vorstrukturierten Bezugsrahmens sozialer Normalität – gesellschaftlich nicht mehr anzukommen scheint. Hierzu ist zunächst anzumerken, dass Exklusion in der modernen Gesellschaft aus legitimatorischen Gründen nur noch re- Sicht des Gesamtsystems durchaus als zweckrationales Motiv für wohlfahrtsstaatliche Re-Inklusionsmaßnahmen betrachtet werden kann. Und tatsächlich hat dieses Argument in der Geschichte des modernen Wohlfahrtsstaates eine wichtige Rolle gespielt (man denke nur an die Bismarcksche Sozialgesetzgebung). Doch erstens reichen diese auf utilitaristische Weise begründeten Maßnahmen nur genau so weit, wie es für die Aufrechterhaltung des Status quo – und nicht etwa für ein gedeihliches Leben der Benachteiligten – unerlässlich erscheint, und zweitens gibt es probate Alternativen, zu denen namentlich die historisch vielfach »bewährte« und nach wie vor verbreitete gewaltsame Repression gehört. 366 Vgl. Luhmann 2008b, S. 242. 367 Vgl. ebd. 368 Vgl. ders. 1998, S. 630f. 369 Opitz 2008, S. 175. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 140 lativ selten die Form einer expliziten Ausschließung (wie zum Beispiel einer Verbannung) annimmt, und falls doch, zumeist mit der korrektiven Einschließung in ein anderes, häufig eigens darauf spezialisiertes Sozialsystem verbunden wird. So darf etwa der Schulausschluss eines renitenten Kindes nur in Form der Überweisung an eine andere Erziehungseinrichtung erfolgen, während gerichtlich bescheinigte Unmündigkeit in die Psychiatrie und die Verurteilung als Straftäter (zumindest in schweren Fällen) ins Gefängnis führt. Doch im Normalfall vollzieht sich soziale Exklusion vielmehr als sozusagen lautloses und »negationsfreies Geschehen« (Stichweh), das heißt als schleichender, von niemandem ausdrücklich intendierter Prozess der zunehmenden Nicht-Adressierung in den kommunikativen Vollzügen der Funktionssysteme. Denn diese verfügen – ausgenommen vielleicht das politische System mit seinen Melderegistern und Wählerlisten – in der Regel weder über geeignete Such- und Inklusionsmechanismen, um marginalisierte Individuen ausfindig zu machen und kommunikativ einzubeziehen,370 noch über die entsprechende Motivation für ein derartiges (unter Umständen aufwendiges) Prozedere. Warum auch sollte zum Beispiel das ökonomische System nach Personen »fahnden«, die augenscheinlich weder etwas anzubieten haben, das auf den Märkten von Interesse sein könnte, noch über Geld verfügen, um sich als zahlungskräftige Konsumenten am wirtschaftlichen Geschehen aktiv zu beteiligen? Dieses Desinteresse der Systeme an funktional betrachtet schlicht überflüssigen Subjekten führt dazu, dass die Betroffenen Gefahr laufen, allmählich »unsichtbar« zu werden und so ganz einfach vom Monitor jedenfalls der Mainstreamgesellschaft zu verschwinden, und zwar ohne dass dies von der Allgemeinheit groß zur Kenntnis genommen würde oder rückblickend eindeutig zu bestimmen wäre, an welchem genauen Punkt die Anbindung an das normale Leben der Gesellschaft eigentlich gerissen ist.371 Doch noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt ist hinzuweisen. Wenn man soziale Inklusion als Einbezug in die Kommunikation der Gesellschaft definiert, so wird schon nach kurzer Überlegung klar, dass Exklusion im strengen Sinne, das heißt als vollständiger Ausschluss aus jedweder sozialen Beziehung, in der gesellschaftlichen Praxis so gut wie nicht 370 Zu den spezifischen Formen sozialer Exklusion als Spezialfall sozialer Ungleichheit siehe Rudolf Stichweh: »Zum Verhältnis von Differenzierungstheorie und Ungleichheitsforschung«, Working Paper des Instituts für Weltgesellschaft an der soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld, Bielefeld 2002. 371 Die Unmöglichkeit, die Grenze zwischen dem In- und Exklusionsbereich genau zu bestimmen, entspricht den analogen Problemen bei der exakten Definition der monetären Armutsgrenze. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 141 vorkommt.372 Denn natürlich wird, um ein Beispiel zu nennen, auch mit Bettlern, die in den innerstädtischen Einkaufsmeilen auf die Benevolenz der Passanten hoffen, nach wie vor kommuniziert – und sei es über das Ordnungsamt, das sie zu vertreiben sucht, damit die »Shoppinglaune« der zahlenden Kundschaft nicht verdorben wird. Auch die Millionen von Müllsammlern, die (längst nicht mehr nur in den Ländern der Peripherie) die Hinterlassenschaften der globalisierten Konsumgesellschaft nach wiederverwertbarem Material durchwühlen, bilden nicht nur für sich selbst eine mehr oder weniger differenzierte Sozialordnung, sondern sind, wie marginal und depriviert auch immer, in die Weltwirtschaft involviert. Und erst recht finden sich die argwöhnisch kontrollierten Empfänger staatlicher Sozialleistungen in einem dichten Netz aus Aktivierungs- und Disziplinarmaßnahmen gefangen, das zumindest in dieser Hinsicht eher ein Zuviel als Zuwenig an kommunikativer Berücksichtigung anzeigt. Was diese und ähnlich gelagerte Beispiele nahelegen ist also, dass soziale Exklusion (und zwar nicht nur im erwähnten Sonderfall der einschließenden Ausschließung wie einer Inhaftierung oder Zwangseinweisung in die Psychiatrie) in der Moderne primär als innergesellschaftliches Phänomen zu denken ist, in der es somit nicht um den Ausschluss aus jedweder Sozialität, sondern vielmehr um den unfreiwilligen, den Analyserahmen bloßer Lebensstildifferenzen sprengenden Ausschluss aus der sozialen Normalität geht. Hervorzuheben ist dabei, dass sich dieses Phänomen innergesellschaftlicher Exklusion keineswegs nur als Ausdruck sozialer Zerfallsprozesse deuten lässt. Denn auch wenn der Ausschluss breiter Schichten zwangsläufig wachsenden Widerstand erzeugt und im Extremfall sehr wohl zu einer fundamentalen Destabilisierung der hegemonialen Gesellschaftsordnung führen kann, entfaltet er, zumindest bis zu einer gewissen Schwelle, durchaus auch systemstabilisierende Ordnungseffekte, da sich, wenn schon nicht die Gesellschaft als Ganze (die sich als umfassendes Sozialsystem durch die Grenzen der überhaupt möglichen Kommunikationen definiert)373, so doch die »gute Gesellschaft«, die sich dem modernen Pluralismus der Milieus und Lebensstile zum Trotz doch von einem gewissen intuitiven Grundkonsens getragen weiß, gerade durch den konstitutiven Ausschluss funktional wie normativ entwerteter Seinsund Lebensweisen ihrer eigenen Identität versichert.374 So lassen sich, ins 372 Vollständig exkludiert wäre man so verstanden allenfalls in extremen Ausnahmesituationen, etwa als allein auf einer unbewohnten Insel gestrandeter Überlebender eines Schiffbruchs. 373 »[…] denn alles, was Kommunikation ist, ist Gesellschaft.« Luhmann 1984, S. 555. 374 Man denke hier nur etwa an die oben dargestellte Ideologie der Leistungs- beziehungsweise Arbeitsgesellschaft, welche über die sozialen Milieu- und Schichtgrenzen hinweg hochgradig differente Bevölkerungsgruppen durch die gemeinsame TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 142 Schema funktionaler Differenzierung übertragen, für praktisch alle Teilsysteme der Gesellschaft negativ markierte »Exklusionsfiguren«375 finden, die das jeweils Andere der Systeme repräsentieren und gerade durch ihre sichtbare Devaluierung zur Stabilität der systeminternen Prozesse beitragen. Exemplarisch wären etwa der Ungläubige (Religionssystem), der Verbrecher (Rechtssystem), der adipöse Raucher (Gesundheitssystem), der Unvernünftige (Wissenschaftssystem), der Schulabbrecher (Bildungssystem) oder der Arme (Wirtschaftssystem) zu nennen, wobei sich die dominante Stellung des ökonomischen Systems interessanterweise auch hier wieder ex negativo daran zeigt, dass der Arme, das heißt der ökonomisch Ausgeschlossene, wie keine andere der Exklusionsfiguren auch die ausgrenzenden Attribuierungen der anderen, nicht-wirtschaftlichen Teilsysteme (kriminell, suchtgefährdet, ungebildet usw.) in besonderem Maße auf sich zieht. Was jedoch für alle diese Schattenwesen, die die Randbereiche des Sozialen bevölkern, gleichermaßen gilt, ist jedenfalls, dass sie den geltenden Erwartungsstrukturen der Gesellschaft nicht (mehr) zu entsprechen vermögen und infolgedessen auch nicht als zuverlässig mitwirkungsrelevante Personen Berücksichtigung finden. In eben diesem Sinne, der auf die normierende und insofern ordnungsstiftende Paradoxie einer »internen Exteriorität«376 verweist, sind sie exkludiert.377 Entwertung und Ausgrenzung der »Faulen« (oder jedenfalls derer, die man der Faulheit bezichtigt) vereint. 375 Opitz 2008, S. 189. 376 Ebd., S. 182. 377 Diese paradoxe Fassung des Exklusionsbegriffs im Sinne einer »internen Exteriorität« weist im Übrigen auffallende Parallelen zu Amartya Sens gleichfalls paradoxen Konzeption eines absoluten Kerns relativer Armut auf. Genauso wenig wie der Begriff der sozialen Exklusion in seiner individuellen Tragweite dadurch zu relativieren ist, dass man auf die meist nach wie vor bestehende Inklusion in residuale Kommunikationen, zum Beispiel zwischen Häftling und Gefängnispersonal, verweist, genauso wenig sollte nach Sen relative Armut in westlichen Wohlstandsgesellschaften dadurch verharmlost werden, dass man sie als bloße Ungleichheit, als lediglich statistische Abweichung vom Mittelwert auf einem angeblich noch immer komfortablem Niveau abtut. Denn so räumt Sen zwar ein, dass die Standards für ein Leben im Wohlergehen historisch und kulturell variieren und insofern relativ sind mit der Folge, dass an einem Ort als Armut gilt, was an einem anderen vielleicht als Wohlstand angesehen wird. Doch lebt der Mensch nun einmal hier und jetzt, weshalb er sich an den geltenden Normalitätsvorstellungen der eigenen Gesellschaft und Epoche orientiert und orientieren muss. So wäre beispielsweise eine Person, die lesen und schreiben kann, im europäischen Mittelalter noch als reich an Bildung angesehen worden, während dieselbe Person heute, so sie darüber hinaus nichts gelernt hätte, als ausgesprochen ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 143 c) Zusammenfassung und Kritik Was man also von Niklas Luhmanns Systemtheorie der In- und Exklusion vor allem lernen kann, ist, dass die nach wie vor verbreitete Vorstellung, die im 1. Kapitel beschriebene soziale Ausschließung wachsender Bevölkerungsteile und die damit einhergehende Spaltung der Gesellschaft wäre auf sozusagen akzidentelle Ursachen zurückzuführen und insofern nicht schon in der strukturellen Verfasstheit der funktional differenzierten kapitalistischen Gesellschaft prädisponiert, unzutreffend ist und den wahren Sachverhalt verharmlost. Natürlich können auch Faktoren wie etwa jahrelange Misswirtschaft seitens der politischen und ökonomischen Eliten, konjunkturelle Schwächephasen und in manchen Fällen vielleicht auch persönlich zurechenbares Fehlverhalten eine wichtige Rolle spielen, doch in aller Regel nur als potentielle Auslöser oder Verstärker gesellschaftlicher Exklusionsprozesse und nicht als deren eigentliche Ursache. So versteht es sich beispielsweise keineswegs von selbst, dass wirtschaftliche Krisen, wie schwer sie auch sein mögen, automatisch zu sozialer Ausgrenzung führen. Stattdessen könnten schließlich auch die verbleibenden Ressourcen gleichmäßig(er) verteilt werden – zumal wenn die nach wie vor vorhandenen Verteilungsspielräume, wie es in den westlichen Gesellschaften ersichtlich der Fall ist, jedes historisch bekannte Maß bei weitem übersteigen378 –, sodass zwar der allgemeine ungebildet gälte. Sie hätte auf dem modernen Arbeitsmarkt, verglichen mit anderen Personen, die zum Beispiel eine Berufsausbildung vorzuweisen haben, nicht einfach schlechtere Chancen (das wäre beschönigend), sondern sehr wahrscheinlich überhaupt keine, sodass sie in dieser elementaren Verwirklichungsdimension der Bildung nicht nur in einem relativen, sondern in einem absoluten Sinn als arm zu betrachten wäre. Sens Argumentation läuft also darauf hinaus, dass zwar die Mittel, die zu einer den sozialen Standards entsprechenden Realisierung basaler Verwirklichungschancen vonnöten sind – zum Beispiel eben um eine den gesellschaftlichen Anforderungen genügende (Aus-)Bildung genießen zu können; sich ohne Scham in der Öffentlichkeit zeigen zu können; sich frei bewegen zu können; vermeidbare Krankheiten vermeiden zu können usw. –, an Art und Umfang durchaus relativ sein mögen, ihr relativer Mangel jedoch im Hinblick auf die jeweilige Verwirklichungschance zu einem absoluten Scheitern führen kann. Dies ist der gedankliche Hintergrund, vor dem Sen von einem »irreducible absolutist core in the idea of poverty« spricht. Siehe hierzu Sen 1984, S. 332f. 378 Wenn zum Beispiel in den USA, Griechenland oder Spanien Hunderttausende von Menschen im Zuge der Schuldenkrise obdachlos geworden sind, weil sie ihre Kredite oder Mieten nicht mehr bezahlen konnten, und in öffentlichen Einrichtungen, Zelten oder unter Brücken hausen, so ist dies offensichtlich keinerlei substantiellem Mangel geschuldet, sondern ein reines Verteilungsproblem – die zwangsgeräumten Häuser und Wohnungen sind schließlich immer noch vorhanden und stehen einfach leer. Um die Größenordnung dieser bei Lichte betrachtet TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 144 Lebensstandard sinken würde, individuelle oder gruppenbezogene Exklusionseffekte jedoch ausblieben. Insofern besteht das eigentliche Problem augenscheinlich weniger in der jeweils aktuellen wirtschaftlichen Situation als vielmehr in den spezifischen Mechanismen, durch welche die sozioökonomischen Partizipationschancen der Individuen reguliert werden und die, wie gesehen, mit der jeweiligen Gesellschaftsstruktur variieren. Da in der modernen Gesellschaft nun erstens das gesellschaftseinheitliche und vergleichsweise zuverlässige Inklusionsprinzip der stabilen sozialen Zugehörigkeit qua Geburt erodiert ist, zweitens die Inklusion der Individuen fortan also von den funktionsrational operierenden und selegierenden Teilsystemen abhängt und drittens zumindest a priori keinerlei Auffangmechanismen mehr existieren, die sich aus der Struktur funktional differenzierter Gesellschaften heraus quasi von selbst anbieten und notfalls vor Exklusion schützen würden, ist Inklusion in der Moderne prinzipiell prekär geworden. Sie steht strukturbedingt immer unter den funktionalen Vorbehalten der Systeme, ergibt sich also keinesfalls von selbst und ist insofern niemals sicher. Exklusion ist dagegen das, was ganz automatisch stattfindet, wenn Inklusion missglückt, wenn also die individuellen Bemühungen um kommunikative Anschlüsse dauerhaft ins Leere laufen und unberücksichtigt bleiben. Da genau dies aber sehr leicht geschehen kann, weil sich die Teilsysteme der Gesellschaft, allen voran die maximierungsbesessene Ökonomie, eben nicht an den allgemeinen Inklusionsbedürfnissen der Menschen, sondern an ihren eigenen, spezifischen Funktionsrationalitäten orientieren,379 an denen zahllose Individuen und sogar ganze Regionen scheitern, ist die moderne, kapitalistische Gesellschaft notwendig durch die Differenz von Inklusion und Exklusion supercodiert. In der Frühphase der Industrialisierung trat dieser Sachverhalt noch ganz offen zutage. Die systembedingte tiefe Spaltung der Gesellschaft zu leugnen hätte angesichts der massenhaften Verelendung der Arbeiter und besonders der subproletarischen Schichten – die von Marx und Engels bezeichnenderweise kaum anders als von den bürgerlichen Ideologen der Arbeit oder der heutigen Boulevardpresse als »Lumpenproletariat«, als »Abfall« oder als »verfaulte Schicht« diffamiert wurden380 – keinen Sinn gehabt. Entsprechend führte sie unter dem im 19. Jahrhundert stetig skandalösen Absurdität zu verdeutlichen: Für die USA nennt Amnesty International die Zahl von insgesamt 3,5 Millionen Obdachlosen, während etwa 18,5 Millionen Häuser leer stehen. Vgl. Tanuka Loha: »Housing: It’s a Wonderful Right«, http://blog.amnestyusa.org/us/housing-its-a-wonderful-right/ (23.03.16). 379 Ausnahmen bilden hier vermutlich nur die Religion sowie die Familien beziehungsweise Intimbeziehungen. 380 Vgl. Marx 1969, S. 183; ders.: »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, in: ders., Friedrich Engels: Werke (MEW), Bd. 8 (August 1851 bis März 1853), Berlin 1960, S. 111–207, hier S. 160f.; dies.: »Manifest der kommunistischen ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 145 wachsenden Problemdruck zur Formulierung der Sozialen Frage, die indes bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ungelöst blieb. Tatsächlich ist sie es – global betrachtet ohnehin – bis heute. Doch die eingangs beschriebene, zwar nur drei Jahrzehnte kurze, dafür aber beispiellose Blütephase des wohlfahrtsstaatlich eingehegten Kapitalismus erlaubte es, sie nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest in den reichen Industrienationen für eine Weile zu vergessen und sich den Tagträumen von nivellierten Mittelstandsgesellschaften und immerwährender Prosperität zu überlassen. Als man in den 1980er Jahren dann unter dem Eindruck der sozialen Veränderungen allmählich wieder aufzuwachen begann, rieb man sich überrascht die Augen und sprach angesichts der sich verschlechternden Verhältnisse plötzlich von einer »neuen Armut« und einer »neuen Unterschicht«, obwohl man doch im Grunde besser nur von einer Rückkehr zur strukturbedingten und im Kern bekannten Normalität der kapitalistischen Moderne sprechen sollte. All das lässt sich schon mit Luhmanns Theorie der In- und Exklusion nachzeichnen und verstehen, doch bleibt die so gewonnene Skizze dennoch unvollständig. Denn gleichwohl Luhmann die prinzipielle Prekarität sozialer Inklusion in der Moderne erkennt und ihm auch die selbstverstärkende Dynamik kaskadenförmig verlaufender Exklusionen nicht entgeht, kann er doch gerade diese fatale Exklusionsdynamik mit den Mitteln seiner Theorie nicht erklären.381 Denn wenn es richtig wäre, dass Partei«, in: Karl Marx: Frühe Schriften, Bd. 2, Darmstadt 1971, S. 816–858, hier S. 830. 381 Der einzige Erklärungsversuch, den Luhmann diesbezüglich überhaupt anbietet, ist unbefriedigend. Er geht davon aus, dass die einzelnen Funktionssysteme vor allem in »Ländern im Differenzierungsprozeß«, das heißt in der Peripherie der Moderne, durch personale Netzwerke, wie sie beispielsweise die süditalienischen Mafia ausgebildet hat, überintegriert sind und deshalb ihre operative Geschlossenheit und Autonomie verlieren beziehungsweise gar nicht erst entwickeln können. Wechselseitige Gefälligkeiten und Gunsterweisungen würden ein teilsystemübergreifendes Geflecht aus Nutzfreundschaften stabilisieren, das die je spezifischen Funktionsrationalitäten unterlaufe und quer zu den Systemgrenzen die Kontrolle über In- und Exklusion übernehme. Dieser »in der modernen Welt als ›Korruption‹ beschrieben[e]« Sachverhalt erkläre, warum die In- beziehungsweise Exklusion in einem System quasi automatisch weitere In- beziehungsweise Exklusionen in anderen Systemen nach sich ziehen könnte. Der Preis für diesen Kurzschluss der Systeme sei allerdings, dass funktionssystemspezifische Rationalitätsgewinne verspielt würden. Daher könne man in einem solchen Fall auch nur von einer »mißlungenen Modernisierung« sprechen. Siehe Luhmann 2008b, S. 234–241. Unbefriedigend ist dieser Erklärungsansatz aus folgenden Gründen: Zum einen bezieht er sich auf einen begrenzten Sonderfall und gerade nicht auf die moderne Gesellschaft als solche; seine Erklärkraft ist insofern begrenzt. Zwar spielen »Networking« und Korruption ohne Zweifel auch in den Zentren der Moderne eine nicht zu unterschätzende Rolle, doch die sozioökonomische TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 146 die von ihm eher postulierten als auf Basis validen empirischen Materials sachlich begründeten Interdependenzunterbrechungen zwischen den Systemen wirklich griffen, wenn die einzelnen Teilsysteme die soziale Inklusion der Individuen also tatsächlich allein auf Grundlage ihrer spezifischen Funktionskriterien autonom regulierten und man folglich eben nicht von der Inklusion in ein System auf die Inklusion in andere schlie- ßen könnte, dann müssten umgekehrt auch Exklusionen unabhängig voneinander verlaufen, das heißt eine Verkettung von Systemausschlüssen eigentlich ausbleiben. Es bliebe insofern rätselhaft, weshalb die Exklusion aus einem Teilsystem die Exklusion aus anderen wahrscheinlich macht, wie Luhmann selbst – zu Recht – behauptet.382 Das Rätsel löst sich jedoch auf, wenn man Luhmanns eigene, später leider nicht mehr weiterverfolgten Andeutungen zur universellen Relevanz des Geldes in der Moderne aus den frühen 1970er Jahren ernst nimmt und in eine sozusagen monetarisierte Theorie der In- und Exklusion systematisch integriert. Dies impliziert, die empirisch überholte These Luhmanns von der operativen Gleichrangigkeit und Geschlossenheit der verschiedenen Teilsysteme partiell aufzugeben und im Anschluss an die oben dargestellten Theorieumbauten Pauls und Schimanks vielmehr davon auszugehen, dass die Vollzüge der modernen Gesellschaft im Allgemeinen sowie die hier interessierenden Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Besonderen maßgeblich von ökonomischen Faktoren beeinflusst werden. Wie schon erwähnt, heißt das zwar ausdrücklich nicht, dass die spezifischen Funktionsrationalitäten der nicht-wirtschaftlichen Systeme von der Wirtschaft gänzlich ausgehebelt würden, wohl aber, dass die Räume, innerhalb derer sie Anwendung finden können, von ökonomischen Imperativen definiert werden. Demgemäß gehe ich hinsichtlich der Mechanismen sozialer In- und Exklusion davon aus, dass das Risiko gesellschaftlicher Ausgrenzung umso größer ist, je geringer die finanziellen Ressourcen eines Menschen sind, während wirtschaftlicher Wohlstand umgekehrt sehr wahrscheinlich auch mit einem vergleichsweise hohen Maß an Sozialintegration einhergeht.383 Dabei sprechen insbesondere zwei unmittelbar einleuchtende Gründe für die Marginalisierung und Exklusion von Millionen auch hier allein auf mangelnde Beziehungen oder persönliche Feindschaften zurückzuführen wäre wenig plausibel. Und zum anderen lässt sich mit dem Geld ein Medium identifizieren, dessen multidimensionale Fungibilität die Querverbindungen zwischen den Systemen – und damit eben auch die systemübergreifende Verkettung von In- und Exklusionen – ohne Rückgriff auf exogene Faktoren aus der Grundstruktur und inneren Funktionslogik der modernen Gesellschaft selbst erklären kann. Eben dies wird im Folgenden erläutert. 382 Vgl. ebd., S. 242; ders. 1996a, S. 228. 383 So auch Christoph Deutschmann: »Geld als universales Inklusionsmedium moderner Gesellschaften«, in: Rudolf Stichweh, Paul Windolf (Hg.): Inklusion und ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 147 Existenz eines so umrissenen Primats der Ökonomie: Erstens sind die direkten Folgen von Marginalisierung oder Exklusion im Fall des ökonomischen Systems schon für sich genommen weitaus gravierender, als dies bei anderen Systemen, zum Beispiel der Wissenschaft oder der Kunst, zu beobachten ist. Und zweitens beeinträchtigen die systemübergreifenden Effekte wirtschaftlicher Ausgrenzung die soziale Partizipation auch in nicht-wirtschaftlichen Systemen in der Regel sehr viel stärker, als dies umgekehrt der Fall ist. Diese Begründungen, die die gesamtgesellschaftliche Suprematie des ökonomischen Systems im Hinblick auf die hochgradig ungleiche Verteilung der individuellen Teilhabe- und Verwirklichungschancen belegen, gilt es nun, en détail zu analysieren und im Rahmen einer umfassenden Beschreibung der Mechanismen sozialer Inund Exklusion unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne systematisch zu entfalten. 3.2 Zum Primat des ökonomischen Systems a) Zahlungsfähigkeit: Existenzgrundlage des modernen Menschen Noch einmal kurz zusammengefasst bedeutet funktionale Differenzierung mithin nichts anderes als die Spezialisierung auf die optimierte, von anderen Tätigkeiten abgekoppelte Bearbeitung bestimmter, wechselseitig wenn schon nicht immer unverzichtbarer, so doch potentiell relevanter Aufgaben. Es handelt sich insofern um eine spezifische Form der Arbeitsteilung, die in der Moderne, wie gesehen, zur Ausdifferenzierung gesellschaftsweit institutionalisierter, funktionsspezifischer Handlungsbeziehungsweise Kommunikationszusammenhänge geführt hat.384 Doch hat diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung auf den darunter liegenden Ebenen zunächst einmal die auch historisch vorgängige Ausdifferenzierung kontextspezifischer Funktionsrollen (Priester, Richter, Schmied, Arzt usw.) zur Voraussetzung, »die durch den kontinuierlichen Vollzug einer zunächst nur situativ ausgegrenzten Tätigkeit gekennzeichnet sind.«385 Je fortgeschrittener und differenzierter diese spezifische Form der Arbeitsteilung ist, umso größer fallen die jeweiligen Leistungssteigerungen aus, die sich in den verschiedenen Aufgabenbereichen der Gesellschaft aus den Vorteilen der Spezialisierung insgesamt ergeben. Konsultierte man, um ein Beispiel zu nennen, im Mittealter noch ein und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit, Wiesbaden 2009, S. 223–239. 384 Andere, historisch frühere und (soweit man sehen kann) anthropologisch universelle Formen der Arbeitsteilung währen etwa geschlechts- oder altersspezifische. 385 Mayntz 1988, S. 20. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 148 dieselbe Person, wenn man entweder sein Pferd frisch beschlagen lassen wollte oder Zahnschmerzen hatte oder wenn das Pferd Zahnschmerzen hatte, so existieren heute für diese durchaus verschiedenen Belange je eigenständige Professionen (Hufschmiede, Zahnärzte und Tiermediziner), was von allen Beteiligten ohne Zweifel als Gewinn betrachtet wird. Neben diesen Effizienzgewinnen verändern sich durch funktionale Differenzierung aber auch die Beziehungen der Menschen zueinander. So erweitern sich in einer zunehmend differenzierten und arbeitsteilig aufgebauten Gesellschaft zumindest potentiell die Handlungsspielräume der Individuen, da zwar nicht die Notwendigkeit sozialer Bindungen an sich verschwindet, »die einzelnen aber mehr und mehr darin freigestellt sind, an wen sie sich binden.«386 Vor diesem Hintergrund charakterisiert Georg Simmel die fortschreitende Differenzierung der Gesellschaft als eine Entwicklung mit »der Tendenz auf Vermehrung der Freiheit«,387 da sie den Einzelnen mehr als je zuvor aus den traditionalen, eben nicht nur Sicherheit gewährenden, sondern auch beengenden Beziehungsformen herauslöst und so dem Prozess der Individualisierung Bahn bricht. Doch ob diese Entwicklung von den Menschen subjektiv tatsächlich als Vergrößerung ihrer individuellen Freiheit erfahren wird, oder ob in der sozialen Praxis nicht vielmehr die bedrohlichen, desintegrativen Effekte in den Vordergrund treten, dies hängt eben ganz entscheidend von den finanziellen Mitteln ab, die ihnen jeweils zur Verfügung stehen. Denn wie Paul mit Simmel deutlich macht – und ähnlich schon bei Émile Durkheim nachzulesen ist388 –, wachsen mit der fortschreitenden Arbeitsteilung notwendigerweise auch die (nunmehr weitgehend anonymisierten) wechselseitigen Abhängigkeiten der Menschen voneinander. Weil der moderne Mensch so gut wie nichts von dem, »was er zum täglichen Leben braucht, selber erzeugen oder auch nur herbeischaffen [kann]«, ist er »um ein Vielfaches abhängiger von den Diensten und Leistungen seiner Mitmenschen als alle vormodernen Existenzen« und deshalb »in fast allen Lebensvollzügen auf ein kompliziertes, unüberschaubares und – zumindest wenn es sich um eine Marktwirtschaft handelt – auch unkalkulierbares Räderwerk angewiesen.«389 Dabei liegt es auf der Hand, dass sich ein solch komplexes Differenzierungsniveau der Gesellschaft nur unter vollentwickelten geldwirtschaftlichen Bedingungen stabilisieren lässt, unter denen der erforderliche wirtschaftliche Austausch mittels Geld zuverlässig, flexibel und schnell abgewickelt werden kann. Denn 386 Paul 2004, S. 44, in Anlehnung an Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (= Gesamtausgabe, Bd. 11), 2. Aufl., Frankfurt/M. 1995, S. 458. 387 Ebd. 388 Siehe Émile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Frankfurt/M. 1992. 389 Paul 2004, S. 44. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 149 nur, wenn sich jedweder Bedarf an Gütern und Dienstleistungen mit Hilfe von Geld sicher und umgehend befriedigend lässt, können sich die einzelnen Individuen auch wirklich darauf einlassen, nur noch ganz bestimmte, nicht selten abseitige Spezialaufgaben zu erledigen (zum Beispiel nur noch Kranke zu pflegen, nur noch Schmetterlinge zu katalogisieren oder nur noch Kinder zu erziehen), ohne sich darüber hinaus um weitere beziehungsweise überhaupt um elementare Aspekte ihrer Subsistenz zu kümmern. Das aber heißt, dass die Ausdifferenzierung eines geldbasierten Wirtschaftssystems, welches die Güter- und Leistungsverteilung über Zahlungen reguliert und garantiert, eine nicht zu hintergehende Strukturvoraussetzung der modernen Gesellschaft als solcher darstellt. Insofern ist es kein Zufall, dass die (gleichwohl schwer zu datierenden) Anfänge der Verselbständigung ökonomischen, das heißt nur noch an seinen Geldfolgen orientierten Handelns – namentlich gegen- über Politik und Religion – auch historisch mit am weitesten zurückreichen.390 Verglichen mit den anderen Funktionssystemen nimmt die Wirtschaft somit eine Sonderrolle ein. Vor diesem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Strukturrelevanz des ökonomischen Systems ist es daher auch und gerade mit Blick auf die persönlichen Partizipations- und Verwirklichungschancen der Menschen nicht nachvollziehbar, wie Luhmann von der Gleichrangigkeit der verschiedenen Funktionssysteme ausgehen kann. Zwar ist zuzugeben, dass auch nicht-wirtschaftliche Funktionen aus Sicht des einzelnen ebenso wie für die Gesellschaft insgesamt von elementarer Bedeutung sind. So braucht es beispielsweise das Recht, namentlich das individuelle Vertrags- und Eigentumsrecht, um den geldvermittelten Austausch in der Marktwirtschaft für die Akteure einigermaßen berechenbar zu machen. Und das Recht wiederum braucht eine politische Instanz, die es, im Zweifel mit Gewalt, auch wirklich durchzusetzen imstande ist. Ferner können sich die Leistungen des medizinischen Systems für das subjektive Wohlbefinden als geradezu existentiell erweisen oder, wenn die Medizin mit ihrer Kunst am Ende ist, eben jene der Religion. Doch zunächst einmal ist es für den modernen Menschen ganz und gar unverzichtbar, ökonomisch inkludiert zu sein, das heißt über ausreichend Geld zu verfügen, um sich mit all den Gütern und Dienstleistungen versorgen zu können, die man für ein den gesellschaftlichen Erwartungsstrukturen entsprechendes Leben beziehungsweise zum Leben überhaupt benötigt. Dabei spielt es fürs erste allenfalls eine nebensächliche Rolle, ob das Geld nun 390 »Die Geldwirtschaft entzieht sich schon im Mittelalter der territorialpolitischen Kontrolle und organisiert eine internationale Arbeitsteilung, die ihrerseits das politische Schicksal der Territorien mitbestimmt. Die Einheit von imperium und dominum, von Befehlsgewalt und Landbesitz, geht verloren.« Luhmann 1998, S. 710. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 150 durch Erwerbsarbeit selbstverdient wurde, oder ob es einem in Form von familialen, sozialstaatlichen oder börsenbasierten Transfers als leistungsloses Einkommen »unverdientermaßen« zufließt. Das einzige, worauf es wirklich ankommt, ist die individuelle Zahlungsfähigkeit. Sie allein – und nicht mehr das Geschick des Jägers, die Findigkeit der Sammlerin oder die Zähigkeit des Bauern – ist die primäre Existenzgrundlage des modernen Menschen. Alles andere ist nachrangig. Beispielsweise nicht an der Produktion wissenschaftlich fundierter »Wahrheiten« teilnehmen zu können, ist den meisten egal. Keinen Sport treiben oder keine Museen besuchen zu müssen erscheint wenigstens vielen als Segen, und selbst ohne Fernsehgerät kann man theoretisch überleben. Kein Geld zu haben bedroht hingegen die individuelle Existenz, und schon deshalb ist festzustellen, dass die Teilhabe an wie die Ausgrenzung von der modernen kapitalistischen Konsumgesellschaft unter dem Primat der Wirtschaft steht, die Frage von sozialer In- und Exklusion heute also tatsächlich mehr als alles andere zu einer Frage des Geldes geworden ist. b) Zur intersystemischen Bedeutung des Geldes für die soziale In- und Exklusion Allerdings sind die unmittelbaren Konsequenzen wirtschaftlicher Ausgrenzung nicht nur für sich genommen bereits wesentlich bedrohlicher als jene, die aus möglichen Benachteiligungen in anderen Teilsystemen der Gesellschaft resultieren. Vielmehr zieht wirtschaftliche Ausgrenzung mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch weitere Exklusionseffekte in anderen Funktionszusammenhängen nach sich und strahlt insofern in die verschiedensten Teilbereiche der Gesellschaft aus. Besonders augenfällig werden die Ansteckungseffekte der Armut, wie in diesem Kapitel zu zeigen ist, am Erziehungssystem und eng damit verbunden an der Wissenschaft sowie ferner am Medizin-, Rechts- und Politiksystem, wobei die individuellen Folgen im Falle dieser zentralen Systeme auch in sozialpolitischer und gerechtigkeitsethischer Hinsicht von besonderer Tragweite sind. Doch auch im Falle der weniger prominenten Teilsysteme lassen sich teilweise gravierende Benachteiligungen, die durch Geldmangel hervorgerufen werden, feststellen. Sport und Kunst Als erstes soll das Sportsystem der Gesellschaft betrachtet werden.391 Grundsätzlich ist es zwar richtig, dass die Partizipation am Sport über 391 Zum Sport als ausdifferenziertem Funktionssystem der Gesellschaft siehe vor allem Uwe Schimank: »Die Entwicklung des Sports zum gesellschaftlichen Teilsystem«, in: Renate Mayntz u. a. (Hg.): Differenzierung und Verselbständigung. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 151 die passive Zuschauerrolle im Prinzip jedem offensteht, der zumindest über ein funktionierendes Fernseh- oder Radiogerät verfügt. Doch um selbst aktiv Sport treiben zu können (sei es in der primären Leistungsrolle des Profisportlers oder in der sekundären des Amateur- beziehungsweise Breitensportlers) braucht man in der Regel Geld, und je nachdem nicht eben wenig. Bei besonders exklusiven Sportarten wie dem Hochseesegeln oder Polo springt dieser Sachverhalt unmittelbar ins Auge, doch auch die meisten der sogenannten Volkssportarten wie Fußball, Radfahren, Skilaufen oder das immer beliebtere Training in kommerziellen Fitnessstudios (das in Deutschland mittlerweile sogar dem Fußball den Rang als Massensportart Nr. 1 abgelaufen hat)392 bedingen zum Teil ganz erhebliche finanzielle Aufwendungen. So sind nicht nur die mitunter hohen Vereins- und Studiomitgliedschaften zu bezahlen, auch aus der Anschaffung teurer und möglichst modischer Funktionsbekleidung sowie der weiteren Ausrüstung, ferner aus allfälligen Reparaturen, Anreisen, Liftpässen, Trainerstunden bis hin zu privat zu finanzierenden sportmedizinischen Untersuchungen und darauf aufbauenden individuellen Trainings- und Ernährungsplänen (die sich selbst unter Breitensportlern wachsender Beliebtheit erfreuen) entstehen fortwährend Kosten, die sich im Laufe des Jahres leicht auf Tausende von Euro aufsummieren können. Selbst vergleichsweise günstige Sportarten wie das Laufen oder Nordic Walking – die allerdings gerade auf Jugendliche angesichts attraktiver erscheinender Trendsportarten wie Snowboarden, Inlineskaten oder das Mountainbiken oftmals nur wenig Anziehungskraft ausüben – erfordern jedenfalls dann, wenn sie regelmäßig, bei jedem Wetter und ohne gesundheitliche Folgeschäden zu provozieren betrieben werden sollen, Ausgaben in Höhe von mehreren Hundert Euro pro Jahr für gute Laufschuhe und die entsprechende Bekleidung. Es evident, dass solche Beträge, die schon für Durchschnittsverdiener eine spürbare Belastung darstellen können, für Personen, deren Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt, normalerweise nicht zu schultern sind.393 Genau das bedeutet aber Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt/M. / New York 1988, S. 181–232; ferner Rudolf Stichweh: »Sport – Ausdifferenzierung, Funktion, Code«, in: Sportwissenschaft, 20/1990, S. 373–389. 392 Einer Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte zufolge waren Ende 2011 mehr als 7,3 Millionen Mitglieder in einer der rund 7.300 Fitnessanlagen in Deutschland aktiv. Vgl. Presseportal: »Fitnesswirtschaft wird bunter. Deloitte/DSSV-Studie ›Der Deutsche Fitnessmarkt 2012‹: Fitnessangebote vielseitiger als je zuvor«, http://www.presseportal.de/pm/60247/2224028 (23.03.16). Dem stehen nach Angaben des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aktuell nur 6,9 Millionen Fußballer gegenüber. Vgl. Deutscher Fußball-Bund: »Mitglieder-Statistik«, http://www.dfb.de/index.php?id=11015 (23.03.16). 393 Einem erwachsenen Hartz IV-Empfänger zum Beispiel stehen nach dem am 01. Januar 2011 in Kraft getretenen Gesetz zur Ermittlung der Regelbedarfe nach § TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 152 nichts anderes, als dass zumindest über die aktive Teilhabe am Sportsystem der Gesellschaft keineswegs allein nach Maßgabe der persönlichen Leistungsbereitschaft und -fähigkeit entschieden wird, sondern dass diesen funktionssystemspezifischen Kriterien vielmehr das eigentlich systemfremde Selektionskriterium der individuellen Zahlungsfähigkeit gleichsam als Filter vorgeschaltet ist, der darüber entscheidet, welche Sportarten für wen möglich (und das heißt eben zunächst einmal: finanzierbar) sind und die allzu Zahlungsschwachen gleich ganz aussiebt.394 Diesen bleibt dann lediglich die passive Zuschauerrolle, und auch das meist nur vor ihrem Fernsehapparat. Sehr Ähnliches lässt sich für die Kunst der Gesellschaft sagen. Zunächst einmal ist mit Pierre Bourdieu in Erinnerung zu rufen, dass sich das Interesse und Verständnis für die Kunst als integraler Bestandteil dessen, was in einer Gesellschaft als legitime Hochkultur betrachtet wird, mitnichten gleichmäßig über alle Gesellschaftsschichten verteilt. Vielmehr ist schon die Bestimmung dessen, was überhaupt als Kunst zu gelten hat, das Ergebnis von der Oberschicht beherrschter Distinktionsarbeit, wie auch die 28 des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch 39,96 Euro monatlich für Freizeit, Unterhaltung und Kultur zur Verfügung, wovon auch etwaige Ausgaben für sportliche Aktivitäten bestritten werden müssen. Für Kinder und Jugendliche liegt der entsprechende Betrag bei 35,93 Euro (0–6 Jahre), 41,33 Euro (6–14 Jahre) beziehungsweise 31,41 Euro (14–18 Jahre; sic!), wobei Kinder unter 18 Jahren gegebenenfalls Zusatzleistungen aus dem sogenannten Bildungspaket in Höhe von monatlich 10 Euro (zum Beispiel für Vereinsmitgliedschaften oder Musikunterricht) beziehen können. Angesichts derart knapp bemessener Beträge ist evident, dass der Spielraum für die individuelle Freizeitgestaltung ausgesprochen eng ausfällt und sportliche Aktivitäten, die ja nur einen Teil davon ausmachen, allenfalls in sehr begrenztem Umfang zulässt. Siehe hierzu detailliert den Deutschen Bundestag: Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und FDP. Entwurf eines Gesetzes zur Ermittlung von Regelbedarfen und zur Änderung des Zweiten und Zwölften Buches Sozialgesetzbuch, Drucksache 17/3404, 26. Oktober 2010, S. 61, 72, 79, 85, 106. 394 Generell bestätigen empirische Untersuchungen, dass das gesamte Freizeitverhalten, also nicht nur der Sport, auch und gerade in der individualisierten Konsumgesellschaft keineswegs allein von subjektiven Präferenzen und Lebensstilen bestimmt wird, sondern maßgeblich vom verfügbaren Einkommen abhängt und insofern als struktureller Ausdruck der jeweiligen sozialen Lage zu deuten ist. Siehe hierzu Bettina Isengard: »Freizeitverhalten als Ausdruck sozialer Ungleichheiten oder Ergebnis individualisierter Lebensführung?«, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 57/2005, H. 2, S. 254–277. Zum spezifischen Einfluss des familialen Sozialstatus auf die Teilhabe am Sportsystem sowie die sportmotorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen siehe zudem die Studie von Markus Klein u. a.: »Sozialstatus, Sportpartizipation und sportmotorische Leistungsfähigkeit«, in: Sport und Gesellschaft, 8/2011, H. 1, S. 54– 79. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 153 subjektive Entwicklung des dazu passenden und insofern legitimen Geschmacks im Verlauf der Sozialisation durch die soziale Herkunft prädisponiert wird. Das bedeutet, dass zwar nicht immer die Produktion, wohl aber die Definition und Rezeption – mithin nicht weniger als die Bedingungen jedes künstlerischen Erfolgs – als Ausdruck schichtspezifischer Unterscheidungs- und Abgrenzungsprozesse zu verstehen sind.395 Doch auch die Ausbildung und Schulung eigener Kunstfertigkeit – und sei es nur als mehr oder minder begabter Laie – wird maßgeblich durch die soziale Lage des Elternhauses beeinflusst, und zwar nicht nur deshalb, weil eben die subjektive Entwicklung der entsprechenden Präferenzen und des Geschmacks davon abhängt, sondern auch, weil sie in aller Regel nicht umsonst ist. Besonders augenfällig wird dies zum Beispiel an den Gattungen der Musik oder des Tanzes, insbesondere des klassischen Balletts, denn um es in diesen Feldern über das Mittelmäßige oder Populäre hinaus wirklich zu etwas zu bringen, reicht bloße Begabung nicht aus. Vielmehr ist es, dem Leistungssport vergleichbar, unerlässlich, von Kindesbeinen an kontinuierlich zu üben und dabei über viele Jahre hinweg von erfahrenen Lehrern unterrichtet zu werden. Die Kosten, die daraus entstehen, steigen mit wachsendem Niveau und können sich bereits bei Anfängern und Schülern ohne professionelle Ambitionen spielend auf weit über 100 Euro monatlich belaufen. Dazu kommen im Falle der Musik dann noch die Anschaffungskosten für das Instrument (eine Ausnahme mag vielleicht der Gesang sein, doch auch hier ist das Vorhandensein eines Klaviers für Stimmübungen oder zur Begleitung hilfreich), die zwar nur einmalig oder wenigstens in relativ großen Abständen anfallen, je nach Instrument aber leicht in die Tausende gehen können.396 Wenn dann die Kandidatinnen und Kandidaten, die eine künstlerische Karriere anstreben, schließlich zu den Aufnahmeprüfungen der Hochschulen für Musik und Tanz erscheinen, haben sie normalerweise also nicht nur selbst ungezählte Übungsstunden, sondern ihre Eltern zudem auch beträchtliche Summen investiert, um ihnen diese (freilich vage) Chance zu ermöglichen. Man sieht also ganz ähnlich wie beim Sport, dass jedenfalls die aktive Partizipation am Kunstsystem in weiten Teilen auch finanzielle Voraussetzungen hat, die in der Regel erfüllt sein müssen, bevor 395 Siehe hierzu Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1982. 396 Angesichts dessen wird auch sehr schnell klar, wie beschränkt die Effekte des vom deutschen Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) aufgelegten »Bildungspakets« nur sein können. Dieses soll zwar, wie vollmundig proklamiert wird, auch armen Kindern das Mitmachen bei Sport, Spiel und Kultur ermöglichen, doch tatsächlich werden etwa für Vereinsbeiträge oder die Kosten der Musikschule gerade einmal 10 Euro pro Monat übernommen. Das ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Zum Bildungspaket siehe die entsprechende Website des BMAS, http://www.bildungspaket.bmas.de/ (23.03.16). TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 154 spezifisch künstlerische Kriterien wie individuelle Begabung, Kreativität und Können überhaupt zur Anwendung kommen. Personen aus armen Familien sind demnach wiederum benachteiligt, da ihnen auch in der Kunst oftmals nur die inaktive Rolle des (Fernseh-)Zuschauers übrigbleibt. Die Folgen dieser Chancenungleichheit bleiben dabei keineswegs auf das Sport- und Kunstsystem beschränkt, sondern sind, wie noch zu sehen sein wird, auch im Gesundheits- und Bildungssystem als schichtspezifische Selektionsverstärker nachweisbar. Massenmedien, Religion und Familien Ein wenig anders verhält es sich dagegen mit dem System der Massenmedien – das heißt Print, Hörfunk, Fernsehen und digitale Medien –, dessen Funktion darin besteht, über die den unmittelbaren Beobachtungs- und Interaktionsrahmen des einzelnen übersteigende Realität zu informieren. Wenn schon nicht alles, wie Luhmann meint, so doch das meiste dessen, »was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir über die Massenmedien.«397 Ihnen kommt in der modernen Gesellschaft somit eine sehr zentrale Stellung zu. Was nun die Mechanismen sozialer In- und Exklusion betrifft, ist festzustellen, dass das Mediensystem im Unterschied zu Sport und Kunst, die neben den primären Leistungsrollen des Profisportlers oder Künstlers eben noch jene sekundären der aktiv partizipierenden Amateure und Laien als Alternative zur reinen Publikumsrolle offerieren, bislang keine vergleichbaren Alternativrollen ausgebildet hat.398 Die breite Masse der Bevölkerung, die nicht als Mediaplaner, Journalist, Rundfunksprecher usw. tätig ist, wird somit als passives Publikum inkludiert. Während aber der Zugang zu einer professionellen Funktionsrolle (wie in praktisch allen Berufsfeldern) 397 Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien, 2., erw. Aufl., Opladen 1996b, S. 9. 398 Margot Berghaus bemerkt, dass daran auch Leserbriefe, Anrufe oder Emails an Hörfunk- und Fernsehstationen im Prinzip nichts änderten, da sie Ausnahmen blieben oder gezielt inszeniert und ins Programm integriert würden. Vgl. dies.: »Die Massenmedien der Gesellschaft – beobachtet von Niklas Luhmann«, in: Gunter Runkel, Günter Burkart (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, Wiesbaden 2005, S. 195–221, hier S. 197. Andererseits könnte man vielleicht auch einwenden, dass bestimmte Formen sogenannter Blogs, die sich seit den 2000er Jahren sehr schnell im Internet verbreitet haben, inzwischen durchaus die systematische Gelegenheit bieten, eine Alternativrolle zu jener der professionellen Medienmacher einerseits und des lediglich rezipierenden Publikums andererseits einzunehmen. Hieran lassen sich interessante Fragestellungen, etwa zur möglichen Rolle privater Blogs für die Entwicklung hin zu einer demokratischeren Öffentlichkeit, anschließen. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 155 von einer möglichst erfolgreichen Bildungskarriere abhängt,399 die wiederum entscheidend von sozioökonomischen Faktoren beeinflusst wird – ich komme darauf zurück –, erweist sich die Inklusion des Publikums als weitgehend voraussetzungslos. Dies wird nicht allein durch erstaunlich flexible Niveauanpassungen erreicht, sondern auch durch die breite, fast omnipräsente Verfügbarkeit medialer Angebote, auf die auch einkommensschwache Personengruppen in aller Regel Zugriff haben.400 Allerdings sollte das weitgehende Fehlen ökonomischer Zugangsbarrieren nicht darüber hinwegtäuschen, dass das konkrete Nutzungsverhalten der Medienkonsumenten indirekt, das heißt wiederum vermittelt insbesondere durch die Bildung, sehr wohl von sozioökonomischen Aspekten tangiert wird. Von einiger Bedeutung ist dies nicht zuletzt deshalb, weil Information, schon aus Gründen begrenzter Zeit und Aufnahmekapazitäten, notwendig Selektion zur Voraussetzung hat (worüber soll informiert werden und wie?), die Massenmedien also nicht nur informieren, sondern auch selegieren. Sie berichten über dies und lassen jenes aus, produzieren also immer nur ein fragmentarisches und potentiell manipulatives Bild der Wirklichkeit. An diesem Problem lässt sich im Kern zwar nichts ändern, doch wirft es gerade deshalb namentlich in demokratischen Gesellschaften und mit Blick auf das Ideal des mündigen Bürgers sogleich die Frage auf, wie man vernünftig damit umgehen kann. Ein gewisses Maß an kritischer Distanz, die Fähigkeit zur Reflexion der Inhalte, die Nutzung möglichst vielfältiger Informationskanäle und grundsätzlich die gezielte Auswahl der konsumierten Medienangebote nach Maßgabe kriteriell vielleicht nicht wissenschaftlich-exakt, in der konkreten Alltagspraxis gleichwohl leicht festzustellender Qualitätsunterschiede, kurz: ein gerüttelt Maß an Medienkompetenz erscheint in diesem Kontext ganz unverzichtbar, um das überbordende Angebot der Massenmedien sinnvoll für sich zu nutzen und auf diesem Wege zu einem möglichst differenzierten und wirklichkeitskongruenten Bild der Welt zu gelangen. Das Bildungs- und Kulturkapital des Einzelnen spielt hier eine alles entscheidende Rolle. Doch wie man von Bourdieu lernen 399 Beim Film und Fernsehen gibt es immerhin eine gewisse Chance, geringe bis fehlende Qualifikationen durch physische Merkmale zu kompensieren. 400 In Deutschland haben Hartz IV-Empfänger beispielsweise einen gesetzlichen Anspruch auf einen Internet- und Fernsehanschluss, womit umfassende Informationsmöglichkeiten in der Regel gewährleistet sind. Da die Mehrheit der Tagesund Wochenzeitungen zudem viele ihrer Artikel kostenlos online stellen und im Radio regelmäßig Presseschauen ausgestrahlt werden, ist damit auch der Zugang zur Presse impliziert. Hinzu kommt, dass fast jede größere Stadt (bislang wenigstens) über öffentliche Bibliotheken verfügt, die kostenlos oder zu moderaten Konditionen genutzt werden können. Alles in allem wird man demnach davon ausgehen können, dass in westlichen Ländern die Nutzung der Massenmedien normalerweise auch einkommensschwachen Personen möglich ist. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 156 kann (und später noch sehen wird), ist eine wesentliche Grundlage des kulturellen Kapitals eben das ökonomische.401 Nun zur Betrachtung des Religionssystems der Gesellschaft. Ganz ähnlich wie das Mediensystem ist auch die Religion durch die in der Praxis weitgehend ungebrochene Dichotomie von wenigen religiösen Führern einerseits und der großen Mehrheit führungsbedürftiger Laien andererseits geprägt. Man ist also entweder Hirte oder Herdenmitglied, daneben gibt es in der Regel wenig Raum für Uneindeutigkeit. Dabei resultiert das eigentlich erstaunliche, im Kern allen Reformbemühungen bis heute widerstrebende Beharrungsvermögen der (in der Moderne lediglich pluralisierten)402 religiösen Rollendichotomie aus dem Umstand, dass ihre Preisgabe letztlich auf die völlige Beliebigkeit der individuellen Glaubensbekenntnisse hinausliefe. Das aber wäre nicht nur für den solcherart entmachteten Klerus, sondern auch und gerade für die fortan auf sich selbst verwiesenen Gläubigen ausgesprochen unbefriedigend. Denn wie sollte ein nur noch je für sich praktizierter Glauben, der nicht mehr von gemeinschafts- und gewissheitsstiftenden Kollektivritualen getragen und stets aufs neue bestärkt würde, dessen eigene Kontingenz also völlig unverdeckt zutage träte, mit der irreduziblen Kontingenz des Lebens und der Welt fertig werden? Dies setzte eine Festigkeit der individuellen Überzeugungen voraus, die wohl nur von Heiligen aufgebracht wird. Normalsterblichen indes kann hier die spirituelle Führung durch bereits Erleuchtete und das Sicheinfügen in die Gemeinschaft der Gläubigen helfen, persönliche Zweifel zu kompensieren und Sicherheiten dort immerhin zu simulieren, wo Kontingenz und Endlichkeit ansonsten unerträglich schienen. Darin, das heißt in der phantasievollen Bewältigung irreduzibler Kontingenz und Endlichkeit durch die Gemeinschaft, ist die wesentliche Funktion und nach wie vor anhaltende Attraktivität der Religion (in welcher spezifischen Form auch immer) begründet. Entscheidend ist nun, dass die Inklusion ins Religionssystem (darin wiederum den Massenmedien ähnelnd) zumindest über die Publikumsrolle so gut wie keine Voraussetzungen hat.403 Mehr als das Bekenntnis zur geltenden 401 Vgl. Pierre Bourdieu: »Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital«, in: Reinhard Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten (= Soziale Welt, Sonderband 2), Göttingen 1983, S. 183–198. 402 Im modernen »Supermarkt der Religionen« hat zwar die Vielfalt möglicher Glaubensbekenntnisse zugenommen (sowie die Freiheit, unter ihnen zu wählen oder nicht), doch kommen die wenigsten ohne spirituelles Führungspersonal aus. Anstelle des Pfarrers konsultiert man in religiösen Angelegenheiten nun eben den Zen-Meister, Schamanen oder Yogalehrer, jedenfalls einen (in geschäftlichen Dingen übrigens nicht selten überraschend weltlich agierenden) Ortskundigen, der einem den rechten Weg weist. 403 Die Inklusion über eine Leistungsrolle hingegen (Priester usw.) setzt natürlich sehr wohl gewisse Qualifikationen voraus, die, so sie an entsprechende ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 157 Lehre wird gemeinhin nicht verlangt und insbesondere finanzielle Hürden fehlen.404 Auch die Exklusion aus anderen Teilsystemen beeinträchtigt die religiöse Partizipation normalerweise nicht. Ganz im Gegenteil stellt die Religion gerade für jene »beschädigten Subjekte«, die in der ansonsten durch und durch ökonomisierten Gesellschaft überfordert, entwertet und ausgegrenzt werden, eine Art geistliches Refugium dar, in dem sie für ihre reale Misere wenigstens auf spirituelle Linderung hoffen können. Während also das Mediensystem den deprivierten Randfiguren der Gesellschaft, die ansonsten kaum noch andere Möglichkeiten haben, (soll man sagen: immerhin?) das schale Gefühl der virtuellen Teilhabe am sozialen Leben vermittelt, bietet ihnen die Religion sozusagen spirituellen Unterschlupf. Vor allem aber repräsentiert das Familiensystem der Gesellschaft, das insofern »gegenstrukturell« aufgebaut ist, als es sich gegen die modernen Imperative der Rationalisierung und Maximierung sperrt, das eigentliche Rückzugsgebiet der Individuen.405 Dabei ist es interessant zu sehen, Zertifizierungen durch das Bildungssystem (beispielsweise einen Abschluss in Theologie) gekoppelt sind, wiederum auch von sozioökonomischen Faktoren beeinflusst werden. 404 Einwenden könnte man zwar, dass speziell die Angebote neuerer religiöser Bewegungen – zum Beispiel transzendentale Meditationsseminare, Yogakurse, Auditings usw. – durchaus mit teilweise hohen Kosten verbunden sein können. Auch kann es vorkommen, dass Religionen bestimmte Personengruppen, etwa aus ethnischen Gründen oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, diskriminieren. Doch zeichnet sich das Religionssystem der modernen Gesellschaft eben gerade durch die Vielgestaltigkeit seiner Angebote aus, sodass gewissermaßen für jeden Geldbeutel und Geschmack etwas dabei sein sollte. 405 Ich möchte an dieser Stelle nur kurz auf die in der systemtheoretischen Literatur oftmals gemachte Unterscheidung zwischen Familie und Intimsystem hinweisen, sie im Text aber nicht weiter vertiefen, da sie mir für den Verlauf meiner Argumentation ohne Belang erscheint. Intimbeziehungen bezeichnen einfach Liebesbeziehungen zwischen Erwachsenen, die in der bürgerlichen Gesellschaft freilich auch als konstitutiver Bestandteil von Familien (ganz gleich, welche konkrete Form diese annehmen) unterstellt werden. Familien umfassen darüber hinaus aber auch die Liebe zwischen Eltern und Kind, sodass in ihnen beide Arten der Liebe integriert werden. Zu erwähnen ist ferner, dass Luhmann die Familien zwar häufig als Funktionssystem bezeichnet (zum Beispiel in Aufzählungen der verschiedenen Teilsysteme der Gesellschaft), sich aber an keiner Stelle ausführlich mit ihnen beschäftigt. Ein Buch mit dem Titel Familie der Gesellschaft fehlt jedenfalls in der entsprechenden Reihe, wie Günter Burkart bemerkt. Gleichwohl zeigt Burkart, dass sich die Gesamtheit der Familien auf systemtheoretischer Basis durchaus sinnvoll als Funktionssystem der Gesellschaft beschreiben lässt. Siehe hierzu seinen instruktiven Beitrag: »Die Familie in der Systemtheorie«, in: ders., Gunter Runkel (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, Wiesbaden 2005, S. 101–128. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 158 dass die Familien diese besondere Rolle erst nach dem Verlust ihrer in vormodernen Zeiten »zentrale[n] Stellung als multifunktionale Institution« übernehmen konnten.406 Erst die sukzessive Auslagerung vormals familialer Aufgaben wie der ökonomischen Produktion, der politischen Herrschaft, der Rechtsprechung oder der Bildung, in eigens darauf spezialisierte Funktionssysteme entlastete die Familien so weit, dass sie sich zumindest idealiter zu jenen auf Liebe gegründeten intimen Schutzräumen entwickeln konnten, als welche sie die Semantik des Bürgertums seit dem Ende des 18. Jahrhunderts beschreibt. Ihre neben der biologischen Reproduktion wichtigsten Funktionen sind dabei die Primärsozialisation der Kinder sowie die psychische Stabilisation und Regeneration der Individuen, die nur hier als »Vollperson«, das heißt unter Berücksichtigung all ihrer verschiedenen Facetten personaler Identität und Befindlichkeit inkludiert werden. Während Personen in allen anderen Systemen immer nur partiell, also mit Blick auf spezifische Funktionszusammenhänge kommunikative Berücksichtigung finden – etwa als Bankkauffrau und dann eben nicht als Triathletin, Gläubige, Greenpeace-Aktivistin oder Verkehrssünderin –, kann in Familien beziehungsweise Intimbeziehungen im Prinzip alles thematisiert werden, sofern es für die Beteiligten nur irgendwie relevant ist.407 Es fehlt also gerade jene thematische Konzentration, die für die anderen Funktionssysteme konstitutiv ist, und befördert dadurch das psychologisch außerordentlich wichtige subjektive Gefühl, zumindest für bestimmte andere als ganzer Mensch von Bedeutung zu sein. Diese verbliebenen und intensivierten familialen Funktionen sind nicht nur für die Individuen selbst ganz und gar unentbehrlich, sondern auch für die anderen Teilsysteme beziehungsweise die Gesellschaft als Ganze. Denn ohne die reproduktiven und für den Aufbau von Weltvertrauen sowie die gesamte Persönlichkeitsentwicklung elementaren primärsozialisatorischen Leistungen, die nach wie vor hauptsächlich innerhalb der (wie auch immer zusammengesetzten) Familien erbracht werden, kann die Gesellschaft nicht existieren. Und ohne die emotionalen Haltepunkte, welche stabile Intimbeziehungen bieten, fiele es auch Erwachsenen sehr viel schwerer, mit Schicksalsschlägen und einer oftmals problemreichen und wechselhaften Umwelt zurechtzukommen.408 Insofern kann man es mit Luhmann als eine essentielle Funktion der Familien beziehungsweise Intimsysteme betrachten, den anderen Systemen die zuverlässige Rekrutierung diesbezüglich »abgesättigter, ausgeglichener und leistungsfähiger Persönlichkeiten« allererst zu ermöglichen.409 406 Ebd., S. 101. 407 Vgl. hierzu ebd., S. 112–118. 408 Vgl. Niklas Luhmann: Liebe. Eine Übung, Frankfurt/M. 2008c, S. 23f. 409 Ebd., S. 69. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 159 Im Unterschied zu allen anderen Teilsystemen der funktional differenzierten kapitalistischen Gesellschaft ist die den sozialen Erwartungsstrukturen entsprechende Inklusion ins Familiensystem sowohl über die Leistungsrollen (Liebende, Eltern) als auch über die entsprechende Komplementärrollen (Geliebte, Kinder) vergleichsweise frei von ökonomischen Barrieren. Unmittelbar ersichtlich ist dies im Falle der Kinder, aber auch die Gründung einer Familie ist in der Moderne – anders als noch im Mittelalter – kein Privileg mehr, von dem die Armen grundsätzlich ausgeschlossen wären, von der Liebe ganz zu schweigen.410 Zwar ist es richtig, dass die Partnerwahl nach wie vor von Schichtspezifika beeinflusst wird, wobei wirtschaftliche Erwägungen zumindest auch (offenbar sogar wieder verstärkt) eine Rolle spielen.411 Doch führt dies in der Tendenz eben allenfalls zu endogamen Heirats- und Reproduktionsmustern (und damit zur Kontinuierung sozialer Ungleichheit), nicht aber zur prinzipiellen Exklusion finanzschwacher Bevölkerungsgruppen vom System der Familien und Intimbeziehungen an sich. Weiterhin trifft es auch zu, dass sich chronische Geldsorgen zu einer schweren und konfliktträchtigen psychosozialen Belastung für die einzelnen Familienmitglieder und ihre Beziehungen zueinander auswachsen können, was sich besonders nachteilig auf die individuellen Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen auswirkt und ihre Aussicht jedenfalls auf eine erfolgreiche Partizipation an anderen Systemen signifikant beeinträchtigt. Andererseits ist aber auch hier wieder entgegenzuhalten, dass dies keineswegs zwingend mit dem Ausschluss aus familialen beziehungsweise Intimbeziehungen einhergehen muss, und dass im Gegenteil gerade die familialen Nahbeziehungen oftmals eine der wenigen übriggebliebenen Ressourcen für arme und damit exklusionsgefährdete Bevölkerungsgruppen darstellen, aus denen sie auch dann noch wirtschaftliche und vor allem soziale Unterstützungsleistungen erhalten, wenn nicht-verwandtschaftliche Beziehungsnetzwerke längst zum Erliegen gekommen sind. Insofern bleibt festzustellen, dass Armut Familien zwar massiv unter Druck setzt und die Erfüllung ihrer elementaren Funktionen, das heißt der Kleinkindersozialisation einerseits und der psychisch-emotionalen Stabilisierung ihrer Mitglieder andererseits, erheblich erschwert, gleichwohl aber den Zugang zu trotzdem oder gerade darum als innig und wertvoll erfahrenen Familien- und Intimbeziehungen nicht ausschließt. 410 Tatsächlich weisen Studien schon seit längerem darauf hin, dass Frauen in unteren Bildungs- und Einkommensschichten sogar mehr Kinder gebären als Frauen aus der Mittel- und Oberschicht. Vgl. Carsten Germis, Inge Kloepfer: »Geburtenschwund. Wo kommen die Kinder her?«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.04.2009. 411 Vgl. Markus Grabka: »Ärzte heiraten keine Krankenschwestern mehr«, in: Süddeutsche Zeitung vom 26.06.2009. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 160 Erziehungssystem Ganz anders verhält es sich dagegen mit den Funktionssystemen der Erziehung, Wissenschaft, Medizin, des Rechts und der Politik. Denn in diesen Systemen, die für die moderne Gesellschaft und für die persönliche Inklusion in selbige von besonders großer Bedeutung sind, hängen die individuellen Partizipations- und Verwirklichungschancen (und zwar sowohl im Rahmen der Leistungs- als auch der Komplementärrollen) in einem Maße von den jeweils zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln ab, dass anhaltende Armut eine, zumindest an den geltenden Normalitätserwartungen der Gesellschaft bemessen, akzeptable Teilhabe oftmals unmöglich macht. Die Betroffenen scheitern also an den soziokulturellen Vorgaben der Gesellschaft beziehungsweise werden durch ihre ökonomisch deprivierte Lebenslage in eine Situation gebracht, die Konflikte mit diesen Vorgaben relativ wahrscheinlich macht. In diesem Sinne sind sie dann von einer normalen Teilhabe an den genannten Systemen aus strukturellen Gründen exkludiert. Dazu wird zunächst das schulisch organisierte Erziehungssystem der Gesellschaft betrachtet. Die absichtsvolle, von entsprechenden Programmen (Curricula) angeleitete professionelle Erziehung in eigens darauf spezialisierten Organisationen [Kindergarten, (Berufs-)Schule, Volkshochschule, Universität usw.] ist in der Moderne notwendig geworden, weil die bloß en passant mitlaufende Sozialisation beziehungsweise die mehr oder weniger planlose Erziehung durch Laien (Eltern, Großfamilie, Dorfgemeinschaft) in der Regel nicht mehr ausreicht, um die nachwachsende Generation auf die komplexen Verhaltensanforderungen der funktional differenzierten Gesellschaft adäquat vorzubereiten.412 Neben der Entwicklung soziokultureller Grundkompetenzen, die in den verschiedensten Lebensbereichen relevant und hilfreich sind, hat insbesondere die Übernahme einer Leistungsrolle in einem der Funktionssysteme in der Mehrzahl der Fälle eine umfangreiche, teils viele Jahre dauernde und durch entsprechende Nachweise positiv zertifizierte Bildungskarriere zur unverzichtbaren Voraussetzung. Da viele dieser Leistungsrollen zudem als sekundäre Leistungsbeziehungsweise Berufsrollen strukturell an das Beschäftigungssystem der Wirtschaft gekoppelt sind und die dort zu erzielende Lohnhöhe wiederum maßgeblich vom persönlichen Qualifikationsniveau abhängt, repräsentiert die erfolgreiche (Aus-)Bildung der Individuen zwar nicht das einzige, wohl aber eines der wichtigsten Regulative zumindest für die 412 Zum Erziehungssystem der Gesellschaft siehe vor allem Niklas Luhmanns posthum veröffentlichte Monographie: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt/M. 2002. Einen guten Überblick über die teils verstreuten Beiträge Luhmanns zu einer Theorie der Erziehung gibt Saldern 2005. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 161 Verteilung der Erwerbseinkommen.413 Tatsächlich gehen »ökonomische Schätzungen für Deutschland […] von (privaten) Bildungsrenditen in Höhe von 7–10 Prozent pro Bildungsjahr aus.«414 Benachteiligungen im Erziehungssystem produzieren demnach systematisch weitere Benachteiligungen im Wirtschaftssystem. Alles in allem ist dem Erziehungssystem der Gesellschaft somit sowohl für das reibungslose Funktionieren der Systeme als auch für die beruflichen und außerberuflichen Inklusions- und Lebenschancen der Individuen eine außerordentlich große Bedeutung zu attestieren. Historisch lassen sich die Anfänge der Ausdifferenzierung des Erziehungssystems auf das 18. Jahrhundert datieren, als die meisten europäischen Staaten mit der Errichtung öffentlicher Schulen begannen, um auf den gestiegenen Ausbildungsbedarf in der zunehmend arbeitsteiligen und marktorientierten Ökonomie, ferner jedoch auch auf den wachsenden Bedarf an professionellen Mitarbeitern in der bürokratisierten Staats- und Kirchenverwaltung zu reagieren.415 Die Motive waren demnach überwiegend instrumenteller Natur. Hinzu kamen allerdings humanistische Strömungen, welche, geprägt von einflussreichen Denkern wie Johann Gottfried Herder oder Wilhelm von Humboldt, die universelle Bildung des selbstbestimmten, aufgeklärten Individuums zum eigenständigen Ideal erhoben, welches insbesondere in den Reihen des gesellschaftlich erstarkenden Bürgertums großen Anklang fand. Für unterbürgerliche Schichten indes, vor allem für Arbeiter und Bauern (und im Übrigen auch für Frauen), blieb der Zugang zu höherer, insbesondere universitärer Bildung bis tief ins 20. Jahrhundert hinein weitestgehend versperrt. Ungeachtet des demokratischen, in der Bundesrepublik sogar grundrechtlich fixierten Postulats der Chancengleichheit, demzufolge allen Bürgerinnen und Bürgern die gleichen Bildungs- und Aufstiegschancen offenstehen sollen, firmierte das »katholische Arbeitermädchen vom Lande« noch in der bundesdeutschen Bildungsdebatte der 1960er Jahre als idealtypische Verkörperung der zentralen Ungleichheitsdimensionen beim Bildungszugang.416 Doch während religionsbezogene, regionale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten dank der fortschreitenden Bildungsexpansion seitdem erheblich reduziert wurden – beispielsweise studieren an deutschen Hochschulen inzwischen etwa genauso viele Frauen wie Männer –, haben sich herkunftsbezogene Ungleichheiten (die im 413 Zur Kopplung funktionsspezifischer Leistungsrollen (Journalist, Lehrer, Arzt, Rechtsanwalt usw.) und Wirtschaftssystem über die Form der professionellen Erwerbsarbeit siehe Stichweh 1988, S. 284. 414 Steffen Hillmert: »Soziale Inklusion und Exklusion: Die Rolle von Bildung«, in: Rudolf Stichweh, Paul Windolf (Hg.): Inklusion und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit, Wiesbaden 2009, S. 85–100, hier S. 87. 415 Vgl. Luhmann 2002, S. 111f. 416 Vgl. Hillmert 2009, S. 90. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 162 Prinzip überall zu beobachten sind, in Deutschland aber deutlicher als in vielen anderen Ländern) als ausgesprochen persistent erwiesen.417 Dies zeigt sich beispielsweise an der starken Korrelation zwischen der für alle weiteren Bildungsschritte so bedeutsamen Lesekompetenz von Schulkindern und dem sozialen Status ihrer Familie, die in keinem anderen von PISA untersuchten Land so ausgeprägt ist, wie in Deutschland.418 Ferner ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder aus sozioökonomisch schlechtgestellten Familienverhältnissen ein Gymnasium besuchen, nach wie vor deutlich geringer als die von Kindern, die einen hohen sozioökonomischen Hintergrund haben.419 Und während die Chance, ein Studium aufzunehmen für Kinder, deren Väter selbst über einen Hochschulabschluss verfügen, bei ganzen 83 % liegt, beträgt sie für Kinder ohne studierte Väter lediglich 23 %.420 Die Liste ließe sich verlängern, doch schon diese wenigen Beispiele belegen, dass die soziale Herkunft für die individuellen Erfolgsaussichten im Erziehungssystem – und damit eben auch für die persönlichen Berufs- und Aufstiegschancen – von entscheidender Bedeutung ist. Fern von der demokratischen Idealvorstellung, allen neu in die Gesellschaft hineingeborenen Kindern die gleichen Startchancen zu gewähren, ist das Erziehungssystem somit im Gegenteil ein wesentlicher Faktor für die intergenerationelle Stabilisierung und Reproduktion sozialer Ungleichheit. Die Frage ist, auf welche Weise sich die soziale Herkunft in ungleiche Bildungschancen übersetzt. In diesem Zusammenhang hat sich in der Bildungsforschung die auf Raymond Boudon zurückgehende Unterscheidung von primären und sekundären Herkunftseffekten etabliert.421 Als primärer Herkunftseffekt wird dabei der unmittelbare Einfluss der familialen Lebensverhältnisse auf die tatsächliche Leistungsfähigkeit des 417 Vgl. ebd.; ferner: Heike Solga, Rosine Dombrowski: Soziale Ungleichheiten in schulischer und außerschulischer Bildung. Stand der Forschung und Forschungsbedarf, Arbeitspapier 171 der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf 2009, http:// www.boeckler.de/pdf/p_arbp_171.pdf (23.03.16). 418 Vgl. Bundesregierung 2005, S. 89ff. 419 Thorsten Schneider etwa kommt auf Datenbasis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zu dem Ergebnis, dass Kinder aus sehr einkommensschwachen Haushalten lediglich eine Wahrscheinlichkeit von etwas mehr als 10% haben, das Gymnasium zu besuchen, während diese Wahrscheinlichkeit für Kinder aus reichen Familien bei fast 90% liegt. Allerdings wird der direkte Einfluss des Einkommens relativiert, wenn die unterschiedliche Bildung der Eltern berücksichtigt wird; vgl. ders.: »Der Einfluss des Einkommens auf die Schulwahl«, in: Zeitschrift für Soziologie, 33/2004, H. 6, S. 471–492, hier S. 482. 420 Vgl. Bundesregierung 2008, S. 68. 421 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 21; Solga und Dombrowski beziehen sich hier auf Raymond Boudons Schrift: Education, Opportunity, and Social Inequality, New York, 1974. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 163 Kindes bezeichnet. Hierbei spielen insbesondere Faktoren wie ein gesichertes, die kognitive Entwicklung anregendes Wohn- und Lernumfeld sowie vielseitige Erfahrungsmöglichkeiten eine zentrale Rolle. Unter sekundären Herkunftseffekten versteht man dagegen den Umstand, dass die hauptsächlich von den Eltern getroffenen Entscheidungen über die schulische Laufbahn ihrer Kinder – zu denken ist hier vor allem an den wichtigen Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe I – selbst bei gleichen Schulleistungen mit der sozialen Herkunft variieren. Beide Effekte sind eng miteinander verwoben, da die Schulleistungen der Kinder am Ende der Primarstufe einerseits die elterliche Wahl der weiterführenden Schule beeinflussen, die Schulwahl jedoch umgekehrt wieder den institutionellen Rahmen für die weiteren Lerngelegenheiten und damit für die weitere Leistungs- und Kompetenzentwicklung der Kinder und Jugendlichen absteckt.422 Sowohl die primären als auch die sekundären Herkunftseffekte werden maßgeblich vom Einkommen und der Bildung der Eltern tangiert. So haben US-amerikanische Langzeituntersuchungen unter Ägide des Bildungs- und Sozialforschers Greg Duncan, der über viele Jahre hinweg intensiv zu den Auswirkungen von Einkommensarmut auf die kindliche Entwicklung geforscht hat, ergeben, dass Armut insbesondere in der frühen Kindheit einen erheblichen negativen Einfluss auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten und die spätere schulische Leistungsfähigkeit von Kindern ausübt. Dieser Einfluss überwiegt dabei auch deutlich die Effektstärke der üblichen Kontrollvariablen wie zum Beispiel der mütterlichen Bildung, der ethnischen Zugehörigkeit oder des Umstandes alleiniger (in der Regel weiblicher) Elternschaft.423 Als Messverfahren dienen neben speziellen Intelligenztests für Kinder im Vor- und Grundschulalter vor allem psychologische Tests, welche die kindliche Verhaltenskompetenz ermitteln. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder, die in dauerhaft armen Familien heranwachsen, im Alter von 5 Jahren einen im Durchschnitt um 9,1 Punkte niedrigeren IQ aufweisen als Kinder, die in finanziell gesicherten Verhältnissen leben, und zudem häufiger internalisierendes (zum Beispiel übertriebene Sorgen, Ängste oder Traurigkeit) oder externalisierendes (Wutanfälle, Zerstörung eigener oder fremder Spielsachen usw.) Problemverhalten an den Tag legen. Da die Intensität dieser Effekte mit der Armutsdauer korreliert, ist mit Duncan davon auszugehen, dass die negativen Auswirkungen ökonomischer Deprivation kumulativ sind.424 422 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 21; Schneider 2004, S. 474. 423 Vgl. Greg Duncan u. a.: »Economic Deprivation and Early Childhood Development«, in: Child Development, 65/1994, S. 296–318, hier S. 311f. 424 Vgl. ebd., S. 300, 307, 312f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 164 Vermittelt werden die armutsinduzierten Beeinträchtigungen der kognitiven Entwicklungschancen von Kindern durch unterschiedliche Faktoren. Von besonderer Bedeutung ist etwa, ob das heimische Wohn- und Lernumfeld den Kindern geeignete Stimuli für entsprechende Entwicklungsprozesse bietet. Sind zum Beispiel lehrreiche Spielsachen vorhanden, mittels derer die Kinder Farben, Größen oder Formen kennenlernen können? Gibt es interessante Dinge wie einen Globus oder ein Mikroskop und natürlich (altersgerechte, zumindest illustrierte) Bücher und Lexika, mit denen erste Eindrücke über die vielgestaltige Welt jenseits des eigenen Erfahrungshorizontes gewonnen sowie die ersten Leseerfahrungen gesammelt werden können? Sind Musikinstrumente greifbar, die zum spielerischen Nachahmen und Experimentieren einladen? Steht, zumindest nach der Einschulung, ein eigenes Zimmer zur Verfügung, in dem in Ruhe die Hausaufgaben gemacht und gelernt werden kann? Ferner ist auch das äußere Wohnumfeld der Familie von großer Bedeutung. Gibt es beispielsweise die Gelegenheit, gefahrlos im Freien, zum Beispiel im Garten zu spielen und herumzutoben und dabei nicht nur die nähere Umwelt (inkl. Flora und Fauna – Brennnesseln und Nachbarshunden etwa) zu erkunden, sondern auch die wachsenden Fähigkeiten und Grenzen des eigenen Körpers zu entdecken? Oder ist die unmittelbare Umgebung von urbaner Monotonie, von Wohnraumverdichtung, Flächenversiegelung und hohem Verkehrsaufkommen geprägt?425 Unter all diesen und ähnlichen Gesichtspunkten schneiden Kinder aus einkommensschwachen Familien in der Regel deutlich schlechter ab, und zwar insbesondere dann, wenn sie in städtischen »Problemvierteln« heranwachsen. Ein weiteres Thema ist die außerhäusliche Teilnahme an frühkindlichen Bildungsangeboten. In Deutschland nutzen 47 % der Vorschulkinder mindestens ein solches Angebot, zu denen beispielsweise die musikalische Früherziehung, Ballett- und Malschulen oder das Kinderturnen gehören. Da insbesondere die jüngeren Kinder meist von ihren Eltern begleitet werden, stellen diese Angebote auch für die Erwachsenen nicht selten eine willkommene Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch dar und unterstützen insofern die soziale Teilhabe sowohl der Kinder als auch der Eltern.426 Wie förderlich solche Kurse für die Intelligenzentwicklung der Kinder sein können, hat, um ein exemplarisches Beispiel herauszugreifen, jüngst wieder eine Studie des kanadischen Neurowissenschaftlers Sylvain 425 Siehe zur Bedeutung dieser und ähnlicher Faktoren für die kognitive Entwicklung von Kindern Duncan 1994, S. 301, 309f. 426 Vgl. Nicole Schmiade, C. Katharina Spieß: »Einkommen und Bildung beeinflussen die Nutzung frühkindlicher Angebote außer Haus«, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Wochenbericht, 77/2010, Nr. 45, S. 15–21, hier S. 16. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 165 Moreno gezeigt, die ergeben hat, dass Musikunterricht bei Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren nicht nur die musischen Fähigkeiten schult, sondern auch das räumliche Vorstellungsvermögen sowie die sprachlichen Fertigkeiten – und damit die Schuleignung – signifikant verbessert.427 Da aber der Großteil solcher und ähnlicher Bildungsangebote Kosten verursachen (Teilnahmegebühren, Anfahrt, Ausrüstung etc.), die höchstens manchmal nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt sind, haben nicht alle die gleichen Chancen, an ihnen zu partizipieren. Es überrascht daher nicht, dass im untersten Einkommensquintil lediglich 27 %, im obersten dagegen mit 62 % mehr als doppelt so viele Kinder an entsprechenden Angeboten teilnehmen.428 Natürlich verhält es sich in der kapitalistischen Gesellschaft auch mit sonstigen Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten im Grunde nicht anders. Denn weil eben fast alle denkbaren Aktivitäten – sei es der Besuch eines Zoos oder eines Planetariums, ein Ausflug ins Erlebnisbad oder der Urlaub in den Bergen – mit finanziellen Aufwendungen verbunden sind, die das Budget einkommensarmer Familien erheblich strapazieren oder schlicht übersteigen,429 reduziert sich der kindliche Erfahrungsspielraum 427 Vgl. Sylvain Moreno u. a.: »Short-Term Music Training Enhances Verbal Intelligence and Executive Function«, in: Psychological Science, 22/2011, S. 1425– 1433. 428 Vgl. Schmiade / Spieß 2010, S. 16, 18. 429 Die deutsche Regelsatzverordnung zum Beispiel, welche Art und Umfang der Hartz IV-Leistungen definiert, sieht für Kinder unter 6 Jahren (beziehungsweise von 6 bis unter 14 Jahren) einen monatlichen Betrag von 35,93 Euro (beziehungsweise 41,33 Euro) für Freizeit, Unterhaltung und Kultur vor. Dazu kommen für Bildungsausgaben noch einmal 98 Cent (beziehungsweise 1,16 Euro) pro Monat sowie, bei Schulkindern, eine jährliche Pauschalleistung in Höhe von 100 Euro für den Schulbedarf. Ferner können aus den Leistungen des Bildungspakets auf Antrag noch bis zu 10 Euro pro Monat für Vereinsmitgliedschaften, Musikunterricht oder ähnliches bezogen werden. Das heißt, dass einem Vorschulkind für sämtliche Freizeit- und Bildungsaktivitäten maximal 46,91 Euro, und einer Schülerin oder einem Schüler unter 14 Jahren maximal 60,82 Euro (inkl. der auf den Monat umgerechneten Pauschalleistung für Schulbedarf) zur Verfügung stehen [gegebenenfalls werden noch die Kosten für Klassenfahrten und, sofern die Versetzung gefährdet ist (aber erst dann), Nachhilfeunterricht vom Sozialamt übernommen]. Vgl. Deutscher Bundestag 2010, S. 72f., 79, 105f. Zum Vergleich: Die Kosten für musikalischen Einzelunterricht (45min pro Schulwoche) belaufen sich an der städtischen Musikschule des Ortes, in dem ich lebe, für ortsansässige Schüler, die von der städtischen Jugendförderung gesondert bezuschusst werden, auf 82 Euro pro Monat. Nicht-ortsansässige Schüler aus dem Umland bezahlen 128 Euro. Dazu kommen die Miet- respektive Anschaffungskosten für das jeweilige Instrument. Selbst die in Gruppen veranstaltete musikalische Früherziehung (60min pro Schulwoche) kostet für Ortsansässige 26 Euro und für Nicht-Ortsansässige 46 Euro (Stand 2012). Für einkommensarme Familien (mit oder ohne TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 166 sehr oft auf die heimischen vier Wände, wo sich das Fernsehen schnell zum (freilich dürftigen) Ersatz für eigene Erlebnisse entwickelt. Statt also die eigene Handlungsmächtigkeit aktiv zu trainieren und auszuprobieren werden arme Kinder häufig von klein auf, das heißt schon während der für ihr gesamtes späteres Leben prägenden Phase der primären Sozialisation, an den passiven, massenmedialen Konsum der (realen oder fiktiven) Erlebnisse anderer als wichtigste Freizeitbeschäftigung gewöhnt. Zwar trifft es sicherlich zu, dass speziell in diesem Zusammenhang auch der Einfluss und das Vorbild der Eltern von maßgeblicher Bedeutung sind. Und auch ganz allgemein ist davon auszugehen, dass vor allem das persönliche Engagement und die Bildung der Eltern einen positiven, die Folgen der Armut lindernden Effekt auf die Intelligenz- und Verhaltensentwicklung ihrer Kinder haben können. Doch insgesamt erweisen sich die von Duncan gemessenen Einkommenseffekte gerade in der besonders vulnerablen Phase der frühen Kindheit als deutlich stärker, was nicht zuletzt durch die positiven oder eben negativen Auswirkungen der finanziellen Situation auf das Familienklima bedingt ist.430 Denn während eine solide Finanzlage auch auf psychosozialer Ebene für eine gewisse Sicherheit sorgt, stellen anhaltende Geldnöte eine gravierende psychische Belastung dar, welche die emotionalen Ressourcen der Eltern oftmals erschöpft und ihr Vermögen, für ein warmes und stabiles Klima innerhalb der Familie zu sorgen, auf eine harte Probe stellt. Nicht wenigen von chronischen Finanzsorgen geplagten Eltern – zumal, wenn sie alleinerziehend sind und/oder in schlechten Arbeitsverhältnissen stehen – fällt es daher trotz aller Bemühungen sehr schwer, ihre Kinder so zu unterstützen und zu motivieren, wie sie es unter weniger prekären Lebensverhältnissen sicherlich könnten. Die besondere Tragik besteht dabei darin, dass somit gerade den Kindern, denen es aufgrund ihrer materiellen Armut ohnehin schon an Lern- und Lebenschancen mangelt, oftmals auch noch jene emotionale Unterstützung und Geborgenheit fehlt, derer sie eigentlich umso dringender bedürfen. Insofern beeinträchtigt Armut die frühkindliche Entwicklung nicht nur direkt durch die materiell bedingten Einschränkungen, sondern ebenso indirekt durch die abträglichen psychischen Effekte, die sie auf die Eltern ausübt.431 Im Ergebnis führt all das dazu, dass viele Kinder aus dauerhaft armen Familien zum Zeitpunkt ihrer Einschulung, verglichen mit Mitschülern aus finanziell gesicherten Verhältnissen, erkennbare Defizite aufweisen. Sie beginnen ihre schulische Laufbahn daher von Anfang an mit einem Hartz IV-Bezug) ist das offensichtlich nicht darstellbar, zumal es sich ja nur um eine Aktivität handelt. Für sportliche und sonstige Aktivitäten ließen sich leicht analoge Überschlagsrechnungen mit vergleichbaren Ergebnissen anstellen. 430 Vgl. Duncan 1994, S. 305, 311f. 431 Vgl. ebd., S. 315. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 167 Handicap, das sich leicht auf ihre gesamte weitere Bildungskarriere und damit auch auf ihre späteren Berufschancen niederschlägt. Dies ist, wie Duncan zu Recht bemerkt, umso mehr der Fall, als Schulen systembedingt dazu tendieren, die Schüler schon sehr früh nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten zu sortieren und mittels Zensuren, Beurteilungen und Empfehlungen entsprechend zu labeln.432 Gerade in Deutschland, wo der biographisch weichenstellende Übergang ins gegliederte Schulsystem der Sekundarstufe I bereits nach der 4. Klasse ansteht, bleibt leistungsschwächeren Schülern nur wenig Zeit, zu ihren Klassenkameraden aufzuschließen. Und tatsächlich kann Duncan auf Basis der US-amerikanischen Panel Study of Income Dynamics (PSID), einer dem deutschen Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) vergleichbaren Langzeiterhebung zur Einkommenssituation amerikanischer Haushalte, für die Vereinigten Staaten nachweisen, dass Armut im Vorschulalter nicht nur mit Defiziten zum Zeitpunkt der Einschulung, sondern auch in späteren Phasen der Kindheit und Jugend mit niedrigeren kognitiven Fähigkeiten, häufigerem Sitzenbleiben, häufigeren Schulabbrüchen und größeren Problemen beim Übergang ins Erwerbsleben korreliert. Dabei haben diese Zusammenhänge im Übrigen auch dann Bestand, wenn man auf den Einfluss anderer relevanter Variablen, etwa den Schulabschluss der Mutter, die Familienstruktur oder den Bezug von sozialen Transferleistungen, kontrolliert.433 Zwei Präzisierungen sind indes – nicht zuletzt mit Blick auf eine mögliche Verbesserung der Bildungs- und Sozialpolitik – besonders erwähnenswert: Zum einen sind die Effekte der familialen Einkommenssituation auf die individuellen Bildungschancen in der frühen Kindheit, im Vergleich zu späteren Phasen, besonders schwerwiegend; und zum anderen fällt die Effektstärke in den unteren Einkommensregionen deutlich höher aus, als dies bei Familien mit mittlerem oder hohem Einkommen der Fall ist.434 Es scheint also ein gewisses Sättigungs- 432 Vgl. Greg Duncan u. a.: »How Much Does Childhood Poverty Affect the Life Chances of Children?«, in: American Sociological Review, 63/1998, S. 406–423, hier S. 420. 433 Vgl. ebd. Für Deutschland existieren bislang kaum vergleichbare Studien, die sich auf Basis langfristiger Datenerhebung speziell mit dem Einfluss des Einkommens (beziehungsweise von Einkommensarmut) auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten von Kindern beschäftigen. Eine gewisse Ausnahme bildet die Untersuchung von Schneider 2004, in welcher allerdings nicht der Einkommenseinfluss auf die Fähigkeitenentwicklung der Kinder (= primärer Herkunftseffekt), sondern auf die Schulwahl der Eltern für ihre Kinder (= sekundärer Herkunftseffekt) im Fokus steht. 434 Vgl. Duncan 1998, S. 420. Die Ergebnisse Schneiders auf Basis des SOEPs weisen zumindest tendenziell in dieselbe Richtung. Das heißt, auch in Deutschland scheint die familiale Einkommenssituation in der frühen Kindheit eine größere Rolle für die kindliche Leistungsentwicklung zu spielen als in späteren Phasen, TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 168 niveau zu geben, ab dem eine weitere Einkommenssteigerung mit keiner signifikanten Verbesserung der kindlichen Entwicklungschancen mehr einhergeht (eine interessante Parallele übrigens zur weiter oben diskutierten Korrelation von Einkommen und subjektivem Glücksempfinden), sodass sich im Lichte dieser Erkenntnis weniger die allgemeine, alle Einkommensschichten gleichermaßen begünstigende, wohl aber die gezielte und spürbare wohlfahrtsstaatliche Anhebung des Einkommens armer Familien der Sache nach als sinnvoll und, zumindest nach meinem Dafürhalten, auch als politisch geboten erweist.435 Was aber die sekundären Herkunftseffekte betrifft – also jene Effekte der sozialen Herkunft, die nicht unmittelbar auf die Leistungsfähigkeit der Kinder wirken, sondern durch schichtspezifische, vorrangig elterliche Entscheidungsprozesse am Ende der Primarstufe den Rahmen für die weiteren schulischen Entwicklungsmöglichkeiten und Lerngelegenheiten abstecken –, so spielt für diese offenbar die Bildung der Eltern (bemessen an ihrem Schulabschluss), eine wichtigere Rolle als das Einkommen. Dies hat jedenfalls eine der wenigen Studien ergeben, die sich für Deutschland mit der Gewichtung des je spezifischen Einflusses des Einkommens respektive der Bildung der Eltern auf deren Wahl einer weiterführenden Schule für ihre Kinder befasst hat.436 So ist etwa die Wahrscheinlichkeit für ein Kind in der 4. Klasse, auf das Gymnasium geschickt zu werden, umso größer, je höher der Bildungsabschluss seiner Eltern ist, und zwar auch dann, wenn man auf die Einflüsse des Familieneinkommens (bemessen an den Einkünften aus dem Jahr vor dem Ende der Grundschulzeit) kontrolliert. Das geht so weit, dass selbst Kinder aus einkommensschwachen Familien, deren Eltern indessen über das (Fach-)Abitur verfügen, immer noch eine erheblich größere Chance haben, das Gymnasium zu besuchen, als Kinder, deren Eltern zwar sehr wohlhabend sind, jedoch nur einen Hauptschulabschluss vorweisen können.437 Die Gründe für die unterschiedlichen Bildungsaspirationen dürften dabei neben den Bestrebungen der höher gebildeten Eltern, einen sound auch hier fallen die entsprechenden Effekte zumindest im Hinblick auf die Chance – oder vielmehr: das Risiko –, nach der 4. Klasse auf die Hauptschule zu kommen, im untersten Einkommensquartil deutlich stärker aus als in den höheren. Allerdings räumt Schneider ein, dass die für eine genauere Untersuchung des Zusammenhangs von Familieneinkommen und kindlicher Leistungsentwicklung erforderlichen Langzeitdaten für Deutschland derzeit nicht vorliegen. Vgl. Schneider 2004, S. 483, 487f. Es gibt meines Erachtens jedoch wenig Grund für die Annahme, dass die in den USA gut erforschten Zusammenhänge zwischen Einkommen und (frühkindlicher) kognitiver Entwicklung in Europa grundsätzlich anders aussehen. 435 So auch Duncan 1998, S. 421. 436 Schneider 2004. 437 Vgl. ebd., S. 483. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 169 zialen Status- und Prestigeverlust ihrer Kinder möglichst zu verhindern, auch in ihrer milieuspezifischen, das heißt durch den sozialen Habitus bedingten und intergenerationell vererbten höheren Wertschätzung von Kulturkapital sowie in ihrer größeren Vertrautheit mit der gymnasialen und potentiell daran anschließenden universitären Bildungskarriere liegen. Demgegenüber schicken formal weniger gebildete Eltern ihre Kinder leider auch dann seltener auf das Gymnasium, wenn deren Schulleistungen dies eigentlich anempfehlen würden.438 Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Lehrer sogar bei gleichen Fähigkeiten und Leistungen sehr häufig (meist unbewusst) jene Schüler bevorzugen und für das Gymnasium empfehlen, die bereits aus den mittleren und höheren Sozialschichten stammen und deshalb hinsichtlich ihrer Sprache, ihrer Umgangsformen, ihrer Lernmotivation, im Grunde hinsichtlich ihres gesamtes Verhaltens einen ähnlichen Habitus erkennen lassen wie sie selbst.439 Das hat zur Folge, dass Kinder aus »bildungsfernen« Haushalten in der Regel deutlich höhere Leistungen erbringen müssen, um seitens der Lehrer eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, als dies bei Kindern aus Familien mit hohen Bildungsabschlüssen üblicherweise der Fall ist.440 Bei »lediglich« gleichen Schulleistungen sind sie dagegen signifikant benachteiligt, weshalb von einer leistungsadäquaten und wenigstens in diesem Sinne gerechten Beurteilung am Ende der Primarstufe keine Rede sein kann. Freilich lässt sich speziell an diesem Sachverhalt – anders als an den soeben diskutierten armutsinduzierten Beeinträchtigung der kognitiven Entwicklungschancen von Kindern – durch einkommensbezogene Interventionen des Sozialstaates allein wenig ändern. Vielmehr sollten die auf habitusbedingte Entscheidungsprozesse zurückzuführenden sekundären Selektionseffekte und die daraus resultierenden Bildungsungleichheiten zum Anlass genommen werden, das dreigliedrige Schulsystem zu reformieren und ernsthaft über die Einführung einer integrierten Gesamtschule, welche den Schülern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ein längeres gemeinsames Lernen ermöglichen würde, nachzudenken.441 Insofern wären die wohlfahrtsstaatliche Beseitigung familialer Armut und die Reform des Bildungswesens als gleichermaßen 438 Tatsächlich schicken fast alle Eltern aus den oberen Sozialschichten ihre Kinder bei guten Schulleistungen aufs Gymnasium, während Eltern aus den unteren Schichten dies gerade einmal zu rund 38% tun. Und selbst bei mittelmäßigen Schulleistungen möchten noch immer 75% der Eltern aus den oberen Schichten, aber nur 11% der Eltern aus den unteren Schichten ihre Sprösslinge auf dem Gymnasium sehen. Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 23. 439 Vgl. ebd., S. 24; ferner Hillmert 2009, S. 93. 440 Vgl. Schneider 2004, S. 473. 441 So auch Solga / Dombrowski 2009, S. 44. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 170 notwendige, komplementäre Strategien zur Bekämpfung ungleicher Bildungschancen zu betrachten. Der Umstand, dass bei den sekundären Herkunftseffekten das Einkommen der Eltern im Vergleich zu ihrer Bildung eine geringere Rolle spielt, bedeutet aber nicht, dass ihm in diesem Kontext überhaupt keine Bedeutung zukäme. Denn wenn man Grundschulkinder nach den Schulabschlüssen ihrer Eltern [(Fach-)Abitur, Mittlere Reife, Hauptschulabschluss, ohne Abschluss] gruppiert und ihre Chance, auf das Gymnasium zu kommen, getrennt voneinander analysiert, so stellt man fest, dass diese Chance für Kinder aus wohlhabenden Familien, die dem obersten Quartil der Einkommensverteilung angehören, in allen vier Gruppen ungefähr eineinhalb- bis zweimal so groß ist wie für jene, die zum untersten Einkommensquartil gehören.442 Und umgekehrt verringert sich das Risiko, auf die Hauptschule geschickt zu werden, mit steigendem Familieneinkommen ebenfalls signifikant.443 Insofern mag der Einfluss des Einkommens auf die elterlichen Entscheidungsprozesse zwar geringer sein als jener der elterlichen Bildung, doch ist er gleichwohl vorhanden. Vermittelt wird er dabei wiederum vor allem durch primäre Herkunftseffekte, wie ich sie oben beschrieben habe. Denn die mit dem Familieneinkommen (vor allem dem früheren) variierende faktische Leistungsfähigkeit der Kinder geht als wichtige Prämisse in die Entscheidungsfindung der Eltern ein und stellt dadurch auch auf Ebene der sekundären Herkunftseffekte den Zusammenhang von ungleichem Familieneinkommen und ungleichen Bildungsverläufen her.444 Summa summarum zeigt sich also, dass die wesentlichen Gründe für die individuell verschiedenen, sozial hochgradig selektiven Teilhabeund Erfolgschancen im Erziehungssystem der Gesellschaft nicht in diesem selbst, sondern außerhalb seiner liegen.445 Daher nivelliert das Erziehungssystem die soziale Ungleichheit auch nicht, es reproduziert sie. Wie gesehen sind dabei das ökonomische und kulturelle Kapital der Herkunftsfamilie als die entscheidenden Faktoren zu betrachten. Beide Kapitalformen stehen in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis zueinander, da die Aneignung des einen durch das Vorhandensein des 442 Vgl. ebd., S. 483 (vor allem Abb. 2), 488. 443 Vgl. ebd., S. 486 (Abb. 3c), 487f. 444 So auch Hillmert 2009, S. 92, und Schneider 2004, S. 488. Schneider verweist allerdings darauf, dass für die definitive Verifizierung der beschriebenen Korrelation noch eine genauere Untersuchung auf Basis von (für Deutschland z. Zt. nicht vorhandenen) Angaben zu Leistungsständen und Einkommen aus mehreren aufeinanderfolgenden Jahren erforderlich wäre. Die Indizien weisen jedoch alle in dieselbe Richtung und für die Vereinigten Staaten ist der in Frage stehende Zusammenhang, wie gesehen, hinreichend dokumentiert. Vgl. eben Duncan 1994, 1998. 445 Vgl. Hillmert 2009, S. 92. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 171 anderen erheblich begünstigt wird. Umgekehrt repräsentiert besonders ökonomische Armut zumindest für die erfolgreiche Inklusion ins Bildungssystem (und nur auf den Erfolg kommt es augenscheinlich an) einen massiven Hemmschuh, da sie nicht nur den äußeren Rahmen der schulischen und außerschulischen Lerngelegenheiten eng begrenzt, sondern dadurch auch die frühkindliche Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten empfindlich beschneidet. Die subjektive Lern- respektive Erziehungsfähigkeit – mithin die elementare Grundlage jedes weiteren Wissenserwerbs und damit zugleich das zentrale funktionsbezogene Selektionskriterium des Erziehungssystems – ist eben keine angeborene, sozusagen natürliche Qualität der Schüler, sondern vielmehr als sich anzueignende Kompetenz zu begreifen, deren Erwerb maßgeblich von finanziellen Ressourcen abhängt. Armut behindert diesen Aneignungsprozess wesentlich und droht damit die individuelle Bildungskarriere von Anfang an auf eine schiefe Bahn zu lenken. Wenn hier nicht frühzeitig gegengesteuert wird, sind spätere Korrekturen, zum Beispiel über den Zweiten Bildungsweg, nur noch relativ schwer möglich und zudem mit erheblichem Aufwand verbunden – weshalb sie in der Praxis auch nur äußerst selten gelingen.446 Besonders gravierend werden die Benachteiligungen im Erziehungssystem dann, wenn das Bildungsniveau einer Person die gesellschaftlich notwendigen und demnach allgemein erwarteten Mindeststandards erkennbar unterschreitet. In diesem zugespitzten Fall, in dem eine gleichberechtigte Teilhabe am sozialen Leben und speziell am Arbeitsmarkt kaum mehr möglich ist, wird in der Forschung von Bildungs- beziehungsweise Kompetenzarmut gesprochen.447 Diese liegt beispielsweise vor, wenn die Lesekompetenz so gering ist, dass allenfalls die fragmentarische Entschlüsselung sehr einfacher und thematisch vertrauter Texte gelingt, hingegen eine irgendwie darüber hinausgehende Einarbeitung in weniger vertraute oder sogar unbekannte Sachgebiete sowie die Reflexion, Bewertung und die sinnvolle, das heißt alltags- und berufsrelevante Bezüge herstellende Integration des Gelesenen in den subjektiven Wissensbestand scheitert. Auch wenn man es kaum glauben mag – auf diesem defizitären Niveau, das gerade einmal der ersten der fünf Kompetenzstufen der PISA-Untersuchungen entspricht, bewegen sich die Fähigkeiten von rund 23 % (sic!) der fünfzehnjährigen Schüler in Deutschland. Mit anderen Worten heißt das, dass fast ein Viertel der 446 Vgl. Heike Solga: »Ausbildungslose und die Radikalisierung ihrer sozialen Ausgrenzung«, in: Heinz Bude, Andreas Willisch (Hg.): Das Problem der Exklusion. Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige, Hamburg 2006, S. 121–146, hier S. 142. Das Problem ist einfach, dass die Gründe, die zum Scheitern in der Regelschule geführt haben, meist auch zur Folge haben, dass die Angebote des Zweiten Bildungswegs de facto kaum genutzt werden. 447 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 9f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 172 nachwachsenden Generation schlicht nicht über die nötigen Kompetenzen verfügt, die eine erfolgreiche Berufsausbildung erwarten lassen.448 Da eine abgeschlossene Berufsausbildung inzwischen aber – anders als noch in den 1950er und 1960er Jahren – als mehr oder weniger obligatorische Voraussetzung für den Zugang zum Arbeitsmarkt zu betrachten ist, haben die betroffenen Schüler eben nicht mehr nur schlechtere Erwerbschancen als früher, sondern im Grunde genommen überhaupt keine.449 Hauptschüler sind besonders betroffen: Etwa 50 % von ihnen erreichen maximal die erwähnte Kompetenzstufe I, wobei zu erwähnen ist, dass 16 % der Hauptschulen – vor allem in Großstädten – aufgrund ihres »kritischen Schulmilieus« schon gar nicht mehr als »beschulbar« gelten.450 Nach dem Vorangegangenen dürfte es sich dabei von selbst verstehen, dass die überwiegende Mehrheit der zu dieser »Risikogruppe« gehörenden Schüler aus den unteren Sozialschichten stammt.451 Natürlich schreit all das förmlich nach sozial- und bildungspolitischen Maßnahmen, welche die ungleichen Bildungschancen verringern und insbesondere die Kompetenzarmut wirkungsvoll bekämpfen. Denn schließlich beeinträchtigt ein unzureichender Bildungsstand nicht nur die individuellen Erwerbschancen. Er hat darüber hinaus auch einen oftmals ungünstigen Einfluss auf die subjektiven Präferenzen (zum Beispiel was die Ernährungsgewohnheiten oder den Genussmittelkonsum anbelangt) und schränkt zudem den Variantenreichtum der jeweils aktualisierbaren Handlungsoptionen sowie ganz allgemein die Fähigkeit, sich in der immer komplexer werdenden modernen Gesellschaft zurechtzufinden und gegebenenfalls auf Basis von vernünftiger Überlegung und Information aktiv Einfluss zu nehmen, empfindlich ein. Dies wiederum ist nicht nur aus volkswirtschaftlicher Perspektive, sondern auch aus gerechtigkeitsund demokratietheoretischen Erwägungen heraus außerordentlich problematisch. Auch wenn dieser Sachverhalt in der politischen Debatte, die derzeit stark von den Argumenten der ökonomischen Humankapitaltheorie beeinflusst wird, oftmals unterzugehen droht, repräsentiert Bildung im Sinne der Erziehung zu einem autonomen, aufgeklärten Individuum eben doch wesentlich mehr als nur einen wirtschaftlichen Produktionsfaktor. Dennoch sollte man sich von der gegenwärtig vieldiskutierten Intensivierung der Bildungsinvestitionen und entsprechenden Reformen des Schulsystems, so begrüßenswert sie gerade im Hinblick auf die Stärkung der subjektiven Handlungsmächtigkeit wären, nicht 448 So die lapidare Feststellung der Bundesregierung in ihrem Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht aus dem Jahre 2005, S. 89. Die Dinge haben sich seitdem allenfalls marginal verbessert. 449 Vgl. Solga 2006, S. 125. 450 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 9f. 451 Vgl. ebd., S. 15; Bundesregierung 2005, S. 89. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 173 zu viel versprechen. Dass sie eine universale Lösung für die eingangs geschilderten Probleme der zunehmenden Prekarisierung und sozialen Exklusion darstellen könnten, wie vielfach unterstellt wird, darf man mit Steffen Hillmert jedenfalls bezweifeln.452 Viel eher ist nämlich davon auszugehen, dass die allgemeine Verbesserung der (Schul-)Bildung – ihre äu- ßerst wichtigen subjektbezogenen Vorteile hier einmal beiseitegelassen – im Grunde lediglich den Verdrängungswettbewerb um die nach wie vor knappen Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten auf ein höheres Qualifikationsniveau anheben würde, während jene Personen, die allen individuellen wie bildungspolitischen Bemühungen zum Trotz auch weiterhin keine ausreichenden Bildungsabschlüsse für sich erlangen können, nur umso stärker stigmatisiert und ausgegrenzt würden. Den Integrationsproblemen der kapitalistischen Leistungsgesellschaft ist auf diesem Wege nicht beizukommen. Wissenschaft Die wenn auch nicht nur, so doch maßgeblich durch Armut bedingten Bildungsungleichheiten wirken sich auch auf die Inklusion ins strukturell eng mit dem Erziehungssystem gekoppelte Wissenschaftssystem der Gesellschaft aus. Denn weil die Wissenschaft im engeren Sinne (= Forschung) im Unterschied zu den anderen Funktionssystemen keine allgemeinzugänglichen, breitenwirksamen Publikums- beziehungsweise Klientenrollen institutionalisiert hat, das heißt vor allem aus professionellen Leistungsrollen besteht, die (zumindest idealiter) allein am systeminternen Relevanzkriterium der Wahrheit orientiert sind (und systemexternen Publikumseffekten mehr oder weniger indifferent gegenüberstehen), wird die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lediglich indirekt über die »Verwissenschaftlichung der Themen des Erziehungssystems und in diesem wiederum primär über die Hochschulerziehung« inkludiert.453 Das allerdings bedeutet nichts anders, als dass auch die Partizipation an Wissenschaft letztlich durch eben jene sozioökonomisch basierten Selektionsmechanismen reguliert wird, die im soeben behandelten Erziehungssystem generell wirksam sind. Besonders augenfällig wird dieser Sachverhalt nicht zuletzt am Beispiel der Hochschulerziehung selbst, die, neben der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, insbesondere der akademischen Schulung für außerakademische Arbeitsfelder (zum Beispiel in Unternehmen, Kliniken, im Staatsdienst usw.) dient: Während dem Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht zufolge gut 81 % der Kinder mit einer »hohen« sozialen Herkunft nach der Schule ein Studium beginnen, ist dies bei lediglich 11 % der Kinder aus sozioökonomisch 452 Vgl. Hillmert 2009, S. 97. 453 Stichweh 1988, S. 275f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 174 schlechtgestellten Familien der Fall. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass »die Chance eines Kindes aus einem Elternhaus mit ›hohem‹ sozialen Status, ein Studium aufzunehmen, 7,4-fach größer [ist] als die eines Kindes aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialen Status.«454 Dabei spielen die beschriebenen schulischen Selektionseffekte eine maßgebliche Rolle, doch auch wenn man die demzufolge bereits selbst hochselektive Gruppe der Studienberechtigten [also der Personen mit (Fach-) Abitur] für sich betrachtet, stellt man fest, dass sich Personen aus niedrigen Sozialschichten im Vergleich deutlich seltener für ein Hochschulstudium entscheiden, wobei die meisten dieser Personen finanzielle Gründe (welche sowohl die direkten Studienkosten als auch die indirekten Opportunitäts- und Transaktionskosten beinhalten) für ihre Entscheidung gegen ein Studium angeben.455 Auch hier wieder erweisen sich Kinder aus wohlhabenden Familien, die über die wirtschaftlichen Ressourcen für eine einigermaßen komfortable und fruchtbare456 Ausdehnung der Aneignungsphase kulturellen Kapitals über die Schulzeit hinaus verfügen, als in besonderem Maße privilegiert. Insofern zeigt sich also, dass auch die Inklusion ins Wissenschaftssystem, vermittelt durch die mit der Schichtzugehörigkeit variierenden günstigen oder ungünstigen Teilhabeund Erfolgschancen im Erziehungssystem, in erheblichem Umfang von wirtschaftlichen Zugangsvoraussetzungen abhängt. Medizinsystem Als nächstes soll das Medizinsystem der Gesellschaft, das für die individuellen Lebenschancen ersichtlich von einiger Bedeutung ist, betrachtet werden. Das konstitutive Bezugsproblem dieses Systems ist Krankheit, seine Funktion demnach Diagnose und Therapie derselben auf Grundlage der Systemcodierung krank/gesund. Dieses System kommt immer dann ins Spiel, wenn Menschen »nicht mehr problemlos als organische oder psychische Grundlage der Kommunikation dienen [können].«457 Wie im Falle der meisten professionellen Leistungsrollen in den Funktionssystemen der modernen Gesellschaft hat auch die Besetzung der 454 Bundesregierung 2005, S. 94. 455 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 32. 456 Es ist beispielsweise sowohl für die Dauer des Studiums als auch für den Studienerfolg von erheblicher Bedeutung, ob Studierende für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen oder nicht (was nicht zuletzt darauf Einfluss hat, ob die Semesterferien neben der Erholung auch für berufsrelevante Praktika genutzt werden können oder nicht) und ob darüber hinaus Mittel für Auslandsaufenthalte, Sprachurlaube, Exkursionen usw. zur Verfügung stehen. Es geht also nicht allein um die Frage, ob überhaupt ein Studium aufgenommen wird, sondern auch darum, unter welchen günstigen oder ungünstigen Bedingungen dies geschieht. 457 Baraldi u. a., S. 115. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 175 medizinischen Leistungsrollen (Arzt, Apotheker, Physiotherapeut etc.) den durch Bildungszertifikate bestätigten Nachweis entsprechender Qualifikationen zur Voraussetzung und hängt insofern, wie gesehen, von sozioökonomischen Faktoren ab. Die breite Masse der Bevölkerung wird jedoch nicht über eine Leistungsrolle, sondern über die systemspezifische Klientenrolle des Patienten inkludiert. Dabei spielen allerdings keineswegs nur rein medizinische Aspekte eine Rolle, denn um tatsächlich als Patient behandelt zu werden, braucht es nicht nur eine Krankheit, sondern zunächst einmal Geld, um die Leistungsträger des medizinischen Systems entsprechend zu motivieren. Zahlungen sind demnach eine conditio sine qua non dafür, dass das Medizinsystem der kapitalistischen Gesellschaft mit der Krankenbehandlung überhaupt beginnt. Allerdings, und dies gehört sicherlich mit zu den größten Errungenschaften des modernen Wohlfahrtsstaates, werden diese Zahlungen wenn auch nicht in allen, so doch in vielen westlichen Ländern von (mehr oder weniger) solidarisch konzipierten Institutionen wenigstens teilweise übernommen.458 In Deutschland ist hier etwa die Gesetzliche Krankenversicherung zu nennen, die sich bekanntlich über die nach dem Einkommen gestaffelten Beiträge ihrer Mitglieder finanziert, jedoch unabhängig von der individuellen Beitragshöhe die Kosten für medizinisch notwendige Leistungen übernimmt. Dadurch kommt es zu einem Transfer zwischen Gesunden und Kranken sowie zwischen einkommensstärkeren und -schwächeren Personen. Auf diese Weise werden Zahlungen als unabdingbare Voraussetzung für die Inklusion des einzelnen ins Medizinsystem zwar nicht abgeschafft, doch hängt diese nun immerhin nicht mehr allein von der hochgradig ungleich verteilten individuellen Zahlungsfähigkeit, sondern von der kollektiven Zahlungskraft der Solidargemeinschaft ab. Bedenklich stimmt indessen, dass eben diese kollektive Zahlungsfähigkeit (und im Übrigen auch die Zahlungsbereitschaft) der Solidargemeinschaft auch in der Bundesrepublik, die an sich immer für ihr gut ausgebautes Gesundheitswesen bekannt gewesen ist, mehr und mehr zu schwinden scheint. Als Hauptgrund werden im Allgemeinen die seit den späten 1970er Jahren rasch steigenden Gesundheitskosten genannt, die 458 Die Unterschiede zwischen den Ländern bei der Kostenübernahme für Leistungen des Gesundheitswesens sind jedoch groß. So spielen beispielsweise in den stärker privatwirtschaftlich organisierten Gesundheitssystemen Großbritanniens oder der Vereinigten Staaten »direkte Käufe von Gesundheitsleistungen beziehungsweise Zuzahlungen« (und damit die individuelle Zahlungskraft der Patienten) eine wesentlich größere Rolle als in der Bundesrepublik oder in Skandinavien. Vgl. Thomas Lampert u. a.: Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit, Expertise des Robert Koch-Instituts zum 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2005, S. 21. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 176 im Zuge der oben bereits erwähnten Agenda 2010 der Regierung Schröder im Jahr 2004 gemeinsam mit dem Inkrafttreten der Hartz-Gesetze schließlich zur Umsetzung weiterer auf Kostensenkung abzielender Gesundheitsreformen führten. Wesentliche Eckpunkte dieser und früherer Reformen waren neben der Einführung einer pro Quartal zu entrichtenden Praxisgebühr in Höhe von 10 Euro die Erhöhung von Zuzahlungen (zum Beispiel für Medikamente, Zahnersatz oder medizinische Hilfsmittel) beziehungsweise die gänzliche Streichung einzelner Posten aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen. Beispielsweise nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel, Brillengestelle, die Fahrtkosten zu ambulanten Behandlungen oder Verhütungsmittel für über 20-Jährige müssen von den Patienten nunmehr selbst getragen werden. Da diese Kosten in den ohnehin sehr knapp bemessenen Regelsätzen des Arbeitslosengeldes II aber keine Berücksichtigung finden, sehen sich nicht wenige Hartz IV- Empfänger und andere einkommensarme Personen von medizinisch eigentlich gebotenen Leistungen des Gesundheitswesens faktisch ausgeschlossen. Dementsprechend häufen sich die Berichte von Ärzten, die sich ursprünglich der ehrenamtlichen und kostenlosen Betreuung von Obdachlosen und Drogenabhängigen widmeten, dass mit den Hartzund Gesundheitsreformen sozusagen eine neue, aus der Mitte der Gesellschaft herausgedrängte Klientel entstanden ist und sich der Zulauf zu ihren Praxen dadurch spürbar erhöht hat. Zwar existiert, so der Soziologe Thomas Lampert, der für das mit der Gesundheitsberichterstattung des Bundes beauftragte Robert Koch Institut Berlin arbeitet, bislang noch kein statistischer Nachweis für diesen Zusammenhang, doch deuteten die Indizien durchaus darauf hin, dass die Krankenbehandlung auch in Deutschland wieder verstärkt zu einer Frage der individuellen Zahlungsfähigkeit geworden ist.459 Hinzugefügt werden muss dabei, dass der in der öffentlichen Debatte vielfach als »Kostenexplosion« überzeichnete Anstieg der öffentlichen Gesundheitsausgaben, der die Einsparungen legitimieren soll, dadurch zu relativieren ist, dass die Ausgaben im Verhältnis zum gleichfalls gestiegenen Bruttoinlandsprodukt in Wahrheit weitgehend konstant geblieben sind. Die eigentliche Problematik resultiert daher nicht so sehr aus den wachsenden Kosten des medizinischen Systems, sondern vielmehr aus dem verteilungspolitisch ohnehin fragwürdigen Umstand, dass – namentlich infolge der Lohnstagnation sowie der oben skizzierten, politisch ins Werk gesetzten steuerlichen Entlastung der oberen Vermögens- und Einkommensgruppen – trotz des insgesamt wachsenden Volkseinkommen der Brutto-Lohnanteil an diesem gesunken und die Finanzierungsbasis 459 Vgl. Kowitz 2012. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 177 der Sozialversicherungen dementsprechend erheblich geschrumpft ist.460 Deshalb und aufgrund der in die gleiche Richtung wirkenden Tatsache, dass sich das Verhältnis von Beitragszahlern zur Gesamtheit der Leistungsabnehmer infolge der demographischen Entwicklungen weiter verschlechtern wird, ist abzusehen, dass der Finanzierungsdruck auf die Sozialkassen, namentlich die Renten-, Pflege- und eben die Krankenkassen, noch spürbar zunehmen wird. Vor diesem Hintergrund erscheint es ratsam, über eine Umstellung der Finanzierungsweise des medizinischen Systems von der Beitrags- auf Steuerfinanzierung nachzudenken, um die Finanzierung unmittelbar an die Entwicklungen des gesamten Volkseinkommens zu koppeln und dadurch wieder auf ein breiteres Fundament zu stellen – dies zumindest dann, wenn die kollektive Zahlungsfähigkeit der Solidargemeinschaft und damit der von ökonomischen Barrieren freie Zugang zu den Leistungen des Medizinsystems für jedermann erhalten bleiben soll. Andernfalls droht – ganz im Sinne jener wirtschaftsliberalen Marktapologeten, die sich ihren Ruf nach Freiheit und Eigenverantwortung in der Regel auch sehr gut leisten können – tatsächlich, dass die Verantwortung für die Bezahlung der Krankenbehandlung, ungeachtet sowohl der medizinischen Chancen und Notwendigkeiten als auch der massiven Ungleichheit der individuellen Kaufkraft, in Zukunft noch sehr viel deutlicher als bisher auf das einzelne Individuum zurückverlagert wird. Das hieße nichts anderes, als die unter Umständen existentielle Frage, wer als Patient in welchem Umfang ins Medizinsystem der funktional differenzierten Gesellschaft inkludiert wird und wer nicht, in erster Linie den gegenüber dem Wohlergehen der Menschen gänzlich indifferenten, allein am Profit orientierten Mechanismen des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu überlassen. Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich sehr gut an den US-amerikanischen Verhältnissen studieren, wo die Sorge für Gesundheit und Krankenbehandlung traditionell nicht als solidarisch zu bewältigende Gemeinschaftsaufgabe, sondern als individuelle Privatangelegenheit betrachtet wird – und wo infolgedessen wie in einem Entwicklungsland jedes Jahr rund 45.000 Menschen mit niedrigem Einkommen an den vermeidbaren Folgen einer fehlenden Krankenversicherung sterben.461 Die übergeordnete Bedeutung des ökonomischen Systems offenbart sich indes nicht allein daran, dass die Inklusion ins Medizinsystem 460 Vgl. Monika Jungbauer-Gans, Werner Schneider: »Gesundheit«, in: Jutta Allmendinger, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer (Hg.): Soziologie des Sozialstaats. Gesellschaftliche Grundlagen, historische Zusammenhänge und aktuelle Entwicklungstendenzen, Weinheim / München 2000, S. 201–236, hier S. 212. 461 Dies ergab eine Studie der Harvard University aus dem Jahr 2009, die in den Vereinigten Staaten für einigen Diskussionsstoff sorgte und den (inzwischen umgesetzten) Plänen des amtierenden Präsidenten Barack Obama zur Einführung einer gesetzlichen Krankenkasse starken Rückenwind verlieh. Vgl. David TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 178 finanzielle Voraussetzungen hat. Vielmehr korreliert schon das Risiko, überhaupt zu erkranken und sogar vorzeitig zu sterben, mit dem sozio- ökonomischen Status einer Person. Während Reichtum die Chance auf ein gesundes und langes Leben signifikant verbessert, leiden Arme häufiger an Krankheiten und scheiden erheblich früher aus dem Leben – eine existentiellere Form der Ausschließung lässt sich kaum denken. Insofern korrespondiert dem positiven Wert der ökonomischen Systemcodierung (reich) der positive Codewert des medizinischen Systems (gesund), während umgekehrt die negativ besetzen Codewerte der beiden Systeme (arm/krank) ebenfalls in einer engen, teils unmittelbar ursächlichen Beziehung zueinander stehen. So belegen regierungsamtliche Statistiken aus Deutschland, dass einkommensarme Erwachsene öfter von Herzinfarkten, Schlaganfällen, Adipositas, chronischer Bronchitis, Depressionen und (jedenfalls die Männer) Leberzirrhose betroffen sind und zudem eine um das Zweifache erhöhte vorzeitige Sterblichkeit aufweisen.462 Und auch Kinder und Jugendliche, die in armen Verhältnissen aufwachsen, leiden überdurchschnittlich oft an gesundheitlichen Beschwerden, welche die physische wie psychische Leistungsfähigkeit empfindlich schwächen. Zu nennen sind hier beispielsweise starkes Übergewicht, Asthma, häufige Kopfschmerzen, starke Nervosität, Einsamkeit, Schlafstörungen, körperliche und/oder intellektuelle Entwicklungsverzögerungen sowie kinderpsychiatrische Störungen.463 All dies führt schlussendlich zu dem für eine demokratische Gesellschaft ausgesprochen problematischen Ergebnis, dass die Frauen und Männer des reichsten Viertels der Bevölkerung eine um acht beziehungsweise elf Jahre (sic!) höhere Lebenserwartung als die Frauen und Männer aus dem ärmsten Viertel genießen.464 Die Gründe für diesen ausgeprägten Zusammenhang von sozioökonomischer Deprivation und erhöhtem Krankheits- beziehungsweise Sterblichkeitsrisiko sind vielfältiger Natur. Einerseits kann sich Armut mehr oder weniger direkt auf die Gesundheit auswirken. Beispielsweise kommen in armen Haushalten insbesondere dann, wenn beide Eltern einer Erwerbstätigkeit nachgehen müssen oder es sich um eine Ein-Eltern-Familie handelt, aus einer Kombination von Kosten- und Zeitgründen sehr oft Fertiggerichte auf den Tisch, die zwar billig, aber auch ungesund und verhältnismäßig kalorienreich sind.465 Im Zusammenspiel mit den oben erläuterten, ebenfalls durch Geldmangel induzierten Einschränkungen U. Himmelstein u. a.: »Health Insurance and Mortality in US Adults«, in: American Journal of Public Health, 99/2009, Nr. 12, S. 2289–2295. 462 Vgl. Bundesregierung 2005, S. 131f. 463 Vgl. ebd., S. 139; Österreichische Armutskonferenz: Armut kann ihre Gesundheit gefährden. Warnung der Armutskonferenz, Leseheft 2, o. J., S. 4f., http://www. armutskonferenz.at (23.03.16). 464 Vgl. Kowitz 2012. 465 Vgl. Österreichische Armutskonferenz o. J., S. 4. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 179 sportlicher und sonstiger Freizeitaktivitäten, die mangels Alternativen vielfach durch ausgedehnten, überwiegend bewegungsfreien Medienkonsum kompensiert werden, ist Übergewicht eine sehr häufige Konsequenz. Diese Kombination aus Übergewicht und Bewegungsmangel stellt wiederum eine der Hauptursachen für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen (zum Beispiel Diabetes) sowie orthopädische Beschwerden dar. Die Österreichische Armutskonferenz weist ferner, um ein weiteres Beispiel zu nennen, darauf hin, dass ein wichtiger Grund für asthmatische Erkrankungen, die bei Kindern aus wirtschaftlich schlechtgestellten Familien überproportional häufig diagnostiziert werden, in feuchten Wohnungen zu sehen ist.466 Vor allem jedoch implizieren die anhaltenden Geldnöte, der ständige erzwungene Verzicht, die Tendenz zu sozialer Ausgrenzung und Isolation sowie die chronischen Zukunftsängste, mit denen Arbeitslose ebenso wie die steigende Anzahl prekär Beschäftigter tagtäglich fertig werden müssen, enormen psychosozialen Stress, der gegebenenfalls die ganze Familie beeinträchtigt und sehr schnell auf die psychische und physische Gesundheit durchschlagen kann.467 Armut, Erschöpfung und Angst wirken insofern »wie ein schleichendes Gift im Körper«,468 dem auf Dauer auch die stärksten Widerstandskräfte zu unterliegen drohen, was nicht zuletzt die vielfach dokumentierte gesteigerte Anfälligkeit für gesundheitsriskanten Substanzkonsum in den unteren Sozialschichten teilweise zu erklären hilft. Andererseits wirken sich sozioökonomische Benachteiligungen indirekt auf die Gesundheit aus, wobei Bildung eine entscheidende Mittlerrolle einnimmt. Denn wie gesehen, erreichen die Angehörigen der unteren Sozialschichten im Durchschnitt niedrigere Bildungskompetenzen und -abschlüsse, was einmal in einer schwächeren Position auf dem Arbeitsmarkt resultiert und zum anderen die Variabilität und Spannbreite der konkret umsetzbaren Handlungsalternativen, das heißt die subjektive Handlungsfähigkeit, deutlich einschränkt. Sie sind deshalb häufiger gezwungen, physisch wie psychisch belastende, insbesondere prekäre und schlecht bezahlte Beschäftigungsverhältnisse einzugehen und folglich in höherem Maße gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, während das demnach eigentlich umso wichtigere Wissen über Gesundheitsgefahren, und insofern das Bewusstsein sowie die praktische Kompetenz für eine gesundheitsgerechte Lebensführung, oftmals nur unzureichend entwickelt sind.469 Allerdings sollte man sich, ähnlich wie schon mit Blick 466 Vgl. ebd. 467 Vgl. Lars Kroll, Thomas Lampert: Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Gesundheit (= GBE Kompakt. Zahlen und Trends aus der Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 3/2012, H. 1, hrsg. vom Robert Koch Institut Berlin), Berlin 2012. 468 Kowitz 2012. 469 Vgl. Jungbauer-Gans / Schneider 2000, S. 161. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 180 auf die Erwerbschancen, auch für die Gesundheit von einer allgemeinen Verbesserung der Bildung nicht zu viel versprechen. Denn zum einen haben jüngste Untersuchungen des Berliner Robert Koch Instituts gezeigt, dass sich der mit Arbeitslosigkeit vielfach einhergehende gesundheitsriskante Lebensstil in der Regel erst während der Arbeitslosigkeit Bahn bricht, und zwar keineswegs nur bei Unterprivilegierten; vielmehr sei das Phänomen bildungsunabhängig und trete, wie Thomas Lampert erläutert, bei gebildeten Absteigern aus der Mittelschicht genauso auf.470 Und zum anderen lebten Erwerbstätige in prekären und schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen zwar ähnlich gesundheitsbewusst wie Beschäftigte in sicheren und gutbezahlten Jobs, doch seien sie trotzdem viel häufiger krank. Armut und Angst vor der Zukunft verursachten also ganz unabhängig vom individuellen Bildungsstand psychosozialen Stress und erhöhten eben dadurch die Anfälligkeit für Krankheiten.471 Auch in diesem Zusammenhang ist die vielfach als solches beschworene »Bildungsexpansion« mithin kein Allheilmittel – im Übrigen ebenso wenig wie die kontraproduktive Ausdehnung des Niedriglohnsektors –, sondern lediglich ein wichtiges Element einer umfassenderen Sozialpolitik, deren wesentliches Fundament aus der generellen Beseitigung von Armut und der bedingungslosen, individuelle Sicherheit stiftenden Garantie sozialer Teilhabe bestehen sollte. Rechtssystem Auch im Rechtssystem der Gesellschaft sind, entgegen dem vielfach proklamierten und in den meisten Demokratien verfassungsrechtlich fixierten Grundsatz der universalen Gleichheit vor dem Gesetz, gravierende Benachteiligungen der unteren, wirtschaftlich schlechtgestellten Sozialschichten zu konstatieren. Die gesellschaftliche Funktion des Rechts ist es, ein allgemeinverbindliches, Komplexität reduzierendes System von Handlungsorientierungen auf Dauer zu stellen, indem die Geltung bestimmter, in Gesetzesform gegossener normativer Erwartungen kontrafaktisch, das heißt auch im Falle ihrer Enttäuschung, garantiert wird.472 Sanktionen führen dabei jedermann vor Augen, dass der Delinquent im Unrecht war und die gebrochene Norm weiterhin gilt.473 Das Recht gewährleistet somit verlässliche, auf die Differenz von Recht und Unrecht bezogene soziale Erwartungsstrukturen, an die man sich halten kann. Treten Streitfälle auf, wird im Rahmen gerichtlicher Verfahren entschieden, wer im Recht ist und wer nicht. Das Recht löst also Kon- 470 Vgl. Kroll / Lampert 2012; Kowitz 2012. 471 Vgl. ebd. 472 Vgl. Niklas Luhmann: Rechtssoziologie, 3. Auf., Opladen 1987, S. 38f., 100f. 473 Vgl. ebd. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 181 flikte, in dem es diskriminiert, das heißt für den einen und gegen den anderen entscheidet,474 und insofern auf dem Boden der de jure für alle gleichermaßen geltenden Gesetze folgenreiche Asymmetrien produziert. Wer in einem letztinstanzlichen Prozess verliert, findet sich in eine Position gebracht, in der ihm alle weiteren legalen Mittel aus der Hand geschlagen sind und sich ihm die volle Macht des Souveräns an seiner eigenen Ohnmacht offenbart. Solchermaßen exponiert ist er aus dem Kreis der rechtschaffenen Bürger ausgeschlossen und dazu verurteilt, gerade als stigmatisierte Exklusionsfigur des Rechts dessen Geltung symbolisch zu bestätigen. Natürlich mag es Gründe für diese nach der Schwere des Vergehens abgestuften Prozedur geben, die in modernen Staaten zudem diskreter und weniger drastisch als in vormodernen auszufallen pflegt, wo öffentliche, oft sehr grausame Bestrafungen zwecks Abschreckung und demonstrativer Zurschaustellung der Macht gebräuchlich waren.475 Dennoch können die Konsequenzen einer Verurteilung für die soziale Existenz der Betroffenen nach wie vor sehr schwerwiegend sein, sodass die Frage, wer aus welchen Gründen und mit welchen Chancen, seinen Rechtsansprüchen Geltung zu verschaffen, in die Mühlen der Justiz gerät, von größter individueller wie gesellschaftspolitischer Bedeutung ist. Was den kommunikativen Einbezug in die Prozeduren des modernen Rechtssystems betrifft, so bestehen im Prinzip zwei komplementäre Alternativen: Man kann entweder selbst klagen oder beklagt werden. In beiden Fällen spielen finanzielle Aspekte für die persönlichen Erfolgsaussichten eine wesentliche Rolle. Wer zum Beispiel beabsichtigt, privatrechtliche Ansprüche im Wege einer Klage vor Gericht geltend zu machen, muss sich darüber im Klaren sein, dass gegebenenfalls hohe Kosten auf ihn zukommen. Denn die Zivilprozessordnung der meisten westlichen Rechtsstaaten sieht vor, dass die Kosten eines Verfahrens von der unterlegenen Seite zu tragen sind beziehungsweise, falls eine Klage nur in Teilen zum Erfolg führt, nach Entscheidung des Gerichts anteilig auf die involvierten Parteien verteilt werden. Die Verfahrenskosten setzen sich dabei im Wesentlichen aus den Gerichtsgebühren, den Anwaltskosten der Beteiligten, Sachverständigenhonoraren sowie eventuellen Reisekosten zusammen und können sich zu hohen Summen aufaddieren. Für potentielle Kläger heißt das, dass sie nicht nur das Honorar für ihren Anwalt zumindest vorfinanzieren, sondern darüber hinaus auch das Prozessrisiko in Kauf nehmen müssen, im Falle der teilweisen oder vollständigen Klageabweisung auf ihren eigenen Ausgaben sitzenzubleiben und schlimmstenfalls auch noch die der gegnerischen Partei aufgebürdet zu bekommen. Angesichts dessen erschließt sich, dass die sozusagen 474 Vgl. Baraldi u. a. 1999, S. 147. 475 Vgl. hierzu etwa die schonungslose Darstellung vor- beziehungsweise frühmoderner öffentlicher Bestrafungspraktiken in Foucault 1976, S. 9–12. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 182 eigensinnige Selbstinklusion in die Kommunikationsprozesse des Rechtssystems nicht allein von juristischen, sondern zunächst einmal von finanziellen Erwägungen – nämlich der Frage, ob man sich das Prozessrisiko vernünftigerweise überhaupt leisten kann – abhängt. An diesem Sachverhalt ändert im Grundsatz auch die in manchen Ländern gewährte staatliche Prozesskostenhilfe nichts, da sie, so jedenfalls in Deutschland, wenn irgend möglich an den Staat zurückzuzahlen ist und ohnehin nur die eigenen Anwalts- und Gerichtskosten abdeckt. Sie hat indes keinen Einfluss auf die Kosten, die im Falle einer Klageabweisung dem Gegner zu erstatten sind. Wer den Prozess also verliert, muss zumindest die Ausgaben der gegnerischen Partei, insbesondere deren Anwaltshonorare, aus eigener Tasche bezahlen.476 Das dürfte gerade für diejenigen Personen, die aufgrund ihres niedrigen Einkommens tatsächlich Anspruch auf Prozesskostenhilfe hätten, oftmals Grund genug sein, angesichts der möglicherweise untragbaren finanziellen Konsequenzen auf das Wagnis einer Klageerhebung vorsichtshalber zu verzichten und ihre unter Umständen sehr wohl berechtigten Ansprüche hintanzustellen. Insofern heißt, theoretisch im Recht zu sein, jedenfalls für einkommensschwache Personen noch lange nicht, vor Gericht auch wirklich Recht zu bekommen. Armut stellt aber nicht nur deshalb eine Barriere für die gleichberechtigte Inklusion ins Rechtssystem dar, weil sie es erschwert, Konflikte aus eigenem Antrieb einer richterlichen Schlichtung zuzuführen. Vielmehr kann sie auch in anerkannten Rechtsstaaten einen negativen Einfluss auf das Urteil selbst ausüben. Veranschaulichen lässt sich dieser juristisch einigermaßen bedenkliche Sachverhalt zwar nicht nur, besonders eindrücklich indes am Beispiel des US-amerikanischen Strafrechtssystems. Anders als in der Bundesrepublik, wo die eigentliche juristische Entscheidungsgewalt in den Händen professionell ausgebildeter Berufsrichter liegt, fällt in den USA eine aus Laien gebildete Jury das Urteil. Der Richter übernimmt hier eher eine Art Schiedsrichterrolle zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung und unternimmt – ebenfalls im Unterschied zu deutschen Gerichten, die zu eigener Ermittlungstätigkeit verpflichtet sind und, falls nötig, Sachverständige bestellen oder Zeugen vorladen – keine eigenen Schritte zur Aufklärung der für eine gerechte Urteilsfindung erforderlichen Fakten. Und während die Staatsanwaltschaft in Deutschland gehalten ist, nicht nur nach belastenden, sondern gleichermaßen nach entlastenden Indizien und Beweisen zu forschen und 476 Vgl. Bundesministerium für Justiz: Beratungs- und Prozesskostenhilfe, Berlin 2009, S. 8; eine Ausnahme gilt lediglich (immerhin) in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen: »Hier hat die Partei, die den Prozess in der ersten Instanz verliert, die Kosten des gegnerischen Rechtsanwalts/der gegnerischen Rechtsanwältin nicht zu erstatten.« Ebd. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 183 im späteren Verfahren zu berücksichtigen, das heißt eine möglichst objektive Ermittlung des Sachverhaltes anzustreben, sind US-amerikanische Staatsanwälte einseitig auf die Belastung der Angeklagten spezialisiert. Dementsprechend kommt der Kompetenz und Professionalität der Verteidigung in den USA eine noch einmal größere Bedeutung als in Deutschland zu.477 Das Problem daran ist, dass Angeklagte in einem amerikanischen Strafprozess das Geld für ihre Verteidigung größtenteils selbst aufbringen müssen. Die von staatlicher Seite bewilligten Zuschüsse für Arme reichen in der Regel nicht aus, um aufwendige Ermittlungsmethoden oder teure Gutachten zu ihrer Entlastung zu bezahlen.478 Vor diesem Hintergrund kann es niemanden überraschen, dass im Strafrechtssystem der Vereinigten Staaten wohlhabende Angeklagte, die sich für ihre Verteidigung notfalls ein ganzes Team hochbezahlter Spezialisten und umfangreiche Untersuchungen leisten können – man denke etwa an den weltweit bekannt gewordenen Fall O. J. Simpsons –, im Durchschnitt wesentlich günstigere Urteile zu erwarten haben als die überproportional häufig nicht-weißen Angehörigen der sogenannten underclass, die auf einen schlechtbezahlten, nicht selten ebenso wenig qualifizierten wie motivierten Pflichtverteidiger angewiesen sind, der aus Kompetenz- und Geldmangel zu einer effektiven Verteidigung oftmals kaum imstande ist. Insofern demonstriert das Beispiel der Vereinigten Staaten exemplarisch, dass auch in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften die wahren Gründe dafür, warum das Rechtssystem für den einen und gegen den anderen entscheidet, nicht selten außerhalb desselben liegen. Die im Hinblick auf das Rechtssystem vermutlich größte Benachteiligung der sozioökonomisch marginalisierten Bevölkerungsschichten ist aber darin zu sehen, dass sie unter Verhältnissen zu leben gezwungen sind, die eine gewisse Indifferenz gegenüber dem Rechtscode legal/illegal (welche, wie Luhmann zu Recht betont, »auch als Indifferenz interpretiert werden muss und nicht etwa als Präferenz für Kriminalität«)479 begünstigt und damit die Wahrscheinlichkeit, früher oder später einmal als Angeklagter vor Gericht zu landen und verurteilt zu werden, signifikant erhöhen. Claus Schäfer zum Beispiel geht mit dem Harvard-Ökonomen Richard B. Freeman davon aus, dass der sprunghafte Anstieg der US-Kriminalität in den 1990er Jahren (die früher ein durchaus mit Europa vergleichbares Niveau aufwies), vor allem mit der um sich greifenden Armut 477 Zum Vergleich des deutschen und US-amerikanischen Strafrechtssystems siehe Volker Ratzmann: »Im Namen des Gesetzes«, in: Freiheit für Mumia! Hintergründe eines Fehlurteils und juristische Fakten gegen einen drohenden Justizmord, Bremen 1997, S. 9–19, hier S. 12ff. 478 Vgl. ebd., S. 13f. 479 Luhmann 2008b, S. 243. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 184 zu erklären sei, welche insbesondere die Männer dazu zwinge, für ihren Lebensunterhalt kriminell zu werden.480 Auch Loic Wacquant, einer der wichtigsten Schüler Pierre Bourdieus, vertritt diese Position und verweist dabei auf die unzureichende Höhe der amerikanischen Sozialhilfe, die vielen Ghettobewohnern schlicht keine andere Wahl lasse als eben den »Rückgriff auf die informelle Ökonomie der Straße.«481 Allerdings geht es bei dem Zusammenhang von Armut und Delinquenz keineswegs immer um absolute Armut im oben erläuterten Sinne einer physischen Existenzbedrohung. Vielmehr produziert, wie Judith und Peter Blau gezeigt haben, gerade relative Armut im Sinne der innergesellschaftlichen, nicht mehr als bloße Differenz des Lebensstils zu relativierenden Exklusion von den gesellschaftsüblichen Errungenschaften und Chancen unter den betroffenen Gruppen ein signifikant gesteigertes Gewalt- und Kriminalitätspotential. Nicht nur, besonders aber in demokratischen Gesellschaften, in denen askriptive Ungleichheiten ihre einst fraglos hingenommene Legitimität verloren haben, führen allzu diskrepante Lebenslagen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu massiven Interessenskonflikten und latenter Aggression. Denn den allgemeinen Wohlstand und die vielfältigen Verwirklichungschancen der Mittel- und Oberschicht unmittelbar vor Augen zu haben, für sich selbst jedoch in unerreichbarer Ferne zu wissen, hat speziell bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich mit den Vorgaben und Zielen der modernen Konsumgesellschaft identifizieren, große Frustration und Wut zur Folge.482 Die daraus resultierende Häufung von Konflikten und Kriminalität ist insofern gerade kein Ausdruck einer die Lebensweise und Wertvorstellungen der sozioökonomisch inkludierten Mehrheitsgesellschaft grundsätzlich negierenden »Subkultur der Armut«, sondern ihrer – paradoxen – Affirmation. In nur wenigen Studien wird dieser Devianz produzierende Zusammenhang zwischen der gesellschaftlich im Prinzip erwünschten allgemeinen Identifikation mit den soziokulturellen Standards sowie dem durch das demokratische Gesellschaftsmodell vermittelten, allseits geteilten Anspruch auf ein diesen Standards entsprechendes Leben einerseits, und den dazu in krassem Widerspruch stehenden, hochgradig ungleich verteilten individuellen Verwirklichungschancen andererseits so eindrücklich geschildert, wie in jener von Francois Dubet und Didier 480 Vgl. Claus Schäfer: »Niedrigere Löhne – bessere Welten?«, in: WSI-Mitteilungen, 52/2000, Nr. 8, S. 534–551, hier S. 547; Richard B. Freeman: When Earnings Diverge. Causes, Consequences, and Cures for the New Inequality in the U.S., Washington 1997. 481 Loic Wacquant: »Amerika als verkehrte Utopie«, in: Pierre Bourdieu u. a.: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 1997, S. 169–178, hier S. 174. 482 Vgl. Judith Blau, Peter Blau: »The Cost of Inequality. Metropolitan Structure and Violent Crime«, in: American Sociological Review, 47/1982, S. 114–129. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 185 Lapeyronnie, die 1994 nach zehnjähriger Feldforschung unter dem Titel Im Aus der Vorstädte erschien.483 Die Autoren beschreiben darin die wesentlich von Arbeitslosigkeit, Armut und Tristesse geprägte Lebenslage in den Banlieues französischer Großstädte. Vor allem für dort lebende Jugendliche ist die relative Aussichtlosigkeit ihrer Situation oftmals nur schwer zu ertragen. Ihre Chancen auf eine feste Arbeit und ein befriedigendes Einkommen sind gering. Aus Sicht einer Gesellschaft, die sich selbst als Arbeitsgesellschaft bestimmt, sind sie ganz einfach überflüssig, um nicht zusagen wertlos. Werden sie unbequem, kann man sie vermeintlich wie »Dreck« mit dem Kärcher entfernen, wie der frühere französische Innenminister (und spätere Staatspräsident) Nicolas Sarkozy anlässlich einer Schießerei zwischen verfeindeten Banden in einem der Pariser Vororte vorschlug. Für die Jugendlichen ist die subjektive Erfahrung ihrer Exklusion dabei umso schmerzhafter, als sie eben durch eine Gesellschaft vollzogen wird, deren typische Lebensentwürfe, Wünsche und Zielvorgaben von ihnen durchaus positiv besetzt werden, an denen sie sich also selbst orientieren – und zu denen im Übrigen auch gar keine legitimen Alternativen mehr bestehen. Während zum Beispiel ein jugendlicher Bauer in der feudalen Ständeordnung und noch der jugendliche Arbeiter der frühen Industriegesellschaft einzig das als Ziel ins Auge fasste, was tatsächlich im Bereich seiner objektiven, durch Stand und Klasse vorbestimmten (und beschränkten) Möglichkeiten lag, haben sich die Vorstellungen von einem gelingenden Leben in der heutigen Wohlstands- und Konsumgesellschaft auf einem sehr viel höheren Niveau über die Schichtgrenzen hinweg weitgehend demokratisiert. Neben den omnipräsenten Massenmedien suggerieren dabei insbesondere die Schulen, dass dem Tüchtigen die Zukunft offensteht und sein Fleiß sich einmal lohnen wird.484 Von diesen an der Mittelschicht geeichten Versprechungen sind auch die sozioökonomisch Abgehängten affiziert, das heißt auch sie wollen, was alle wollen (Arbeit, schöne Kleidung, ein Auto, ein Eigenheim), doch sehen sie oft keine Möglichkeit, diese Wünsche auf legalem Wege zu verwirklichen. Man muss es nicht guthei- 483 Vgl. Dubet / Lapeyronnie 1994. 484 Wie sehr die Aufrechterhaltung dieser Fiktion von den Schulen normativ erwartet wird, lässt sich beispielsweise an den teilweise empörten Reaktionen ablesen, welche durch die 2007 im deutschen Fernsehen ausgestrahlte WDR-Dokumentation Die Hartz IV Schule von Eva Müller ausgelöst wurden. In der Dokumentation wurde über eine Förderschule berichtet, in der aufgrund der schlechten Berufsaussichten von Förderschülern das Ausfüllen von Hartz IV-Anträgen zum Bestandteil des regulären Unterrichts gemacht wurde, um die Jugendlichen möglichst praxisgerecht auf ihre zu erwartende Laufbahn vorzubereiten. Obwohl diese unorthodoxe, desillusionierte Vorgehensweise durchaus realitätsangemessen ist, wurde die damit verbundene Relativierung der schulischen Erwerbsorientierung vielfach kritisiert. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 186 ßen, doch kann man vielleicht nachvollziehen, dass gerade Jugendliche, wütend und von ihrer Chancenlosigkeit frustriert, nach »innovativen«, notfalls eben illegalen Wegen suchen (Diebstahl, Raub, Betrug, Drogenhandel …), um wenigstens den äußerlichen, zum Beispiel durch Markenkleidung oder Handys dokumentierten »Anschluss« an die Gesellschaft irgendwie herzustellen. Auch das sogenannte »riot shopping«, wie die zahlreichen, z. T. im Fernsehen übertragenen Plünderungen im Zuge der englischen Jugendrevolte im Jahr 2011 pointiert genannt wurden, sind in diesem Lichte zu verstehen.485 Zentraler Begriff dieser von der Theorie Robert K. Mertons486 inspirierten Erklärung ist für Dubet und Lapeyronnie dabei der »deviante Konformismus«, das heißt der (von vielen Jugendlichen als mehr oder weniger legitimer Umverteilungsmechanismus dargestellte) in sich widersprüchliche Versuch, durch abweichendes Verhalten konformistische Ziele zu erreichen. Gerade weil sich Kriminelle in der Regel mit den gängigen Vorstellungen von sozialem Erfolg identifizierten, ihnen der »Haupteingang« zur Gesellschaft indes versperrt bleibe, versuchten sie es sozusagen durch die Hintertür.487 Es liegt auf der Hand, dass diese zwar aus der Not geborene (und insofern irgendwie verstehbare), darum aber nicht weniger konfliktbehaftete Praxis die soziale Exklusion der Akteure und die Ressentiments, manchmal sogar Verachtung, mit der man ihnen begegnet, spätestens im Moment ihrer Ergreifung und Verurteilung nur noch weiter verstärkt. Natürlich lässt sich nicht jede Form der Kriminalität auf diese vergleichsweise rationale Weise erklären. Insbesondere vielen Gewaltdelikten, wie sie in manchen städtischen Problemvierteln an der Tagesordnung sind, eignet ein überschießendes, irrationales Moment, das sich mit den »Notwendigkeiten« des devianten Konformismus nicht mehr begründen lässt und deshalb auch sehr unberechenbar erscheint. Wenn zum Beispiel exkludierte Jugendliche, wie es in den französischen Banlieues häufiger geschieht, Autos stehlen, um sich aus Spaß halsbrecherische Verfolgungsjagden mit der Polizei zu liefern und sie anschließend, anstatt sie zu verkaufen, aus purer Zerstörungslust einfach zu Schrott fahren und anzünden (sogenannte »Rodeos«); wenn sie sich ohne erkennbaren Anlass prügeln oder gänzlich Unbeteiligte mit manchmal unfassbarer Brutalität attackieren; wenn aufgebrochene Wohnungen (die meist im eigenen Quartier liegen) nicht nur ausgeraubt, sondern zusätzlich verwüstet, oder um ihre Wertsachen bereits »erleichterte« Diebstahlopfer (die 485 Zu den UK-Riots im Jahre 2011 siehe vor allem die von der britischen Tageszeitung The Guardian in Zusammenarbeit mit der London School of Economics and Political Science herausgegebene Studie: Reading the Riots. Investigating England’s Summer of Disorder, London 2011. 486 Vgl. etwa Robert K. Merton: »Sozialstruktur und Anomie«, in: ders.: Soziologische Theorie und soziale Struktur, Berlin 1995, S. 126–154. 487 Vgl. Dubet / Lapeyronnie 1994, S. 49f. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 187 man nicht selten persönlich kennt) auch noch geschlagen und getreten werden; wenn sogar die städtischen Jugendzentren, die von den Jugendlichen normalerweise selbst in Anspruch genommen werden, im Zuge von Ausschreitungen in Schutt und Asche gelegt werden, dann hat all das mit krimineller Rationalität nicht mehr viel zu tun.488 Es handelt sich vielmehr um impulsive Ausbrüche einer ökonomisch desinteressierten – oder besser: nicht mehr interessierten –, ziellosen, exzessiven, oftmals selbstzerstörerischen Gewalt, in der sich ein blinder Hass sowohl auf die Gesellschaft, zu der die Jugendlichen eigentlich dazugehören wollen, die ihre Bedürfnisse aber konsequent ignoriert, als auch auf sich selbst, auf ihr ganzes aussichtsloses Dasein explosionsartig zum Ausdruck bringt.489 In einer Hinsicht allerdings erscheint die ansonsten recht diffuse, wenig zielgerichtete (und noch weniger zielführende) Wut der Exkludierten als durchaus gerichtet. Auffallend häufig zielt sie nämlich auf einen ganz bestimmten, besonders verhassten Gegner: die Polizei. Unabhängig davon, um welche Länder oder Städte es sich im Einzelnen handelt, vor allem von marginalisierten Jugendlichen (deren Eltern oftmals Immigranten sind) wird die Polizei fast nie als »Freund und Helfer« wahrgenommen, sondern eher als Verkörperung von staatlicher Gewalt, Rassismus und Willkür.490 Schon der geringste Anlass, etwa eine vermeintlich oder tatsächlich rassistisch motivierte Personenkontrolle – von schwerwiegenderen Zwischenfällen ganz zu schweigen –, kann als Auslöser für im Zweifel heftige, nicht selten gewaltsam endende Auseinandersetzungen genügen. Die bürgerkriegsähnlichen Aufstände in Los Angeles 1992 zum Beispiel, die landesweiten Unruhen in den französischen Banlieues im Sommer 2005 oder die erwähnte Jugendrevolte in London 2011 entzündeten sich allesamt an Zwischenfällen mit der Polizei.491 Und auch in Deutschland nimmt die gegen Polizeibeamte gerichtete Gewalt seit Jahren stetig zu, wie eine vertrauliche Studie des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts vor kurzem ergab. Vor allem soziale Brennpunkte 488 Vgl. hierzu ebd., vor allem Kapitel 4: »La galère«, S. 103–128. 489 Ähnlich Blau / Blau 1982. Die beiden sprechen in diesem Kontext von einer allgemeinen, diffusen Feindseligkeit (»diffuse hostility«), welche durch askriptive Ungleichheit erzeugt würde und sich infolge fehlender politischer Rahmung beziehungsweise Lenkung in hochgradig irrationalen Gewaltakten äußere. Vgl. ebd., S. 119. 490 Vgl. Dubet / Lapeyronnie 1994, S. 114f. 491 In Los Angeles war der Freispruch von vier Polizisten, die wegen der brutalen, auf Video aufgezeichneten Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King vor Gericht standen, der Auslöser der Unruhen. In Frankreich ging es um den Tod zweier Jugendlicher mit Migrationshintergrund, die vor der Polizei geflohen waren. Und in England gab der Tod des farbigen Mark Duggan, der von Polizeibeamten erschossen worden war, den Anstoß für die Ausschreitungen. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 188 und Bereiche mit hohem Migrantenanteil entglitten der staatlichen Kontrolle mehr und mehr.492 Dabei ist es nicht schwer zu verstehen, woher diese vielfach dokumentierte besondere Feindschaft zwischen exkludierten Jugendlichen und der Polizei rührt. Zum einen sind die beiden Seiten aufgrund der beschrieben Häufung von Devianz und Kriminalität in den entsprechenden Quartieren schon fast so etwas wie »natürliche Gegner«, die wie in einem von den gesellschaftlichen Verhältnissen vorgezeichneten Drama erwartungsgemäß aufeinanderprallen. In die Skripte ihrer jeweiligen Rollen, welche die Akteure anzunehmen vielleicht nicht immer förmlich gezwungen sind, die zu spielen aber vor allem die Jugendlichen unter dem Druck ihrer deprivierten Lebenslage zumindest verleitet, wenn nicht gar gedrängt werden, ist der in Rede stehende Antagonismus von vornherein fest eingeschrieben. Und zum anderen agiert die Polizei aus Sicht der Exkludierten auch nicht einfach als Hüter von Recht und Gesetz, sondern vielmehr als symbolischer Repräsentant eben jener ambivalent betrachteten Gesellschaft, die sie verstößt, die sowohl ihre Hoffnungen und Wünsche auf sich zieht als auch ihren aus der Enttäuschung ob der Zurückweisung gespeisten Zorn, welcher sich schließlich, sozusagen stellvertretend, an den immerhin greifbaren Polizisten entlädt. In diesem Lichte besehen wird insgesamt deutlich, dass die tieferen Gründe für die erhöhte Anfälligkeit sozioökonomisch marginalisierter Randgruppen sowohl für jene Delikte, die dem devianten Konformismus zuzuordnen sind, als auch für Gewaltverbrechen (und im Übrigen auch für Rauschgiftkriminalität) eben nicht auf individuelle Dispositionen zurückgeht, sondern primär sozialstrukturellen Ursachen geschuldet ist. Das Risiko, mit dem Gesetz ernstlich in Konflikt zu geraten und als stigmatisierter Krimineller aus der »guten Gesellschaft« exkludiert zu werden (mit existentiellen Konsequenzen wie zum Beispiel jahrelanger Inhaftierung, verschlechterten Arbeitsmarktchancen usw.), ist demnach keineswegs gleichmäßig verteilt, sondern trifft infolge der schlechteren 492 Jörg Diehl: »LKA-Studie. Immer mehr Polizisten im Dienst verletzt«, in: Spiegel- Online vom 04.05.2012, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gewalt-gegenpolizisten-immer-mehr-beamte-werden-verletzt-a-831194.html (23.03.16). Auch das Kriminologische Institut Niedersachsen bestätigt die Zunahme der Gewalt gegen Polizeibeamte sowie den (vor allem in städtischen Gebieten) auffallend hohen Anteil jugendlicher Täter nicht-deutscher Herkunft. Vgl. Christian Pfeiffer u. a.: 7 Thesen zur Gewalt gegen Polizeibeamte. Erste Ergebnisse einer Polizeibefragung in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen, Kriminologisches Institut Niedersachsen, Hannover 2010a; ferner ders. u. a.: Gewalt gegen Polizeibeamte. Ausgewählte Befunde zu den Tätern der Gewalt, Zwischenbericht Nr. 2, Kriminologisches Institut Niedersachsen, Hannover 2010b. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 189 Lebensbedingungen die ärmeren Gesellschaftsschichten in deutlich höherem Maße. Dies ist – neben den oben besprochenen, finanziell bedingt geringeren Chancen, Rechtsansprüche auf dem Verfahrensweg erfolgreich durchzufechten – der wichtigste Wirkungszusammenhang, durch den sich die dem Recht ursprünglich äußerlichen Exklusionseffekte wirtschaftlicher Armut auch auf das Rechtssystem der Gesellschaft übertragen. Von elementarer Bedeutung ist dieser gerechtigkeitsethisch kritisch zu bewertende Sachverhalt dabei nicht nur für die Delinquenten selbst, sondern auch für die Gesellschaft als Ganze, die mit den dysfunktionalen Folgen der Kriminalität, beispielsweise mit der daraus resultierenden Unsicherheit, ebenfalls zurechtkommen muss. Doch darin besteht wohl letztlich der Preis, den gerade jene Gesellschaften, die sich selbst als demokratische beschreiben, für das lebensweltliche Auseinanderdriften ihrer Mitglieder bezahlen.493 Politiksystem Schließlich seien noch die Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Falle des politischen Systems der Gesellschaft analysiert. Zunächst zu dessen Funktion: Die primäre Funktion der Politik besteht darin, kollektiv verbindliche Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen.494 Diese (strukturell eng mit dem Recht gekoppelte) Funktion muss auf die ein oder andere Weise in jeder Gesellschaft erfüllt sein, doch ist sie für die hochkomplexe Gesellschaft der Moderne von besonderer Bedeutung. Denn je differenzierter und pluralistischer eine Gesellschaft ist, umso zahlreicher und potentiell widersprüchlicher sind die individuellen Handlungsmöglichkeiten und Interessen der Menschen, und umso häufiger kommt es dadurch zu Konflikten, »die nicht mehr durch Rückgriff auf Wahrheiten oder gemeinsame Überzeugungen gelöst werden können, sondern eben nur noch durch Entscheidung.«495 Es geht in der modernen Politik also um die auf dem staatlichen Gewaltmonopol aufruhende und erst dadurch selbst monopolisierbare Chance, für alle, die zur Gesellschaft dazugehören, rechtsverbindlich festzulegen, wie man sich in Bezug auf bestimmte Sachverhalte, die als gesamtgesellschaftlich relevant betrachtet werden, zu verhalten hat.496 Unverzichtbare Voraussetzung hierfür ist Macht im Sinne des Vermögens, »durch eigene Entscheidung für 493 Eben so argumentieren auch Judith und Peter Blau. Vgl. Blau / Blau 1982. 494 Vgl. Niklas Luhmann: »Soziologie des politischen Systems«, in: ders.: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, 8. Aufl., Wiesbaden 2009a, S. 194–223, hier S. 200f. 495 Ebd., S. 200. 496 Vgl. Kai-Uwe Hellmann: »Spezifik und Autonomie des politischen Systems. Analyse und Kritik der politischen Soziologie Niklas Luhmanns«, in: Gunter Runkel, TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 190 andere eine Alternative auszuwählen« und diese Entscheidung auch und gerade dann durchsetzen zu können, wenn dies den Absichten und Interessen des anderen nicht entspricht.497 Erreicht wird letzteres durch das In-Aussicht-Stellen von noch unangenehmeren Alternativen, unter denen die Anwendung physischer Zwangsmittel die inzwischen dem Staat vorbehaltene Ultima Ratio darstellt.498 Der spezifische Code des politischen Systems ist demnach die Differenz von Machthabern und Unterworfenen respektive von Regierenden und Regierten. Die spannende Frage ist, auf welche Weise sich die politische Inklusion und speziell die Zuordnung zu einer der beiden Seiten der für das politische System konstitutiven Differenz von Regierenden und Regierten in der Praxis vollzieht. In demokratischen Gesellschaften stehen hierfür unterschiedliche Publikumsrollen zur Verfügung, die zum Beispiel vom Wähler über den Steuerzahler, Antragsteller, Leserbriefschreiber, Beschwerdeführer bis hin zum Mitglied eines Interessenverbandes reichen.499 Die breite Masse der Bevölkerung wird über solche Publikumsrollen inkludiert und nimmt insofern typisch eine Doppelstellung als Entscheidungsempfänger und eben als Wähler ein.500 Der politischen Semantik zufolge geht dabei zumindest formal betrachtet alle Staatsgewalt vom Volke aus, welches sie in seiner Rolle als Wahlvolk ausübt. Insofern symbolisiert der Wähler in seiner Gesamtheit die einzig legitime Quelle demokratischer Macht, deren dominante Flussrichtung über die politischen Parteien, das Parlament sowie die bürokratische Verwaltung zu ihm selbst, nun in seiner Rolle als Entscheidungsempfänger, zurückkehrt.501 Gibt man dem Begriff der politischen Herrschaft allerdings einen substantielleren, weniger unbestimmten Sinn und definiert man ihn beispielsweise klassisch mit Max Weber als die konkrete »Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden«,502 verflüchtigt sich die Vorstellung einer effektiv wirksamen Herrschaftsbeteiligung des einzelnen Wählers rasch. In diesem praktischen Sinne hat das Volk noch nie geherrscht und tut es auch in der Demokratie nicht.503 Außerdem bieten Wahlen ohnehin nur gelegentliche, auf einige vorselektierte Alternativen beschränkte und zudem (vor allem Günter Burkart (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, Wiesbaden 2005, S. 13–51, hier S. 23. 497 Luhmann 2009a, S. 206. 498 Vgl. ebd., S. 207. 499 Vgl. ebd. 500 Vgl. Niklas Luhmann: Grundrechte als Institution. Ein Beitrag zur politischen Soziologie, Berlin 1965, S. 150. 501 Vgl. Luhmann 2009a, S. 208f. 502 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Neu Isenburg 2005, S. 38. 503 Vgl. Luhmann 1965, S. 138f. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 191 in repräsentativen Demokratien) sehr unspezifische Möglichkeiten der politischen Partizipation. In diesem kühleren Lichte erscheint die Inklusion ins Politiksystem der Gesellschaft über die Rolle des Wählers daher zwar als weitgehend voraussetzungslos und infolgedessen relativ universell, in Bezug auf den faktischen Herrschaftsvollzug aber auch als einigermaßen marginal. Mit Luhmann ist die eigentliche Funktion des Wählens deshalb auch ganz anders zu bestimmen, nämlich weniger als reale Beteiligung an, sondern als prozessuale Legitimierung von demokratischer Herrschaft. Ein Mindestmaß an Legitimität ist prinzipiell nötig, da sich keine Herrschaft allein auf physische Zwangsmittel begründen kann. Die allumfassenden Kontroll- und Drohmechanismen, die eine reine Gewaltherrschaft erfordern würde, wären selbst in wenig differenzierten Gesellschaften viel zu aufwendig und teuer, um Herrschaft dauerhaft stabilisieren zu können. Zudem wäre das Risiko von Rebellionen stets präsent. Gerade totalitäre Systeme wissen das und investieren viel in Propaganda, um sich wenigstens den Anschein von Legitimität zu geben. Liberale Gesellschaften hingegen, die diesen Weg nicht einschlagen, in denen jedoch über einen minimalen Grundrechtekonsens hinausreichende gemeinsame Überzeugungen (zum Beispiel traditioneller, religiöser oder ideologischer Natur) als halbwegs homogene Basis legitimer Herrschaft fehlen, stützen letztere stattdessen auf periodisch abgehaltene Wahlen. Legitimität bezeichnet dabei den an sich unwahrscheinlichen Fall, dass es von der breiten Masse der Bevölkerung im Voraus und pauschal für richtig gehalten wird, lediglich durch die Grundrechte eingeschränkte Entscheidungen der politischen Führungselite widerstandslos zu akzeptieren.504 Mit anderen Worten, es geht beim aktiven Wahlrecht durchaus nicht vorrangig um die generalisierte Beteiligung am tatsächlichen Vollzug von Herrschaft, sondern vielmehr um die stabile Generalisierung der gesellschaftlichen Zustimmung und Unterstützung für das politische System. Diese Überlegungen leiten erneut zu der Frage hin, wie die individuellen Chancen für eine faktische Beteiligung an politischer Herrschaft im Sinne des Zugangs zu politisch tatsächlich einflussreichen Entscheidungspositionen gesellschaftlich verteilt sind. Und hier zeigt sich, dass diese Chancen keineswegs gleichmäßig über die Gesellschaft gestreut sind. Zwar trifft es zu, dass sich in modernen Demokratien de jure jeder Staatsbürger zu Wahlen aufstellen oder auf andere Weise politisch engagieren kann. Dennoch belegen zahlreiche Untersuchungen, dass das bürgerschaftliche Engagement bereits auf den unteren Ebenen der politischen Mitarbeit in Institutionen wie zum Beispiel Gewerkschaften, Umweltschutzorganisationen, Parteien oder Bürgerinitiativen sehr ungleich verteilt ist. Tatsächlich korreliert es in erster Linie mit der sozialen 504 Vgl. ebd., S. 141. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 192 Schichtzugehörigkeit, wobei neben und vermittelt durch ökonomische Faktoren insbesondere die persönliche Bildung, die als politisch relevante Kernkompetenz entsprechendes Engagement in jeder Hinsicht begünstigt, von eminenter Bedeutung ist. Allgemein ist daher festzustellen, dass die faktische Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen in den oberen Sozialschichten wesentlich ausgeprägter ist, als in den unteren.505 Besonders augenfällig wird dieser Sachverhalt, wenn man speziell die individuellen Zugangschancen zu den politischen Spitzenämtern, mithin den eigentlichen Leistungsrollen des politischen Systems, in der höheren Verwaltung (vornehmlich dem Kanzleramt, den Ministerien und den nachgeordneten Behörden) und im Parlament betrachtet. So belegt unter anderem ein vom Berliner Institut für Sozialforschung im Rahmen der deutschen Armuts- und Reichtumsberichterstattung erstelltes Gutachten506 ähnlich wie die »Potsdamer Elitestudie«,507 dass der Zugang zu den politischen Führungspositionen (und noch deutlicher übrigens zu jenen in der Wirtschaft508) maßgeblich durch materielles Vermögen, das wiederum die Akkumulation von Bildungskapital sowie das Knüpfen karriereförderlicher Kontakte erleichtert, erheblich begünstigt wird. Und dasselbe gilt im Wesentlichen auch für andere westliche Länder wie zum Beispiel Frankreich, Großbritannien oder die USA, in denen neben der Herkunft aus einer der oberen Gesellschaftsschichten insbesondere der Besuch sozial hochselektiver universitärer Kaderschmieden, wie etwa der Sciences Po Paris, Oxford, Harvard oder Yale, ein entscheidendes Regulativ für den Zugang zu gesellschaftlichen Elitepositionen darstellt. All das impliziert, dass die politische Inklusion über einflussreiche Leistungsrollen, das heißt der Zugang zu wirklicher politischer Macht, eben nicht primär durch persönliche Überzeugungskraft und Leistung, »sondern […] weitgehend durch materielle und immaterielle Privilegien gesteuert 505 Vgl. etwa Dietrich Engels: Armut, soziale Ausgrenzung und Teilhabe an Politik und Gesellschaft, Köln 2004, S. 33ff. 506 Eva Schulze u. a.: Privilegierte Lebenslagen als Grundlage sozialer Hierarchie, Gutachten des Berliner Instituts für Sozialforschung im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung, Berlin 2003 (unveröff.), hier zitiert aus Engels 2004, S. 31f. 507 Jörg Machatzke: »Die Potsdamer Elitestudie – Positionsauswahl und Ausschöpfung«, in: Wilhelm Bürklin, Hilke Rebenstorf (Hg.): Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration, Opladen 1997, S. 35–68. 508 Zu den sozial hochgradig selektiven Rekrutierungsmechanismen der ökonomischen Führungseliten siehe namentlich Michael Hartmann: »Leistung oder Habitus? Das Leistungsprinzip und die soziale Offenheit der deutschen Wirtschaftselite«, in: Uwe Bittlingmayer u. a. (Hg.): Theorie als Kampf. Zur politischen Soziologie Pierre Bourdieus, Opladen 2002, S. 361–377; ders.: »Eliten in Deutschland. Rekrutierungswege und Karrierepfade«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 10/2004, S. 17–24. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 193 [wird]«, die innerhalb einer relativ kleinen Schicht mit hohem Lebensstandard und Status durch Vererbung weitergegeben werden.509 Die politische Elite rekrutiert sich somit – der feudalen Oberschicht von einst darin nicht unähnlich – zu erheblichen Anteilen aus sich selbst, während Aufstiegsprozesse allenfalls eingeschränkt gelingen.510 Demnach steht auch die Inklusion ins Politiksystem der Gesellschaft unter einem ökonomischen Primat, der die ärmeren Bevölkerungsteile vom Einbezug in die relevanten politischen Entscheidungsprozesse de facto ausschließt. Die gesamtsystemstabilisierenden Effekte dieses demokratietheoretisch einigermaßen bedenklichen Sachverhaltes, durch welche die eingangs konstatierte Polarisierung der Gesellschaft und die soziale Exklusion relevanter Bevölkerungsteile nachgerade zementiert wird, sind evident. Denn offensichtlich werden auf diese Weise gerade diejenigen Bevölkerungsgruppen von effektiver Einflussnahme ausgegrenzt, die von politischen Veränderungen – insbesondere von einer gleichmäßigeren Verteilung der materiellen Güter und individuellen Lebenschancen – am meisten profitieren würden. Stattdessen wird das politische System vor allem von den höheren und höchsten Sozialschichten beherrscht, deren gesellschaftliche Vormachtstellung schon durch ihre intersystemisch folgenreiche wirtschaftliche Dominanz begründet ist und deren substantielles Interesse von daher gerade nicht in tiefgreifenden Veränderungen, sondern vielmehr in der Konservierung des Status quo besteht. Diese ökonomisch-politische Hegemonie der wohlsituierten Schichten zu durchbrechen hätte zur unabdingbaren Voraussetzung, dass sich die deprivierten, rein zahlenmäßig durchaus relevanten Bevölkerungsgruppen zu gemeinsamen Aktionen zusammenschlössen, sich also politisch organisierten, um systematisch öffentlichen Druck aufzubauen und die eigenen Interessen wirkungsvoll und zielgerichtet zu vertreten. Die deprivierten Gruppen müssten sich mithin, um die marxsche Terminologie zu gebrauchen, in und durch die politische Tat von einer zersplitterten, durch das gemeinsame Merkmal ihrer sozioökonomischen Marginalisierung noch lediglich äußerlich als solche bestimmten »Klasse an sich« zu einer politisch handlungsfähigen, von einem inneren Zusammengehörigkeitsgefühl getragenen »Klasse für sich« entwickeln.511 Das allerdings setzte wiederum ein gemeinsames Konfliktbewusstsein voraus, mehr noch, eine gemeinsame Theorie der gesellschaftlichen Ungleichheit und Widersprüche, die als kollektiver Interpretationshintergrund der einigermaßen homogenen Deutung der bestehenden Verhältnisse und da- 509 Engels 2004, S. 34. 510 Vgl. ebd. 511 Siehe Karl Marx: »Das Elend der Philosophie«, in: ders., Friedrich Engels: Werke (MEW), Bd. 4 (Ökonomische Manuskripte 1863-1868), Berlin 1972, S. 63– 182, hier S. 180f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 194 mit als Orientierungsgrundlage für die rationale Vorbereitung und zielführende Umsetzung politischer Aktionen dienen könnte. Diese elementaren Voraussetzungen sind empirisch aber nicht gegeben. Dabei ist der Grund für das fehlende Klassen- und Konfliktbewusstsein sowie die daraus resultierende kollektive Handlungsunfähigkeit der Exkludierten weniger ihre verschiedentlich herausgestellte soziale Heterogenität, welche in der Praxis verhindern würde, dass sich zum Beispiel der langzeitarbeitslose Archäologe mit dem von Erwerbsarmut betroffenen Hilfsarbeiter nachhaltig identifizierte.512 Denn empirisch ist die Gruppe der von Armut und sozialer Exklusion betroffenen Personen wesentlich homogener, als dies manchmal dargestellt wird. Je niedriger die soziale Schicht, umso wahrscheinlicher werden Marginalisierungserfahrungen.513 Es sind nach wie vor in erster Linie die Angehörigen des Arbeitermilieus, die mit Problemen wie Bildungs- und Kompetenzarmut, schlechten Berufsaussichten und anhaltender (Erwerbs-)Armut und infolgedessen mit teils massiven Inklusionsproblemen zu kämpfen haben.514 Zwar hat die soziale Abwärtsmobilität, wie oben geschildert, in den vergangenen Jahren durchaus zugenommen und ist inzwischen sogar größer als die Chance eines gesellschaftlichen Aufstiegs. Entsprechend ist die allgemeine Verunsicherung (Prekarisierung) besonders in der unteren Mittelschicht in der Tat zur »dominanten Grundstimmung« geworden.515 Doch von substantiellen Exklusionserfahrungen, wie sie die sozioökonomisch abgehängten Gruppen betreffen, bleibt die Oberund Mittelschicht (bisher jedenfalls) noch weitestgehend verschont.516 Insofern ist einer der vermutlich wichtigsten Gründe dafür, warum sich die große und noch weiter wachsende Gruppe der von Armut und 512 Gerade Heinz Bude betont immer wieder die vermeintliche Heterogenität der von Exklusion Betroffenen. Exklusion sei ein transversales Phänomen, das quer zur vertikalen Schichtung der Gesellschaft alle sozialen Ebenen und Milieus gleichermaßen betreffe und verunsichere und so zu einer Destabilisierung der gesellschaftlichen Mitte führe. Vgl. etwa Heinz Bude u. a.: »›Die Überflüssigen‹. Ein Gespräch zwischen Dirk Baecker, Heinz Bude, Axel Honneth und Helmut Wiesenthal«, in: ders., Andreas Willisch (Hg.): Exklusion. Die Debatte über die Überflüssigen, Frankfurt/M. 2008a, S.31–49; ders. 2008b; ders.: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, München 2010, S. 33f. 513 Vgl. Böhnke 2008, S. 111. 514 Vgl. Keller 2005, S. 125f.; ferner Olaf Groh-Samberg: »Armut und Klassenstruktur. Zur Kritik der Entgrenzungsthese aus einer multidimensionalen Perspektive«, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 56/2004, H. 4, S. 653–682. 515 Vgl. Neugebauer 2007. 516 Wenngleich die Entwicklungen in krisengebeutelten Ländern wie den USA, Griechenland oder Spanien derzeit auf beängstigende Weise vor Augen führen, wie schnell relevante Bevölkerungsteile aus der etablierten Mitte herausgebrochen und in den sozialen Abgrund gerissen werden können. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 195 Ausgrenzung betroffenen Personen bislang nicht zu einer politisch handlungsfähigen »Klasse für sich« formiert hat, eben nicht in ihrer vermeintlichen Heterogenität, sondern im Gegenteil vor allem in der verbreiteten Bildungs- und Kompetenzarmut zu sehen, die sie als relativ homogene Gruppe wesentlich charakterisiert. Es ist demnach gerade die zu verändernde soziale Randlage selbst, die, durch die oben erläuterten sozio- ökonomischen Mechanismen bedingt, die Akkumulation von Bildungskapital behindert und damit die für die machtvolle Durchsetzung von gesellschaftlichen Veränderungen unverzichtbare politische Interpretations- und Organisationsfähigkeit der Exkludierten untergräbt. Infolgedessen führt der schwelende Konflikt zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen in aller Regel nicht zu rationalen, politisch zielführenden Kollektivaktionen der letzteren, die beispielsweise eine gleichmäßigere Verteilung der gesellschaftlichen Reichtümer und Chancen zum Ziel hätten. Stattdessen kommt es vielmehr zu dem, was Lewis A. Coser einmal als »unrealistische« Formen der Konfliktaustragung bezeichnet hat, in denen sich die angestaute Frustration und Wut der marginalisierten Gruppen oft ausgesprochen destruktiv entlädt, die aber aufgrund ihrer politischen Sinn- und Ziellosigkeit keinen sozialen Wandel herbeiführen können.517 Die oben beschriebenen Formen des devianten Konformismus, vor allem aber die oftmals blindwütige, irrationale und nicht selten selbstzerstörerische Gewalt von marginalisierten Jugendlichen können hierfür als einschlägige Beispiele dienen.518 Sie ermöglichen in erster Linie situativen Spannungsabbau, tragen aber gerade dadurch zur Manifestation der sozialen Spaltung bei. Mit anderen Worten, solange der unorganisierte »Widerstand« der Exkludierten hauptsächlich darin besteht, sich gegenseitig zu bestehlen, die Autos der eigenen Nachbarn anzuzünden oder sich sinnlose Straßenkämpfe mit der Polizei zu liefern, so lange hat man auf Seiten der Privilegierten nicht viel zu befürchten; all das wird an der bestehenden Verteilungsordnung erst einmal nichts ändern. Auf mittlere Sicht besteht allerdings durchaus die reale Gefahr, dass aufgrund der anhaltenden Unfähigkeit des politischen Systems, die sich aus dem (sozialstrukturell bedingten) politischen Unvermögen und der effektiven Machtlosigkeit der marginalisierten Schichten einerseits sowie den kurzfristigen, auf egoistische Besitzstandswahrung zielenden Interessen der Etablierten andererseits ergibt, dass infolge dieser Unfähigkeit, für sozial ausgewogene und gerechte Verhältnisse zu sorgen und den sich zuspitzenden Konflikt zwischen Arm und Reich einer Lösung 517 Lewis A. Coser: »Sozialer Konflikt und die Theorie des sozialen Wandels«, in: Heinz Hartmann (Hg.): Moderne amerikanische Soziologie. Neuere Beiträge zur soziologischen Theorie, 2., umgearbeitete Aufl., Stuttgart 1973, S. 414–429, hier S. 428, Anmerkung 37. 518 So auch Blau / Blau 1982, S. 119. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 196 zuzuführen, die Gesellschaft, vom blinden Profit- und Wachstumszwang der Märkte unaufhaltsam angeschoben, wie auf zwei divergierenden Schienensträngen immer weiter auseinandertreibt und die gewalttätige, unkontrollierte Sprengung der sozialen Ordnung am bitteren Ende steht. Dabei sollte man sich allerdings keinen teleologischen Geschichtsträumereien hingeben. Dass auf den materialistisch fehlgeleiteten Irrsinn der für Mensch und Natur gleichermaßen zerstörerischen kapitalistischen Maximierungsökonomie notwendig das kommunistisch-ökologische Utopia folgt, lässt sich, jedenfalls bei Lichte besehen, aus keinem historischen Bewegungsgesetz sicher ableiten. Das 20. Jahrhundert hat auf grausame Weise vor Augen geführt, welche extremen Alternativen es gibt. Insofern sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der Westen mit seinen politisch-liberalen Grundwerten der Freiheit, Demokratie und individuellen Menschenrechte, mit der Herrschaft des Gesetzes und auch mit seinen kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften, sehr viel zu verlieren hat. Zwar ist, wie aus dem Vorangegangenen deutlich geworden sein dürfte, vor allem das Ideal der gleichberechtigten, über ihre bloß formale Zusicherung hinausgehenden multidimensionalen Partizipation an den vielfältigen Facetten des gesellschaftlichen Lebens nur höchst unvollständig realisiert. Die Armen jedenfalls sind aufgrund der beinahe alle Lebensbereiche durchdringenden Ökonomisierung der Gesellschaft und der damit verbundenen systemübergreifenden Unentbehrlichkeit des Geldes vom etablierten Leben der anderen de facto exkludiert. Doch werden dadurch nicht die angesprochenen politisch-sozialen Werte und Errungenschaften diskreditiert, sondern vielmehr die unkontrollierte Hypertrophie der kapitalistisch-industriellen Wirtschaftsform, deren systemisch und global entgrenzte Profit- und Konkurrenzlogik die Weltgesellschaft (auf nationaler wie internationaler Ebene) in Gewinner und Verlierer spaltet und zudem in eine ökologische Katastrophe von ungeahntem Ausmaß treibt.519 Insofern ist die Feststellung keineswegs 519 Man muss sich im Hinblick auf den zuletzt genannten Punkt nur einmal vergegenwärtigen, dass aktuelle Klimastudien prognostizieren, dass das offizielle Ziel der Weltklimapolitik, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen, infolge der rasanten globalen Ausbreitung der kapitalistisch-industriellen Produktionsweise und der damit verbundenen Zunahme der anthropogenen CO2- Emissionen schon jetzt nicht mehr einzuhalten ist und man stattdessen vielmehr mit einem Temperaturanstieg von ca. vier Grad rechnen muss, selbst wenn die Weltgesellschaft von nun an radikal umsteuert. Trifft dies zu – und es spricht einiges dafür –, wird die Erde noch zu Lebzeiten der nächsten Generation zu einem lebensfeindlicheren Planeten, als sie es in der Geschichte der Menschheit jemals gewesen ist. Vor allem infolge der Veränderungen der Küstenlinien und Vegetationsmuster, der Trinkwasserknappheit und der irreversiblen Verwüstung fruchtbarer Ackerböden wäre die Lebensgrundlage von Milliarden Menschen existentiell bedroht. Und die Ursache für all das ist nichts anderes als die kapitalistische ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 197 übertrieben, dass zumindest eine gedeihliche und lebenswerte Zukunft für sehr viele Menschen davon abhängen wird, ob es dem politischen System doch noch gelingt, den gesamtgesellschaftlichen Primat und damit seine demokratische Entscheidungsfähigkeit zurückzugewinnen und die Hegemonie des kapitalistischen Wirtschaftssystems zugunsten einer an Gemeinwohl und Nachhaltigkeit statt an Wachstum und Profit orientierten Politik zu überwinden. c) Exklusion als intrasystemische Erfolgsbedingung der kapitalistischen Wirtschaft Wie aus dem Vorangegangenen deutlich geworden ist, spiegelt sich der bereits von Paul und Schimank systemtheoretisch herausgearbeitete gesamtgesellschaftliche Primat des ökonomischen Systems also auch und gerade in den Mechanismen der sozialen In- und Exklusion wider, die in der kapitalistischen Gesellschaft wesentlich durch die individuelle Zahlungs(un)fähigkeit gesteuert werden. Die ökonomische Exklusion ist, da sie den Einzelnen vom Tropf der in der Moderne lebenswichtig gewordenen marktwirtschaftlichen Versorgung mit dem Notwendigen (und Schönen) entkoppelt, nicht nur für sich genommen weitaus bedrohlicher als die Exklusion aus anderen Systemen. Sie verschlechtert darüber hinaus auch noch die individuellen Teilhabe- und Erfolgsaussichten in fast allen anderen Funktionssystemen und erweist sich somit auch als intersystemisch folgenschwer. Summa summarum ist die soziale Inklusion unter den ökonomisierten Bedingungen der kapitalistischen Moderne demnach mehr als alles andere zu einer stets aufs Neue gestellten Frage des Geldes geworden. Es ist bemerkenswert, dass Luhmann diese stete Gefährdung, die sich aus dem neuzeitlichen Bedeutungsgewinn der Geldwirtschaft gegenüber der naturalwirtschaftlichen Subsistenzökonomie sowie der aus dieser Umstellung resultierenden notorischen Infragestellung der sozialen Inklusion für den Einzelnen ergibt, im Grunde bis zuletzt entgangen ist. Maximierungsökonomie sowie die absurde Vorstellung, dass die obsessive Vermehrung des materiellen Reichtums zu einer irgendwie vergleichbaren Steigerung des subjektiven Wohlbefindens führen könnte. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Vgl. zur Entwicklung des Weltklimas Frank Drieschner: »Der große Selbstbetrug«, in: Die Zeit, Nr. 41, vom 04.10.2012. Drieschner bezieht sich insbesondere auf die Forschung von Kevin Anderson und Alice Bows, die für den britischen Forschungsverbund Tyndall Centre for Climate Change Research arbeiten, welches wiederum die anerkannte Datengrundlage für die internationale Weltklimapolitik liefert. Vgl. insbesondere Kevin Anderson, Alice Bows: »Beyond ›Dangerous‹ Climate Change. Emission Scenarios for a New World«, in: Philosophical Transactions of the Royal Society, 369/2011, Nr. 1934, S. 20–44. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 198 So erkennt er in der wachsenden Bedeutung des Geldmediums, die mit der funktionalen Ausdifferenzierung des ökonomischen Systems einhergeht, in erster Linie die sozusagen als Rationalisierungschance zu bewertende Möglichkeit einer »Konzentration der Vorsorge für die Zukunft.« In einer Geldwirtschaft brauche man »im Grunde nur noch [sic!] für Geld zu sorgen, um der Zukunft im Rahmen des technisch und gesellschaftlich Möglichen gewachsen zu sein.« In dieser Hinsicht löse Geld religiöse Sicherungsmittel ab und werde »zum god term im Bereich der Wirtschaft.«520 Ermöglicht wird diese – für Luhmann offenbar gänzlich unkritische – sozialevolutionäre Errungenschaft im Wesentlichen dadurch, dass das Geld, erst einmal etabliert, nicht nur das ultimative Tauschmittel schlechthin repräsentiert, sondern zudem als Wertspeicher fungiert, wodurch ihm, wie Paul ausführt, das ebenso attraktive wie ungemein beruhigende Potential zuwächst, heute schon sicherzustellen, dass man seine Bedürfnisse auch morgen noch befriedigen kann, und zwar ohne dass man sich jetzt schon festzulegen hätte, welche es überhaupt sind.521 Dem Geld gelingt mithin das Kunststück, die tendenziell widersprüchlichen Bemühungen um Sicherheit auf der einen und Freiheit auf der anderen Seite zum Ausgleich zu bringen und insofern sowohl Stabilität als auch Kreativität zu befördern. »Nichts beruhigt die Nerven und stimuliert die Phantasie gleichermaßen wie ein wohlgefülltes Bankkonto.«522 Allerdings ist damit eben auch gesagt, woraus sich das in einer Geldwirtschaft maßgebliche Bedrohungspotential für die soziale Existenz des Einzelnen ergibt, nämlich aus einem leeren Bankkonto. Denn es steht keineswegs fest – und ist sogar höchst unwahrscheinlich –, dass es jedermann auch wirklich gelingt, sich auf dem Markt genügend Geld zu beschaffen, um seine aktuellen Bedürfnisse befriedigen zu können und darüber hinaus auch für die Zukunft gewappnet zu sein. Dass dieser empirisch eigentlich offensichtliche und elementare Sachverhalt von Luhmann einigermaßen arglos übersehen beziehungsweise ignoriert wurde, ist letzten Endes nur schwer nachzuvollziehen.523 Zwar öffnete eine Reise nach Brasilien Anfang der 1990er Jahre Luhmann immerhin die Augen für das Phänomen der Exklusion an sich. 520 Luhmann 2009b, S. 269. 521 Vgl. Paul 2004, S. 241. 522 Ebd., S. 242. 523 Eine mögliche Erklärung dafür, dass sich Luhmann der Einsicht in die gesellschaftliche Vorrangstellung des ökonomischen Systems und der damit verbundenen intersystemischen Dominanz des Geldmediums verschloss, könnte darin bestehen, dass es sich dabei schlicht um eine im Kern normative Positionierung handelt. Luhmann, der in der Zeit des Nationalsozialismus aufwuchs und bei Kriegsende erst 17 Jahre alt war, fürchtete offenbar die Gefahr der Entdifferenzierung durch die totalitäre Politisierung sämtlicher Gesellschaftsbereiche, die er als Tendenz im Politiksystem genuin angelegt sah. Vor diesem Hintergrund hätten ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 199 Nach dem – anscheinend nicht ganz freiwilligen – Besuch einer dortigen Favela, wie die Elendsquartiere in südamerikanischen Großstädten bekanntlich heißen, wurde ihm offenbar bewusst, dass die soziale Marginalisierung bis hin zur Ausschließung breiter Schichten entgegen allen Versprechungen der Moderne auch in der funktional differenzierten Gesellschaft durchaus vorkommt.524 Er verarbeitete diese Erfahrung in seinem oben bereits mehrfach zitierten Aufsatz »Inklusion und Exklusion«,525 mit dem dieses Begriffspaar endgültig (wenngleich späten) Einzug in die luhmannsche Systemtheorie hielt. Doch weil sich Luhmann eben der Einsicht in die Dominanz des ökonomischen Systems und damit in die funktionale Zentralität des Geldes in der kapitalistischen Moderne auch weiterhin verschloss, konnte es ihm aus theorietechnischen Gründen nicht gelingen, die nunmehr durchaus wahrgenommene prinzipielle Prekarität sozialer Inklusion und die selbstverstärkende Dynamik kaskadenförmig verlaufender Exklusionen systematisch zu erklären. Er erkennt zwar die aus ihrer genetischen Struktur resultierende »Supercodierung« der kapitalistischen Gesellschaft durch die Differenz von Inund Exklusion, sieht aber die monetäre Verknüpfung, durch welche die einzelnen Partialexklusionen aus den verschiedenen Funktionssystemen miteinander verkettet sind und sich zur Totalexklusion verdichten, nicht. Sein Bild einer systematisch unverbundenen, irreduziblen Multidimensionalität der Exklusion bleibt daher notwendig unscharf. Erst die optische Korrektur dieser – übrigens an nicht wenige seiner orthodoxen Schüler vererbten – Sehschwäche durch die systematische Berücksichtidie bürgerlichen Grundrechte, wie er 1965 in Grundrechte als Institution schrieb, die Funktion, das Hegemoniestreben der Politik zu begrenzen und die operative Autonomie und Gleichrangigkeit der anderen Funktionssysteme zu garantieren. Das impliziert, dass zumindest der frühe Luhmann mitnichten davon ausging, dass sich Autonomie und Gleichrangigkeit der Systeme im Zuge der funktionalen Differenzierung irgendwie von selbst einstellen würden, sondern vielmehr durch die grundrechtlich fixierte Selbstbeschränkung der Politik allererst herzustellen seien. Angesichts Luhmanns späterer Tendenz jedoch, die operative Autonomie und Gleichrangigkeit der Systeme als faktisch gegebenes und quasi-natürliches Equilibrium zu deklarieren (siehe zum Beispiel Luhmann 1980, S. 28), scheint es daher, als wäre hier eine ursprünglich politisch-normative – und als solche durchaus berechtigte – Forderung durch theoretische Alchemie in empirische Faktizität »verwandelt« worden. In der Konsequenz entging Luhmann, dass die Gefahr der totalitären Unterwerfung der Gesellschaft keineswegs nur vom politischen System droht. 524 Vgl. hierzu die (keineswegs gänzlich unberechtigte) Polemik von Hartmut Esser: »Inklusion und Exklusion – oder: die unvermutete Entdeckung der leibhaftigen Menschen und der Not in der Welt durch die soziologische Systemtheorie«, in: Oskar Niedermayer, Bettina Westle (Hg.): Demokratie und Partizipation. Festschrift für Max Kaase, Wiesbaden 2000, S. 497–416, hier S. 411f. 525 Luhmann 2008b; ferner ders. 1996a sowie 1998, S. 618–634. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 200 gung der gesamtgesellschaftlichen, das heißt die Grenzen der einzelnen Funktionssysteme transzendierenden Zentralität des Geldes erlaubt es, die Spaltung der Gesellschaft als finales Resultat jener unseligen Exklusionskaskaden zu begreifen, die ihren Ursprung im funktionsrationalen Operieren und Selegieren des ökonomischen Systems haben und sich von dort auf die beschriebene Art und Weise über fast alle Gesellschaftsbereiche hinweg fortsetzen. Der initiale Impuls für den multidimensionalen Ausschluss von den Vollzügen und Errungenschaften der modernen Gesellschaft besteht somit in der ökonomischen Exklusion, die sich im verstetigten Unvermögen der betroffenen Personen, sich durch kontinuierliche und ausreichende Zahlungen immer wieder neu in den Strom der wirtschaftlichen Kommunikationen und Austauschverhältnisse zu integrieren, äußert. Diese Überlegungen laufen ganz automatisch auf die Gretchenfrage hinaus, aus welchen Gründen das auf freien Wettbewerbsmärkten basierende kapitalistische Wirtschaftssystem seit seiner Durchsetzung nicht nur für ehedem unvorstellbaren Reichtum gesorgt hat, sondern zugleich beträchtliche Bevölkerungsteile konsequent davon ausschließt. Denn es ist ja durchaus bemerkenswert, dass es der – rein ökonomisch betrachtet – mit Abstand produktivsten Wirtschaftsform, die die Menschheit je gesehen hat, faktisch nicht einmal in ihren Kernländern zuverlässig gelingt,526 alle Menschen auf einigermaßen befriedigende und halbwegs demokratische Weise an der überbordenden Vielfalt ihrer Chancen und Errungenschaften zu beteiligen. Die frappierende und im Prinzip nach wie vor konstante Diskrepanz zwischen der erstaunlichen Produktivität des Kapitalismus auf der einen Seite und der Faktizität massenhafter Prekarisierung und Exklusion auf der anderen erneuert und bestärkt dabei den alten Verdacht, dass zwischen beidem ein systematischer (und nicht etwa nur akzidenteller) Zusammenhang besteht. Und so lautet die hier vertretene und im weiteren Verlauf näher zu begründende These auch dahingehend, dass die ökonomische – und in der Folge gesamtgesellschaftliche – Marginalisierung und Ausgrenzung signifikanter Bevölkerungsteile nicht weniger als eine unhintergehbare intrasystemische Erfolgsbedingung des kapitalistischen Wirtschaftssystems repräsentiert. Allerdings wäre es wenig vielversprechend, sich bei der Begründung dieser These weiterhin an der Systemtheorie Luhmanns zu orientieren, in deren allzu harmloser Konzeptualisierung der modernen Geldwirtschaft die existentielle Notwendigkeit, für hinreichende finanzielle Mittel zu sorgen, um an der ökonomischen Kommunikation zuverlässig 526 Von den Ländern der Peripherie einmal ganz zu schweigen – wovon sich jeder überzeugen kann, der sich mit den Arbeitsbedingungen an der »verlängerten Werkbank« des Westens (sei es in der Textil-, Computer-, Lebensmittel- oder anderen Industrien) einmal redlich auseinandergesetzt hat. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 201 partizipieren zu können, augenscheinlich noch nicht einmal als potentielles Problem erkannt, geschweige denn als strukturelles systematisch in die Theorie integriert wurde. Deshalb soll sich an dieser Stelle einem Ökonomen zugewandt werden, der zwar zeitlebens als leidenschaftlicher Fürsprecher der freien Marktwirtschaft aufgetreten ist, andererseits jedoch, indem er deren innere Funktionslogik luzide wie sonst kaum jemand auf den Begriff gebracht hat, die systematische Ausgrenzung und relative Verarmung ganzer Gruppen als inhärenten Bestandteil, sozusagen als »notwendiges Übel« kapitalistischer Ökonomie, plausibel beschrieb. Die Rede ist von Friedrich August von Hayek, dessen Analyse der Marktordnung als eines sich über preisförmig codierte Kommunikationen selbstorganisierenden Systems zudem nahtlos in die übergreifende Gesellschaftstheorie Luhmanns einfügen lässt. Auf diese Weise erhält die hier vorgetragene monetäre Theorie gesellschaftlicher Teilhabe gewissermaßen ihren Schlussstein, durch den sich das Gesamtbild der Mechanismen sozialer In- und Exklusion unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne erst komplettiert. Die überlegene Produktivität marktbasierter Ökonomie beruht im Wesentlichen auf den selektiven Effekten des Wettbewerbs, den Hayek einmal treffend als »Entdeckungsverfahren« für möglichst zweckdienliche und effiziente Produktionsweisen bezeichnet hat.527 Um sich in der Konkurrenz um potentielle Abnehmer gegen andere Anbieter behaupten zu können, sind Marktakteure stets gehalten, die von ihnen offerierten Güter und Leistungen möglichst attraktiv zu gestalten, wobei (unterstellte) Qualität und Preis die beiden maßgeblichen Stellschrauben repräsentieren. Dementsprechend streben sie ununterbrochen nach der qualitativen Verbesserung und innovativen Erweiterung ihres Angebots sowie nach rationelleren, das heißt kosten- und ressourceneffizienteren Herstellungsmethoden, um ihre Absatz- und Gewinnchancen zu optimieren. Der Wettbewerb führt deshalb dazu, dass, so Hayek, Kundschafter auf der ständigen Suche nach unausgenützten, profitablen Gelegenheiten sind, die allerdings, wenn sie erst einmal entdeckt wurden, auch von anderen genutzt werden können.528 Auf diesem Wege generiert der Markt – durch den oben beschriebenen Zusammenhang von Verschuldung, Zins und Wachstum noch zusätzlich befeuert – jene unheimliche, vorwärtspeitschende Entwicklungsdynamik und Innovationskraft, die den Kapitalismus von allen anderen bekannten Wirtschaftsformen fundamental unterscheidet und die Produktions- und Lebensbedingungen in den Industrieländern in wenigen Jahrhunderten auf historisch beispiellose Art und Weise revolutioniert hat. 527 Vgl. Hayek 2003. 528 Vgl. ebd., S. 143. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 202 Dabei ist indessen besonders zu betonen, dass die kapitalistische Dynamik, sobald die zugrundeliegenden Wettbewerbsmärkte erst einmal eingerichtet sind, es keineswegs mehr erfordert, dass jeder Marktteilnehmer gleichermaßen vom individuellen Streben nach Gewinnmaximierung angetrieben wird. Es ist also nicht, jedenfalls nicht allein, der neurotische Wunsch nach unentwegter persönlicher Bereicherung, der den Konkurrenzmechanismus am Laufen erhält. Es verhält sich vielmehr umgekehrt so, dass der Konkurrenzmechanismus jeden, der überhaupt auf ein Markteinkommen angewiesen ist – und das sind in der Moderne so gut wie alle –, unerbittlich zwingt, sich schon aus Gründen der Selbsterhaltung an die kompetitiven Spielregeln des Marktes anzupassen. Insofern treibt die innere Strukturlogik des Marktes die einzelnen Akteure, ob sie nun wollen oder nicht, pausenlos gegeneinander und nötigt ihnen den wirtschaftlichen Kampf um Abnehmer schlicht auf.529 Es ist deshalb auch allenfalls von sekundärer Bedeutung, welche ethisch-moralischen Motive und Überzeugungen die Marktakteure im Einzelfall bewegen. So kann zum Beispiel der Vorstand eines Unternehmens die Schließung eines Werkes, welche die Entlassung von Tausenden von Mitarbeitern zur Folge hat, in ethischer Hinsicht durchaus bedauern und dennoch gezwungen sein, sie aus wettbewerbstechnischen Gründen zu veranlassen. Die entschieden amoralische, allein an Geldfolgen orientierte Marktlogik macht es unausweichlich, dass ökonomische Ineffizienz – ob sie nun an spezifische Produktionstechniken, Standorte, einzelne Unternehmen, ganze Branchen oder Individuen gebunden ist – durch den Wettbewerb identifiziert und systematisch abgestellt wird, ganz gleich, welche sonstigen, zum Beispiel eben sozialen oder ökologischen »Kollateralschäden« sich daraus ergeben. Es ist exakt diese hochfunktionale, im Zweifel aufoktroyierte Spezialisierung auf rein ökonomische Problemstellungen und Programme, welche die stupende Leistungsfähigkeit des ausdifferenzierten, das heißt von nicht-ökonomischen Problemen strukturell entlasteten kapitalistischen Wirtschaftssystems begründet. Die kommunikative Infrastruktur liefert dabei das geldbasierte Signalsystem der Preise. In der globalisierten, hochgradig arbeitsteiligen und durch vielgliedrige Interdependenzketten integrierten Ökonomie kann die effiziente Nutzung des weitverstreuten Wissens und der Fähigkeiten der Akteure ersichtlich nicht mehr darauf beruhen, dass jedermann die konkreten Bedingungen und Umstände, unter denen die von ihm nachgefragten Güter und Dienstleistungen bereitgestellt werden, im Einzelfall kennt. So ist es schon für gewerbliche, vor allem aber für private Abnehmer kaum möglich, beispielsweise von allen Details über die Herstellungsmethoden in der Textil- oder Lebensmittelindustrie, die Gewinnung seltener Erden für die Handyproduktion oder die Entsorgung der 529 Vgl. ebd., S. 144. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 203 Hinterlassenschaften der kapitalistischen Konsumgesellschaft Kenntnis zu haben. Und selbst wenn es im Prinzip möglich wäre (was es in vielen Fällen nicht ist), sich all diese Informationen nach und nach zu beschaffen, wäre dies in der Regel viel zu zeitaufwendig und teuer. Doch der springende Punkt ist, dass dies in einem marktbasierten Wirtschaftssystem mit funktionierendem Preismechanismus auch gar nicht nötig ist, da zumindest alle ökonomisch relevanten Informationen bereits in den Preisen kondensiert sind, die es allein zu vergleichen gilt.530 Ob zum Beispiel der relativ niedrige Preis für Rohkaffee oder Kakao in bestimmten Ländern auf günstigen Anbaubedingungen, einer ausgefeilten Agrartechnologie oder der preiswerten Nutzung von Kinderarbeit beruht, ist für den gewerblichen wie auch privaten Durchschnittskunden allenfalls von sekundärer Bedeutung. Für ihn genügt es, sich einfach an den Preisen zu orientieren, um erfolgreich am Markt agieren zu können. Mehr als den Preis braucht (und will man oftmals) im Kapitalismus gar nicht wissen.531 Allerdings funktioniert der Signalmechanismus der Preise – und damit das Marktsystem als Ganzes – nur, wenn man ihm seine Flexibilität weitgehend belässt. Denn die wechselseitige Anpassung der ineinander 530 Hayek zufolge ist in diesem Umstand auch die Hauptursache für die ungleich größere ökonomische Effizienz und Leistungsfähigkeit der Marktordnung gegen- über einer zentral gelenkten Wirtschaftsordnung zu sehen. Denn während in die Steuerung der letzteren nur die im Vergleich notwendig begrenzteren Kenntnisse und Ideen der zentralen Planungsbehörden einfließen, ermöglicht die komplexitätsreduzierte Kommunikation über Preise, in denen vielfältigste Informationen zu übersichtlichen und leicht handzuhabenden Signalen verdichtet sind, das weitverstreute Wissen aller Marktakteure für die wirtschaftliche Produktion auszunutzen. Vgl. ebd., S. 138. 531 Man mag an dieser Stelle vielleicht zu Recht darauf hinweisen, dass das ökologische und soziale Bewusstsein vieler Konsumenten in den vergangenen Jahren zugenommen hat und der Absatz von Bio- und Fairtrade-Produkten infolgedessen gestiegen ist. Nico Stehr spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer »Moralisierung der Märkte«, im Zuge derer normative Bewertungen und Entscheidungsmotive auch in der Wirtschaft (erneut) an Bedeutung gewännen und die reine Preisorientierung relativiert würde; vgl. Nico Stehr: Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M. 2007. Allerdings wird man, so begrüßenswert die Zunahme des ökologisch und/oder gerechtigkeitsethisch bewussten Konsums zweifellos ist, doch einräumen müssen, dass es sich dabei nach wie vor um ein Nischenphänomen handelt. So lag zum Beispiel der Bio-Anteil am gesamten deutschen Lebensmittelmarkt im Jahr 2011 bei lediglich 3,7% und der Marktanteil von fair gehandeltem Kaffee und von Bananen sogar bei nur 2%. Vgl. Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft: Die Biobranche 2012. Zahlen, Daten, Fakten, S. 16, http://www.boelw.de/ (23.03.16); Fairtrade Deutschland: »Absatz Fairtrade-Produkte im Einzelnen«, http://www.fairtrade-deutschland.de/produkte/absatz-fairtrade-produkte/ (23.03.16). Von einer allgemeinen TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 204 verschlungenen individuellen Pläne und Handlungen, durch die sich die Marktordnung dynamisch konstituiert und erhält, erfolgt im Wesentlichen durch Rückkopplungseffekte, die den einzelnen Akteuren unmissverständlich anzeigen, welche Aktivitäten sich finanziell lohnen und welche nicht. Negative Rückkopplungen sind dabei – ähnlich wie bei biologischen Anpassungsprozessen – besonders effektiv. Denn während steigende Preise lediglich als fakultativer Anreiz für eine Intensivierung des entsprechenden Engagements fungieren können, lassen fallende Marktpreise den Akteuren ab einer gewissen Schwelle gar keine andere Wahl, als ihr Angebot schleunigst zu verbessern, Kosten einzusparen oder sich gleich nach einträglicheren Geschäftsfeldern umzusehen. Die systematische finanzielle »Bestrafung« – und das heißt in letzter Konsequenz eben: die ökonomische Marginalisierung bis hin zur Exklusion – jener Akteure, deren Angebot an der Nachfrage vorbeigeht oder im Vergleich zu teuer ist, erweist sich demnach als unverzichtbare, zu immer neuen Höchstleistungen allererst antreibende Voraussetzung einer insgesamt prosperierenden Marktwirtschaft. Insofern sind relative Armut und soziale Exklusion keineswegs ökonomisch dysfunktionale oder akzidentelle Phänomene, sondern ganz im Gegenteil – jedenfalls solange die damit verbundenen sozialen Spannungen nicht in unkontrollierbare Revolten umschlagen – als intrasystemische, das heißt der inneren Funktionslogik der Märkte selbst entspringende Erfolgsbedingung der kapitalistischen Gesamtwirtschaft zu betrachten.532 Gemeinsam mit dem zerstörerischen Raubbau an der Natur bilden sie sozusagen die hässliche Kehrseite des – wenigstens in materialistischer Hinsicht – einzigartigen Reichtums, den die janusköpfige kapitalistische Gesellschaft in so kurzer Zeit anhäufen konnte. So gesehen mag die Smithsche Behauptung also durchaus zutreffen, dass die berühmte »unsichtbare Hand« des Marktes – die im religiös geprägten Denken von Smith letztlich nichts anderes als eine Mittlerin der göttlichen Vorsehung war533 – die eigeninteressierten ökonomischen Bestrebungen der Marktakteure auf eine Weise dirigiert, durch die sich der gesamtgesellschaftliche materielle Wohlstand sukzessive vergrößert.534 Doch können davon eben keineswegs alle, die darauf angewiesen wären, auch nur annähernd im selben Maße profitieren. Hayek hat insofern absolut Recht, wenn er betont, dass die Marktwirtschaft lediglich die Chancen einer beliebigen Person verbessert, aber keineswegs garantiert, Tendenz zur »Moralisierung der Märkte« kann angesichts solcher Zahlen keine Rede sein. 532 Vgl. Friedrich August von Hayek: »Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit«, in: ders.: Wissenschaft und Sozialismus. Aufsätze zur Sozialismuskritik, Tübingen 2004b, S. 186–196, hier S. 192. 533 Vgl. David Graeber: Schulden. Die ersten 5.000 Jahre, Stuttgart 2012, S. 50. 534 Vgl. Smith 2009, S. 524. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 205 dass auch die tatsächlichen Ergebnisse ihres wirtschaftlichen Handelns einigermaßen befriedigend sein werden.535 Selbst wenn man in der Theorie vielleicht einen leidlich harmonischen Zustand imaginieren könnte, in dem es trotz der Konkurrenz jedermann gelänge, ein Markteinkommen zu erwirtschaften, das zumindest die elementaren Grundbedürfnisse deckte, war und ist es in der ökonomischen Praxis vielmehr die Regel, dass dies relevanten Bevölkerungsgruppen aus unterschiedlichen Gründen nicht gelingt. So wäre es beispielsweise vollkommen realitätsfern anzunehmen, dass jeder Akteur tatsächlich imstande ist, jederzeit flexibel und schnell auf die volatilen Preissignale des Marktes zu reagieren. Auf Ebene der Unternehmen bedeutet dies im ungünstigsten Fall schlicht die Insolvenz und Einstellung der wirtschaftlichen Tätigkeit. Auf der Personenebene hingegen resultieren daraus Armut und Not. Denn genauso wenig, wie jeder bankrottgegangene Unternehmer stets mit einer neuen, aussichtsreichen Geschäftsidee aufwarten und Investoren dafür gewinnen kann, sind arbeitslose oder schlechtbezahlte Arbeitnehmer immerfort in der Lage, die Basis ihres Einkommens, das heißt ihre Arbeitskraft, etwa durch Umschulung oder berufliche Weiterbildung qualitativ so zu verbessern und an die aktuelle Nachfrage anzupassen, dass sie damit gedeihlichere Löhne erzielen beziehungsweise überhaupt jemanden finden könnten, der bereit wäre, etwas dafür zu bezahlen. Insofern fungieren die verfallenden Marktpreise für bestimmte Angebote und Qualifikationen oftmals nicht mehr als konstruktiv aufzugreifende Hinweise für die betroffenen Berufs- und Personengruppen selbst, die ihrer sozioökonomischen Marginalisierung aus eigener Kraft häufig nichts mehr entgegenzusetzen haben. Sondern sie fungieren als abschreckende Signale für andere, insbesondere neu auf den (Arbeits-)Markt drängende Akteure, sich frühzeitig nach (hoffentlich!) profitableren Berufs- und Tätigkeitsfeldern umzusehen. Die vom Markt bereits Exkludierten bleiben der Gesellschaft unterdessen als »soziales Problem« erhalten. Ein weiteres in der Struktur der kapitalistischen Produktionsverhältnisse angelegtes Problem besteht darin, dass der technische Fortschritt und die permanenten Rationalisierungsbemühungen, zu denen die Unternehmen durch den Konkurrenzmechanismus gezwungen sind, die systematische Produktion eines relativen Überangebots von Arbeitskräften begünstigt. Dieses bekanntlich schon von Marx beschriebene Phänomen setzt insbesondere die Preise für geringqualifizierte Arbeit unter Druck und damit einen Teufelskreis in Gang, dem die besitzlosen Arbeitnehmer ohne politische Unterstützung kaum entrinnen können.536 So wäre es, wie Georg Vobruba einleuchtend erklärt, aus marktstrategischen Gründen eigentlich im Interesse aller lohnabhängigen Arbeiter, 535 Vgl. Hayek 2003, S. 138. 536 Vgl. etwa Marx 1984, S. 660, 674. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 206 das preismindernde Überangebot an Arbeitskraft zu verknappen, um die Löhne insgesamt zu stabilisieren. Doch weil der einzelne Arbeiter auf den möglichst ununterbrochenen Verkauf seiner Arbeitskraft existentiell angewiesen ist, ist eine »künstliche« Angebotsverknappung aus ökonomischem Kalkül, wie das bei anderen Waren zumindest in gewissen Grenzen möglich ist, undenkbar. Im Gegenteil sind gerade die unteren Einkommensschichten bestrebt, dem aus dem Überangebot resultierenden Preisverfall durch ein Mehrangebot an (nicht zuletzt weiblicher) Arbeitskraft zu begegnen, um das Gesamteinkommen irgendwie zu halten. Doch in der Summe beschleunigt das den Lohnrückgang natürlich umso mehr.537 Berücksichtigt man diesen Zusammenhang, wird die fundamentale Arbeitnehmerfeindlichkeit jener durch den Neoliberalismus propagierten, regelrecht perversen Arbeits- und Sozialpolitik, die wie die eingangs beschriebenen Hartz-Reformen der deutschen Regierung Schröder ganz bewusst auf die Senkung des Reservationslohns zielt, besonders augenfällig. Denn anstatt den Teufelskreis von Lohnverfall und Überangebot durch die Dekommodifizierung der Arbeit zu durchbrechen, heizen ihn die nicht nur in Deutschland eingeführten Workfare- Maßnahmen, die zusätzliche »Anreize« für die Aufnahme von Niedriglohnarbeit schaffen sollen, auch noch weiter an.538 Zu alldem kommt schließlich noch hinzu, dass infolge der globalen gesellschaftlichen Strukturveränderungen, zu denen insbesondere die Erosion – manchmal auch: die bewusste Unterminierung – traditioneller, nicht-kapitalistischer Wirtschaftsformen gehört, und der damit einhergehenden intensivierten Kommerzialisierung der Lebensführung die weltweite Anzahl auf Geldlöhne angewiesener Personen rapide wächst, ohne dass auch nur annähernd genügend und vor allem hinreichend bezahlte Arbeitsplätze vorhanden wären. Entsprechend registrierte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bereits 2005, also noch vor dem Beginn der Weltwirtschaftskrise, 191,8 Millionen offiziell gemeldete Arbeitslose und damit trotz des vorausgegangenen kräftigen Wirtschaftswachstums über 34 Millionen mehr als zehn Jahre zuvor.539 Inzwischen aber fehlen aufgrund der anhaltenden Krise offiziellen Angaben zufolge sogar rund 200 Millionen Jobs (knapp 19 Millionen allein in Europa), und die ILO geht zudem davon aus, dass angesichts der demographischen und sozialstrukturellen Entwicklungen in den kommenden zehn Jahren mindestens 400 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden müssten, nur um den weiteren Anstieg der Arbeitslosenzahlen – und damit eine weite- 537 Vgl. Vobruba 2007b, S. 99. 538 Zum Zusammenhang von »aktivierender Arbeitsmarktpolitik« und sozialer Prekarität in Europa siehe beispielsweise die Beiträge in Scherschel u. a. 2012. 539 International Labor Organization: Global Employment Trends, Brief, January 2006, S. 2. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 207 re Verschärfung des Lohndrucks – zu verhindern.540 Man braucht wahrhaftig kein Pessimist zu sein, um daran zu zweifeln, dass dies gelingt. Alles in allem wird man somit auch in Zukunft vernünftigerweise damit rechnen müssen, dass es selbst bei positiver gesamtgesellschaftlicher Wohlstandsentwicklung keineswegs allen, die darauf angewiesen wären, möglich sein wird, ein existenzsicherndes Markteinkommen – von einem darüber hinausgehenden Wohlstandsniveau ganz zu schweigen – zu erwirtschaften. Millionen von Menschen, mitunter sogar ganze Regionen haben einfach, sei es vorübergehend oder auf längere Sicht, nichts anzubieten, was anderen Marktteilnehmern etwas dafür zu bezahlen wert wäre. Im Extremfall existieren sie sozusagen vollständig am Markt vorbei. Wie schon erwähnt, war dies in der Geschichte des Kapitalismus tatsächlich auch weniger die Ausnahme als vielmehr die Regel. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war es für große Teile der Arbeiterschaft ganz selbstverständlich, dass die Löhne für die Existenzsicherung unzureichend waren und, wie es in vielen Ländern der Peripherie auch heute noch der Fall ist, durch zusätzliche Naturaleinkommen, etwa aus Gemüsegärten und Kleintierzucht, ergänzt werden mussten. Daher rühren beispielsweise die traditionelle Kleintierzucht der Bergleute oder die Bezeichnung »Eisenbahnerkuh« für die Ziege. Verschwunden sind solche aus der Not geborenen »Income Mixes« in den westlichen Industriegesellschaften erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die rasche Urbanisierung den Resten der Naturalökonomie endgültig die Grundlage entzog und sich die Lohnabhängigkeit der besitzlosen Bevölkerungsteile vervollständigte.541 Dass diese Entwicklung in sozialer Hinsicht zunächst einigermaßen unproblematisch verlief, verdankt sich dabei hauptsächlich dem im ersten Kapitel skizzierten Umstand, dass während des einzigartigen wirtschaftlichen Aufschwungs in der Nachkriegszeit für einige wenige Jahrzehnte sogar mehr als genug gutbezahlte Arbeitsplätze zur Verfügung standen. Doch mit dem Ende des goldenen Zeitalters und der raschen Rückkehr von Arbeitslosigkeit, Armut und Prekarität tritt die fundamentale Gefährdung des Einzelnen und die soziale Sprengkraft, die sich aus der totalen Marktabhängigkeit der ökonomischen und damit auch der gesamtgesellschaftlichen Inklusion im entwickelten Kapitalismus ergibt, in ungeschminkter Offenheit zutage. Eine Rückkehr zu subsistenzwirtschaftlichen Formen der Existenzsicherung ist für die Mehrheit der Bevölkerung faktisch ausgeschlossen und die traditionellen, namentlich 540 International Labor Organization: Global Employment Trends 2012, Genf 2012, S. 9. 541 Vgl. hierzu Georg Vobruba: »Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft«, in: ders.: Entkoppelung von Arbeit und Einkommen. Das Grundeinkommen in der Arbeitsgesellschaft, 2. erw. Aufl., Wiesbaden 2007d, S. 119–144. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 208 verwandtschaftsbasierten Versorgungs- und Sozialbeziehungen, in welche die Menschen früherer Epochen normalerweise lebenslang integriert waren und aus denen sie wichtige Unterstützungsleistungen beziehen konnten, sind im Zuge der Modernisierung und Individualisierung erodiert und brüchig geworden. Alternative Formen des solidarischen Zusammenlebens und -arbeitens jenseits marktwirtschaftlicher Strukturen und Imperative sind zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen (und werden zum Beispiel im Rahmen kleiner kommunitaristischer Kooperativen und intentionaler Gemeinschaften durchaus erprobt), stellen bislang aber noch keinen praktikablen Ausweg auf gesamtgesellschaftlicher Ebene dar. Infolgedessen haben sich sozialstaatliche Transferleistungen in der vollends entfalteten Gesellschaft des Geldes zum wichtigsten Substitut für insuffiziente Markteinkommen entwickelt, wobei auch sie sogar in den wohlhabendsten Industrieländern in der Regel viel zu niedrig angesetzt werden, um Armut und soziale Ausgrenzung effektiv zu verhindern. Damit manifestieren sich die prinzipielle Prekarität der individuellen Partizipation und die polarisierende Differenz von Inklusion und Exklusion notwendig als strukturbedingte Wesensmerkmale der funktional differenzierten kapitalistischen Gesellschaft. Beides ist die logische Folge gerade des systemrationalen, effizienzsteigernden Operierens der Wirtschaft, das den gesamtgesellschaftlichen geldwerten Reichtum unentwegt vergrößert, ihn jedoch ohne Rücksicht auf die persönlichen Bedürfnisse der Individuen allein nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten höchst ungleich verteilt. Die vielbeklagte Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, ihre »soziale Kälte« und das ernüchternde Gefühl vieler Menschen, im Grunde nur noch nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit und ökonomischen Rentabilität beurteilt zu werden, all das ist insofern kein Zeichen für eine prinzipielle Schwäche des Kapitalismus, sondern vielmehr der systembedingte Preis für seinen materiellen Erfolg. d) Fazit Vor diesem Hintergrund wäre es widersinnig – wiewohl manche unverdrossene Marktapologeten dies nach wie vor tun –, eine Lösung der sozialen Misere etwa von den Selbstheilungskräften des Marktes zu erwarten, ist doch gerade die konsequente Ausscheidung unrentabler Elemente Ausdruck seiner Gesundheit und Vitalität. Warum auch sollte der Markt eben jene, die er aufgrund der ökonomischen Unzulänglichkeit des von ihnen Angebotenen soeben exkludiert hat, plötzlich doch wieder zu gedeihlichen Bedingungen inkludieren? »Das ökonomische System«, so Günter Dux lapidar, »kann keiner anderen Logik folgen als der Logik der Kapitalakkumulation. Es braucht, wen es braucht und ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 209 lässt außen vor, wen es nicht braucht.«542 Das kapitalistische System ist mithin der Grund für die sozialen Probleme und kann zumindest aus sich selbst heraus nicht auch die Lösung sein. Infolgedessen ist es genauso verfehlt, seine diesbezüglichen Hoffnungen auf ein gerechtigkeitsethisch verantwortlicheres (im Sinne von solidarischerem) Verhalten der einzelnen Marktakteure, namentlich der Unternehmer und Manager zu richten. Denn deren spezifische Amoralität, das heißt ihre primäre Fokussierung auf die Optimierung der Gewinne, der alle anderen Handlungsmotive untergeordnet werden, resultiert systematisch eben nicht aus ihrer persönlichen Verantwortungslosigkeit oder Selbstsucht (gleichwohl beides natürlich vorkommt), sondern aus dem skizzierten Wachstums- und Konkurrenzmechanismus des Marktes, welcher der in letzter Zeit verstärkt eingeforderten sozialen und ökologischen Verantwortung der Wirtschaft enge Grenzen setzt. Ein Unternehmen, das infolge seiner ethisch-ökologischen Korrektheit Verluste machte und vom Markt verschwände, könnte überhaupt keine Verantwortung mehr tragen, während eine Firma, die im Wettbewerb bestehen will, außer dem Profit keine anderen unverhandelbaren Ziele haben sollte. Das schließt ein entsprechendes sozial-ökologisches Engagement der Unternehmen zwar sicherlich nicht aus, relativiert jedoch seine potentielle Reichweite und Bedeutung ganz erheblich. Viel eher schon könnte man eigentlich von Seiten der Verbraucher eine stärkere Berücksichtigung der sozialen und ökologischen Konsequenzen ihres Konsumverhaltens erwarten, wäre es doch für sie grundsätzlich ein leichtes, beispielsweise den Konsum konventionellen Kaffees zu reduzieren und mit dem eingesparten Geld auf fair gehandelte Produkte umzusteigen oder einfach weniger und dafür ökologisch unbedenklich hergestelltes Fleisch aus artgerechter Tierhaltung zu essen. Doch abgesehen davon, dass auch dies an den Grundprinzipien der auf Gewinne zielenden Konkurrenzwirtschaft nicht das Geringste ändern würde, scheint zumindest das praxiswirksame Verantwortungsbewusstsein des Durchschnittskonsumenten (bislang) ebenfalls in erster Linie dem eigenen Vorteil verpflichtet zu sein.543 Wenn daher eine befriedigende Antwort auf die soziale Frage gefunden werden soll; wenn also, wie Dux es formuliert, Gerechtigkeit sein soll, dann dürfte sie wohl kaum aus dem ökonomischen System heraus zu erwarten sein. Es ist vielmehr die originäre Aufgabe der Politik, 542 Günter Dux: Warum denn Gerechtigkeit? Die Logik des Kapitals. Die Politik im Widerstreit mit der Ökonomie, Weilerswist 2008, S. 26. 543 Ich habe bereits weiter oben darauf hingewiesen, dass der ethisch und/oder ökologisch bewusste Konsum nach wie vor nicht viel mehr als ein zweifellos begrü- ßenswertes Nischenphänomen darstellt. Der Mehrheit der Verbraucher sind Bioprodukte und Erzeugnisse aus fairem Handel schlicht zu teuer. Vgl. hierzu u. a. Michael Bauchmüllers Artikel: »Die Umwelt steht an zweiter Stelle«, erschienen in der Süddeutschen Zeitung, Nr. 16, vom 19./20.01.2013, S. 5. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 210 »Strategien zu entwickeln, die die für die Gesellschaft negative Inklusionskapazität des ökonomischen Systems auffangen.«544 Nur die Politik ist demokratisch legitimiert und zumindest theoretisch in der Lage, allgemeinverbindliche Maßnahmen und Regeln durchzusetzen, die den individuellen Inklusionsbedürfnissen der Menschen Rechnung tragen und damit der sozialen Gerechtigkeit Geltung verschaffen. Die systembedingte Amoralität der marktwirtschaftlichen Akteure (im Sinne ihrer primären Orientierung an monetären Handlungsfolgen) innerhalb des ökonomischen Systems und innerhalb der gesetzlichen Bestimmungen nolens volens zu akzeptieren, schließt ja keineswegs aus, einerseits die rechtsverbindlichen Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns ethisch zu fundieren und andererseits die gesamtgesellschaftlichen Folgen der kapitalistischen Ökonomie gegebenenfalls nach Maßgabe gerechtigkeitsethischer Kriterien politisch so zu korrigieren, dass Armut und Exklusion eben doch wirksam verhindert werden. Dies setzte – neben dem entsprechenden politischen Willen – zunächst einmal voraus, dass das politische System gegenüber dem ökonomischen seine demokratisch legitimierte soziale Gestaltungshoheit zurückgewinnt und aktiv wahrnimmt, dass also die gegenwärtige Hegemonie der kapitalistischen Wirtschaft gebrochen und der gesamtgesellschaftliche Primat stattdessen auf die Politik (zurück-)verlagert wird. Dem steht freilich eine Reihe von Hindernissen entgegen. Beispielsweise ist das ökonomische System inzwischen längst globalisiert, während die Politik noch immer primär in den Nationalstaaten verankert ist und mit den aus dieser territorialen Segmentierung resultierenden Beschränktheiten zu kämpfen hat. Entsprechend fällt es internationalen Unternehmen verhältnismäßig leicht, sich unliebsamen Maßnahmen der Politik zu entziehen beziehungsweise durch die Androhung von Standortverlagerungen Druck auf die politischen Entscheidungsträger auszu- üben. Gerade letzteres verdeutlicht dabei noch einmal die finanzielle Angewiesenheit der Politik auf die Ökonomie, deren Prosperität die Basis für ein ausreichendes Steueraufkommen und damit für die Handlungsfähigkeit des Staates darstellt. Auch ein starkes Politiksystem kommt deshalb nicht umhin, zwischen ökonomischen und gerechtigkeitsethischen Erfordernissen abzuwägen. Der springende Punkt ist aber, dass sich daraus eben kein prinzipieller Vorrang des Wirtschaftlichen ableiten lässt, wie viele, vor allem neoliberale Ökonomen und selbst Politiker nach wie vor behaupten. Denn es ist eben nicht so simpel, wie der Physiokrat Johann August Schlettwein noch meinte, dass die »unaufhörliche Vervielfältigung der genießbaren Sachen«545 automatisch zu einer irgendwie entsprechenden Steigerung 544 Dux 2008, S. 26. 545 Schlettwein 1782, S. 3. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 211 des gesellschaftlichen Glückes führt – vielmehr ist das genaue Gegenteil der Fall. Die kapitalistische Wachstumsökonomie vernichtet die Natur und spaltet die Gesellschaft. Sie zerstört damit systematisch sowohl die natürlichen als auch die sozialen Grundlagen für ein gedeihliches und zukunftsfähiges Zusammenleben. Das Absurde daran ist, dass, wie zu sehen war, im Grunde alle zu dieser Thematik überhaupt vorliegenden Untersuchungen darauf hindeuten, dass die Zufriedenheit und das subjektive Wohlbefinden der Menschen bereits ab einem relativ bescheidenen Niveau – auf dem selbstverständlich die elementaren Grundbedürfnisse wie Ernährung, Gesundheit, Schutz, Bildung usw. gesichert sein müssen – gar nicht mehr mit der absoluten Höhe des gesellschaftlichen Wohlstandes, geschweige denn mit seiner unaufhörlichen Vermehrung korrelieren, sondern vielmehr mit seiner als gerecht empfundenen, möglichst ausgewogenen Verteilung. Spätestens, wenn diese Schwelle überschritten ist – was im Falle der westlichen Industrienationen ersichtlich längst geschehen ist –, sollte sich das Hauptaugenmerk einer am Wohlergehen der Gesamtbevölkerung gelegenen Politik daher weniger auf die Profitinteressen der Wirtschaft als auf die aktive Herstellung und Bewahrung sozial gerechter Verhältnisse konzentrieren. Dafür wären im Zweifel selbst spürbare gesamtgesellschaftliche Wohlstandseinbußen in Kauf zu nehmen546 – und gerade für die übersättigten Konsumgesellschaften Europas und Nordamerikas auch durchaus zu verkraften –, sofern dadurch die durch den Markt hervorgerufene Spaltung der Gesellschaft verringert, der soziale Zusammenhalt wieder gestärkt und damit die allgemeine Zufriedenheit der Menschen, die sich eben nicht umstandslos aus dem Bruttoinlandsprodukt ableiten lässt, befördert würden. Mit anderen Worten: Ist die materielle Grundversorgung erst einmal gesichert, hängen Lebensqualität und Glück in der Gesellschaft nicht mehr so sehr vom weiteren Wohlstandswachstum, sondern vor allem von der sozialen Gerechtigkeit ab, die zu fördern eine essentielle Bedingung für die Legitimität des politischen Systems als solchem darstellt. Es wäre zu begrüßen, wenn dieser Sachverhalt von den noch immer größtenteils auf Wachstum fixierten politischen Entscheidungsträgern stärker zur Kenntnis genommen würde.547 An diesem Punkt der Überlegungen angelangt, stößt man bei näherem Hinsehen allerdings rasch auf ein gravierendes Problem, nämlich 546 Dies im Übrigen umso mehr, als eine umweltverträgliche und nachhaltige Entwicklung der globalen Ökonomie angesichts der Endlichkeit der Welt ohne Mä- ßigung und Verzicht namentlich der führenden Industrienationen sehr wahrscheinlich unmöglich ist. 547 Immerhin empfiehlt mittlerweile auch die Enquete-Kommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deutschen Bundestages in ihrem abschließenden Bericht, den Lebensstandard nach anderen Werten als nur dem Bruttoinlandsprodukt zu ermitteln. So solle zukünftig unter anderem die Einkommensverteilung, TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 212 auf die schwer zu beantwortende Frage, was soziale Gerechtigkeit unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne eigentlich genau bedeuten soll. Was ist konkret damit gemeint, wenn man fordert, dass sich das politische System stärker als bisher um die Herstellung und Bewahrung sozial gerechter Verhältnisse kümmern sollte? Welche gerechtigkeitsethischen Kriterien lassen sich als Maßstab für die Beurteilung der sozialen Verhältnisse und Entwicklungen überhaupt angeben? Das Problem besteht darin, dass der Begriff der sozialen Gerechtigkeit eine semantische Eindeutigkeit suggeriert, die weder in der politischen Praxis noch in der politischen Philosophie auch nur ansatzweise gegeben ist. Tatsächlich kursiert in der modernen Gesellschaft, die sich von keinem einheitlichen Fundament ethisch-moralischer Überzeugungen mehr getragen weiß, eine Pluralität höchst unterschiedlicher, teils konfligierender Gerechtigkeitsvorstellungen, die regelmäßig zu entsprechend diskrepanten Einschätzungen der sozialen Lage führen. Ob man etwa in der »progressiven Einkommenssteuer […] ein funktionales Äquivalent zur sozia listischen Enteignung« zu erkennen glaubt – wie Peter Sloterdijk vor nicht allzu langer Zeit in einem vielbeachteten Essay –, mit dessen Hilfe der kleptokratische Staat, »einem geldsaugendem und geldspeienden Ungeheuer gleich«, sozialpolitische »Daseinswattierungen« finanziere und den von neidischen Ressentiments beseelten »Unproduktiven« dadurch erlaube, sich illegitimer Weise an den »Leistungsträgern« – die darauf überraschenderweise nicht einmal in der vorgeblich plausibelsten Reaktion: dem »antifiskalischen Bürgerkrieg«, Zuflucht nähmen – schadlos zu halten;548 oder ob man sozialstaatliche Umverteilungsprogramme vielmehr als wohlbegründetes und notwendiges Korrektiv für gerechtigkeitsethisch fragwürdige Verteilungs- und Akkumulationseffekte der Marktwirtschaft (beziehungsweise der ihr zugrundeliegenden kapitalistischen Eigentumsordnung) betrachtet, all das ist nicht allein und nicht einmal in erster Linie das Resultat differenter Lagebilder, sondern ihrer divergenten Interpretation. Das heißt, dass dasselbe Ausmaß an sozialer Ungleichheit unter Umständen, zum Beispiel am Leistungsprinzip bemessen, als durchaus legitim betrachtet werden kann, während es aus egalitaristischer Perspektive gänzlich skandalös erscheint. Die Idee der sozialen Gerechtigkeit ist demnach kein strenger Monismus, sondern ein multidimensionales, mitunter schillerndes Konzept, das eine Mehrzahl die soziale Situation in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Arbeit sowie der Zustand der Umwelt berücksichtigt werden. Es bleibt indes abzuwarten, welche realpolitischen Effekte diese im Prinzip richtige Empfehlung zeitigt. Vgl. Michael Bauchmüller: »Wohlstand der Deutschen soll neu bemessen werden«, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 23, vom 28.01.2013. 548 Peter Sloterdijk: »Die Revolution der gebenden Hand«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.06.2009. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 213 ethischer Prinzipien zur Bewertung der gesellschaftlichen Verteilungsverhältnisse keineswegs widerspruchsfrei in sich vereint. Um zu einer differenzierten gerechtigkeitsethischen Einschätzung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung im Allgemeinen und der im Vorausgegangenen analysierten monetären Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Besonderen zu gelangen, erweist es sich daher als geboten, diese, wie angekündigt, mit den wichtigsten Gerechtigkeitsprinzipien, welche die modernen Demokratien wenigstens ideell prägen, einzeln zu vergleichen. Nur auf diesem Wege scheint es mir möglich, sich ein fundiertes und der Vielschichtigkeit des sozialen Gerechtigkeitsbegriffs angemessenes Urteil über die ethische Zustimmungsfähigkeit der gegenwärtigen sozioökonomischen Verhältnisse und Entwicklungen zu bilden. Von diesem Urteil hängt dann nicht zuletzt ab, ob man der bestehenden Gesellschaftsordnung auch und gerade gegenüber den vielen Millionen, die systematisch marginalisiert und ausgrenzt werden, den berechtigten Anspruch auf Legitimität und damit auf Gefolgschaft zubilligen will – oder ob die wachsende Spaltung der Gesellschaft sowie die trotz des ungeheuren Reichtums zu konstatierende Ausbreitung von Armut, Ausbeutung und Exklusion nicht vielmehr aktiven Widerstand gegen den Kapitalismus nahelegen und rechtfertigen.

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Zusammenfassung

Ungeachtet der noch immer schwelenden Eurokrise lag das europäische Privatvermögen 2013 bei fast 38 Billionen Dollar – das entspricht rund einem Viertel des globalen Reichtums. Gleichzeitig jedoch lebten 17 Prozent der Europäer, d. h. etwa 84 Millionen Menschen, in Armut und über 24 Prozent waren von sozialer Ausgrenzung bedroht. Dieser Widerspruch existiert nur scheinbar, denn bei genauerem Hinsehen erweisen sich diese Zahlen gerade als Resultat des erfolgreichen Operierens der Märkte. Nicht etwa die soziale Inklusion und Teilhabe eines jeden, sondern allein die Akkumulation des Kapitals ist deren Ziel. Wer dazu nichts beizutragen weiß, wird von der auf Effizienz und Leistung geeichten kapitalistischen Ökonomie systematisch exkludiert. Aufgabe der Politik wäre es nun eigentlich, dem entgegenzuwirken und gedeihliche Lebensbedingungen für alle wohlfahrtsstaatlich zu garantieren. Dass sie daran offenkundig scheitert, ist namentlich ihrer notorischen Fixierung auf Erwerbsarbeit geschuldet, wie sie etwa in dem parteiübergreifenden Credo: „Sozial ist, was Arbeit schafft!“ beispielhaften Ausdruck findet. Dadurch wird übersehen, dass der eigentliche Schlüssel zu sozialer Inklusion und Teilhabe in der kapitalistischen Moderne durchaus nicht in Arbeit, sondern schlicht in Geld besteht, und deshalb die in vielen Ländern zu beobachtende Verkürzung von Sozial- auf Beschäftigungspolitik nur allzu oft lediglich zur Verwandlung von erwerbslosen in erwerbstätige Arme führt, statt Armut und Ausgrenzung an sich wirksam zu verringern. Während die soziologische Beschreibung und Analyse der monetären Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Fokus des ersten Teils des Buches steht, ist deren sozialphilosophische Reflexion Aufgabe des zweiten. Ziel ist es, die ungleiche Verteilung der individuellen Lebens- und Teilhabechancen systematisch mit den wichtigsten, empirisch verankerten Gerechtigkeitsvorstellungen westlicher Gesellschaften zu bewerten. Dieser Vergleich von Sein und Sollen kann dann nicht nur dazu dienen, sich zur kapitalistischen Moderne soziologisch aufgeklärt und gerechtigkeitstheoretisch reflektiert ins Verhältnis zu setzen. Er dient auch als Basis für die Diskussion der sachlichen wie normativen Vor- und Nachteile eines Bedingungslosen Grundeinkommens, das seit einigen Jahren wieder verstärkt als mögliches sozialpolitisches Instrument zur Bekämpfung von Armut und Exklusion verhandelt wird.