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Stephanie Bonus, Jörn Fischer, Christoph Gille, Benjamin Haas, Sonja Richter, Jan Wenzel (Ed.)

Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung

Voluntaris Sonderband

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6284-2, ISBN online: 978-3-7489-0393-2, https://doi.org/10.5771/9783748903932

CC-BY-NC-ND

Bibliographic information
oluntaris Zeitschrift für Freiwilligendienste und zivilgesellschaftliches Engagement Journal of Volunteer Services and Civic Engagement Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung Sonderband Stefanie Bonus | Jörn Fischer | Christoph Gille | Benjamin Haas Sonja Richter | Jan Wenzel (Hrsg.) Sonderband Special Issue Zeitschrift für Freiwilligendienste und zivilgesellschaftliches Engagement / Journal of Volunteer Services and Civic Engagement Herausgeber*innen: Hartmut Brombach, M.A. (ehem. Internationaler Bund, Abteilung Freiwilligendienste/ Bürgerschaftliches Engagement) / Dr. Jörn Fischer (Universität zu Köln, Cologne Center for Comparative Politics) / Dr. Christoph Gille (Hochschule Koblenz, Fachbereich Sozialwissenschaften) / Benjamin Haas, M.A. (Universität zu Köln, Professur für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung) / Dr. Katharina Mangold (Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik) / Sonja Richter (Leuphana Universität Lüneburg, UNESCO Chair Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung) / Dr. Nicole Vetter (ehem. Universität zu Köln, Professur für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung) / Dr. Sarah Wirtherle (Universität zu Köln, Institut für Berufs-, Wirtschafts- und Sozialpädagogik) Redaktion: Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste, c/o Professur für Sozialpolitik, Benjamin Haas, Universität zu Köln, Albertus-Magnus-Platz, D-50923 Köln, redaktion@voluntaris.de Stefanie Bonus | Jörn Fischer | Christoph Gille | Benjamin Haas Sonja Richter | Jan Wenzel (Hrsg.) Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung Die Open-Access-Veröffentlichung der elektronischen Ausgabe dieses Werkes wurde ermöglicht mit finanzieller Unterstützung durch Engagement Global gGmbH/BMZ; Ventao e.V., Technische Hochschule Köln; Voluntaris – Fischer, Haas, Richter GbR; Qualitätsverbund weltoffen im AKLHÜ e.V. - Netzwerk und Fachstelle für internationale personelle Zusammenarbeit. Gefördert von ENGAGEMENT GLOBAL Onlineversion Nomos eLibrary Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 1. Auflage 2020 © Stefanie Bonus | Jörn Fischer | Christoph Gille | Benjamin Haas Sonja Richter | Jan Wenzel (Hrsg.) Publiziert von Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Waldseestraße 3-5 | 76530 Baden-Baden www.nomos.de Gesamtherstellung: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Waldseestraße 3-5 | 76530 Baden-Baden ISBN (Print): 978-3-8487-6284-2 ISBN (ePDF): 978-3-7489-0393-2 DOI: https://doi.org/10.5771/9783748903932 Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz. INHALTSVERZEICHNIS EDITORIAL Christoph Gille, Benjamin Haas, Sonja Richter, Jan Wenzel 10 Jahre Weltwärts – Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung: Eine Einführung ................................................................................ 7 LERNEN UND BILDUNG Susanne Krogull Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten – Eine lerntheoretische Reflexion .............................................................................. 20 Christoph Gille, Stefanie Bonus Überschreitung, Widerspruch und Transformation – Weltwärts als politische Bildung ............................................................................. 30 Katharina Mangold „Ringen um angemessenes Verhalten“ – Herausforderungen im Internationalen Freiwilligendienst ......................................................................... 42 Franziska Müller Zur subjektiven Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement aus der Sicht ehemaliger Freiwilliger: Ein Literaturüberblick im Forschungsfeld .. 53 Sonja Richter Krisenhafte Lernprozesse im Entwicklungspolitischen Freiwilligendienst: Scheitern als Chance für Globales Lernen ............................................................... 63 POSTKOLONIALE PERSPEKTIVEN Daniel Bendix Die koloniale Gegenwart und dekoloniale Zukunft transnationaler Entwicklungspolitik ............................................................................................... 73 Manuel Peters Überlegungen zur Geschichte und Gegenwart der Subjektposition der entwicklungspolitischen (Freiwilligen-)Mobilität .................................................. 84 Zita Hoefer Zur Auseinandersetzung mit postkolonialer Kritik – Eine diskursanalytische Betrachtung von Internetseiten entwicklungsbezogener Freiwilligendienste ....... 94 Lisa Bergmann Der Begriff Entwicklung im Freiwilligendienst Weltwärts – Ansichten von Süd-Nord-Freiwilligen aus postkolonialer Perspektive ......................................... 104 EINSCHLUSS UND AUSSCHLUSS Stefan Dietrich, Thomas Maier Im Schatten der Selbstverständlichkeit – Hürden der Erreichbarkeit unterrepräsentierter Zielgruppen und Grenzen der kompensatorischen Wirkung einer zielgruppengerechten Ansprache .................................................. 118 Christian Papadopoulos Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten ............................................................................................... 128 INTERNATIONALE PERSPEKTIVEN Paola Ortiz Loaiza Volunteering for Development – What Germany and Weltwärts can learn from the Global South ............................................................................................ 140 Lucia Fuchs Disciplining global citizens: The relationship of hosts and volunteers in development volunteering ..................................................................................... 149 Jörn Fischer, Benjamin Haas Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im internationalen Vergleich. Governance und Regulierung bei Norec, Peace Corps, ICS und Weltwärts ........... 161 Natascha Geis, Lara Lipsch Ein „Premium“-Dienst? Vergleichende Perspektiven von Aufnahmeorganisationen in Nicaragua auf Weltwärts und Voluntourismus ....... 176 7 EDITORIAL 10 Jahre Weltwärts – Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung: Eine Einführung1 Dr. Christoph Gille Vertretungsprofessor für Theorien der Sozialen Arbeit Hochschule Koblenz | chgille@hs-koblenz.de Benjamin Haas M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter | Lehrstuhl für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung | Universität zu Köln | benjamin.haas@uni-koeln.de Sonja Richter M.A. I Consultant I Globalcation – Research and Consulting on Global Education sonja.richter@globalcation.de Jan Wenzel VENRO – Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe Bereichsleitung Stärkung der Zivilgesellschaft | j.wenzel@venro.org 1. Hintergrund: Warum eine Tagung zu entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten? „10 Jahre Weltwärts – Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung“ – unter diesem Titel diskutierten im September 2018 Wissenschaftler*innen ihre Forschungsergebnisse mit Vertreter*innen aus Praxis und Politik an der Technischen Hochschule Köln. Im Fokus standen dabei nicht nur Erkenntnisse der vergangenen Dekade hinsichtlich des Weltwärts- Programms, sondern auch Erfahrungen aus anderen internationalen bzw. sogenannten „entwicklungspolitischen“2 Freiwilligendienstformaten. Dieses zweite Sonderheft von Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste versteht sich als zentrales Ergebnis dieser Tagung: In 15 Beiträgen stellen Wissenschaftler*innen 1 Das vorliegende Sonderheft wird vom Kuratorium der Konferenz „10 Jahre weltwärts – Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung“ herausgegeben. Diese Einführung wurde im Namen des Kuratoriums verfasst. 2 Das Politikfeld „Entwicklungspolitik“ beruht historisch auf einem kolonial geprägten Verständnis von „Entwicklung“, nachdem Europa die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Norm darstelle. Dieses Verständnis prägt die „Entwicklungspolitik“ noch heute. Durch das konsequente Setzen von Anführungszeichen – „entwicklungspolitisch“ – in dieser Einführung möchten wir als Autor*innen unsere Distanz zu diesem Verständnis ausdrücken. 8 Editorial die wichtigsten Inhalte ihrer Vorträge vor. In diesem Editorial gehen wir kurz auf die Historie und internationale Verortung des „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienstes Weltwärts ein, welcher mit seinem zehnjährigen Jubiläum im Jahr 2018 der Anlass dieses Resümees ist. Danach stellen wir die Beiträge des Heftes vor, die – angepasst an den Themensträngen der Tagung – vier Rubriken untergeordnet sind: Lernen und Bildung, Postkoloniale Perspektiven, Einschluss und Ausschluss sowie Internationale Perspektiven. Der Beitrag schließt mit einigen Schlussfolgerungen zum Stand der Forschung im Kontext „entwicklungspolitischer“ Freiwilligendienste. 2. Weltwärts: 10 Jahre „entwicklungspolitischer“ Freiwilligendienst der Bundesregierung Mit der Einführung des Weltwärts-Förderprogramms im Jahr 2007 durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wurde erstmals ein Jugendfreiwilligendienst qua Ressortverantwortung offiziell in der Entwicklungspolitik der Bundesregierung verortet. Zwar wurden freiwillige Einsätze von Jugendlichen in den Zielländern deutscher Entwicklungspolitik bereits lange vor Weltwärts organisiert und durch zivilgesellschaftliche Trägerorganisationen begleitet. Jetzt aber standen zum ersten Mal umfangreiche Fördermittel für solche Freiwilligendienste durch das BMZ zur Verfügung. Trägerorganisationen, die die Entsendung ihrer Freiwilligen fördern lassen wollten, mussten den „entwicklungspolitischen“ Charakter der Einsatzstellen darlegen und auch viele Freiwillige nahmen sich fortan als Teil der Entwicklungszusammenarbeit wahr. Seither wird in der Debatte zwischen den verschiedenen Stakeholdern des Programms darum gerungen, was nun genau das „Entwicklungspolitische“ an dem freiwilligen Einsatz junger, meist ungelernter Menschen in den Teilnahmeländern ausmacht. Seit seiner Programmauflage hat Weltwärts diesbezüglich einen konzeptionellen und paradigmatischen Wandel erfahren: Das Programm steht nicht mehr unter dem Motto „Lernen durch tatkräftiges Helfen“, sondern stellt sich als „entwicklungspolitischer Lern-“ und Austauschdienst mit Partnerschaftscharakter vor (Haas/Richter 2019: 4). Statt der Menschen in den Partnerländern rücken die Freiwilligen selbst sowie die Zusammenarbeit der zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen in den Fokus des Programms. Neben Deutschland verfügen zahlreiche andere OECD-Länder über Freiwilligendienste, die ebenfalls „entwicklungspolitisch“ verortet sind. Interessanterweise wird die im deutschen Kontext übliche Unterscheidung zwischen Fachdiensten und Freiwilligendiensten international nicht in dieser Form gemacht. Dienste mit Bezügen zur internationalen Kooperation werden hier als „Volunteering for Development (V4D)“ bezeichnet (Devereux 2008). International 9 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts nimmt Weltwärts als Langzeitdienst, der sich an eine junge Zielgruppe richtet und primär als Lern- und Austauschdienst versteht, eine Sonderrolle ein. Langzeitprogramme anderer Länder richten sich an qualifiziertere – wenn auch teilweise ebenso junge – Zielgruppen und verstehen sich meist als „entwicklungspolitische Fachdienste“. Angebote, die sich auch als Lern- und Austauschdienste beschreiben lassen, wie bspw. NOREC (ehemals FK Norway) oder der International Citizen Service (ICS) aus Großbritannien, entsenden deutlich kürzer. Zudem bewerten diese Programme die entwicklungsbezogenen Wirkungen des Freiwilligeneinsatzes als ebenso bedeutend wie die Bildungsaspekte (Haas/ Richter 2019: 50). Die umfangreichen Entwicklungen der ersten zehn Jahre des Programms, die internationale Sonderrolle und die andauernde Debatte um den „entwicklungspolitischen“ Charakter von Freiwilligendiensten sind Gegenstand einer wachsenden Anzahl von Forschungsarbeiten. Auf der einen Seite wurden eine Reihe von Evaluationen durchgeführt, die der Programmsteuerung dienen (z. B. Stern/ Scheller 2012; Polak/Guffler/Scheinert 2018). Auf der anderen Seite ist eine lebendige Forschungslandschaft insbesondere durch Nachwuchsforscher*innen entstanden, die mit einem von der programmatischen Logik unabhängigen Forschungsinteresse an das Feld herantreten. Weltwärts steht im Fokus zahlreicher Abschlussarbeiten von ehemaligen Freiwilligen. Zugleich wurden eine beachtliche Anzahl von Dissertationen und Projekten der Praxisforschung im Auftrag von Trägern realisiert. 3. Inhalt: Was erwartet Sie in diesem Sonderheft? Das vorliegende Heft gibt diesen Forschungsarbeiten eine Plattform, um bestehendes Wissen zu Weltwärts zu systematisieren. Die Beitragssammlung soll den Dialog über Erkenntnisse zu internationalen Freiwilligendiensten stärken und dazu beitragen, theoretisches und empirisches Wissen vorzustellen und interdisziplinär zu diskutieren. Dabei werden sowohl programmatisch-administrative Untersuchungen sowie Forschungsarbeiten, die aus anderen Interessen entstanden sind, relevant. Evaluationen haben einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des Weltwärts-Programms geleistet und sind für die politische Steuerungsebene unverzichtbar. Erklärtes Ziel dieses Sonderheftes ist es jedoch, über die im Rahmen des Qualitätsmanagements und der innerhalb der Programmakteure geführten Wirkungsdebatte entstandenen Arbeiten hinauszugehen, sie mit den weiteren Forschungsperspektiven in Dialog zu bringen und damit der vielfältigen Forschungslandschaft größere Sichtbarkeit zu verschaffen. Neben dieser Bestandsaufnahme geben die vorgestellten (Forschungs-)Projekte und Perspektiven auch einen Eindruck von den weiterhin bestehenden (Forschungs-)Lücken. Sie helfen zu identifizieren, welche Themen in der zukünftigen 10 Editorial Erkundung „entwicklungspolitischer“ Freiwilligendienste eine Rolle spielen können und welche Methoden für die Untersuchung welcher Fragen angemessen erscheinen. In diesem Sinne kann die in diesem Heft vorgenommene Bündelung auch zu künftiger wissenschaftlicher Auseinandersetzung anregen. Außerdem hoffen wir, dass die Vorstellung der vielfältigen Erkenntnisse und Perspektiven den Akteur*innen des Weltwärts-Programms und ähnlicher internationaler Freiwilligendienste als Reflexionsfolie dienen kann und Ideen für die weitere Umsetzung und konzeptionelle Weiterentwicklung bereithält. Das Sonderheft gliedert sich entsprechend der zentralen Themenstränge, die sich in bisherigen Forschungsarbeiten zu „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendiensten zeigen: Lernen und Bildung; Entwicklung, Macht und Solidarität; Einschluss und Ausschluss und Internationale Perspektiven. Wir möchten nachfolgend in diese vier Achsen einführen, die gleichzeitig als Rubriken das Heft strukturieren. Lernen und Bildung Die Frage, wer in Freiwilligendiensten was, wie und warum lernt, ist für deren Konzeption zentral und Gegenstand vieler Untersuchungen. Eine Spannung besteht dabei insbesondere zwischen der Anregung transformatorischer Bildungsprozesse und dem angestrebten funktionalen Kompetenzerwerb. Den thematischen Auftakt bildet der Beitrag von Susanne Krogull zum „Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten“. Sie argumentiert darin, dass der Freiwilligendienst in einem anderen Land nicht automatisch zu weltgesellschaftlichem oder Globalem Lernen führe. In ihrer theoretischen Verortung geht Krogull zunächst auf das Konzept des Globalen Lernens ein, das nicht als verkürzte Vermittlung von Werten zu verstehen sei, sondern sich vielmehr auf den Umgang mit komplexen globalen Zusammenhängen in einer unbestimmten Zukunft richte. Aufbauend auf diesem Verständnis bestätige sich die handlungstheoretische Kontakthypothese nicht, die davon ausgeht, alle Differenzerfahrung führe automatisch zu passenden Lernprozessen. Viel eher müssten einige Parameter erfüllt sein, um Globales Lernen zu ermöglichen. Krogull bestimmt veränderte Erfahrungen im Nahbereich, Perspektivenwechsel, Selbstreflexion, Abstraktion und Reflexion der Begrenztheit des eigenen Wissens als wesentliche Elemente, die der Reproduktion paternalistischer, neokolonialer Einstellungen entgegenwirken und globales Lernen ermöglichen könnten. Eine Lücke in den gegenwärtigen Diskussionen rund um Weltwärts identifizieren Christoph Gille und Stefanie Bonus im Artikel „Überschreitung, Widerspruch und Transformation“, in dem die politische Bildung ins Zentrum rückt. Trotz programmatischer Bestimmung als „entwicklungspolitischen Lern- und Bildungsdienst“ 11 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts habe die Auseinandersetzung mit dem Konzept der politischen Bildung im Programm bislang kaum stattgefunden. Dabei böte Weltwärts dafür einen ausgezeichneten Kontext, argumentieren die Autor*innen. Gerade in der bewussten Auseinandersetzung mit Gegnerschaften, die sich um die sogenannte „Entwicklungspolitik“ entfalten, kann es gelingen, das Politische als Moment der Auseinandersetzung mit bestehenden Agonien zu erkunden. So könnten Räume geschaffen werden, in denen die Überwindung des Gegebenen erprobt werde und damit eine zentrale Bildungsaufgabe gelingen könne. Die Notwendigkeit pädagogischer Reflexionsräume, von der Krogull spricht und die auch für solche politische Bildung grundlegend sind, stützt auch Katharina Mangold. In Ihrem Beitrag „Ringen um angemessenes Verhalten“ sind es das Nichtwissen und die Inkonsistenzen der eigenen Position, die als Ausgangspunkte von Bildungsprozessen erkennbar werden. Auf der Basis einer ethnografischen Erhebung über junge Freiwillige in Uganda zeigt sie, wie sich die Freiwilligen im Alltag immer wieder darum bemühen, sich „richtig“ zu verhalten. In Situationen der Ambivalenz sind es die Rückgriffe auf Ordnungsschemata, die Sicherheit böten, darunter auch solche, in denen Homogenisierungen von Personengruppen vorgenommen werden und stereotypes Wissen zur Reduktion komplexer Situationen reproduziert wird. Doch anders als es die Unsicherheit in den dilemmatischen Situationen zunächst suggeriert, ist es gerade die ambivalente Situation des „Inbetween“, die Mangold zufolge zu einem Möglichkeitsraum werden könne. Nicht im „Entweder-oder“, sondern im „Sowohl-als-auch“ läge die Chance des interkulturellen Lernens. Die „subjektive Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement aus der Sicht ehemaliger Freiwilliger“ nimmt Franziska Müller in den Blick. Zwar seien langfristige Wirkungen der Dienste auf das Engagementverhalten ehemaliger Freiwilliger generell erwünscht, doch seien die bislang dazu vorliegenden, insbesondere quantitativen Studien nicht eindeutig. Zur weiteren Erkundung des langfristigen Engagements schlägt Müller als Ergänzung der quantitativen Daten zum einen entwicklungspsychologische Analysen vor, in denen die Besonderheiten der Lebensphase „Emerging Adulthood“ berücksichtigt würden. Zum anderen müsste über biografieanalytische Analysen der anzunehmende Wandel von Engagementformen über längere Zeiträume hinweg betrachtet werden. Müller stellt Ergebnisse eines solchen Forschungsdesigns für das Ende ihres aktuellen Forschungsprojektes in Aussicht. Der Beitrag von Sonja Richter stellt zentrale Ergebnisse einer qualitativ-empirischen Studie zur Qualität von Lernprozessen in „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendiensten vor. Sie fokussiert sich auf nicht intendierte Lernwirkungen – solche, die konträr zu den jeweiligen Programmzielen im Sinne Globalen Lernens interpretiert werden können. Hierzu beschreibt sie den Selbstbezug der Lernenden 12 Editorial sowie die Verstärkung von rassistischen und stereotypischen Denkmustern gegen- über dem Fremden. Die empirischen Befunde ihrer Studie zeigen auf, dass auch diese negativ konnotierten Wirkungen einen wichtigen Zwischenschritt zu fundierten Lernprozessen Globalen Lernens, die in der Reflexionsphase nach der Programmteilnahme passieren, sein können. Postkoloniale Perspektiven Freiwilligendienste wie das Weltwärts-Programm verstehen sich als Beitrag zur Heranführung an „entwicklungspolitische“ Fragestellungen und „entwicklungspolitisches“ Engagement. Ebenso verfolgen sie den Anspruch, „entwicklungspolitisch“ auf die Zivilgesellschaft in Deutschland und in den Partnerländern zu wirken. Allerdings werden solche normativen Ziele durch postkoloniale Perspektiven infrage gestellt und auf die rassistische Konnotation des westlichen Entwicklungsbegriffs sowie die Machtdiskrepanzen zwischen den Ländern im Globalen Süden und Globalen Norden hingewiesen. Daher stellt sich die Frage, ob durch Freiwilligendienste weiterhin ein durch Länder des Globalen Nordens geprägtes Verständnis von „Entwicklung“ exportiert wird. Können solche Programme zum „Entwicklungspolitischen“ im Sinne globaler Partnerschaften beitragen? In diesem Themenfeld geht es also um empirische und theoretische Erkenntnisse über Ansprüche globaler Solidarität sowie Wiederholung und Verstärkung von Machtdifferenzen in internationalen Freiwilligendiensten. In seinem Beitrag „Die koloniale Gegenwart und dekoloniale Zukunft transnationaler Entwicklungspolitik“ eröffnet Daniel Bendix eine umfangreiche Perspektive auf die postkoloniale Kritik an „Entwicklungszusammenarbeit und -politik“. Er fragt empirisch nach einer kolonialen Gegenwart und einer dekolonialen Zukunft bundesdeutscher „Entwicklungspolitik“. „Entwicklungspolitik“ könne sowohl zur Stabilisierung als auch zur Destabilisierung kolonialer Kontinuitäten beitragen. Die Reflektion seiner Ausführungen in Bezug auf Weltwärts und „entwicklungspolitische“ Freiwilligendienste überlässt er bewusst den Leser*innen bzw. den dann folgenden Beiträgen. In seinem Fazit deutet Bendix jedoch an, dass sich Programme wie Weltwärts, die sich „globaler Gleichheit und Gerechtigkeit und umfassender Dekolonisierung verpflichtet sehen“, einer asymmetrischen Globalisierung entgegenstellen müssten. Das bedeute auch, transnationale Solidarität im Rahmen von Freiwilligendiensten immer auch mit innergesellschaftlicher Solidarität zu verbinden. Manuel Peters stellt in seinem Beitrag Überlegungen zu der spezifischen Zugehörigkeitsposition der „entwicklungspolitischen“ (Freiwilligen-)Mobilität an. Er geht der Frage nach, „ob und wie sich die Geschichte der bürgerlichen Zugehörigkeitskonzepte und ihre Verbindung mit ‚Entwicklungsprojekt‘ in der heutigen entwicklungspolitischen (Freiwilligen-)Mobilität widerfindet.“ Diese Mobilität sei 13 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts eine „sich in ihrer Form wandelnde, klassen- und raumbezogene, spezifisch vergeschlechtlichte und rassifizierte Praxis kultureller Distinktion“. In ihrem Beitrag unterzieht Zita Hoefer Internetseiten verschiedener Entsendeorganisationen sowie die des Weltwärts-Programms selbst einer Diskursanalyse, um zu untersuchen, ob und wie sich eine Auseinandersetzung mit postkolonialer Kritik feststellen lässt. In der Kritik angesprochene Thematiken fänden zwar teilweise Berücksichtigung, eine konkrete Auseinandersetzung mit postkolonialen Perspektiven bliebe jedoch größtenteils aus. Darüber hinaus konstatiert Hoefer eine Verschiebung des Schwerpunktes in der Selbstdarstellung „entwicklungspolitischer“ Freiwilligendienste auf die Freiwilligen. Dies wiederum werfe neue Fragen nach der Wirkungsweise der Dienste auf. Unter der Überschrift „‚Entwicklung‘ im Freiwilligendienst Weltwärts“ beschäftigt sich Lisa Bergmann damit, wie Süd-Nord-Freiwillige die Frage der „Entwicklung“ in ihrem „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienst sehen. Der Beitrag rückt damit ein bisher kaum beachtetes Thema ins Zentrum der Betrachtung: Was ist „entwicklungspolitisch“ an der Süd-Nord-Komponente und wie nehmen die Süd-Nord-Freiwilligen diesen – aus postkolonialer Perspektive – problematischen Entwicklungsdiskurs auf? Dazu untersucht Bergmann die Ansichten und Beobachtungen von Weltwärts-Süd-Nord-Freiwilligen und arbeitet drei Dimensionen von „Entwicklung“ heraus, die diese in ihrem Dienst sehen, nämlich ihre persönliche Entwicklung, Entwicklungen in Deutschland und in der Heimat sowie „Entwicklungshilfe“. Ihre Studie zeigt, dass die interviewten Freiwilligen ein mehrdimensionales Bild von Entwicklung zeichnen und es als ganzheitliches Konzept ansehen. Lucia Fuchs widmet sich den „Erziehungsmaßnahmen für Weltbürger*innen“. Dazu geht sie der Frage nach, wie die Beziehung zwischen Freiwilligen und Partner*innen im Aufnahmeland von beiden Seiten wahrgenommen wird. Der Beitrag basiert auf ersten Ergebnissen einer diskursethnographischen Feldstudie in Ecuador. Das Hauptanliegen der Partner*innen sei es, die Freiwilligen sicher unterzubringen, zufrieden zu halten und sie ausreichend zu disziplinieren, damit sie den Arbeitsablauf der Projekte nicht behindern. Fuchs kommt somit zu der Feststellung: „Entgegen traditioneller postkolonialer Hierarchien in der Entwicklungszusammenarbeit sind es die Freiwilligen aus dem Norden, die durch die Akteur*innen aus dem Süden erzogen und diszipliniert werden.“ Gleichzeitig hätten die Freiwilligen jedoch hohe Erwartungen an Unterstützung und Anerkennung durch die Partner*innen, die oft enttäuscht würden und dann zu einer Abwertung der Partner*innen im Süden führen könnten. Fuchs kommt zu dem Schluss, dass „Freiwilligendienste im globalen Süden zwar das Risiko der Reproduktion traditioneller Nord-Süd-Hierarchien bergen, aber auch Raum für die Transformation bieten“. 14 Editorial Einschluss und Ausschluss Freiwilligendienste wie Weltwärts haben den Anspruch, unterschiedliche junge Menschen zu erreichen und in ihrem Engagement zu fördern. Doch obwohl in den vergangenen Jahren viele Anstrengungen unternommen wurden, unterscheidet sich zum Beispiel die Teilnahme von jungen Menschen verschiedener Bildungsabschlüsse, Geschlechter oder Zuwanderungsgeschichten deutlich voneinander. Welche Selektionseffekte sind am Werk und wie werden diese beeinflusst? Können sie und wenn ja, wie können sie überwunden werden? In ihrem Beitrag „Im Schatten der Selbstverständlichkeit“ beschäftigen sich Stefan Dietrich und Thomas Maier mit solchen Hürden der Erreichbarkeit unterrepräsentierter Zielgruppen. Sie unterteilen die bestehenden Barrieren in zwei unterschiedliche Gruppen: Solche, die mit den Ansprachepraktiken von Entsendeorganisationen zusammenhängen, und solche, die auf tiefere gesellschaftliche Ursachen zurückzuführen sind. Ihren Analysen liegen sowohl theoretische Erkenntnisse der Jugendforschung als auch die empirische Untersuchung ausgewählter Webpräsenzen, Expert*inneninterviews und Nutzer*innentests unterrepräsentierter Zielgruppen zugrunde. Darauf aufbauend schlagen Dietrich und Maier eine systematische Untersuchung der Ansprachepraktiken auf Differenziertheit, Pragmatik und Hindernisse vor, um Trägerorganisationen eine grundlegende Orientierung zu geben, worauf beispielsweise bei der Webseitengestaltung zu achten ist. Mögliche Barrieren werden dabei in den Nutzer*innentests deutlich: Während sich die Ansprache vorwiegend auf universale Kompetenzen junger Menschen richtet, zeigt das Selbstverständnis der Adressat*innen, dass gerade ihre bereits erworbenen, beruflichen hard skills kaum Wertschätzung erfahren. Daneben identifizieren Dietrich und Maier auch einige tiefer liegenden Ursachen und plädieren in der Folge für weitere Sensibilisierung der Trägerorganisationen, zielgruppenspezifische Sprache und dezentrale Zugänge. Die „Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten“ steht im Mittelpunkt des Beitrags von Christian Papadopoulos. Der paradigmatische Wandel des Blicks auf Behinderung, der sich in der UN-Behindertenrechtskonvention niederschlägt, bildet dabei den analytischen Ausgangspunkt. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Konzeptionen erläutert Papadopoulos, wie Behinderung sozial konstruiert wird und als Ergebnis negativer gesellschaftlicher Zuschreibungen entsteht. Er ergänzt dieses Verständnis um eine intersektionale Perspektive, in der sich die Vielfalt der Lebenswirklichkeiten behinderter junger Menschen niederschlägt und das Zusammenwirken mit anderen Ungleichheitskategorien wie Geschlecht und Klasse abgebildet werden kann. Der multiple Behinderungsbegriff, der sich dadurch ableitet, wird durch die Kapitalanalyse Bourdieus geschärft. Um die UN-Behindertenrechtskonvention zur erfüllen, folgert Papadopoulos, dass eine umfangreiche Analyse der Zugänge zu 15 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts den internationalen Freiwilligendiensten auf der Grundlage eines solchen multiplen Behinderungsbegriff notwendig sei. Internationale Perspektiven Immer wieder wird die Frage danach gestellt, wie das Weltwärts-Programm aus der Perspektive der Südpartner*innen verstanden und bewertet wird. Im Themenkomplex der internationalen Perspektiven und Stimmen geht es somit insbesondere darum, die Perspektive der Empfängerorganisationen in den Forschungsdiskurs aufzunehmen, wie es die beiden Beiträge von Paola Ortiz Loaiza sowie von Natascha Geis und Lara Lipsch tun. Der Beitrag von Jörn Fischer und Benjamin Haas hingegen verortet Weltwärts international, in dem er das Programm mit anderen „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendiensten vergleicht. Unter dem Titel „What Germany and Weltwärts can learn from the Global South“ stellt Paola Ortiz Loaiza Ergebnisse einer Fallstudie zu Empfängerorganisationen in Guatemala vor. Dabei arbeitet sie die Spannung zwischen zwei Paradigmen heraus, die die „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienste prägen: Auf der einen Seite stünden die Ideen einer kosmopolitischen globalen Bildung und auf der anderen dezidiert „entwicklungspolitische“ Ansätze und Ansprüche. Sie fordert, die Anforderungen und Erfahrungen des Globalen Südens umfassender in die Agenden und Ziele der im Norden konzipierten Programme einzubeziehen, um beide Perspektiven kohärent zu integrieren und Widersprüche zu vermeiden. Dazu sei eine Stärkung der Beziehungen zwischen entsendenden und aufnehmenden Organisationen unabdinglich. Natascha Geis und Lara Lipsch vergleichen in ihrem Beitrag „Ein ‚Premium‘- Dienst?“ die Perspektiven von Aufnahmeorganisationen in Nicaragua auf das Weltwärts-Programm und auf voluntouristische Formate. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist die Feststellung, dass Voluntourismus als wachsender Trend zunehmend kritisch betrachtet und das Weltwärts-Programm oftmals als bessere Alternative verhandelt wird. Vor dem Hintergrund postkolonialer, reziprozitätstheoretischer sowie Agency-orientierter Theorieansätze macht ihr Beitrag jedoch deutlich, dass sich im lokalen Kontext voluntouristische und Weltwärts-Freiwillige stark vermischen und Aufnahmeorganisationen dem Format der Entsendeorganisation keine besondere Relevanz zuschreiben. Gleichzeitig würden auch Unterschiede deutlich erkennbar, die sich beispielsweise in den gelebten und formulierten Rollen der Organisationen zeigten. Der Beitrag von Jörn Fischer und Benjamin Haas geht von den Beobachtungen aus, dass es weltweit zahlreiche staatlich geförderte „entwicklungspolitische“ Freiwilligendienste gibt und dass in der Freiwilligendienstforschung der Vergleich als Methode bislang vernachlässigt wurde. In ihrem Artikel vergleichen sie Programme aus vier Ländern (Deutschland, Norwegen, Vereinigtes Königreich und 16 Editorial USA) und nehmen dabei vor allem die Perspektive der Entsendeorganisationen in den Fokus. Der Beitrag diskutiert unter anderem, welche Rahmenbedingungen zur Entsendung von Freiwilligen staatlicherseits gesetzt werden. Als theoretisches Analyseraster dient hierbei vor allem die Korporatismustheorie. 4. Fazit Vorab lässt sich festhalten: Die unterschiedlichen Beiträge des Heftes vertreten keine einheitliche Perspektive, sondern ermöglichen eine kritische Auseinandersetzung aus unterschiedlichen disziplinären und theoretischen Blickwinkeln. Dennoch zeichnen die Inhalte ein Bild zum Stand der aktuellen Forschung rund um „entwicklungspolitische“ Freiwilligendienste. Zu den übergeordneten Erkenntnissen zählt, dass die Problematik der Verbindung von Freiwilligendiensten und dem Konzept von Entwicklung weiterhin eine zentrale Rolle in der konzeptionellen Verortung von Freiwilligendiensten spielt. „Entwicklungszusammenarbeit“ und/oder „Entwicklungshilfe“ sind seit jeher eng verwoben mit der Geschichte kolonialer Ausbeutung und auch heute noch von neokolonialen Denkmustern und Handlungspraktiken geprägt (z. B. Crush 1995; Crewe/Harrison 1998; Eriksson Baaz 2005; Kapoor 2008; Kerner 1999; Ziai 2004, 2012). Per Definition und per politischer Verortung in entsprechenden Ministerien zielen somit „entwicklungspolitische“ Freiwilligendienstprogramme darauf ab, durch die Freiwilligen zur „Entwicklung“ beizutragen. Die Beiträge der Tagung zeigen, dass weiterhin die Frage offen ist, wer von „Entwicklungspolitik“ im Rahmen von Freiwilligendiensten profitiert: Steht immer noch der „entwicklungspolitische“ Wirkungsanspruch für das Partnerland im Vordergrund oder geht es eher um die Lernerfahrung der Freiwilligen? Wenn letzteres der Fall ist, wie kann hier der Bogen zu Entwicklungspolitik gespannt werden (oder nicht)? Die Diskussion der Beiträge zum Themenfeld Postkolonialismus macht deutlich: Das Konzept der „Entwicklung“ basiert historisch auf der kolonialen Vorstellung, dass Europa die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Norm darstellt, von der die ehemaligen Kolonien abweichen (Ziai 2012: 4). Diese Logik ist in den Diskurs und in die Praktiken der heutigen Entwicklungszusammenarbeit immer noch eingeschrieben (z. B. Bendix 2013; 2018). Die vorgestellten Forschungsarbeiten zeigen, dass sich Freiwilligendienste nicht aus diesem dominanten Diskurs lösen können, wenn sie sich nicht vom (neo-)kolonial geprägten Entwicklungsprojekt lossagen. Es wird deutlich: Die Diskursordnung wird durch den als „entwicklungspolitisch“ markierten Weltwärts-Dienst aufrechterhalten und entfaltet weiterhin ihre Wirkung in Denkweisen und Praktiken. Die Problematik der Verbindung von Freiwilligendiensten mit dem Konzept von „Entwicklung“ zeigt sich in allen Beiträgen zum Thema Postkolonialismus. Alle Autor*innen zu diesem Themenbereich zeigen auf, dass diese Verbindung problematisch ist und obsolet sein sollte. 17 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts Eine alternative Lesart bieten insbesondere Bergmann und Richter an: Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit können entsprechend der Agenda 2030 auch als globales Projekt gedacht werden, in dem Freiwillige einen Beitrag zur „Entwicklung“ ihrer Heimat leisten. Dann stellt sich die Frage, auf welche Weise sich Länder wie Deutschland „entwickeln“ müssen, um zu einer gerechten Weltordnung beizutragen. Zwar kann durchaus angezweifelt werden, ob in den bestehenden Herrschaftsverhältnissen eine solche Veränderung der mit „Entwicklung“ verbundenen Denk- und Handlungsweisen möglich ist. Würde das Projekt „Entwicklung“ aber in diesem Sinne konzipiert, könnten sich Freiwilligenprogramme aus dem Globalen Norden nicht nur ihrer dekolonialisierenden Verantwortung stellen, sondern würde auch eine Partnerschaftsperspektive eingelöst, wie sie Ortiz einfordert. Wie postkoloniale Machtverhältnisse sind auch die Ein- und Ausschlüsse gesellschaftlicher Gruppen in und aus internationalen Freiwilligendiensten eng mit diskursiven Ordnungen verbunden. Die in diesem Band vorgestellten Forschungsprojekte weisen auf die bestehenden Leerstellen und den langen Weg, der noch gegangen werden muss, um internationale Freiwilligendienste wie Weltwärts als inklusiv bezeichnen zu können. Doch sie machen auch Hoffnung: Papadoupolos zum Beispiel systematisiert eine Reihe theoretischer Konzeptionen, die es ermöglichen, auch mehrdimensionalen Ausschluss in den Blick zu nehmen. In den Fokus rücken dadurch vor allem die Normalitätsvorstellungen von Mehrheiten, die die Ausschlüsse der Minderheiten hervorbringen. Auf der Basis solcher Modelle können konkrete Instrumentarien entworfen werden, um Praktiken von Trägern zu überdenken und anzupassen, wie sie Dietrich und Maier in ihrem Beitrag entwickelt haben. Denn auch wenn die Zugänge und Barrieren in zahlreichen gesellschaftlichen Sphären hergestellt werden, kommt es eben doch darauf an, ob Trägerorganisationen Raum und Anlässe für die Selbstreflexion von Normalitätsvorstellungen schaffen und in welcher Form und an welchen Orten junge Menschen angesprochen werden. Wenn das erfolgt, könnten Freiwilligendienste zum Abbau gesellschaftlicher Hürden und Ungleichheit beitragen – ansonsten wiederholen sie die bestehenden Ausschlüsse. In Bezug auf die Lern- und Bildungsprozesse arbeiten alle Beiträge die Bedeutung professioneller pädagogischer Begleitung in den internationalen Freiwilligendiensten heraus. Sowohl Krogull, Mangold als auch Richter betonen, dass im Hinaustreten aus den scheinbaren Selbstverständlichkeiten des Freiwilligenalltags die strukturierte Möglichkeit zur Reflexion geschaffen wird, die nonformale Bildungsprozesse charakterisiert. Es sind diese Räume, in denen Selbstreflexion, Abstraktion und Reflexion der Begrenztheit des eigenen Wissens systematisch erarbeitet werden können. Umso relevanter erscheint es, dass Entsende- und Empfängerorganisationen diesem fachlichen Anspruch Rechnung tragen und ein angemessener 18 Editorial finanzieller und organisatorischer Rahmen durch die Förderstruktur geschaffen wird, um diese Lernprozesse zu ermöglichen. In Abkehr von erneut kulturalisierender, „interkultureller“ Pädagogik kann dann auch neokolonialen Logiken entgegengewirkt und das „Sowohl-als-auch“, von dem Mangold spricht, als Grundlage für Bildungsprozesse genutzt werden. Ungenützte Möglichkeiten bestehen zurzeit noch durch die kaum vorhandene Bezugnahme auf die politische Bildung: Denn wo kann besser als in der bewussten Auseinandersetzung mit dem Entwicklungskonzept das Politische als Moment der Gegnerschaft und damit die Kontingenz der Welt vermittelt werden? Schon heute bietet das Weltwärts-Programm im Austragen und nicht im Negieren der Konflikte um hegemoniale Ordnungen den Freiwilligen die Möglichkeit, durch eigenes Handeln das Eingreifen in die Welt zu erproben. In der darin angelegten Überwindung bestehender Denk- und Handlungsmuster, so Gille und Bonus, kann für solche Transformationen die Grundlage geschaffen werden, wie sie für das Leben in der Einen Welt nötig werden. Neben diesen übergreifenden Erkenntnissen werden auch einige Lücken der bisherigen Forschung deutlich. Weiteres Potenzial sehen wir unter anderem im methodischen Vergleich zu anderen Freiwilligendiensten – seien es die in Deutschland existierenden internationalen oder nationalen Dienste; seien es die „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienste anderer internationaler Initiativen. Thematische Kongruenzen und Differenzen können so identifiziert und deren Folgen für Freiwillige, soziale Organisationen, ihre Nutzer*innen und weitere Akteure herausgearbeitet werden. Erstaunlich wenig thematisiert wird auch die Wirkung internationaler Freiwilliger auf die Nutzer*innen von sozialen Einrichtungen, in denen Freiwillige zum Einsatz kommen. Kommt es auch hier zu Bildungseffekten und, wenn ja, welche Voraussetzungen brauchen diese? Überschneidungen ergeben sich dadurch zu der wohl größten Leerstelle in der wissenschaftlichen Betrachtung internationaler Freiwilligendienste: ein insgesamt stärkerer Einbezug der Perspektiven aus dem Globalen Süden in die wissenschaftliche Diskussion, sei es der Akteur*innen der Freiwilligendienste dort (Einsatzstellen, Trägerorganisationen, Mentor*innen etc.), der Konzepte oder der Forschenden aus dem Globalen Süden. Wenig ist bekannt über die Wirkung der Freiwilligen auf die Arbeit der Einrichtungen im Globalen Süden und nur selten gelingt es, Stimmen aus dem Süden direkt hörbar zu machen – Gies und Lipsch, Fuchs sowie Ortiz sind auch in diesem Heft die Ausnahmen. Pionierarbeit haben Tiessen, Lough und Grantham (2018) in ihrem Beitrag im Voluntaris-Sonderheft geleistet, in dem Forscher*innen aus dem Süden die Perspektive von Aufnahmeorganisationen im Süden darstellen. Mit dem Ziel, auch wissenschaftliches Wissen zu dekolonialisieren, bleibt es ein Anliegen für die nächste Dekade von Weltwärts, die Südperspektiven umfangreicher zur Geltung zu bringen. Hierfür muss auch der 19 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts Wissenschaftsdialog zu den internationalen Freiwilligendiensten, die sich dem Kontext nachhaltiger Entwicklung verschreiben, partnerschaftlicher werden und die Stimmen von Wissenschaftler*innen aus dem Globalen Süden zur Geltung bringen. Vielleicht kann es Praxis, Wissenschaft und Politik gemeinsam gelingen, diese und weitere, hier nicht aufgeführte Lücken bis zum 20-jährigen Bestehen von Weltwärts zu schließen. In diesem Sinne hoffen wir, dass das Sonderheft zum Jubiläum von Weltwärts für die weitere Reflexion und konkrete Ausgestaltung von internationalen Freiwilligendiensten zahlreiche Anregungen gibt. Literaturverzeichnis Bendix, Daniel (2013): The Big Five As Dangerous As Ever – German Development Cooperation, Colonial-racist Imagery, And Civil Society’s Response, in: Critical Literacy: Theories and Practices, 7. Jg., Heft 2, S. 48–57. Bendix, Daniel (2018): Global Development and Colonial Power. German Development Policy at Home and Abroad, London. Crush, Jonathan (1995): Power of Development, London-New York. Crewe, Emma and Elizabeth Harrison (1998): Whose Development?: An Ethnography of Aid, London-New York. Eriksson Baaz, Maria (2005): The paternalism of partnership: a postcolonial reading of identity in development aid, London. Devereux, Peter (2008): International volunteering for development and sustainability: outdated paternalism or a radical response to globalisation?, in: Development in Practice, 18. Jg., Heft 3, S. 357–370. Haas, Benjamin und Sonja Richter (2019): Weltwärts im Kontext I – Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst im nationalen und internationalen Vergleich, Opusculum Nr. 123, hrsg. von Maecenata Institut, Berlin. Kapoor, Ilan (2008): The Postcolonial Politics of Development, London. Kerner, Ina (1999): Feminismus, Entwicklungszusammenarbeit und Postkoloniale Kritik. Eine Analyse von Grundkonzepten des Gender-and-Development-Ansatzes, Hamburg. Stern, Tobias und Jan Oliver Scheller (2012): Evaluierung des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes „weltwärts“, Köln. Polak, Jan Tobias, Kerstin Guffler und Laura Scheinert (2018): weltwärts-Freiwillige und ihr Engagement in Deutschland, hrsg. von DEval – Deutsches Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit, Bonn. Tiessen, Rebecca, Benjamin J. Lough and Kate E. Grantham (2018): Insights on International Volunteering. Perspectives from the Global South, in: Voluntaris Sonderband 2018, Baden-Baden. Ziai, Aram (2004): Imperiale Repräsentationen. Vom kolonialen zum Entwicklungsdiskurs, in: Informationszentrum Dritte Welt, Nr. 276, S. 15–18. Ziai, Aram (2012): Postcolonial perspectives on “development”, ZEF Working Paper Series, Nr. 103. 20 Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten – Eine lerntheoretische Reflexion Dr. Susanne Krogull Stellvertretende Leiterin des Jugendamtes der Erzdiözese Bamberg susanne.krogull@eja-bamberg.de Zusammenfassung Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst Weltwärts wird als Lerndienst definiert. Doch führt interkultureller Kontakt automatisch zu einem interkulturellen Lernerfolg und der Einsatz in einem Land der Entwicklungszusammenarbeit zu weltgesellschaftlichem und Globalem Lernen? Auf Basis theoretischer Reflexionen und konzeptioneller Erläuterungen werden Chancen und Risiken für Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten diskutiert. Zu den Chancen gehören die Erfahrbarkeit abstrakter Themen aufgrund einer Veränderung des persönlichen Nahbereichs über einen längeren Zeitraum, der Perspektivwechsel durch das Erleben anderer Lebenssituationen sowie ein Beitrag zur hybriden Identitätsentwicklung durch die aufgrund der Begegnung angeregte Selbstreflektion. Risiken sind, dass keine Abstraktion des Erlebten stattfindet und so persönliche Betroffenheit, jedoch kein Verständnis globaler Zusammenhänge entsteht sowie die Reproduktion paternalistischer Blickwinkel und kolonialer Verhältnisse. Schlagwörter: Globales Lernen; Reflektion; interkulturelles Lernen; Postkolonialismus Abstract The development volunteer service Weltwärts is defined as a learning service. But does intercultural contact automatically lead to successful intercultural learning and international volunteering to global learning? Based on theoretical reflections and conceptual explanations opportunities and risks for learning in development volunteering are discussed. Opportunities are that by changing the personal social proximity and one’s perspective over a longer period of time, abstract topics and life situations of others can be experienced. It may contribute to the hybrid identity development through the self-reflection of one’s own way of life, values, and norms. Risks are that a lack of abstraction and reflection of the experience may lead to personal concern, but not to an understanding of global relationships and the reproduction of paternalistic views and colonial relationships. Keywords: Global Learning; reflection; intercultural learning; postcolonialism Mit dem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eingeführten Weltwärts-Programm wurde mehr noch als in den Jahrzehnten davor für junge Menschen die Möglichkeit geschaffen, einen Freiwilligendienst in einem Land der Entwicklungszusammenarbeit zu leisten. Derzeit werden im Kontext des Weltwärts-Programms rund 7.000 Einsatzstellen von 21 Krogull, Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten – Eine lerntheoretische Reflexion circa 180 Organisationen angeboten (Weltwärts o. J.a). Das Selbstverständnis des Programms hat sich in den zehn Jahren seiner Existenz weiterentwickelt und wird derzeit als ein entwicklungspolitischer Lerndienst beschrieben: „Weltwärts ist ein Lerndienst. Der Nord-Süd-Austausch und das gemeinsame interkulturelle Lernen stehen im Mittelpunkt. Die Freiwilligen sammeln Auslandserfahrungen und erwerben Sprachkenntnisse sowie persönliche Kompetenzen“ (Weltwärts o. J.b). Als Ziel wird darüber hinaus explizit die Förderung des Globalen Lernens genannt (Weltwärts o. J.c). Angesichts dieses Selbstverständnisses wird mit diesem Artikel das Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten aus lerntheoretischer Perspektive reflektiert. Dazu werden zunächst das Konzept Globales Lernen erläutert und daran anschließend verschiedene Aspekte von Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten reflektiert. Es handelt sich hierbei um eine theoretische Reflexion, nicht um einen empirischen Nachweis von Lernen in Freiwilligendiensten. Es geht auch nicht um eine Kritik an der bisherigen Praxis, sondern der Artikel soll als Anregung verstanden werden, die bisherige Praxis (vielleicht aus neuen Perspektiven) zu reflektieren. 1. Globales Lernen Weltwärts hat sich zum Ziel gesetzt, Globales Lernen zu fördern (Weltwärts o. J.c). Wenn von Globalem Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten gesprochen wird, kann der Eindruck entstehen, dass aufgrund der Verortung im globalen Kontext automatisch Globales Lernen stattfindet. Globales Lernen ist jedoch unabhängig davon zu sehen, wo gelernt wird, also ob in einem globalen, regionalen oder nationalen Kontext. Stattdessen beschreibt Globales Lernen ein pädagogisches Konzept. Dieses Konzept hat sich bereits in den 1990er Jahren konzeptionell in zwei verschiedene Richtungen entwickelt, die in der Praxis häufig parallel erscheinen, nämlich zum einen mit einer handlungstheoretischen Perspektive, zum anderen mit einer evolutionären, systemtheoretischen Perspektive (Scheunpflug 2007). Der Unterschied liegt vor allem in der Beschreibung der Ziele von Globalem Lernen. Während Globales Lernen aus handlungstheoretischer Perspektive auf die Vermittlung von Werten und normativen Inhalten fokussiert, die durch entsprechende Inhalte der Bildungsangebote erreicht werden sollen (z. B. Toleranz oder solidarisches Handeln) (im Überblick VENRO 2000), geht es bei Globalem Lernen aus systemtheoretisch oder evolutionär geprägter Perspektive vor allem um die Vermittlung von Kompetenzen, um mit der Komplexität des Lebens in der Weltgesellschaft und einer ungewissen Zukunft umzugehen (Scheunpflug/Schröck 2002). Diese unterschiedlichen Zielsetzungen scheinen sich zunächst nicht auszuschließen, allerdings gründen sie in unterschiedlichen lerntheoretischen Prämissen. Aus lerntheoretischer Sicht 22 Lernen und Bildung wird im handlungstheoretischen Ansatz davon ausgegangen, dass ein methodisches Vorgehen gepaart mit entsprechenden Inhalten zu einem anvisierten Ziel führt, dass also Werte und Wissen methodisch vermittelt werden können. Der systemtheoretische oder evolutionär geprägte Ansatz basiert auf der lerntheoretischen Prämisse, dass Lernen immer durch die Lernenden selbst gesteuert ist und Pädagogik keinen Zugriff darauf hat, was und wie die Lernenden lernen. Lernangebote, also methodisch vorbereitete Inhalte, können Lernen zwar anregen, sie können aber nicht das Ergebnis beschreiben, da dies von den Lernenden selbst gesteuert wird. Je nach dem zugrundeliegenden Verständnis von Globalem Lernen bzw. den lerntheoretischen Grundlagen wird man also vorsichtig sein mit der Beschreibung von Lernzielen im Sinne von Einstellungs- und Verhaltensänderungen. In der Praxis (und nicht nur im Kontext von entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten) werden diese lerntheoretischen Unterscheidungen oder Grundlegungen häufig nicht reflektiert. 2. Lernen in Freiwilligendiensten Wenn von Lernen in Freiwilligendiensten gesprochen wird, geraten zunächst die Freiwilligen selbst als Zielgruppe in den Blick, für die der Freiwilligendienst angeboten wird. Diese lernen im Kontext des Programms sowohl formell in angebotenen Kursen (z. B. in Sprachkursen oder Vorbereitungsseminaren) als auch informell, also beiläufig im Alltag während des Aufenthalts in ihrem Einsatzland. Dieses Lernen geschieht sowohl individuell als auch in der Gruppe mit anderen Freiwilligen (anderen Ausländer*innen), im Kontext der Einsatzstelle (mit anderen Freiwilligen und den lokalen Projektpartner*innen) sowie in der Freizeit (eventuell auch wieder mit anderen Freiwilligen und/oder der lokalen Bevölkerung). Hier zeigt sich bereits, dass Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten im Kontext eines spezifischen sozialen Umfelds stattfindet. Dieses soziale Umfeld ist vor allem dadurch geprägt, dass es sich von dem bisherigen sozialen Umfeld der Freiwilligen unterscheidet. Da Lernen immer anknüpft an bereits gemachte Erfahrungen und vorhandenem Wissen, ist Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten immer ein Lernen in Auseinandersetzung mit Differenz. Dieses Lernen bezieht sich auf Wissen, aber auch auf Werte und Normen oder Einstellungen, die sich von denen der Freiwilligen unterscheiden. Hinzu kommen Aspekte wie Selbstwirksamkeit und verschiedene Kompetenzen, die im Rahmen eines solchen Freiwilligendienstes entwickelt werden können, zum Beispiel interkulturelle Kompetenz. Doch führt der interkulturelle Kontakt automatisch zu einem interkulturellen Lernerfolg? Und: Führt der Einsatz in einem Land der Entwicklungszusammenarbeit automatisch zu weltgesellschaftlichem oder Globalem Lernen? Studien haben 23 Krogull, Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten – Eine lerntheoretische Reflexion gezeigt, dass die von Allport (1954) entwickelte Kontakthypothese oder die sogenannte Immersions-Hypothese (Vande Berg/Paige u. a.. 2012), nach denen häufiger Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen oder das Eintauchen in eine andere Kultur schon ausreichen, um interkulturell kompetent zu werden und Vorurteile abzubauen, so nicht länger haltbar sind, sondern dass es darum geht, wie dieser Kontakt gestaltet wird (Krogull 2018; Paige/Vande Berg 2010; Asbrand 2007; Thomas 1991). Es geht somit um die Frage, wie Lernprozesse gestaltet werden, damit die gewünschten Ziele erreicht werden. Im Folgenden werden verschiedene Aspekte zu Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten beleuchtet. Manche dieser Aspekte zeigen Chancen auf, andere weisen auch auf Risiken hin. Dieser Artikel kann keine umfassende theoretische Reflexion bieten, greift jedoch einzelne Punkte heraus, die gerade für die Praxis von Bedeutung sein können. Veränderung des persönlichen Nahbereichs auf Zeit Entwicklungspolitische Freiwilligendienste bieten viele Möglichkeiten zum Lernen, da sie aufgrund ihrer Rahmenbedingungen und programmatischen Ausrichtung ein anderes Lernen als zum Beispiel in der Schule oder dem gewohnten kulturellen Umfeld ermöglichen. So bieten sie eine Veränderung des persönlichen Nahbereichs auf Zeit. Der Mensch hat sich in seiner Entwicklungsgeschichte auf den Nahbereich spezialisiert. Durch die Anpassung an das unmittelbare Umfeld mit seinen Problemen und Gefahren hat sich das Problemlöseverhalten der Menschen auf diesen Bereich fokussiert. Das, was sinnlich erfahrbar ist, was in dem direkten Umfeld geschieht, ist von Bedeutung (Scheunpflug 2001). Dadurch sind Themen, die das eigene Leben direkt betreffen leichter thematisierbar als abstrakte Themen wie fairer Handel oder der Einsatz von Pestiziden auf Baumwolfarmen in Afrika, die nicht zum direkten Erfahrungsraum der Lernenden gehören. Durch den Einsatz in Ländern der Entwicklungszusammenarbeit ermöglichen entwicklungspolitische Freiwilligendienste die Auseinandersetzung mit eben solchen Themen, die zu Hause abstrakt, da nicht Teil des eigenen Nahbereichs sind, jedoch zum Lebensalltag und dem sozialen Nahbereich im Einsatzland gehören. Abstrakte Themen des Heimatlandes dringen durch die räumliche Veränderung in den persönlichen Nahbereich ein. Die Auswirkungen der Globalisierung auf den Globalen Süden werden erfahrbar, Armut wird erlebbar und dadurch entsteht die Chance einer reflektierten Auseinandersetzung aufgrund von persönlichen Erfahrungen. Perspektivenwechsel Durch den direkten Kontakt und das Zusammenleben mit Menschen in Ländern der Entwicklungszusammenarbeit und durch das Wahrnehmen von 24 Lernen und Bildung Perspektiven sowie das Erleben von Lebenssituationen, die sich von dem gewohnten Leben der Freiwilligen zu Hause unterscheiden, eröffnen entwicklungspolitische Freiwilligendienste Differenzerfahrungen in alltäglichen Kontexten. Während im Heimatland das Einüben von Perspektivenwechsel oftmals nur theoretisch möglich ist, wird im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes durch die direkte Differenzerfahrung und die Möglichkeit, diese Erfahrungen vor Ort und mit den Beteiligten zu diskutieren und zu reflektieren, ein Perspektivenwechsel ermöglicht, der nicht nur auf einer abstrakten Rolleneinnahme beruht, sondern auf den Erfahrungen der Freiwilligen selbst. So kann ein Perspektivenwechsel ermöglicht werden, der zu einem besseren und detaillierteren Verständnis von Situationen, Haltungen, Werten und Verhaltensmustern führen kann, gerade weil die andere Perspektive „live“ vor Ort erfahrbar und reflektierbar wird. Identitätsbildung durch Selbstreflexion Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst ermöglicht nicht nur Perspektivenwechsel, sondern bietet auch Möglichkeiten erhöhter Selbstreflexion. Vor dem Hintergrund der gemachten Differenzerfahrungen können die eigene Lebensweise, die eigenen Werte und Normen, eigene Einstellungen, Handlungsweisen und -muster reflektiert werden. Dabei liegt der Fokus an dieser Stelle nicht auf einem Perspektivenwechsel zum besseren Verständnis fremder Perspektiven, sondern einer bewussten Auseinandersetzung mit Dingen, die im heimischen Kontext als selbstverständlich angesehen oder aufgrund ihrer „Normalität“ unreflektiert bleiben. Entwicklungspolitische Freiwilligendienste können durch diese Selbstreflexion zur Identitätsentwicklung der jungen Freiwilligen beitragen. Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst kann aufgrund der gemachten Lernerfahrungen eine prägende Funktion in der hybriden Identitätsentwicklung junger Menschen haben. Abstraktionsfähigkeit statt Erfahrungswissen Lernen bedeutet, von einer persönlichen Erfahrung abstrahieren zu können, um dadurch die dahinterliegenden Strukturen und Mechanismen zu erkennen. Lernen braucht somit Abstraktion. Wenn persönliche Erfahrungen reflektiert werden, können durch die Reflexion und die Auseinandersetzung mit den persönlichen Erfahrungen Bezüge hergestellt und Zusammenhänge erkannt werden. Die Erfahrung an sich wird somit erst zum Ausgangspunkt des Lernprozesses. Findet keine Abstraktion des erworbenen Erfahrungswissens statt, besteht die Gefahr, dass zum Beispiel die Armutserfahrung auf der Ebene der persönlichen Betroffenheit bleibt, jedoch nicht zu einem Verständnis oder einem Erkennen von globalen Zusammenhängen führt. Beim Lernen in entwicklungspolitischen 25 Krogull, Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten – Eine lerntheoretische Reflexion Freiwilligendiensten geht es daher um die abstrakte Generalisierung von konkreten Erfahrungen. Begrenztheit des eigenen Wissens Damit die abstrakte Generalisierung von konkreten Erfahrungen nicht zur Ausbildung von Stereotypen führt, geht es gleichzeitig darum, das eigene Wissen als begrenzt anzuerkennen. Nur weil jemand einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in einer landwirtschaftlichen Einrichtung in Uganda gemacht hat, werden diese (ehemaligen) Freiwilligen dadurch nicht automatisch zu Expert*innen für Landwirtschaft in Uganda, für Uganda und die ugandische Lebensweise allgemein und generell für Afrika. Wissen ist begrenz und entwickelt sich weiter und es muss deutlich werden, dass auch durch einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst von zwölf Monaten nicht ein ganzes Land verstanden werden kann, sondern dass das erworbene Erfahrungswissen auf einen Ausschnitt begrenzt ist. Freiwillige werden nach ihrer Rückkehr häufig als „Expert*innen“ für ein Land oder sogar den ganzen Kontinent angesehen. Es bedarf daher einer Reflexion, die dieses vermeintliche Expertentum und die Begrenztheit des eigenen Wissens thematisiert. Es gilt das Lebens als komplex wahrzunehmen und im Rahmen von entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten die Kompetenz zu erlangen, mit dieser Komplexität umgehen zu lernen. Begegnung auf Augenhöhe, statt Reproduktion paternalistischer Blickweisen und kolonialer Verhältnisse Ein Aspekt, der nicht nur für das Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten wichtig ist, sondern der eng mit dem Selbstverständnis bzw. dem gesellschaftlichen Verständnis solcher Programme verknüpft ist, ist der häufig genannte Begriff „Begegnung auf Augenhöhe“ als Zielperspektive für entwicklungspolitische Freiwilligendienste. Mit diesem Begriff ist die Programmatik und Zielperspektive verbunden, dass Freiwillige auf einer Ebene mit den Menschen in den Einsatzstellen stehen, dass es um ein Miteinander geht, nicht um ein „für jemanden“. Mit dieser Zielperspektive wird zum Beispiel Weltwärts explizit als ein „Lerndienst“ beschrieben. Junge Menschen sollen als Lernende an diesem Programm teilnehmen, nicht als Expert*innen. Dieser Anspruch wird allerdings oftmals durch die Einsatzstellen konterkariert, in denen die Freiwilligen Tätigkeiten durchführen, für die Menschen aus dem Einsatzland eine Ausbildung bräuchten sowie durch das Verständnis von Entwicklungspolitik und Weltwärts als einem Instrument der Entwicklungszusammenarbeit. Auch wenn sich das Verständnis von Entwicklungszusammenarbeit (das sich bereits in dem Wort Entwicklungszusammenarbeit statt Entwicklungshilfe niederschlägt) in entwicklungspolitischen Kreisen geändert hat, so kann davon ausgegangen werden, 26 Lernen und Bildung dass dieses Verständnis noch nicht alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen hat und im allgemeinen Sprachgebrauch immer noch häufig von Entwicklungshilfe oder dem Entwicklungshilfeministerium, statt dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gesprochen wird. Doch was hat dieses Begriffsverständnis mit Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten zu tun und warum erscheint es wichtig, dies zu thematisieren? Das Selbst- bzw. Fremdverständnis setzt den Rahmen für das Lernen in den entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten. Wenn jemand einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst macht mit dem Verständnis, durch die eigene Hilfe zur Entwicklung eines Landes beizutragen, dann wird sich der Lernprozess anders gestalten als bei jemanden, der in ein Land fährt, um dort etwas zu lernen. Es ist also zum einen ratsam bei der Auswahl der Einsatzstellen sowie bei der Begleitung darauf zu achten, dass dieser Aspekt immer wieder thematisiert wird. Hier kommt vor allem den pädagogischen (Begleit-)Seminaren eine wichtige Rolle zu, da in ihnen nicht nur die Alltagsprobleme der Freiwilligen thematisiert werden können, sondern vor allem auch die Reflexion der Position der Freiwilligen als Deutsche/Europäer*innen und der gesellschaftlich politischen Verhältnisse. Andernfalls besteht das Risiko, dass entwicklungspolitische Freiwilligendienste koloniale Strukturen re-etablieren und es aufgrund eines Überlegenheitsgefühls der Freiwilligen zu paternalistischen und rassistischen Einstellungen kommt (Krogull 2018). Engagement nach dem Freiwilligendienst Was gelernt wurde zeigt sich nicht nur auf der Ebene von Wissen, Einstellungen und Kompetenzen, sondern auch auf der Handlungsebene der Freiwilligen. Das Engagement der Freiwilligen nach ihrer Rückkehr kann daher als ein Produkt ihres Lernprozesses gesehen werden. Es gibt unterschiedliche Aktionsformen nach dem Freiwilligendienst, die teilweise von Entsendeorganisationen unterstützt und angeregt, teilweise von ehemaligen Freiwilligen selbst initiiert werden und die von Vereinsgründungen über politische Aktionen bis hin zu Bildungsveranstaltungen reichen. Mit Blick auf Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten muss sich die Frage gestellt werden, welche Aktionsformen adäquat mit den Programmzielen bzw. den Zielen des Globalen Lernens einhergehen. Vereinsgründungen oder Projekte mit dem Zweck, Spenden und finanzielle Unterstützung für Projekte in den ehemaligen Einsatzländern der Freiwilligen zu generieren, laufen Gefahr, gerade nicht eine Begegnung auf Augenhöhe und ein Verständnis von globalen Strukturen zu fördern, sondern stattdessen das Bild vom entwicklungsbedürftigen, armen Globalen Süden, der auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist, zu festigen. Im Sinne des handlungstheoretischen Ansatzes von Globalem Lernen können solche Aktivitäten als tätige Solidarität oder als Zeichen für Empathie gewertet und somit positiv konnotiert 27 Krogull, Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten – Eine lerntheoretische Reflexion werden. Aus der Perspektive des systemtheoretischen oder evolutionären Ansatzes des Globalen Lernens jedoch können solche Aktivitäten – wenn sie alleine stehen und nicht gleichzeitig mit einem Engagement zum Beispiel für die Ver- änderung von (politischen) Strukturen einhergehen – als eine Aktivität gesehen werden, die die Komplexität der Welt nicht adäquat abbildet und das Verständnis für komplexe globale Zusammenhänge als unzureichend beurteilt werden kann. Aus systemtheoretischer Perspektive wäre ein Engagement im fairen Handel oder politische Aktivitäten positiver zu bewerten als die Organisation finanzieller Mittel, da sie als Zeichen dafür gesehen werden können, dass globale Zusammenhänge verstanden und Bezüge zwischen dem eigenen Verhalten im Globalen Norden und den Lebensbedingungen im Globalen Süden hergestellt werden. An dieser Stelle geht es nicht darum, eine Aktivitätsform als besser oder schlechter darzustellen. Stattdessen soll vor dem Hintergrund unterschiedlicher lerntheoretischer Prämissen gezeigt werden, dass ein und dieselbe Aktivität je nach lerntheoretischer Perspektive unterschiedlich bewertet werden kann. 3. Zusammenfassung Weltwärts als entwicklungspolitischer Freiwilligendienst wird auf programmatischer Ebene als Lerndienst bezeichnet. Um dies auch in der Praxis umzusetzen erscheint es hilfreich, lerntheoretische Perspektiven zu berücksichtigen. Der vorliegende Artikel liefert dazu einige Anregungen. Grundsätzlich gilt zu beachten, dass Lernen aus lerntheoretischer Perspektive als ein eigenständiger Prozess des Lernenden selbst verstanden wird. Methodische und inhaltliche Einheiten können vor dieser Prämisse immer nur Lernangebote sein. Inwiefern diese genutzt werden, hängt von den Lernenden selbst ab. Lernen als ein von den Lernenden selbst gesteuerter Prozess spielt auch bei dem systemtheoretisch oder evolutionär geprägten Verständnis von Globalem Lernen eine Rolle, indem es vorrangig auf Kompetenzen für ein Leben in der Weltgesellschaft abzielt und nicht auf eine Veränderung von Werten und Haltungen, welche dem handlungstheoretisch geprägten Verständnis von Globalem Lernen zugrunde liegt. Wird in den Programmen der entwicklungspolitischen Freiwilligendienste Bezug genommen zu Globalem Lernen, dann erscheint es notwendig, sich zu den unterschiedlichen Ausrichtungen Globalen Lernens (und damit einhergehend zu einem bestimmten Lernverständnis) zu verhalten, damit Lernziele lerntheoretisch fundiert beschrieben werden können bzw. Lerntheorien nicht widersprechen. Dabei bieten entwicklungspolitische Freiwilligendienste das Potenzial, beide Verständnisse von Globalem Lernen miteinander zu verschmelzen und sowohl dem systemtheoretischen Verständnis zu entsprechen, ohne dabei die handlungstheoretische Perspektive aufgeben zu müssen. Dazu bedarf es aber einer theoretisch fundierten 28 Lernen und Bildung Auseinandersetzung mit Lernen im Allgemeinen und in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten im Speziellen. Bei der lerntheoretischen Reflexion wurde immer wieder auf die Notwendigkeit von Abstraktion und Reflexion hingewiesen. Daher kommt sowohl den pädagogischen (Begleit-)Seminaren, als auch den Mentor*innen vor Ort eine besondere Bedeutung zu. Sie ermöglichen einen Rahmen, in dem Erfahrungen reflektiert und in einen größeren Kontext gestellt werden und dadurch zum Ausgangspunkt von Lernprozessen werden können. So kann der Gefahr vorgebeugt werden, dass erworbenes erfahrungsbasiertes Wissen auf der Ebene der Erfahrung verbleibt, sich ein vermeintliches Expertentum oder gar Paternalismus oder Rassismus entwickeln. Gleichzeitig können durch sie Lernangebote gemacht werden, die zum Kompetenzerwerb der Freiwilligen beitragen können. Auch wenn der Lernprozess durch die Freiwilligen selbst gesteuert wird, so geschieht er doch in Interaktion mit dem sie umgebenden Umfeld. Daher gilt grundsätzlich auch zu beachten, dass in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten nicht nur die Freiwilligen lernen, sondern durch die Interaktion auch das Umfeld, sei es im Einsatzland oder im Heimatland (auf diesen Aspekt konnte in diesem Artikel leider nicht näher eingegangen werden). Die Planung von Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten bedarf einer pädagogischen Reflexion, denn Lernen geschieht nicht im luftleeren Raum. Um Lernen tatsächlich zu ermöglichen, ist es notwendig, sich mit lerntheoretischen Ansätzen auseinanderzusetzen, auf deren Grundlagen dann Lernen geplant/ angeregt werden kann bzw. Lernziele beschrieben werden können. Je nach Verständnis von Globalem Lernen können sich diese Ziele unterscheiden. In der Praxis von entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten (aber nicht nur dort) werden lerntheoretische Unterscheidungen oder Grundlegungen häufig nicht reflektiert. Pädagogische Begriffe und Konzepte werden zwar verwendet bzw. in den Programmen auf sie rekurriert, jedoch oftmals ohne die unterschiedlichen Perspektiven und theoretischen Grundlagen in den Blick zu nehmen. Die Berücksichtigung von lerntheoretischen Perspektiven und Grundlagen von Lernen kann jedoch dazu beitragen, dass (Lern-)Ziele und Wirkungsannahmen realistisch und fundiert beschrieben werden können. Ein paar dieser Perspektiven wurden in diesem Artikel benannt, die sowohl in Bezug zur Programmatik von Weltwärts stehen (Begegnung auf Augenhöhe, Globales Lernen, Perspektivenwechsel) als auch zu Lernen allgemein (Nahraumorientierung, Abstraktion, Selbstreflexion). Sie stellen lediglich eine Auswahl dar, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Sie können jedoch dabei helfen, den Anspruch eines entwicklungspolitischen Lerndienstes (lern-)theoretisch fundiert umzusetzen. 29 Krogull, Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten – Eine lerntheoretische Reflexion Literaturverzeichnis Allport, Gordon W. (1954): The nature of prejudice, Cambridge. Asbrand, Barbara (2007): Partnerschaft – eine Lerngelegenheit?, in: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, Jg. 30, Heft 3, S. 8–12. Illeris, Knud (2010): Lernen verstehen. Bedingungen erfolgreichen Lernens, Bad Heilbrunn. Krogull, Susanne (2018): Weltgesellschaft verstehen. Eine internationale, rekonstruktive Studie zu Perspektiven junger Menschen, Wiesbaden. Paige, Michael and Michael Vande Berg (2012): Why students are and are not learning abroad. 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VENRO – Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (2000): „Globales Lernen“ als Aufgabe und Handlungsfeld entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen. Grundsätze, Probleme und Perspektiven der Bildungsarbeit des VENRO und seiner Mitgliedsorganisationen. VENRO Arbeitspapier 10, Bonn. Weltwärts (o. J.): Historie. Ein staatliches Förderprogramm wird zum Erfolg, www.weltwaerts.de/de/historie.html (15.01.2019). Weltwärts (o. J.b): Programm. Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst stellt sich vor, www.weltwaerts.de/de/programm.html (15.01.2019). Weltwärts (o. J.c): Ziele. Weltwärts ist ein entwicklungspolitischer Lerndienst, www.weltwaerts.de/de/ziele.html (15.01.2019). 30 Überschreitung, Widerspruch und Transformation – Weltwärts als politische Bildung Dr. Christoph Gille Vertretungsprofessor für Theorien der Sozialen Arbeit Hochschule Koblenz | Fachbereich Sozialwissenschaften | chgille@hs-koblenz.de Stefanie Bonus M.A., Technische Hochschule Köln | Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung | stefanie.bonus@th-koeln.de Zusammenfassung Weltwärts ist bislang kaum als Programm politischer Bildung wahrgenommen worden, obwohl es als „entwicklungspolitischer“ Lern- und Bildungsdienst konzipiert ist. Der Artikel diskutiert, warum sich gerade das Feld der „Entwicklungspolitik“ als Ort politischer Bildung eignet und mit welchem Verständnis von politischer Bildung es aufgeschlüsselt werden kann. Im Anschluss an die transformatorischen Bildungsprozesse bei Koller und die Idee des Politischen bei Mouffe und Arendt werden zentrale Kennzeichen politischer Bildung herausgearbeitet. Darauf aufbauend wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Konflikten als wesentliches Kennzeichen politischer Bildung gelten kann. Weltwärts wird dann zu einem Ort politischer Bildung, wenn es gelingt, gesellschaftliche Auseinandersetzungen bewusst offen zu legen und Möglichkeiten der Veränderung zu erproben. Schlagwörter: Weltwärts; politische Bildung; internationale Freiwilligendienste; Transformation; transformatorische Bildung Abstract Up to now, Weltwärts has hardly been perceived as a programme of political education, although it is conceived as a “development-policy” learning and education service. The article discusses why the field of “development policy” in particular is suitable as a place of political education and with what understanding of political education it can be outlined. Following the transformational educational processes at Koller and the idea of the political at Mouffe and Arendt, central characteristics of political education are worked out. Building on this, it becomes clear that dealing with conflicts can be regarded as an essential characteristic of political education. Weltwärts becomes a place of political education when it is possible to consciously expose social conflicts and explore possibilities for change. Keywords: Weltwärts; political education; international voluntary service; transformation; transformational education Die Debatten um Weltwärts haben bereits in den ersten zehn Jahren nach der Einführung des Förderprogramms zu einer reflexiven Verunsicherung der verschiedenen Akteure und in der Folge zu konzeptionellen Überarbeitungen und Veränderungen von Institutionen und Praktiken geführt. Exemplarisch seien die Richtlinienveränderung 31 Gille & Bonus, Überschreitung, Widerspruch und Transformation vom „Lern- und Hilfsdienst“ zum „entwicklungspolitischen Lern- und Bildungsdienst“ (BMZ 2016: 3), die Einführung der Süd-Nord-Komponente und die Aufmerksamkeit für bestimmte „Zielgruppen“ genannt (Engagement Global 2014). Keine kleinen Änderungen für ein kleines Programm. Dennoch scheint ein Ende der Problematisierungen nicht in Sicht, die Kritiken dauern an. In diesem Beitrag diskutieren wir, warum gerade in diesen Auseinandersetzungen sichtbar wird, dass Weltwärts zu einem Ort politischer Bildung werden kann. Die Ausgangslage für ein Verständnis von Weltwärts als Programm politischer Bildung erscheint nicht schlecht, weil das Anliegen durch den expliziten Bezug auf das „Entwicklungspolitische“ bereits programmatisch eingewoben ist. Gleichzeitig wird aber weder auf die Bedeutung politischer Bildung in der Konzeption eingegangen, noch wird erläutert, wie das Politische zu verstehen sei, noch werden Konsequenzen für die Umsetzung diskutiert. Im Folgenden werden wir deswegen zunächst beispielhaft entlang der Frage des „Entwicklungspolitischen“ erläutern, warum Kritik untrennbar mit dem Programm verbunden bleiben muss. Anschließend werden im zweiten Abschnitt einige grundlegende Überlegungen zur Bildungstheorie und zu politischer Theorie vorgestellt, die in einer genaueren Charakterisierung politischer Bildung münden. In der Konsequenz dieser Überlegungen und der im Programm eingewobenen Widersprüche erscheint Weltwärts als ein Programm, das zu einem Ort politischer Bildung werden kann. Infragestellung von Weltwärts, Widerspruch zu dem Programm und die Transformation seiner Diskurse und Strukturen sind dann notwendig mit ihm verbunden. 1. Die selbstverständliche Kritik an Weltwärts In den vergangenen Jahren bildete die Debatte um das Konzept „Entwicklung“ einen der Schwerpunkte der Auseinandersetzungen im Weltwärts-Programm. Dabei ist klar geworden, dass – wenn nicht sogar die gesamte Praktik des Programms – sicher aber der Begriff „Entwicklung“ und die damit verbundenen Folgen für ein Programm unpassend sein können, das in Anspruch nimmt, „umfangreiche Möglichkeiten des ,Globalen Lernens‘“ (BMZ 2016: 3) zu eröffnen. Insbesondere aus zwei Gründen erscheint eine solche Verortung aus kritischer Perspektive nicht angemessen. Zum einen, weil die Idee einer Entwicklung in die Kritik geraten ist, die das ökonomische Wachstumsprinzip zentral stellt (bspw. Sachs 1993; Dörre/Lessenich/ Rosa 2009: 295 ff.; Acosta 2015). Im Angesicht der ökologischen und sozialen Krisen (etwa der gegenwärtigen Finanz-, Wirtschafts- und Repräsentationskrisen), die mit diesem Modell verbunden sind, wird klar: Die „imperiale Lebensweise“ (Brand/Wissen 2017) taugt nicht als Maßstab einer nachhaltigen und kohäsiven Weltgesellschaft. Die Folgen der Externalisierung sozialer und ökologischer Kosten, das „gute Leben auf Kosten anderer“ (Lessenich 2016), kann nicht gelingen, die negativen Folgen treten im Globalen Norden wie im Globalen Süden deutlich zutage. Auch die 2015 verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDGs) 32 Lernen und Bildung greifen diese Sicht auf und richten sich, anders als die vorangehenden Millennium Development Goals, stärker an alle Länder der Welt. Veränderung muss überall und insbesondere im globalen Norden erfolgen, wenn ein Modell für nachhaltiges und friedliches Zusammenleben in der einen Welt gefunden werden soll. Zum anderen sind im Entwicklungskonzept postkoloniale Denkweisen und Praktiken unauflösbar eingewoben. In ihnen kommt – als Kontinuität der Wirkmächtigkeit kolonialer Strukturen – die Vorstellung zum Ausdruck, nicht-westliche Gesellschaften seien weniger entwickelt und die Positionen der Gewinner*innen einer solchen ökonomischen und kulturellen Ordnung im Norden wie im Süden seien das zu erreichende Ziel. Es ist die hegemoniale Idee, in der insbesondere die industriekapitalistische und liberale Moderne als Maßstab angenommen wird, die kritisiert wird, die normalisierende Folie, in der Globalisierung und Neokolonialismus Hand in Hand gehen (Ziai 2018: 329). Gerade auch die „entwicklungspolitischen“ Diskurse und ihre Erzählungen von gemeinsamen Zielen, Empowerment, Glauben an Fortschritt und Verantwortungsübernahme zeigen sich in ihrer Ambivalenz, mit denen eine erneute Unterwerfung untrennbar verbunden ist (Castro Varela/Dhawan 2015: 86 ff.). Die empirischen Studien zu Weltwärts in diesem Band belegen solche Prozesse, in denen Herrschaft nicht abgebaut, sondern aufs Neue bestätigt wird.1 Die Kritiken am Programm als erneutem Treiber von ökonomischen und kulturellen Rekolonialisierungspraktiken haben Weltwärts in den vergangenen Jahren erreicht (vgl. den Beitrag von Daniel Bendix in diesem Band). Das Anliegen, den Freiwilligendienst nicht mehr als „entwicklungspolitisch“ zu bezeichnen und sich stattdessen einer dekolonialen Perspektive zu verpflichten, ist dabei nur eine Forderung, andere stellen die gesamte Verortung des Programms als Teil staatlich organisierter „Entwicklungszusammenarbeit“ infrage. Doch auch wenn unklar ist, ob und an welchen Stellen sich Kritiken dieser Art durchsetzen: Dass solche Forderungen die Funktionsweise eines ministeriellen Förderprogramms irritieren, ist ein gutes Zeichen. Um das zu begründen, wollen wir in den nächsten Abschnitten erläutern, wieso die Forderung nach der Überwindung des Vorhandenen der Idee eines Bildungsdienstes im Kontext globalen Lernens gerecht wird. 2. Bildung als Transformation von Selbst und Welt In der Förderleitlinie von 2016 wird Weltwärts als Lern- und Bildungsdienst bezeichnet (BMZ 2016: 3). Diese doppelte Formulierung mag einerseits auf eine konzeptionelle Unentschiedenheit hinweisen. Andererseits jedoch wird durch das Begriffspaar der Doppelcharakter des pädagogischen Prozesses zum 1 Siehe hierzu die Beiträge von Lucia Fuchs, Zita Hoefer, Lisa Bergmann und Manuel Peters in diesem Band. 33 Gille & Bonus, Überschreitung, Widerspruch und Transformation programmatischen Ziel erhoben. Im „Lerndienst“ wird auf die Tätigkeit des Erziehens als einem transitiven Akt hingewiesen, der mit der Vermittlung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Normen einhergeht. In diesen Vermittlungsprozess ist die Kontinuität gesellschaftlicher Strukturen eingeschrieben, die in der Reproduktion bestehenden Wissens und Handelns ihren Ausdruck findet. Zum anderen aber verweist die Richtlinie auf die Tätigkeit des Bildens, die sich mit Andreas Walther (2018) auch intransitiv verstehen lässt. Der Vermittlung von Inhalten stehen Aneignungsprozesse gegenüber, die durch die Lernenden selber vollzogen werden. Diese Vorgänge, in denen sich Lernende Fähigkeiten und Kenntnisse zu eigen machen, sind allerdings nicht auf die Reproduktion des Bestehenden begrenzt. Mit dem Aneignungsprozess verbunden ist die Möglichkeit, einen Wandlungsprozess zu vollziehen. Dieser Wandlungsprozess kann sich sowohl auf die Lernenden selbst als auch auf die gesellschaftlichen Kontexte beziehen, aus denen die Bildungsanregungen stammen. Bildung in diesem Sinne umfasst die Auseinandersetzung mit und Veränderungen von gesellschaftlichen Gegebenheiten explizit. Lernorte in diesem Sinne sind also gerade nicht auf funktionale und affirmative Wiederholung gerichtet, sondern auf die Schaffung emanzipatorische Aneignungsmöglichkeiten (Thimmel 2017). Ausgeführt wird ein solches Bildungsverständnis unter anderem bei Hans-Christoph Koller (2018). Im Anschluss an und in kritischer Erweiterung von Humboldt beschreibt Koller Bildung als „grundlegende Veränderung des Verhältnisses von Ich und Welt“ (Koller 2018: 16). Nicht die einfache Übernahme bestehenden Wissens, sondern ein grundlegend neuer Modus des Wahrnehmens, Deutens und Bearbeitens von Problemen sei damit gemeint, die einen passenderen Umgang mit diesen Problemen ermöglichen würden. Zum Auslöser transformatorischer Bildungsprozesse wird in seiner Konzeption das Fremde, das er unter anderem mit Bezug auf Waldenfels als paradoxe Irritation beschreibt, die die eigene Ordnung außer Kraft setzt. Bestehende Denk- und Handlungsschemata reichen nicht mehr aus, um das Fremde erfassen zu können, im Raum zwischen Eigenem und Fremden entsteht die Veränderung. Koller verweist dabei auch auf die herrschaftsförmige Strukturiertheit von Gesellschaft als Folie für Transformation und bedient sich dafür unter anderem Butlers ambivalentem Verständnis der Subjektivation. Bei Butler (2001) ist die Hervorbringung des Subjekts untrennbar mit der Melancholie der Unterwerfung verbunden und hält auch deswegen Spielräume für „subversive Resignifikation“ (Butler 1998: 220) bereit. Das bedeutet, dass mit der notwendigen Wiederholung vorgefundener Bezeichnungen die Möglichkeit einhergeht, konventionelle Begriffe und die dahinterliegenden Denkfiguren in Frage stellen zu können. Koller argumentiert, dass solche Abweichungen und Verwerfungen bestehender Ideen und Konzepte zu einem Ausdruck transformatorischer Bildungsprozesse werden können. 34 Lernen und Bildung Doch wird damit jeder Moment transformatorischer Bildung zu einem Moment des Politischen? Um das Verhältnis zwischen allgemeiner Konstituierung als Subjekt und gesellschaftlicher Auseinandersetzung genauer zu bestimmen, hilft eine spezifischere Erläuterung des Politischen, die im Folgenden mit einem Einblick in die Theorie der politischen Differenz vorgenommen wird. 3. Das Politische als Überschreitung des Gegebenen und agonistische Wir-Sie-Beziehung Unter der politischen Differenz wird in der politischen Theorie eine Unterscheidung zwischen dem „Politischen“ und der „Politik“ vorgenommen. Die dort debattierte Differenz wird insbesondere von Stefan Schäfer (2019) für die politische Bildung und die internationale Jugendarbeit fruchtbar gemacht und kann auch für die Diskussion um einen als entwicklungspolitisch markierten Lern- und Bildungsdienst wichtige Anregungen geben. Unter „Politik“ versteht die Theorie der politischen Differenz die Institutionen, Programme und Verfahren (polity, policy und politics), in denen gemeinschaftliche Regelungen getroffen werden. Es sind also alle diejenigen Aspekte gemeint, in denen entschieden wird und entschieden ist, wie das soziale Leben gestaltet wird. Davon getrennt wird ein Begriff des „Politischen“, der sich stärker auf die Sphäre des Gesellschaftlichen bezieht. Mit radikaldemokratischen Ansätzen wie dem von Chantal Mouffe (2007: 27) wird so als erstes sichtbar, dass es sich bei „Politik“ bereits um ein hegemoniales Projekt handelt, weil in den festgelegten Formen, Inhalten und Prozessen bereits eine gesellschaftliche Ordnung konstituiert ist. Das „Politische“ zeichnet sich dagegen dadurch aus, dass genau diese Ordnung infrage stellt wird. Grundlegend für ein solches Verständnis des Politischen ist – bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen bei unter anderem Schmitt, Arendt, Lefort, Rancière, Laclau oder Mouffe – die Annahme der Kontingenz von Gesellschaft (Marchardt 2010). Die soziale Welt, so bezeichnet es der Begriff, kennt keinen ultimen Festpunkt, keinen unhinterfragbaren Wert, kein Natur- oder ihr innewohnendes ökonomisches Gesetz, der oder das als Letztbegründung oder grundlegender Mechanismus anzuführen ist. Stattdessen wird und muss die soziale Ordnung immer wieder neu hervorgebracht werden. Damit einher geht die Auflösung aller Gewissheit, die „unabschließbare Infragestellung“ aller Letztbegründungen, die Marchardt (2010: 16) als postfundamentalistische Position bestimmt. Ein solcher Entwurf der sozialen Welt zeigt sich bereits im Denken von Hannah Arendt. Mit ihrer Bestimmung von Natalität als Wesensmerkmal und Grundbedingung des Menschen ist ein kontingentes Weltverständnis untrennbar verbunden: „In diesem ursprünglichsten und allgemeinsten Sinne ist Handeln und Neues anfangen dasselbe […]. Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und ein Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen und 35 Gille & Bonus, Überschreitung, Widerspruch und Transformation Neues in Bewegung setzen.“ (Arendt [1958] 2011: 215, Herv. i. O.). Notwendig folgt aus dem Prinzip der Natalität „die Unabsehbarkeit des Zukünftigen“ (Arendt [1958] 2011: 311), durch die auch alle Sicherheit und Macht immer vorläufig bleiben muss. Das im engeren Sinne politische Handeln bestimmt Arendt dann auf der Basis von gleichzeitiger Gleichheit und Verschiedenheit der Menschen. Der Moment, in dem das Politische einsetzt, ist der Zeitpunkt, in dem sich die Menschen im Sprechen und Handeln voreinander als Einzigartige und Gleichrangige zugleich offenbaren: „Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein“ (Arendt [1958] 2011: 215). In diesem Einschalten in die Gesellschaft liegt für Arendt das Wesen des Politischen begründet. Auch wenn der fehlende Zweck- und Gesellschaftsbezug des politischen Handelns und Arendts Idee des Politischen als Sphäre der Freiheit zurecht kritisiert werden (Affolderbach 2016), so entwickelt Arendt dennoch ein Konzept des Politischen, das deutlich über die Institutionen von „Politik“ hinausreicht. Damit zu einem weiteren Bestimmungsmerkmal: Ein solches Handeln in Gemeinschaft, wie Arendt es als Wesen des Politischen bestimmt, führt nicht zu einer Übereinstimmung im Anliegen; Gemeinschaft meint hier nicht Einigkeit. In der Theorie der Differenz ist es der Kampf der unterschiedlichen politischen Projekte, die um die Vorherrschaft kämpfen, der als weiteres Charakteristikum des Politischen gelten kann. In einer kontingenten Welt, so argumentiert Mouffe (2007: 25), tritt im Politischen die damit verbundene notwendige Konflikthaftigkeit des menschlichen Zusammenlebens zutage. Es sind also die Gegensätze, in denen das Politische zum Vorschein kommt, die Gegnerschaft wird zur Essenz des Politischen. Zugleich aber geht es Mouffe darum, die potentiellen Gefahren, die mit der Gegnerschaft verbunden sind, in einem demokratischen Projekt zu entschärfen. In Abgrenzung zur Freund-Feind-Unterscheidung bei Carl Schmitt, betont sie die Notwendigkeit der „Zähmung“ der antagonistischen Beziehung. Sie schlägt dafür die Bezeichnung „Agonismus“ in Abgrenzung zum Antagonismus vor. Der Agonismus sei eine Wir-Sie Beziehung, bei der die konfligierenden Parteien die Legitimität ihrer Opponenten anerkennen, auch wenn sie einsehen, dass es für den Konflikt keine Lösung gibt. Sie sind „Gegner“, keine Feinde. Obwohl sie sich also im Konflikt befinden, erkennen Sie sich als derselben politischen Gemeinschaft zugehörig an; sie teilen einen gemeinsamen symbolischen Raum, in dem der Konflikt stattfindet. Als Hauptaufgabe der Demokratie könnte man die Umwandlung des Antagonismus in Agonismus ansehen (Mouffe 2007: 30). Damit wird Mouffes Entwurf als radikaldemokratisches Projekt erkennbar: Es geht ihr eben nicht darum, mit Bezug zum Beispiel auf einen vermeintlichen Kosmopolitismus die Gegensätze von unvereinbaren hegemonialen Projekten einzuebnen, sondern die Gegnerschaft offensiv auszutragen, möglichst in einer von den Gegner*innen gemeinsam akzeptierten Verfahrensweise, die damit das Risiko der gewaltvollen Auseinandersetzung verkleinert. Das Sichtbarmachen 36 Lernen und Bildung der Kontingenz, das konkrete Einschalten in Gesellschaft und das demokratische Austragen agonistischer Gegnerschaft sind damit als Merkmale des Politischen bestimmt. Wie können die Überlegungen zum Politischen und die bildungstheoretischen Überlegungen nun zu einem Konzept von politischer Bildung zusammengeführt werden? 4. Die politische Bildung als Ort, an dem Überschreitung, Widerspruch und Transformation denkbar und erfahrbar werden Weltwärts nimmt für sich in Anspruch, den Rahmen für einen „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienst zu setzen. Bedeutet das, dass sich der Freiwilligendienst als Ort politischer Bildung versteht und Momente politischer Bildung ermöglicht? Nicht unbedingt. Zunächst stellt die Tätigkeit der Freiwilligen in den Einsatzstellen vor Ort soziales Engagement dar. Das Erlernen von sozialen Verhaltensweisen und Kompetenzen wie Empathie, Toleranz, Konfliktfähigkeit etc. kann als Voraussetzung für politisches Handeln und politische Partizipation angesehen werden (Widmaier 2015: 18). Konzepte des sozialen Lernens sind zwar geeignet, soziales Miteinander und soziales Engagement zu fördern, aber stehen in der Gefahr, den Status quo gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse zu reproduzieren, ohne das Bestehende zu überschreiten (Schäfer/Thimmel 2016; Bonus/Vogt 2018: 66). Im Gegensatz hierzu meint politische Bildung die Aneignung von politischem Wissen, die Bildung von politischer Urteilskraft und die Befähigung zum politischen Handeln im Sinne aktiver und direkter politischer Partizipation an öffentlichen Aushandlungsprozessen (Widmaier 2010: 475). Zum einen geht es also darum, die Kontingenz der sozialen Welt bewusst offen zu legen, Gesellschaft als gewordene erkennbar zu geben und die damit verbundenen Konflikte freizulegen. Darauf aufbauend kann eine Ausprägung der Urteilsfähigkeit erfolgen, die der konkreten Positionierung zu den gesellschaftlichen Vorgängen dient. Mit Bezug auf „Entwicklungspolitik“ können zum Beispiel die postkolonialen und entwicklungskritischen Einwände gegenüber Weltwärts zum Thema und damit die Kontingenz des Politikfeldes sichtbar gemacht werden. Schließlich wird in Prozessen politischer Bildung erfahrbar, wie durch „eigenes Handeln und eingreifendes Denken politische Angelegenheiten veränderbar sind und wo sich Grenzen politischer Gestaltung eröffnen“ (Lösch 2010: 124). Politische Bildung wird somit zum Ort, in dem Transformation denkbar und erfahrbar wird. Insofern beabsichtigt politische Bildung, die Trennung von Lernen und Handeln zu überwinden. Ziele und Inhalte politischer Bildung sind notwendiger Weise offen gehalten und die Teilnehmer*innen eignen sich ihre Ziele im gemeinsamen Handeln an und lernen sie als politische Interessen zu formulieren und zu reflektieren. Anders gesagt: Eine subjektorientierte und partizipative Arbeitsweise 37 Gille & Bonus, Überschreitung, Widerspruch und Transformation ist zentraler Bestandteil politischer Bildung in Freiwilligendiensten (Bonus/Vogt 2018). Die Erfahrungen und die Tätigkeit der Freiwilligen in den Einsatzstellen sowie die in den Gruppen aufkommenden Themen, Konflikte, Ausschlussprozesse und Differenzen können im Spiegel gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse sowie globaler Veränderungsprozesse reflektiert und gemeinsam Handlungsoptionen erarbeitet werden. Hieraus ergeben sich Spielräume politischer Bildung, die die Freiwilligen dazu befähigen, ihre Interessen zu erkennen, diese aktiv zu vertreten, sich (gemeinsam) zu engagieren und einzumischen (Nonnenmacher 1984: 151; Wohnig 2016). Das hier skizzierte Verständnis politischer Bildung schließt an die aktuellen Debatten zur kritischen politischen Bildung an (Lösch/Thimmel 2010, Widmaier/ Overwien 2013). Vor dem Hintergrund aktueller politischer und ökonomischer Transformationsprozesse erhebt kritische politische Bildung den Anspruch, sich analytisch-kritisch mit den neuen Macht- und Herrschaftsverhältnissen sowie ver- änderten Regierungstechniken auseinanderzusetzen. Mit der Re-Aktualisierung kritischer politischer Bildung wird gleichzeitig eine politische Bildung kritisiert, die sich auf Kompetenzerwerb und die Vermittlung eines eingeschränkten Demokratieverständnisses reduziert und sich von einer kontroversen und gesellschaftskritischen Sichtweise entfernt hat (Lösch 2013): Eine kritische politische Bildungspraxis will darauf aufbauend ermöglichen, dass die Subjekte die Macht- und Herrschaftsverhältnisse begreifen, in die sie eingebunden sind. Sie sollen Handlungsmöglichkeiten entwickeln können, diese Verhältnisse zu gestalten und zu verändern. Dafür ist es notwendig, dass sich die politische Bildung kritisch und kontrovers mit den aktuellen Verhältnissen auseinandersetzt (Lösch/Thimmel 2010: 8). Wenn also Freiwillige oder andere Beteiligte Strukturen des Weltwärts-Programms infrage stellen und neue Handlungsweisen vorschlagen, loten sie damit auch Möglichkeiten politischen Handelns aus und üben sie ein. Wenn die Strukturen des Programms darüber hinaus solche Positionierungen fördern und Mitgestaltung und Mitentscheidung ermöglichen, unterstützen Sie damit das Anliegen politischer Bildung. 5. Kritische politische Bildung und Weltwärts Politische Bildung ist also ein Ort, in dem die Kontingenz der Welt bewusst sichtbar gemacht wird und das politische Handeln bewusst eingeübt wird. Mit Bourdieu (2012: 333) bieten solche Orte die Möglichkeit, die „Demarkationslinie zwischen der radikalsten Form der Verkennung (oder des falschen Bewusstseins) und der Bewusstwerdung“ zu überschreiten und aus der Selbstverständlichkeit herauszutreten. Als Bildungsangebote stellen sie mit Koller gesprochen bewusste Möglichkeiten der 38 Lernen und Bildung Begegnung mit dem Fremden bereit, die Gelegenheit schaffen, in einem Raum zwischen Bekanntem und Unbekanntem Neues entstehen zu lassen. In diesem Dazwischen ist die Möglichkeit der Transformation von Selbst- und Weltverhältnis angelegt. Um solche Transformationen in Prozessen politischer Bildung anzulegen, gilt es, mit Mouffe die Agonie zwischen verschiedenen Positionen der Gesellschaftsgestaltung offenzulegen, in der das Politische sein Wesen findet und die damit zu einem bewussten Bezugspunkt politischer Bildung werden können. Kennzeichen politischer Bildung wird so das bewusste Erarbeiten solcher Agonien und die Suche nach und das Einüben von Beteiligung in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Für Weltwärts bedeutet das zum einen, die konkurrierenden Positionen rund um das „Entwicklungspolitische“ freizulegen und bewusst zu nutzen. Wenn es sich als Programm politischer Bildung versteht, geht es gerade nicht darum, eine eindeutige Lesart zu stärken, sondern die Gegnerschaft verschiedener Konzepte zutage treten zu lassen. In das „Entwicklungspolitische“ ist diese Gegnerschaft konstitutiv eingewoben. Im Sinne einer kritischen politischen Bildung kann die Verwobenheit in Macht- und Herrschaftsverhältnisse freigelegt werden: Affirmative und emanzipatorische Positionen stehen sich gegenüber, die insbesondere an den unterschiedlichen Deutungen und Bewertungen des Begriffs „Entwicklung“ zutage treten. Kritik an Herrschaft und Ausbeutung bei gleichzeitiger Affirmation bestehender Dominanzen erscheinen als unvereinbare Paradoxie in das Politikfeld eingewoben. Auch für andere Aspekte des Programms kann das bedeuten, politische Gegnerschaft nicht einzuebnen, sondern als Ausgangspunkt für Momente politischer Bildung fruchtbar zu machen. Wenn also zum Beispiel die Reproduktion von Ungleichheitsverhältnissen in Bezug auf die Bildungsabschlüsse der Freiwilligen infrage gestellt, wenn zum Beispiel rassifizierende Strukturen des Programms kritisiert werden, dann können diese Diskussionen für Momente kritischer politischer Bildung verstanden und genutzt werden. Solche Diskussionen sprechen nicht gegen das Bildungsanliegen des Programms, sondern dafür. Will das Programm politische Bildung ermöglichen, muss es zudem die Welt in der Auseinandersetzung mit anderen als gestaltbar erfahrbar machen. Der Eingriff in die Welt, das Wagen des Neuen in gemeinschaftlicher Auseinandersetzung kann erprobt werden. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass diese Möglichkeit im Weltwärts-Programm gegeben ist. Das offensive und gemeinsame Austragen von Konflikten hat zu einer Veränderung von Konzeption und Praxis geführt. Anders als in anderen Bundesprogrammen hält der Anspruch „Gemeinschaftswerk“ (BMZ 2016: 3) zu sein, Möglichkeiten zum demokratischen Streit und zur Transformation bereit. Gestaltung und Weiterentwicklung des Programms sollen gemäß diesem Anliegen durch Vertreter*innen der deutschen zivilgesellschaftlichen Organisationen, Vertreter*innen der zurückgekehrten Freiwilligen und der Bundesbehörden gemeinsam erfolgen. Mehrere Akteure haben damit die Möglichkeit, 39 Gille & Bonus, Überschreitung, Widerspruch und Transformation ihre Sichtweisen und Standpunkte einzubringen. Und nur zur Sicherheit sei gesagt: „Gemeinschaftswerk“ in diesem Sinne heißt nicht, dass es ein gemeinschaftliches Interesse gibt. Das Gegenteil ist der Fall. Das Gemeinschaftswerk gibt stattdessen eine Möglichkeit, den agonistischen Charakter des Politischen sichtbar zu machen. Wenn dafür in der institutionellen Ausgestaltung, in den Verfahren des Programms Platz ist – etwa gegenwärtig durch die Auseinandersetzung um die Partizipation der „Süd-Partner“ in Entscheidungsprozessen – kann das zum Anliegen von politischer Bildung beitragen. Den Streit wird das Programm damit nicht auflösen. Es ist das Wesen eines „Politik“-Programms wie Weltwärts, dass es kulturelle Hegemonie im Sinne Gramscis sichert und zu dem „Politischen“ als Wettstreit verschiedener Positionen in Widerspruch steht. Bildungstheoretisch gesprochen: „Institution und Mündigkeit geraten in einen unüberbrückbaren Gegensatz“ (Heydorn 1979: 317). Dennoch, durch die Bearbeitung eines zutiefst umkämpften Gegenstands, nämlich des „Entwicklungspolitischen“ und durch das Erproben des Eingriffs in die Welt, erscheint Weltwärts als ein Programm, das die „Ausblendung der politischen Dimension“ (Thimmel 2016: 67) in der internationalen Jugendarbeit überwinden kann. Die pädagogische Diskussion ist bereits auf dem Weg, dieses neue Selbstverständnis einzuüben (bspw. BER 2012, COMPA u. a. 2019). Wenn die Überschreitung von Selbstverständlichkeit, der Widerspruch zu bestehenden Dominanzen und die Möglichkeit von Transformation als konstitutiver Bestandteil des Programms verstanden werden, wenn bewusst Gelegenheit zu solcher Erfahrung geschaffen wird, wird Weltwärts zu einem Ort politischer Bildung. Literaturverzeichnis Acosta, Alberto (2015): Vom guten Leben. Der Ausweg aus der Entwicklungsideologie, in: Mehr geht nicht! Der Postwachstums-Reader, hrsg. von Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin, S. 191–197. 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Peripherie Stichwort, in: Peripherie, Heft 2, S. 327–330. 42 Lernen und Bildung „Ringen um angemessenes Verhalten“ – Herausforderungen im Internationalen Freiwilligendienst Dr. Katharina Mangold Wissenschaftliche Mitarbeiterin Stiftung Universität Hildesheim Sozial- und Organisationspädagogik | katharina.mangold@uni-hildesheim.de Zusammenfassung Der Beitrag beschäftigt sich mit jungen Erwachsenen aus Deutschland, die einen Internationalen Freiwilligendienst in Uganda absolvieren. Anhand der ethnographischen Studie kann herausgearbeitet werden, dass die Freiwilligen insbesondere herausgefordert sind, sich im Bezug zu Statusinkonsistenz zu positionieren, und häufig nicht wissen, wie sie sich „angemessen“ verhalten sollen. Genau in diesem Nichtwissen liegt jedoch eine Chance zur Reflexion und zu Bildungsprozessen – so die grundlegende These des vorliegenden Beitrags. Schlagwörter: Ethnographische Studie, Internationaler Freiwilligendienst, Herausforderungen, Statusinkonsistenz, Jugend Abstract This article focuses on young adults from Germany doing an International Voluntary Service in Uganda. The ethnographic study shows that volunteers struggle to do the right things and with their own status position. However, this kind of struggling can be seen as an opportunity for reflexion and educational processes – so the thesis of the present article. Keywords: Ethnographic study, International Voluntary Service, challenges, status inconsistency, youth 1. Problemaufriss Immer mehr junge Erwachsene in Deutschland nutzen die Möglichkeit, nach dem Schulabschluss Erfahrungen im Ausland zu sammeln und sich freiwillig in sozialen Projekten und Einrichtungen zu engagieren. Waren allein über 30.000 Freiwillige über das Programm Weltwärts des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in den letzten zehn Jahren im Ausland, so kommen über das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) im Ausland, den Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJGD) oder auch das Freiwilligenprogramm des Auswärtigen Amtes kulturweit eine Vielzahl hinzu. Studien im Themenfeld Internationale Freiwilligendienste (IFD) beschäftigen sich häufig mit den Motiven junger Menschen (Krettenauer/Gudulas 2003), nehmen die Wirkung von Internationalen Freiwilligendiensten in den Blick (bspw. Fischer 2011), beschäftigen sich aus einer postkolonialen Perspektive mit der Thematik (bspw. Kontzi 2015) und stellen – wenn auch nur vereinzelt – die Aufnahmeorganisationen ins Zentrum der Betrachtung (bspw. Schwinge 2011). Die Alltagssituationen der 43 Mangold, „Ringen um angemessenes Verhalten“ Freiwilligen vor Ort und die spezifischen mit ihrer Arbeits- und Lebenssituation verbundenen Herausforderungen gelangen bisher wenig in den Fokus. Genau an diesem Punkt setzte die ethnographische Studie „Inbetweenness. Jugend und transnationale Erfahrungen“ (Mangold 2013) an. Zwischen Oktober 2009 und Januar 2010 wurden junge Menschen aus Deutschland, die ihren Freiwilligendienst in Uganda absolvierten, ethnographisch begleitet und interviewt. Die jungen Freiwilligen waren zum Zeitpunkt der Erhebung zwischen drei und sechs Monaten in Uganda und arbeiteten in sozialen Projekten (z. B. Schulen, Krankenhäuser, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung). Ausgehend von der Frage „Wie gestalten junge Erwachsene ihren Alltag im Internationalen Freiwilligendienst und welche Erfahrungen machen sie dort?“ wurden Beziehungskonstellationen, Freizeitaktivitäten, Arbeitsbedingungen, Wohnsituationen – kurzum, der Alltag der jungen Menschen ethnographisch analysiert. Durch das Dabeisein am Geschehen kann Ethnographie „unter Reflexion des vorgängigen eigenen alltäglichen Verstehens, natürliche ‚settings‘ […] beschreiben, um Alltagserklärungen und Alltags-Handeln verstehen zu können“ (Honer 1994: 87; Hervorhebungen im Original). Im Rahmen der Teilnehmenden Beobachtung (Lüders 2003) stand stets das Handeln der Freiwilligen im Beobachtungsfokus, welches detailliert von der Beobachterin in über 200 Seiten verschriftlicht wurde. Diese sogenannten Beobachtungsprotokolle wurden im Anschluss über das kodierende Verfahren der Grounded Theory (Strauss/Corbin 1996) analysiert. In diesem Artikel wird auf die Herausforderungen im Alltag der jungen Erwachsenen fokussiert und die zentrale Herausforderung als „Ringen um angemessenes Verhalten“ rekonstruiert. So soll zunächst aufgezeigt werden, inwiefern sich diese Herausforderung zeigt (Punkt 2) und welche Strategien die jungen Menschen entwickeln bzw. besitzen, damit umzugehen (Punkt 3). Abschließend soll die Ambivalenzsituation „Inbetween“ als Möglichkeitsraum diskutiert werden (Punkt 4). 2. Zentrale Herausforderung im Internationalen Freiwilligendienst Beschäftigt man sich mit Herausforderungen im Internationalen Freiwilligendienst, so werden zunächst Herausforderungen wie der Umgang mit der neuen Sprache, das Zurechtfinden in der „Fremde“ oder der Abnabelungsprozess von den Eltern thematisiert (Mangold 2013). In den folgenden Ausführungen soll auf eine der meines Erachtens zentralen Herausforderungen im Internationalen Freiwilligendienst eingegangen werden: nämlich das „Ringen um angemessenes Verhalten“. Das erste Beispiel macht dieses Ringen in Alltagssituationen und dem Umgang mit arm und reich, mit Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit deutlich (2.1). Im zweiten Beispiel wird auf die Statusambivalenz der jungen Menschen eingegangen, die sich sowohl aus dem neu zugeschriebenen Status durch den Ortswechsel bedingt, als auch im alltäglichen 44 Lernen und Bildung Handeln reproduziert und hergestellt wird (2.2). In beiden Beispielen wird das „Ringen“ der jungen Menschen deutlich und so kann als zentrale Herausforderung der Umgang mit Ambivalenzsituationen benannt werden. 2.1 Ringen um angemessenes Verhalten I: „Jedes Handeln ist schwierig“ Wie im folgenden Beispiel ausgeführt wird, ist es Jakob – ein 19-jähriger Freiwilliger – nur möglich zu artikulieren, welches Verhalten er für „falsch“ hält und sich davon abzugrenzen. Eine Lösung kann er nicht anbieten, weil er selbst nicht weiß, wie man sich „richtig“ verhalten könnte. Damit drückt er aus, dass jedes Handeln „schwierig“ ist. Jakob berichtet über eine Europäerin, die sein möchte wie die Menschen in Uganda – „wahrscheinlich würde sie sich auch noch die schwarze Hautfarbe wünschen, wenn das ginge“. Dieses Verhalten definiert Jakob als „going native“ und grenzt sich davon ab: Klar lerne er auch ein bisschen Luganda, klar passe er sich auch mal an, aber man kann hier ein Jahr sein oder 20 Jahre, man wird nicht so sein wie die, man wird nicht ganz dazugehören. Und dieses „going native“ wäre auch für die Einheimischen nicht gut. Er erzählt von einer Finnin, die ein Dorf weiter lebt. Es gab die Situation, dass Jakob von einem Mann angebettelt wurde und er zunächst Geld und dann ein Chapati [ugandisches Fladenbrot] von ihm wollte. Jakob wollte ihm das aber nicht geben. Dann kam die Finnin und wies den Mann auf Luganda zurück. Die Finnin hätte auch immer afrikanische Kleider an. Jedenfalls wies sie den Mann zurück, der sie darauf hin nur sehr sehr abfällig nachgeäfft hat. Man könne also mit dem Soseinwollen wie die Einheimischen auch nichts erreichen, das sei eher noch schwieriger. Jakob grenzt sich nicht komplett ab, sondern macht Zugeständnisse, indem er betont, dass auch er „ein bisschen Luganda“ lerne, dass auch er sich mal anpasse. Es ginge nicht (immer) darum, das „krasse Gegenteil“ vom „going native“ zu sein. Jakob argumentiert nicht nur für sich oder für andere Europäer_innen, sondern bezieht hier die ugandische Bevölkerung in seine Überlegungen mit ein und unterstreicht damit, dass man sich von „going native“ abgrenzen müsse, weil es niemandem nützlich sei. In der Praxis des Bettelns wird eine Differenz hergestellt, nämlich die des Besitzenden und die des Besitzlosen. Zu dieser Differenz muss sich Jakob verhalten. Wir erfahren nicht, wie Jakob sich verhält, ob er zögert, überlegt oder sofort agiert, wir erfahren lediglich, dass Jakob „ihm das aber nicht geben“ will. Sein Verhalten wird von ihm als angemessen ausgewiesen, was ein Gegensatz zu der Darstellung des Verhaltens der Finnin bedeutet. Sie nämlich verhält sich „falsch“. Sie „wies den Mann auf Luganda zurück“. Durch die Zurückweisung auf Luganda wird der 45 Mangold, „Ringen um angemessenes Verhalten“ Mann, der zunächst der Bettelnde und somit auch Bedürftige ist, zum Richter der Szene. Er äfft die „Finnin“ nach und zwar „sehr sehr abfällig“. Er stellt sich damit auf die Seite von Jakob und positioniert sich ebenfalls gegen das „going native“. Jakob lässt keinen Zweifel, so wie die „Finnin“ sich verhält, ist es falsch, aber wie es richtig wäre sich zu verhalten, darauf scheint er selbst keine Antwort zu haben. Dieses Dilemma drückt sich vor allem darin aus, dass er zwar deutlich betont, dass man „mit dem Soseinwollen wie die Einheimischen auch nichts erreichen“ könne und dass dies „eher noch schwieriger“ sei. Das „noch“ lässt darauf schließen, dass auch das andere Verhalten und somit sein Verhalten „schwierig“ ist, dass es also gar kein nichtschwieriges Verhalten gibt. Er kennt es zumindest nicht und kann nicht sagen, wie es richtig ist, er kann sich nur von dem abgrenzen, was er als „noch schwieriger“ definiert. Dahinter steckt, dass man es nicht richtig machen kann, egal was man tut, es ist schwierig. In diesem Dilemma steckt Jakob mit seinem Verhalten und Handeln in Uganda und sieht keinen Ausweg. 2.2 Ringen um das angemessene Verhalten II: Statusambivalenzen Die jungen Menschen positionieren sich nicht nur durch ihr Handeln und ihre Äußerungen selbst, sie werden auch im Handeln von anderen positioniert. Es handelt sich also um einen interaktiven Herstellungsprozess. Dies konnte am Beispiel von Jakob aufgezeigt werden. Der Freiwilligendienst an sich ist jedoch nochmals gerahmt von einer strukturellen Positionierung des oder der Freiwilligen: Die jungen Menschen gehen mit deutschem Pass (oder zumindest vergleichbarem Aufenthaltsstatus in Deutschland) nach Uganda, zudem handeln sie als „Weiße“, sie haben alle einen Schulabschluss (meist Abitur) in Deutschland gemacht, kommen meist aus Mittelschichtfamilien und möchten nach ihrem Auslandsaufenthalt häufig ein Studium beginnen. Sie handeln also als Privilegierte, die sich einen Freiwilligendienst „leisten“ können und denen ein Freiwilligendienst „ermöglicht“ wird. In dieser Position beginnen sie ihren Freiwilligendienst, woraus sich Herausforderungen ergeben, die sie in ihrem bisherigen Leben wenig erlebt haben. Anhand der Wohnsituation von Christina und Michael soll dieser Frage nach dem „zugewiesenen“ Status und den damit verbundenen Positionen und (Selbst-)Positionierungen nachgegangen werden. Auch dabei lassen sich (Status-)Ambivalenzen erkennen, die ebenfalls mit dem Muster „Ringen um angemessenes Verhalten“ überschrieben werden können. Michael und Christina – beide nach Ende ihres Bachelorstudiums – erleben eine Art „Statusaufstieg“, als sie nach dem Wohnen in einer gemeinsamen Studenten-WG in Deutschland plötzlich in einem eigenen Haus in Uganda leben – „Es sei schon krass: ‚Wir sind grad mal 24, haben grad fertigstudiert und jetzt wohnen wir in einem Haus in Uganda‘.“ Der Ortswechsel von Deutschland nach Uganda 46 Lernen und Bildung verändert ihre finanzielle Lebenssituation. Nicht weil sie plötzlich reich seien, sondern weil in Uganda mit weniger Geld mehr Wohlstand möglich sei. Es kommt somit auf den jeweiligen Kontext an, ob die Freiwilligen als eher wohlhabend oder eher bedürftig definiert werden und sich dann weiter auch in dieser Position selbst verorten. Michael definiert diese Situation selbst als „krass“ und drückt damit möglicherweise einerseits Begeisterung aus, andererseits wird darin deutlich, dass er dazu ein ambivalente Haltung hat. Er fühlt sich nicht ganz wohl dabei und ist um ein angemessenes Verhalten bemüht. Er fühlt sich „komisch“, dass er einen Gärtner hat, sieht jedoch auch keinen anderen Weg: Leute, die seinen Garten richten, das sei schon auch komisch, so sei er ja eigentlich gar nicht, aber hier kann man es sich halt leisten und wäre alleine auch über zwei Tage beschäftigt den eigenen Rasen zu mähen. Michael fühlt sich nicht wohl in der Situation und er artikuliert „es sei schon auch komisch“. Gleichzeitig distanziert er sich von seinem Handeln bzw. distanziert sein aktuelles Handeln von seinen Charakterzügen, weil „so sei er ja eigentlich gar nicht“. Er verhält sich also in Uganda aktuell so, wie er „eigentlich“ gar nicht ist. Er nimmt Bezug auf die Rahmenbedingungen, indem er einerseits argumentiert, dass er alleine zwei Tage dafür benötigen würde, um den Rasen selbst zu mähen, und andererseits, dass die Arbeitskräfte in Uganda so günstig seien, dass „man“ – bzw. im konkreten Fall eben er – sich das leisten könne. Er differenziert zwischen den Bedingungen in Deutschland. Dies wird zwar nicht explizit angesprochen, doch in dem „hier“ wird gleichzeitig auch ein „dort“ hergestellt. Dieses „dort“ muss Deutschland sein. Da er in Uganda andere Rahmenbedingungen vorfindet, handelt er auch anders. Dabei fühlt er sich „schon auch komisch“. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Freiwilligen aufgrund des Ortswechsels in neuen Lebenssituationen befinden, in denen ihnen einerseits ein neuer bzw. anderer Status als bisher in Deutschland zugeschrieben wird und sie sich selbst auch in dieser neuen Statusposition anders bewegen (müssen). Die Inkonsistenz der eigenen Statusposition ergibt sich aber nicht nur aufgrund der unterschiedlichen Statuspositionen in Uganda und Deutschland, sondern auch in Situationen des Hin-und-Hergerissen-Seins in Handlungssituationen in Uganda. 2.3 Bündelung: Herausfordernde Ambivalenz „Inbetween“? Diese Herausforderungen (nicht zu wissen, wie man sich verhalten soll und der Umgang mit der Statusinkonsistenz) „dramatisieren“ sich in der Situation der Transnationalität und im Kontext des jungen Erwachsenenalters, weil hier Verlässlichkeiten qua Lebensphase (Jugend) oder Lebenssituation (im Transnationalen) wenig gegeben sind (Mangold 2013). So müssen die Freiwilligen nicht nur mit dem Übergang von der Wohnsituation bei ihren Eltern in eine eigene Wohnung 47 Mangold, „Ringen um angemessenes Verhalten“ zurechtkommen, sondern sie leben außerdem in einem „eigenen Haus“ und haben „Hausangestellte“, was sie (zunächst) nicht mit ihrem „Jugendstatus“ in Einklang kriegen. Jakob beispielsweise agiert im Spannungsfeld arm-reich, wenn er davon berichtet, wie er als junger europäischer Mann von einem ugandischen Mann angebettelt wird. So wird er vom Abiturienten zum Wohlhabenden gemacht. Die neue Situation im Ausland fordert die Freiwilligen kontinuierlich auf, sich in ihrem Handeln und Reden zu sich selbst und zu den sozialen Situationen zu positionieren. Dabei „ringen“ sie immer wieder um das „angemessene“ Verhalten. Dieses Ringen kann als Ausdruck einer Ambivalenzsituation interpretiert werden. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass es sich um eine „unauflöslich[e] und unlösbar[e]“ (Lüscher 2000: 98) Situation handelt, welche mit polarisierenden Handlungs- und Denkmustern verknüpft ist und eben gerade nicht einseitig aufgelöst werden kann. Diese Ambivalenz drückt sich im „Ringen um angemessenes Verhalten“ aus und stellt die jungen Erwachsenen im Internationalen Freiwilligendienst vor eine prägende Herausforderung. Wie aber gehen die Freiwilligen mit dieser Herausforderung um? Mit dieser Frage beschäftigt sich der folgende Abschnitt. 3. Umgangsformen mit den herausfordernden Situationen Betrachtet man das Datenmaterial, so lassen sich zwei Formen des Umgangs mit herausfordernden Situationen des „Ringens um angemessenes Verhalten“ rekonstruieren. (1) Erstens versuchen die jungen Menschen sich einem „einfachen“ (wenig komplexen) Ordnungsschema zu bedienen. Dieses ist häufig an ihr bisheriges Denken und an ihre bisherigen Bilder anschlussfähig. Allzu lange haben sie ein „Afrikabild“ vermittelt bekommen, das beispielsweise mit Armut verknüpft ist. Das bipolare Denk- und Handlungsschema, auf welches die jungen Menschen zurückgreifen, schafft ihnen dabei Sicherheit und Ordnung. Es erspart ihnen, jedes Mal von neuem entscheiden zu müssen, sondern es gibt einen Erklärungsansatz und eine Handlungsorientierung. (2) Als zweite Möglichkeit, Sicherheit zu erzeugen, bietet sich der Zusammenschluss in der Freiwilligengruppe an. Hier schaffen sich die Freiwilligen einen Raum, in welchem sie sich nicht erklären müssen, in welchem sie sich mit ihrem Handeln und Denken sicher, vertraut und verstanden fühlen. Im Folgenden soll nun anhand zwei empirischer Beispiele auf diese beiden Umgangsformen mit der herausfordernden Ambivalenzsituation eingegangen werden. 3.1 Umgangsform I: Bipolare Differenzkonstruktion In der folgenden Szene läuft die Beobachterin mit Jakob und Markus [zwei Freiwillige] zur Schule, in welcher die beiden arbeiten. Die beiden jungen Männer leben gemeinsam mit drei Priestern in einer Kirchengemeinde in einem Dorf. Sie haben 48 Lernen und Bildung sich gerade mit einem der Priester unterhalten, der mit einer Autobatterie eine Vorrichtung für eine Glühbirne baut: Dann laufen wir weiter. Die beiden unterhalten sich darüber, dass in Deutschland kein Pfarrer auf die Idee kommen würde, ein elektrisches Gerät zu bauen, ja dass in Deutschland eh immer jeder einen Handwerker kommen lässt, wenn irgendwas nicht funktioniert. 90% der Deutschen würden das mit Sicherheit so machen. Aber hier sei das anders, vielleicht auch deshalb, weil wenn man hier ein Problem hat und dann jemand anruft, um zu fragen ob er hilft, dann wartet man erstmal ewig und wenn man keine Lust hat tagelang zu warten, dann muss man es eben selbst machen. Die Jungs lachen. Ja das sei sogar so, wenn man vom parish [der Kirchengemeinde] die Polizei im Dorf rufen würde. Die Fathers haben gesagt, dass wenn hier ein Überfall wäre, dann könnte man nicht auf die Polizei warten, die kommen viel zu spät. Jakob erzählt, dass die Polizei in Dorf nicht mal ein eigenes Auto hat, sie müssten sich also mit dem Taxi hierherfahren lassen. Die beiden lachen und Markus setzt eines drauf, indem er sagt, dass das Taxi aber leider noch nicht voll genug sei und sie noch auf weitere Mitfahrende warten müssen. In dieser Szene wird ein „hier“ und ein „dort“ hergestellt. So wird „Deutschland“ als Ort markiert, in dem „eh immer jeder einen Handwerker kommen lässt, wenn etwas nicht funktioniert“. „Die Deutschen“ kümmern sich demnach nicht selbst darum, sondern fragen eine Dienstleistung ab. Diese Verallgemeinerung wird im Folgenden nochmal etwas relativiert, indem zumindest zehn Prozent der Deutschen ausgenommen werden. Die zwei jungen Männer reden so über „die Deutschen“, als ob sie selbst nicht dazugehören würden und sich davon distanzieren, vielleicht möchten sie sich von den 90 Prozent abgrenzen, die es „mit Sicherheit so machen“. Sie distanzieren sich von der Masse und ermöglichen sich selbst, etwas Besonderes zu sein. In dem „einen“ Bild – nämlich alle Deutschen holen sich Hilfe – finden sie sich selbst nicht wieder und müssen darum eine Möglichkeit für mehr Vielfalt finden, damit sie sich selbst weiterhin als „Deutsche“ verorten und sich zugleich von der Masse abgrenzen können. Sie schaffen somit ein Zugehörigkeitskriterium zu einer Nationalgruppe und gleichzeitig eine Differenzierungslinie zu dieser und können sich darum als etwas Besonderes generieren. Hierdurch konstruieren sie Vielfältigkeit zu einer zunächst homogenisierende Herstellung von „den“ Deutschen bzw. der Praxis aller Deutschen. Nachdem sie nun das Verhalten „der Deutschen“ reflektiert haben, wechseln sie die Perspektive und können – indem sie nun auch das Leben in Uganda kennen – sagen, wie sich eine Situation in Uganda abspielt, wenn etwas kaputt geht. Zunächst betonen sie deutlich die Differenz: „Hier sei das anders“. Sie beziehen also „hier“ (Uganda) und „dort“ (Deutschland) aufeinander und stellen einen Vergleich her. Dieser Vergleich führt zur Differenzierung. Nun versuchen sie, Gründe zu finden, warum es „hier“ anders ist als „dort“, und begründen dies mit der gemachten Beobachtung in Uganda, dass man hier „ewig“ warten muss, bis jemand kommt, um etwas zu reparieren und dass man es letztlich 49 Mangold, „Ringen um angemessenes Verhalten“ selbst machen muss, wenn man nicht tagelang warten will. Es ist also ein Handeln aus der Not heraus. Das Verhalten „der Ugander*innen“ wird jedoch nicht binnendifferenziert, sondern die Konstruktion von Uganda bzw. dem Verhalten „der Ugander*innen“ erfolgt als homogenes Bild. Mit dem weiteren Beispiel des Polizeieinsatzes untermalen sie ihre Beobachtung und ihre Zuschreibung von „den Ugander*innen“. Anhand dieser Szene lassen sich meines Erachtens zwei Aspekte festhalten: (1) Durch das Inbezugsetzen von Erfahrungen aus ihrem Heimatland mit denen ihres Aufenthaltes in Uganda wird durch Rückgriff auf die Kategorie von Nationalstaaten ein „hier“ und ein „dort“ konstruiert. Dieses „hier“ und „dort“ wird dann mit spezifischen Zuschreibungen verknüpft, welche zu einem Bild führen. (2) Das eine Bild, welches entworfen wird, reicht ihnen aber in den Zuschreibungen zu „den Deutschen“ nicht aus, weil sie sich selbst darin nicht wiederfinden und abgrenzen wollen, aber dennoch „Deutsche“ sind/sein wollen. Die bipolaren Zuschreibungen erzeugen also (scheinbare) Klarheit und Sicherheit, sind aber – so das Beispiel – zu sehr komplexitätsreduzierend. 3.2 Umgangsform II: Gesellung unter „Gleichen“ Als zweite Handlungsstrategie im Umgang mit herausfordernden Ambivalenzsituationen soll der Blick nun auf die Gesellungsformen der jungen Menschen im Internationalen Freiwilligendienst gerichtet werden. Mit wem verbringen die Freiwilligen also ihre Zeit? Wo und mit wem fühlen sie sich wohl und tauschen sich aus? Dabei kann zunächst festgehalten werden, dass die Freiwilligencommunity selbst einen wichtigen Ort des Austausches und der Freizeitgestaltung darstellt. Hier werden Sorgen geteilt, gemeinsame Zeit verbracht und vieles mehr. Ein weiterer Blick in die Daten zeigt jedoch, dass die Freiwilligencommunity, die sich zunächst über die Zugehörigkeitskriterien Alter, Freiwilligenstatus, Bildungsstand und Hautfarbe konstruiert, Erweiterung findet. Dies kann das folgende Beispiel deutlich machen, in welchem es um Michael (Freiwilliger) geht, der krank zu Hause ist und von Paul, einem deutschen Entwicklungshelfer, besucht wird. Als Paul seinen Besuch beendet, bleiben Michael und die Beobachterin im Esszimmer sitzen und unterhalten sich: Michael erzählt von seinem Bild der Ugander und sagt, dass die halt meistens „über Arbeit, über Geld und wie schwer das Leben einfach ist – das geht mir halt einfach manchmal auf den Sack“. Darum hat er sich auch total geärgert, dass er gestern noch so unfit war, weil sie bei den weißen Brüdern eingeladen gewesen sind. Das sind deutsche Priester, die schon lange hier leben und mit denen man halt mal richtig reden kann. Einer ist ehemaliger Philosophieprof, mit dem könnte man halt auch mal über Gott und die Welt philosophieren. Er kenne die nur über Paul und es sei nicht so, dass man da einfach vorbeigehen kann, aber er hätte wirklich mal Lust sich mit denen zu unterhalten (BP 36, Zeile 8–26). 50 Lernen und Bildung Michael thematisiert seine Beziehung zu „den Ugandern“ und seine Beziehung zu „den deutschen Priestern“. Dabei kreiert er ein Bild von „weißen Brüdern“, mit denen wirkliche Verständigung stattfindet und von „Ugandern“, mit denen es oftmals schwierig zu reden ist. Michael relativiert seine Aussage über „die Ugander“ zwar mit den Begriffen „meistens“ und „manchmal“, aber er ist dennoch sehr klar und vehement in seinem Urteil. Er fügt dieses Bild über die „Ugander“ ein, um den Kontrast zu verdeutlichen, wie es mit „Deutschen“ ist oder wäre, „mit denen man halt mal richtig reden kann“. Die „Ugander“ dienen somit als Kontrastfolie für die „deutschen“ Priester. Unter „richtig reden“ versteht er „über Gott und die Welt philosophieren“, dahinter steckt ein Verlangen nach tiefer Verständigung und Austausch. Auch verbirgt sich darin die implizite Vermutung, dass Deutsche, die in Uganda leben, ähnliche Erlebnisse und Erfahrungen machen wie er selbst. Das Verb „philosophieren“ deutet auf etwas Exklusives hin: Man nimmt sich Zeit zum Philosophieren und diskutiert „über Gott und die Welt“. Hier werden nicht Alltagsprobleme verhandelt, sondern hier lässt man seinen Gedanken freien Lauf. Michael findet es schwierig, dass es bei „den Ugandern“ immer nur um Armut und Krankheit geht, er wünscht sich etwas anderes, es geht ihm „auf den Sack“. Er empfindet diese Situation als Belastung und nimmt an, dass er mit den „weißen Priestern“ andere Themen diskutieren kann. Er freut sich auf nahezu Unbekannte, aber sie sind ihm doch vertrauter als „die Ugander“. Der Kontakt zu den „weißen Priestern“ ist ein Wunsch von Michael, der noch nicht verwirklicht wurde. Daher ärgert er sich, diese Möglichkeit aufgrund seiner Krankheit zu verpassen. Anhand der Szene wird deutlich, dass Michael sich von „vermeintlich Gleichen“ angezogen fühlt, da er hier echtes Verständnis vermutet. Die Gesellungsform erweitert sich hier über den Status Freiwillige hinaus, ebenso wie über verschiedene Generationen hinweg. Die angenommene ähnliche Lebenssituation – nämlich als Deutscher in Uganda zu leben – wird als verbindend gewertet. Die Zuschreibung zu „den Ugandern“ fällt hingegen äußerst negativ aus. Dennoch lassen sich an anderen Textstellen im Datenmaterial Freundschaftsbeziehungen mit Ugander*innen rekonstruieren. Die genauere Analyse macht deutlich, dass hier die Konstruktion „beide Welten kennen“ und „ähnlicher Bildungsstatus“ die jeweiligen Zugehörigkeitsmerkmale herstellen, da es sich hier häufig um Ugander*innen handelt, die bereits Zeit in Europa verbracht haben und einen ähnlichen Bildungsabschluss wie die Freiwilligen selbst vorweisen können. 3.3 Bündelung: Erfolgreiche Strategien des Umgangs mit herausfordernden Ambivalenzsituationen Die beiden Umgangsformen „bipolare Differenzkonstruktionen“ und „Gesellungsformen unter Gleichen“ entlasten die jungen Freiwilligen und stellen daher eine erfolgreiche Strategie im Umgang mit herausfordernden Ambivalenzsituationen 51 Mangold, „Ringen um angemessenes Verhalten“ dar. Durch klare bipolare Deutungs- und Erklärungsmuster müssen sie nicht ständig ihr Handeln infrage stellen und neu entscheiden. In der Community unter Gleichen fühlen sie sich verstanden und gelangen weniger in Situationen, in denen sie nicht wissen, wie sie agieren sollen. 4. Fazit: „Inbetween“ als Chance? Die aufgezeigten Umgangsweisen mit herausfordernden Ambivalenzsituationen machen zunächst deutlich, dass es den jungen Erwachsenen im Internationalen Freiwilligendienst gelingt, Möglichkeiten zu finden, die sie in dieser herausfordernden Situation entlasten und die ihnen gut tun. Bauman (1995) macht auf die Bedeutung von Ordnungsschemata im Umgang mit ambivalenten Situationen aufmerksam. So hat die Konstruktion von Polaritäten (das Ordnungsschema) die Funktion der Vereinfachung und somit der Komplexitätsreduktion, um mit sozialen Phänomenen in Interaktionen umgehen zu können: „Keine binäre Klassifikation, die in der Konstruktion von Ordnung verwendet wird, kann sich vollkommen mit der wesentlich nicht-diskreten, kontinuierlichen Erfahrung der Realität decken“ (Bauman 1995: 83). Diese Annahmen treffen ebenfalls auf die von mir untersuchten Freiwilligen zu. Für die Positionierungen und Suchbewegungen benötigen die jungen Menschen Ordnungsschemata und Sicherheiten, die sie meines Erachtens in den Konstruktionen von Bipolaritäten herstellen. Diese Konstruktionen erzeugen Sicherheit und geben ihnen Orientierung. Sowohl der Zusammenschluss mit Menschen, von denen man sich (angeblich) verstanden fühlt, als auch die Konstruktion von bipolaren Ordnungen können somit im Sinne von Bewältigungsstrategien als wichtige Ressource betrachtet werden. Sie bergen aber stets auch die Gefahr, über den Rückgriff auf stereotypes Wissen diese Stereotypen zu reproduzieren. Steht aber nicht die Überlegung zur Bewältigung von herausfordernden Situationen im Fokus, sondern das Ziel der interkulturellen Öffnung, welches häufig mit dem Engagement im Internationalen Freiwilligendienst verbunden wird, so stellt genau diese herausfordernde Ambivalenzsituation und das aufgezeigte „Ringen um angemessenes Verhalten“ eine wichtige Ressource dar. Wichtig erscheint jedoch, dass es nicht zu einer sofortigen und einseitigen Auflösung der Ambivalenz kommt, sondern dass der Irritation, welche in dem „Nichtwissen wie“ verborgen ist, Raum geschaffen wird. Die Ambivalenz – als unauflösbares Spannungsverhältnis – wird also als solche anerkannt. Dieses Ringen findet im „Inbetween“ statt, was als Zwischenraum verstanden werden kann. In diesem Zwischenraum ist das „Ringen um angemessenes Verhalten“ zu verorten. Um die Frage nach der Chance des „Inbetween“ zu beantworten und einen Perspektivenwechsel vorzuschlagen, kann sich der Perspektive der Transnationalitätsforschung bedient werden, wie sie beispielsweise von Glick Schiller (2007) vorgeschlagen wird. Der Transnationalitätsdiskurs bietet eine Erweiterung der Perspektive „entweder-oder“ auf das „sowohl-als-auch“. Diese Erweiterungen und Verflechtungen, die 52 Lernen und Bildung sich über die Gleichzeitigkeit ergeben, bedeuten jedoch nicht, dass soziale Situationen ohne Polarisierungen auskommen und sich im „Trans“ auflösen. Das „Inbetween“ kann sowohl als Ambivalenz als auch als „Trans“ gesehen werden. Indem sich die Freiwilligen in einer „Inbetween“-Situation befinden, erleben sie sowohl Ambivalenzen als auch Prozesse der „Trans“-Erfahrungen. So stellt das „Inbetween“ – je nach Perspektive – eine Herausforderung oder eine Chance bzw. eine Herausforderung und eine Chance dar. Im „Inbetween“ ergeben sich Möglichkeiten des Oszillierens zwischen den Polen. Es entsteht ein Raum der Reflexion für die Freiwilligen. So ist keine (einseitige) Entscheidung nötig. Dieser Reflexionsraum kann und muss meines Erachtens insbesondere in der pädagogischen Begleitung der Freiwilligen zum Thema gemacht und dadurch genutzt werden. Literaturverzeichnis Bauman, Zygmunt (1995): Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Frankfurt am Main. Fischer, Jörn (2011): Freiwilligendienste und ihre Wirkung – vom Nutzen des Engagements, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 48/2011, S. 54–62. Glick Schiller, Nina (2007): Transnationality, in: A Companion to the Anthropology of Politics, hrsg. von David Nugent und Joan Vincent, Oxford, S. 448–467. Honer, Anne (1994): Einige Probleme lebensweltlicher Ethnographie. Zur Methodologie und Methodik einer interpretativen Sozialforschung, in: Interpretative Sozialforschung. Auf dem Weg zu einer hermeneutischen Wissenssoziologie, hrsg. von Norbert Schröer: Opladen, S. 85–106. Kontzi, Kristina (2015): Postkoloniale Perspektiven auf „weltwärts“ – ein Freiwilligendienst in weltbürgerlicher Absicht, Baden-Baden. Krettenauer, Tobias und Niki Gudulas (2003): Motive für einen Freiwilligendienst und die Identitätsentwicklung im späten Jugendalter: Eine empirische Untersuchung zur Lebenslaufcharakteristik „neuen sozialen Engagments“, in: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 35. Jg., Heft 4, S. 221–228. Lüders, Christian (2003): Beobachtungen im Feld und Ethnographie, in: Qualitative Forschung. Ein Handbuch, hrsg. von Uwe Flick, Ernst von Kardoff und Ines Steinke, Reinbek bei Hamburg, S. 384–401. Lüscher, Kurt (2000): Die Ambivalenz von Generationenbeziehungen – eine allgemeine heuristische Hypothese, iN: Erfahrung mit Generationen-Differenz, hrsg. von Luise Winterhager-Schmid, Weinheim. Mangold, Katharina (2013): Inbetweenness: Jugend und transnationale Erfahrungen, Weinheim- Basel. Schwinge, Brigitte (2011): Verkehrte Welten: Über die Umkehrung der Verhältnisse von Geben und Nehmen: Der weltwärts-Freiwilligendienst als Selbstbehandlung im Kulturkontakt zwischen Deutschland und Südafrika, Bonn. Strauss, Anselm und Juliet Corbin (1996): Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung, Weinheim-Basel. 53 Zur subjektiven Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement aus der Sicht ehemaliger Freiwilliger: Ein Literaturüberblick im Forschungsfeld Franziska Müller Doktorandin, Institut für Psychologie Pädagogische Hochschule Karlsruhe | franziska.mueller@ph-karlsruhe.de Zusammenfassung Ein häufiges Ziel von geförderten internationalen Freiwilligendiensten ist die Fortführung von freiwilligem Engagement durch die Freiwilligen nach dem Dienst. In vielen Programmevaluierungen werden die Rückkehrer*innen daher auch nach ihrem aktuellen und zukünftigen Engagement befragt. Oft handelt es sich dabei um überwiegend quantitative Erhebungen. Der vorliegende Artikel zeigt auf der Grundlage eines Literaturüberblicks auf, dass eine Kombination aus einer entwicklungspsychologischen und einer biographieanalytischen Betrachtung zur Erfassung von Engagement dazu beitragen kann – zusätzlich zu den bereits erhobenen Zahlen –, aus der Innenperspektive der Freiwilligen retrospektiv nachzuvollziehen, wie sich das Engagement nach dem Dienst auch über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt hat. Hierfür werden Erkenntnisse aus Studien zur biographischen Einbettung von Engagement sowie aus der Entwicklungspsychologie auf den Kontext internationale Freiwilligendienste übertragen. Schlagwörter: internationale Freiwilligendienste; subjektive Bedeutung; Biographie; Entwicklungspsychologie; Engagement nach dem Dienst; qualitative Forschung; biographisch-narrative Interviews Abstract Funded international voluntary services frequently aim at encouraging future volunteering after the service. Therefore, many evaluations focus on the returnees’ further volunteering. These surveys are often predominantly quantitative-oriented evaluations. On the basis of a literature review the present article argues that a developmental psychological perspective together with a biographical research approach, in addition to the figures already collected, contributes to a deeper understanding of the longterm development of volunteering from the volunteers’ internal perspective. Thus, findings from studies on the biographical embedding of volunteering and developmental psychology are transferred to the context of international voluntary services. Keywords: International voluntary services; subjective meaning; biography; developmental psychology; volunteering after the service; qualitative research; biographical narrative interviews 1. Einleitung Die unter anderem im Programmkonzept einiger geförderter internationaler Freiwilligendienste formulierten Erwartungen in Bezug auf Lern- und 54 Lernen und Bildung Entwicklungschancen für Freiwillige sind häufig sehr hoch. Dabei werden auch langfristige Wirkungen wie der Einfluss auf das spätere gesellschaftliche Engagement herausgestellt. Ein Ziel des Weltwärts-Programms beispielsweise besteht darin, dass sich die Freiwilligen auch nach ihrem Dienst in der entwicklungspolitischen Inlandsarbeit engagieren sollen (weltwärts 2019). Das Engagement der Rückkehrer*innen ist daher einer der Wirkungsbereiche, die in der Evaluierung des Programms betrachtet werden (Polak/Guffler/Scheinert 2017: vii). Wie dieses Engagement nach dem Dienst erhoben wird, ist sehr unterschiedlich. Auch die Ergebnisse der durchgeführten Studien variieren. Eine Evaluierung kommt zu dem Schluss, dass das Engagement der Freiwilligen nach dem Dienst vom Umfang her dem Engagement vor dem Dienst entspricht (Polak/Guffler/Scheinert 2017: 90). Eine weitere Studie verzeichnet einen leichten Rückgang des Engagements nach dem Dienst (Freudenberg u. a. 2017). Dieser Rückgang trotz hoher Engagementbereitschaft wird von Wissenschaftler*innen häufig mit der Umbruchsituation erklärt, in der sich viele Rückkehrer*innen nach ihrem Dienst befinden, zum Beispiel im Übergang zwischen Schule und Studium (Freudenberg u. a. 2017: 187; Fischer 2011: 62; Stern u. a. 2010: 73). Die Lebensphase der Freiwilligen nach dem Dienst scheint demnach einen entscheidenden Einfluss auf ihr Engagement zu haben. Es ist anzunehmen, dass eine grundsätzlich hohe Bereitschaft, aber geringe Möglichkeiten für Engagement bei den Freiwilligen zu Konflikten führt. Die vorliegenden quantitativen Studien sind diesbezüglich wenig aussagekräftig. Qualitative Studien, die detailliert nicht nur die Phase nach dem Dienst, sondern auch die Entwicklung des Engagements über mehrere Jahre hinweg in den Blick nehmen, lassen sich bisher kaum finden. Zu nennen ist hier beispielsweise Kühn, die in ihrer Studie die Daten von zehn Weltwärts-Freiwilligen analysiert hat, die sie mittels leitfadengestützter, narrativer Interviews zu zwei Zeitpunkten befragt hat, vor der Ausreise und circa drei Monate nach dem Dienst (Kühn 2015: 85 ff.). Auch Mundorf hat qualitativ mit problemzentrierten, teilstrukturierten Interviews gearbeitet (Mundorf 2000: 48 f.). In ihrer Studie stehen die Ergebnisse der retrospektiven Befragung von acht Teilnehmenden eines christlichen Freiwilligendienstes im Ausland im Mittelpunkt, deren Freiwilligendienst zwischen zweieinhalb und fünf Jahren zurücklag (Mundorf 2000: 52 ff.). Bei beiden Studien ist das Engagement nach dem Dienst allerdings nur ein Aspekt unter vielen. Im vorliegenden Beitrag werden die genannten Studien zu Freiwilligendiensten, die sich unter anderem auf das Engagement nach dem Dienst beziehen (Kapitel 2), mit entwicklungspsychologischen Studien (Kapitel 3) sowie Studien zu Engagement im Rahmen der Biographie (Kapitel 4) zusammengeführt. Im Mittelpunkt steht dabei die folgende Frage: Was können eine entwicklungspsychologische sowie eine biographieanalytische Perspektive zum Stand der Forschung zu Engagement nach dem Dienst beitragen? Es geht dabei nicht nur um das Rückkehrengagement, 55 Müller, Zur subjektiven Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement sondern generell um das Engagement der Freiwilligen. In Kapitel 5 werden – aus den Erkenntnissen der oben genannten Studien abgeleitet – die Stärken der Kombination aus entwicklungspsychologischer und biographieanalytischer Perspektive für die Erforschung der subjektiven Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement aus der Sicht ehemaliger Freiwilliger zusammengefasst. Die hier vorliegenden Überlegungen sind Teil meines laufenden Dissertationsprojektes,1 das ebenfalls in Kapitel 5 kurz vorgestellt wird. Im Rahmen meiner Recherche zu internationalem freiwilligem Engagement bin ich sehr schnell auf die Schriftenreihe Interdisziplinäre Studien zu Freiwilligendiensten und die darin publizierten Autor*innen gestoßen, wie beispielsweise Haas (2012), sowie – über die Schriftenreihe hinaus – auf weitere wissenschaftliche Publikationen zu Freiwilligendiensten zum Beispiel von Fischer (2011), Mangold (2014) sowie Fischer und Haas (2018). Die hier vorgestellten Studien gehen maßgeblich auf die Lektüre dieser Arbeiten sowie deren Quellen zurück. 2. Das Engagement nach dem Dienst in Zahlen Die vier ausgewählten Studien zu Weltwärts erfassen das Engagement nach dem Dienst überwiegend mittels quantitativer Methoden.2 Drei der Studien wurden im Rahmen des Qualitätssystems von Weltwärts von unabhängigen Gutachter*innen bzw. Evaluierungsinstituten durchgeführt (uzbonn 2018; Polak/Guffler/Scheinert 2017; Stern u. a. 2011). Die vierte Studie (Freudenberg u. a. 2017) entstand im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Zeppelin Universität. In der jährlichen Freiwilligenbefragung zum Weltwärts-Programm werden mittels Fragebögen jeweils die Freiwilligen befragt, die in dem entsprechenden Jahr ihren Dienst beendet haben. Bei der Befragung von 2017 wurden die Daten von 2.147 Freiwilligen ausgewertet (uzbonn 2018: 2). Die meisten der Befragten hatten den Freiwilligendienst direkt nach der Schule angetreten und waren zum Zeitpunkt der Befragung durchschnittlich 19 Jahre alt (uzbonn 2018: 2 f.). In der Freiwilligenbefragung wurde unter anderem nach dem aktuellen Engagement sowie der Engagementbereitschaft der Rückkehrer*innen gefragt. Engagement wird definiert als „jegliche Tätigkeit, die nicht auf Bezahlung basiert, sondern auf die Förderung des Gemeinwohls ausgerichtet ist – und nicht nur auf den entwicklungspolitischen Bereich beschränkt [ist]“ (uzbonn 2018: 17). Folgende Ergebnisse wurden festgehalten: Von den Rückkehrer*innen haben sich 39 Prozent zum Zeitpunkt der Befragung freiwillig engagiert. 46 Prozent der Befragten gaben an, 1 Arbeitstitel: „Die Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement für ehemalige Freiwillige aus entwicklungspsychologischer Perspektive“. 2 Auch wenn in zwei Evaluierungen (Polak/Guffler/Scheinert 2017; Stern u. a. 2011) zusätzlich Interviews bzw. Gruppendiskussionen angewandt wurden, stützen sich die meisten hier aufgeführten Ergebnisse auf die Fragebogen-Erhebungen. 56 Lernen und Bildung sich zukünftig sehr sicher bzw. wahrscheinlich zu engagieren (uzbonn 2018: 17). Die Verfasser*innen der Evaluierung interpretieren dies insgesamt als positiv. Allerdings kann hier angemerkt werden, dass von der Engagementbereitschaft nicht ohne Weiteres auf das tatsächliche Engagement geschlossen werden kann, wie Fischer (2011: 62) bereits herausgestellt hat. Differenziertere Ergebnisse liefert die vom Deutschen Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (DEval) durchgeführte Evaluierung, bei der unter anderem die Wirkungen des Weltwärts-Programms auf die Freiwilligen im Mittelpunkt standen (Polak/Guffler/Scheinert 2017: vii). Zur Erfassung des Engagements der Rückkehrer*innen in Deutschland wurde das Engagement vor dem Dienst mit dem Engagement danach verglichen. Dafür wurden die Daten von insgesamt 2.829 ausreisenden Freiwilligen sowie Rückkehrer*innen ausgewertet (Polak/Guffler/Scheinert 2017: 25; 89 f.). Durch einen Vergleich mit der bevölkerungsrepräsentativen Zielgruppe wird deutlich, dass Weltwärts-Freiwillige schon vor dem Freiwilligendienst deutlich engagierter sind als Personen, die keinen Freiwilligendienst leisten. Zwischen dem Engagement der Freiwilligen vor dem Dienst und dem Engagement danach konnte kein zahlenmäßiger Unterschied festgestellt werden. Es ändert sich aber die Art des Engagements der Freiwilligen, das nach dem Dienst tendenziell mehr Bezug zu entwicklungspolitischen Themen aufweist (Polak/Guffler/Scheinert 2017: 90 f.). Freudenberg u. a. (2017) haben in ihrer Studie mittels Online-Fragebögen ehemalige Weltwärts-Freiwillige befragt, die im Durchschnitt 23 Jahre alt waren (Freudenberg u. a. 2017: 179 ff.). Es wurden Daten von 389 Personen ausgewertet. Die meisten studierten zum Zeitpunkt der Befragung. Freudenberg u. a. ermitteln einen Rückgang des Engagements von 82 Prozent vor dem Dienst auf 72,2 Prozent nach dem Dienst. Als Gründe, sich nicht zu engagieren, nannten die Freiwilligen unter anderem Zeitmangel (Freudenberg u. a. 2017: 180 ff.). Die Autor*innen der Studie weisen in ihrer zusammenfassenden Erörterung auf die Zeit unmittelbar nach dem Dienst hin, in der viele der Freiwilligen mit einem Wechsel zum Studienort beschäftigt sind und dadurch Engagement möglicherweise erschwert wird (Freudenberg u. a. 2017: 187). Ein Ziel der Evaluierung von Stern u. a. war ebenfalls die Überprüfung von Wirkungen des Weltwärts-Programms (Stern u. a. 2011: 1). Es lagen insgesamt 4.890 ausgefüllte Online-Fragebögen von aktuellen und ehemaligen Freiwilligen vor (Stern u. a. 2011: 2). Für den vorliegenden Artikel ist besonders eines ihrer Ergebnisse grundlegend: Sie konnten feststellen, dass sich das Engagement der Weltwärts-Rückkehrer*innen im Laufe der Zeit leicht erhöht hat. In einem Zeitraum von 14 Monaten nach der Rückkehr waren 61 Prozent der Rückkehrer*innen engagiert. Nach 14 Monaten stieg das Engagement auf 69 Prozent an (Stern u. a. 2011: 73). Ähnlich wie Freudenberg u. a. kommen auch Stern u. a. (2011: 73) zu der 57 Müller, Zur subjektiven Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement Erklärung, dass die neue Lebensphase und die damit verbundenen Änderungen wie ein Umzug für das Engagement der Rückkehrer*innen hinderlich sein können, auch wenn diese sich engagieren möchten. Aus den oben genannten Studien kann abgeleitet werden, dass das Engagement der Weltwärts-Freiwilligen nach dem Dienst im Vergleich zu ihrem Engagement vor dem Dienst zahlenmäßig nicht zunimmt bzw. (vorläufig) sogar etwas zurückgehen kann. Es gibt außerdem Anzeichen dafür, dass sich die Anforderungen der Lebensphase, in der sich die Freiwilligen nach dem Dienst häufig befinden, zumindest kurzfristig negativ auf eine Fortführung ihres Engagements auswirken. Dies wird durch die Ergebnisse der oben bereits erwähnten Studie von Kühn (2015) bestätigt. In den Erzählungen der Befragten nach dem Dienst hat Engagement aufgrund anderer anstehender Aufgaben wie der Berufswahl oder der Wohnungssuche nur eine geringe Priorität (Kühn 2015: 177). Bei Mundorf gibt zwar ein Großteil der Befragten in den Kurzfragebögen an, in Kirchengemeinden ehrenamtlich aktiv zu sein, in den Interviews selbst gehen die befragten ehemaligen Freiwilligen aber nur in einigen wenigen Fällen auf ihr Engagement nach dem Dienst ein, sodass darüber wenig ausgesagt werden kann (Mundorf 2000: 115 f.). Eine entwicklungspsychologische Sicht, die im Folgenden ausgeführt wird, kann weitere Erklärungsmöglichkeiten für den in Zahlen geschilderten Verlauf des Engagements liefern. 3. Eine entwicklungspsychologische Betrachtung von freiwilligem Engagement im aufkommenden und jungen Erwachsenenalter Wie oben gesehen, sind die Weltwärts-Freiwilligen bei ihrer Rückkehr durchschnittlich um die 20 Jahre alt. Aus entwicklungspsychologischer Perspektive markiert dieses Alter die Grenze zum jungen Erwachsenenalter, das sich circa bis zum 30. Lebensjahr erstreckt.3 Da ein Großteil der Freiwilligen nach dem Freiwilligendienst studiert, liegt es nahe, dass hier die Phase der Emerging Adulthood („aufkommendes Erwachsenenalter“) zutrifft, die von Arnett (2000) geprägt wurde (Freund/Nikitin 2012: 263 f.). Diese Phase zwischen Adoleszenz und Erwachsenenalter bezieht sich auf das Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Sie zeichnet sich durch ein hohes Maß an Exploration verschiedener Möglichkeiten und einer weitgehenden Unabhängigkeit von sozialen Erwartungen aus (Arnett 2000: 469). Dem Autor zufolge findet in dieser Phase, neben der Adoleszenz, ein Großteil der Identitätsentwicklung statt (Arnett 2000: 473). Auf die positiven Auswirkungen von gesellschaftlichem Engagement auf die Identitätsentwicklung von Jugendlichen wurde bereits in mehreren Studien hingewiesen 3 Über die Schwierigkeiten einer genauen Zuordnung von Lebensphasen zu einem bestimmten Alter siehe Freund und Nikitin (2012: 260). 58 Lernen und Bildung (Überblick in Buhl/Kuhn 2005). Es ist anzunehmen, dass auch in der Phase der Emerging Adulthood freiwilliges Engagement als Möglichkeit des sich Ausprobierens weiterhin Bestand im Leben der Freiwilligen haben wird, wenn auch die Ausrichtung möglicherweise eine etwas andere sein wird. Während für Jugendliche unter anderem die Ablösung vom Elternhaus bzw. Selbstfindung und berufliche Orientierung wichtige Motive für die Teilnahme an einem internationalen Freiwilligendienst sind (Krettenauer/Gudulas 2003: 225 f.), dienen Praxiserfahrungen4 Älteren zum Beispiel zielgerichteter als Vorbereitung auf den zukünftigen Beruf (Arnett 2000: 473 f.), aber auch ganz generell dem Sammeln unterschiedlicher Erfahrungen (Arnett 2000: 474). Eine Konsequenz dieser Phase ist, dass die für das junge Erwachsenenalter typischen Entwicklungsaufgaben5 wie Aufbau einer Partnerschaft, Familiengründung sowie der Einstieg in das Berufsleben in eine spätere Phase verschoben werden. Dies führt dazu, dass sich die eigentliche Phase des jungen Erwachsenenalters verkürzt und umso fordernder wird. Daher wird sie auch als „Rushhour“ des Lebens bezeichnet (Freund/Nikitin 2012: 264;281). Für freiwilliges Engagement ist in dieser Phase dementsprechend wenig Zeit. Olk hat bereits auf diesen Zusammenhang zwischen den Anforderungen in dieser Phase und dem Rückgang von Engagement hingewiesen (2010: 648). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es aus entwicklungspsychologischer Sicht eine ideale Passung zwischen den Bedürfnissen von Jugendlichen hinsichtlich Identitätsentwicklung und den Angeboten eines internationalen Freiwilligendienstes zu geben scheint. Weiterhin ist anzunehmen, dass auch in der darauffolgenden Phase, der Emerging Adulthood, freiwilliges Engagement als Möglichkeit des sich Ausprobierens im Leben der Freiwilligen Bestand haben wird. Ein Rückgang des Engagements wäre dann nur temporär. Dies entspricht auch den Zahlen des Freiwilligensurveys, wonach die Gruppe der 20- bis 24-Jährigen ähnlich stark engagiert ist wie die Gruppe der 14- bis 19-Jährigen, die sich zahlenmäßig gemessen an der in Deutschland lebenden Bevölkerung insgesamt am meisten engagieren. Die beiden darauffolgenden Gruppen der 25- bis 29-Jährigen sowie der 30- bis 34-Jährigen allerdings engagieren sich im Vergleich merklich weniger6 (Vogel u. a. 2017: 103 f.). Einen weiteren Einblick in mögliche Gründe für die Fortführung oder die Aufgabe von Engagement geben biographieanalytische Studien. Dies wird im Folgenden ausgeführt. 4 Arnett bezieht sich hier nicht explizit auf freiwilliges Engagement. 5 Mit Entwicklungsaufgaben sind „in einem bestimmten sozial-kulturellen Kontext geteilte soziale Erwartungen, was man zu einem bestimmten Alter tun und erreichen sollte“ (Freund/Nikitin 2012: 262 f.) gemeint. Freund und Nikitin gehen auf die soziologische Kritik an Entwicklungsaufgaben ein, betonen aber auch deren breite Gültigkeit (2012: 263). 6 Es wird dort auf weitere Faktoren wie bspw. Geschlecht und Bildung eingegangen, die auch im Dissertationsprojekt der Autorin dieses Artikels näher betrachtet werden. In diesem Beitrag steht allerdings das Alter im Vordergrund. 59 Müller, Zur subjektiven Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement 4. Freiwilliges Engagement über die gesamte Biographie hinweg Der Verlauf von Engagement im Erwachsenenalter bzw. über die gesamte Biographie hinweg wurde in mehreren Studien betrachtet, von denen zwei im Folgenden vorgestellt werden. Auch wenn es in diesen Arbeiten nicht spezifisch um Freiwilligendienste geht, können daraus dennoch wichtige Erkenntnisse für die Entwicklung von Engagement nach dem Dienst abgeleitet werden. Jakob hat in ihrer Studie ehrenamtliches Engagement als Teil der Biographie analysiert und dazu mit elf ehrenamtlich tätigen Personen autobiographisch-narrative Interviews geführt. Die Befragten waren zwischen 25 und 75 Jahre alt, wobei die meisten über 40 waren (Jakob 1993: 30 ff.). Das Ergebnis ihrer Studie sind fünf verschiedene Typen ehrenamtlichen Engagements. Bei allen bis auf einen Typ ist das Engagement für die Befragten sinn- und identitätsstiftend (Jakob 1993: 226). Für den vorliegenden Artikel sind zwei Typen von besonderem Interesse: „Soziale Ehrenamtlichkeit als Instrument der Suche nach biographischer Orientierung“ und „Die Realisierung eigener biographischer Themen mit ehrenamtlichen Tätigkeiten“ (Jakob 1993: 118 ff.). Beide Typen zeichnen sich durch ausgeprägte Wandlungsprozesse in der Biographie aus (Jakob 1993: 232 f.). Unter Bezug auf soziologische Theorien stellt Jakob dar, wie sich Umbrüche kultureller und sozialer Art auf das Leben und somit auch das ehrenamtliche Engagement der Befragten auswirken (Jakob 1993: 272 ff.). Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Ehrenamt durch Biographisierungsprozesse nicht mehr selbstverständlich ein Leben lang ausgeführt wird, sondern je nach Lebensphase „für die Realisierung selbstbezogener Aspekte in Anspruch genommen [wird]“ (Jakob 1993: 281 f.). Ihr zufolge ist eine der zentralen Voraussetzungen für die Aufnahme bzw. Fortführung von Engagement, wie es auf die beiden oben genannten Typen zutrifft, die „biographische Passung“ (Jakob 1993: 281). In drei der unter Kapitel 2 genannten Studien (Freudenberg u. a. 2017; Kühn 2015; Stern u. a. 2011) wird darauf hingewiesen, dass die Zeit nach dem Dienst für die Freiwilligen häufig mit einem Wechsel des Wohnorts verbunden ist. Es kann also davon ausgegangen werden, dass auch die Biographien der Freiwilligen eher durch Flexibilität und Wandel als durch Kontinuität geprägt sind. Im Mittelpunkt der qualitativen Arbeit von Benedetti (2015) steht die Frage nach der Relation von Erwerbsarbeit und gesellschaftlichem Engagement. Dies ist für den vorliegenden Beitrag insofern von Interesse, als dass, wie oben dargestellt, die berufliche Festigung eine wichtige Aufgabe im jungen Erwachsenenalter ist. Benedettis Arbeit zugrunde liegen die Daten von sieben Personen, von denen sechs Personen im Abstand von 20 bis 25 Jahren mittels offen-narrativer, thematisch 60 Lernen und Bildung fokussierter Doppelinterviews befragt wurden (Benedetti 2015: 92 ff.).7 Eine wichtige Erkenntnis der Arbeit betrifft die Dynamizität gesellschaftlichen Engagements, die sich aus der starken Abhängigkeit von individuellen und gesellschaftlichen Kontexten ergibt. Diese umfassen unter anderem die bildungsbiographische Orientierung, zeitliche und physische Ressourcen, aktuelle Diskurse sowie soziale und politische Gruppierungen (Benedetti 2015: 376 f.). Die Befragten hatten zum Zeitpunkt des zweiten Interviews weder die gleiche Arbeit noch das gleiche Engagement wie beim ersten Interview inne. Die hohe Veränderbarkeit der Relation von Erwerbsarbeit und Engagement kann auch zu einer Veränderung der subjektiven Bedeutung des gesellschaftlichen Engagements im Laufe der Zeit führen. Als existenziell wahrgenommene Engagementmöglichkeiten wurden in der Retrospektive nicht mehr als solche wahrgenommen (Benedetti 2015: 386 ff.). Beiden Studien ist zu entnehmen, dass sich freiwilliges Engagement im Verlauf der Biographie einer engagierten Person stetig wandelt und das Fortführen von Engagement von vielen unterschiedlichen individuellen und gesellschaftlichen Aspekten abhängt. Um mehr über die subjektive Bedeutung von Engagement und die Entwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg herauszufinden, ist eine biographische Betrachtung daher sehr aufschlussreich. 5. Fazit und Ausblick Während also eine entwicklungspsychologische Perspektive den Blick für bestimmte Lebensphasen und deren sozial erwartete Anforderungen sowie persönliche Entwicklungsprozesse schärft, bietet ein biographischer Ansatz Möglichkeiten, um auch individuelle Themen zu erfassen, die gegebenenfalls aus weiter zurückliegenden Lebensabschnitten herrühren, aber mit dem Engagement in Verbindung stehen. Das Anliegen dieses Beitrags ist es aufzuzeigen, dass eine Kombination aus entwicklungspsychologischer und biographieanalytischer Betrachtung des Engagements der Freiwilligen dazu beiträgt, mehr über die subjektive Bedeutung von Engagement für die Freiwilligen herauszufinden und damit auch über mögliche Gründe, warum Engagement beibehalten oder (vorübergehend) beendet wird. Dies kann weitere Erkenntnisse liefern, wie Engagement nach dem Dienst noch gezielter unterstützt werden kann. Gerade für die Zeit unmittelbar nach dem Dienst, aber auch im Hinblick auf eine Entwicklung des Engagements über Jahre hinweg kann dies Anhaltspunkte bieten in Bezug auf zum Engagement konkurrierende Prioritäten. Die Umbruchsituation zum Beispiel durch einen Umzug kann ein Aspekt sein, warum Engagement aufgegeben wird. Sollte es für die Person aber beispielsweise eine biographisch wichtige Rolle 7 Die Interviews stammen aus dem Gesamtsample des DFG-Forschungsprojektes "Prekäre Kontinuitäten" (Benedetti 2015: 29 ff.). Ein Kriterium der Auswahl der Interviews war die Thematisierung von gesellschaftlichem Engagement im Erwachsenenalter (Benedetti 2015: 93 f.). 61 Müller, Zur subjektiven Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement spielen, so wird sie sich auch nach einem Umzug gegebenenfalls in veränderter Form weiter engagieren. Die Kombination beider Perspektiven verspricht folglich ein umfassendes Bild von Engagement aus der Innenperspektive der Freiwilligen und stellt somit eine Bereicherung zum aktuellen Stand der Forschung dar. Eine empirische Untersuchung der hier dargestellten theoretischen Erkenntnisse erfolgt im Rahmen meines derzeit laufenden Dissertationsprojektes. Zur Erfassung subjektiver Bedeutungen von Engagement sowie von Entscheidungen für oder gegen die Fortführung von Engagement und möglicher Konflikte diesbezüglich habe ich mittels biographisch-narrativer Interviews in Anlehnung an Schütze (2016) bisher elf ehemalige Freiwillige nach ihrer Lebensgeschichte, mit Fokus auf ihr Engagement, befragt.8 Neben Freiwilligendiensten im Ausland beschäftige ich mich auch mit internationalem Engagement im Hochschulkontext und in internationalen Hilfsorganisationen. Die Dauer des Auslandsaufenthaltes der befragten Freiwilligen variiert zwischen drei Wochen und eineinhalb Jahren. Gemeinsam ist allen Befragten, dass sie zum Zeitpunkt des Interviews bereits berufstätig waren. Das Durchschnittsalter liegt zwischen Ende 20 und Anfang 30. Eine systematische Analyse der geführten Interviews wird aktuell durchgeführt. Literaturverzeichnis Arnett, Jeffrey J. (2000): Emerging adulthood. A theory of development from the late teens through the twenties, in: American Psychologist, 55. Jg., Heft 5, S. 469 480. Benedetti, Sascha (2015): Engagement, Biographie und Erwerbsarbeit. Eine biographieanalytische Studie zur subjektiven Bedeutung gesellschaftlichen Engagements, Wiesbaden. Buhl, Monika und Hans-Peter Kuhn (2005): Erweiterte Handlungsräume im Jugendalter: Identitätsentwicklung im Bereich gesellschaftlichen Engagements, in: Entwicklung in sozialen Beziehungen. Heranwachsende in ihrer Auseinandersetzung mit Familie, Freunden und Gesellschaft, hrsg. von Beate H. Schuster, Hans-Peter Kuhn und Harald Uhlendorff, Stuttgart, S. 217–237. Fischer, Jörn (2011): Freiwilligendienste und ihre Wirkung – Vom Nutzen des Engagements, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 61. Jg., Heft 48, http://www.bpb.de/apuz/59669/freiwilligendienste-und-ihre-wirkung-vom-nutzen-des-engagements?p=all (22.02.2019). Fischer, Jörn und Benjamin Haas (2018): „Prägende Erfahrungen“ – und dann? Internationale Freiwilligendienste und das Engagement danach, in: Sozial Extra, 42. Jg., Heft 2, S. 51–54. Freudenberg, Nora, Sophia Gläser, Julian Kohlruss, Pius Ohr und Louisa-Madeline Singer (2017): Das Engagement danach – Einflussfaktoren aus dem Freiwilligendienst am Beispiel von weltwärts, in: Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste, 5. Jg., Heft 2, S. 172–190. Freund, Alexandra M. und Jana Nikitin (2012): Junges und mittleres Erwachsenenalter, in: Entwicklungspsychologie, 7. Aufl., hrsg. von Wolfgang Schneider, Ulman Lindenberger, Weinheim-Basel, S. 259–282. 8 Details zum methodischen Vorgehen finden sich in Müller (2019). 62 Lernen und Bildung Haas, Benjamin (2012): Ambivalenz der Gegenseitigkeit. Reziprozitätsformen des weltwärts- Freiwilligendienstes im Spiegel der Postkolonialen Theorie, Köln. Jakob, Gisela (1993): Zwischen Dienst und Selbstbezug. Eine biographieanalytische Untersuchung ehrenamtlichen Engagements, Opladen. Krettenauer, Tobias und Niki Gudulas (2003): Motive für einen Freiwilligendienst und die Identitätsentwicklung im späten Jugendalter: Eine empirische Untersuchung zur Lebenslaufcharakteristik „neuen sozialen Engagements“, in: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 35. Jg., Heft 4, S. 221–228. Kühn, Hannah M. (2015): Da entwickelt sich was! Individuelle Lernprozesse im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst “weltwärts” in Benin, Köln. Mangold, Katharina (2014): Inbetweenness als Möglichkeit transnationaler Wissensproduktion? Junge Erwachsene im Internationalen Freiwilligendienst – zwischen Herstellung von Stereotypen und transnationalem Wissen, in: Orte transnationaler Wissensproduktion. Sozial- und kulturwissenschaftliche Schnittmengen, hrsg. von Désirée Bender, Annemarie Duscha, Tina Hollstein, Lena Huber, Kathrin Klein-Zimmer und Caroline Schmitt, Weinheim-Basel, S. 128–152. Mundorf, Margret (2000): Christliche Freiwilligendienste im Ausland: Lernprozesse und Auswirkungen auf die Lebensentwürfe junger Menschen. Eine qualitative Studie, Münster. Müller, Franziska (2019): Using a Qualitative Research Approach to Investigate Identity Development in the Context of International Volunteering Experience, in: Diversity in Qualitative Research, 2., erw. Aufl., hrsg. von Günter L. Huber, Tübingen, S. 31-46, http://www.qualitative-psychologie.de/NEXUS/nexus-vol15.pdf (14.02.20). Olk, Thomas (2010): Bürgerschaftliches Engagement im Lebenslauf, in: Soziale Lebenslaufpolitik, hrsg. von Naegele, Gerhard, Wiesbaden, S. 637–672. Polak, Tobias, Kerstin Guffler und Laura Scheinert (2017): weltwärts-Freiwillige und ihr Engagement in Deutschland, Deutsches Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (DEval), Bonn, https://www.deval.org/files/content/Dateien/Evaluierung/ Berichte/2018/DEval_weltwaerts_Bericht_DE_web_links_final.pdf (22.02.2019). Schütze, Fritz (2016): Biographieforschung und narratives Interview, in: Sozialwissenschaftliche Prozessanalyse. Grundlagen der qualitativen Sozialforschung, hrsg. von Werner Fiedler und Heinz-Hermann Krüger, Opladen-Berlin-Toronto, S. 55–73. Stern, Tobias, Jan O. Scheller, Juliane Feix, Judith Käser-Erdtracht, Matias Krämer d’Oliveira, Katharina Plutter, Lennart Raetzell und Grit Würmseer (2011): Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst „weltwärts“, Band I: Hauptbericht. Unveröffentlichter Evaluierungsbericht, Bonn. Uzbonn (2018): Ergebnisse der Freiwilligenbefragung 2017 zum weltwärts-Programm, www. weltwaerts.de/de/publikation-detail.html?id=424 (22.02.2019). Vogel, Claudia, Christine Hagen, Julia Simonson und Clemens Tesch-Römer (2017): Freiwilliges Engagement und öffentliche gemeinschaftliche Aktivität, in: Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014, hrsg. von Julia Simonson, Claudia Vogel und Clemens Tesch-Römer, Berlin, S. 85–147. Weltwärts (2019): Programm: Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst stellt sich vor, www.weltwaerts.de/de/programm.html (22.02.2019). 63 Krisenhafte Lernprozesse im Entwicklungspolitischen Freiwilligendienst: Scheitern als Chance für Globales Lernen Sonja Richter Consultant I Globalcation – Research and Consulting on Global Education sonja.richter@globalcation.de Zusammenfassung Dieser Beitrag stellt zentrale Ergebnisse einer qualitativ-empirischen Studie zur Qualität von Lernprozessen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten vor. Der Fokus liegt hierbei auf nicht-intendierte Lernwirkungen, die konträr zu den jeweiligen Programmzielen im Sinne Globalen Lernens sind: Der als egoistisch betitelte Selbstbezug der Lernenden sowie die Verstärkung von rassistischen und stereotypischen Denkmustern gegenüber das Fremde. Die empirischen Befunde der Studie zeigen jedoch auf, dass diese negativ konnotierten Wirkungen einen wichtigen Zwischenschritt zu fundierten Lernprozesse Globalen Lernens, die in der Reflexionsphase nach der Programmteilnahme passieren, sein können. Schlagwörter: Freiwilligendienst, Weltwärts, Globales Lernen, Lernprozesse Abstract This article presents results of a qualitative-empirical study on the quality of learning within volunteer services in the Global South. It focuses on unintended learning effects which do not go along with the respective program objectives like global learning: The self-orientation while experiencing difference and the reinforcement of racist and stereotypical patterns of thinking. However, the empirical findings of the study do show that these negative connotated effects can be an important and intermediate step towards a well-founded global learning process, which might occur after the service in the reflection phase. Keywords: Volunteer Service, Weltwärts, Global Learning, Learning Processes 1. Einführung: Lernen im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst Die Frage des Lernens in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten steht in Deutschland spätestens seit der Überarbeitung der Förderlinie des Weltwärts-Programms im Zentrum der Diskussion um die Wirkung solcher Freiwilligendienstprogramme. Das ursprüngliche Motto des Programms „Lernen durch tatkräftiges Helfen“ (BMZ 2007: 4) wurde durch das Paradigma eines „Bildungsdienst[es]“ ersetzt, der „umfassende Möglichkeiten des Globalen Lernens eröffnet“ (BMZ 2014: 3). Dementsprechend soll Weltwärts Weltoffenheit und Toleranz fördern sowie zur Entwicklung von verantwortungsvollen Handlungskompetenzen in der globalen Welt beitragen. Die hierfür notwendige 64 Lernen und Bildung Reflexions- und Abstraktionskompetenz zeigt sich in den Evaluationen nur spärlich – es wird deutlich, dass die Freiwilligen überwiegend linear-kognitiv lernen und ein Verständnis von komplexen Zusammenhängen nur in Ansätzen auftaucht: Empirische Studien zu Lernen im Kontext von studien- und praxisbezogenen Auslandsaufenthalten im Globalen Süden deuten zwar darauf hin, dass Teilnehmende sich als interkulturell kompetent und weltoffener als vor dem Einsatz im Ausland einschätzen (z. B. ZEM 2010; Polak u. a. 2017). Fundierte Hinweise darauf, dass dieses Wissen auf andere fremdkulturelle Kontexte übertragbar ist, sucht man jedoch vergeblich, obgleich dies eine zentrale Zieldimension Globalen Lernens ist. Dementsprechend stellt die Programmevaluation „Weltwärts-Freiwillige und ihr Engagement in Deutschland“ fest, dass die Freiwilligen zwar Wissen über das Gastland oder eine Fremdsprache erwerben, dieses aber nicht auf andere Kontexte übertragen (Polak u. a. 2017: 62; 72 ff.). In diesem Zusammenhang muss auch auf die Aussagekraft einiger Studien hingewiesen werden, welche aufgrund der evaluationsbasierten Methodik eingeschränkt ist. Vorrangiges Ziel von Programmevaluationsstudien ist es, die jeweiligen Programmziele zu überprüfen. Nicht intendierte Wirkungen, deren potenzielle Existenz außerhalb des gemeinen Vorstellungshorizont liegen, fallen hierbei unter den Tisch. Ein weiterer oft kritisierter Punkt ist die explizite Abfrage von „Lernergebnissen“ bei den Teilnehmenden, sodass das Antwortverhalten von sozialer Erwünschtheit geprägt ist. Die Erkenntnisse der oben erwähnten Studien zeigen somit nicht auf, wie genau Lernprozesse im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „passieren“. Sie berücksichtigen weder die Bedeutung der Bildungsbiografie der Freiwilligen noch die Qualität des Einsatzplatzes. Der Charakter eines komplexen und in großen Teilen unbewussten Vorgangs wie der des Lernens kann in Evaluationen nicht vollständig abgebildet werden. Dieser Beitrag knüpft genau hier an. Nachfolgend werden Ergebnisse einer qualitativ-empirischen Studie vorgestellt, in welcher unterschiedliche Qualitäten von Lernprozessen herausgearbeitet wurden. Es konnte aufgezeigt werden, welche Mechanismen individuelle Lernprozesse im Freiwilligendienst beeinflussen. Mit einem Einblick in die zentralen Ergebnisse dieser Studie und die Bedeutung dieser für die Konzeption von Freiwilligendienstprogrammen ergänzt dieser Beitrag auf den Output fokussierte Evaluationsergebnisse von Freiwilligendienstprogrammen. Im Fokus der Ausführungen stehen hierbei negativ konnotierte Lernphänomene, die üblicherweise nicht den Zielen der Programme entsprechen. Hierzu zählt unter anderem das „Erlernen“ von undifferenzierter Stereotypisierung, rassistischen Vorurteilen oder eine komplette Abwehr des Fremden. Dieser Beitrag zeigt auf, dass diese „negativen Lernergebnisse“ zwar im Rahmen des Programms (erstmal) passieren, aus einer biografisch-systemischen Perspektive 65 Richter, Krisenhafte Lernprozesse im Entwicklungspolitischen Freiwilligendienst heraus betrachtet jedoch die Grundlage für einen tiefgehenden „Prozess Globalen Lernens“1 sein können. 2. Lernqualität verstehen: Eine empirische Studie zur Qualität von Lernen im Freiwilligendienst2 Die empirische Grundlage der in diesem Beitrag vorgestellten Ergebnisse stellen Daten aus 22 narrativ-problemzentrierten Interviews (Schütze 1983; Witzel 1985) mit Rückkehrenden von Freiwilligen aus dem Globalen Norden sowie eine umfassende Kontextanalyse der organisationsbezogenen und individuellen Rahmenbedingungen dar. Ziel der Studie ist die Darstellung möglichst unterschiedlicher Qualitäten von Lernprozessen im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst. Die interviewten ehemaligen Freiwilligen wurden dementsprechend gemäß dem theoretischen Sampling (Glaser/Strauss 1998) mit dem Ziel ausgewählt, ein möglichst diverses Datenmaterial zur Abbildung unterschiedlicher Lernqualitäten zu erhalten. Es umfasst ehemalige Teilnehmende nicht kommerzieller Entsendeprogramme mit dem Anspruch des „Lernens“ und gleichzeitigem Praxisbezug ab einer Aufenthaltsdauer von drei Monaten in einem Land des Globalen Südens. Die Zeitspanne zwischen Rückkehr und Interview (= Reflexionszeit der Erfahrungen) bewegt sich zwischen drei Monaten und zehn Jahren. Die Interviews wurden entsprechend dem narrativen Ansatz als offene Gespräche über Erfahrungen im Kontext der Programmteilnahme geführt, die Kontextanalyse zur Erfassung der Rahmenbedingungen stellt sich als Kombination aus einer Vorabumfrage der Interviewten und einer Desktopstudy dar. Entsprechend dem qualitativen Forschungsparadigma erfolgte die Auswertung des Datenmaterials mit an das Erkenntnisinteresse angepassten Methoden: Im ersten Schritt wurde in einem hermeneutischen inhaltsanalytischen Verfahren herausgearbeitet, was die Teilnehmenden lernen, ob bzw. wie sie das erlebte Fremde in den eigenen Orientierungshorizont integrieren sowie wann und in welchen Situationen diese Integration stattfindet oder nicht. Die Dateninterpretation wurde unter Einbezug der individuellen Bildungsbiografien sowie programm- bzw. organisationsbezogenen Rahmenbedingungen vorgenommen und kommunikativ validiert. Die Ergebnisse dieses Prozesses sind die Basis für den zweiten Auswertungsschritt: In einem abduktiv-zirkulären Prozess, der streng dem Vorgehen der empirisch begründeten Typenbildung nach Kluge (1999) folgte, wurde das Datenmaterial weiter abstrahiert und verdichtet. 1 Globales Lernen vermittelt über ganzheitliche Lernprozesse Bewusstsein und Handlungskompetenz für Individuen im Kontext von Globalisierung vor dem Leitbild globaler Gerechtigkeit. 2 Dieser Beitrag basiert auf Ergebnissen der empirischen Forschung des Dissertationsvorhabens „Zur Qualität von Lernen im Kontext von Freiwilligendiensten im Globalen Süden“ (Arbeitstitel) vor (Richter i.V.; Richter 2018) 66 Lernen und Bildung Als übergeordnetes Ergebnis zeigt sich, dass Lernen im Freiwilligendienst immer im Spannungsfeld von „Selbst“ (= die Persönlichkeit der lernenden Freiwilligen) und „Fremd“ (= das, was die Freiwilligen als subjektiv „fremd“ erleben) passiert. Die Positionierung des Selbst zum Fremden bestimmt hierbei die Qualität des Lernprozesses. Sie lässt sich an zwei Parametern festmachen: Der Lernorientierung (innen vs. außenorientiertes Lernen) sowie dem Weltverständnis (mono- vs. multiperspektivisches Lernverständnis). Die Lernorientierung zeigt sich in ihren Extremen als ein innenorientiertes Lernen, in welchem neue Erfahrungen vor allem mit Bezug auf das Selbst reflektiert werden und wirken. Beim außenorientierten Lernen hingegen erfolgt eine Kontextualisierung des Fremden (auch) im Außen; die Lernwirkung ist ebenfalls (auch) außenorientiert. Ein monoperspektivisches Weltverständnisses zeigt sich in einer einheitlichen Betrachtung des Fremden aus der eigenen Perspektive, die Vorstellung einer anderen Perspektive auf das Fremde existiert nicht, wohingegen ein multiperspektivisches Weltverständnis grundsätzlich davon ausgeht, dass andere Perspektiven auf das Erlebte vorhanden sind (dies impliziert jedoch nicht automatisch die Kompetenz, diese Perspektive einzunehmen). Tabelle 1: Die Diversität von Lernprozessen im Kontext von Freiwilligendiensten im Globalen Süden Lernorientierung Innenorientiertes Lernen Außenorientiertes Lernen Le rn p o te n zi al W el tv er st än d n is (W as k ön ne n si e le rn en ?) Monoperspektivisches Weltverständnis TYP I biografischselbstbezogenes Lernen TYP II biografischkarriereorientiertes Lernen Multiperspektivisches Weltverständnis TYP III Hiatisches Lernen (Lernen im Hiatus zwischen Selbst und Fremd) TYP IV Weltgesellschaftliches Lernen („Globales Lernen“) Quelle: Richter 2018: 18 Die Lernprozesstypen I und II repräsentieren Lernprozesse, in denen das „Selbst“ mit seiner eigenen Biografie gleichzeitig Ausgangspunkt und Ziel von Lernen ist. Die Integration des Fremden in das Selbst geschieht mit dem Ziel, die eigene Persönlichkeit mit Blick auf das Selbst (Typ I biografisch-selbstbezogenes Lernen) oder mit Orientierung auf die Berufslaufbahn (Typ II: biografisch-karriereorientiertes Lernen) zu entwickeln. Mit Blick auf die Zielsetzungen entwicklungspolitischer Freiwilligendienste sind besonders Typ III und Typ IV interessant: das Lernen im Hiatus als Lernen, welches 67 Richter, Krisenhafte Lernprozesse im Entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in der „Lücke“ zwischen Selbst und Fremd als Scheitern der Zielerreichung anzuordnen ist sowie Lernprozesse Globalen Lernens, welche für den Erwerb eines multiperspektivischen, systemischen Verständnisses von globalen Zusammenhängen und somit für eine positive Zielerreichung stehen. Zwei übergreifende Ergebnisse der Studie werden jedoch auf den ersten Blick nicht mit den normativen Zieldimensionen Globalen Lernens in Verbindung gebracht: Der immer im Fokus stehende Selbstbezug, der in allen Lernprozessen entwicklungspolitischer Freiwilligendienste präsent ist und in seiner extremsten Ausprägung in Typ I, dem biografisch-selbstbezogenen Lernen, zeigt; sowie die Entwicklung von stereotypischen Haltungen auf das Fremde, die sich in rassistischen Äußerungen und Meinungen offenbaren. Letzteres Phänomen ist die nach außen sichtbare Wirkung von Lernprozesstyp III durch Überforderung mit dem Fremden und dem nicht überwindbaren Hiatus. Die Ausführungen in den folgenden zwei Kapiteln zeigen, dass diese im Hinblick auf die Programmziele „negativen“ Phänomene dennoch Teil von Lernprozessen Globalen Lernens sind bzw. sein können. 3. Das Selbst: Ursprung und Ziel von Lernprozessen im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst Vor über zehn Jahren hat Tobias Töpfl in der Süddeutschen Zeitung als einer der ersten außerhalb der Freiwilligendienstszene das damals gerade ins Leben gerufene Programm Weltwärts scharf kritisiert: Unter dem vielzitierten Titel „Egotrip ins Elend“ proklamierte er, dass Weltwärts vor allem den Freiwilligen selbst helfen würde und nicht den Menschen an den Einsatzorten (Töpfl 2008). Die Kritik wurde vielfach aufgenommen (z. B. Bandura 2018; Kontzi 2011) und bezog sich insbesondere auf die erste Programmkonzeption, in der das Entwicklungsparadigma im Vordergrund des Aufenthaltes stand und „Helfen vor Ort“ als zentrale Motivation bei den Teilnehmenden verankert war (BMZ 2007). Der Kritikwelle folgte ein Aufschrei in der Freiwilligendienstszene, der als eine Mischung aus Abwehr, Rechtfertigung und Selbstkritik beschrieben werden kann und schließlich in die programmatische Neukonzeption von Weltwärts als Bildungsprogramm mündete (BMZ 2014; 2016). Das „Ego“ in Töpfls Headline kann auf das „Selbst“ der Freiwilligen bezogen werden, denn: Es steht letztendlich für nichts anderes als die individuelle Persönlichkeit der Freiwilligen; für deren individuellen Werte und Einstellungen und somit auch für bestimmte Verhaltensweisen dieser. Das Ego ist somit gleichzeitig auch ein zentraler Ansatzpunkt für die Entwicklung eines bestimmten Bewusstseins, Verhaltens oder Handelns – und genau das wollen entwicklungspolitische Freiwilligendienste bei den Teilnehmenden ja beeinflussen. 68 Lernen und Bildung In der empirischen Analyse der hier beschriebenen Forschungsarbeit zeigt sich tatsächlich, dass der Selbstbezug ein zentrales Merkmal von Lernen im Freiwilligendienst ist. Bei allen Fällen im Sample ist das Selbst eine wichtige Bezugsgröße, bei vielen sogar die dominante (vgl. Lerntyp I und II). Das erlebte Fremde wird instrumentalisiert und dient als Spiegelbild zur Reflexion und Entwicklung des Selbst. In der Auswertung der Daten zeigt sich, dass die Voraussetzung für Lernprozesse, in welchen das Fremde auf der Inhaltsebene im Lerngeschehen zum Tragen kommt (und nicht als Medium), ein multiperspektivisches Weltverständnis ist. Im Gegensatz zu den Freiwilligen mit dominantem Selbstbezug zeigt sich bei Freiwilligen mit multiperspektivischen Weltverständnis, dass (1) das Fremde in seiner Qualität sowie (2) die Differenz zwischen dem Selbst und dem Fremden jeweils wahrgenommen werden. Das Potenzial von Lernen durch eine Überwindung von Differenz wird erkannt, das Fremde ist nicht nur Medium, sondern Gegenstand des Lernprozesses. Eine im Sinne Globalen Lernens erfolgreiche Überwindung dieser Differenz zeigt sich im Lernprozesstyp IV „Globales Lernen“: Das Fremde verändert das Selbst auf konstruktive Art und Weise, es hat Einfluss auf Einstellungen und Verhalten. Im hiatischen Lernprozess (Lernprozesstyp III) hat das Individuum zwar genau diesen Anspruch – wird diesem aber nicht gerecht. Das Scheitern am Hiatus – an der Differenz zwischen Selbst und Fremd – führt zwar zu einer Wahrnehmung des Fremden als Gegenstand, dieser wird jedoch schemenhaft wahrgenommen und negativ konnotiert. Hinsichtlich der Lernwirkung bedeutet dies oft, dass die Freiwilligen das erlebte Fremde stereotypisieren und pauschalisieren. Auffallend ist, dass die anvisierten Lernprozesse Globalen Lernens sich bei Lernenden mit verhältnismäßig gefestigter Persönlichkeit zeigen. Freiwillige, die in der Lage sind, das Fremde differenziert und wertfrei zu betrachten, um dann eine Brücke zwischen Selbst und Fremd zur Überwindung der Differenz zu schlagen, greifen auf eine längere Lebenserfahrung zurück. Insbesondere vorangegangene Auslandsaufenthalte und praxisbezogene Erfahrungen spielen hierbei eine bedeutende Rolle. Angehende Weltwärts-Freiwillige können in der Regel auf einen solchen Erfahrungsschatz nicht aufbauen – die Sammlung jener ist ja genau ein Zweck des Programms. Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst Weltwärts ist ein Instrument deutscher Entwicklungspolitik – staatlich gefördert und zivilgesellschaftlich umgesetzt. In der Historie ist das Programm somit bei der vermeintlich altruistischen „Entwicklungshilfe“ verortet. Die Erkenntnis, das Programm fördere „Egotrips“, ist mit diesem Verständnis schwer vereinbar. Rekonstruiert man Lernerfahrungen im Kontext der Freiwilligendienste jedoch unter Einbezug der jeweiligen (bildungs-)biografischen Lebensläufe, zeigt sich 69 Richter, Krisenhafte Lernprozesse im Entwicklungspolitischen Freiwilligendienst ein anderes Bild: Dann dienen genau diese selbstbezogenen Lernerfahrungen als Bezugsquelle für die Einordnung von vergleichbaren oder konträren Erfahrungen weit ab des Freiwilligendienstkontextes. Die selbstorientierte Einordnung des Fremden kann zu einem späteren Zeitpunkt reflektiert und zum Ausgangspunkt für multiperspektivische, globalorientierte Lernprozesse werden. Innenschau und Selbstreflexion sind die Basis für Veränderungen im Außen, im Handeln und Verhalten. Dieser Ansatz wird auch in therapeutischen und persönlichkeitsentwickelnden Beratungsprozessen genutzt. Vor dem Hintergrund der Zielsetzung, Individuen zu differenzierenden, reflektierten Menschen mit einem Bewusstsein über globale Zusammenhänge ausbilden zu wollen, können Erfahrungen im Kontext eines Freiwilligendienstes im Globalen Süden genau hierfür die Grundlage sein. 4. Stereotypisierung und Hierarchisierung: Die Überforderung mit dem Fremden als Teil des Globalen Lernprozesses Entwicklungspolitische Freiwilligendienstprogramme stehen in der Kritik, postkoloniale Strukturen und Machtungleichheiten zu verstärken. Im Rahmen der Programmteilnahme würden die Freiwilligen Interkulturalität nicht differenziert betrachten lernen, sondern durch eine „Strategie des Othering“ (Kontzi 2015: 165 ff., in Anlehnung an Said 1978) das erlebte Fremde aus einer Überlegenheitshaltung heraus stereotypisieren und pauschalisieren. Othering steht für Zuschreibungen der Freiwilligen auf das Fremde und verstärkt aufgrund der bereits vorhandenen Machtungleichheiten die Hierarchisierung zwischen Nord und Süd. Das Phänomen des Othering zeigt sich auch in der hier beschriebenen empirischen Forschung – in den sogenannten hiatischen Lernprozessen (Lernprozesstyp III). Die Freiwilligen scheitern am Umgang mit der Differenz zwischen Selbst und Fremd – genauer gesagt am Anspruch der konstruktiven Integration des Fremden in das Selbst. Ihr Umgang mit der Differenz zeigt sich dann über eine Schematisierung des Fremden anhand einzelner Erfahrungen (Pauschalisierung und Stereotypisierung), die von einer hierarchischen Positionierung des Selbst über das Fremde geprägt ist. Dass diese Prozesse tatsächlich stattfinden, zeigt sich im empirischen Material der hier zugrundeliegenden Studie. Die Bedeutung des Phänomens für Lernprozesse, die über den Freiwilligendienst hinaus gehen, legt eine starke Dichotomisierung zwischen dem Selbst und dem „Anderen“ offen. Ebenso werden auf der Mikroebene Machtungleichheiten durch Hierarchisierung des Selbst über das Fremde reproduziert. Besonders problematisch wird dieses Phänomen vor allem dann, wenn Freiwillige mit diesem Mindset der Programmempfehlung von Weltwärts folgen und im weiteren Sinne in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit aktiv 70 Lernen und Bildung werden, indem sie zum Beispiel über ihre Erfahrungen berichten oder in der Vorbereitung anderer Teilnehmende mitwirken. Die empirische Analyse legt aber auch offen, dass der pauschalisierende und hierarchisierende Umgang mit dem Fremden auch für die Freiwilligen selbst als unbefriedigend empfunden wird und dass genau dieses dekonstruktive Handlungsmuster in Kombination mit dem negativen Gefühl des Scheiterns Ausgangspunkt für weitere, positiv konnotierte Lernprozesse in Richtung Globalen Lernens sind. Stereotypisierung und Hierarchisierung zeigt sich fast immer in Kombination mit Scheitern und Frust, oft auch nur implizit. Die analysierten Interviews sind geprägt von Negativität, nicht nur gegenüber dem Fremden, sondern auch gegen- über sich selbst. Das Gefühl, es „nicht geschafft“ zu haben, den Programmerwartungen nicht gerecht zu werden, frustriert die Freiwilligen (explizit und implizit), denn schließlich haben sie auch an sich den Anspruch, interkulturell kompetent und weltoffen zu werden. Bei genauer Datenanalyse wird deutlich, dass die Freiwilligen das Fremde nicht in böser Absicht mit einem Überlegenheitsdenken pauschalisieren. Die bildungsbiografischen Hintergründe machen einen differenzierten Blick auf das Fremde im Freiwilligendienst aus entwicklungspädagogischer Sicht häufig schlichtweg unmöglich. Fehlende Möglichkeiten, die eigene Reflexionskompetenz vor der Programmteilnahme entsprechend zu entwickeln, führen dazu, dass die Freiwilligen nur schwer Anknüpfungspunkte zwischen dem eigenen Selbst und dem Fremden herstellen können. Es zeigt sich sogar, dass bei Teilnehmenden mit wenig praxisbezogener oder interkultureller Vorerfahrung ein konzeptionell vorgegebenes Bildungsziel hinderlich für ein positiv konnotiertes Lernerlebnis im Freiwilligendienst sein kann! Die Freiwilligen versteifen sich zu sehr auf den Anspruch, „positiv zu lernen“ – wenn dies nicht gelingt, ist die Frustration umso größer. Lernprozesse Globalen Lernens zeigen sich nur in Facetten und auch nur bei den Teilnehmenden, die bereits auf Vorerfahrungen und somit auf eine gewisse Differenzierungs- und Reflexionskompetenz zurückgreifen können. Betrachtet man die Analyseergebnisse mit Fokus auf den Lernprozess nach der Rückkehr, wird allerdings deutlich: In den Fällen, in denen die Teilnehmenden zum Zeitpunkt des Interviews die eigene Stereotypisierung kurz nach dem Dienst reflektieren können, hat ein ganz tief gehender, fundierter Lernprozess stattgefunden: Die ehemaligen Freiwilligen reflektieren ihr Verhalten, ihr „Scheitern“ im Umgang mit dem Fremden. Sie weisen dann eine Differenziertheit in der Betrachtung des Fremden auf, die aus ihnen selbst (und nicht, weil sie es in den Vorbereitungsseminaren vermeintlich gelernt haben) herauskommt. Das Scheitern, die Entwicklung einer stereotypischen Einstellung, kann somit Teil eines ganz 71 Richter, Krisenhafte Lernprozesse im Entwicklungspolitischen Freiwilligendienst fundierten Lernprozesses sein, wenn die entsprechenden Ankerpunkte zur Reflexion dessen nach der Rückkehr vorhanden sind. 5. Fazit Eine ausschließliche Fokussierung auf das Selbst, die Entwicklung von Stereotypen und das Othering offenbaren sich als nicht intendierte Lernwirkungen im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst. Die hier ausgeführten empirischen Ergebnisse legen jedoch auch dar, dass diese im Hinblick auf die Programmziele negativ konnotierten Lernprozesse Ausgangspunkt für Lernen im Sinne Globalen Lernens sein können. Es konnte aufgezeigt werden, dass diese „negativen Wirkungen“ in einem dem Auslandsaufenthalt nachgelagerten Prozess nicht nur überwunden, sondern Ausgangspunkt eines viel tiefer gehenden Lernprozesses sind, der aus den Teilnehmenden selbst herauskommt. Die ehemaligen Freiwilligen können so erfahrungsorientiert lernen, das Fremde differenziert betrachten und die eigene Rolle in globalen Machtverhältnissen reflektieren. Die Relevanz des Selbstbezuges in Lernprozessen zeigt, dass neben organisationalen Rahmenbedingungen vor allem individuelle Bildungsbiografien, die das Selbst und somit die Lernprozesse charakterisieren, von großer Bedeutung für das Lernen im Freiwilligendienst sind. Denn nur über eine Anknüpfung an individuelle Vorerfahrungen, an frühere Lernerfahrungen der Freiwilligen ist es möglich, die Differenz zwischen Selbst und Fremd zu überwinden und das „Andere“ aus einer Multiperspektivität heraus differenziert wahrzunehmen. Für die Konzeption und Umsetzung von Freiwilligendienstformaten in Politik und Praxis bedeuten die hier dargelegten Erkenntnisse zum einen, dass die Zielsetzungen der Förderprogramme entwicklungspolitischer Freiwilligendienste zu ambitioniert formuliert sind. Eine „Verwandlung“ von jungen Menschen mit wenig Lebenserfahrung zu reflektierten, differenzierten Multiplikator*innen für entwicklungspolitische Themen kann ein Freiwilligendienst alleine nicht leisten. Die Teilnahme an einem entsprechenden Programm kann jedoch zu einem Wissenszuwachs führen sowie Reflexionsprozesse anstoßen oder Engagement verstärken. Die Studie unterstreicht, dass Lernen ein komplexer Prozess ist, in welchem Erfahrungen im Kontext eines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes im Globalen Süden vor dem Hintergrund des eigenen Reflexionsrahmens verarbeitet wird. Die besondere Differenz zwischen fremden Erfahrungen und dem Selbst bedingt, dass Lernen auf der Grundlage dieser Erfahrungen in der Regel über mehrere Jahre oder Jahrzehnte andauert. Für die Umsetzung entsprechender Programme empfiehlt es sich unter anderem, die hochgesetzten Erwartungen hinsichtlich des Lernprozesses Typ IV zu überprüfen. Die pädagogische Begleitung sollte auch Scheitern und Frust sowie stereotypisierende Verhaltensweisen erlauben und die Freiwilligen bei der Reflektion 72 Lernen und Bildung dieser individuell unterstützen. Negative Erfahrungserlebnisse im Rahmen der Programmteilnahme sind normal und sollten insbesondere in den Nachbereitungsseminaren wertfrei aufgenommen und adressiert werden. Wünschenswert wäre es, wenn die Nachbereitung Räume eröffnet, in welchen die Freiwilligen beginnen, ihr Scheitern, ihre Haltung zu reflektieren und somit das Ende des Freiwilligendienstes als Beginn (und nicht den Abschluss) eines tiefer gehenden Lernprozess verstehen. Literaturverzeichnis Bandura, Leander (2018): Wer entwickelt hier wen?, in: Der Freitag, online-Ausgabe: www.freitag.de/autoren/lfb/wer-entwickelt-hier-wen (01.05.2019). BMZ – Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (2007): Förderleitlinie zur Umsetzung des entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“, https://www.weltwaerts.de/en/detail.html?id=64&file=files/_media/content/ Dokumente/3_EO/Infomaterial-EO/Foerderleitlinie-weltwaerts.pdf (27.03.2019). BMZ – Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (2014): Förderleitlinie zur Umsetzung des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes weltwärts, Bonn. Kontzi, Kristina (2011): Ich helfe, du hilfst, … ihnen wird geholfen. Der Freiwilligendienst weltwärts reproduziert altbekannte Strukturen, in: Informationszentrum Dritte Welt, Heft 323, S. 40–42. Kontzi, Kristina (2015): Postkoloniale Perspektiven auf „weltwärts“. Ein Freiwilligendienst in weltbürgerlicher Absicht. Zugl.: Lüneburg, Univ., Diss., 2014. 1. Aufl. Baden-Baden. Polak, Jan Tobias, Kerstin Guffler und Laura Scheinert (2018): weltwärts-Freiwillige und ihr Engagement in Deutschland, hrsg. von DEval – Deutsches Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit, Bonn. Richter, Sonja (2018): Lernen zwischen Selbst und Fremd. Zur Qualität von Lernprozessen in Freiwilligendiensten im Globalen Süden, in: ZEP 1/2018, S. 17–22. Richter, Sonja (in Vorbereitung): Zur Qualität von Lernen im Kontext von Freiwilligendiensten im Globalen Süden, Dissertationsvorhaben. Schütze, Fritz (1983): Biographieforschung und narratives Interview, in: Neue Praxis 13. Jg. (3), S. 283–293. Töpfl, Florian (2008): Egotrip ins Elend, in: Süddeutsche Zeitung Magazin, 08.05.2008, http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/24384 (01.04.2010). ZEM - Zentrum für Evaluation und Methoden (2010): Abschlussbericht. Unabhängige Evaluierung des ASA-Programms – beauftragt von InWEnt – Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH, Bonn. 73 Die koloniale Gegenwart und dekoloniale Zukunft transnationaler Entwicklungspolitik Prof. Dr. Daniel Bendix Friedensau Adventist University Daniel.Bendix@thh-friedensau.de Zusammenfassung Die Entwicklungspolitik der BRD ist ein transnationales Unterfangen, ein Zusammenspiel aus Aktivitäten im In- und Ausland. Dabei kann sie sowohl zur Stabilisierung als auch zur Destabilisierung kolonialer Kontinuitäten beitragen. In diesem Beitrag wird empirisch der Frage nach einer kolonialen Gegenwart und dekolonialen Zukunft bundesdeutscher Entwicklungspolitik nachgegangen. Für den ersten Fall wird die Bearbeitung des Themas Bevölkerungsentwicklung untersucht und auf Forschung in Deutschland und Tansania zurückgegriffen. Um die Möglichkeiten einer dekolonialen Zukunft bundesdeutscher Interventionen auszuloten, wird sich dem Bereich der Agrarpolitik zugewendet. Es wird argumentiert, dass eine Aufmerksamkeit für transnationale Verbindungen des kolonialen Erbes vonnöten ist, um dem proklamierten Ziel von Gleichheit und Gerechtigkeit der Entwicklungspolitik näher zu kommen. Schlagwörter: Entwicklungspolitik; transnational; dekolonial; Deutschland; Bevölkerungspolitik; Agrarpolitik Abstract Germany’s development policy is a transnational endeavour, an interplay of activities at home and abroad. It can contribute to stabilising as well as destabilising colonial continuities. This paper empirically examines the question of a colonial present and a decolonial future of German development policy. For the first case, and drawing on research in Germany and Tanzania, it investigates how the issue of demographic development is dealt with. To explore the possibilities of a decolonial future of German interventions, the paper turns to the field of agrarian policy. It is argued that attention needs to be paid to the transnational connections of the colonial legacy in order to come closer to development policy’s proclaimed aim of equality and justice. Keywords: development policy; transnational; decolonial, Germany, population policy, agrarian policy 1. Einleitung Bundesdeutsche Entwicklungspolitik in Bezug auf den Globalen Süden findet nicht nur im Süden statt, sondern auch im Inland. Zu nennen sind diesbezüglich beispielsweise die Öffentlichkeits- und Informationsarbeit von entwicklungspolitischen Organisationen und staatlichen Institutionen, aber auch entwicklungspolitische Bildung in schulischen und außerschulischen Kontexten. Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst Weltwärts ist paradigmatisch für die Verknüpfung von bundesdeutschen Aktivitäten im In- und Ausland. Im Rahmen ihrer Vor- und Nachbereitung 74 Postkoloniale Perspektiven nehmen Weltwärts-Freiwillige an Seminaren zu Globalem Lernen bzw. Bildung für nachhaltige Entwicklung teil; während des Auslandaufenthalt in einem sogenannten Entwicklungsland „engagieren [sie] sich in einem Entwicklungsprojekt und nehmen Erfahrungen mit, die sie ihr ganzes Leben lang begleiten“ (BMZ 2019b); und laut BMZ „engagieren sich die Rückkehrerinnen und Rückkehrer [nach ihrem Auslandsaufenthalt, DB] weiter in der entwicklungspolitischen Arbeit“ und „tragen […] ihre Erfahrungen in die Gesellschaft und leisten über ihren Auslandseinsatz hinaus einen persönlichen Beitrag für eine gerechtere Welt“ (2019a). In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit dem transnationalen Zusammenwirken von bundesdeutscher Entwicklungspolitik im In- und Ausland, mit deren Wechselwirkung und auch Widersprüchlichkeit. Unter Entwicklungspolitik verstehe ich staatliche und nicht-staatliche Anstrengungen – von Initiativen, Einzelpersonen und privatwirtschaftlichen Akteuren –, Veränderungen im Globalen Süden bzw. im Nord-Süd-Verhältnis zu bewirken. Deutschland spielt heute entwicklungspolitisch, aber auch weltwirtschaftlich und geopolitisch eine wichtige Rolle im globalen Gefüge: Die BRD ist die drittgrößte Exportnation, dominiert die Wirtschaftspolitik der Europäischen Union und ist zentral daran beteiligt, die Grenzen der EU gegen Migrant*innen zu schließen. Zudem ist die BRD der weltweit zweitgrößte „Geber“ von „Entwicklungshilfe“. Aufbauend auf Arbeiten, die bundesdeutsche Entwicklungspolitik in ihrer (Dis-) Kontinuität zum Kolonialismus betrachten – konkret in Bezug auf Weltwärts (Haas 2012; Kontzi 2015), aber auch allgemeiner im Bereich Bildung (Bechtum/Overwien 2017; Danielzik 2013) oder Öffentlichkeitsarbeit (Kiesel/Bendix 2010) sowie in ihrer Wirkung im Süden (Bendix 2016) – verfolge ich in einem ersten Schritt die Frage nach den kolonialen Verwicklungen transnationaler Entwicklungspolitik. Es geht dabei, wenn wir uns mit der BRD beschäftigen, um den Umgang mit einer 500-jährigen Kolonialgeschichte, welche die BRD mit den heute als Entwicklungs- und Schwellenländer bezeichneten Gesellschaften verbindet (Friedrichsmeyer/Lennox/Zantop 1998). Die Stärke post- bzw. dekolonialer Kritik besteht darin, sich auf das Zusammenspiel von Wissen und Macht zu konzentrieren. Es wird entsprechend den Nachwirkungen von Kolonialismus „als ein Herrschafts-, Macht- und Ausbeutungssystem und […] als ein Wissens- und Repräsentationssystem“ nachgegangen (Hall 1996: 254). Dabei geht es post- bzw. dekolonialer Kritik in politischer Stoßrichtung immer um die Infragestellung kolonialer Dominanz und um eine Befreiung vom Erbe des Kolonialismus. So erörtere ich in einem zweiten Schritt die Möglichkeiten für eine weniger koloniale oder sogar dekoloniale Entwicklungspolitik. Für den Aspekt der Analyse kolonialer Gegenwart ziehe ich die bundesdeutsche transnationale Bevölkerungspolitik heran. Grundlage sind Interviews mit deutschen Entwicklungsexpert*innen in Tansania und der BRD aus den Jahren 2009 75 Bendix, Die koloniale Gegenwart und dekoloniale Zukunft transnationaler Entwicklungspolitik und 2010 sowie der vom BMZ und der Kultusministerkonferenz herausgegebene Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung. Indem betrachtet wird, wie Fragen von Bevölkerungsentwicklung transnational verhandelt werden, wird das Fortwirken kolonialer Verhältnisse beispielhaft aufgezeigt. Der Frage nach der Möglichkeit einer Dekolonisierung von bundesdeutscher Entwicklungspolitik wird auf der Grundlage von teilnehmender Beobachtung in Mali und Deutschland zu Widerstand gegen Landgrabbing im Jahr 2018 sowie der Analyse entsprechender entwicklungspolitischer Spendenwerbung im Jahr 2017 nachgegangen. Der Bereich der Agrarpolitik ist besonders relevant für die Aussicht auf eine dekoloniale Zukunft, weil darin Fragen des Zugangs zu und Zugriffs auf Land verhandelt werden, welche sowohl im Globalen Norden als auch Globalen Süden immer umkämpfter werden. 2. Die koloniale Gegenwart transnationaler deutscher Bevölkerungspolitik Der Anspruch, die kolonisierten Gesellschaften zu „entwickeln“, war immer Teil von Kolonialismus, wie auch die Teilnehmenden an der Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85 festhielten: „Alle Mächte [...] verpflichten sich, die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen“ (Deutsches Reichsgesetzblatt 1885: 225). Das galt zum Beispiel auch für Fragen von Bevölkerungsentwicklung. Deutsche Kolonisatoren äußerten ab 1900 ihre Besorgnis über einen „Bevölkerungsrückgang“ in den Kolonien (Deutsche Gesellschaft für Eingebornenschutz 1914). Das Ziel, die Bevölkerungsgröße zu erhöhen, war vor allem von der Sicht auf die Kolonisierten als ökonomische Ressource getrieben. Sie sollten ausgebeutet werden, mussten dafür aber eben auch „erhalten“ werden. Einwirkungen auf Bevölkerungsentwicklung sind auch heute Teil deutscher Interventionen im Globalen Süden. Deren Betrachtung ist erhellend für ein Verständnis kolonialer Nachwirkungen in der Entwicklungspolitik. Die BRD ist entwicklungspolitisch im Bereich „reproduktive Gesundheit“ und „Bevölkerungsentwicklung“ aktiv, insbesondere in Afrika (BMZ 2013). Die aus deutscher Sicht zu hohen Geburtenraten in vielen afrikanischen Ländern werden von deutschen Entwicklungsexpert*innen in Interviews als Zeichen für gesellschaftliche Rückständigkeit interpretiert. So äußert sich eine für den Bereich Gesundheit zuständige Mitarbeiterin der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) exemplarisch zu Tansania: Man sieht eben auch, dass die Fertilitätsrate noch unverändert hoch ist, dass der gesamte Kontext in Tansania immer noch sehr konservativ ist, was Frauen anbelangt, […] und damit eben auch eine gewisse Unterdrückung einhergeht. Und insofern ist noch ein großer Nachholbedarf gerade in diesem Bereich in Tansania (Interview mit Mitarbeiterin der KfW, 18.12.2010). 76 Postkoloniale Perspektiven Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) nimmt dabei an, dass der Grund für ihrer Ansicht nach zu hohen Geburtenraten unter anderem hoher ungedeckter Bedarf an Verhütungsmitteln ist. Im konkreten von mir untersuchten Fall von deutscher Entwicklungspolitik in Tansania werden die „Entwicklungsexpert*innen“ damit konfrontiert, dass entgegen ihrer Vorannahme erstaunlicherweise das Interesse oder die Nachfrage an Kontrazeptiva [...] gar nicht so hoch ist. [...] In Tansania ist die Herausforderung [...] was können wir als deutsche EZ [tun], um diese Nachfrage … also das Ministerium und die Zivilgesellschaft dabei zu unterstützen, diese Nachfrage zu generieren (Interview mit Leiter*in der Komponente Reproduktive Gesundheit des Tanzanian-German Programme to Support Health, 19.03.2010). Erst jüngst hat auch die Stiftung Wissenschaft und Politik, der wichtigste deutsche Thinktank für Außen- und Sicherheitspolitik, festgehalten, dass nicht unbedingt ein ungedeckter Bedarf an Verhütungsmitteln, sondern ein zu hoher Kinderwunsch in vielen afrikanischen Ländern als Problem angegangen werden sollte (Angenendt/ Popp 2014: 27). Während mit Verweis auf die Menschenrechte „freie Wahl“ der Kinderzahl propagiert wird, werden Afrikaner*innen als irrational bewertet, wenn sie nicht weniger Kinder haben oder „moderne“ Verhütungsmittel verwenden wollen. Diese kolonial-paternalistischen Diskurse sind von handfesten ökonomischen Interessen begleitet (Bendix/Schultz 2017). Das Pharmaunternehmen Bayer hat beispielsweise zusammen mit USAID die „Contraceptive Security Initiative“ ins Leben gerufen, um Verhütungspillen in Tansania und in weiteren zehn afrikanischen Ländern für wohlhabendere Bevölkerungsschichten im privaten Markt zu etablieren. Die „Contraceptive Security Initiative“ stellt nach Bayer (2011) „einen neuen strategischen Ansatz und einen innovativen Weg zur Erschließung der Märkte in Entwicklungsländern dar“. 2012 gründete Bayer darüber hinaus zusammen unter anderem mit der britischen und US-amerikanischen Regierung das „Jadelle Access Program“. Bayer und die Bill & Melinda Gates Foundation vereinbarten, 27 Millionen Stück des Verhütungsimplantats Jadelle über sechs Jahre hinweg für einen reduzierten Preis für entwicklungspolitische Maßnahmen zur Verfügung zu stellen und verlängerten die Zusammenarbeit kürzlich. Der globale Kontrazeptivamarkt soll sich bis 2020 auf 19,6 Milliarden US-Dollar steigern, was einer Wachstumsrate von jährlich 3,1 Prozent entspricht (Transparency Market Research 2014). Die BUKO Pharma-Kampagne wertet die „Contraceptive Security Initiative“ entsprechend als „Marketinginstrument, um Bayers Position als Weltmarktführer für orale Kontrazeptiva und auch die Marktstellung im Bereich Frauengesundheit zu verteidigen“ (2014: 40). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass heute wie zur Kolonialzeit unterschiedliche deutsche Akteure es als ihre Aufgabe ansehen, die Bevölkerungsentwicklung in Afrika zu beeinflussen, wobei der koloniale Blick mit ökonomischen 77 Bendix, Die koloniale Gegenwart und dekoloniale Zukunft transnationaler Entwicklungspolitik Interessen verquickt ist. Aber die Vorstellung, dass wir uns in Deutschland für Fertilitätsraten und Bevölkerungsentwicklung im Süden interessieren sollten, ist nicht selbstverständlich. So ist es beispielsweise andersherum nicht der Fall – Tansania schickt keine Expert*innen nach Deutschland, um unser Reproduktionsverhalten zu verändern. Der unidirektionale „Entwicklungsblick“ (Escobar 1994: 155) muss im Inland immer wieder geschaffen werden. Hier ist beispielsweise die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) bedeutsam. Sie versucht, die deutsche Gesellschaft von dem Problem einer wachsenden Weltbevölkerung zu überzeugen. Die DSW machte 2011 zum „Tag der Sieben Milliarden“ katastrophistische Aussagen wie die, dass die Zahl der Menschen auf der Erde um 2,6 pro Sekunde, 158 pro Minute, über 225.000 pro Tag oder 83 Millionen pro Jahr wächst (Deutsche Welle 2012). Sie hat auch zwei entsprechende „Weltbevölkerungsuhren“ in Hannover aufgestellt, eine davon ausgerechnet vor dem Zoo. Aber auch in der schulischen und außerschulischen entwicklungspolitischen Bildungsarbeit geht es um das Thema Bevölkerungsentwicklung. Im „Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung“ (KMK/BMZ 2007: 2015) ist einer der zentralen Themenbereiche „demographische Strukturen und Entwicklungen“. Im Teil zum Fach Geschichte wird die Bevölkerungsfrage in den Zusammenhang mit globalen Umweltveränderungen gestellt und vorgeschlagen, „Bedingungen und Folgen des Wachstums der Weltbevölkerung in Vergangenheit und Gegenwart“ zu behandeln (KMK/BMZ 2015: 248). Es wird dabei immer wieder suggeriert, dass die Anzahl der Menschen ein Problem für „Entwicklung“ sei, nicht die Art und Weise, wie der Zugriff auf Ressourcen und Natur durch Kapitalismus und koloniale Ausbeutungsstrukturen organisiert ist (Brand/Wissen 2017). In dem öffentlichen Entwurf des Orientierungsrahmens war das Unterrichtsbeispiel „globale Bevölkerungsentwicklung“ für das Fach Mathematik vorgeschlagen worden. Das Thema wurde dabei folgendermaßen eingeführt: Die unterschiedliche Entwicklung der Weltbevölkerung, ihre schnelle Zunahme in Teilen der Welt aber auch ihre Abnahme und die Alterszunahme in einigen Ländern, stellen eine ernst zu nehmende Herausforderung dar. Die Versorgung mit Nahrung, Trinkwasser, Energie und elementaren Konsumgütern gelingt trotz erheblicher Fortschritte nicht hinreichend. Zudem geht eine Anhebung des Lebensstandards oft direkt oder indirekt zu Lasten der natürlichen Umwelt und damit der Lebensgrundlagen (KMK/BMZ 2014: 235). Während der erste Satz zur Bevölkerungsentwicklung insgesamt in alarmistischer Manier als „ernst zu nehmende Herausforderung“ bezeichnet wird, zeigt der zweite Satz, wohin die Reise geht: Der Blick der Schüler*innen soll in den Süden wandern, denn nur dessen Bevölkerung kann mit Defiziten in der Versorgung mit „Nahrung, Trinkwasser, Energie und elementaren Konsumgütern“ in Verbindung 78 Postkoloniale Perspektiven gebracht werden. Im dritten Satz geht es um das Thema übermäßiger Konsum, aber es bleibt ungeklärt, wie der mit „Abnahme der Bevölkerung und Alterszunahme in einigen Ländern“ und damit mit dem Globalen Norden in Verbindung stehen soll. Insofern kann auch dies nur wieder als Problem von sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern betrachtet werden. Dabei wird nicht reflektiert, wie reduktionistisch eine Perspektive ist, die Bevölkerungsfragen rein quantitativ diskutiert; und dabei bevölkerungspolitische Ideologien und Ungleichheit innerhalb eines globalen, rassialisierten Kapitalismus nicht zum Thema macht. Eine Perspektive auf Entwicklung, die politische, soziale und ökologische Probleme zu demographischen Fragen macht, durchzieht den gesamten Orientierungsrahmen. Anzumerken ist, dass das Unterrichtsbeispiel für das Fach Mathematik unter anderem nach Kritik einer Initiative, die sich „decolonize Orientierungsrahmen!“ (2014) nennt und an der ich mit dem Verein glokal beteiligt war, in der Endfassung von 2015 ersatzlos gestrichen wurde (KMK/BMZ 2015). 3. Die dekoloniale Zukunft deutscher Agrarpolitik Nachdem ich am Beispiel von bevölkerungspolitischen Themen aufgezeigt habe, wie sich eine in kolonialer Kontinuität stehende Entwicklungspolitik nach außen und innen transnational ergänzt und stabilisiert, widme ich mich nun der Frage, inwiefern in den Aktivitäten bundesdeutscher Akteure zur Frage des Zugangs zu Land eine dekoloniale Zukunft durchschimmert. In zahlreichen konkreten Fällen wie auch in bundesdeutschen entwicklungspolitischen Agrarinitiativen wie dem German Food Partnership oder dem Africa Agriculture and Trade Investment Fund wird deutlich, dass die deutsche staatliche Entwicklungspolitik den Interessen von Investor*innen größere Bedeutung zumisst als den von Kleinbäuerinnen und -bauern (Brämer/Ziai 2015). Ein bekanntes Beispiel ist, dass die Bundesregierung die Hamburger Neumann Gruppe zum Nachteil der von der ugandischen Kaweri Kaffeeplantage vertriebenen Landbevölkerung unterstützt (FIAN 2017). Der ehemalige Minister des BMZ, Dirk Niebel, stellte klar: „Die Kaweri Plantage ist die größte deutsche Investition in Uganda und hat [...] das Wohlwollen der deutschen Regierung“ (Lincoln 2013). Die agroindustrielle Produktion bevorzugende Ausrichtung der Bundesregierung wurde im Vorlauf zum G20-Gipfel in Hamburg mit dem „Compact with Africa“ des Finanzministeriums sowie dem „Marshallplan mit Afrika“ des BMZ erneut deutlich (Bernau 2017). Wie wird die Frage von Zugang zu Land nun entwicklungspolitisch der deutschen Öffentlichkeit vermittelt? Üblicherweise werden Menschen aus dem Globalen Süden in der Öffentlichkeitsarbeit und insbesondere der Spendenwerbung von Hilfsorganisationen in kolonialer Weise als hilfsbedürftig und abhängig dargestellt (Kiesel/Bendix 2010). Besonders nach der Krise des Kapitalismus und der damit zusammenhängenden Nahrungsmittelkrise 2007/2008 war allerdings eine 79 Bendix, Die koloniale Gegenwart und dekoloniale Zukunft transnationaler Entwicklungspolitik kurzzeitige Politisierung der Öffentlichkeitsarbeit von entwicklungspolitischen Organisationen zu sehen. So wurde beispielsweise davor gewarnt, mit Lebensmitteln zu spekulieren, womit unsere Lebensweise in direktem Zusammenhang mit der Landwirtschaft und damit der Lebensmittelversorgung von Menschen im Süden gestellt wird (Brot für die Welt 2013a; 2013b). Misereor (2011) startete eine großangelegte Plakataktion mit 100.000 Bildern über ganz Deutschland verteilt. In einem Plakat geht es auch um das Thema Landgrabbing. Hier wird zur Unterstützung von Kämpfen im Süden aufgefordert und ganz explizit die politische Handlungsfähigkeit von Menschen im Süden hervorgehoben. Ich selbst beschäftige mich derzeit mit den Aktivitäten von Afrique-Europe-Interact (AEI), in denen ich eine dekoloniale Zukunft der Entwicklungspolitik aufscheinen sehe. Dieses transnationale Netzwerk setzt sich aus Basisaktivist*innen in Mali, Togo, Guinea, Burkina Faso, Marokko, Deutschland, Österreich und den Niederlanden zusammen. Es wird von Aktivist*innen aus Deutschland koordiniert. Politisch verfolgt AEI zwei Ziele: Einerseits wird die EU- und deutsche Migrationspolitik problematisiert, andererseits wird sich mit den strukturellen Hintergründen von Flucht und Migration und somit der Forderung nach gerechter bzw. selbstbestimmter Entwicklung beschäftigt (AEI 2014). In Mali ist eine der größten Gruppen von AEI aktiv, die kleinbäuerliche Basisgewerkschaft COPON mit mehreren hundert Mitgliedern. Sie hat sich in der malischen Sonderverwaltungszone Office du Niger gegründet. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die französische Kolonialadministration die Idee, den Niger zur Bewässerung eines riesigen Gebiets in der Sahelzone zu nutzen (Coulibaly 2015). Baumwollanbau sollte die heimische Textilindustrie sanieren. Nach der Gründung der gleichnamigen Verwaltungsbehörde „Office du Niger“ in den 1930er Jahren wurden Bäuerinnen und Bauern dorthin zwangsumgesiedelt. Die kolonialen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Frankreich und den zur Arbeit gezwungenen Bewohner*innen von Französisch-Sudan finden heute ihre Fortführung in der Beziehung zwischen malischen Verwaltungs- und Wirtschaftseliten, die bestehende kleinbäuerliche Landwirtschaft als rückständig diskreditieren, und der Landbevölkerung in der Ségou Region (Coulibaly 2015). Die Verwaltungs- und Rechtsstruktur des Office du Niger wird von Aktivist*innen gegen Landgrabbing in Mali als eine Fortführung der kolonialen Landnahme und Zwangsstruktur beschrieben: „Das war ein Komplott des weißen Kolonisators gegen die kolonisierte Bevölkerung. Und es war ein Komplott des schwarzen Kolonisators, der die gleiche Grund- und Bodenordnung des weißen Kolonisators genommen hat und diese gegen seine eigene Bevölkerung angewendet hat“ (Interview mit Aktivist*in und NGO-Mitarbeiter*in am 25.10.2018 in Bamako, Mali). Durch eine Allianz zwischen „bürokratischer Bourgeoisie – also dem Staatsapparat – und der Wirtschaftsbourgeoisie“ aus dem In- und Ausland würden „Bauern 80 Postkoloniale Perspektiven enteignet und unsere Landwirtschaft für den internationalen Markt freigegeben“ (Interview mit Aktivist*in am 19.10.2019 in Bamako, Mali). Es hat aber immer, auch zur Kolonialzeit, kleinbäuerlichen Widerstand gegeben (Coulibaly 2015). Seit der Jahrtausendwende hat es zwischen 2005 und 2008 schon einen Zyklus des Widerstandes gegen Landgrabbing durch die Administration des Office du Niger gegeben, der aber mittels Repression erstickt wurde (Bernau 2012). Die COPON gründete sich als Reaktion auf ein bundesdeutsches Entwicklungsprojekt. Die KfW hatte 2013 und 2014 im Rahmen des Projekts „Siengo Extension“ knapp 1.500 Hektar Ackerland für den Reisanbau erschlossen. Doch ein großer Teil der Flächen wurde von den verantwortlichen Beamt*innen Malis nicht an die hierfür vorgesehenen Familien verteilt, sondern an vermögende Dritte weiterverkauft. Jegliche Verantwortung dafür wies die deutsche Regierung in Gesprächen mit und Briefen an AEI von sich. Deswegen hat AEI zu diesem Fall transnational sowohl in Mali als auch in Deutschland Öffentlichkeitsarbeit gemacht und Protestaktionen organisiert. Das hat unter anderem dazu geführt, dass der Fall nochmals von der KfW untersucht wurde und die malische Administration die Kleinbäuerinnen und -bauern deutlich weniger repressiv behandelt. Der transnationale Druck in Mali sowie auf Entwicklungshilfegeber wie dem BMZ hat nach Aussage von COPON-Mitgliedern dazu geführt, dass die Behörden vorsichtiger und auch nachsichtiger geworden seien, was die Wegnahme von gepachtetem Land angeht (Interviews mit Mitgliedern der COPON im Februar 2018). Somit würden die Aktivitäten von AEI eine Prävention gegen Landgrabbing darstellen. Darüber hinaus hat die Gewerkschaft es mittlerweile erreicht, dass ihr für ihre Mitglieder 200 Hektar Ackerfläche zugesprochen wurden (Interviews mit Mitgliedern der COPON und Aktivist*innen von Afrique-Europe-Interact im Oktober 2018). Nur muss sie selbst für die Erschließung sorgen, was finanziell ein Ding der Unmöglichkeit ist. Deswegen versucht AEI nun, die deutsche Bundesregierung dazu zu bringen, die Kosten dafür zu übernehmen. Die transnationale Praxis von Afrique-Europe- Interact verweist auf eine dekoloniale Zukunft, in der kleinbäuerliche Abhängigkeit von ausländischen und nationalen Eliten verringert und Autonomie gestärkt wird. 4. Ausblick Es sollte bei entwicklungspolitischen Anstrengungen, wenn sie sich – wie auch für den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst Weltwärts der Fall – globaler Gleichheit und Gerechtigkeit und umfassender Dekolonisierung verpflichtet sehen, entsprechend um eine Kritik an „asymmetrischer Globalisierung, ungleichen Machtverhältnissen, und Eliten aus Nord und Süd, die ihre eigenen Annahmen [den Marginalisierten dieser Welt] als universell aufzwängen“ (Andreotti 2006: 47) gehen. Ausgehend von einer auch die Prinzipien der europäischen Aufklärung ernstnehmenden Gleichberechtigung aller Menschen müssten die in der BRD 81 Bendix, Die koloniale Gegenwart und dekoloniale Zukunft transnationaler Entwicklungspolitik vorherrschenden Extraktions-, Produktions- und Konsummuster – die nur einer exklusiven Minderheit dienen, Ausbeutung von Menschen sowie Zerstörung von Natur bedeuten und auf der Fortführung kolonialer Strukturen gründen – beendet werden, anstatt eine wachsende Bevölkerung im Süden für globale Probleme verantwortlich zu machen. Aller Nachhaltigkeitsrhetorik zum Trotz wird allerdings in der deutschen Entwicklungspolitik im In- und Ausland weiterhin nicht die in der BRD vorherrschende imperiale Lebensweise, die auf der Fortführung kolonialer Ausbeutung beruht, als zentrales „Entwicklungsproblem“ in den Blick genommen. Darüber hinaus ist in Bezug auf den Umgang mit dem kolonialen Erbe – neben dem Recht auf globale Bewegungsfreiheit – die Frage von kulturellen und materiellen Reparationen anzugehen. Entwicklungshilfe wird zwar vor allem von Seiten der „Geber“ bisweilen als eine solche Kompensation interpretiert, aber zum einen ist sie in vielen Fällen nicht am Wohl des Großteils der Gesellschaften im Süden orientiert, und zum anderen erfolgt sie mit dem paternalistischen Gestus der Großzügigkeit und nicht als Wiedergutmachung für begangene Verbrechen. Und wie im Fall des kleinbäuerlichen Widerstands in Mali müsste sie sich auch dem Problem stellen, dass sie innergesellschaftliche Ungleichheit stärken kann. Für notwendig erachte ich – auch für die Zukunft des Weltwärts-Programms – transnationale mit innergesellschaftlicher Solidarität zu verbinden: mit von Hartz IV und dem Migrations- und Asylsystem Betroffenen, aber auch beispielsweise mit Bauern und Bäuerinnen in Brandenburg, die ihr Land an Großinvestoren verlieren, oder Mieter*innen, die aus den deutschen Innenstädten verdrängt werden. Literaturverzeichnis Afrique-Europe-Interact (2014): „Kurzpräsentation unseres Netzwerks“, https://afriqueeurope-interact.net/38-0-Unser-Netzwerk.html, 30.01.2019. Andreotti, Vanessa (2006): Soft versus Critical Citizenship Education, in: Policy & Practice: A Development Education Review 3, S. 40–51. Angenendt, Steffen und Silvia Popp (2014): Bevölkerungswachstum, Fertilität und Kinderwunsch. Herausforderungen für die Entwicklungszusammenarbeit am Beispiel Subsahara-Afrikas, in: SWP-Studien, Heft 20. 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Interkulturelle Pädagogik | Akademischer Mitarbeiter am Fachgebiet Interkulturalität UNESCO Chair in Heritage Studies an der BTU Cottbus-Senftenberg | peters@b-tu.de Zusammenfassung Im Beitrag werden Überlegungen zu der spezifischen Zugehörigkeitsposition der entwicklungspolitischen (Freiwilligen-)Mobilität angestellt. Zunächst wird der Frage nachgegangen, was unter Zugehörigkeit genauer zu verstehen ist, um sodann die Zugehörigkeitsposition der (Freiwilligen-)Mobilität historisch zu verorten sowie Kontinuitäten in der Gegenwart aufzuzeigen. Es ergibt sich dann ein Bild der entwicklungspolitischen (Freiwilligen-)Mobilität als eine sich in ihrer Form wandelnde, klassen- und raumbezogene, spezifisch vergeschlechtlichte und rassifizierte Praxis kultureller Distinktion. Schlagwörter: Zugehörigkeitsordnungen; soziale Zugehörigkeit; Entwicklungszusammenarbeit; Rassismus; Kolonialismus; Intersektionalität; Mobilität, Cultural Studies Abstract This contribution theorizes about (voluntary) development mobility as a specific subject position. To this end, the text aims at clarifying the concept of belonging before it traces histories and continuities of its specific subject positon. Against this background, (voluntary) development mobility appears as changing in form, as well as a class and space specific, gendered, and racialized practice of cultural distinction. Keywords: orders of belonging; social belonging; development cooperation; racism; colonialism; intersectionality, mobility, cultural studies 1. Kontingente Zugehörigkeitsordnungen und ungleiche Mobilitäten Ich möchte mit einem Beispiel aus der deutschen Thematisierung von Migration beginnen, bevor ich zu der Frage komme, wie ich Zugehörigkeit in diesem Beitrag verstehe und warum diese Diskussion für ein Verständnis der entwicklungspolitischen (Freiwilligen-)Mobilität1 wichtig ist. Dazu möchte ich mich in aller Kürze der Kategorie „Mensch mit Migrationshintergrund“ zuwenden. Als „Mensch mit Migrationshintergrund“ wurden bis 2011 statistisch alle Menschen gerechnet, die selbst oder deren Vorfahren seit 1949 (bzw. 1955) nach Deutschland migriert sind 1 Ich schreibe von entwicklungspolitischer (Freiwilligen-)Mobilität, weil ich in diesem Text nur bedingt zwischen freiwilliger und anderer entwicklungspolitischer Mobilität unterscheide, obwohl wichtige Unterschiede zwischen den Formen professioneller und freiwilliger Mobilität bestehen. Die Diskussion dieser Unterschiede würde den Rahmen dieses Textes sprengen und erscheint mir gleichzeitig für das hier entwickelte Argument zunächst vernachlässigbar. 85 Peters, Überlegungen zur Geschichte und Gegenwart der Subjektposition (Statistisches Bundesamt 2013: 26). Dementsprechend wurden auch Menschen der dritten oder vierten Generation ohne eigene Zuwanderungserfahrung aber mit deutschem Pass als Menschen mit Migrationshintergrund erfasst. In offiziellen Statistiken wurde (und wird) Zugehörigkeit zum Kontext Deutschland trotz Staatsangehörigkeit also für eine Vielzahl von Menschen in besonderen Kategorien beschrieben, eine Besonderung, die mit der Überquerung einer nationalstaatlichen Grenze begründet wird und über Generationen hinweg nicht ablegbar scheint. Nun wurde die Definition von „mit Migrationshintergrund“ 2016 geändert, sodass nur noch Menschen, die selbst oder mindestens eines ihrer Elternteile bei Geburt eine andere Staatsbürgerschaft besaßen, in diese Kategorie fallen (Statistisches Bundesamt 2017). Der statistisch festgestellte Zugehörigkeitsunterschied ist also nun, wo er vorher unbegrenzt galt, auf eine bestimmte Zeit begrenzt. Dafür gibt es zahlreiche Gründe und es ließe sich eine lohnenswerte Diskussion der Gründe und der Bedeutung des Wandels anschließen. Mir geht es aber an dieser Stelle zunächst um zwei Dinge. Zum einen zeigt das Beispiel, dass nationalstaatliche Zugehörigkeit offenbar nicht einfach nur eine Angelegenheit des Passes ist, sondern dass die Überquerung einer Grenze irgendwie – in diesem Fall statistisch – nachwirkt. Zum anderen wird deutlich, dass die Definition der Kategorie der nationalstaatlichen Zugehörigkeit Veränderungen unterworfen ist und (nicht nur) der deutsche Zugehörigkeitskontext von sich verändernden Ordnungen der Zugehörigkeit geprägt ist. Es ist also offensichtlich notwendig, nationalstaatliche Zugehörigkeit als eine kontingente und das heißt nicht so und nicht in dieser Art und Weise notwendige Kategorie zu verstehen, was es bedeutsam macht, Verständnisse von Zugehörigkeit und ihre Herstellung genauer zu betrachten. Das einführende Beispiel der Klassifizierung von Migration ist auch weiter gehend für die hier beabsichtigte Diskussion von entwicklungspolitischer (Freiwilligen-) Mobilität bedeutsam, weil wichtige Unterschiede zwischen verschiedenen Formen der räumlichen Bewegung von Menschen und ihrer Klassifizierung bestehen. Während einigen grenzüberschreitenden Bewegungen von Menschen nur wenig Widerstand begegnet, sie einfach nur mobil sind und sie dabei nur kaum als Migrant*innen wahrgenommen werden, stoßen andere Menschen auf größere Widerstände, was sich auch in ihrer Kategorisierung als Migrant*innen ausdrückt (Bauman 1998; Amelina 2017). Unterschiedlich bewertete Mobilitäten erscheinen in der Folge als gesellschaftlich ausgehandelte Varianten von Mobilität, deren veränderlicher Status eine Frage von historischen und aktuellen Machtverhältnissen ist (Manderscheid 2012). Meza Torres (2012: 217) weist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der Rassifizierung der Kategorie des*r Immigranten*in hin. Diejenigen, die auf Widerstände stoßen, die als Immigrant*innen gelten und/oder die ihren Migrationsstatus auch über mehrere Generationen hinweg nicht loswerden, sind ihr zufolge die ehemaligen „colonial/racial subjects of empire“, auf deren Grundlage die Vorherrschaft der „westlichen“ Welt zur Zeit des Kolonialismus aufgebaut wurde, und die sich nun im 86 Postkoloniale Perspektiven Inneren des ehemaligen Imperiums befinden (ähnlich auch Balibar 2009). Die Wissensbestände des ehemals kolonialen Zentrums sind aus dieser Perspektive auch weiterhin von kolonial-rassistischem Wissen geprägt und weiterhin in dessen Zugehörigkeitskonzepte eingeschrieben. Diesen Befund bestätigt auch die rassismuskritisch informierte deutsche Migrationsforschung (Mecheril 2003; Rose 2011; Scharathow 2014; Velho 2015), die aufzeigt, dass und wie die Zugehörigkeitskonzepte des Kontextes Deutschland systematisch von Rassismus geprägt sind. Vor dem Hintergrund dieser Diskussion erscheint die entwicklungspolitische Mobilität in einem Zugehörigkeitsraum spezifisch positioniert, der sich vor dem Hintergrund von historischen und aktuellen Machtverhältnissen konstituiert. Dass sie als Mobilität und nicht als Migration markiert ist, weist dabei auf ihren privilegierten Status hin. Bevor ich mich genauer mit der spezifischen Position der entwicklungspolitischen Mobilität zuwende, möchte ich zunächst genauer klären, was unter sozialer Zugehörigkeit als nicht an sich gegebene, sondern veränderliche Kategorie eigentlich zu verstehen ist. 2. Zugehörigkeitskonzepte, -erfahrungen und -profile Werden Kategorien sozialer Zugehörigkeit (s. u.) nicht als an sich gegeben, sondern als der Herstellung bedürftig verstanden, rücken Praktiken der Klassifikation und Bezeichnung von Zugehörigkeit in den Blick, also die Frage danach, wie es kommt, dass Zugehörigkeit jeweils so und nicht anders verstanden wird. Dabei lassen sich drei Ebenen unterscheiden (Mecheril 2003: 127 ff.; Mecheril 2018): 1. Zunächst die – diskursive – Ebene der Zugehörigkeitskonzepte: Zugehörigkeitskonzepte definieren den Rahmen und damit auch die Grenzen von Zugehörigkeit, das heißt „was Zugehörigkeit ist, wer zugehörig sein darf, welche Rechte und Pflichten mit Zugehörigkeit einhergehen, wie Loyalitätsbrüche sanktioniert werden und […] in welcher Weise über Zugehörigkeitsansprüche verhandelt und entschieden wird“ (Mecheril 2003: 128). Um Zugehörigkeitskonzepte wird politisch, gesellschaftlich und intersubjektiv gestritten, sie sind Ausdruck umstrittener und wandelbarer Zugehörigkeitsdiskurse (Wallerstein 1991: 77; Hall 2006: 221). In Hinsicht auf Auseinandersetzungen um die Art der Ausgestaltung von Zugehörigkeitskonzepten haben die Akteur*innen unterschiedliche Möglichkeiten „ihre Konzeption ‚guter Zugehörigkeitsverhältnisse’ juristisch, politisch oder alltagsweltlich wirksam werden zu lassen“ (Mecheril 2003: 129). Zugehörigkeitskonzepte sind Ausdruck von Macht- und Kräfteverhältnissen und ihre genaue Ausgestaltung unterscheidet sich damit je nach Akteur*innen, Kontext und Zeit. Gemeinsam ist dabei allen Zugehörigkeitskonzepten, dass sie eine Differenz zwischen Wir und den Anderen instituieren, denjenigen, die von Zugehörigkeitskonzepten als dazugehörig eingeschlossen sind und denjenigen, die außerhalb positioniert werden (Sutherland 87 Peters, Überlegungen zur Geschichte und Gegenwart der Subjektposition 2014). Zugehörigkeitskonzepte sind deshalb immer relational (Mecheril 2003: 119). Als prominente Kategorien sozialer Zugehörigkeit gelten „Rasse“, Klasse, Geschlecht, Ethnizität, Alter, aber auch bspw. Raum (Marchart 2008; Wallerstein 1991; Degele/Winker 2009; Amelina 2017). In ihrer – intersektionalen – Verschränkung ergeben sich spezifische subjektive Zugehörigkeitspositionierungen und werden Subjekten bestimmte Zugehörigkeitserfahrungen nahegelegt. Zugehörigkeitskonzepte bestimmen insofern den Rahmen, innerhalb dessen individuelle Zugehörigkeitserfahrung in verschiedenen Variationen möglich wird. 2. Des Weiteren die Ebene der Zugehörigkeitserfahrungen: Zugehörigkeitserfahrungen werden in sozialen Zusammenhängen gemacht, welche von bestimmten Zugehörigkeitskonzepten geprägt sind. Diese legen bestimmte Möglichkeiten der Erfahrung von Zugehörigkeit nahe. Diese Erfahrungen können sich sowohl positiv als auch negativ in Bezug auf (nicht) dazugehören gestalten und finden vor dem Hintergrund von Fremd- als auch Selbstzuschreibungen statt, wobei Fremd- und Selbstzuschreibung auch konfligieren können. Zugehörigkeitserfahrungen sind dann idealtypisch zu verstehen als Anerkennungs- oder Ablehnungserfahrungen, in denen der*die Einzelne als zugehörig oder nicht zugehörig „(an)erkannt“ wird und/oder sich selbst als zugehörig oder nicht zugehörig „(an)erkennt“ (Mecheril 2003: 130), sich also zu Zugehörigkeitskonzepten positioniert und diesbezüglich positioniert wird. Zugehörigkeitskonzepte lassen sich deshalb auch als „Subjektpositionen“ (Spies 2017: 72) verstehen, die dann von Subjekten in Prozessen der Fremd- und Selbstidentifikation eingenommen werden. Subjekte besitzen durchaus Gestaltungsspielraum in Hinsicht auf Zuschreibungen von Zugehörigkeit, auch, da kein Konzept völlig eindeutig sein kann und weil niemals nur ein Zugehörigkeitskonzept von Bedeutung ist, das heißt, in der Intersektion mit anderen Konzepten Spielraum besteht (Spies 2017: 71). 3. Zuletzt die Ebene der subjektiven Zugehörigkeitsverständnisse: Zugehörigkeitsverständnisse können sich von Zugehörigkeitserfahrungen und Zugehörigkeitskonzepten unterscheiden, weil sie Ergebnis der jeweiligen Geschichte und Gegenwart gemachter positiver wie negativer Zugehörigkeitserfahrungen sind. Dies lässt sich auch als subjektive Bildungsgeschichte in Hinsicht auf Zugehörigkeitskonzepte verstehen, über die Subjekte „übergeordnete Strukturen der Kenntnis, des Handelns und Befindens“ (Mecheril 2003: 132) ihre eigene Zugehörigkeit und die Zugehörigkeit anderer betreffend entwickeln. Diese bilden den Rahmen für die jeweils individuelle kontextspezifische Zugehörigkeitspraxis und sind kontext- und erfahrungsabhängig. Verständnisse des*r Einzelnen und seiner*ihrer Umwelt lassen sich also nicht voneinander trennen und Subjekte müssen als dezentrierte Subjekte verstanden werden, als „Subjekt[e]-im- Werdegang“ (Spies 2017: 78, zitiert nach Hall 2004: 176). 88 Postkoloniale Perspektiven Die obenstehenden Erläuterungen verdeutlichen, dass subjektive Zugehörigkeitserfahrungen im Kontext bestimmter vorherrschender Zugehörigkeitskonzepte ihren Sinn gewinnen. Diese sind historisch und geographisch verschieden und kontingent sowie Gegenstand von Auseinandersetzungen, in die Akteur*innen aus sehr unterschiedlichen Zugehörigkeitspositionen heraus eintreten und also unterschiedliche Möglichkeiten mitbringen, diese zu beeinflussen. Subjektive Zugehörigkeitsverständnisse, die als (unabgeschlossenes und veränderliches) Ergebnis der gemachten Erfahrungen von Zugehörigkeit zu verstehen sind, können sich nun von Zugehörigkeitskonzepten unterscheiden, das heißt, Fremd- und Selbstzuschreibung von Zugehörigkeit müssen nicht übereinstimmen. Zugehörigkeitskonzepte bilden aber den allgemeinen Rahmen, der bestimmten Zuschreibungen mehr oder weniger gesellschaftliche Legitimität verleiht. Im Folgenden möchte ich nun genauer auf die spezifische Subjekt- bzw. Zugehörigkeitsposition der entwicklungspolitischen Mobilität eingehen. Zu diesem Zweck werde ich einen genaueren Blick auf ihre allgemeine Rahmung werfen, auf Zugehörigkeitskonzepte, wie sie für die entwicklungspolitische (Freiwilligen-)Mobilität relevant erscheinen. Aus Platzgründen beschränke ich mich dabei auf die Ebene der Zugehörigkeitskonzepte. Es ist vor dem Hintergrund der vorherigen Ausführungen davon auszugehen, dass Zugehörigkeitskonzepte etwas über den möglichen Rahmen der Zugehörigkeitserfahrungen aussagen, die den jungen Erwachsenen im Weltwärts-Programm begegnen und die sie hervorbringen. Allerdings gilt dies auch umgekehrt, wenn nicht sogar noch mehr: aus Zugehörigkeitserfahrungen lässt sich genaueres über die jeweils geltenden Zugehörigkeitskonzepte, ihre (kontextuelle) Aktualität und ihren Wandel sowie über ihre jeweilige konkrete subjektive Bearbeitung lernen. Dazu Spies: Positionierungen sind als „Lesarten“ eines Diskurses zu verstehen und geben damit Hinweise darauf, welche Diskurse derzeit dominant sind und keine alternative Lesart zulassen und welche Diskurse zwar eine bestimmte Bedeutung nahelegen, das Bedeutete aber nicht festhalten können und damit einen Spielraum bei der Positionierung des*der Einzelnen ermöglichen (Spies 2017: 84). 3. Zur Subjektposition der entwicklungspolitischen Mobilität – genealogische Perspektiven Barbara Heron (2007) beschäftigt sich mit der Genealogie der Subjektposition des “development workers”. Für Heron geht diese Subjektposition zurück auf die Herausbildung der europäischen bürgerlichen Subjektform im 18. und 19. Jahrhundert. Für diese Zeit war (nicht nur) in Europa die Bildung von Nationalstaaten, das Projekt der Aufklärung, Kolonialismus sowie die industrielle Revolution wesentlich (Heron 2007: 29ff.). Die sich herausbildende bürgerliche Subjektform war eng mit diesen Prozessen verwoben, ermöglichte sie und wurde durch sie ermöglicht. Es ist diese Zeit, in der sie sowohl kulturell wie ökonomisch zunehmend hegemonial 89 Peters, Überlegungen zur Geschichte und Gegenwart der Subjektposition wird (Reckwitz 2006: 249). Zur Legitimierung ihrer Hegemonie diente vor allem ein „Gegensatz zwischen Moralischem und Amoralischem“ (Reckwitz 2006: 249). So positioniert sich das bürgerliche Subjekt zunächst im 18. Jahrhundert in Abgrenzung gegenüber einer als verfälscht, unvernünftig und unnatürlich markierten Aristokratie. Im 19. Jahrhundert wird Zivilisiertheit zum moralischen Leitschema und bürgerliche Subjektivität im Gegensatz zu “that which was uncivilized, lower class, and non-European” (Heron 2007: 29, zitiert nach Stoler 2000: 151) artikuliert. Diese Differenz zwischen Zivilisiertheit und Unzivilisiertheit ist in starkem Maße hierarchisierend und stellt Höher- und Minderwertigkeiten fest, die durch spezifische kulturelle Kompetenzen, spezifisches Wissen, spezifische Werte und spezifische Sensibilitäten nach außen demonstriert werden müssen und in denen sich bürgerliche Subjekte in der Folge einübten (Heron 2007: 29; Reckwitz 2006: 242 ff.) Diese Praktiken kultureller (und rassischer) Distinktion waren in hohem Maße auf die Präsenz zivilisatorisch nicht gleichwertig konstruierter ‚Anderer‘ angewiesen.2 Dies waren unter anderem “the working classes, the colonized, women, gypsies, Jews, the Irish, and criminals” (Heron 2007: 29). Die enge Verbindung bourgeoiser Subjektivität und die Einübung einer spezifischen Form moralischer Regulierung und kultureller Kompetenzen führte darüber hinaus zu der Vorstellung, dass den verschiedenen ‚Anderen’ nicht zugetraut werden konnte, sich selbst zu regieren. Sie wurden vielmehr als der Zivilisierung durch Regierung und der Erziehung in der ‚richtigen’ Art zu leben bedürftig angesehen, ohne dabei jemals ganz so kultiviert werden zu können, wie die bürgerlichen Subjekte selbst (Heron 2007: 30, Reckwitz 2006: 251). Dieses Verständnis bürgerlicher Subjektivität erklärt den Eingriff in die Leben anderer sozialer Gruppen für notwendig und legitim, sogar zu einer Verantwortung, die als „white mans burden“ (Piller 2011: 21) bekannt geworden ist. In der bürgerlichen Subjektform kommt also eine spezifische Klasse zum Ausdruck, die zwischen Proletariat und Aristokratie angesiedelt war und zunehmend die Vormachtstellung innehatte. Zentral für diese Klassenkonstitution erscheinen Praktiken kultureller Distinktion gegenüber als rückständig imaginierten Klassen und „Rassen“. Darüber hinaus brachte bürgerliche Subjektivität auch eine spezifische Form von Männlichkeit und Weiblichkeit hervor und zwar zunächst „entlang der Codes von ‚öffentlicher’ Männlichkeit und ‚familiärer’ Weiblichkeit“ (Reckwitz 2006: 243; Heron 2007: 31). Die Rolle der Ausbildung erkennbar angemessener, bürgerlich kultureller Kompetenzen und Subjekte fiel damit vornehmlich der weiblichen Position zu, während die Zivilisierung und Erziehung der ‚Anderen‘ zunächst eine männliche Domäne war. Weibliche Subjektposition bedeutete dann, auf der einen Seite Hüterin und Erzieherin von Moral und Charakter zu sein. Auf der anderen Seite war Weiblichkeit aber 2 Rassismus ist nicht nur als biologischer Rassismus zu verstehen, sondern wie am Beispiel des „new racism“ deutlich wird, dem Kultur als Synonym für „Rasse“ dient, als wandelbar und potentiell eine ganze Reihe kultureller, biologischer und/oder religiöser Referenzen als Marker „rassischer“ Differenz heranziehend und miteinander artikulierend (Balibar/ Wallerstein 1991; Balibar 2009; Lentin 2008: 489). 90 Postkoloniale Perspektiven auch durch ‚Emotionalität‘, ‚Unvernunft‘ und ‚suspekte Sexualität‘ markiert und damit teilweise auf der Seite der Unkultiviertheit positioniert. Das machte das Konzept bürgerlicher Weiblichkeit im Gegensatz zu bürgerlicher Männlichkeit zu einer ambiguen Position, da Zuschreibungen von Unvernunft und Unkontrolliertheit als Synonyme der Unzivilisiertheit auch aufseiten des*r ‚unkultivierten‘ und/oder ‚rassifizierten‘ ‚Anderen‘ verortet wurden (und werden) (Heron 2007: 30). Diese ambigue Position konnte nur durch vorzeigbare und gute moralische Lebensweise und gute Sitten sowie intergenerationale Weitergabe von bürgerlicher Sensibilität und Moral ausgeglichen werden, „to the extent that the moral became the purview and domain of white womanhood“ (Heron 2007: 31). Folgende Kämpfe um mehr Partizipation im öffentlichen Raum führten zu Verschiebungen der geschlechtlichen Zugehörigkeitskonzepte und zunächst dazu, dass öffentliche Sphären, in denen wohltätiges Engagement gefragt war, zunehmend weiblich dominiert waren, weil diese Bereiche mit vorherrschenden Vorstellungen bürgerlicher Weiblichkeit3 am ehesten in Einklang zu bringen waren. Das Engagement von bürgerlichen Frauen in öffentlichen Bereichen galt zunehmend nicht mehr nur als angemessen, sondern wurde auch zu einer Verpflichtung, um in einem ‚guten’ Lichte zu erscheinen (Heron 2007: 32). Es ist einleuchtend, dass missionarische Arbeit in diesem Zusammenhang ebenfalls an Bedeutung gewann. Weitere Kämpfe und korrespondierende Diskursverschiebungen führten dazu, dass in den letzten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts Frauen die Mehrheit in der missionarischen Tätigkeit in den Kolonien stellte (Heron 2007: 32). 4. Zur Subjektposition der entwicklungspolitischen Mobilität – Kontinuitäten und Anknüpfungspunkte Vor dem Hintergrund der zuvor geführten Diskussion stellt sich die Frage, ob und wie sich die Geschichte der bürgerlichen Zugehörigkeitskonzepte und ihre Verbindung mit dem „Entwicklungsprojekt“ in der heutigen entwicklungspolitischen (Freiwilligen-)Mobilität wiederfindet. Moralität bleibt Heron (2007: 34) zufolge auch heute prägend für die Identität als (weißes) bürgerliches Subjekt, wenn auch in abgewandelter Form. Anstelle des Zivilisierungsdiskurses ist das „Prisma“ eines „globalen Bewusstseins“ getreten, durch das ein moralisches Subjekt konstruiert wird, das den Anspruch und die Verantwortung fühlt, anderen ‚helfen’ zu müssen. Dabei sind nicht globales Bewusstsein und Verantwortung problematisch, sondern eine weiterbestehende rassifizierte und rassifizierende Konstruktion des Verständnisses von Bewusstsein und Verantwortung, eine Verantwortung, die die 3 Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es hier um die Zugehörigkeitskonzeption einer bestimmten Klasse, der bürgerlichen Klasse geht. In anderen Klassen können auch andere Konzeptionen vorherrschen. Die zu findende Fokussierung auf Weiblichkeit geschieht hier aus Platzgründen und weil drei Viertel der Teilnehmer*innen im Weltwärts-Programm Frauen sind (s. u.). 91 Peters, Überlegungen zur Geschichte und Gegenwart der Subjektposition relationalen Bezüge der moralischen Konstitution der bürgerlichen Subjektform (zur Geschichte des Kolonialismus) weiterhin weitgehend ausblendet. Die Mobilitäten im Weltwärts-Programm finden bspw. vor dem Hintergrund bereits existierender (und) medial vermittelter Bilder über die Partnerländer und -regionen statt. Dieses Wissen bspw. über „indigenes Leben“, „Afrika“, „Lateinamerika“ muss gewissermaßen nur noch abgerufen werden (Kontzi 2015: 201). Wie nicht zuletzt der Film „white charity“ (Kiesel/Phillipp: 2012) zeigen kann, wird die Welt dabei weiterhin in rassifizierter Form räumlich repräsentiert. […] the countries of the North – home to the former metropoles of empire and their white-settler dominions such as Canada […] places of greater civilization, of order, cleanliness and a truly good quality of life, which has an evident material basis of comfort and security, while those of the South – the former colonies – languish in an anachronistic space, where chaos often reigns, disorder and disease are rampant and life seems (from our perspective) to be hardly worth living (Heron 2007: 34). Die Art der Repräsentation von Raum führt dabei neben der offensichtlichen Rassifizierung und Kulturalisierung ‚der Anderen‘ auch zur Selbstaffirmation “through comparative racialized discourse“ (Heron 2006: 35). Diese Art der rassifizierenden Selbstbestätigung lässt sich in Kontinuität zur Geschichte der bürgerlicher Subjektform setzen (Huffer 2018: 34 f.). Heron (2007: 37) erscheint es für die Wirksamkeit dieses Diskurses über Raum unwesentlich, wie viele Menschen sich im Entwicklungsprojekt wirklich engagieren, so lange die „Entwicklungsunternehmung“ an sich weitergeht. In diesem Sinne argumentiert Huffer (2018: 34 ff.), dass die diskursive Verortung von Freiwilligendiensten als entwicklungspolitisch weitgehende Konsequenzen für Raumverständnisse hat. So sind mit dieser Verortung auch die geographischen Orte definiert, in und zwischen denen sich die Freiwilligenmobilität abspielt, und zwar zwischen als „unterentwickelt“ und „entwickelt“ klassifizierten geographischen Kontexten (Huffer 2018: 35 f.). Nach Heron (2007: 37) ist auch die Geschichte der Vergeschlechtlichung bürgerlicher Subjektivität, das heißt ‚angemessener’ Weiblichkeit und Männlichkeit weiterhin bedeutsam. Sie argumentiert, dass vor dem Hintergrund der Geschichte der bürgerlichen Subjektposition eine spezifische, eventuell stärkere, Verbindung zwischen „white middle class women“ und Entwicklungszusammenarbeit besteht, als dies bei „male bourgeois subjects“ der Fall ist, was ihr zufolge auch zu einer stärkeren Präsenz von Frauen im Entwicklungsprojekt führt. Dieser Befund lässt sich für das Beispiel der Weltwärts-Mobilität zunächst bestätigen. So waren 2017 bspw. 69,6 Prozent der Freiwilligen Frauen (weltwärts o. J.). Entwicklungspolitische Freiwilligendienste bleiben darüber hinaus eine klassenbezogene Angelegenheit, sie waren und sind wenig inklusiv, sondern erscheinen als Programme der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht (Schmidt 2013). Kontzi (2015: 113) bringt dies wie folgt auf 92 Postkoloniale Perspektiven den Punkt: der*die typische Weltwärts-Freiwillige ist eine „junge Frau […] Abiturientin, von Anfang 20 mit deutscher Staatsangehörigkeit und ohne anerkannte Behinderung […] aus einer Akademiker_innenfamilie, in der vorwiegend deutsch gesprochen wird, die ein hohes Erwerbseinkommen hat und im Westen Deutschlands lebt“. Die Subjektposition der (freiwilligen) „Entwicklungszusammenarbeit“ erscheint also klassenspezifisch und spezifisch vergeschlechtlicht und, neben der kulturellen Abgrenzung von anderen Klassen, auf rassifizierte Vorstellungen von Raum angewiesen. Dies zeigt die genealogische Perspektive auf Zugehörigkeitskonzepte. Sie zeigt ebenfalls, dass sich die Konzepte einerseits gewandelt haben und dass sie andererseits weiterhin deutliche Spuren ihrer Geschichte tragen. Ob und wie genau (bspw. mit welchen Praktiken der Distinktion, die mit was für Zugehörigkeitserfahrungen und -verständnissen einhergehen) die Subjektposition der entwicklungspolitischen (Freiwilligen)Mobilität in der und durch die Entwicklungsunternehmung reproduziert und verändert wird, kann ein Blick auf das Zusammenspiel von Zugehörigkeitskonzepten, individuellen Zugehörigkeitserfahrungen und Zugehörigkeitsverständnissen besser verständlich machen. Literaturverzeichnis Amelina, Anna (2017): Transnationalizing inequalities in Europe. Sociocultural boundaries, assemblages and regimes of intersection, New York-London. Balibar, Etienne (2009): Europe as Borderland, in: Environment and Planning D Society and Space, Jg. 27, Heft 2, S. 190–215. Bauman, Zygmunt (1998): Globalization. The Human Consequences, Cambridge. 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Wallerstein, Immanuel Maurice (1991): The Construction of Peoplehood: Racism, Nationalism, Ethnicity, in: Race, Nation, Class. Ambiguous Identities, edited by Étienne Balibar und Immanuel Maurice Wallerstein, London-New York, S. 71–85. 94 Postkoloniale Perspektiven Zur Auseinandersetzung mit postkolonialer Kritik – Eine diskursanalytische Betrachtung von Internetseiten entwicklungsbezogener Freiwilligendienste Zita Hoefer Universität Heidelberg | zita.hoefer@stud.uni-heidelberg.de Zusammenfassung: Weltwärts und entwicklungsbezogene Freiwilligendienste wurden in den vergangenen Jahren insbesondere aus postkolonialer Perspektive kritisiert. Wie setzen sich die Dienste mit dieser Kritik auseinander? Dieser Frage geht der folgende Beitrag im Rahmen einer diskursanalytischen Betrachtung von Internetseiten verschiedener Anbieter nach. Dabei zeigt sich, dass von der Kritik angebrachte Problematiken zwar teilweise Berücksichtigung finden, eine konkrete Auseinandersetzung mit postkolonialen Perspektiven jedoch größtenteils ausbleibt. Darüber hinaus lässt sich eine Verschiebung des Schwerpunktes in der Selbstdarstellung entwicklungsbezogener Freiwilligendienste auf die Freiwilligen konstatieren, welche wiederum neue Fragen nach der Wirkungsweise der Dienste aufwirft. Schlagwörter: Weltwärts; Postkolonialismus; Kritische Diskursanalyse; Freiwilligendienste Summary: In recent years, Weltwärts and similar “volunteering for development” services have been criticized from a postcolonial perspective. How are the volunteer services dealing with this criticism? The following article examines this question drawing on critical discourse analysis by analyzing websites of separate volunteer organizations. The results indicate that the organizations partly consider the set of problems raised by postcolonial criticism. Still, a tangible contemplation of postcolonial perspectives is mostly absent. Furthermore, “volunteering for development” services shift the focus of their self-presentation to the volunteers. This, in turn, entails further questions regarding the volunteer service’s modes of action and impact. Keywords: Weltwärts; postcolonialism, critical discourse analysis, volunteering 1. Einleitung Entwicklungsbezogene1 Freiwilligendienste (FWD) werden zunehmend aus postkolonialer Perspektive kritisiert. Besonders angestrebte Hilfeleistungen und positive gesellschaftliche Konsequenzen für die Partnerländer durch die Dienste werden zunehmend kritisch hinterfragt (Lewis 2006; Lough u. a. 2011; Perold u. a. 2013). Andere Arbeiten untersuchen die Auswirkungen auf die Freiwilligen selbst, da neben 1 Entwicklungsbezogene FWD unterscheiden sich von anderen internationalen FWD durch ihre Verortung im Kontext entwicklungspolitischer Aktivitäten (siehe weiterführend dazu Haas/Richter 2019). 95 Hoefer, Zur Auseinandersetzung mit postkolonialer Kritik den angestrebten positiven Effekten für die Partnerländer auch Austausch und interkulturelles Lernen zu den Zielen der Dienste gehören (Sherraden/Lough/McBride 2008; Mangold 2012; Diprose 2012). Häufig werden Kritiken an den entwicklungsbezogene FWD unter Bezugnahme auf postkoloniale Theorien formuliert (Baillie Smith/Laurie 2011; Butcher/Smith 2010; Brown 2015), wobei die Reproduktion ungleicher globaler Machtstrukturen durch entwicklungsbezogene FWD im Vordergrund steht. Innerhalb der internationalen Debatte um die Auswirkungen der entwicklungsbezogenen FWD wurden auch deutsche Programme kritischen Analysen unterzogen (Kontzi 2015; Haas 2012). Die Einführung einer Süd-Nord-Komponente bei Weltwärts oder die Thematisierung historischer Hintergründe in Vorbereitungsseminaren können in diesem Kontext als erste positive Veränderungen in der Gestaltung von entwicklungsbezogenen FWD gesehen werden (Kontzi 2015: 234f.). Dennoch haben sich bisher nur wenige Beiträge damit beschäftigt, ob die Kritik aus dem wissenschaftlichen Diskurs bis in die konkrete Praxis der entwicklungsbezogenen FWD vordringt (siehe dazu etwa Herrwig 2014). Dieser Aufsatz leistet einen Beitrag zu der Analyse der Praxis, in dem er Anzeichen für eine Thematisierung der Kritik in der Selbstdarstellung der entwicklungsbezogenen FWD untersucht. Dahinter steht die Annahme, dass eine Veränderung der Praxis eine Veränderung der Dienste selbst mit sich bringt, welche sich in der Selbstdarstellung widerspiegelt. Internetseiten kommt dabei eine zentrale Rolle bei der Selbstdarstellung von Organisationen und Programmen zu (Grimm/Needham 2011). Als wichtiges Informationsmedium beeinflussen sie darüber hinaus den öffentlichen Diskurs um entwicklungsbezogene FWD. Aus diesem Grund widmet sich der vorliegende Beitrag der Frage, inwiefern sich eine Auseinandersetzung mit Kritik aus postkolonialer Perspektive in der Internetpräsenz von Programmen und Organisationen widerspiegelt. Dazu wird zunächst ein Überblick über die Kritik aus postkolonialer Perspektive gegeben und die verwendete Methode der kritischen Diskursanalyse skizziert. Anschließend werden zentrale Ergebnisse vorgestellt und diskutiert. 2. Kritik an entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten Durch ihre Verortung dieser FWD-Programme in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ), wird neben der Kritik an diesen selbst ebenfalls kurz auf Kritiken an der EZ im Allgemeinen eingegangen. Die Kritiken setzten dabei auf zwei Ebenen an: auf kultureller und auf materieller Ebene. Innerhalb der EZ lässt sich auf kultureller Ebene eine Form des Eurozentrismus konstatieren. Bestehende Probleme im Globalen Süden sollen im Kontext der EZ durch eine Umgestaltung nach europäischem Vorbilde gelöst werden. Dies impliziert eine Überlegenheit des Globalen Nordens gegenüber dem als weniger entwickelt und rückständig geltenden Globalen Süden (Ziai 2010: 407). Auf materieller Ebene werden Abhängigkeiten unter anderem durch machtpolitische 96 Postkoloniale Perspektiven Bedingungen fortgeführt, die nicht selten an Unterstützungsleistungen geknüpft sind (Müller/Ziai 2015: 9). Die Kritiken an der EZ treffen auf Grund der ähnlichen Logiken ebenfalls für entwicklungsbezogene FWD zu (Brown 2015: 104). Die konkrete Kritik postkolonialer Arbeiten an entwicklungsbezogenen FWD richtet sich gegen die Stärkung des Eurozentrismus, die Reproduktion von Vorurteilen und rassistischen Stereotypen und die Fortführung von Ungleichheiten. Der Eurozentrismus zeigt sich zum einen, ähnlich wie in der EZ, durch die inhaltliche Ausrichtung der Freiwilligendienste, welche Werte und Normen aus dem Globalen Norden in den Globalen Süden transportiert. Die zeigt beispielsweise der Aufbau von Schulen, die sich an einem westlichen Bildungsverständnis orientieren (Pluim/ Jorgenson 2012: 29). Zum anderen zeigt er sich in der Rollenbeschreibung der Freiwilligen. Sowohl die Freiwilligen selbst in ihren Erfahrungsberichten als auch die Programme und Entsenderorganisationen in ihren Programmbeschreibungen inszenieren die Freiwilligen als Entwicklungshelferinnen und -helfer. Dass die meisten Freiwilligen dabei über keine spezifischen Qualifikationen verfügen, unterstreicht das Überlegenheitsgefühl der westlichen Gesellschaften (Palacios 2010: 863). Vorurteile und rassistische Stereotype werden ebenfalls in erster Linie in den Programmbeschreibungen (Kotzi 2015: 200) und den Erfahrungsberichten der Freiwilligen reproduziert (Müller 2015: 47). Bei Darstellungen der Einsatzländer neigen Freiwillige und Entsenderorganisationen dazu sich auf Defizite und Probleme der Empfängergesellschaften zu konzentrieren (Kontzi 2015: 212). Darüber hinaus werden kulturelle Unterschiede betont und spezifische Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften werden mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur oder Nation erklärt (Müller 2015: 51). Zusätzlich betonen postkoloniale Kritiken, dass im Kontext von entwicklungsbezogenen FWD ein Bild erzeugt wird, in dem weiße Freiwillige als besonders kompetent präsentiert werden (Blum/Schäfer 2017: 5). Eine weiße Hautfarbe ist demnach weiterhin mit Macht, Wissen und Wohlstand verbunden (Bandyopadhyay/Patil 2017: 652). Ungleichheiten werden innerhalb von entwicklungsbezogenen FWD sowohl zwischen den Ländern des Globalen Nordens und des Globalen Südens reproduziert als auch innerhalb Deutschlands. Die internationalen Ungleichheiten entstehen dabei auf der einen Seite durch fehlende Gleichberechtigung zwischen Entsende und Partnerorganisationen: Obwohl die Zusammenarbeit mittlerweile unter dem Begriff der „Partnerschaft“ gefasst wird (Haas/Repenning 2018: 44), liegen die Entscheidungskompetenzen über Mittelverwendung und Partizipationsmöglichkeiten mehrheitlich bei den Entsendeorganisationen (Haas/Repenning 2018: 46). Auf der anderen Seite verfestigen sich Ungleichheiten im Austausch der Freiwilligen: Obgleich Begegnung, Austausch und interkulturelles Lernen zentrale Punkte der entwicklungsbezogenen FWD darstellen, sind es überwiegend Jugendliche aus dem Globalen Norden, die einen Aufenthalt im Globalen Süden absolvieren (AKLÜH 2017: 26f). Die erlernten kulturellen Kompetenzen 97 Hoefer, Zur Auseinandersetzung mit postkolonialer Kritik kommen folglich vermehrt den Entsendegesellschaften (Fischer/Haas 2014: 50) und den Freiwilligen aus dem Norden zu Gute (McGloin/Georgeou 2016: 413f). Hinsichtlich der Ungleichheiten innerhalb Deutschlands wird bemängelt, dass vorwiegend gutsituierte, weiße Frauen an entwicklungsbezogenen FWD teilnehmen (Sherraden u. a. 2013: 15). Menschen aus sozial schwächeren Teilen der Gesellschaft haben somit weniger Zugang zu solchen interkulturellen Erfahrungen (Kontzi 2015: 110). Für die Betrachtung der Auseinandersetzung mit postkolonialen Kritiken ergeben sich aus den vorgestellten Punkten konkretere Fragen für die folgende Analyse: Wie werden die Rolle und die Aufgaben der Freiwilligen auf den Internetseiten dargestellt? Wie werden die Partnerländer auf den Seiten beschrieben? Wie wird auf kulturelle Aspekte Bezug genommen? Welche Informationen finden sich zur Partnerschaft zwischen den Organisationen und wer hat die Möglichkeit einen entwicklungsbezogenen FWD zu absolvieren? 3. Methode und Sample Inwiefern die vorgestellte Kritik zu Veränderungen der Selbstdarstellung von Anbietern und Programmen führt, wird in dieser Arbeit mit Hilfe der kritische Diskursanalyse (KDA) nach Sigfried Jäger (2015) überprüft, die sich wiederum an dem foucaultschen Diskursverständnis orientiert (Foucault 1981). Untersucht wird hier der übergeordnete Diskurs der entwicklungsbezogenen FWD, welcher mit den Diskursen um EZ, internationale Beziehungen und interkulturelles Lernen verschränkt ist. Anschließend an die Zusammenstellung eines Materialkorpus, aus dem eine Gruppe zu untersuchender Fälle ausgewählt wird, folgen die Strukturanalyse und eine Feinanalyse eines diskurstypischen Einzelfalls (Jäger 2015). Das zugrundeliegende Material dieser Arbeit besteht aus den Internetseiten von Organisationen und Programmen zu entwicklungsbezogenen FWD. Neben der Bedeutung für die Selbstdarstellung spricht auch die Kritik selbst für eine Betrachtung der Internetseiten: Wie in Kapitel 2 bereits gezeigt, können besonders die Darstellungen der Partnerländer und der Rolle der Freiwilligen durch die Akteure in den Entsendeländern problematisch sein. Solche Programmbeschreibungen finden sich heute überwiegend auf den Internetseiten und werden von potentiellen Teilnehmenden auch dort abgerufen (Grimm/Needham 2012). Als Netzwerk für Organisationen von entwicklungsbezogenen FWD bietet der gemeinnützige Vereine AKLHÜ mit 206 Organisationen, die im Jahr 2016 Freiwillige entsendet haben, eine umfangreiche Auflistung von Entsendeorganisationen, welche auch für diese Untersuchung die Grundlage für die Auswahl des Materialkorpus bilden (AKLHÜ 2017: 40f). Daraus wurden vier Organisationen und ein staatliches Programm für die konkrete Analyse ausgesucht, die sich möglichst stark voneinander unterscheiden, um die Breite des Feldes abbilden zu können. Darunter ist 98 Postkoloniale Perspektiven die Organisation, die die meisten (AFS) und die, die die wenigsten Freiwilligen entsendet hat (Augenhöhe e.V.). Mit der Anzahl der Freiwilligen sind Unterschiede hinsichtlich des Organisationsaufwands und der finanziellen Mittel verbunden. Mit dem Roten Kreuz wurde eine Organisation gewählt, die viele Freiwillige entsendet, obwohl der inhaltliche Schwerpunkt nicht im Bereich der entwicklungsbezogenen FWD liegt. Auch das Kolpingwerk bietet entwicklungsbezogene FWD neben anderen Aktivitäten an. Besonders ist hier, dass auch sehr kurze Auslandsaufenthalte möglich sind. Darüber hinaus handelt es sich beim Kolpingwerk um eine kirchliche Organisation, womit zusätzliche Werteinstellungen verbunden sein können. Da die Mehrheit der Entsendeorganisation einen Dienst über Weltwärts anbieten und die staatliche Anbindung einen Unterschied in der institutionellen Rahmung ausmacht, wurde auch die Internetseite von Weltwärts in die Auswahl mitaufgenommen. Die ausgewählten Fälle sind in Tabelle 1 aufgelistet. Tabelle 1: Materialkorpus Organisation/Programme Internetseite AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. https://www.afs.de/freiwilligendienste-mit-afs Augenhöhe e.V. http://augenhoehe-ev.de/ Deutsches Rotes Kreuz http://www.freiwilligendienste.drk.de/startseite/ Kolpingwerk Deutschland gGmbH http://www.kolping-jgd.de/ Weltwärts https://www.weltwaerts.de/de/ Jäger selbst versteht seine Anweisung zum praktischen Vorgehen als einen erweiterbaren Werkzeugkasten (Jäger 2015: 8). Dementsprechend wurden die Kriterien für die Strukturanalyse an das Datenmaterial angepasst. Da neben der sprachlichen Gestaltung auch die inhaltliche Bearbeitung der vorgestellten Kritikpunkte relevant ist, wurde die Feinanalyse um ein inhaltsanalytisches Verfahren mit theoriegeleiteten Codes ergänzt (Mayring/Fenzel 2014). Im Rahmen der Strukturanalysen wurden Aufbau, Gestaltung und inhaltliche Schwerpunktsetzungen der Internetseiten betrachtet und zusammengefasst. In der Feinanalyse wurden thematisch zentrale Abschnitte der Internetseiten hinsichtlich konkreter sprachlicher und bildlicher Gestaltung untersucht und mit Hilfe der Codierung Stellen, an denen Kritikpunkte thematisiert wurden, herausgearbeitet. Da eine Vielzahl von Anbieterorganisationen einen Dienst über das Programm anbietet, stand die Weltwärts-Seite im Mittelpunkt der Feinanalyse. 4. Ergebnisse Auf Grundlage der Struktur- und Feinanalyse kann keine explizite Nennung der postkolonialen Theorien und ihrer Kritik auf den Internetseiten festgestellt werden. Dennoch zeigt sich in einigen Themenbereichen und Textpassagen eine Sensibilität hinsichtlich der hier vorgestellten Kritikpunkte. 99 Hoefer, Zur Auseinandersetzung mit postkolonialer Kritik Insgesamt fällt auf, dass auf allen Internetseiten die Informationen für die Freiwilligen am umfangreichsten sind, während es wesentlich weniger Informationen zu Partnerorganisationen und Ländern gibt. Dabei stehen vor allen Dingen die Rolle der Freiwilligen und die Gestaltung des Auslandaufenthalts im Mittelpunkt. Ausgehend von den Kritiken an eurozentristischen Tendenzen von entwicklungsbezogenen FWD, wurden besonders die Rollenbeschreibungen und die Darstellung des Partnerlandes im Kontext des Auslandsaufenthalts auf der Weltwärts-Seite einer sprachlichen Feinanalyse unterzogen. Bei der Suche nach Textstellen, die auf Eurozentrismus und Hierarchisierung hinweisen, fällt auf, dass bei der Beschreibung der Tätigkeiten der „Austausch und das gemeinsame interkulturelle Lernen“ sowie die Begegnung auf „Augenhöhe“ betont werden und nicht die aktive Rolle der Freiwilligen. Es wird sprachlich deutlich gemacht, dass die Aufgabe der Freiwilligen nicht darin besteht, zu helfen, sondern sich zu engagieren, zu lernen und zu unterstützen. Wie allerdings eine Begegnung auf Augenhöhe konkret gestaltet werden kann, wird nicht ausgeführt. Trotz der Betonung des Lernaspektes und dem Verzicht auf eine direkte Ansprache des Hilfe-Begriffs, finden sich Passagen in der allgemeinen Programmbeschreibung, in denen den Freiwilligen eine besonders bedeutungsvolle Rolle zugeschrieben wird. „Somit tragen sie ihre Erfahrungen in die Gesellschaft und leisten über ihren Auslandseinsatz hinaus einen persönlichen Beitrag für eine gerechtere Welt“ (Weltwärts im Überblick: Programm). An Auszügen wie diesem zeigt sich, dass die Freiwilligen zwar nicht mehr ausdrücklich als Helferinnen und Helfer gegenüber den Menschen im Empfängerland oder als Expertinnen und Experten innerhalb des Projekts inszeniert werden, ihre Rolle dennoch weiterhin positiv überhöht wird. Eine starke Orientierung an westlichen Werten kann in der Zielsetzung der Demokratieförderung gesehen werden, welche eine Überlegenheit der Demokratie gegenüber anderen Gesellschaftsformen suggeriert. Hinsichtlich der Beschreibung der Partnerländer stehen gesellschaftliche Probleme zwar nicht im Mittelpunkt, Freiwillige werden aber dennoch darauf hingewiesen, dass Standards wie fließendes Wasser in vielen Ländern nicht gegeben sind. Die Untersuchung der Auseinandersetzung mit der Entstehung von Rassismus betrachtet neben den Internettexten auch die bildliche Gestaltung der Seiten. In den Teilbereichen, die die Anforderungen an Freiwillige vorstellen, fordert Weltwärts immer wieder zur kritischen Reflexion der eigenen Kultur und der eigenen Gewohnheiten auf. Zudem wird eine grundlegende Offenheit der Freiwilligen gefordert. Weltwärts selbst verzichtet bei Ausführungen zu den Partnerländern auf Beschreibungen, die gewisse Klischees oder Stereotype bedienen. Bei der Verwendung von Bildern achtet Weltwärts darauf, typische Motive der aktiven weißen Freiwilligen bei ihrer Arbeit zu vermeiden. Diese neutrale Bildgestaltung lässt sich allerdings nicht bei allen Organisationen feststellen. So finden sich beispielsweise auf der Internetseite von AFS gleich mehrere Bilder, die junge weiße Freiwillige zwischen afrikanischen Kindern oder beim Aufbau von Brunnen und Schulen zeigen. 100 Postkoloniale Perspektiven Neben der Thematisierung auf kultureller Ebene finden auch die materiellen Ungleichheiten innerhalb des Entsendelandes durchaus Beachtung. So wird aktiv versucht, die homogene Gruppe der Freiwilligen zu öffnen, was sich auf der Weltwärts-Seite in den Ausführungen zu den Anforderungen an die Freiwilligen zeigt. „Eine Beeinträchtigung oder Behinderung schließt eine Teilnahme an Weltwärts nicht aus“ (Weltwärts gehen: Was wird vorausgesetzt?). Es werden überdies zusätzliche finanzielle Mittel bewilligt. Zudem wird auf eine spezielle Seite für Freiwilligendienste verwiesen, eine „ausreichende Belastungsfähigkeit“ (Weltwärts gehen: Was wird vorausgesetzt?) bleibt aber Voraussetzung. Für Menschen, denen die Finanzierung Schwierigkeiten bereitet, wird ein Flyer mit Tipps zum Spendensammeln zur Verfügung gestellt, eine zusätzliche Förderung gibt es allerdings nicht. Um Auseinandersetzungen mit internationalen Ungleichheiten herauszuarbeiten, wurde in der Feinanalyse besonders die allgemeine Programmbeschreibung auf der Internetseite untersucht. Im Kontext der Partnerschaft steht hier die Gleichberechtigung im Mittelpunkt. Darüber hinaus sollen in der Zusammenarbeit „strukturelle Ungleichheiten, die der Kontext der Entwicklungszusammenarbeit mit sich bringt, (…) nicht ausgeblendet oder negiert, sondern kritisch reflektiert werden“ (Weltwärts im Überblick). Trotz dieser postulierten Gleichberechtigung fallen an anderen Stellen der Internetseite Ungleichheiten in der Aufgabenzuständigkeit auf. So wird in den Unterseiten, die sich an die Freiwilligen richten, deutlich, dass sowohl die Auswahl der Freiwilligen als auch die Betreuung im Partnerland von den Entsendeorganisationen übernommen wird. Der übergeordnete Themenbereich der globalen Ungleichheit wird insofern beachtet, als dass Weltwärts auf seiner Seite auf eine Broschüre des bildungskritischen Vereins Glokal verweist und das Verständnis globaler Ungleichheiten explizit als Lernziel formuliert. Solche Hinweise zu globaler Ungleichheit findet sich neben Weltwärts nur auf der Seite von Augenhöhe e.V. Insgesamt zeigt sich also, dass zumindest eine indirekte Auseinandersetzung mit Themenbereichen der Kritik stattfindet. Dies geschieht auf drei Ebenen: auf sprachlicher, auf materieller und auf Ebene der Informationsvermittlung. Auf sprachlicher Ebene spiegeln sich Diskussionen und Aushandlungsprozesse in der Verwendung und der Auslassung gewisser aufgeladener Begrifflichkeiten wider. Auf materieller Ebene ist die Bereitstellung von unterschiedlichen Ressourcen ein Weg, Problematiken durch praktisches Handeln zu begegnen. Die Tatsache, dass zusätzliche Mittel für einen spezifischen Zweck zur Verfügung gestellt werden, impliziert gleichzeitig eine Relevanz für die bereitstellende Organisation. Auch die Vermittlung von Informationen zu bestimmten Themen suggeriert, dass diese für die Organisationen von Bedeutung sind. Gleichzeitig kann jedoch angenommen werden, dass Informationen, auf die nur verwiesen wird, eine geringere Wichtigkeit zukommt als solchen, die direkt thematisiert werden. 101 Hoefer, Zur Auseinandersetzung mit postkolonialer Kritik 5. Schlussbetrachtung Der vorliegende Beitrag hat die Auseinandersetzung mit postkolonialen Kritiken in den Selbstdarstellungen von Entsendeorganisationen und Programmen entwicklungsbezogener Freiwilligendienste im Internet beleuchtet und kommt dabei zu dem Schluss, dass trotz einiger Veränderungen in der sprachlichen Gestaltung eine direkte Auseinandersetzung nicht stattfindet. Darüber hinaus kann abschließend festgestellt werden, dass sich mit der Fokussierung auf den Lernaspekt und der Vermeidung einer Konzentration auf den Aspekt der Hilfeleistung der Dienste der thematische Schwerpunkt der Diskussion verschiebt. Da die Organisationen davon absehen, den Mehrwert des Engagements im Empfängerland zu verorten und die Veränderung der Lebensbedingungen vor Ort ins Zentrum des Programmes zu stellen, ergeben sich bei der Betrachtung von Freiwilligendiensten neue Fragen, wobei andere in den Hintergrund rücken. Während Kontzi (2015) in ihrer Arbeit noch folgende Passage der Weltwärts-Seite zitiert: „Lernen durch tatkräftiges Helfen“ (Kontzi 2015: 110), sind Formulierungen wie diese auf der aktuellen Seite nicht mehr zu finden. Es scheint nun nicht mehr in erster Linie darum zu gehen, welche Nutzen der Dienst für das Partnerland hat, sondern stärker darum, wie er sich auf das lernende Individuum auswirkt. Die Diskussion hat sich somit von der Ebene zwischenstaatlicher Zusammenhänge auf die Ebene des Individuums verschoben. Da sich Programme nicht mehr hauptsächlich als Instrumente der EZ darstellen, ist die Notwendigkeit, sich im Kontext der Freiwilligendienste mit Kontroversen der Entwicklungspolitik zu beschäftigen, weniger offensichtlich. Bleiben die tatsächliche Praxis und die reale Gestaltung der entwicklungsbezogenen FWD trotz der neu artikulierten Ziele unverändert, so entsteht der Eindruck, die neue Rahmung diene lediglich der Vermeidung unangenehmer Kontroversen und nicht einer Auseinandersetzung, die über die sprachliche Ebene hinausgeht. Der vorliegende Artikel weist somit nicht nur auf eine geringe Thematisierung postkolonialer Kritiken in der Selbstdarstellung hin, sondern zeigt anhand der Inhalte der Internetseiten zudem eine Diskursverschiebung. Einen interessanten Anknüpfungspunkt könnten hier organisationssoziologische Perspektiven des Neoinstitutionalismus liefern, welche davon ausgehen, dass Organisationen Wertmaßstäbe ihrer Umwelt übernehmen, um ihre Legitimität zu sichern (Meyer/Rowan 2009). Des Weiteren kann diskutiert werden, inwieweit sich Entsendeorganisationen im Kontext ihres institutionellen Hintergrundes tatsächlich kritisch mit machtpolitischen Themen beschäftigen können. Aufgrund der überwiegend staatlichen Finanzierung bleibt fraglich, inwieweit sich Organisationen tatsächlich von der EZ abgrenzen können. Ausgehend von den Ergebnissen dieser Arbeit zur Auseinandersetzung mit Kritik in der Selbstdarstellung könnte in einem nächsten Schritt die Untersuchung der tatsächlichen Praxis wichtige Erkenntnisse liefern. 102 Postkoloniale Perspektiven Literaturverzeichnis AKLHÜ e.V. (2017): Freiwillige in internationalen Freiwilligendiensten, Bonn. 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Weltwärts (2018): Weltwärts, www.weltwaerts.de/de/ (30.05.2018). 104 Der Begriff Entwicklung im Freiwilligendienst Weltwärts – Ansichten von Süd-Nord-Freiwilligen aus postkolonialer Perspektive Lisa Bergmann Referentin im Süd-Nord-Freiwilligenprogramm der Vereinten Ev. Mission bergmann-l@vemission.org Zusammenfassung In einer groß angelegten Evaluation der Weltwärts Süd-Nord-Komponente im Jahr 2017 wurde die Frage aufgeworfen, was genau das Entwicklungspolitische an der Süd-Nord- Komponente sei. Bisher wurde die Thematik vielfältig diskutiert aber noch nicht in Gänze beantwortet. Der vorliegende Beitrag geht der Frage der Entwicklung nach und wird die Ansichten von Süd-Nord-Freiwilligen in den Mittelpunkt der Analyse stellen: Wie fassen sie „Entwicklung“ als Teil ihres Dienstes? Findet Entwicklung statt und wenn ja auf welchen Ebenen? Was für Änderungsprozesse können nachverfolgt werden? Als theoretischer Hintergrund des Aufsatzes wird die postkoloniale Theorie gewählt, mit der die verschiedenen genannten Aspekte beleuchtet werden. Der Beitrag arbeitet heraus, dass der Freiwilligendienst vielschichtige Formen von Entwicklung anregt, welche sowohl Auswirkungen auf das Gastland Deutschland als auch das Heimatland haben können. Entwicklungen können ökonomischer Art sein, umfassen aber mehr noch ein Umdenken, eine Horizonterweiterung und gesellschaftliche Transformationsprozesse. Schlagwörter: Weltwärts; postkolonial; Süd-Nord-Freiwilligendienst; Entwicklung; Entwicklungspolitik Abstract In major study regarding the Weltwärts South-North-component, which was published in 2017, the question was posed what the development political aspects of the South-North-component were. So far, this topic has been widely discussed, but could not be answered entirely. This paper is going to pick up the subject by focusing on South-North volunteers’ perspectives on the topic: How do volunteers capture development as part of their service? Does development take place and, if so, on what levels? What kind of changing processes can be depicted? Postcolonial Theory will serve as theoretical background to analyze the various topics mentioned. The paper examines that the volunteer service fosters various kinds of development, which may have an effect on both the host country Germany as well as the respective home country. Development processes may be economical, but also encompass new perspectives, widening of horizons and societal transformation processes. Keywords: Weltwärts; postcolonialism; South-North-volunteering; development; development policies 1. Einleitung Der Freiwilligendienst Weltwärts ist beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) angesiedelt und somit Teil der 105 Bergmann, Der Begriff Entwicklung im Freiwilligendienst Weltwärts deutschen Entwicklungspolitik. Was genau junge Freiwillige zur Entwicklungsarbeit beitragen können, ist eine Debatte, die schon bald nach Einführung des Programms 2008 aufgegriffen wurde (bspw. durch Kontzi 2011). Während zu Beginn Nord-Süd-Freiwillige noch als (Entwicklungs-)Helfer_innen konstruiert wurden, hat sich der Diskurs nun verschoben hin zu der Annahme, dass Freiwillige primär Lernende sind. Sie unterstützen während ihres Jahres entwicklungspolitische Projekte, stärken so Partnerschaften und engagieren sich nach ihrer Rückkehr in Deutschland (Polak/Guffler/Scheinert 2017: vii f.; Kontzi 2015). Doch wie stellt sich die Situation innerhalb der Süd-Nord-Komponente dar? Nachdem sie im Jahr 2013 zunächst als Pilotprojekt initialisiert wurde, gab es eine groß angelegte Evaluation, deren Ergebnisse im Sommer 2017 veröffentlicht wurden. Der Evaluationsbericht wirft die Frage auf, was das Entwicklungspolitische am Freiwilligendienst Weltwärts sei (Scheller/Krämer/Hielscher 2017: viii; 37 ff.). Bisher hat sich keine Studie weitergehend mit diesem Thema befasst; Grundsätzlich gibt es wenige Untersuchungen, die sich mit dem Süd-Nord-Freiwilligendienst auseinandersetzen. Anzuführen sind die Studien von Repenning (2016) und Skoruppa (2016). Der vorliegende Aufsatz schließt diese Forschungslücke. Dabei sollen die Ideen und Ansichten der Süd-Nord-Freiwilligen selbst in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Forschungsfrage lautet: Wie sehen Süd-Nord-Freiwillige die Frage der Entwicklung in ihrem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst? Der Beitrag stellt Teilergebnisse einer im Rahmen einer Masterarbeit durchgeführten Studie vor, basierend auf einem explorativ-induktiven Forschungsvorgehen. Den theoretischen Rahmen bildet die postkoloniale Theorie. Dieser interdisziplinäre Ansatz beschäftigt sich mit verschiedenen Auswirkungen der Kolonialgeschichte und analysiert unter anderem den modernen Entwicklungsdiskurs. Nach einer kurzen Einführung in die postkoloniale Theorie wird das methodische Vorgehen vorgestellt, um dann auf die Ergebnisse der Interviews einzugehen. 2. Theoretischer Rahmen: Entwicklungszusammenarbeit im postkolonialen Kontext Den theoretischen Hintergrund der Fragestellung, wie Süd-Nord-Freiwillige Entwicklung im Rahmen ihres Dienstes sehen, bildet die postkoloniale Theorie. Diese beschäftigt sich mit den Nachwirkungen des Kolonialismus in seinen vielfältigen Facetten. (Ziai 2016 402; Kerner 2012: 9; Conrad 2012: 4). Diese Nachwirkungen betreffen die verschiedensten Felder des öffentlichen und privaten Lebens, sodass postkoloniale Studien von hoher Interdisziplinarität geprägt sind. Ziel ist es, zentrale koloniale Annahmen (wie z. B. des Rassismus) zu dekonstruieren und so zu überwinden (Castro Varela/Dhawan 2015: 17). Postkoloniale Theorien „[erheben] den Anspruch […], auf gesellschaftliche Missstände einschließlich ihrer Ursachen und Wirkungen aufmerksam zu machen und dadurch dazu beizutragen, diese 106 Postkoloniale Perspektiven Missstände zu beheben“ (Kerner 2012: 12). Die zentralsten Autor_innen sind Edward Said (1978), Gayatri Spivak (1988) und Homi K. Bhabha (1994). Auch Dipesh Chakrabarty (2002) ist an dieser Stelle zu nennen. Edward Said analysiert in seinem Buch „Orientalism“ (1978), wie der Orient im Westen von (vermeintlichen) Expert_innen konstruiert wurde. Dieses Konstrukt ist „das Andere“ als Gegenbild zum Selbst; das Gegensätzliche zum „aufgeklärten“, „entwickelten“ Europa. Die Autorin Gyatri Chakravorty Spivak schrieb 1988 ihren vielbeachteten Essay „Can the Subaltern Speak?“. In diesem knüpft sie inhaltlich an Said und Foucault an, beleuchtet das Thema der Postkolonialität aber von einer feministischeren und marxistischeren Perspektive. Sie geht dabei auf Subalterne, also marginalisierte Personen, die nicht oder kaum repräsentiert sind, ein. Häufig sind dies Frauen (Spivak 1988: 83). Homi K. Bhabha untersucht die Subjektbildung (Subjektivierung) innerhalb des kolonialen und postkolonialen Diskurses und fokussiert die Frage der Hybridität in seinen Schriften (Bhabha 1994). Chakrabarty arbeitet in seinen Studien unter anderem den Eurozentrismus vieler Konzepte und gängiger Wissensformen heraus und fordert, Europa zu provinzialisieren (Chakrabarty 2002: 283). Auch die moderne Entwicklungszusammenarbeit ist Untersuchungsgegenstand postkolonialer Theorie. In diesem Kontext wird die Frage gestellt, wieso sich ehemalige Kolonien an den vom Westen gesetzten Normen von Staatlichkeit und ökonomischer Entwicklung orientieren sollten, wenn dies dazu führt, dass die eigene Lebensart ständig als ein Noch-Nicht-Erreichen des Ideals (Modernität und ökonomisches Wachstum) dargestellt wird (Kontzi 2015: 133). Hall (1994) formte mit Blick darauf den Begriff „des Westens und des Rests“. Daraus ergibt sich zum einen eine globale Hierarchie, an deren Spitze Länder mit hoher Wirtschaftsleistung stehen. Zum anderen umfasst sie eine pfadabhängige Entwicklungsidee. Dabei habe Entwicklung so abzulaufen und das gleiche Resultat zu erbringen, wie in Ländern des Globalen Nordens (Eckert 2006: 3). Ferner fließen im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit große Summen vom Globalen Norden in den Süden. Monetäre Geldflüsse bedeuten jedoch Abhängigkeit und Macht (Müller/Ziai 2015: 9; glokal e. V.: 16). Auch wenn in der heutigen Zeit versucht wird, auf Augenhöhe zu arbeiten (die Änderung der Begrifflichkeit von Entwicklungshilfe in Entwicklungszusammenarbeit [EZ] ist eine Ausgestaltung dieser Tatsache), wird der EZ weiterhin Paternalismus vorgeworfen (Ziai 2016; Baaz 2005; glokal e. V. 2016) Das Konzept des Süd-Nord-Freiwilligendienstes bricht in gewisser Weise mit den Annahmen klassischer Entwicklungszusammenarbeit. Weder Personal noch Expertise fließen in diesem Fall vom Norden in den Süden, sondern der Austausch funktioniert andersherum: vom Süden in den Norden. Die Macht des Geldes allerdings bleibt in Deutschland. Beim Studium der Zielsetzungen des Programms fällt 107 Bergmann, Der Begriff Entwicklung im Freiwilligendienst Weltwärts auf, dass die Entwicklung der Heimatkulturen der Freiwilligen (nämlich als Multiplikator_innen in der Stärkung der Zivilgesellschaft) nur eines von sechs Zielen des BMZ hinsichtlich übergeordneter entwicklungspolitischer Wirkungen ist. Im Fokus steht die Stärkung der Partnerschaftsarbeit, Bewusstseinsaustausch oder die Stärkung der Zivilgesellschaft – in Deutschland wie im Heimatland (Scheller/ Krämer/Hielscher 2017). Fraglich ist nun, wie die befragten Freiwilligen ihre Tätigkeit einordnen: Sehen sie ihre Tätigkeit als Entwicklungsarbeit? Welche Dimensionen von Entwicklung entwickeln sie? Diesen Fragen geht die anschließende Forschung nach. 3. Methodik, Forschungsfeld und Rolle Der Fragestellung wird sich einem qualitativen Ansatz folgend induktiv genähert. Forschungsphilosophisch wird das Ziel verfolgt zu verstehen, „wie die soziale und politische Welt beschaffen ist und […] wie wir Erkenntnisse über diese Welt in unserer Forschung erhalten können“ (Blatter/Langer/Wagemann 2017: 17). Dabei geht es darum, offen an einen Forschungsgegenstand heranzugehen und Lebenswelten „von innen hinaus“ zu verstehen (Flick/Kardoff/Steinke 2007: 14). Das Subjekt wird in den Mittelpunkt der Forschung gerückt und versucht, soziale Gegenstände zu erfassen (Reichertz 2014: 70; Heinze 2001: 14). Meine Gesprächspartner_innen waren Süd-Nord-Freiwillige, die über ein Missionswerk in Deutschland am Weltwärts-Programm teilgenommen haben, der Großteil (13 Personen) war zum Zeitpunkt der Befragung circa ein halbes Jahr in Deutschland, zwei Interviewte hatten den Dienst bereits abgeschlossen. Insgesamt wurden also 15 narrativ geprägte Leitfrageninterviews geführt, davon sechs im persönlichen Gespräch und neun telefonisch. Die Interviewfragen umfassten verschiedenste Thematiken. Dieser Beitrag befasst sich insbesondere mit einem der in den Interviews aufgegriffenen Themen, nämlich dem der Entwicklung. Die entsprechende Interviewfrage lautete: „The program is financed by the German ministry of development. Do you see your work as development cooperation?” Einfluss fand aber auch die Frage, ob die Interviewten sich mit Rassismus konfrontiert sähen. Die Auswertung der Gespräche folgte den Vorgaben der qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring (2015; 2002). Diese stellt ein „systematisches, regelgeleitetes Vorgehen“ (Mayring 2015: 50) dar, mit dessen Hilfe der Interviewkorpus ausgewertet werden kann. Hierfür wurden die transkribierten Interviews (1) paraphrasiert (zusammenfassen), (2) generalisiert (Abstraktionsniveau finden), (3) reduziert (unwichtiges streichen) und (4) nochmals reduziert, um Dinge zu bündeln (Mayring 2015: 72). Diese Schritte können auch mehrmals angewandt werden. Am Ende steht ein Kategoriensystem, das bei der Auswertung der Fragestellung hilft. 108 Postkoloniale Perspektiven 4. Ansichten von Süd-Nord-Freiwilligen zur Frage der Entwicklung In den Interviews zeigte sich, dass die Freiwilligen verschiedene Ideen zur Frage der Entwicklung im Rahmen ihres Dienstes haben. Diese sollen im Folgenden vorgestellt werden und dabei in die Themenfelder (1) persönliche Entwicklung, (2) Entwicklungstendenzen in der Heimat und (3) Helfen und Spenden aufgeteilt werden. Eine interessante Erkenntnis der Interviews war, dass die Frage nach der eigenen Arbeit als Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland einiges Nachdenken auslöste. Dieses Nachdenken spiegelt die Ergebnisse des Weltwärts Süd-Nord Evaluationsberichtes von 2017 wider (Scheller/Krämer/Hielscher 2017: xii). Das Entwicklungspolitische in der Süd-Nord-Komponente scheint sowohl für die Freiwilligen selbst als auch für die Autor_innen des Evaluationsberichts schwierig greifbar. Es wird deutlich, dass Entwicklung eine Reihe von Dimensionen hat und nicht nur aus dem Blickwinkel von rein ökonomischer Entwicklung gedacht werden sollte. Dies deckt sich mit den Ansätzen der post-development-Kritik, wie etwa von Escobar (1995). 4.2.1 Persönliche Entwicklung Die meistgelieferte Interpretation des Dienstes war diejenige der persönlichen Entwicklung. Sie zieht sich durch alle Interviews und stellt das verbindende Element dar zwischen Weiterentwicklungen in Deutschland (bspw. in der Einsatzstelle) und in der Heimat. Exemplarisch hierfür sind die Aussagen einer Freiwilligen aus Indien: But, for me, personally, I have grown strong in the last one year, I would say. […] My viewpoint, my perspective has changed. I don’t know […] there is more confidence in terms of how I could create social changes. Maybe … Maybe the development is myself. Der Freiwilligendienst hat augenscheinlich eine höchst ermächtigende Wirkung auf die persönliche Entwicklung. Der Weltwärts-Evaluationsbericht bestätigt dies: „Die Süd-Nord-Freiwilligen haben sich in einem nonformalen Lern- und Bildungsprozess weiterentwickelt“ (Scheller/Krämer/Hielscher 2017: ix). 4.2.2 Entwicklungstendenzen in Deutschland und in der Heimat Aus den Interviews wird deutlich, dass Freiwillige Inspiration und Motivation für Änderungen in der Heimat finden. Gleichzeitig versuchen sie, Klischees und Rassismen, die ihnen in Deutschland begegnen, aufzubrechen. 109 Bergmann, Der Begriff Entwicklung im Freiwilligendienst Weltwärts Ein Freiwilliger aus Ghana fasst seine Interpretation von Entwicklung wie folgt zusammen: Development touches with human lives. […] I know that ever since I came here I made a difference in the life of someone. This is a way of development. And I think that this has a replicating effect on others. They would also go out and make an impression on someone else. And this causes a development. And also, you see, a development has something to do with a global view. A worldwide view. […] I want to talk to the youth in the church and to talk about Germany, to talk about their culture, to talk about what this program is about and the impact I had and what are the changes that occurred when I was in Germany for one year. […] It can impact into their lives, also. Die Aussage zeigt einen globalen Ansatz von Entwicklung, der nur über gemeinsamen Austausch untereinander erreicht werden kann. Der Freiwillige selbst ist Multiplikator und sieht sich in der Position der Verantwortung, globale Entwicklung voranzutreiben. Im letzten Kapitel wurde eine Freiwillige zitiert, die nicht nur sagt, dass sie selbst sich entwickelt habe („Maybe the development is myself.“), sondern auch, dass sie nun mehr Vertrauen habe, sozialen Wandel hervorzurufen: „There is more confidence in terms of how I could create social changes.“ An dieser Stelle wird das politische Potential des Freiwilligendienstes deutlich: Er ermöglicht es Menschen, politische Handlungsfähigkeit zu erproben und sich aktiv in gesellschaftliche Prozesse einzubringen und diese zu formen. Auch bietet die Arbeit in Deutschland Inspiration für ein Umsetzen von verschiedenen Impulsen im Heimatland. Beispielsweise erzählt die indische Freiwillige, eine studierte Architektin, dass sie gerne eine Nichtregierungsorganisation (NGO) gründen möchte und den Freiwilligendienst als Erfahrungsgewinn in diese Richtung betrachtet: And also because I had decided I would re-schedule in the direction of an NGO or something and I had never worked in an NGO. Like, I know how an architecture firm works, but the structure of an NGO […], I had no idea. And, I knew I didn’t want to do architecture, I didn’t want to build things. So I thought: Okay, it’s maybe time I take a different direction. Andere Interviewte erzählen von Ideen für Kursen oder Workshops, die sie nach dem Jahr umsetzen möchten. Die Beispiele zeigen, dass Wissen und Erfahrungen weitergegeben werden. Es kann argumentiert werden, dass die Interviewten ihr persönliches – und an manchen Stellen auch fachliches – Empowerment in ihrer Heimat umsetzen. 110 Postkoloniale Perspektiven Andererseits kritisiert bspw. ein tansanischer Freiwilliger und ausgebildeter Jurist, dass ihn der Dienst fachlich nicht weitergebracht habe. Diese Beobachtungen decken sich mit dem Weltwärts-Evaluationsbericht (Scheller/Krämer/Hielscher 2017: ix): In gut angepassten Einsatzstellen könnten die Freiwilligen ihre Fähigkeiten in Deutschland besser einbringen, während des Dienstes fachlich mehr lernen und in der Heimat anwenden. Da das Programm jedoch im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) explizit auf unterstützende Hilfstätigkeiten ausgelegt ist, ist dies im Moment schwerlich möglich. Weltwärts versteht sich als Lerndienst – dieser könnte bei einer offeneren Handhabe der Einsatzplatzvergabe größer ausfallen. Ein Ändern der Rahmenbedingungen kann hier entgegenwirken. Aufgabe der Aufnahmeorganisation sollte es sein, Einsatzstellen zu finden, die im Rahmen des BFD möglichst gut auf die Interessen und Möglichkeiten der einzelnen Freiwilligen passen. Während des Jahres sind Konfrontationen mit rassistischen Denkweisen in verschiedensten Ausprägungen (über tatsächliche Anfeindungen und über rassistische Kommentare, bis hin zu positivem Rassismus) normale Erlebnisse in einem Süd-Nord-Freiwilligendienst. Exemplarisch zu stereotypen Denken in Deutschland sind die Aussagen einer Freiwilligen aus Togo. Sie stellt die Frage, warum in ihrem Heimatland so viele positive Dinge über Europa vermittelt werden. Dort gäbe es „einen [ideellen] Platz für Europäer“. In Togo würden positive Bilder über den Norden hervorgerufen. In Deutschland jedoch begegnet ihr das genaue Gegenteil: Afrika wird verbunden mit Armut, Tieren und Hunger – negativen Assoziationen. Dies hat sie verunsichert und sie stellt sich nun die Frage, ob Europa nicht in ihrer Heimat zu sehr glorifiziert wird.1 Der Schluss, den die togoische Freiwillige für sich gezogen hat ist, so viel wie möglich über Togo und Afrika zu erzählen und so das Bild der Menschen zu ändern: „Sie müssen wissen, dass Afrika auch viele Vorteile hat. Und jetzt fühle ich mich besser.“ Ihre Vorträge und Erzählungen zu „meinem Afrika, meinem Togo“ sind eine Strategie, ihrem persönlichen Frust über die Rassismen der Menschen in Deutschland zu begegnen. Das Beispiel zeigt, wie sehr das Denken des „defizitären Anderen“, des „Othering“ (Ziai 2016: 403) auf deutscher Seite internalisiert ist. Das Freiwilligenprogramm könnte jedoch ein Weg sein, diese Vorurteile langsam abzubauen. Ein weiteres Ergebnis der Interviews war der Abbau von hierarchisierendem Denken innerhalb bzw. zwischen den Ländern und Kontinenten der Teilnehmenden. Von besonderem Interesse sind dabei die Aussagen einer Freiwilligen aus Sri 1 Der Globale Süden als diskursives Gegenbild des Globalen Nordens und das „Glorifizieren Europas“ zeigt sich auch in Erwartungshaltungen von Familien und Freund_innen in der Heimat, die bspw. teure Geschenke und Mitbringsel fordern. Dies wird mehrfach in den Interviews angedeutet. 111 Bergmann, Der Begriff Entwicklung im Freiwilligendienst Weltwärts Lanka, die sehr offen ihre eigenen Sichtweisen und die Vorstellungen ihres Umfeldes zum afrikanischen Kontinent kommuniziert: Because, mostly in an Asian country you get to know an African person only through television […]. And it is not only Europeans who see Africans in a different perception like: “Their country is very dry. Or: They are very poor. They eat, like, animals or, like, people.” Something like a misconception. Because, I personally had that misconception ‘till I met my friends in Africa. […] But, to be honest, when I first met my African friends in the first seminar of my volunteer service, actually I was scared of them. I was really, really scared to see them. Maybe, because of the perception I had. The influence I had in my life with the television. Because, they are always with a bow and arrow.[…] The things I saw is that they are always dirty, with mud and dusk and poor houses … And they don’t have good food and they don’t have proper clothing or proper education. I felt like they are also a part of an animal kingdom, they are not human beings. Actually, I felt that they are not humans. So, I had a total misconception! Demnach wird Afrika gleichgesetzt mit Natur bzw. Primitivität (die Freiwillige spricht in diesem Kontext von „animal kingdom“), dem Jagen mit Pfeil und Bogen Dreck und Armut; eine Region ohne „proper education“. Die Aussagen, die sie tätigt, entsprechen dem Bild, das auch in Deutschland häufig von Afrika entworfen wird. Dabei wird eine europäisch ausgestaltete (wie auch immer geartete) Norm gesetzt, anhand derer alles andere als negativ gewertet wird. Der Dualismus stellt westeuropäisches Denken als Kultur, Errungenschaft und Norm der Gestaltung von Gesellschaften dar. Diese Stereotype, nämlich die „Verschmelzung mit der Natur“ und die daraus folgende Kulturlosigkeit des Anderen sind „Zeugnis gängiger ethnozentristisch-rassistischer Konstruktionen und Einstufungen“ (Arndt 2004: 100). Dies wiederum impliziert einen Eurozentrismus, wie er bspw. von Said (1978), Chakrabarty (2002: 283) oder Sutterlüty (2002: 13 ff) kritisiert wird. Interessant ist jedoch, dass die Freiwillige selbst aus einer ehemaligen Kolonie (Sri Lanka) stammt. Eine hierarchisierende Weltordnung ist dennoch ein von ihr selbst internalisiertes Denken. Ihrer Logik folgend steht Afrika „unter“ Asien, denn in ihren Aussagen impliziert sie, dass all die negativen Dinge aus Afrika in Asien (bzw. Sri Lanka) nicht anzutreffen sind. Gleichzeitig stellt sie aber auch klar, dass Europa an höchster Stelle steht, „because it’s like a rich country“2. Die Freiwillige versucht, die an sich selbst beobachteten rassistischen Denkweisen mit einem Verweis auf mediale Berichterstattung (insbesondere Dokumentationen in der BBC) zu erklären. Positiv kann hervorgehoben werden, dass sie ihr Bild über Afrika und Afrikaner_innen anscheinend aufgrund des persönlichen Kontaktes geändert hat. Der Austausch mit anderen jungen Menschen aus aller Welt trägt auch dazu bei, persönliche Einstellungen zu ändern. Augenscheinlich 2 „We all know that Europeans how they are, because, it’s always like a rich country.” 112 Postkoloniale Perspektiven müssen nicht nur die Impulse der Freiwilligen innerhalb ihres Umfelds in Deutschland und im Heimatland, sondern auch innerhalb der Freiwilligengruppen fokussiert werden. Internationaler Austausch und Kontakte sowie gemeinsames Lernen sind zentrale Punkte, um Dialoge untereinander zu öffnen (Mischke 2010; Schneider- Wohlfahrt 2013). 4.2.3 Helfen?! Spenden?! Da die Interviewsituation bewusst offen gehalten wurde, entwickelten sich nicht alle Gespräche in dieselbe Richtung. Zwei Interviewte sprachen von sich das Thema „Helfen und Spenden“ an. Eine ruandische Freiwillige berichtet, wie in ihrer Heimat die Menschen keine Erfahrungen mit den Abläufen zum Erhalt von Spenden haben. Ferner, sagt sie, würde mit den Hilfszahlungen fast schon gerechnet: We are not really informed, but what we know is that the church in Germany supports everything. And we get some money from Germany when we have to construct something. […] But, the members [in Rwanda] are still not knowing what happened. They think: ‘The church in Germany will give us the money.’ Something like that. But we don’t know really how or about the procedures and who did it or how the cooperation works. Im Gegensatz dazu legt ein tansanischer Freiwilliger in seiner Erzählung den Fokus auf die Idee des „Helfens“ in Geberländern, wo Spender_innen über stereotype Werbung und Inhalte zum Geben aufgefordert werden.3 Diese führten dazu, dass sich – auf Geberseite – die Bilder des defizitären Anderen manifestieren. Gleichzeitig würden Projekte unterstützt, die nicht unbedingt zielführend seien. Die Stereotypisierungen, von denen die Freiwilligen – insbesondere diejenigen aus afrikanischen Ländern – berichten, sind ein Teil der einseitigen Darstellung des Kontinents in deutschen Medien, aber auch in der Werbung. Beiträge von Kiesel und Bendix (2016) oder glokal e. V. und Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e. V. (2017) kritisieren die Reproduktion von Stereotypen in Spendenwerbungen. Sie sei ein wichtiges Puzzlestück der gedanklichen Verbindung von Armut, Hilfsbedürftigkeit und Rückständigkeit mit dem afrikanischen Kontinent. Schwarze und People of Color werden in der Öffentlichkeit anders dargestellt als Weiße und so auf einen Aspekt reduziert (Kiesel/Bendix 2016: 484). Der tansanische Freiwillige spricht von einem Impuls des „Helfens“ oder „Gutes tun“. Dies 3 “We had this meeting last time and some of the leaders [of mission organizations] was that they find it that most people feel important when they make a contribution to something that is not working. And therefore, they feel important to something that wouldn’t have happened if they didn’t contribute. And to do that, they have to be convinced by inputs or by naming things in a way could be stereotypical. But, I think that there has to be a dialogue, or there has to be a movement that teaches people that that’s not really the point of helping. The point of helping is to change something somewhere in the world if they want help. And maybe it‘s better to empower than just support.“ 113 Bergmann, Der Begriff Entwicklung im Freiwilligendienst Weltwärts mag ehrenhaft erscheinen, steht aber dennoch in einer kolonialen Tradition. Hier kommt eine Dichotomisierung zwischen „uns“ und „den anderen“ zum Tragen (Miles 1991: 117). „Wir“ „helfen“ „den Hilfsbedürftigen“. Ob die Spenden sinnvoll sind, steht auf einem anderen Blatt. Der Freiwillige, der dieser Analogie folgend ein „Anderer“ ist, ist irritiert. Festzuhalten ist, dass Bilder und Spendenwerbung eine Wirkmacht haben, die die Freiwilligen (und andere Menschen, die vermeintlich nicht „deutsch“ aussehen) zu spüren bekommen. Auf der anderen Seite stehen die von der oben zitierten ruandischen Freiwilligen dargestellten Beispiele: Sie gibt an, dass die Mitglieder ihrer Gemeinde in der Regel nicht wüssten, wie Gelder, mit deren Hilfe große Bauprojekte realisiert werden, sie erreichten. Einzig, dass sie aus Deutschland kommen, sei klar. Einige Pastor_innen oder andere Eliten seien diejenigen, die mit der Spendenbeschaffung vertraut sind. Ob dies Absicht ist oder nicht, bleibt offen. Was in der Bevölkerung jedoch ankommt, ist, dass die Kirche in Deutschland „alles unterstütze“. Die Aussagen zeigen die Ambivalenz von Spenden. Es mag solidarisch sein, sich gegenseitig zu unterstützen, aber es generiert auch Abhängigkeiten. Das von der ruandischen Interviewten geschilderte Dilemma ist exemplarisch für verschiedene Regionen der Welt, in der die Wirtschaft längst abhängig von Hilfszahlungen geworden ist. Auch wenn das im Interview gegebene Beispiel der gebauten Kirche sicher nicht ökonomische Entwicklung zum primären Ziel hatte, so ist es dennoch ein Mosaikstein der allgegenwärtigen Hilfs- bzw. „Entwicklungsindustrie“ (Korf/ Rothfuß 2016: 178). Auch im kirchlichen Kontext stellt bspw. Kileo (2014) fest, dass „die Kirchen des Globalen Südens die Augenhöhe nicht erreichen können, solange die ‚Macht des Geldes‘ weiterhin durch die Wohltätigkeit des Nordens so starken Einfluss hat, dass sie sich als Dominierungsstrategie auswirkt“ (Kileo 2014: 270). Das letzte Wort darüber, was finanziert wird (und in welcher Höhe), liegt letztlich in Deutschland. Hier kann die Agenda dessen, was zu beachten ist, gesetzt werden. Die Normen und Werte Deutschlands müssen dabei beachtet werden. „Maybe, it is better to empower than to support“, sagt der tansanische Freiwillige zum Abschluss. Dieser Satz fasst eine postkolonial sensible Sicht auf die Aspekte von „Helfen?!“ und „Spenden?!“ gut zusammen: Die Tat des Helfens führt leicht zu einer Abhängigkeit des Geholfenem gegenüber dem Helfenden – vor allem, wenn dies an finanzielle Leistungen gekoppelt ist. Empowerment hingegen führt unter anderem dazu, Machtstrukturen zu hinterfragen und in eine Position gehoben zu werden, selbst Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Der ständigen – bewusste oder unbewusste – Reproduktion der Superiorität des Globalen Nordens und der Inferiorität des Globalen Südens kann durch Ermächtigungsstrategien entgegengewirkt werden. Die eingangs zitierten Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb der Entwicklungszusammenarbeit und ihrer Spendenakquise sind dennoch weiterhin nachzuweisen. 114 Postkoloniale Perspektiven 5. Fazit Der vorliegende Beitrag stellte die Ansichten und Beobachtungen von Weltwärts Süd-Nord-Freiwilligen in den Mittelpunkt der Analyse. Aufgrund des bisher in der Literatur wenig beachteten Themas der Entwicklung in der Süd-Nord-Komponente, wurde dieses als Untersuchungsgegenstand gewählt. In den Antworten der Freiwilligen zur Frage der Entwicklungszusammenarbeit wurde versucht, ihr Verständnis von Entwicklung zu rekonstruieren. In der Analyse wurde herausgearbeitet, dass die Befragten drei Dimensionen von „Entwicklung“ in ihrem Dienst sehen, nämlich (1) ihre persönliche Entwicklung, (2) politische, soziale und manchmal auch ökonomische Entwicklungen in Deutschland und in der Heimat sowie (3) die Frage der Entwicklungshilfe. Persönliche Entwicklung findet den Ergebnissen nach zunächst auf der individuellen Ebene statt: “Personally, I have grown strong“, sagt die interviewte Inderin. Weltwärts ist als Lerndienst konzeptualisiert (Weltwärts o. J.). Das persönliche Wachsen ist ein Prozess, der in fast allen Interviews geäußert wird und sich auch mit den Erkenntnissen anderer Studien deckt (Schneider 2016). Der Dienst berührt aber auch die Leben der Menschen in Deutschland und das persönlichen Umfelds in der Heimat. Hervorzuheben ist der Abbau von Stereotypen. So berichtet eine Freiwillige aus Togo, dass sie versuche das einseitige Afrika-Bild in Deutschland durch ein systematisches Erzählen von „ihrem Afrika, ihrem Togo“ zu verändern. Weiterhin hilft der Dienst, Ängste und Stereotype innerhalb der Freiwilligengruppe abzubauen. Die ehrliche Aussprache einer Sri Lankischen Freiwilligen über anfänglichen Ängste gegenüber den afrikanischen Freiwilligen ist hier ein gutes Beispiel. Gleichzeitig erläutern die Befragten auch, dass Erfahrungen und neu erlernte Dinge in der Heimat weitergegeben, angewandt und somit politische, soziale und unter Umständen auch ökonomische Entwicklungen generiert werden. Es gibt also eine vielschichtige Multiplikation von Erfahrungen (vgl. z. B. Richter und Haas 2019: 24). Neben dieser persönlichen Dimension wurde in den Interviewsituationen auch die strukturelle bzw. politische Dimension von Entwicklung angesprochen. Dabei äußerte sich ein tansanischer Freiwilliger zu der deutschen Sicht auf Spenden, in deren Werbung Stereotype des armen Globalen Südens reproduziert würden (vgl. auch Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. 2017; Kiesel und Bendix 2016; glokal e.V.). Auf der anderen Seite ging eine ruandische Freiwillige darauf ein, wie in ihrer Heimat wenig Wissen über Abläufe zum Erhalt von Spenden herrschen würde. „Maybe, it is better to empower than to support“, sagt der tansanische Interviewte zum Abschluss. Im Idealfall tut der Freiwilligendienst Weltwärts dies: die Freiwilligen ermächtigen, selbst Dinge in Bewegung zu setzen und im Idealfall multiplikatorisch zu wirken. „There is more confidence in terms of how I could create social change”, sagt eine Interviewte über sich. 115 Bergmann, Der Begriff Entwicklung im Freiwilligendienst Weltwärts Letztlich zeigt sich in den Interviews, wie vielfältig der entwicklungspolitische Ansatz des Weltwärts-Programmes ist. So geht es allenfalls sekundär um einen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens, sondern vielmehr um die Bildung von zwischenmenschlichen Beziehungen und Ermächtigung, sowie non-formalen Lernerfahrungen der Freiwilligen. Outcomes sind Achtung voreinander, sowie Respekt und Toleranz. Abschließend kann resümiert werden, dass die interviewten Freiwilligen ein mehrdimensionales Bild von Entwicklung zeichnen und es als ganzheitliches Konzept ansehen. Es geht darum, sich persönlich weiterzuentwickeln, Dinge kritisch zu hinterfragen und als Multiplikator_innen die verschiedenen Denkweisen und Ansichten weiterzugeben. Die Impulse führen zu mehrschichtigen Formen der Entwicklung. Sie kann ökonomischer Art sein, umfasst aber ebenso ein Umdenken, Horizonterweiterung und gesellschaftliche Transformationsprozesse – sowohl in den Heimatländern als auch in Deutschland. Literaturverzeichnis Arndt, Susan (2004): Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster. Eriksson Baaz, M. 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Hürden für unterschiedliche Menschen im Zugang zu einem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst lassen sich in solche, die im Einflussbereich der Ansprache-Praxis liegen, und solche, die in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stehen, unterteilen. Während erstere unmittelbar identifiziert und abgebaut werden können, erfordern letztere zunächst ein tieferes Verständnis gesellschaftlicher Ausgrenzung. Im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts wurden zuletzt vielfältige Anstrengungen unternommen, um die unterrepräsentierten Gruppen „Menschen mit einer Behinderung“, „Menschen in/mit einer Berufsausbildung“ und „Menschen mit einem Migrationshintergrund“ besser zu erreichen und zu begleiten. Basierend auf Erfahrungen von Betroffenen und von Expert*innen, die an Maßnahmen zur Erreichung unterschiedlicher Zielgruppen mitgewirkt haben, wird ein Zugang zu bestehenden Ausgrenzungen herausgearbeitet: Neben dem (Nicht-)Vorhandensein von Rollenmodellen und der (ausbaufähigen) Ausprägung von Selbstvertrauen bei den (und in die!) Zielgruppen deuten sich auch das Verhalten der Programmakteure bestimmende Ausgrenzungsmechanismen an. Schlagwörter: internationale Freiwilligendienste; Inklusion; Zugangsbarrieren; Ausgrenzung Abstract International voluntary services suffer from a lack of inclusiveness. Generally, people from diverse backgrounds who are interested in realizing a development volunteer service are confronted with two kinds of obstacles. On the one hand there are those which can be confronted through personalized ways of addressing individuals and groups from such backgrounds, and on the other hand more fundamental forms of exclusion. Whereas the former can be identified and tackled readily, the latter require a deep understanding of processes of social exclusion. In recent years, the development volunteer service Weltwärts has been the sight of numerous attempts to improve the reach and support of underrepresented groups, such as people with disabilities, with a professional formation and with a migratory background. Based on the experiences of affected individuals and experts who are involved in programmes to better reach different target groups, this contribution offers an entry point to existing forms of exclusion. Our focus includes the issue of (inexistent) role 119 Dietrich & Maier, Im Schatten der Selbstverständlichkeit models and manifestations of self-confidence (or the lack thereof), but also points to problematic forms of practices from part of the parties involved in providing such services. Keywords: international voluntary services; inclusion, entry barriers; exclusion 1. Einleitung: Ansprache, Erreichbarkeit und Diversität in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten Internationalen Freiwilligendiensten stellt sich die Herausforderung, in einem komplexen, sich ständig wandelnden Umfeld jedes Jahr aufs Neue ausreichend und geeignete Freiwillige zu erreichen. Ein wachsendes Spektrum an alternativen Wegen ins Ausland, sei es durch Angebote im Rahmen der formalen beruflichen Qualifikation (z. B. Berufspraktikum im Ausland, Auslandssemester) oder durch kommerzielle Angebote (sog. Voluntourismus), führt mehr und mehr zu dem Erfordernis, kleiner werdende Jahrgänge junger Menschen möglichst passgenau entsprechend ihrer unterschiedlichen lebensweltlichen Ausdifferenzierungen anzusprechen. An anderer Stelle (Dietrich 2015; 2016) wurde aufgezeigt, wie eine – von Kenntnissen der aktuellen Jugendforschung informierte – lebensweltlich differenzierte Perspektive zur Verbesserung der Ansprache-Performance durch Trägerorganisationen internationaler Freiwilligendienste bemüht werden kann. Aus ihr lässt sich einerseits eine zielgerichtete Ansprache von Freiwilligendienst-affinen lebensweltlichen Gruppen ableiten, die bei der allgemeinen Bewältigung zurückgehender Bewerbungszahlen schnellen und quantitativen Erfolg verspricht. Andererseits zeigte die Analyse der Ansprache-Performance einzelner Trägerorganisationen, dass besondere Hürden und Hindernisse für Menschen bestehen, die bestimmte Merkmale tragen und die in internationalen Freiwilligendiensten unterrepräsentiert sind. Die Zusammensetzung der aktuell erreichten Freiwilligen ist äußerst homogen. Wenngleich dies (noch) keine Schwierigkeit bei der Auslastung der zu besetzenden Einsatzplätze darstellt, steht dies dem politischen Willen entgegen, möglichst inklusive Freiwilligendienste anzubieten, die allen Bevölkerungsschichten offenstehen sollen: junge Menschen aus einkommensschwachen Familien, mit einem sogenannten Migrationshintergrund, mit Berufsausbildung, ohne Abitur oder mit einer Beeinträchtigung/Behinderung sind Gruppen, die zwar in der Regel politisch als Freiwillige gewünscht sind, aber im Rahmen der bestehenden Programme und ihrer Formate kaum erreicht werden. Seit Einführung des Freiwilligendienstes Weltwärts beispielsweise oszillierte der Anteil der Teilnehmenden mit Abitur zwischen 96,1 Prozent (2008) und 87,4 Prozent (2015).1 1 Der Anteil der Schulabschlüsse mit allgemeiner Hochschulreife im Jahr 2017 lag dabei bei 34,5 Prozent (Statistisches Bundesamt 2018). Siehe AKLHÜ 2018 zu den genannten Zahlen. 120 Einschluss und Ausschluss Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst Weltwärts – Gemeinschaftswerk des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der zivilgesellschaftlichen Durchführungsorganisationen – bemüht sich vor allem mit eigens dafür eingerichteten Kompetenzzentren um eine Verbesserung der Erreichbarkeit der Zielgruppen Menschen mit einem „Migrationshintergrund“, mit bzw. in einer „Berufsausbildung“ und mit einer „Behinderung/ Beeinträchtigung“. Über diese Kompetenzzentren und die Möglichkeit individueller Begleitmaßnahmen zur Förderung von Inklusion im Weltwärts-Programm (Koordinierungsstelle weltwärts 2016) wurden in den vergangenen Jahren vielfältige Erfahrungen bei der Ansprache, aber auch bei der Begleitung unterschiedlicher unterrepräsentierter Zielgruppen gesammelt. Diese Erfahrungen stellen zum einen ein breites Repertoire an Methoden bereit, mit denen Hürden abgebaut werden können, die im Einflussbereich der Ansprache-Praxis liegen.2 Zum anderen stoßen die Expert*innen wie auch wir bei unseren Untersuchungen immer wieder auf grundlegendere, gesellschaftlich tief verankerte Hindernisse, die sich dem unmittelbaren Gestaltungsspielraum der Programmakteure zu entziehen scheinen. Gleichwohl dürfte gerade ein besseres Verständnis solcher grundlegenderen Ausgrenzungsmechanismen dazu beitragen, die Bemühungen um Inklusion zielgerichtet zu fördern, den Ressourcenbedarf realistisch einzuschätzen und Ressourcen effektiv einzusetzen sowie zu einem nachhaltigeren Wandel beizutragen. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Weltwärts-Programms haben wir die Erkenntnisse aus der Ansprache-Studie aus dem Jahr 2015 (Dietrich 2015) um zusätzliche explorative Interviews mit Expert*innen erweitert, die in unterschiedlichen Kontexten in der Ansprache unterrepräsentierter Zielgruppen tätig sind, um mithilfe deren Erfahrungen zusätzlich zur Systematik, mit der die gestaltbare Ansprache-Praxis von Trägerorganisationen ausgewertet und zielführend ausgerichtet werden kann, einige Muster von wirkungsmächtigen Ausgrenzungsmechanismen zu identifizieren. 2. Vorgehensweise Zur Herausarbeitung der Systematik zur Analyse der digitalen Ansprache-Performance von Trägerorganisationen internationaler Freiwilligendienste wurde eine Literaturauswertung aus dem Bereich der Jugendforschung (v. a. Shell-Studie 2010; Sinus-Studie 2012), mit Fokus auf ehrenamtliches Engagement und bestehende Motivationen für einen Freiwilligendienst, vorgenommen, sowie die Webpräsenzen von fünf größeren Trägerorganisationen untersucht (Dietrich 2015; 2016). 2 Siehe hierzu beispielsweise zusammenfassend den Praxiskatalog weltwärts auf dem Weg zur Inklusion (Koordinierungsstelle weltwärts 2016). 121 Dietrich & Maier, Im Schatten der Selbstverständlichkeit Zur Identifikation von Hürden und Hindernissen wurden mit zwei jungen Menschen, die sich unterrepräsentierten Zielgruppen zuordnen lassen, Nutzer*innentests durchgeführt: Nach der Erprobung zweier ausgewählter Webseiten anhand eines Fragenkatalogs wurde je ein Interview über diesen Test geführt sowie über Erfahrungen und Einschätzungen hinsichtlich internationaler Freiwilligendienste im Allgemeinen (Dietrich 2015; 2016). Außerdem wurden (inklusive der Interviews in Dietrich 2015; 2016) insgesamt sieben problemzentrierte Interviews (Witzel 1989) mit zehn Expert*innen geführt, die in den letzten Jahren in unterschiedlichen Kontexten in der Ansprache und Begleitung unterschiedlicher unterrepräsentierter Zielgruppen tätig gewesen sind. Die Auswahl der Expert*innen orientierte sich an der Abdeckung eines möglichst breiten Spektrums der Zielgruppen. Die interviewten Expert*innen und deren Organisationszugehörigkeit werden vertraulich behandelt. Leitthemen der Interviews waren Inhalte der unternommenen Maßnahmen, Erfahrungen und Ergebnisse bei der Umsetzung, Erklärungsansätze für Erfolge und Misserfolge sowie Anregungen für künftige Bemühungen. Während Abschnitt 3 die herausgearbeitete Systematik zur Analyse der (digitalen) Ansprache-Performance von Trägerorganisationen internationaler Freiwilligendienste in Bezug auf Hürden für unterrepräsentierte Zielgruppen zusammenfasst, werden in den Abschnitten 4 und 5 die grundlegenderen Ausgrenzungsmechanismen diskutiert, die die durchgeführten User-Tests und problemzentrierten Interviews nahelegen. Abschnitt 6 weist schließlich auf, welche Zugänge zu unterrepräsentierten Zielgruppen grundsätzlich erfolgsversprechend sind und mit welchem Ressourcenbedarf dabei zu rechnen ist. Die Darstellung der Ausgrenzungsmechanismen und der Vorschläge für erfolgsversprechende Zugänge ist dabei die pointierte Synthese der fallanalytischen Interpretation der Interviews durch die Autoren. Sie sollen einen Orientierungsrahmen bilden für weiterführende Untersuchungen, in die insbesondere die Perspektiven und Erfahrungen von Betroffenen stärker einbezogen werden sollten. 3. Im Einflussbereich der Ansprache-Praxis Um die Ansprache-Praxis von Trägerorganisationen internationaler Freiwilligendienste zu untersuchen, lassen sich zunächst unterschiedliche Orte der Ansprache unterscheiden: Die direkte Ansprache liegt im unmittelbaren Einflussbereich der Trägerorganisationen. Sie lässt sich in die Unterkategorien digitale Ansprache (auf Homepages und in sozialen Netzwerken) und analoge Ansprache (Printmedien, Messen, Schulbesuche, Info-Veranstaltungen, Beratungsgespräche) unterteilen. Die indirekte Ansprache entzieht sich dagegen dem unmittelbaren Einfluss der Träger. Sie verweist auf die hohe Reproduktionskraft des jeweiligen sozialen Umfelds (Familie, 122 Einschluss und Ausschluss Freundeskreis, Mitschüler*innen, Nachbarschaft) junger Menschen. So finden zum Beispiel nicht alle Jugendlichen in gleichem Maße Vorbilder im Familien- und Freundeskreis oder in ihren Schulen, die ihnen nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Machbarkeit und damit das Selbstvertrauen vermitteln, dass ein Freiwilligendienst eine sinnvolle und anstrebenswerte Option der Lebensgestaltung sein könnte. Die unterschiedlichen Orte der Ansprache lassen sich daraufhin hinsichtlich der Differenziertheit der Ansprache, der Pragmatik der Ansprache und möglicher Hürden und Hindernisse untersuchen. Wie differenziert die Ansprache erfolgt, bezieht sich dabei zum einen sowohl auf die verschiedenen Unterkategorien digitaler und analoger Ansprache, die angewendet werden, als auch auf die Vielfalt der Optionen, die sie ihren Zielgruppen offerieren, zum Beispiel, an welche biographischen Momente (nach der Schule, nach dem Studium, nach der Ausbildung) sie anschlussfähig sind, welche unterschiedlichen Programme angeboten werden, welche unterschiedlichen Einsatzdauern möglich sind und in welchen Ländern und welchen Tätigkeitsbereichen Freiwillige aktiv sein können. Zum anderen geht es bei der Differenziertheit auch darum, inwieweit unterschiedliche Zielgruppen explizit angesprochen werden (z. B. die Benennung einer grundsätzlichen Offenheit für Menschen mit Behinderung oder der Wunsch nach diversen Freiwilligenteams). Die Pragmatik der Ansprache fokussiert auf das Wie der Ansprache. Dazu gehören der erste Eindruck, den eine bestimmte Unterform der Ansprache hinterlässt (entscheidend für das „dran bleiben“), das Verhältnis von altruistischen und egotaktischen Motiv(ation)en für einen Freiwilligendienst, die Sprache und Anschaulichkeit der Darstellungen sowie die Breite und der Tiefgang der transportierten Informationen. Wie differenziert und pragmatisch die Ansprache-Praxis ausfällt, ist dabei zum einen abhängig von den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Zum anderen gibt es aber auch „Fallstricke“, die – oft nicht intendierte – Hürden aufbauen. Diese können bei der digitalen Ansprache neben einem schlechten ersten Eindruck in der Zugangslogik der Internetseiten, in einer unter Textlast leidenden Darstellung, im angeforderten Format von Bewerbungen oder in den formulierten Anforderungen liegen. Letztere stellen ein gutes Beispiel dafür dar, wie auf bestimmte Zielgruppen ausgrenzend wirkende Mechanismen sich auf der Ebene der digitalen Ansprache entfalten können, wie diesen hier jedoch gleichzeitig auch entgegengewirkt werden kann. Im Gesamteindruck der fünf analysierten Webpräsenzen sind die formulierten Qualifikationsanforderungen eher niedrig. Der Freiwilligendienst als Lerndienst wird in den Vordergrund gestellt. Wichtiger als harte Qualifikationen sind Haltungen wie zum Beispiel Toleranz, Neugierde und Interesse an interkulturellen Begegnungen oder entwicklungspolitischen Fragestellungen, aber auch Durchhaltevermögen, 123 Dietrich & Maier, Im Schatten der Selbstverständlichkeit Anpassungsfähigkeit und Flexibilität. Die zentralen und oft einzigen „hard skills“ stellen die für den Einsatz erforderlichen Sprachkenntnisse dar. Während dies auf den ersten Blick dafürspricht, dass hinsichtlich der mitzubringenden Fähigkeiten und Eigenschaften die Hürden weitestgehend niedrig gehalten sind, legen die Eindrücke aus den Nutzer*innentests nahe, dass hier auch eine alternative Interpretation denkbar ist. Die geforderten Sprachkenntnisse, aber auch die Vorstellung, in einer sozialen Einrichtung mitzuarbeiten und zum Beispiel unterrichten oder Kinder betreuen zu müssen, wurden als große Herausforderung gesehen, verbunden mit der Frage, ob man selbst überhaupt geeignet und ausreichend ausgebildet dafür ist. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, dass hier nicht (nur) die tatsächlich vorhandenen Kompetenzen eine Rolle spielen, sondern vielmehr (auch) die Selbsteinschätzung dieser Kompetenzen, wobei sich bei den privilegierten Lebenswelten eine höhere Wahrscheinlichkeit der Überschätzung, in den benachteiligten Lebenswelten dagegen der Unterschätzung vermuten lässt. Auch Haltungen wie Offenheit oder Flexibilität hängen eng mit dem Selbstverständnis der Interessent*innen zusammen. Es ist daher zu hinterfragen, inwieweit die wenigen genannten Anforderungen nicht bestimmten Lebenswelten und deren Selbstbild näherliegen als anderen. So könnte eine Hürde auch darin bestehen, dass andere Anforderungen, die zum Beispiel bildungsferneren Jugendlichen oder Auszubildenden näherliegen würden, gerade nicht genannt werden, über die sie aber ihre grundsätzliche „Eignung“ leichter erkennen könnten. Schon einmal in einem Betrieb gearbeitet zu haben und alleine gewohnt zu haben oder in einem interkulturellen Umfeld aufgewachsen zu sein, könnte ebenso förderlich sein, eine*n geeignete*n Freiwillige*n abzugeben wie eine offene und an allem interessierte Grundhaltung, die man durch den Genuss einer privilegierten Schulbildung erworben hat. Während sich viele Hindernisse innerhalb der digitalen Ansprache (aber auch in der analogen Ansprache) prinzipiell identifizieren und abbauen oder zumindest abschwächen lassen, so stößt selbst eine optimierte Ansprache-Performance an Grenzen: Zum einen hilft diese nicht weiter, wenn Angehörige unterrepräsentierter Zielgruppen gar nicht erst auf die Seite mit der zielgruppendifferenzierten Ansprache und dem niederschwelligen Bewerbungsverfahren gelangen; nicht nur, wenn sie von der Existenz der Programme nicht wissen, sondern auch dann, wenn sie sich nicht als berechtigte Adressat*innen erkennen oder sich als grundsätzlich nicht geeignet einschätzen. Zum anderen bestehen für bestimmte Zielgruppen grundlegende Hürden auch in der Struktur und in der Durchführung der Freiwilligendienste (z. B. auf Abiturjahrgänge optimierte Ausreisezyklen, in der Dauer zu unflexible Programmformate oder keine Fördermöglichkeit zusätzlicher Bedarfe), die nicht alleine durch eine veränderte Ansprache behoben werden können. 124 Einschluss und Ausschluss 4. Ausbaufähiges Selbstvertrauen und fehlende Rollenmodelle Neben vielen praktischen Hürden, die sich konkret benennen lassen und die zum Teil in der Art der Ansprache oder in der Struktur und Umsetzung der Programme liegen, deuten sich in der Auseinandersetzung mit Nutzer*innen sowie mit den interviewten Expert*innen immer wieder auch grundlegendere Ausgrenzungsmechanismen an, denen eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Handlungsweisen und den Handlungsspielraum der Beteiligten innewohnen dürfte. Dies sind auf der einen Seite Ausgrenzungsmechanismen, die Menschen, die Merkmale unterrepräsentierter Zielgruppen tragen, daran hindern, einen Zugang zu den prinzipiell offenen Dienstangeboten zu finden. Auf der anderen Seite finden sich Ausgrenzungsmechanismen, die die Freiwilligendienste anbietenden Organisationen daran hindern, offen auf die unterrepräsentierten Zielgruppen zuzugehen bzw. mit ihnen umzugehen. Beim Selbst-Ausgrenzen der Betroffenen stellen ein ausbaufähiges Selbstvertrauen und fehlende Rollenmodelle zentrale Mechanismen dar. Die in Abschnitt 3 skizzierte Selbsteinschätzung in den Nutzer*innentests bezüglich der geforderten Fähigkeiten ist ein Beispiel für ein schicht- und lebensweltspezifisch unterschiedlich ausgeprägtes Selbstvertrauen. Entscheidend hierbei ist die Annahme, dass es sich nicht nur um persönlichkeitsbedingte Unterschiede in der Ausprägung des Selbstvertrauens handelt, sondern dass ein ausbaufähiges Selbstvertrauen bei Träger*innen bestimmter Merkmale (auch) die Verinnerlichung wiederholter Diskriminierungserfahrungen aufgrund dieser Merkmale im Rahmen ihrer Sozialisation darstellt. Eine solche Verinnerlichung von gesellschaftlich vermittelten Diskriminierungen kann als eine zu kompensierende Benachteiligung kategorisiert werden, die einen proaktiven Umgang seitens der an Inklusion interessierter Beteiligter erfordert. Zur Reproduktion dieser Ausgrenzung trägt entsprechend das Fehlen von Erfahrungen im Feld der internationalen Freiwilligendienste seitens des direkten Umfeldes oder von anderen Merkmalsträger*innen der unterrepräsentierten Gruppen bei. Der Austausch über gemachte Erfahrungen kann eine entscheidende Hilfe bei der Entscheidungsfindung darstellen, da an dieser Stelle Hoffnungen, Erwartungen und Ängste kommuniziert und abgearbeitet werden können. In Lebenswelten, in denen solche Formen des Engagements nicht oder selten vorkommen, in denen unter Umständen gar eine große Skepsis gegenüber solchen Programmen herrscht, werden einer positiven Evaluierung der Machbarkeit eines Dienstes deutliche Hürden in den Weg gelegt. 5. Berührungsängste und Projektionen Auch bei den Programmakteuren internationaler Freiwilligendienste (und bei externen Akteuren) sind Mechanismen zu erkennen, die gegenüber unterrepräsentierten Zielgruppen ausgrenzend wirken. Neben einer bestätigenden Spiegelung des 125 Dietrich & Maier, Im Schatten der Selbstverständlichkeit mangelnden Selbstvertrauens (z. B. durch Verantwortliche von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, die ihren Klient*innen einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst nicht zutrauen) sind bei diesem Andere-Ausgrenzen Deutungsmuster auffällig, die auf Berührungsängste gegenüber bestimmten Zielgruppen hindeuten sowie auf Projektionen der eigenen Unsicherheiten auf andere Beteiligte oder „die Gesellschaft“. So können Argumentationen wie beispielsweise, „noch nicht soweit zu sein“, „nicht über ausreichende Ressourcen zu verfügen“, „die Partnerorganisationen nicht überfordern zu wollen“ etc. nicht ausschließlich auf strukturellen Hürden (z. B. keine personellen Ressourcen angesichts komplexer werdender Anforderungen), auf Nichtwissen (z. B. um Modelle der Finanzierung oder vielversprechende Wege der Implementierung) oder die mangelnde Bereitschaft anderer beruhen. Vielmehr kann diesen auch eine abwehrende bzw. ablehnende Haltung gegenüber der im Allgemeinen bejahten Forderung nach mehr Inklusion in internationalen Freiwilligendiensten zugrunde liegen. Effektive Schritte zur Inklusion werden über diese Argumentation häufig vertagt oder sehr zögerlich angegangen. Problematisch erweist sich hierbei auch die generell ungenügende Evaluation, Dokumentation, Aufbereitung und Streuung der Erfahrungen mit der Arbeit mit unterrepräsentierten Zielgruppen, trotz der Anstrengungen der Kompetenzzentren auf diesem Feld. Berührungsängste und Unsicherheiten setzen sich zudem bei der Umsetzung im Rahmen der Begleitung einmal gewonnener Freiwilliger aus unterrepräsentierten Zielgruppen fort. Hierbei stellt sich auch die Frage nach der Homogenität bzw. der Unterrepräsentation bestimmter Gruppen bei den pädagogisch Begleitenden. Sowohl die Auswahlmechanismen, als auch die Erwartungshaltungen gegenüber potentiellen bzw. tatsächlichen Teilnehmenden können nicht frei von Machtstrukturen und gelernten, eingeübten und oft unhinterfragten Prämissen funktionieren. Dies erfordert eine Reflexion, inwiefern eigene biographische Prägungen, Interessen und Lebenswelten die Auswahlmechanismen sowie die Qualität der Begleitung beeinflussen. Dabei erscheint es uns als unerlässlich, dass alle Beteiligten sich kritisch mit den Effekten von gelernten, aber nicht präsenten Vorurteilen und Stereotypen auseinandersetzen (Greenwald/Krieger 2006). 6. Zugänge und Aufwände Die Erfahrungen von Maßnahmen zur Erreichung unterrepräsentierter Zielgruppen zeigen, dass es viel an individueller Aufbauarbeit und vermittelnden Personen/ Institutionen bedarf, um die Lücken zwischen den sich und andere ausgrenzenden Lebenswelten (internationale Freiwilligendienste auf der einen, unterrepräsentierte Gruppen auf der anderen Seite) zu überbrücken.3 So ist es erstens von grundsätzlicher Bedeutung, Wege der Sensibilisierung zu finden, um bestimmte Problemzusammenhänge für alle am Prozess Beteiligten überhaupt 3 Siehe exemplarisch hierzu In Via Köln e. V. (2016). 126 Einschluss und Ausschluss sichtbar und sagbar und damit einer Anerkennung zuführbar zu machen, da diese sich oft hinter individualisierten Zuschreibungen und milieuspezifisch geprägten Wahrnehmungen verstecken und sich damit im Schatten der jeweils eigenen lebensweltlichen Selbstverständlichkeit bewegen. Dies gilt für konkrete praktische Hürden genauso wie für die skizzierten grundlegenderen Ausgrenzungsmechanismen. Zweitens ist für die Ansprache eine eigene Sprache zu erlernen, die den Zugang unterrepräsentierter Gruppen zu den Programmen erleichtert, zum Beispiel durch Peer-to-Peer-Ansätze (Peers als Multiplikator*innen), aber auch durch die Nutzung der Expertise und Erfahrungen von Interessenvertretungen, die einen direkten Zugang zu einer der Zielgruppen haben bzw. diese repräsentieren. Drittens sind in der Umsetzung dezentrale, lokal verankerte Ansätze erforderlich, insofern, dass es von zentraler Bedeutung sein wird, junge Menschen aus entsprechenden Zielgruppen an „ihren“ Orten direkt aufzusuchen. Das können zum Beispiel Schulen, Sportvereine, Jugendzentren, aber auch Ausbildungsbetriebe sein, die unter anderem auch über Personen verfügen, die vonseiten der jungen Menschen über großes Vertrauen verfügen und als Scharniere der Motivation, aber im weiteren Verlauf auch der Vorbereitung dienen können. Dies heißt viertens, dass diese Ansprachen nur als langfristige Heranführung und Begleitung erfolgversprechend wirken können. Dies umfasst nicht nur die Arbeit mit den jungen Menschen selbst, sondern auch das Bemühen, das Umfeld der Interessierten (z. B. Elternberatungen, Vereinbarungen mit Ausbildungsbetrieben, Kooperation mit Einrichtungen für Menschen mit Behinderung) für einen internationalen Freiwilligendienst zu begeistern und so Sorgen und Bedenken abbauen und Perspektiven entwickeln zu helfen. Für die ersten beiden Punkte ist ein besonderer Zugang erforderlich, der sich vermutlich nicht ohne Weiteres aus den bestehenden Wissens- und personellen Erfahrungsbeständen der Trägerlandschaft internationaler Freiwilligendienste erschlie- ßen lässt. So wäre es an dieser Stelle von strategischer Bedeutung, mehr verstehende Wissenszugänge zu den ausgegrenzten Gruppen zu fördern und auf eine Gewinnung von Multiplikator*innen mit Zugangskompetenz bzw. die Inklusion solcher Kompetenz in die eigenen Reihen hinzuwirken. Die hier herausgearbeiteten Überlegungen zu Zugangsbarrieren in internationalen Freiwilligendiensten basieren zu einem großen Teil auf den Erfahrungen von Expert*innen, die im Bereich der Inklusion von unterrepräsentierten Zielgruppen tätig sind. Für künftige Untersuchungen wären qualitative, ethnographische Zugänge sowohl zu den Erfahrungen einzelner Freiwilliger (retrospektiv, aber vor allem auch begleitend), als auch zu den oben genannten sozialen Orten der jungen Menschen aus unterrepräsentierten Zielgruppen vielversprechend. Darüber ließen sich Ausgrenzungsmechanismen und Bewältigungsstrategien in unterschiedlichen Kontexten besser fassen und verstehen sowie 127 Dietrich & Maier, Im Schatten der Selbstverständlichkeit von wissenschaftlicher Seite ein Beitrag zum Erlernen einer für die Zielgruppenansprache eigenen Sprache leisten, der sensibel ist für die oft unscheinbaren, aber wirkungsmächtigen Sequenzen lebensweltlicher Aus- und Abgrenzung. Für die zweiten beiden Punkte sind der hohe Aufwand und der beträchtliche Zeithorizont zu bedenken, der angesichts der notwendigen Dezentralität in der Umsetzung sowie der Vielfalt und Anzahl der spezifischen „Zugangsorte“ anfällt. Hierfür macht die Vielfalt und geographische Streuung der Trägerlandschaft internationaler Freiwilligendienste Hoffnung: wenn es gelingt, die unter den ersten beiden Punkten wachsende Expertise und die erforderlichen Ressourcen den einzelnen Organisationen zugänglich zu machen sowie die vorhandenen Berührungsängste weiter abzubauen. So können die Trägerorganisationen vielschichtig und vielerorts, eben dezentral und lokal verankert auf unterschiedliche Gruppen zugehen – womit die Trägerorganisationen einen Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Empowerment der verschiedenen Zielgruppen leisten können. Literaturverzeichnis AKLHÜ (2018): Freiwillige in internationalen Freiwilligendiensten 2017. Statistische Übersicht, Arbeitskreis „Lernen und Helfen in Übersee“ e. V., Bonn, https://www.entwicklungsdienst.de/fileadmin/AKLHUE_Relaunch/Statistische_Erhebung_Outgoing_2017.pdf (31.03.2019). Dietrich, Stefan (2015): Motivation, Ansprache, Erreichbarkeit. Herausforderungen für Trägerorganisationen internationaler Freiwilligendienste im Zugang zu jungen Menschen, Diskussionspapier Arbeitskreis „Lernen und Helfen in Übersee“ e. V., Bonn, https://www. entwicklungsdienst.de/fileadmin/AKLHUE_Relaunch/Studie_Dietrich_Motivation__ Ansprache__Erreichbarkeit.pdf (31.03.2019). Dietrich, Stefan (2016): Motivation, Ansprache und Erreichbarkeit. Die „pragmatische Generation“ als Herausforderung für Trägerorganisationen internationaler Freiwilligendienste, in: Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste, Jg. 4, Heft 2, S. 154–185 Greenwald, Anthony und Linda Krieger (2006): Implicit Bias: Scientific Foundations, in: California Law Review, J.g 94, Heft 4, S. 945–967. In Via Köln e. V. (2016): Kompetenzzentrum für Menschen mit Berufsausbildung im Freiwilligendienst weltwärts. Eine Handreichung für Entsendeorganisationen, www.invia-koeln. de/downloads/projekte/internationales/kompetenzzentrum/Kompetenzzentrum-Handreichnung.pdf (31.03.2019). Koordinierungsstelle weltwärts (2016): weltwärts auf dem Weg zur Inklusion. Engagement im Rahmen von Programmbegleit- und Rückkehrmaßnahmen, Bonn, www.weltwaerts. de/de/weltwaerts-auf-dem-weg-zur-inklusion.html (31.03.2019). Statistisches Bundesamt (2018): Schulen auf einen Blick,www.destatis.de/GPStatistik/servlets/MCRFileNodeServlet/DEHeft_derivate_00035140/Schulen_auf_einen_Blick_2018_Web_ bf.pdf (31.03.2019). Witzel, Andreas (1989): Das problemzentrierte Interview, in: Qualitative Sozialforschung in der Psychologie. Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder, hrsg. von Gerd Jüttemann, 2. Aufl., Heidelberg, S. 227–256. 128 Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten Christian Papadopoulos1 Doktorand an der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften, Hochschule Bremen designbar Consulting GbR Bonn Zusammenfassung Behinderte junge Menschen sind in Angeboten der internationalen ebenso wie anderer Freiwilligendienste deutlich unterrepräsentiert, wie mehrere Studien belegen. Die Ursachen hierfür sind nicht in den Beeinträchtigungen des einzelnen Menschen begründet. Vielmehr ist die gleichberechtigte Partizipation durch bestehende soziale und einstellungsbezogene Barrieren erschwert - zusätzlich zu den Auswirkungen der Beeinträchtigung oder in Wechselwirkung mit der Beeinträchtigung. Dies gilt es in den Fokus der Analyse zu stellen, um Partizipationshindernisse zu identifizieren und Zugangsmöglichkeiten zu eröffnen. Hierzu schlägt der Autor die Verwendung eines multiplen Behinderungsbegriffs vor. Dieser sollte die Modelle der Disability Studies ebenso berücksichtigen wie intersektionale Ansätze und die theoretischen Ansätze von Bourdieu. Schlagwörter: Disability Studies; Behinderung; Partizipation; Freiwilligendienste; junge Erwachsene Abstract Disabled young people are clearly underrepresented in international and other voluntary services, as several studies have shown. The reasons for this are not to be found in the impairments of the individual. Rather, equal participation is hindered by existing social and attitudinal barriers - in addition to the effects of the impairment or in interaction with the impairment. This must be placed in the focus of the analysis in order to identify obstacles to participation and to open accesses. To this end, the author proposes the use of a multiple concept of disability. This should include the models of Disability Studies as well as intersectional approaches and the theoretical approaches of Bourdieu. Keywords: Disability Studies; social inequality; disability; participation; volunteer services; young adults Die internationalen Jugendfreiwilligendienste werden überwiegend von jungen Menschen genutzt, die ökonomisch und durch ihre Bildungsabschlüsse privilegiert sind und wegen ihrer Behinderung, ihrer Zuwanderungsgeschichte oder ihrer Bildungsbiographie kaum Diskriminierungen erfahren. Für das Weltwärts-Programm, das gemessen an seinen Entsendungen das größte Freiwilligenprogramm in Deutschland ist, kommt das Deutsches Evaluierungsinstitut 1 Christian Papadopoulos ist während des Publikationsprozesses dieses Sonderbandes verstorben. Mit Bestürzung und Trauer haben die Herausgeber*innen von Christians Tod erfahren. Er wird uns allen in Erinnerung bleiben und sein Einsatz für die inklusive Gestaltung von Freiwilligendiensten auch über seinen Tod weiter wirken. 129 Papadopoulos, Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten der Entwicklungszusammenarbeit (DEval) in seiner Evaluation des Programms (Polak/Guffler/Scheinert 2017) zu dem Ergebnis, dass junge Menschen ohne Abitur, die sich nicht der Mittel- und Oberschicht zurechnen, mit einer Beeinträchtigung leben und behindert werden, eine Berufsausbildung haben und einer nicht christlichen Religion angehören, unterrepräsentiert sind (Polak/Guffler/Scheinert 2017: IX). Im Gegensatz dazu werden die Angebote von Weltwärts überdurchschnittlich häufig von Menschen genutzt, die jünger als 19 Jahre alt und in Westdeutschland aufgewachsen sind. Auch Abiturient*innen, Frauen, Menschen christlichen Glaubens, Menschen, die sich der Oberschicht zurechnen, nicht behindert werden und gesundheitlich beeinträchtigt sind, sind im Programm überdurchschnittlich häufig vertreten (Polak/Guffler/Scheinert 2017: XIII). Damit werden die Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2014 (Simonson/Vogel/Tesch-Römer 2017: 16) auch für das Weltwärts-Programm bestätigt, dass sich überwiegend Menschen aus gehobenen, gut gebildeten und eher christlich geprägten gesellschaftlichen Milieus ehrenamtlich engagieren (Polak/Guffler/Scheinert 2017: IX). Aus der DEval-Evaluation lässt sich jedoch wenig über die Ursachen der Unterrepräsentation bestimmter Gruppen in den Angeboten des Weltwärts-Programms ableiten. Die Ergebnisse deuten jedoch daraufhin, dass die Analyse der Beteiligung anhand von Dualitäten wie arm/reich, weiblich/männlich, Abitur/kein Abitur oder behindert/nicht behindert zu kurz greift, wenn es darum geht, zu ergründen, warum sich junge Menschen in internationalen Freiwilligendiensten engagieren oder auch nicht. Mein Fokus liegt auf der Partizipation behinderter junger Menschen in ihrer Heterogenität. Ziel meiner Ausführungen ist es, den Blick für die Vielfalt von Lebenswirklichkeiten (junger) behinderter2 Menschen zu schärfen, ohne die gemeinsame Erfahrung der gesellschaftlichen Diskriminierung wegen einer Behinderung grundsätzlich zu bestreiten. Die wissenschaftliche Forschung muss diese Vielfalt berücksichtigen, um gesellschaftliche Ungleichheiten in ihrer Vielschichtigkeit als Ursache für unterschiedliche Teilhabechancen angemessen abzubilden. Dazu ist es notwendig, sich mit bestehenden Barrieren der Angebote, aber auch mit der gesellschaftlichen Diskriminierung behinderter Menschen und den gesellschaftlichen Vorstellungen von Behinderungen auseinanderzusetzen. Eine vollständige Analyse erfordert zudem einen multiplen Behinderungsbegriff, der identitätsbezogene wie sozial-strukturelle Faktoren berücksichtigt. Zunächst werde ich Ansätze der Disability Studies vorstellen (Oliver 1990; Quinn/Degener 2002; Thomas 2007; Barnes/Oliver 2012; Waldschmidt 2005; 2 Ich verwende den Ausdruck behinderte Menschen, weil er im Deutschen anders als der Ausdruck Menschen mit Behinderungen das „Behindert-werden“ sprachlich berücksichtigt. 130 Einschluss und Ausschluss Garland-Thomson 2002), die zusammen mit den internationalen Behindertenbewegungen maßgeblich zum Paradigmenwechsel der UN-Behindertenrechtskonvention (Degener 2015) beigetragen haben. Zusätzlich werde ich die Ungleichheitsdimensionen Behinderung/Körper als Analyseebene einbeziehen (Raab 2007; Winker/Degele 2009). Daran anschließend werde ich darstellen, wie sich die Ansätze der Disability Studies unter Berücksichtigung der Intersektionalität mit den theoretischen Ansätzen bei Bourdieu (1983; 1994) zusammenführen lassen. Ich plädiere abschließend für einen Behinderungsbegriff, der das Verständnis von Behinderung in den Disability Studies und die Berücksichtigung sozialer Ungleichheit zusammenführt. Mit diesem Behinderungsbegriff lassen sich Partizipationsmöglichkeiten und -hindernisse behinderter junger Menschen in den internationalen Freiwilligendiensten in ihrer Vielschichtigkeit analysieren. 1. Ein neues Bild von Behinderung: Behinderung als gesellschaftliche Konstruktion Es ist der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) zu verdanken, dass das zum Zeitpunkt ihrer Verabschiedung nicht mehr so neue Bild von Behinderung öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr. Behinderung wird in der UN-BRK nicht mehr aus einem medizinischen und individualistisch-rehabilitativen Blickwinkel betrachtet (Degener 2015). Das individualistisch-rehabilitative Verständnis von Behinderung beschreibt diese als Ergebnis der individuellen Beeinträchtigung. Diesem Verständnis liegt die Annahme zugrunde, dass Behinderung ein schicksalhaftes, persönliches Unglück ist, das individuell bewältigt werden muss. Eng verknüpft ist dies mit einem medizinisch-therapeutischen Lösungsansatz (Waldschmidt 2005: 17). Die UN-BRK steht mit ihrem menschenrechtlichen Modell (Quinn/Degener 2002) in der Tradition sozial-konstruktivistischer Ansätze der Disability Studies, die den analytischen Rahmen bilden, die Konstruktionen von Behinderung zu untersuchen (Waldschmidt 2005) und sich für die Überwindung von Machtlosigkeit und Diskriminierung einzusetzen (Shakespeare 1993: 263). Wie das soziale Modell britischer, das Minderheiten-Modell nordamerikanischer Prägung oder kulturwissenschaftliche Ansätze vertritt die UN-BRK eine andere Perspektive. Behinderung ist demnach kein angeborenes Merkmal, sondern wird sozial konstruiert und ist Ergebnis negativer gesellschaftlicher Zuschreibungen (Quinn/Degener 2002: 15). Die Zuschreibungen sind eng verknüpft mit gesellschaftlichen Praktiken, die Menschen nicht nur ausgrenzen, sondern sie auch gesellschaftlich ausgegrenzt belassen. 131 Papadopoulos, Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten 1.1 Das soziale Modell Das soziale Modell, das sich vor allem in Großbritannien entwickelt hat, folgt der Unterscheidung zwischen Behinderung (engl. disability) und Beeinträchtigung bzw. Schädigung (engl. impairment) (UPIAS 1976). In Anlehnung an die Definition der Union of the Physically Impaired against Segregation (UPIAS) beschreibt das Gründungsdokument von Disabled People‘s International (DPI 1982) wie folgt: • „Impairment is the functional limitation within the individual caused by physical, mental, or sensory impairment.“ • „Disability is the loss or limitation of opportunities to take part in the normal life of the community on an equal level with others due physical or social barriers.“ Von zentraler Bedeutung für das Verständnis von Behinderung in diesem Modell ist, dass es die Gesellschaft ist, die beeinträchtigte Menschen behindert, indem sie ihnen auferlegt, zusätzlich zu der Beeinträchtigung von der vollen Partizipation in der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden (UPIAS 1976: 3). Demnach sind behinderte Menschen eine unterdrückte Gruppe in der Gesellschaft. Die Unterdrückung äußert sich in der Exklusion behinderter Menschen aus allen Lebensbereichen, die prekäre Lebensbedingungen zur Folge hat (UPIAS 1976: 4). Der Fokus des sozialen Modells liegt auf den sozialen, ökonomischen, politischen, kulturellen und psychischen Barrieren, die als Ursache der gesellschaftlichen Exklusion behinderter Menschen analysiert werden (Goodley 2011: 22). Gleichzeitig wird eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse angestrebt, um die Behinderung durch die Gesellschaft mit ihren bestehenden Barrieren und Erfordernissen der kapitalistischen Verwertungslogik zu überwinden (Oliver 1990; Barnes/Oliver 2012). 1.2 Das Minderheiten-Modell Das Minderheiten-Modell stimmt mit dem sozialen Modell darin überein, dass behinderte Menschen als Gruppe von der Gesellschaft unterdrückt und diskriminiert werden und fokussiert bei seiner Analyse auf die soziokulturelle Konstruktion von Behinderung (Goodley 2011: 23). Behinderte Menschen befinden sich in einer marginalisierten gesellschaftlichen Position, vergleichbar mit anderen Minderheiten. Diese Position äußert sich darin, dass behinderten Menschen ihre Rechte mit der Begründung ihrer körperlichen, geistigen und psychischen Minderwertigkeit vorenthalten werden. Das Minderheiten-Modell kritisiert den gesellschaftlich vorherrschenden Ableism, der auf gesellschaftlichen Vorurteilen gegenüber Menschen, deren Körper außerhalb der körperlichen Norm funktionieren oder anders aussehen, beruht. Die mit dieser angenommenen Andersartigkeit verbunden Vorstellungen und Praktiken führen in Wechselwirkung mit den Vorurteilen zur Diskriminierung von Menschen außerhalb der Normalität der Mehrheitsgesellschaft (Goodley 2011: 23). 132 Einschluss und Ausschluss Der kollektiven Diskriminierungserfahrung der behinderten Menschen in bürger*innenrechtlicher, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht setzt das Minderheiten-Modell die Entwicklung einer kollektiven, positiven Minderheitenidentität entgegen (Goodley 2011: 23). Diese ist Ergebnis des schrittweisen Empowerments (Block/Balcazar/Keys 2001: 25). Zunächst entwickeln die Individuen das Bewusstsein darüber, dass sie Teil der unterdrückten Minderheit behinderter Menschen sind (Charlton 1998: 115). Sie sehen Behinderung nicht länger als ein medizinisches Problem sondern als Ausdruck menschlicher Vielfalt. Es geht ihnen dann weniger um staatliche Fürsorge sondern um die Umsetzung der Menschenrechte auch für behinderte Menschen. Gleichzeitig werden die Aktivist*innen Teil einer Bewegung, die das Ziel verfolgt, behinderte Menschen von der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ausgrenzung und Unterdrückung zu befreien (Charlton 1998: 115). 1.3 Das kulturelle Modell Das kulturelle oder kulturwissenschaftliche Modell von Behinderung greift den Grundgedanken des Minderheiten-Modells auf, dass bei der Konstruktion von Behinderung wie bei anderen Differenzen die gesellschaftliche Normalität als positiver Gegenentwurf ideologisch abgesichert wird, um die Diskriminierung und Abwertung der Minderheiten zu legitimieren. Im kulturellen Modell wird die klare Trennung zwischen Beeinträchtigung und Behinderung zurückgewiesen, da sich nach diesem Verständnis Biologie und Kultur gegenseitig beeinflussen und ineinandergreifen (Goodley 2011: 14). Es geht nicht mehr um die Gegenüberstellung von nicht behinderten und behinderten Menschen, sondern um das Verständnis, dass Behinderung und Nicht-Behinderung sich wechselseitig in einem interaktiven Verhältnis bedingen und strukturell in der Kultur verankert sind (Waldschmidt 2005: 25). Die kulturwissenschaftlichen Ansätze nehmen nicht nur Behinderung als Kategorie in den Blick, sondern beziehen die nicht hinterfragte Normalität in die Analyse ein. Der Mythos des behinderten, abweichenden Körpers braucht als Gegenstück den befähigten, normalen Körper. Die normale Gesellschaft verdrängt die eigene Verletzlichkeit durch die Dämonisierung der behinderten Körper (Goodley 2011: 15). Diese Sichtweise macht deutlich, dass „die Identität (nicht)behinderter Menschen kulturell geprägt ist und von Deutungsmustern des Eigenen und des Fremden bestimmt wird“ (Waldschmidt 2005: 25). Damit verschiebt sich die Analyse weg von den konkreten Auswirkungen von Abwertung, Ausgrenzung und Diskriminierung hin zu einem vertieften Verständnis der Systematik gesellschaftlicher Ausgrenzung und der damit verbundenen Realität (Waldschmidt 2005: 25). Das kulturwissenschaftliche Modell von Behinderung ermöglicht, ein vielfältigeres und tieferes Verständnis über soziale Gerechtigkeit, die Entstehung des Subjekts, gesellschaftlich geformte Wissensbestände und die Notwendigkeit, gemeinsamen Handelns zu entwickeln (Garland-Thomson 2002: 1). 133 Papadopoulos, Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten 1.4 Das menschenrechtliche Modell der UN-BRK Ähnlich wie das Minderheiten-Modell sieht das menschenrechtliche Modell der UN- BRK die Diskriminierung behinderter Menschen als Ergebnis des Ableism. Alle Aspekte des Zugangs zu den unterschiedlichen Lebensbereichen, ob nun zu Bildung, Arbeit, Familienleben oder zur sozialen Interaktion, orientieren sich stark an der vorherrschenden Norm der able-bodies (in Abgrenzung zu den disabled bodies) (Quinn/Degener 2002: 15). Ausgehend von dieser Grundannahme begründet die UN-BRK eine menschenrechtliche Agenda zur Verbesserung der Lebenswirklichkeiten von behinderten Menschen. Dazu berücksichtigt die UN-BRK auch einen entwicklungspolitischen Ansatz globaler Gerechtigkeit (UN-BRK Präambel g, l u. t, Art. 11, Art. 32; Degener 2015: 66) und den interaktionalen Ansatz der ICF (Shakespeare 2014: 71; Bickenbach 2012: 100). Degener und Quinn (2002) führen in ihrer Hintergrundstudie zur Erarbeitung der UN-BRK aus, dass das menschenrechtliche Modell3 seinen Fokus auf die den Menschen innewohnende Würde legt, die gleiche Rechte auch für behinderte Menschen begründet. Dort, wo es notwendig ist, bezieht es die gesundheitlichen Eigenheiten des Individuums ein (Quinn/Degener 2002: 14). Bei allen Entscheidungen, die das Individuum betreffen, steht die Person im Mittelpunkt, immer unter Berücksichtigung der Perspektive, dass das Problem nicht im Individuum liegt, sondern durch die gesellschaftlichen Bedingungen sowie die fehlende Bereitschaft der Staaten und der Zivilgesellschaft, die Vielfältigkeit von Behinderung anzuerkennen, verursacht wird. Gleichzeitig betont das menschenrechtliche Modell die staatliche Verantwortung, die gesellschaftlich verursachten Hindernisse zu beseitigen, um den Schutz der Menschenwürde und der gleichen Rechte sicherzustellen (Quinn/Degener 2002: 14). Behindert werden Menschen nach dem menschenrechtlichen Verständnis durch die Einschränkung ihrer Teilhabemöglichkeiten an der Gesellschaft in all ihren Aspekten (UN-BRK Art. 1 und gesamtes Abkommen), verursacht durch die Wechselwirkung von gesellschaftlichen (physischen, sozialen und einstellungsbezogenen) Barrieren und den individuellen Beeinträchtigungen (UN-BRK Art. 1). 2. Jenseits der Dualitäten: intersektionale Interdependenzen Dass behinderte Menschen weiblich, männlich oder queer, ebenso wie arm oder reich sind, einen Schulabschluss oder auch keinen haben können, rassistisch diskriminiert werden oder auch nicht, ist keine bahnbrechende Erkenntnis. Dennoch führen unterschiedliche Konstellationen der einzelnen Merkmale zu sehr unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten, Lebensbedingungen, Erfahrungen von Privilegierungen und Benachteiligungen und nicht zuletzt zu sehr unterschiedlichen 3 engl. im Original human rights model 134 Einschluss und Ausschluss Blicken auf sich selbst und andere. Hier kann ein intersektionaler Ansatz als Werkzeug zur Analyse der Verwobenheiten, Überkreuzungen und Wechselwirkungen mehrerer Ungleichheitsdimensionen genutzt werden. Diese sind Ergebnis und Widerspiegelung bestehender Macht- und Herrschaftsstrukturen und formen sich durch Subjektivierungsprozesse zu einer spezifischen Identität (Walgenbach 2017: 55). Es geht dabei nicht um eine Aufsummierung von unterschiedlichen sozialen Kategorien und sozialen Ungleichheiten; vielmehr geht es um das gleichzeitige Zusammenwirken dieser Kategorien und Ungleichheiten. Auf der Ebene der Struktur von Gesellschaft muss die Analyse der konkreten Herrschaftsverhältnisse und ihrer Verwobenheiten die weltweit dominierenden kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse berücksichtigen (Winker/Degele 2009: 37). Im Zentrum der Analyse liegt die Arbeitskraft und ihre Reproduktion. Innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse „werden also der differenzierte Zugang zum Arbeitsmarkt, Lohndifferenzierungen und Auslagerung der Reproduktionsarbeit entlang der vier Strukturkategorien Klasse, Geschlecht, Rasse und Körper realisiert“ (Winker/Degele 2009: 38). Kapitalistische Herrschaftsverhältnisse bilden sich somit an hierarchischen Klassen-, Geschlechter-, rassistischen und Körperverhältnissen aus (Winker/Degele 2009: 38), die sich auch in anderen Lebensbereichen manifestieren. Raab (2007) greift die Intersektionalität konzeptionell auf, um einen multiplen Behinderungsbegriff und einen transdisziplinären Ansatz für die Disability Studies zu entwerfen. Sie zielt darauf ab, die Beschränkung auf Behinderung als einziger zentraler Kategorie in den Disability Studies zu überwinden und der Vielfalt jenseits vereinfachender Dichotomien wie normal/abnormal und behindert/ nicht behindert gerecht zu werden (Raab 2007: 127). Behinderung muss mit einem multiplen, transdisziplinären Behinderungsbegriffs analysiert werden, der „nicht nur ökonomische, juridische, soziale und subjektivierende Verfahrensweisen des ‚Behindert-Machens’ untersucht“ (Raab 2007: 128), sondern auch das Zusammenwirken von Behinderung mit anderen Ungleichheitsdimensionen wie Heteronormativität und Geschlecht zu erklären sucht (Raab 2007: 129). Die Intersektionalität liefert aus ihrer Sicht wichtige theoretische Bausteine, um die veränderten Vergesellschaftungsformen von Behinderung in spätmodernen Gesellschaften in ihrer Vielschichtigkeit zu bestimmen (Raab 2007: 129). Aus meiner Sicht kann eine vollständige Analyse der Vergesellschaftungsformen von Behinderung nicht ohne die Berücksichtigung der Verfügung über ökonomisches, kulturelles/Bildungs- und soziales Kapital (Bourdieu 1983) auskommen. Behinderte Menschen können • aus solventen Familien stammen oder unter prekären Bedingungen ihr Leben fristen, 135 Papadopoulos, Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten • sie können über einen Doktortitel verfügen oder ohne schulischen Abschluss in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten, • sie können Vorstandsmitglieder eines weltweiten Konzerns kennen oder nur Menschen kennen, die ebenso langzeitarbeitslos sind wie sie. Ob und in welchem Maße Menschen an der Gesellschaft partizipieren können, hängt ab von • ihren finanziellen Möglichkeiten, • ihren Bildungsressourcen und • ihrer Zugriffsmöglichkeit auf Netzwerke, die Zugänge zu zentralen gesellschaftlichen Bereichen eröffnen. Entsprechend sind die Partizipationsmöglichkeiten behinderter Menschen an der Gesellschaft nicht nur durch den gesellschaftlichen Umgang mit ihrer körperlichen Besonderheit, bestehenden Barrieren und Haltungen, sondern auch durch ihre Verortung im sozialen Raum (Bourdieu 1994) beeinflusst. Das ökonomische Kapital lässt sich unmittelbar und direkt in Geld konvertieren (Bourdieu 1983: 185). Es ist entweder schon in Form von Geld vorhanden oder kann durch Veräußerung in Geld umgewandelt werden. Das kulturelle Kapital kann inkorporiert, objektiv und institutionalisiert sein. Das objektive kulturelle Kapital liegt in Form von Kunstwerken, Büchern, Instrumenten etc. vor. Schulische Abschlüsse und akademische Grade sind institutionalisiertes kulturelles Kapital. Das inkorporierte kulturelle Kapital ist alles das, was ein Mensch gelernt, welche Erfahrungen sie*er gemacht und welches Wissen sie*er sich angeeignet hat. Es ist insofern inkorporiert, dass es ohne die körperliche Existenz des Individuums verlorengeht. Jede Person muss sich kulturelles Kapital durch persönlichen Einsatz aneignen. Die Befähigung, sich kulturelles Kapital anzueignen, ist immer auch durch die familiäre Herkunft und das Milieu geprägt (Bourdieu 1983: 186). „Inkorporiertes Kapital ist ein Besitztum, das zu einem festen Bestandteil der ‚Person’, zum Habitus geworden ist; aus ‚Haben’ ist ‚Sein’ geworden“ (Bourdieu 1983: 187). Das soziale Kapital ist die Gesamtheit der aktuellen und möglichen Ressourcen, über die Individuen durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verfügen. Diese Zugehörigkeit ist verbunden mit einem Netzwerk dauerhafter und häufig auch institutionalisierter sozialer Beziehungen des gegenseitigen Kennens und Anerkennens (Bourdieu 1983: 190 f.). Der Umfang des sozialen Kapitals hängt von den Ausdehnungen mobilisierbarer sozialer Beziehungen ebenso ab, wie vom in der Gruppe hinterlegten Umfang des Kapitals in seinen Ausprägungen (Bourdieu 1983: 191). Wichtig für die Reproduktion des sozialen Kapitals ist eine stetige Beziehungsarbeit, die das Netzwerk erhält. Für diese Beziehungsarbeit müssen Geld und Zeit und damit ökonomisches Kapital aufgewendet werden (Bourdieu 1983: 193). 136 Einschluss und Ausschluss 3. Ein multipler Behinderungsbegriff als Analyseinstrument Die geringe Beteiligung behinderter junger Menschen in den internationalen Freiwilligendiensten lässt sich mit den Disability Studies dahingehend untersuchen, wie Barrieren, Strukturen und Haltungen, die in der Gesellschaft im Allgemeinen und bei den internationalen Freiwilligendiensten im Speziellen vorherrschen, behinderte Menschen an einer gleichberechtigten Partizipation hindern. Im Umkehrschluss kann mit den Disability Studies auch formuliert werden, wie bestehende Hindernisse überwunden werden können. Das soziale Modell kann erklären, wie im Konkreten behinderte Menschen durch die fehlende Gleichberechtigung und bestehende Aussonderungen im formalen Bildungssystem benachteiligt werden (BMAS 2016) und sich dies auch unmittelbar auf die Beteiligungschancen im non-formalen Bildungsbereich auswirkt (Ilg/ Dubiski 2014; Polak/Guffler/Scheinert 2017). Darüber hinaus können bestehende Barrieren in den Angeboten identifiziert werden und Konzepte angeboten werden, wie diese Hindernisse beseitigt werden können. Über die Einbeziehung der Auswirkungen der Beeinträchtigungen (Thomas 2007) können angemessene Vorkehrungen überall dort begründet werden, wo die Herstellung von Barrierefreiheit nicht ausreicht, um eine gleichberechtigte Teilhabe zu erreichen. Mit dem Minderheiten-Modell kann die Bedeutung von Empowerment (Block/Balcazar/Keys 2001) und der damit eng verknüpften Entwicklung einer positiven Gruppenidenität (Goodley 2011) beschrieben und untersucht werden. Behinderte Menschen, die gelernt haben, sich nicht mehr als Empfänger*innen staatlicher und gesellschaftlicher Fürsorge, sondern als Menschen mit Rechten zu verstehen, werden ihre Rechte mit Nachdruck einfordern. Dies macht es für die Mehrheitsgesellschaft und auch die Anbieter von Freiwilligendiensten notwendig, die eigenen Motive zu reflektieren und gegebenenfalls die Angebote zu verändern. Es geht nicht darum, behinderte Menschen aus fürsorglichen Gründen einzubeziehen, sondern ihr Recht auf gleichberechtigte Partizipation umzusetzen. Das kulturelle Modell (Goodley 2011; Waldschmidt 2005) kann aufzeigen, dass gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen auch in die Angebote der internationalen Freiwilligendienste hineinwirken. Mit ihm ist es möglich zu beschreiben, wie sich die Angebote anpassen müssen, um die Ausgrenzungen aufgrund einer sozial konstruierten Anders- bzw. Fremdartigkeit (Garland-Thomson 2002) nicht zu verfestigen. Dazu bietet das kulturelle Modell wichtige Ansatzpunkte, um eigene Normalitätsvorstellungen und Vorurteile kritisch zu hinterfragen, die eine gleichberechtigte Partizipation behinderter Menschen in ihrer individuellen Vielfalt zusätzlich erschweren können. Das menschenrechtliche Modell von Behinderung (Quinn/Degener 2002; Degener 2015) bietet den Rahmen, um aus der UN-BRK abgeleitete Vorgaben für eine 137 Papadopoulos, Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten gleichberechtigte, diskriminierungsfreie Einbeziehung und Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten zu formulieren. Die UN-BRK gibt menschenrechtliche Vorgaben, Angebote barrierefrei zu gestalten und diskriminierungsfrei zugänglich zu machen, die notwendige Mobilität sicherzustellen und angemessene Vorkehrungen für beeinträchtigungs-/behinderungsbedingten Mehrbedarf zur Verfügung zu stellen (UN-BRK 2009). Sie übernimmt Ansätze der anderen Modelle und leitet daraus einen menschenrechtlichen Anspruch auf Partizipation auch in der non-formalen Bildung (UN-BRK Art. 24 Abs. 5) und dem gesellschaftlichen Engagement (UN-BRK Art. 29 b) ab. Eine Verkürzung auf die Analyse der Dualität behindert/nicht behindert reicht nicht aus, würde sie doch einen barrierefreien und diskriminierungsfreien Zugang schon dann als umgesetzt ausweisen, wenn junge Menschen mit gut integrierbaren Beeinträchtigungen, mit geringem Ausmaß gesellschaftlicher Behinderungen, aus gehobenen, gut gebildeten und eher christlich geprägten gesellschaftlichen Milieus die Angebote nutzen. Dies würde die gesellschaftlichen Verhältnisse, bestehende einstellungs- und umweltbezogene, sozioökonomische und soziokulturelle Zugangsbarrieren nicht hinreichend berücksichtigen und die Exklusivität der internationalen Freiwilligendienste nicht systematisch beschreiben. Entsprechend muss ein multipler Behinderungsbegriff verwendet werden, um umfassend analysieren zu können, ob und in welchem Maße die Angebote für alle behinderten jungen Menschen barrierefrei und diskriminierungsfrei zugänglich sind. Dieser muss alle Behinderungsarten und die Differenzen in der Differenz (Raab 2007) sowie die Verteilung von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital (Bourdieu 1983) und dem hiermit verbundenen klassenspezifischen Habitus (Bourdieu 1994: 20 f.) unter Einbeziehung verschiedener Ungleichheitsdimensionen und ihrer intersektionalen Verwobenheiten (Raab 2007; Winker/Degele 2009; Walgenbach 2017) berücksichtigen. 4. Konsequenzen für das Weltwärts-Programm Aus den Modellen der Disability Studies und dem multiplen Behinderungsbegriff ergeben sich für das Weltwärts-Programm – ebenso wie für andere Freiwilligendienste – weitreichende Konsequenzen. Es geht um nicht weniger als die Verwirklichung des menschenrechtlichen Grundsatzes der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Partizipation (UN-BRK Art. 3 c) für alle und hier konkret behinderter junger Menschen in ihrer Vielfalt. Hierbei geht es nicht mehr um das Ob sondern um das Wie der Partizipation. Die Disability Studies bieten in ihrer Vielfalt wichtige Ansatzpunkte, wie das Programm aufgestellt sein müsste, um den Vorgaben der Konvention zu entsprechen. Gleichzeitig setzen die Disability Studies das Grundprinzip der Partizipation (UN-BRK Art. 3 c) auch für die 138 Einschluss und Ausschluss Forschung um. Viele ihrer Vertreter*innen sind insbesondere in der Vergangenheit Behindertenaktivist*innen (Waldschmidt 2005: 9). Aus dem sozialen Modell ergibt sich für das Weltwärts-Programm der Auftrag wissenschaftlich begleitet eine umfassende Barrierefreiheit zu entwickeln und dort, wo es notwendig ist, angemessene Vorkehrungen zu gewährleisten. Das Minderheitenmodell bietet den wissenschaftlichen Rahmen, die Bedeutung von Empowerment, um eine erfolgreiche Partizipation im Programm zu ermöglichen, gezielt zu untersuchen und Wege zu beschreiben, wie dies konkret umzusetzen ist. Mit dem kulturellen Modell ist eine Analyse des Programms möglich, inwieweit Normalitätsvorstellungen und soziale Praxis Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten bevorzugen oder benachteiligen. Gerade dieser Aspekt ist von besonderer Bedeutung, um einen umfassenderen Begriff von Barrierefreiheit bei der Untersuchung des Programms zu berücksichtigen. Mit dem multiplen Behinderungsbegriff, der Intersektionalität und die Vielfalt sozialer Ungleichheit berücksichtigt, kann das Programm daraufhin untersucht werden, wie über diese Faktoren Zugänge erleichtert sind oder erschwert werden. Werden die Erkenntnisse, die sich durch eine vertiefte Forschung zu den Zugangs- und Teilhabechancen behinderter junger Menschen unter Verwendung der unterschiedlichen Modelle der Disability Studies und dem multiplen Behinderungsbegriff ergeben, angemessen berücksichtigt, kann das Programm die Vorgaben aus dem menschenrechtlichen Modell der UN-BRK umsetzen. Um aber eine wissenschaftliche Untersuchung des Weltwärts-Programms, wodurch Zugänge erleichtert und Teilhabehindernissen beseitigt werden können, aus der Perspektive der Disability Studies unter Verwendung eines multiplen Behinderungsbegriffs zu ermöglichen, muss neben der allgemeinen auch die entsprechende Forschung zu bestehenden Barrieren und Vorurteilen gefördert werden. Eine gezielte Forschungsförderung würde den Auftrag der UN-BRK für Weltwärts als staatlichem Programm aus Artikel 31 umsetzen. Literaturverzeichnis Bickenbach, Jerome E. (2012): The International Classification of Functioning, Disability and Health and its Relationship to Disability Studies, in: Routledge handbook of disability studies, edited by Alan Roulstone, Carol Thomas und Nick Watson, London, S. 87–110. Block, Pamela, Fabricio Balcazar and Christopher Keys (2001): From Pathology to Power. Rethinking Race, Poverty, and Disability, in: Journal of Disability Policy Studies, vol. 12, no. 1, S. 18–27. Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Soziale Ungleichheiten, hrsg von Reinhard Kreckel, Göttingen, S. 183–198. Bourdieu, Pierre (1994): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, Frankfurt a. M.. Charlton, James I. (1998): Nothing About Us Without Us. 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This article proposes to integrate more fully the demands and experiences from the South into the agendas and objectives of the programs designed in the North. Strengthening the relationships between volunteer-sending organizations and host organizations would empower and benefit both types of organizations and (German) volunteers while advancing ‘education and development’ goals in the North and South. Keywords: Global North-South; organizations; global education; volunteers; volunteering for development; Weltwärts Zusammenfassung Dieser Artikel vergleicht Freiwilligendienste und Erfahrungen in solchen im globalen Norden und im globalen Süden (Weltwärts in Deutschland und Aufnahmeorganisationen in Guatemala). Dabei wird die Notwendigkeit betont, die Freiwilligendienstprogramme im Globalen Norden stärker zu evaluieren und kohärenter auszugestalten, damit sie eine moralische Antwort auf gegenwärtige Bedürfnisse im Globalen Süden geben. Es existiert eine klare Spannung zwischen zwei Paradigmen: Einerseits eine kosmopolitische, globale Bildung, andererseits (menschliche) Entwicklungsansätze in internationalen Freiwilligendiensten – wie z.B. Weltwärts in Deutschland. Es muss weiterhin erforscht werden, wie diese beide Perspektiven kohärent und ethisch vertretbar in die Programme integriert werden können, ohne Gegensätze zu erzeugen. Es wird vorgeschlagen, dass die Forderungen und Erfahrungen aus dem globalen Süden verstärkt in die Agenden und Ziele der im globalen Norden konzipierten Programme implementiert werden. Von einer Stärkung der Beziehung zwischen Entsendeorganisationen und Aufnahmeorganisationen würden sowohl beide Organisationstypen als auch (deutsche) Freiwillige profitieren. Außerdem würden Ziele aus dem Bereich „Bildung und Entwicklung“ im Norden und im Süden vorangebracht werden. Schlagwörter: Globaler Norden-Süden; Organisationen; globale Bildung; Freiwillige; entwicklungspolitische Freiwilligendienste; Weltwärts 141 Ortiz Loaiza, Volunteering for Development Recently the German volunteering for development program Weltwärts celebrated its tenth anniversary. Inaugurated in 2008, run and funded by the Federal Ministry for Economic Cooperation and Development (BMZ), this program contributes sending young volunteers (between the ages of 18 to 28) to “learn from” and “support” development projects in the Global South (BMZ-weltwärts 2014). Based on recent data from countries from the Global South, especially from interviews with the staff of volunteer host organizations in Guatemala (Ortiz Loaiza 2018), this paper compares the implications of these findings with the German experience. From a normative approach, it is proposed here that German government agencies, not-for-profit organizations in charge of the volunteer abroad programs, and volunteer host organizations could benefit from two processes. First, evaluating the underlying ideas supporting the design of the volunteering programs and second, strengthening the relationships between volunteer-sending organizations and host organizations in the Global North and South. Evaluating the ideas underlying the design of the volunteering programs is fundamental to creating stronger and more coherent volunteering for development experiences. Revised programs need to respond ethically to current demands from both (cosmopolitan) global education and complex (human) development approaches. Acknowledging the tensions and commonalities of these two paradigms may contribute to recognizing and integrating the experiences and agency of their counterparts and collaborators in the Global South. Closer collaboration between volunteer organizations would also contribute to strengthening the links between theory and practice (i.e. the links between academia, government and NGOs) in the Global North and South. Strengthening the relationships between volunteer-sending organizations and host organizations in the North and South would empower and benefit both types of organizations, and especially the German volunteers. In the specific contexts of fragility, where the state and the rule of law are weak, it is the local host organizations which provide a formal and informal institutional framework to protect and guide the newly arrived volunteers from the Global North to perform their duties. These local host organizations are also the ones who (directly or indirectly) benefit from or bear the costs of the volunteers’ successful or failed actions (Ortiz Loaiza 2018). These organizations can also contribute to better monitoring and evaluating of volunteering programs. The ideas and recommendations explored through these pages may contribute to improving the work of Western agencies sending volunteers to the Global South who are interested in learning from experiences and lessons from the South. Additionally, these somewhat normative comments and ideas resulted from a two-day conference in Cologne in September 2018 with among close to one hundred German academics, public servants, practitioners and volunteers discussing the Weltwärts “experience”. 142 Internationale Perspektiven 1. Challenges at the root of the design of the volunteer abroad programs In several volunteer-sending programs, as in the case of Weltwärts, there is a strong tension between two paradigms: global education versus human development ideas. For example, the Weltwärts program is conceived as a “global learning” program, but it is run under the Federal Ministry for Economic Cooperation and Development (BMZ). The word but emphasizes that besides its characteristics as a learning program, Weltwärts funding counts towards aid for development in the Global South in the BMZ budget.1 First, the program offers a “learning experience” for the young people volunteering abroad, and the possibility to complement their formal education with a hands-on (internship-like) experience (BMZ-weltwärts 2014). The global education for development paradigm promotes the importance of teaching and learning to create global citizens who are aware of social inequality, poverty, social responsibility and global participation, among other issues (Lough et al. 2014; Killick 2012; Baillie Smith/Laurie 2011; Ortega 2007). However, depending on how the promotion of the volunteering programs is done, (e.g. by offering the opportunity to see and experience the world, while enriching the volunteer’s work experience and resume), this perspective may emphasize an individualistic feel-good experience, and may even create some paradisiac expectations for the volunteers. For example, Weltwärts literally means “world-wards”, or “out into the world” as translated by Fischer and Haas (2014: 6). This dynamic also underlines the importance of the volunteer’s safety and the quality of their experience abroad. However, this attractive discourse may clash with the difficult realities faced by the volunteers once in the field, (as attested to by a staff member from a host organization in Guatemala quoted below). This emphasis on the volunteer’s experience is not always coherent with the development of the Global South challenge. There could be some context-specific obstacles, for instance, the issue of the lack of safety, the impact of having to live under these conditions, maybe they knew about this before coming, but it is not the same having to face this every day, this could really have a negative affect on their emotional state. Second, the (human) development paradigm assumes that the goal of volunteering for development is, as its name suggests, to contribute to the development of the Global South (not necessarily only to the education of the volunteers from the North). From an ethical perspective, this implies the North’s moral obligation to help and give back to the South (e. g. Jones 1999; Singer 2002; Pogge 2002; 2005). 1 The volunteers’ support is be reflected in the budget of aid for development in Germany under the category of ‘civil society and business groups and institutions’, which amounts to 1,113,264,000 Euros (11.8% of the BMZ budget) for 2018. The specific Weltwärts budget is around 38,000,000 Euros. 143 Ortiz Loaiza, Volunteering for Development Although there are long debates about the validity of this presumed moral obligation, in general, there is an acceptance that if there is no contribution, at least there should be no harm (or burdens) to these countries (UN-GA Resolution 46/182). Additionally, there is another accepted principle among the multilateral organizations regarding development in the Global South: respecting the ownership and agency of the Southern countries. Ownership means assuming their responsibility to design their own development.2 According to this premise, the complex task of contributing to the development of any Southern country should comply with national development plans or, at least, specific local priority goals. However, in the case of the volunteering for development programs, it is hard to identify any general priorities for development in the volunteers’ work because their agenda mostly responds to the Northern NGOs mandates. When the links between Northern and Southern NGOs are strong, the host organization’s needs may be better reflected in the volunteers’ mandate (Tiessen/Lough/Grantham et al. 2018). However, this subject needs further research. Additionally, considering that Weltwärts prides itself on being a ‘demand driven program’ the strong links between sending and host organizations are fundamental characteristics that contribute to the success of the program, precisely because, in theory, Weltwärts responds to the demands of the local German organizations sending volunteers abroad (not to the needs in the South). 2. Strengthening the North-South relationships: the volunteers’ experience The most recent data, specifically from organizations hosting volunteers in the Global South (Tiessen/Lough/Grantham 2018) shows that there are positive and valuable contributions, and exchanges from the volunteers working in the South. As part of that same research project,3 following my analysis of interviews with local staff from host organizations in Guatemala (Ortiz Loaiza 2018), these pages propose that there is still a lack of information in the North and the South regarding the mandates and expectations of the sending organizations, the host organizations, and the volunteers. See, for example, the following quotes from host organization staff in Guatemala: I would say that a real impact has been that it has improved our work methods and our international relationships…that are maintained whether or not the volunteer remains in Guatemala… This is a limitation; not counting on funding prevents us from having any volunteer selection criteria, and we accept whoever comes, and we are thankful, and 2 This later idea can also be contested by many arguments rooted in the dependency or post-modern theories, recognizing the structural and systemic limitations of the developing countries to achieve such complex goals. 3 Led and published by Rebecca Tiessen, Benjamin Lough and Kate Grantham (2018). 144 Internationale Perspektiven they are welcome, but they are not always what we need...If we could pay, we would have more comprehensive selection criteria. The evidence shows that host organizations in the Global South generally do not know or identify the differences between each volunteering program in the Global North. In the specific case of Germany, the research by Geis and Lipsch4 shows that local organizations in Nicaragua do not know when German volunteers come either funded by government programs such as Weltwärts or come as tourists or voluntourists to help for a few weeks. In the same vein, local staff from host organizations in Guatemala categorize a wide range of people coming from the Global North to their organizations as volunteers: from backpackers, voluntourists, retired expats, graduate students working on their research projects, to volunteers funded by any organization. See, for example: We maintain some kind of relationship with short-term volunteers, but with long-term volunteers, here for two years or more, we have had the luck of having volunteers for over six years, the shorter ones for four years with CUSO, and this gives you a lot of stability, not so much with short-term volunteers. There is an accompanying process for the long-term volunteers as well; most of them are sponsored by an NGO or cooperation agency that will pay for their housing, and so they do not have the same pressures short-term volunteers have because they are here with their family. They have better conditions, and normally they start by working in the capital [city], and they receive a more complete orientation process, and they will go to the [rural] community being there for two or three days one week, and then the next week and so forth, so this is different. Although the previous quotes refer to different lengths of the volunteer’s stay, they also reflect the different conditions under which each volunteer comes to the South, according to different programs, funding conditions, and sending organizations (if any). However, this important information is not always known or shared with the local hosts, and in many cases, this also creates confusion and unbalanced power relations: For example, French volunteers have come and they receive a good salary and because it is from the government, they suddenly only come to control the organization, and, in a way, they neutralize the organizations in our country. It is proposed here that in the host organizations, it is precisely the lack of knowledge and differentiation between each volunteering program from the North what makes it more difficult for the staff in the South (in this case in Guatemala) to categorize, monitor and evaluate the work of the volunteers. For example, every time 4 See their contribution in this volume. 145 Ortiz Loaiza, Volunteering for Development a Guatemalan interviewee gave an example of a negative experience with an international volunteer, those experiences could hardly have happened to one of the volunteers sent by regulated volunteering programs, given the formal conditions and guidelines of the funding agencies. See, for example: We have had some cases of people who wanted to go home and had a crisis because they didn’t come with proper awareness, and the ones who come with little awareness do get disenchanted. It happened with a volunteer who went to an occupied land [finca] that was owned by the army… when he saw the situation, he said he definitely didn’t want to be there and left the community and went to be a tourist. This is an extreme case. In other words, if the local staff is aware of the mandates and conditions regulating the volunteers’ activities, including education, general skills, length of stay, organization sending the volunteer, main contacts, and more, this kind of negative experience could easily be minimized. This information could also reduce the risks and burdens for the volunteers and the host organizations in the South. Furthermore, better information would allow the host organizations to make better decisions regarding whether or not they should accept or decline a new volunteer. For example, volunteers without any organizational affiliation or medical insurance can become a burden for the host organization, as the following case shows: For the host organization, a volunteer means extra effort…then he becomes ill, and you have to take him to a doctor, and they don’t have any health insurance. They say they can stay anywhere but it’s not the same as in Europe… so you can’t just say ‘I will take these two volunteers to my home.’ Normally we all have a family life, and everybody has many things to do. Then, knowing the differences between the volunteering abroad programs, their guidelines, and the conditions for the volunteers is key information for any host organization in the Global South. 3. Conclusion Evaluating the philosophical, theoretical and practical ideas guiding the volunteering abroad programs is a fundamental task for those programs to express coherent ethical values related to human development and global education for development. In other words, these programs can move between the scope of selfish pro-market interests and more global cosmopolitan ethical values. Some of the following questions may contribute to reflecting on these issues: Is volunteering for development exclusively related to the education and safety of the volunteers abroad? Are these programs promoting internships abroad? Is this an issue on how to safely send volunteers abroad in order to have a real impact on the development 146 Internationale Perspektiven of the South? Alternatively, how may these two perspectives – global education and development be combined and reconciled? In a fast-changing world, analyzing how to reconcile these questions and ideas requires close collaboration between academia and government agencies, as well as other social and community organizations. Then—and responding to some of the debates which arose during our conference in Cologne—there is no room to question whether there should be a link between academia and government, but to question how that collaboration will happen. Depending on how the German agencies and volunteer organizations would respond to the previous questions, it would be relevant to transform the way volunteering abroad programs are promoted, monitored and followed up on. For example, if the German agencies continue their actions privileging the global learning paradigm, favoring the volunteer’s experience over their contributions to the Global South, then the question could be: How can volunteers give back, as a fair exchange, in a consistent way to the Global South? In this case, the idea of bringing volunteers from the Global South to Germany may seem like a good, coherent complement to those programs. However, that may require implementing more resources and programs to bring more Southern volunteers to the North (in more significant and inclusive amounts). This would also require implementing clearer actions engaging the returned volunteers in development activities in their communities in the North as well as in the South. These actions could more consistently complement a commitment to global education for development. On the contrary, if the contributions from the volunteering abroad programs are seen as key tools to bringing development to countries in the Global South, then the challenge is how to prepare the Northern volunteers better to achieve development goals. On the one hand, it would be important to provide the volunteers with the proper training and tools to make meaningful contributions (taking into account particular circumstances, time, and places) in the Global South. On the other hand, it would be necessary to discuss the following: What are the development goals? Who is setting the agenda? What development objectives are German programs promoting? Are the volunteers’ mandates reflecting the needs expressed by host organizations in the Global South? However, to advance and reconcile both objectives, global education and development would require transcending the Western paradigms and include Southern voices and experiences in the way the Northern programs work. In this sense, strengthening the connections and relationships between the sending and host organizations appears to be a fundamental step. Regardless of the size and characteristics of the host organizations in the Global South, they play a key role in allowing the volunteering (learning and developing) enterprise to happen in fragile 147 Ortiz Loaiza, Volunteering for Development contexts. These organizations contribute to the volunteers’ safety and provide different means for them to succeed in their tasks (beyond the reach of the sending organizations’ scope). The sending organizations in the North and host organizations in the South would benefit from closer cooperation. For example, building more efficient development-related mandates, goals, screening and training mechanisms for the incoming volunteers. These organizations could facilitate different mechanisms for the volunteers and their local staff to learn, teach, and exchange knowledge and skills. For example, more integrated North-South pre-departure work could contribute to fulfilling many of the knowledge gaps in the host organizations, as discussed in the previous section. As the following quote shows, gaining knowledge is generally a two-way process, and this knowledge exchange could contribute to human development goals on both sides of the equation, North and South: It is good to have the opportunity to learn from them, particularly their vision on institutional dynamics, because in some way or another, they have a different perspective and knowledge. Also, to have the opportunity to make them go through a deep process of awareness of the Guatemalan situation in order to promote this consciousness in other countries. Additionally, having a stronger relationship between local NGOs in the North and South could contribute to empowering both types of organizations as global social partners. On one hand, providing the host organizations with key information, better-screened volunteers, and more skilled workers to fulfill challenging tasks. On the other hand, providing the sending organizations with first-hand information from the South to design more development-coherent working plans and mandates, responding to real needs from the South, while providing more clear learning and teaching opportunities for the volunteers. Furthermore, strong alliances could lead to the possibility of achieving more solid development goals and more solid learning processes in the Global North and South. Bibliography Baillie Smith, Matt and Nina Laurie (2011): International volunteering and development: Global citizenship and neoliberal professionalization today in: Transactions of the Institute of British Geographers, Vol. 36, No.4, p. 545-559. 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The first results of a discourse ethnographic field study of host organisations and volunteers in Ecuador show: the main purpose of the partners is to keep the volunteers safe and happy and to discipline them sufficiently so that they do not hinder the workflow of the projects. Contrary to traditional postcolonial hierarchies in development cooperation, it is the volunteers from the North who are educated and disciplined by the actors from the South. Their lack of experience and discipline, however, is tolerated because, due to their origin from the North, they are associated with positive values such as modernity and cosmopolitanism, which the locals supposedly lack. The volunteers, on the other hand, have high expectations of support and appreciation from the partners that are often disappointed. The consequence is either a devaluation of the partners in the South or the reflection of their own role. This shows that volunteering in the Global South does not only bear the risk of reproducing traditional North-South hierarchies, but also provides spaces for transformation. Keywords: North-South relations; postcolonial studies; youth volunteering; Weltwärts; development cooperation Zusammenfassung Sogenannte entwicklungspolitische Freiwilligendienste wie Weltwärts mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, koloniale Kontinuitäten aufzuweisen, etwa indem sie unter anderem die Aufnahmeorganisationen im globalen Süden als Bedienstete der Freiwilligen darstellen (Kontzi 2015: 145ff.). In diesem Artikel wird der Frage nachgegangen, wie die Beziehung zwischen Freiwilligen und Partner*innen im Aufnahmeland von beiden Seiten wahrgenommen wird. Erste Ergebnisse einer diskursethnographischen Feldstudie von Einsatzstellen und Freiwilligen in Ecuador zeichnen folgendes Bild: das Hauptanliegen der Partner*innen ist es, die Freiwilligen sicher und glücklich zu halten und sie ausreichend zu disziplinieren, damit sie den Arbeitsablauf der Projekte nicht behindern. Entgegen traditioneller postkolonialer Hierarchien in der Entwicklungszusammenarbeit sind es die Freiwilligen aus dem Norden, die durch die Akteur*innen aus dem Süden erzogen und diszipliniert werden. Ihr Mangel an 150 Internationale Perspektiven Erfahrung und Disziplin wird jedoch toleriert, weil sie aufgrund ihrer Herkunft aus dem Norden mit positiven Werten wie Modernität und Weltoffenheit verbunden werden, die den Einheimischen vermeintlich fehlen. Die Freiwilligen haben andererseits hohe Erwartungen an Unterstützung und Anerkennung durch die Partner*innen, die oft enttäuscht werden. Dies führt entweder zu einer Abwertung der Partner*innen im Süden oder zu einer Reflexion der eigenen Rolle. Dies zeigt, dass Freiwilligendienste im globalen Süden zwar das Risiko der Reproduktion traditioneller Nord-Süd-Hierarchien bergen, aber auch Raum für die Transformation bieten. Schlagwörter: Nord-Süd Verhältnis; Postkoloniale Studien; Jugendfreiwilligendienste; Weltwärts; Entwicklungszusammenarbeit 1. Introduction Volunteering in the Global South has been on the rise since the beginning of the millennium (Georgeou/Engel 2011; Schech 2017). This includes the expansion of official youth volunteering programmes, like the German programme Weltwärts, which was founded in 2008 and is now the second largest sending scheme worldwide after the US Peace Corps (Lough 2015). These programmes take place in the context of North-South relations, a highly asymmetric field considering that the modern world and its power relations have been shaped by colonialism, imperialism, and enslavement (Bhambra 2014: 115). Development volunteering has been criticised for reproducing and reinforcing colonial legacies and stereotypes (Kontzi 2015; Haas/Repenning 2018; Simpson 2005; Skoruppa 2018). However, it might also provide opportunities for transformation: Doty (1996: 3f.) affirms that it is North-South encounters that “have both destabilized and sustained the identities of the ‘first world’ self and the ‘third world’ other” Doty (1996: 3f.). This makes volunteering for development an interesting case in the context of North- South relations because it allows the study of the (re-)production and transformation of these relations within the encounters that take place. Most research on this topic has focused on the volunteers, their struggles, attitudes and learning processes (e.g. Mangold 2012; Schwarz 2016; Snee 2013). The partner organisations in the Global South, that is, the people involved in receiving organisations and projects where volunteers work, play an important role in volunteering encounters, but have been less researched (for exceptions, see e.g. Repenning 2016; Buckendahl 2012; Tiessen et al. 2018).1 Therefore, this article focusses on the hosts’ perspective: How do they interpret the encounters with volunteers and their own role in it? And how do their interpretations interact with the volunteers’ expectations and desires? Does this open up spaces for transformation? This article studies the relation between volunteers and hosts, focussing on the case of Weltwärts in Ecuador. 1 Also see the contribution by Geis and Lipsch in this volume. 151 Fuchs, Disciplining global citizens The Weltwärts programme was launched in 2008 by the Federal Ministry of Economic Cooperation and Development (BMZ) and is the second largest programme of its kind in terms of budget and number of volunteers worldwide (Haas/Repenning 2018). It aims at sending young people (18-28 years) to countries of the Global South to participate in development projects. Since its initiation, it has funded the volunteer service of 35,000 Germans. Most participants have just completed secondary education (A-levels) and take a year off before entering university. Countries eligible for the programme are those ranked by the OECD as developing countries or emerging economies (BMZ 2016: 4). 2. Theory: Postcolonial North-South relations Volunteering for development is embedded in the concept of development, which represents and has structured North-South relations since the end of World War II (Ziai 2015; Escobar 2011). The concept has evolved over time, but its basic narrative of linear progress, privileging Eurocentric knowledge over all other knowledges, has remained intact. Today, sustainable development, partnership and participation have become buzzwords that not only legitimise a wide array of activities, but also legitimise and naturalise a global order that hierarchises people and places. In the context of North-South encounters, these hierarchisations are possibly reinforced, but they are also subject to contestation and transformation (Doty 1996: 3f.). Thus, the encounters are where the actual reproduction and possible transformation of North-South relations take place. Host organisations and projects have a special role: they accompany the volunteers in-country, including tasks like picking them up at the airport, introducing them to their host families and their projects, and preparing them for their service and life in the host country. Yet, they are structurally disadvantaged in the programmes since they are expected to do most of the care work while not being involved in programmatic decisions nor being paid for most of the work they do (Skoruppa 2018). Kontzi (2015: 145ff.) demonstrates that partners in the Global South are discursively constructed as servants of the volunteers, a relationship that represents a colonial continuity. The volunteers are granted the role of global citizens and experts on development who bring modernity and teach the Others their superior knowledge. The partners, on the other hand, are depicted as subservient and welcoming, but without agency or preferences of their own. This representation reproduces colonial relations of master and servant (Kontzi 2015: 147). However, in the host countries, the power structure is more ambivalent: the volunteers are the ones who depend on the hosts to get along and the directors of receiving projects are their bosses during their stay, which is generally one full year. In the following, I will explore how this ambivalence of power relations manifests itself in the field of practice and to which extent it contributes to a transformation of traditional North-South relations and roles. 152 Internationale Perspektiven 3. Data and method: Discourse ethnography This study uses a discourse ethnographic approach to gain insights into the social construction of reality in this field. In contrast to traditional ethnographic approaches, the entities of interest are not communities, but contexts of action, or fields of practice. For this study, I conducted in-depth interviews with ten people who are coordinators or directors of host organisations and projects, and with ten Weltwärts volunteers in Ecuador. Corresponding to a constructivist-interpretative approach, the interviews were not conducted to learn “what it is really like” to be a project coordinator or a volunteer, but to gain insights into their socially constructed realities (Yanow/Schwartz-Shea 2015: 4). 4. Parental care relationship 4.1 Volunteers as children A dominant pattern at host organisations is the conceptualisation of volunteers as childlike. A volunteer coordinator talks about “my kids”2 (Camila Díaz3) when she refers to the volunteers working in her organisation, and the volunteers are generally attributed the role of inexperienced and dependent people. They are not able to care for themselves and are just beginning to learn how to manage on their own. This is exemplified when Rocío Rodríguez worries about the volunteers’ diet: Sometimes we notice that volunteers eat nothing but sandwiches every day. Then we say, here is lettuce and tomato, make yourself a salad. But […] they have no experience making salads. (Rocío Rodríguez, project director) Without the hosts, the volunteers seem helpless. This does not only apply to their physical but also their mental wellbeing. Especially around Christmas, hosts are worried about how volunteers will cope with being far from home: […] it is a difficult situation. We always have a year to explain the differences: […] [at Christmas] there are no gifts, in many houses it isn’t even celebrated, […] it is not a special day. That way, they are prepared when Christmas time comes so that it doesn’t come to them as a shock. (Carmen Andrade, director of host organisation) Volunteers also have an undisciplined side, especially when it comes to working: We, obviously, explain it to them – because sometimes they tend to get confused and think that they came to be tourists. But no, it‘s different. You can go sightseeing, take advantage of being here, yes, but you know that your main 2 All direct quotes have been translated from Spanish and German into English by the author. 3 All names have been changed to ensure the participants’ privacy. 153 Fuchs, Disciplining global citizens responsibility is taking care of the students, right? (Emilio Salazar, project director) Volunteers are described like teenagers who revolt against the rules of the host organisations and the host families. They want to go out or travel while the hosts want them to stay at home and concentrate on work: They feel that we are getting in the way of their independence because we are always visiting, asking how they are, asking the family, asking the coordinator […] everyone is used to living much more independently then, that is what always bothers them a lot, right? […] „But I do not understand, if I already live alone in Germany! […] Why do I have to ask for permission? Why do I have to...?“ (Marta Vera, volunteer coordinator) Just like rebellious teenagers become adults one day, the volunteers are also described as growing up during their service: …when you look at them when they arrive and you look at them when they leave, you say, Wow, how cool! [Laughs] How cool, […] you see how they have grown as people. (Marta Vera, volunteer coordinator) 4.2 Supporting and disciplining As parents would do for their children, the hosts portray their tasks as supporting the volunteers and caring for them, but they also discipline them, make them obey the rules and show them how things are supposed to be done. Volunteer coordinator Ana García highlights the comprehensive support: “In case of an emergency, anything, they can always call me, at any time. Day or night.” But it comes at a price for the volunteers: They are always monitored and sometimes they think it‘s control but well, little by little they also realize that […] they did not come on a paid vacation by the government, they came to do a volunteer programme and they have to comply with the requirements, with the rules, and for some it is hard, right? (Marta Vera, volunteer coordinator) Some even make them sign a code of conduct including rules, such as “’you have to shower every day’ or ‘take care of your personal hygiene’” (Rosa Morales, director of host organisation). Apart from caring for and disciplining the volunteers, the hosts also have the aspiration to educate them, not only when it comes to hygiene, but also regarding stereotypes of North-South relations: Sometimes there are people who […] choose a country that looks as if there was the greatest amount of poverty in the world […] as a stereotype that I‘m going to save them because those poor people have no one to do anything for them. 154 Internationale Perspektiven So, one of the most important parts of the programme is to create awareness among the young people that this thing does not exist. (Carmen Andrade, director of host organisation) By conceptualising the relationship between volunteers and hosts as one of parental care, there are elements of reproduction of colonial relationships, but also elements of transformation. While the individuals in the South are still those responsible for (largely unpaid) care work, they also have the power to define what is right and what is wrong and to guide the volunteers’ behaviour. This is a reversal of the postcolonial hierarchies in traditional development relationships where people in the South are often conceptualised as children who have to be educated by the development experts from the North. 4.3 Volunteers’ expectations and disappointments The volunteers’ expectations overlap with the partners’ perspective: volunteers express a desire to be cared for and supported. When they feel this is the case, the relationship is depicted positively: I immediately felt totally welcome because the people who did this [introductory event] with us were very nice [...]. Exactly, [volunteer coordinator] is also very nice, and supported us so much the whole time, so I felt really cushioned. (Jacky Albers, volunteer) However, when volunteers feel that they did not receive the support and care they were expecting, some express rather hard judgements of the partners: They are very, very false. So, my first impression was that they were super mega nice. I also talked to them, [director of host organisation] was very understanding, pretended she was really taking care of it, dealing with it, the problems I have with the project and stuff, but she never contacted me again. She did not even ask how it worked out, how it is, how it developed, how I feel, not a tiny bit. (Theresa Marquardt, volunteer) The volunteers express desire to be seen and to be cared for. Consequently, when they feel that they are not recognised and valued as individuals and their needs are not met, they express disappointment. This either leads to a devaluation of the hosts, as seen in the quote above, or makes volunteers reflect on the situation, like Mia Hardenberg describing the relationship with her project colleagues: I‘ve been asked a lot, “has your friend already flown back?” – „No, she is just on vacation, she will also stay one year.“ They did not know how long we stayed. We were never really equals. [...] In the beginning, I greeted them, and they did not greet me back because they were not sure who I was. But that got better. I understand that, they have so many volunteers passing through that they 155 Fuchs, Disciplining global citizens don’t really have a complete idea of who everyone was, I guess. (Mia Hardenberg, volunteer) While most volunteers have expressed some kind of disappointment, their rationalisations of this experience can be categorised in two contrasting versions: disappointment either leads to the reflexion of their own role and the system they are a part of, or it leads to a reinforcement of a consumer mentality. The latter reinforces the conceptualisation of the partners in the South as service providers, as Kontzi (2015: 145ff.) has criticised: It would certainly make sense […] that they [host organisations] visit every volunteer who works for them, no matter if they have already visited the project last year, that they see if the project makes sense […] or […] if you should take the project out of the programme. But they are also very, very lazy. Of course, that [seriously monitoring the projects, LF] is much more work. (Theresa Marquardt, volunteer) 5. Mediators for global citizens 5.1 The volunteers as experts and global citizens While volunteers are conceptualised as inexperienced people who have to be educated, they are also granted the role of global citizens and experts. This contradiction is possible because the latter roles are not deducted from the individuals, but from their origin from the global North, which is conceptualised as more orderly, punctual and reliable: Germany is different and Latin America ... that is, if I speak of Latin America, there is a very similar culture from Mexico down to central Chile. From Chile, from the centre towards the South, it is a bit different, another culture. Here, it is like that: tomorrow, tomorrow, just a moment, just a little bit more, […] and that‘s the way it is. (Carlos Zambrano, project director) These characteristics are transferred to the volunteers. Additionally, volunteers are described as global citizens who bring “the big world out there” to local places in Ecuador. Through their mere presence, they are expected to broaden the minds of the local population: Thanks to the support of our volunteers, they [the pupils in small rural schools] imagine how it would be in Germany, in Europe, they start thinking that they don’t want to end up working at a ranch. “I want to learn another language, I want to get out. I want to travel, I want to learn. I want to be an engineer or something like this.” (Ana García, volunteer coordinator) 156 Internationale Perspektiven This representation of volunteers is in line with Kontzi’s (2015: 130ff., 214ff.) finding that Weltwärts positions its volunteers as global citizens and experts in contrast to the local population that must be educated by them, like in this account of the recommendations Carmen Andrade gives to volunteers who witness violence against children – a situation she presents as appearing frequently: It is a reality that you cannot change, but you can be a mirror of a different reality, if you see that teachers or families hit children, you give them affection, give them love, because it is a different way of teaching, you are a mirror in which others can see, to look at a different way of doing things, that there is a different way of doing things that works better. (Carmen Andrade, director of host organisation) 5.2 Mediation between the volunteers and the environment Hosts see themselves as mediators between the cosmopolitan volunteers, on the one hand, and the local population, on the other. They are the ones who define which project or family is appropriate for volunteers: My job is to […] sign new agreements with schools, to see if they can fulfil them, we ensure that the [host] families are able to receive the kids [the volunteers], that they may not have political, cultural, social or religious problems. (Ana García, volunteer coordinator) They also claim a more cosmopolitan position for themselves as compared to the local population: I think that years ago, when the president began to allocate foreigners in the communities, they were like „no, that’s scary“, [they thought] the Germans were very bold, cold, that they had no heart [laughs], but the people in the communities already know that it is very different, […] and the Germans are also very affectionate. (Carmen Andrade, director of host organisation) Hosts have no fear of contact with foreigners and they are not the primary targets of the volunteers’ cosmopolitan influence. Through their relationship with the volunteers, the hosts claim transnational capital that positions them on a superior level than the rest of the local population. 5.3 Volunteers’ ambivalent role Volunteers agree with the hosts’ perspective regarding their roles: they express the desire to be confirmed in their importance and their cosmopolitanism (see Schwinge 2011: 79ff. for similar findings). This produces an ambivalence given the fact that they have assistant positions in the projects. If their ambitions are confirmed and they are granted positions superior to their level of education, they tend to be content with the situation: 157 Fuchs, Disciplining global citizens LF: Do you have the feeling [...] that you are doing something meaningful? JA: Yes, absolutely because, I also talked to my boss about it and he actually said that we are very important as volunteers, for the foundation. That they depend on us, that we are like good, paid, full-time workers, that they need us, and without us, they cannot work. (Jenni Albers, volunteer) However, when this is not appreciated, they express discontent: The boss […] is not able to say thank you, but that’s something they‘re often not able to do here. So, all the work we do here, my organisation would do nothing without the volunteers, really nothing! So, they would really need to close all programs. That would not work. And it‘s still exploited a bit, I‘d say, and „thank you“ is rarely said. […] they take it for granted. (Liane Bülow, volunteer) This quote already shows that the volunteers do expect some kind of appreciation for their work. If they feel that it is not valued, there are, again, two dominant rationalisations of the situation. Some insist on the importance of their work and the superiority of their knowledge, devaluating their colleagues if they do not appreciate them: The teachers see that when I see a quarrel, I settle it in a different way. The children hardly react to it, but I force them to realize that they can handle things differently, that they should handle things differently, and that they have to handle things differently. I try to make them aware, and the others [project director and colleagues] see that too. They certainly do not try it out themselves, with the attitude they have. But at least they see it, that will do something. (Theresa Marquardt, volunteer) This is often coupled with an alliance-building with those who do not have a position of power in relation to the volunteers. Theresa Marquardt, who is quoted above, expresses that she prefers the company of the cook and the janitor of her project over that of her boss and co-workers because, in contrast to the latter, they appreciate her company: “They are super interested, they keep asking me stuff, I also tell them some things about Germany or Europe every day”. Yet, the disappointment of not being granted an expert status and not being appreciated can also lead to a reflection of the own position: I was generally unsatisfied with my work situation. As well as with myself, inasmuch as I really tried, but then I have not really seen where I can develop, so to speak, where I can contribute personally, personal skills ... Although one can also criticize... Well, what are your personal skills? So, I‘ve worked in catering, I have worked before, but I do not have any specific skills that I can contribute. (Nora Paludo, volunteer) 158 Internationale Perspektiven She goes on that being involved more could help her having a feeling of purpose, but she gives to consider: There is, of course, the question regarding if you can make this request as a volunteer or not. Can I actually say, hey, I just arrived, but you have to include me in all the planning, you have to involve me in everything? Well, something you wouldn‘t necessarily have in a normal working environment, as an intern. (Nora Paludo, volunteer) Confronted with a situation in which she did not feel important and appreciated, Nora Paludo reflects on her situation as an untrained volunteer and sees limits in what the host project can reasonably offer her. Theresa Marquardt, on the other hand, interprets a similar situation differently: according to her portrayal, people at the project demonstrate a problematic attitude by not appreciating the volunteer’s contributions and not adapting themselves to her methods. This contrast between a destructive and a self-reflexive tendency was also found by Schwinge (2011: 112ff.). 6. Conclusion The analyses show the complexity of the relationship of volunteers and hosts. By conceptualising volunteers as immature and vulnerable, hosts assert their own role as those who discipline them and care for them. Just like in a parental relationship, this goes along with unpaid care work as well as power. While the former reproduces the colonial master-servant relationship criticised by Kontzi (2015), the latter breaks with it: instead of the actors from the global North, it is those from the Global South who tell the others what to do, reversing traditional development relationships. The powerful position of hosts is underscored in the relation to the local population: the hosts present themselves as the ones who have transnational capital and who can judge what is good and bad. They also have the material power of allocating volunteers to projects and families. While this might transform the hosts’ position, overcoming the role of mere servants of the volunteers, it could also be detrimental in the context of internal power structures in the host country (see e.g. Walsh 2010). Since this hierarchisation builds upon traditional development categories such as global/local and modern/ backward (Ziai 2015: 29ff.), these discourses are reinforced rather than transformed. The local population is used as a projection screen for both hosts and volunteers. Both feel confirmed in their preferred roles, the hosts by distancing themselves from the local population and the volunteers by building (discursive) alliances with the local population and against the hosts. The latter is also a consequence of the volunteers’ expectation of being both supported and appreciated as experts and global citizens – something that clashes with their positions in the projects. Here, volunteers subscribe to two contradicting 159 Fuchs, Disciplining global citizens discourses – one of reflection and one of devaluation: while some rethink their expectations and notice that they might have been unrealistic, others depreciate the hosts. While the former does open up space for transformation, the latter reinforces a master-servant relationship. The practical consequences that follow from this research are something that has frequently been demanded before (e.g. Skoruppa 2018): host organisations and projects should not only have an equal role in determining the programmatic orientation of the programme, but their efforts should also be paid adequately. Their extensive efforts and decisive role in the operation of Weltwärts should also be visible in the programme’s self-presentation. Bibliography Bhambra, Gurminder (2014): Postcolonial and decolonial dialogues. In: Postcolonial Studies, 17, 115-121. 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Abingdon: Routledge. 161 Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im internationalen Vergleich. Governance und Regulierung bei Norec, Peace Corps, ICS und Weltwärts Dr. Jörn Fischer Assoziierter Wissenschaftler | Cologne Center for Comparative Politics | Universität zu Köln joern.fischer@uni-koeln.de Benjamin Haas M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter | Lehrstuhl für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung | Universität zu Köln | benjamin.haas@uni-koeln.de Zusammenfassung: Eine beträchtliche Anzahl sogenannter Industrieländer unterhält entwicklungspolitische Freiwilligendienstprogramme. Doch wie sind diese Programme genau organisiert? Welche Governancestrukturen haben sie und welche Auswirkungen haben diese auf zivilgesellschaftliche Organisationen, die einen solchen Dienst anbieten möchten? Analytisch bewegen wir uns dabei in einem Feld, das nach dem Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft fragt. Daher ist die Korporatismustheorie ein passender theoretischer Ansatz. Wir untersuchen entwicklungspolitische Freiwilligendienste aus vier Ländern: Deutschland, Norwegen, Vereinigtes Königreich und USA. Wir machen anhand eines systematischen Vergleichs die Varianzen zwischen den Freiwilligendienstprogrammen sichtbar und fragen uns, wie sich diese erklären lassen. Die Empirie offenbart fundamentale Unterschiede in der Governance der Dienste, die sich klar auswirken auf Nichtregierungsorganisationen (NRO), die einen Dienst in einem dieser Programme organisieren möchten. Diese Unterschiede lassen sich allerdings nur teilweise korporatismustheoretisch erklären: Manche der Ergebnisse der von uns untersuchten Aspekte entsprachen den Erwartungen, bei anderen empirischen Befunden waren wir aus theoretischer Sicht überrascht. Schlagwörter: Entwicklungspolitische Freiwilligendienste, Internationale Freiwilligendienste, Governance, Staat, Zivilgesellschaft, Vergleich Abstract: Several OECD countries have “volunteering for development” programmes in place. But how are they organised? By what kind of governance structures are they characterised and how do these structures influence NGOs who want to participate in such programmes? This comparative study analyses the relationship between the state and civil society actors within volunteering for development schemes. We have picked programmes from four countries with very different configurations to analyse them in depth: Germany, Norway, the UK and the USA. Based on the empirical finding that the institutions of political representation do influence national styles of NGO regulations we assume that the corporatist or pluralist setting of the relationship between governments and NGOs has an influence also on the configuration of 162 Internationale Perspektiven international volunteering schemes. Hence, we will explore to what extent the theory of Corporatism can explain the cross-national variation in the governance of international volunteer service programmes. Whilst for some dimensions our theoretical expectations were clearly met, on others we encounter true surprises. Keywords: Volunteering for development, International volunteering services, Governance, State, Civil Society, Comparison Einleitung Ausgangspunkt dieses Beitrags ist die Beobachtung, dass es weltweit eine beträchtliche Anzahl staatlich organisierter bzw. geförderter entwicklungspolitische Freiwilligendienste gibt, bei denen die Rolle von NRO jedoch beträchtlich variiert. Markantes Beispiel: Während das deutsche Weltwärts-Programm von etwa 180 Entsendeorganisationen durchgeführt wird, ist es in den USA nur eine staatliche Behörde, die als Durchführerin agiert. Wir machen anhand eines systematischen Vergleichs von ausgewählten Aspekten die Varianzen zwischen den Freiwilligendienstprogrammen sichtbar und untersuchen, wie sich diese erklären lassen. Relevanz erfahren diese Fragen auch vor dem Hintergrund des Ergebnisses einer Metastudie, die die Wirkungen von unterschiedlichen Freiwilligendiensten untersucht hat: „You get the impact you program for“ (Powell/Bratovic 2007: 7). Im vorliegenden Beitrag wollen wir nicht die Wirkung von Freiwilligendiensten analysieren – unsere Ergebnisse sind aber eine erste Annäherung an die Frage, unter welchen Rahmenbedingungen dieses „Programmieren“ geschieht und wer dabei welche Verantwortung trägt. Ein weiteres Merkmal dieser Studie lässt sie im Feld der Freiwilligendienstforschung hervorstechen: Der Vergleich als Methode wurde bislang vernachlässigt, vor allem wenn es um den Vergleich von Programmen aus unterschiedlichen Ländern geht. In diesem Artikel vergleichen wir entwicklungspolitische Freiwilligendienstprogramme aus vier Ländern und nehmen dabei vor allem die Perspektive der Entsendeorganisation (EO) ein: Welche Rahmenbedingungen zur Entsendung von Freiwilligen werden staatlicherseits gesetzt? Die Studie ist wie folgt gegliedert: Kapitel 1 gibt einen Überblick über die entwicklungspolitischen Freiwilligendienste in OECD-Ländern, aus dem sich dann ein konkretes Sample herauskristallisiert. In Abschnitt 2 stellen wir unseren theoretischen Ansatz vor und entwickeln das Analyseraster zur Untersuchung der Fälle. In Kapitel 3 präsentieren wir das Herzstück, unsere empirischen Ergebnisse. Abschnitt 4 nimmt eine vergleichende Betrachtung vor und zieht ein Fazit. 163 Fischer & Haas, Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im internationalen Vergleich 1. Entwicklungspolitische Freiwilligendienste: vom OECD-Überblick zur Auswahl der Fälle Eine allgemeingültige Definition von internationalen Freiwilligendiensten gibt es nicht. Aber folgende vier Kriterien sind weitgehend akzeptiert: Freiwilligendienste sind eine spezifische Form von freiwilligem Engagement, das sich vom klassischen Ehrenamt unterscheidet durch Merkmale wie rechtlicher Rahmen, Mindestdauer des Dienstes, pädagogische Begleitung und Trennung zwischen der für den Dienst verantwortlichen Organisation (bei internationalen Diensten häufig „Entsendeorganisation“ genannt) und der Einsatzstelle, in der der Dienst geleistet wird (Fischer/Haas 2014). Aus der Perspektive eines Staates können internationale Freiwilligendienste in Form von sogenannten Programmen geclustert werden, die dann ein gemeinsames Label erhalten und unter der politischen Verantwortung einer Behörde stehen. Das Budget für ein solches Programm stammt aus ein und demselben Haushaltstitel. Staatlich geförderte entwicklungspolitische Freiwilligendienste gibt es vor allem in den sogenannten Industrieländern. Ein großer Teil von ihnen, zum Zeitpunkt der Erhebung 35 an der Zahl, sind Mitglied der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in englischer Abkürzung OECD. In einer Vielzahl von ländervergleichenden Studien wird die „OECD-Welt“ als Sample genutzt und auch hier bieten sich die Mitgliedsländer der OECD als Ausgangspunkt unserer Untersuchung an. Haas und Richter (2019) haben für sämtliche OECD-Länder recherchiert, ob es entwicklungspolitische Freiwilligendienste gibt und sind in 20 Ländern fündig geworden:1 1 OECD-Länder ohne entwicklungspolitischen Freiwilligendienst sind: Belgien, Chile, Estland, Finnland, Griechenland, Island, Israel, Lettland, Mexiko, Portugal, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ungarn. 164 Internationale Perspektiven Tabelle 1: Entwicklungspolitische Freiwilligendienstprogramme in OECD-Ländern Land Fachdienst/Dienst ohne Altersbeschränkung Jugendprogramm/ Jugendkomponente andere Formate2 Australien ✕ Dänemark ✕ Deutschland ✕ ✕ Frankreich ✕ ✕ Irland ✕ ? ? Italien ✕ Japan ✕ ✕ Kanada ✕ ✕ ✕ Korea ✕ ✕ Luxemburg ✕ ✕ Niederlande ✕ ✕ Neuseeland ✕ Norwegen ✕ ✕ ✕ Österreich ✕ ✕ ✕ Polen ✕ Schweiz ✕ Slowakei ✕ Spanien ✕ ✕ USA ✕ ✕ ✕ Vereinigtes Königreich ✕ Quelle: Haas/Richter 2019 An diese 20 Fälle haben wir für die hier vorgestellte Analyse Selektionskriterien angelegt – demnach haben wir die Programme näher untersucht, welche … 1. … überwiegend staatlich finanziert sind. 2. … staatlich festgelegte und/oder legitimierte Ziele haben. 3. … in ihrer Zielsetzung einen Bezug zu entwicklungsbezogenen/ entwicklungspolitischen Fragestellungen und/oder Wirkungen aufweisen. 4. … mindestens zwei Monate in Nord-Süd-Richtung entsenden. 5. … sich überwiegend an eine junge Zielgruppe richten. Damit landen wir bei Weltwärts (Deutschland), Norec3 (Norwegen), ICS (Vereinigtes Königreich) und Peace Corps (USA). Ihre wichtigsten Merkmale finden sich in dieser Übersicht: 2 Finanzierungsmodelle und -programme, die nicht mit einem expliziten staatlichen Programm verbunden sind (siehe Selektionskriterien), jedoch entwicklungsbezogene Freiwilligendienste staatlich fördern. 3 Bis 2018 bekannt unter der vorigen Bezeichnung „FK Norway“. 165 Fischer & Haas, Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im internationalen Vergleich Tabelle 2: Hauptmerkmale der vier ausgewählten entwicklungspolitischen Freiwil ligendienstprogramme Weltwärts (Deutschland) Norec (Norwegen) ICS (Vereinigtes Königreich) Peace Corps (USA) Gründungsjahr 2007 1963/Remake 2000 2011 1961 Anzahl Freiwillige seit Gründung ~ 30.000 ~ 8.000 ~ 13.000 ~ 220.000 ungefähre Anzahl Freiwillige pro Jahr 3.500 300 (in der Jugendkomponente) unbekannt 7.000 Alter der Freiwilligen (gemäß Richtlinien) 18–29 18–35 18–25 18+ Profil der Freiwilligen kein spezifisches Profil junge Berufstätige/kein spezifisches Profil in der Jugendkomponente kein spezifisches Profil junge Berufstätige und Pensionäre; berufliche Umorientierer- *innen Aufnahmeländer 60 25 30 70 Outgoing- bzw. Incoming- Komponenten 1 Outgoing- Komponente / Incoming seit 2018 3 Outgoing-Komponenten / Incoming seit 2000/ Süd-Süd-Komponente 1 Outgoing- Komponente/ kein Incoming 2 Outgoing- Komponenten/ kein Incoming Anzahl Entsendeorganisationen 180 33 in der Jugendkomponente, ca. 90 „Austauschprojekte“ jährlich in allen Komponenten 11 1 verantwortliche staatliche Behörde Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Außenministerium Ministerium für Internationale Entwicklung (Department for International Development/DFID) Peace Corps ist eine unabhängige Behörde, wobei die US- Regierung als sog. Mutterbehörde fungiert. Quelle: eigene Recherche 2. Theoretischer Analyserahmen: Korporatismus und NRO- Regulierung 2.1 Korporatismustheorie Unser theoretischer Ansatz erfolgt aus der Perspektive einer NRO, die einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in einem der vier verglichenen Programme anbieten möchte. Welche Möglichkeiten hat sie dazu? Diese sogenannten Opportunitätsstrukturen werden vor allem durch staatlicherseits gesetzte Rahmenbedingungen geformt. Damit bewegen wir uns in einem politikwissenschaftlichen Feld, das sehr grundsätzlich nach dem Verhältnis zwischen Staat und 166 Internationale Perspektiven zivilgesellschaftlichen Organisationen fragt. Eine Möglichkeit, dieses Verhältnis zu analysieren, bietet die Korporatismustheorie. Korporatismus beschreibt ein System der Interessenvertretung bzw. ein Muster, wie vor allem Wirtschaftspolitik formuliert wird (Lijphart/Crepaz 1991: 235; Siaroff 1999: 176). Anhand ausgewählter Merkmale identifiziert die Theorie Länder als eher korporatistisch oder eher pluralistisch. In korporatistischen Ländern ist die Interessenvertretung typischerweise in hierarchischen Dachverbänden organisiert, zum Beispiel großen Arbeitgeberorganisationen. Auch die gewerkschaftliche Verfasstheit in Deutschland, nach der jede Berufsgruppe in der Regel nur durch eine Gewerkschaft vertreten wird, ist typisch für den Korporatismus. Ein weiteres wichtiges Merkmal ist die systematische Einbeziehung von Interessengruppen in die Politikformulierung. Bezogen auf unser Forschungsfeld sind die Existenz, die Zusammensetzung und die Wirkweise des Weltwärts-Programmsteuerungsausschuss ein Paradebeispiel für ein korporatistisches Instrument, das zivilgesellschaftliche Mitwirkung kontrolliert organisiert. In pluralistischen Ländern hingegen ist der offene Wettbewerb zwischen Interessengruppen die Regel. Ein Gremium wie der Weltwärts-Programmsteuerungsausschuss, in dem alle Akteure gemeinsam diskutieren und Entscheidungen treffen, wäre für ein pluralistisches Land – wohlgemerkt „pluralistisch“ im Sinne der Korporatismustheorie – sehr untypisch. Die, wenn auch kursorische, Kenntnis um den Unterschied von Korporatismus und Pluralismus ist im weiteren Verlauf des Artikels aus zwei Gründen hilfreich: Erstens lassen sich vor dem Hintergrund dieses theoretischen Konzepts Erwartungen an die vorzufindende Empirie bezüglich der Steuerung entwicklungspolitischer Freiwilligendienste in den vier untersuchten Ländern formulieren. Zweitens gibt es einen Zusammenhang zwischen der korporatistischen bzw. pluralistischen Verfasstheit eines Landes und der Art und Weise, wie Regierungen NRO regulieren: Korporatistische Länder haben einen eher restriktiven Regulierungsstil, während pluralistische Länder einen eher permissiven Stil verfolgen (Bloodgood u a. 2013: 9) – damit sind wir wieder beim Eingangsgedanken dieses Kapitel, der uns in die Situation einer NRO versetzt, die einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Deutschland, Großbritannien, Norwegen oder den USA anbieten möchte. Ausgehend von den eben zitierten Ergebnissen könnte deren erste Frage sein: Befinden wir uns in einem korporatistischen oder pluralistischen Land? Hier korrespondieren die Ergebnisse der Anwendung der Kriterien, die wir an die Auswahl der zu untersuchenden Fälle angelegt haben, glücklicherweise wunderbar mit der Einteilung unserer Länder als korporatistisch oder pluralistisch: Norwegen und Deutschland erreichen in Siaroff’s Korporatismusranking die vorderen Plätze (=korporatistisch) während Großbritannien und die USA eindeutig auf den hinteren Plätzen landen (=pluralistisch). Die vier Länder unterscheiden sich ebenso in 167 Fischer & Haas, Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im internationalen Vergleich der Regulierung von NRO: Deutschland und Norwegen sind eher restriktiv, das Vereinigte Königreich und die USA hingegen verfolgen einen eher permissiven Regulierungsstil (Bloodgood u a. 2013: 9). In der Summe passen diese Ergebnisse gut zusammen, da laut der Korporatismustheorie eine geringe NRO-Regulierung zu einem Wettbewerb zwischen NRO führt – ein Merkmal pluralistischer Länder. 2.2 Zugangshürden, Partizipation, Gestaltungsspielraum und Finanzen Inspiriert durch eine Untersuchung über staatliche Regulierungsmechanismen gegenüber NRO haben wir die dort identifizierten sogenannten makropolitischen Faktoren (Bloodgood u. a. 2013: 5 f.) in den Kontext entwicklungspolitischer Freiwilligendienste übersetzt. Konkret haben wir die staatlicherseits gesetzten Rahmenbedingungen untersucht, in denen EO entwicklungspolitische Freiwilligendienste anbieten können. Die konkreten Faktoren sind: Zugangshürden, Beteiligungsmöglichkeiten und Gestaltungsspielraum sowie finanzielle Unterstützung. Im Folgenden beschreiben wir diese Faktoren kurz und setzen sie in Bezug zum oben beschriebenen theoretischen Analyserahmen. Die Zugangshürden beschreiben die Anstrengungen, die eine NRO unternehmen muss, um überhaupt eine Entsendeorganisation zu werden. Konkret geht es um a) die grundsätzliche Offenheit eines Freiwilligendienstprogramms für Organisationen zivilgesellschaftlicher Provenienz: Sind NRO überhaupt grundsätzlich vorgesehen als EO oder wird der Dienst exklusiv von staatlichen Akteuren durchgeführt? Im nächsten Schritt geht es b) um die Schwierigkeit, als Entsendeorganisation anerkannt zu werden. Welche formalen und fachlichen Voraussetzungen muss eine Organisation erfüllen, um den Status einer Entsendeorganisation und damit erst den Zugang zum Programm zu erreichen? Weiterhin zählen wir c) die Anzahl der Entsendeorganisationen. Dieser Faktor zeigt an, wie viele Organisationen tatsächlich in der Entsendung von Freiwilligen aktiv sind. Im letzten Punkt untersuchen wir d) den Komplexitätsgrad bzw. den Umfang der Regulierung insgesamt. Dabei geht es nicht um formale Anerkennungshürden sondern um den administrativen Aufwand, der nötig ist, um als Entsendeorganisationen überhaupt regelmäßig Freiwillige zu entsenden. Die Kombination dieser vier Faktoren bestimmt die Höhe der Zugangshürden für NRO, um Freiwillige zu entsenden. Dabei würden wir in korporatistischen Ländern eher höhere Zugangshürden erwarten, da NRO dort grundsätzlich stärker reguliert werden. In pluralistischen Ländern hingegen würden wir aufgrund des Wettbewerbscharakters der NRO untereinander theoretisch eher niedrigere Zugangshürden erwarten. Der Bereich Beteiligung und Gestaltungsspielraum untersucht die Möglichkeiten der Entsendeorganisationen, die staatlichen Rahmenbedingungen des Dienstes zu beeinflussen sowie die den Grad der Freiheit, den Organisationen haben, den 168 Internationale Perspektiven Dienst, den sie anbieten, auch zu gestalten. Konkret untersuchen wir a) die Beteiligungsmöglichkeiten, über die die Entsendeorganisationen bezüglich der Mitgestaltung der Programmrichtlinien verfügen. Welche Partizipationsmechanismen gibt es und wie offen sind diese? Auch im nächsten Punkt fragen wir nach Beteiligungsmöglichkeiten, aber diesmal geht es b) um die Partizipationsmöglichkeiten der Partnerorganisationen „im Süden“ bzw. c) um Beteiligungsformate für die Freiwilligen. Bei Punkt d) Gestaltungsspielraum schauen wir, welche Möglichkeiten die EO haben, den Dienst nach ihren Vorstellungen umzusetzen und ihm damit einen eigenen Charakter zu geben. Dabei geht es auch um die Frage, wie frei (oder nicht frei) EO in der Auswahl ihrer Einsatzstellen sind. Da die systematische Einbeziehung von Interessengruppen in die Politikgestaltung ein wesentliches Merkmal korporatistischer Ländern ist, würden wir gerade dort große Beteiligungsmöglichkeiten erwarten. Gleichzeitig würden wir dort theoretisch einen eher geringen Gestaltungsspielraums für EO vorfinden, denn korporatistische Länder verfügen insgesamt für einen restriktiveren Ansatz in der Regulierung von NRO. Der dritte Aspekt bezieht sich auf die finanzielle Unterstützung durch den Staat. Hier geht es vor allem um a) die Aufteilung der Kosten, die in der Umsetzung des Dienstes entstehen. Übernimmt der Staat 100 Prozent oder muss die NRO aufgrund einer Anteilsfinanzierung eigene Mittel einsetzen? Weiterhin fragen wir nach b) finanziellen Mitteln für Begleitmaßnahmen. Haben die EO neben dem regulären Budget für die Entsendung Zugang zu zusätzlichen Finanzen aus dem Programm für begleitende Projekte, zum Beispiel für Netzwerkbildung oder Qualitätsmaßnahmen, zur Verfügung? Der Faktor c) Einschränkungen für Anteilsfinanzierung untersucht, ob es Restriktionen hinsichtlich der Quelle des Eigenanteils der EO gibt, zum Beispiel eine Deckelung des durch die Freiwilligen selbst aufzubringenden Anteils. 3. Die empirische Analyse In diesem Abschnitt untersuchen wir nun systematisch die im Sample befindlichen entwicklungspolitischen Freiwilligendienstprogramme aus Norwegen, Deutschland, UK und USA hinsichtlich der oben aufgeworfenen Aspekte. Dazu haben wir eine umfangreiche Dokumentenanalyse (vor allem offizielle Richtlinien, Programmdokumente und Evaluierungen) zu allen vier Programmen durchgeführt sowie Experteninterviews geführt.4 4 Die Erhebung erfolgte im Jahr 2016. 169 Fischer & Haas, Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im internationalen Vergleich 3.1 Weltwärts – Deutschland Das Weltwärts-Programm wurde 2007 vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen. Es versteht sich heute als „nonformaler entwicklungspolitischer Lern- und Bildungsdienst, der den Freiwilligen umfassende Möglichkeiten des Globalen Lernens eröffnet“. Seit einer Neustrukturierung im Jahr 2011 wird Weltwärts als Gemeinschaftswerk von Staat und Zivilgesellschaft verantwortet. Im Jahr 2013 wurde außerdem eine Süd-Nord- Komponente eingeführt, über die Freiwillige aus den Empfängerländern nun auch einen Freiwilligendienst in Deutschland leisten können. 3.1.1 Zugangshürden Um im Rahmen von Weltwärts Freiwillige zu entsenden, müssen sich NRO vom BMZ als Entsendeorganisation anerkennen lassen. Dabei spielen sowohl formale als auch inhaltliche Kriterien eine Rolle. Eine wichtige formale Voraussetzung ist die Gemeinnützigkeit. Inhaltlich geht es vor allem um die Einhaltung von Mindeststandards rund um die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Dienstes. Dies wird im Rahmen eines Qualitätsmanagementprozesses überprüft, der durch eine Reihe von externen Prüfinstanzen vorgenommen wird – danach ist die Organisation grundsätzlich berechtigt, Freiwillige zu entsenden und hat Zugang zu den Fördermitteln, die durch das Programm bereitgestellt werden. Die Anerkennung als Entsendeorganisation hat prinzipiell eine zeitlich unbegrenzte Gültigkeit, sofern der Qualitätsprüfungsprozess in regelmäßigen Abständen wiederholt wird und aktualisierte Nachweise (z. B. über Gemeinnützigkeit) der Programmverwaltung zur Verfügung gestellt werden. Lediglich bei Verstößen gegen die Regularien, zum Beispiel durch schwerwiegende administrative Fehlleistungen, droht die Aberkennung als Entsendeorganisation. Die recht hohe Anzahl von aktiven EO, derzeit etwa 180, zeigt die Offenheit des Programms. Der Komplexitätsgrad und Umfang der Regulierung insgesamt ist durchaus beträchtlich. Neben den Weltwärts-spezifischen Richtlinien (15 Seiten) kommen vor allem die Regelungen der Bundeshaushaltsordnung zum Tragen (der sog. Leitfaden zur Mittelverwendung umfasst 68 Seiten). Die Regelungstiefe und Berichtsintensität ergibt sich aus der Tatsache, dass es sich hier um Zuwendungen aus öffentlichen Kassen handelt, die strikten Anforderungen an Erfolgskontrolle unterliegen. 3.1.2 Beteiligungsmöglichkeiten und Gestaltungsspielraum Die Selbstbezeichnung von Weltwärts als „Gemeinschaftswerk“ deutet bereits auf ein Miteinander von Staat und Zivilgesellschaft hin. Es zielt dabei weniger auf die klassische Rollenverteilung „Förderer“ und „Geförderte“ ab, sondern drückt 170 Internationale Perspektiven vor allem eine gemeinsame Gestaltung des Programms aus. Im sogenannten Programmsteuerungsausschuss ist das BMZ vertreten, er repräsentiert aber vor allem die Vielfalt der EO und auch die (ehemaligen) Freiwilligen haben einen Sitz. Dieses Gremium fungiert als Forum, in dem nicht nur die Entwicklung des Programms diskutiert und vorangetrieben wird, sondern auch konkrete Entscheidungen getroffen werden. Dabei wird Konsensbildung angestrebt, allerdings unter Berücksichtigung der politischen Verantwortung, die das Ministerium für diesen Dienst hat. Für spezifische Themen können Arbeitsgruppen eingesetzt werden. In der (Weiter-)Entwicklung des Programms hat die Zivilgesellschaft über den Programmsteuerungsausschuss deutlich sichtbare Spuren hinterlassen, zum Beispiel bei der Einführung der Süd-Nord-Komponente. Bislang sind jedoch keine Partnerorganisationen aus dem Süden als Mitglieder des Programmsteuerungsausschusses vorgesehen. Sie können sich lediglich über unregelmäßig stattfindende Regionalkonferenzen über die Entwicklungen im Programm informieren und sich nur stellenweise mit eher informellem und beratendem Charakter in die Steuerung des Programms einbringen. In der Umsetzung des Dienstes haben die EO durchaus Gestaltungsspielraum, allerdings nur solange sie sich im Rahmen der Anforderungen eines relativ umfangreichen Katalogs von Qualitätsstandards bewegen. Diese mögen teilweise als einschränkend empfunden werden, zum Beispiel was Umfang und teilweise auch Inhalt der begleitenden Seminare betrifft oder die Anzahl der Freiwilligen, die pro Einsatzstelle erlaubt sind. 3.1.3 Finanzielle Unterstützung Bis zu 75 Prozent der Kosten einer Entsendung im Rahmen von Weltwärts werden vom BMZ getragen, der Rest muss durch die EO aufgebracht werden. Freiwillige dürfen durch die EO ermuntert werden, diesen Eigenbeitrag der EO durch die Akquise von Spenden aus ihrem Umfeld mitzufinanzieren, aber eine Teilnahme an Weltwärts sollte davon nicht abhängig gemacht werden. Dies ist als Restriktion bezüglich der Herkunft des Eigenanteils der EO zu werten. Neben der Entsendung stehen bei Weltwärts umfangreiche Mittel für sogenannte Begleitmaßnahmen zur Verfügung, die Entsendeorganisationen für spezifische Zwecke wie zum Beispiel für die Qualitätsentwicklung oder Vernetzung beantragen können. Viele Jahre gab es eine dezidierte Weltwärts-Förderlinie für sogenannte Rückkehrmaßnahmen, die dazu beitragen soll, dass die Freiwilligen sich nach ihrer Rückkehr dauerhaft und nachhaltig engagieren. Diese wurde jedoch in ein anderes Förderprogramm überführt, was als Schwächung der Rückkehrerarbeit interpretiert wurde. 171 Fischer & Haas, Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im internationalen Vergleich 3.2 Norec – Norwegen Norec blickt bereits auf eine lange Geschichte zurück. Unter dem Titel Fredskorpset (FK) Norway wurde es 1963 nach dem Vorbild des US Peace Corps ins Leben gerufen. Politisch verantwortlich ist das Norwegische Außenministerium. Bereits im Jahr 2000 wurde aus dem vormalig reinen Entsendeprogramm ein Austauschprogramm, das auch Jugendlichen aus dem Globalen Süden einen Freiwilligendienst in Norwegen ermöglichte. Im Jahr 2018 erfolgte eine Umbenennung in Norec. 3.2.1 Zugangshürden Im Zentrum des Norec-Modells steht eine Partnerschaft zwischen einer Organisation aus Norwegen und einer aus dem Süden. Diese beantragen gemeinsam die Durchführung eines Freiwilligendienstes. Eine Registrierung oder gar Anerkennung von EO ist nicht vorgesehen. In der Jugendkomponente des Programms sind zivilgesellschaftliche Organisationen antragsberechtigt, in der Young-Professional-Komponente auch öffentliche Einrichtungen und Unternehmen. Unterm Strich liegt damit für Organisationen die erste Zugangshürde zur Teilnahme am Programm sehr niedrig. Natürlich gibt es fachliche Kriterien zur Durchführung des Dienstes, doch diese werden im Projektantrag überprüft und nicht vorab als Zugangsvoraussetzung formuliert. Vor dem Projektantrag muss noch eine Machbarkeitsstudie durchgeführt werden. Dadurch wird das Planungselement des Projekts gestärkt. Diese Studie wird von Norec finanziert. Norec zeichnet sich in der Förderpraxis durch eine große Flexibilität aus; ein Evaluationsbericht attestiert sogar eine „unbürokratische Organisation” (Norad 2006: 8). Die Formulare sind kurz und verständlich. Im Ergebnis stehen ein geringer Komplexitätsgrad und eine geringe Regelungstiefe und insgesamt niedrige Zugangshürden für EO. Interessanterweise weist die offizielle Statistik von Norec gar nicht die konkrete Anzahl von EO aus – im Fokus steht dort eher das Projekt. Im Jahr 2015 beispielsweise führten 33 NGOS zwölf Austauschprojekte im Jugendprogramm durch. 3.2.2 Beteiligungsmöglichkeiten und Gestaltungsspielraum Aktuell gibt es keine formalisierte Beteiligungsstruktur für EO und (ehemalige) Freiwillige bei Norec, Konsultationen finden eher informell statt. In der Geschichte des Programms hat es jedoch unterschiedliche Möglichkeiten der Partizipation gegeben, sei es über Gremien oder durch Konsultationsprozesse, in die auch die Südpartner und ehemalige Freiwillige eingebunden wurden. 172 Internationale Perspektiven Norwegischen NRO und ihren Partnern wird ein großer Spielraum zur Gestaltung des Freiwilligendienstes bzw. des Austauschs gewährt. Sie werden sogar dazu ermutigt, innovativ zu sein. Dementsprechend sind sie relativ frei, neue Formen reziproker Austauschformate zu entwickeln, solange damit konkret verbundene Ziele formuliert werden und diese mit den Zielen von Norec in Einklang stehen. 3.2.3 Finanzielle Unterstützung Das Budget, das den Organisationen von Norec zur Durchführung des Freiwilligendienstes zur Verfügung gestellt wird, deckt in der Regel alle relevanten Kosten. Für Ausgaben, die im Ausland anfallen (Unterkunft, Sprachkurse etc.) gibt es länderspezifische Pauschalen, abhängig vom Preisniveau vor Ort. Für Begleit- und Follow-Up-Maßnahmen wird eine ergänzende Pauschale gezahlt. In der Summe steht dann pro Freiwilliger eine Zuwendung von 11.000 US Dollar zur Verfügung (Norad 2006). In der Praxis bitten manche Organisationen die Freiwilligen aus Norwegen um einen Teilnahmebeitrag, um damit eine kostenlose Teilnahme der Südteilnehmer*innen zu ermöglichen. Sofern die Förderung von Norec nicht alle Kosten deckt, sind die EO frei in der Gestaltung bzw. der Quelle der Kofinanzierung. Auch die Freiwilligen selbst dürfen um einen Beitrag gebeten werden. 3.3 International Citizenship Service (ICS) – Vereinigtes Königreich Der International Citizen Service wurde 2011 von der Regierung des Vereinigten Königreichs ins Leben gerufen und ist damit das jüngste Programm in diesem Sample. Politisch verantwortlich ist das Department for International Development (DFID), eine Regierungsbehörde mit ministeriumsäquivalentem Status. Durchgeführt wird es von einem Konsortium von EO, angeführt von Voluntary Service Overseas (VSO), eine gemeinnützige Organisation, die bereits 1958 gegründet wurde. 3.3.1 Zugangshürden Das ICS wird von einer kleinen Anzahl NRO im Rahmen eines Konsortiums durchgeführt. Zwischen dem politisch verantwortlichen Ministerium und VSO besteht ein Auftragsverhältnis. Das Ausschreibungsverfahren für diesen Auftrag war theoretisch offen für alle britischen NRO, aber das Konsortium unter Führung von VSO war der natürliche Kandidat um das ICS durchzuführen. Das Konsortium besteht aus zehn Organisationen und könnte prinzipiell erweitert werden, aber nur mit Zustimmung von VSO, die auch die Anforderungen an neue Organisationen definieren. Damit ist die Zugangshürde für NRO, die ebenfalls das ICS durchführen möchten, de facto sehr hoch. 173 Fischer & Haas, Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im internationalen Vergleich 3.3.2 Beteiligungsmöglichkeiten und Gestaltungsspielraum Beteiligungsmöglichkeiten und der Gestaltungsspielraum bei ICS sind geprägt durch die spezifische Konfiguration des Dienstes, der im Auftrag von DFID von VSO durchgeführt wird. Die groben Rahmenbedingungen für den Dienst werden durch DFID als Regierungsbehörde vorgegeben. Auf der Durchführungsebene ist VSO bzw. das Konsortium relativ frei in der Ausgestaltung der Regeln und Prozesse, wobei VSO eine Sonderrolle zukommt. Nur VSO hat ein Vertragsverhältnis mit DFID und ist daher diesem gegenüber rechenschaftspflichtig. Das schwächt das formale Mitspracherecht der anderen Konsortiumsmitglieder etwas. Gleichzeitig genießen sie ein recht großes Maß an Flexibilität in der Umsetzung des Dienstes und werden ermutigt, Entscheidungen zu treffen, die für sie am besten funktionieren (Ecorys 2013: 86). Das gilt auch für die Auswahl der Einsatzstellen im Ausland, die keinen Anerkennungsprozess oder Ähnliches durchlaufen. Formale Partizipationsmechanismen für Freiwillige und Partnerorganisationen sind nicht vorgesehen. Ihre Perspektive wird in Evaluationsbögen erfasst. 3.3.3 Finanzielle Unterstützung 90 Prozent des ICS werden von DFID finanziert, zehn Prozent werden von den Freiwilligen durch Spenden erbracht. Die Freiwilligen sollen mindestens etwa 900 Euro beitragen, während gleichzeitig betont wird, dass niemand aus finanziellen Gründen von dem Dienst ausgeschlossen wird. Die EO erhalten eine Pauschale pro entsandtem Freiwilligen. Die Finanzierung beinhaltet auch capacity building im Ausland. Für weitere begleitende Maßnahmen ist kein Budget vorgesehen. 3.4 Peace Corps – USA Das US Peace Corps ist das größte der Programme im Sample. Es wurde 1961 begründet. Bis zum Zeitpunkt der Erhebung hatten mehr als 220.000 US- Amerikaner*innen den Dienst geleistet. Peace Corps ist eine unabhängige Regierungsbehörde, die für die Auswahl, Vorbereitung, Entsendung und Nachbereitung der Freiwilligen zuständig ist. Einsatzstellen in den Aufnahmeländern finden sich in Regierungsinstitutionen, Schulen, NGOs und auch Unternehmen. 3.4.1 Zugangshürden Die Zugangshürden für NRO, um am Peace Corps als EO teilzunehmen, sind unüberwindbar. Als einziger Durchführer fungiert Peace Corps selbst, die das Programm organisiert, implementiert, überwacht und evaluiert. Die Teilnahme von zivilgesellschaftlichen EO ist nicht vorgesehen. 174 Internationale Perspektiven 3.4.2 Beteiligungsmöglichkeiten und Gestaltungsspielraum Es liegt in der Natur von Peace Corps als alleinigem staatlichen Implementierer, dass eine Beteiligung von NRO an der Formulierung von Programmpolitiken nicht vorgesehen ist. Das gilt auch für Aufnahmeorganisationen in den Partnerländern. Diese werden durch Partnerschaftsvereinbarungen Teil des Programms, aber ein formaler Repräsentations- oder Konsultationsprozess existiert nicht. Für ehemalige Peace Corps Freiwillige gibt es eine Reihe von Angeboten unter dem Motto stay connected. Die National Peace Corps Association ist ein Netzwerk vor allem ehemaliger und aktiver Freiwilliger und verfügt über eine Vielfalt von Angeboten und Regionalgruppen. Bis zu einem gewissen Grad ist sie auch involviert in Fragen der Weiterentwicklung des Programms, allerdings nicht durch formalisierte Repräsentation. 3.4.3 Finanzielle Unterstützung Die Freiwilligeneinsätze über Peace Corps werden zu 100 Prozent staatlich finanziert. Eine Eigenbeteiligung der Freiwilligen ist nicht nötig. Diese erhalten teilweise nach der Rückkehr sogar mehrere Tausend US-Dollar Wiedereingliederungshilfe, um die Zeit bis zur Aufnahme einer Lohnarbeit etc. zu überbrücken. 4. Vergleichende Betrachtung und Fazit Im Zentrum dieses Artikels stand die Frage, welche Opportunitätsstrukturen Freiwilligendienstprogramme aus vier OECD-Ländern für NRO aufweisen, die einen Dienst in einem dieser Programme anbieten möchten. Ausgehend vom empirischen Befund, dass die die Institutionen politischer Repräsentation einen Einfluss auf die Regulierung zivilgesellschaftlicher Organisationen hat, vertraten wir die These, dass die korporatistische bzw. pluralistische Verfasstheit eines Landes einen Einfluss auf die Konfiguration entwicklungspolitischer Freiwilligendienstprogramme hat. Unser Sample bestand aus zwei Programmen aus eher korporatistischen Ländern (Weltwärts aus Deutschland und Norec aus Norwegen) und zwei Programmen aus eher pluralistischen Ländern (ICS im Vereinigten Königreich und Peace Corps aus USA). Unsere Ergebnisse zeigen, dass unsere theoretischen Schlussfolgerungen, die wir aus dem korporatistischen bzw. pluralistischen Rahmen eines Landes abgeleitet haben, nur für einen Teil der untersuchten Aspekte und auch nur in manchen Programmen korrekt waren. Hinsichtlich der Zugangshürden fanden wir das genaue Gegenteil vor. Die Programme aus korporatistischen Ländern, Weltwärts und Norec, sind am offensten für EO, während Programme aus pluralistischen Ländern (ICS und Peace 175 Fischer & Haas, Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im internationalen Vergleich Corps) die höchsten Zugangshürden errichten. Was die Beteiligungsmöglichkeiten angeht, hat sich unsere theoretische Erwartung voll erfüllt: Die beiden Programme aus korporatistischen Ländern ermöglichen auch die größte Partizipation, allen voran Weltwärts aus Deutschland. Hinsichtlich des Gestaltungsspielraums wiederum sind die Ergebnisse nicht so eindeutig. Norec ist diesbezüglich das flexibelste Programm, was nicht zu unseren theoretischen Überlegungen passt: Offenheit in der Gestaltung des Dienstes hätten wir vor allem in pluralistischen Ländern erwartet. Der Ansatz, entwicklungspolitische Freiwilligendienste durch die korporatismustheoretische Brille zu betrachten, hat zwar nicht in jedem Fall die erwarteten Ergebnisse gebracht – er hat aber neue Perspektiven auf die Governance von Freiwilligendiensten eröffnet und damit ganz neue Analysemöglichkeiten geschaffen. Nicht zuletzt für die zukünftige Forschung. Literaturverzeichnis Bloodgood, Eilzabeth A, Joannie Tremblay-Boire and Aseem Prakash (2013): National Styles of NGO Regulation, in: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly, vol. 43, no. 4, p. 716–736. Ecorys (2013): Evaluation of the International Citizen Service Phase 1 Report, UK Department for International Development. Fischer, Jörn and Benjamin Haas (2014): Overbearing State and Stubborn Civil Society? German International Volunteer Service Programmes between Subsidiarity and Accountability, ISTR Working Papers Series, vol. 9. Haas, Benjamin und Sonja Richter (2019): Weltwärts im Kontext I: Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst im nationalen und internationalen Vergleich, Opusculum Nr.123, hrsg. von Maecenata Institut, Berlin. Lijphart, Arend and Crepaz, Markus (1991): Corporatism and consensus democracy in eighteen countries: Conceptual and empirical linkages, in: British Journal of Political Science, vol. 21, no. 2, p. 235–256. Norad – Norwegian Agency for Development Cooperation (2006): Evaluation of Fredskorpset, Evaluation Report 2/2016. Powell, Steve and Esad Bratovic ´ (2007): The impact of long-term youth voluntary service in Europe: A review of published and unpublished research studies, Brüssel. Siaroff, Alan (1999): Corporatism in 24 industrial democracies: Meaning and measurement, in: European Journal of Political Research, vol. 36, p. 175–205. 176 Ein „Premium“-Dienst? Vergleichende Perspektiven von Aufnahmeorganisationen in Nicaragua auf Weltwärts und Voluntourismus Natascha Geis Masterstudentin, Transkulturelle Studien/Kulturanthropologie an der Universität Bonn nataschageis@hotmail.de Lara Lipsch Masterstudentin, Transkulturelle Studien/Kulturanthropologie an der Universität Bonn lara.lipsch@hotmail.de Zusammenfassung Voluntourismus wird als wachsender Trend zunehmend kritisch betrachtet und das Weltwärts- Programm oftmals als bessere Alternative verhandelt. Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwiefern Aufnahmeorganisationen in Nicaragua Unterschiede zwischen den beiden Freiwilligenformaten sehen und bewerten. Vor dem Hintergrund postkolonialer, reziprozitätstheoretischer sowie agency-orientierter Theorieansätze zeigt unsere Analyse, dass sich im lokalen Kontext voluntouristische und Weltwärts-Freiwillige stark vermischen und Aufnahmeorganisationen dem Format der Entsendeorganisation keine besondere Relevanz zuschreiben. Dennoch werden durch den Vergleich deutliche Unterschiede zwischen den Freiwilligendienstformaten erkennbar, die sich beispielsweise in den gelebten und formulierten Rollen der Organisationen zeigen. Es wird deutlich, dass sich die durch die Akteur*innen im Globalen Norden proklamierte Partnerschaftlichkeit in der Praxis nicht widerspiegelt. Der vermeintliche „Premium“-Status gegenüber anderen Freiwilligendienstformaten ist in dieser Hinsicht fragwürdig. Schlagwörter: Freiwilligendienst; Freiwilligenarbeit; Voluntourismus; Weltwärts; postkoloniale Theorie; Reziprozitätstheorie; agency-Theorie; Partnerschaftlichkeit Abstract Voluntourism is increasingly viewed critically as a growing trend and in comparison the Weltwärts programme is often negotiated as a better alternative. This article examines the extent to which host organisations in Nicaragua see and evaluate differences between these two volunteer service formats. Amid postcolonial-, reciprocity- and agency-oriented theoretical approaches, our analysis shows that, in the local context, voluntourists and Weltwärts-volunteers from around the world mix strongly and that host organisations do not attribute any particular relevance to the format of the sending organisation. Nevertheless, the comparison reveals clear differences between the voluntary service formats, which can be seen, for example, in the lived and formulated roles of the organisations. It becomes clear that the partnership proclaimed by the actors in the Global North is not reflected in practice. The supposed “premium” status compared to other volunteer service formats is questionable in this respect. Keywords: volunteer service; international volunteering; voluntourism; Weltwärts; postcolonial theory; reciprocity theory; agency theory; partnership 177 Geis & Lipsch, Ein „Premium“-Dienst? 1. Einleitung Das staatlich geförderte und zivilgesellschaftlich gestaltete und umgesetzte Weltwärts-Programm versucht sich im Kontext der stetig wachsenden Freiwilligendienstlandschaft als besonderes Format hervorzuheben (Haas 2014). Konträr dazu erscheint der wachsende Trend des Voluntourismus, der konzeptionell durch privatwirtschaftlich organisierte, flexible Kurzzeiteinsätze ohne pädagogische Begleitung gekennzeichnet ist (Brot für die Welt u. a. 2018). Der vermeintliche „Premium“-Status, der Weltwärts im Vergleich zu anderen ungeregelten Kurzzeit-Freiwilligendienstformaten zugeschrieben wird, scheint sich insbesondere durch eine Fokussierung auf die Partnerschaftlichkeit mit den Aufnahmeorganisationen auszuzeichnen (BMZ 2016: 6). Weiterhin wird ein entwicklungspolitischer Ansatz verfolgt und die Freiwilligen werden vor, während und nach ihrem Dienst pädagogisch begleitet (BMZ 2016: 8 f.). Die Perspektive der Aufnahmeorganisationen im Globalen Süden, insbesondere die Frage, wie sie die potentiellen Unterschiede zwischen den beiden Freiwilligenformaten sehen und bewerten, ist bisher nicht untersucht worden. Die bisherige Forschung zu internationalen Freiwilligendiensten konzentriert sich überwiegend auf die Perspektive der Entsendeorganisationen und der Freiwilligen. Die Stimmen der Aufnahmeorganisationen sind im Vergleich dazu deutlich unterrepräsentiert (Ausnahmen sind bspw. Tiessen u. a. 2018; Repenning 2016). Dieser Aufsatz soll dazu beitragen, diese Lücke am Beispiel Nicaraguas zu schließen und die Perspektiven und Realitäten der Aufnahmeorganisationen in den Forschungsdiskurs zu tragen. Bewerten auch die Aufnahmeorganisationen das Weltwärts-Programm als bessere Alternative zu voluntouristischen Freiwilligendienstformaten, wie es im deutschen Kontext verhandelt wird? Dieser Fragestellung geht der vorliegende Beitrag nach. 2. Methodik Nicaragua wurde als Fallstudienland gewählt, da es im Laufe der letzten Jahre als Zielland für Freiwillige immer mehr an Popularität gewann und somit vielfältige Möglichkeiten zur Durchführung unseres Forschungsinteresses versprach.1 Von der OECD als „Entwicklungsland“ gelistet, ist es sowohl als Voluntourismus- Destination von einer Vielzahl kommerzieller Anbieter in Freiwilligenprogramme miteinbezogen worden (Freiwillligenarbeit o. J., World Unite! o. J.) als auch das Aufnahmeland vieler Freiwilliger des Weltwärts-Programmes. Allein in der Weltwärts-Datenbank lassen sich für das Jahr 2017, in dem die Forschung stattfand, über 100 Projekte finden, die in Nicaragua angesiedelt waren (Weltwärts o. J.). 1 Aufgrund der politischen Unruhen und Proteste gegen den autokratischen Präsidenten Ortega, die im April 2018 in Nicaragua ausbrachen, wurde das Land für das Weltwärts-Programm gesperrt. Auch der Voluntourismus ist seither stark zurückgegangen. Die Interviews, auf denen dieser Artikel basiert, haben wir nur wenige Monate vorher geführt. 178 Internationale Perspektiven Während eines sechswöchigen Aufenthaltes führten wir zwei empirische Fallstudien durch, wobei sich die erste mit den Partnerorganisationen des staatlich geförderten Weltwärts-Programms beschäftigte und die zweite Aufnahmeorganisationen voluntouristischer Freiwilligenformate zum Gegenstand hatte.2 Beide Studien fokussieren die Perspektiven der Empfängerorganisationen auf Freiwilligendienste. Insbesondere Aspekte der Partnerschaftlichkeit auf struktureller und persönlicher Ebene, Gegenseitigkeitsbeziehungen und die Rolle der Freiwilligen innerhalb der Einsatzstellen wurden dabei betrachtet. Das abgestimmte Vorgehen erlaubt den nun in diesem Beitrag vorgenommenen Vergleich der Perspektiven. Strukturiert wurde die Forschung mithilfe der Grounded Theory Methodologie entlang des ethnographischen Ansatzes (Glaser/Strauss 1967; Strauss/Corbin 1994; Strübing 2014; Lamnek/Krell 2016). Der qualitative Forschungsansatz beinhaltete leitfadengestützte Interviews, teilnehmende Beobachtungen und informelle Gespräche. Ein theoretisches Sampling ermöglichte es uns, eine möglichst große Variation in den Ergebnissen zu erreichen: Insgesamt wurden in drei verschiedenen Städten Nicaraguas 24 Interviews mit 15 Aufnahmeorganisationen geführt. Längere Aufenthalte in einigen Organisationen ermöglichten es uns, die bis dato gewonnenen Eindrücke durch vertiefende Beobachtungen zu erweitern. Im Rahmen der Auswertung erfolgte, auf der Grundlage der Grounded Theory, zunächst ein Ordnungs- und Auswahlverfahren, in dem aus den gewonnenen Daten neue Hypothesenansätze formuliert wurden. Die neuen Ideenansätze und Beobachtungen wurden kodiert und thematisch Kategorien und Begriffen zugeordnet. Anschließend folgte eine Zusammenführung der neu gewonnenen Ansätze und bereits bestehenden theoretischen Perspektiven, die Reziprozitätsformen, die postkoloniale Theorie und den agency-Ansatz einschließen. 3. Theoretischer Referenzrahmen Davon ausgehend, dass Hilfshandlungen und damit auch Engagement nicht rein altruistischer Natur sind, sondern eine Form der Gegenleistung der Empfänger*innen einfordern, analysierten wir die Ergebnisse im Blick auf unterschiedliche Reziprozitätsformen, also verschiedenen Arten von Gegenseitigkeitsbeziehungen zwischen den Aufnahmeorganisationen und den Freiwilligen sowie den Entsendeorganisationen (Mauss 1968; Albert 2010; Stegbauer 2011). Neben der Frage, wer aus der Perspektive der Aufnahmeorganisationen im Rahmen des Freiwilligendienstes als Hilfeempfänger*in und wer als Hilfeleister*in fungierte, interessierte uns insbesondere die Rollenreziprozität, bei der die jeweiligen Rollenzuschreibungen und die mit diesen verbundenen gegenseitigen Erwartungen der Akteur*innen im Vordergrund 2 Es handelt sich um unsere Bachelor-Abschlussarbeiten, die wir im Jahr 2018 an der Universität zu Köln eingereicht haben. Titel: „Entwicklungsbezogene Freiwilligeneinsätze in Nicaragua – Perspektiven der Empfängerorganisationen von Voluntouristen“ (Natascha Geis), „Entwicklungsbezogene Freiwilligeneinsätze: Perspektiven von Partnerorganisationen im staatlich geförderten Weltwärts-Programm“ (Lara Lipsch) 179 Geis & Lipsch, Ein „Premium“-Dienst? stehen (Stegbauer 2011: 93). Durch die Betrachtung der Reziprozitätsverhältnisse wollten wir mögliche Asymmetrien innerhalb der Beziehungen aufdecken und analysieren, wie diese mit selbst- und fremdzugeschriebenen Rollen zusammenhängen. In diesem Zusammenhang widmeten wir uns auch den Annahmen postkolonialer Theorien, um mögliche neokoloniale Machverhältnisse zwischen den Akteur*innen analysieren zu können (Said 1981; Bhaba 1994; Spivak 2008). Im Zentrum der Theorien steht die Annahme, dass der Kolonialismus lediglich formal beendet, in heutigen Nord-Süd-Beziehungen allerdings in veränderter Form noch immer wahrnehmbar ist (Danielzik 2013: 27). Freiwilligendienste, die meist ein entwicklungspolitisches Ziel verfolgen, laufen Gefahr, die europäische Norm als Idealvorstellung des Fortschritts zu charakterisieren und hierdurch andere Gesellschaften als „defizitär“ zu kategorisieren (Ziai 2016: 400). Einen zentralen Aspekt, den wir in unsere Analyse einflie- ßen ließen, ist der Inferioritätskomplex (Fanon 1952). Dieser beschreibt, wie es durch die Erfahrungen der Menschen des Globalen Südens mit in erster Linie vom Globalen Norden verbreiteten Einstellungen und Sichtweisen zu einer Verinnerlichung der ihnen gesellschaftlich zugeschriebenen Eigenschaften, wie beispielsweise einer gewissen „Rückständigkeit“ und „Unterdrückung“, kommen kann (Kontzi 2015: 80). Dieser Denkschule stellten wir den agency-Ansatz gegenüber, der der postkolonialen Theorie vorwirft, Menschen und Organisationen im Globalen Süden die Hilflosigkeit und Unterdrückung zuzuschreiben und damit ihre tatsächliche Handlungsfähigkeit und -macht zu übergehen (Tiessen u. a. 2018). Hierbei wird kritisiert, dass der Einbezug der Sichtweisen von Vertreter*innen des Globalen Südens in bisherigen theoretischen Forschungen zu diesen Themen insuffizient sei. Damit würde die agency – die Handlungsfähigkeit der Akteur*innen – übergangen. Durch den Einbezug der Stimmen von Partner*innen des Südens, so Tiessen u. a., können Prozesse des Othering reduziert werden, die dann entstehen, wenn die Aufnahmeorganisationen als kohärente Gruppe mit identischen Interessen und Zielen angesehen werden. Sie vermuten, dass sich die Organisationen nicht ausschließlich in Prozessen gefangen fühlen, die Ungleichheiten aufrechterhalten, wie es die postkoloniale Theorie vorhersagt, sondern, dass sie sehr wohl dazu in der Lage seien, ihre Position im globalen System zu interpretieren und die Teilnahme an den internationalen Freiwilligenprogrammen aktiv und für ihre Organisation vorteilhaft zu nutzen. 4. Ergebnisse: lokale Perspektiven auf Weltwärts und Voluntourismus 4.1 Freiwilligenlandschaft: die Vermischung vor Ort Ausgehend vom jeweiligen Forschungsstand zu Weltwärts und Voluntourismus gingen wir davon aus, dass sich die beiden Formate klar voneinander unterscheiden und damit auch in der Praxis gut voneinander abgrenzen lassen würden. In 180 Internationale Perspektiven Nicaragua angekommen stellten wir allerdings schnell fest, dass sich die dortige Freiwilligenlandschaft deutlich komplexer und diffuser gestaltete. Im lokalen Kontext vermischen sich die Freiwilligen stark und teilen sich in vielen Fällen dieselben Aufnahmeorganisationen. Auch wenn die individuelle Konstellation innerhalb einer Organisation eine Tendenz als eher voluntouristische Aufnahmeorganisation beziehungsweise eher Weltwärts-Partnerorganisation hervorrief und wir auch auf Organisationen trafen, die ausschließlich mit einem der beiden Freiwilligentypen kooperierten, waren mehrheitlich Voluntourist*innen und Weltwärts-Freiwillige gemeinsam in den Aufnahmeorganisationen vertreten. Unsere Interviews und informellen Gespräche haben gezeigt, dass die Aufnahmeorganisationen zwischen den Freiwilligen im Blick auf ihre Entsendeorganisation nicht unterschieden. Solange die Arbeit der Freiwilligen den Erwartungen und Anforderungen der Einsatzstellen entsprach, schrieben sie der Art und dem Format der Entsendeorganisation keine Relevanz zu. Hier zeigt sich, dass die Trennung zwischen Weltwärts und Voluntourismus, die im deutschen Kontext gezogen wird, in der Realität letztendlich nicht in der Form vorzufinden ist. Der vermeintliche Premium-Status des Weltwärts-Programmes legt die Frage nahe, ob auch im Blick auf die jungen Menschen, die den Freiwilligendienst antreten, von „Premium-Freiwilligen“, im Sinne von aktiveren, nachhaltiger agierenden und längerfristig engagierten Freiwilligen, gesprochen werden kann. Auch wenn seitens der Aufnahmeorganisationen selten konkrete Unterscheidungen zwischen den Freiwilligen getroffen wurden, fanden sich einige Äußerungen, in denen speziell den Weltwärts-Freiwilligen bestimmte Aspekte zugeordnet wurden. In vielen Fällen wurde die lange Aufenthaltsdauer der Freiwilligen als besonders positiv gewertet. Diesbezüglich ist allerdings anzumerken, dass den Kurzzeitfreiwilligen dennoch zugutegehalten wurde, dass sie vergleichsweise häufiger in bestimmten Bereichen ausgebildet waren und somit beispielsweise gezielt einen Kurs durchführen konnten, nach dessen Abschluss sie wieder abreisten. Während sich die Weltwärts-Freiwilligen in unseren Gesprächen selbst häufig, und vielfach vermittelt durch ihre Entsendeorganisationen, als Expert*innen wahrnahmen, betonten die Aufnahmeorganisationen insbesondere ihre Unerfahrenheit, was sich auch im Gebrauch des Spitznamen „los bébés“ – „die Babys“ – für die Freiwilligen wiederspiegelte.3 Gerade das wurde allerdings in vielen Fällen positiv bewertet, in denen sich Mitarbeiter*innen der Aufnahmeprojekte aufgrund der daraus resultierenden Offenheit und Lernbereitschaft der Freiwilligen in ihrer übergeordneten Position ernstgenommen fühlten. 3 Zur Konzeptionalisierung der Freiwilligen als „Kinder“ und die daraus resultierende elterliche Fürsorge siehe auch den Beitrag von Lucia Fuchs in diesem Heft. 181 Geis & Lipsch, Ein „Premium“-Dienst? 4.2 Die Motive der Aufnahmeorganisationen und die Rolle der Freiwilligen In diesem Abschnitt gehen wir der Frage nach den Gründen und Motiven der Einsatzstellen für die Aufnahme der Freiwilligen nach. Außerdem erörtern wir welche Rollen die Freiwilligen im Beziehungsgefüge der Organisationen einnahmen. Hierbei zeigt sich, dass in beiden Formaten oftmals ähnliche Aufnahmemotive artikuliert, diese jedoch in unterschiedlicher Deutlichkeit und Relevanz kommuniziert wurden. Eher voluntouristisch geprägte Organisationen betonten vor allem die Unterstützung, die sie durch die Mitarbeit der Freiwilligen erfahren. In einer den Freiwilligen gegenüber auffallend dankbaren Haltung verwiesen sie auf die essentielle Rolle, die die Freiwilligen für das Gelingen der Projekte einnehmen. Hierbei fiel auf, dass es in vielen Fällen nicht mehr um eine unterstützende Funktion der Freiwilligen ging, vielmehr fungierten sie aufgrund der Finanzierungsproblematik der Einsatzstellen offenbar als Ersatz für bezahlte Arbeitskräfte. Seitens der Weltwärts-Partnerorganisationen wurde der Aspekt der Unterstützung zwar ebenfalls thematisiert, vor allem aber wurde der interkulturelle Austausch betont, der durch den Dialog mit den Freiwilligen entstünde. In den meisten Fällen ging es den Partnerorganisationen allerdings darum, die Freiwilligen und über diese auch ihre Herkunftsländer für ihre eigene Kultur und Arbeitsweisen zu sensibilisieren. In einem Interview erklärte uns die Mitarbeiterin eines Umweltprojektes: [...] sie [die Freiwilligen] eignen sich viele der Informationen an, die sie hier erfahren und das ist sehr gut, um professionell zu wachsen. Um andere Menschen auf positive Art und Weise zu beeinflussen. Also stell dir mal vor, welch‘ gute Maßnahmen du ergreifen kannst, um dein Land und dein Leben zu verändern. In unseren Interviews wurde deutlich, dass viele Organisationen die Freiwilligen als Vermittler*innen charakterisierten, durch die sie positive Konnotationen mit ihrem Herkunftsland verbreiten konnten. Hier wird eine Handlungsfähigkeit deutlich, wie sie im agency-Ansatz beschrieben wird: Die Partnerorganisationen nutzen den Kontakt zu den Freiwilligen zu ihrem Vorteil und nehmen dadurch eine aktive Rolle ein. Gleichzeitig muss aber kritisch festgehalten werden, dass über diese Vermittlung durch die Freiwilligen hinaus die Partnerorganisationen selbst mit ihren eigenen Kompetenzen und ihrer eigenen Sprache letztlich noch keine einflussreiche Rolle haben. Das zeigt, dass ihre Handlungsmacht im Sinne des agency-Ansatzes immer noch deutlichen Einschränkungen unterliegt. In den meisten voluntouristischen Organisationen wurde konträr dazu ein einseitiger Austausch beschrieben, bei welchem die Einsatzstellen hervorhoben, inwiefern sie Nützliches von den Freiwilligen lernen konnten. Dies offenbarte eine Selbstwahrnehmung der Organisationen, die eher untergeordnet wirkte, was die Annahme des Inferioritätskomplexes der postkolonialen Theorie stützt (Fanon 1952). 182 Internationale Perspektiven Für beide Freiwilligenformate spielte die finanzielle Komponente, die mit der Aufnahme ausländischer Freiwilliger verbunden ist, eine bedeutende Rolle. In der Regel wurde dieser Faktor von den Weltwärts-Organisationen eher subtil und unterschwellig angesprochen, konnte aber vielfach als Motiv identifiziert werden. Dies fiel zunächst während unserer teilnehmenden Beobachtungen auf, die zeigten, dass die Freiwilligen in der alltäglichen Arbeit einiger Aufnahmeorganisationen augenscheinlich nicht von besonderem Nutzen waren. In den Interviews wurden dann, häufig bei der Nachfrage nach den Finanzierungsquellen der Organisationen, meist auch die Spendengelder genannt, die die Freiwilligen im Anschluss an ihren Freiwilligendienst mobilisierten. In den voluntouristischen Aufnahmeorganisationen hingegen wurde wesentlich offener auf die Finanzierung durch Spendengelder hingewiesen. Die Aufnahme von Freiwilligen wurde vielfach in eine direkte Verbindung zu dem Ausbau des eigenen Spender*innenkreises gebracht. Durch den Zugang, den die Freiwilligen zu finanziellen Mitteln haben, entstehen, aufgrund der Tatsache, dass die Aufnahmeorganisationen diese Mittel benötigen, Abhängigkeitsbeziehungen zwischen den Akteur*innen. Weitere partnerschaftliche Beziehungen könnten als Folge einer zu präsenten donor-Rolle von den entstandenen Machtasymmetrien untergraben werden (Haas 2012: 49). Andererseits verdeutlicht sich an dieser Stelle auch die Handlungsfähigkeit der Aufnahmeorganisationen. Sie lassen sich durch ihre unterlegene Position nicht entmächtigen, sondern nutzen die asymmetrische Beziehung zu ihrem eigenen Vorteil, was die Annahmen des agency-Ansatzes in diesem Kontext bestätigt. 4.3 Die Außenwirkung – eine bewusste Strategie? Die beschriebenen Motive spiegeln sich auch in der Art und Weise wider, wie die jeweiligen Organisationen sich nach außen darstellen und agieren. In verschiedenen teilnehmenden Beobachtungen und informellen Gesprächen stellten wir fest, dass voluntouristische Organisationen nicht nur den Freiwilligen oder Tourist*innen, sondern auch uns als Forscherinnen gegenüber immer wieder auf soziale Missstände und den Mangel an finanziellen Ressourcen aufmerksam machten. Auf diese Weise wurde ein sehr hilfsbedürftiges Bild der Organisationen generiert, mit dem eine subtile Handlungserwartung an die Freiwilligen, aber auch an uns als Forscherinnen einherging. Damit stellte sich die Frage, inwiefern dieses Bild der Bedürftigkeit und Unterlegenheit tatsächlich eine verinnerlichte Ansicht widerspiegelt oder in Teilen auch als aktive handlungsmächtige Strategie zu bewerten ist, um durch die Darstellung der eigenen Prekarität mehr Spendengelder zu akquirieren. Im Gegensatz dazu präsentierten sich die Weltwärts-Organisationen nach außen als selbstbestimmte Akteure, indem sie ihre eigene Handlungsfähigkeit in den 183 Geis & Lipsch, Ein „Premium“-Dienst? Vordergrund stellten. Deutlich wurde dies auch durch ihr selbstbewusstes Auftreten uns gegenüber und der häufigen Betonung ihrer eigenen Kompetenz. 4.4 Gegenseitigkeitsbeziehungen und die Rolle der Aufnahmeorganisationen im voluntouristischen Freiwilligendienst Ein besonderes Augenmerk lag bei unserer Forschung auf den gelebten und formulierten Rollen, in denen sich die Aufnahmeorganisationen wahrnahmen. Im Voluntourismus begegnete uns vor allem ein gewisser Dienstleistungscharakter der Aufnahmeorganisationen. Wenn diese Rolle im Zusammenhang mit der kommerziellen Komponente des Voluntourismus betrachtet wird, zeigt sich, dass dem eigentlichen Freiwilligendienst in diesem Programm ein ganz neuer Charakter zukommt. Er erscheint letztlich als eine Art touristisches Produkt, das nach der Logik der Ökonomie von potentiellen Kund*innen eingekauft werden kann. Viele voluntouristische Organisationen nahmen die Rolle der Dienstleistenden an, indem sie sich in der Zusammenarbeit deutlich an den Wünschen der Freiwilligen bezüglich des Einsatzes orientierten und ihnen zahlreiche Freiheiten einräumten, wie beispielsweise die Bestimmung der Dauer des Einsatzes. Bedingt durch die angesprochene starke Angewiesenheit vieler voluntouristischer Aufnahmeorganisationen auf die Unterstützung durch die Freiwilligen ging aus zahlreichen Gesprächen mit den Einsatzstellen hervor, dass sie den Wunsch haben, den Freiwilligendienst möglichst im Sinne der Freiwilligen zu gestalten, um so eine Gegenleistung erbringen zu können, die den Einsatz der Freiwilligen kompensieren soll. Das dies offensichtlich nicht erreicht wird, zeigt sich in der dankbaren Haltung der Aufnahmeorganisationen den Freiwilligen gegenüber, die jedenfalls nicht als eine Begegnung auf Augenhöhe erscheint. Inwiefern die Freiwilligen auch von dem Einsatz profitieren, wird nicht thematisiert. Es werden grundlegende Abhängigkeitsverhältnisse deutlich, die gerade erst die Dienstleisterposition vieler Einsatzstellen provozieren. 4.5 Gegenseitigkeitsprozesse im Weltwärts-Programm – Wer entwickelt wen? Den Perspektiven der Weltwärts-Partnerorganisationen nach zu urteilen stehen die persönliche Entwicklung und Kompetenzbildung der Freiwilligen und der interkulturelle Austausch mit ihnen als zentrale Elemente im Fokus des Freiwilligendienstes, der selbst als Teil eines Bildungsprozesses erscheint. Die Beobachtungen und informellen Gespräche mit den Freiwilligen legen nahe, dass sich alle beteiligten Akteur*innen darüber bewusst sind, dass überwiegend die Freiwilligen von dem Dienst profitieren. Infolge dieser Feststellung sind wir der Frage 184 Internationale Perspektiven nachgegangen, wer innerhalb dieses Freiwilligendienstformats schlussendlich wen „entwickelt“. Ihrer eigenen Perspektive nach zu urteilen, fungieren die Partnerorganisationen des Weltwärts-Programmes als Ausbilder*innen der Freiwilligen in unterschiedlichsten Bereichen, die nicht nur auf einer emotionalen und persönlichen Ebene stattfinden, sondern ebenso kulturelle, sprachliche und berufsorientierende Kompetenzbildung einbeziehen. Ein Mitarbeiter einer Aufnahmeorganisation verdeutlicht dies in seiner Antwort auf die Frage, weshalb die jungen Menschen sich für den Freiwilligendienst entscheiden: […] Aber ja, vielleicht wäre es wichtig, dass wir etwas mehr über das Programm wüssten, in dem sich die Freiwilligen befinden. Bei manchen wissen wir, dass sie sich dazu entscheiden, in ein Land der dritten Welt zu kommen, bevor sie zum Beispiel andere Aktivitäten in ihrem Land verfolgen. Manche haben keine Qualifikationen, um später in einer Universität angenommen zu werden. Also kommen sie für ein Jahr, um andere Sachen kennenzulernen, um herauszufinden, welche Profession sie anschließend verfolgen möchten. Die meisten Aussagen unserer Interviewpartner*innen zeigen, dass sich die Mitarbeiter*innen der Partnerorganisationen, entgegen der Annahmen postkolonialer Theorien, nicht als handlungsunfähige Rezipient*innen von Hilfsleistungen wahrnehmen, sondern, zumindest in ihrer Beziehung zu den Freiwilligen, eine übergeordnete Position und eine aktive Rolle einnehmen, wie es auch im agency- Ansatz angenommen wird (Tiessen u. a. 2018). Bei der Betrachtung der Ergebnisse fällt schließlich auf, dass das Weltwärts-Programm zwar als Lerndienst betitelt, die Rolle, die die Partnerorganisationen in dieser Beziehung als Helfende und Ausbildende haben, nach außen allerdings kaum kommuniziert wird. Diese unzureichende Wertschätzung der Leistung der Partnerorganisationen verdeutlicht sich unter anderem darin, dass ihre Tätigkeiten – im Unterschied zu Mitarbeiter*innen der Entsendeorganisationen – nicht entlohnt, sondern schlicht vorausgesetzt werden (Kontzi 2011: 42). Hier werden koloniale Dichotomien deutlich: Die Kompetenzen und die Professionalität der Partnerorganisationen werden im Unterschied zu den Vertreter*innen des Globalen Nordens nicht anerkannt. 4.6 Partnerschaftliche Beziehungen und Abhängigkeiten im Weltwärts-Gefüge Angesichts dieser Ergebnisse stellen sich weitere Fragen: Inwiefern ist die Rolle der Aufnahmeorganisationen als kompetente Projektpartner*innen, als die sie ihren eigenen und den Aussagen der Freiwilligen zufolge erscheinen, auch auf der strukturellen Ebene des Weltwärts-Programmes verankert? Wie zeigt sich dies in 185 Geis & Lipsch, Ein „Premium“-Dienst? den Partnerschaftlichkeitsverhältnissen zu den Entsendeorganisationen und den Partizipationsmöglichkeiten in Entscheidungs- und Strukturierungsprozessen? Unsere Analyse der Partnerschaftsverhältnisse zwischen voluntouristischen Organisationen und deren Vermittlerorganisationen macht deutlich, dass diese durch die kommerzielle Komponente im Voluntourismus überwiegend geschäftlicher Natur sind und nur wenig Raum für eine Beziehung lassen, die darüber hinaus geht. Im Weltwärts-Programm soll der Aspekt der Partnerschaftlichkeit im Vordergrund stehen. Vonseiten des BMZ wird vermehrt die Relevanz angesprochen, die ein intensiver und partnerschaftlicher Austausch zwischen den Entsende- und den Partnerorganisationen für das Gelingen des Freiwilligendienstes hat (BMZ 2016: 6). In den von uns erhobenen Perspektiven der Partnerorganisationen werden allerdings Unterschiede erkennbar. Diese lassen sich unter anderem im jeweiligen Einbezug der Partnerorganisationen in Fragen der Gestaltung und Durchführung des Freiwilligendienstes erkennen. Die Reaktionen der Organisationen auf die Frage nach ihren Mitgestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Programmes variierten stark voneinander. Diejenigen Organisationen, die in engerem Kontakt zu den Entsendeorganisationen standen, nahmen weniger Notwendigkeit an einer Veränderung der bisherigen Strukturen wahr. Im Gegensatz dazu stießen wir unter anderem auch auf folgende Aussage: […] in the past week they wanted us to go to the meetings and it’s a week long course and things like that or a few days and we have done it in the past and it was completely useless and a real waste of time for us to go.4 Im weiteren Verlauf dieses Interviews wurde deutlich, dass eine engere Zusammenarbeit im Weltwärts-Programm als Einmischung in die Arbeit der Organisation gewertet wurde, die den Mitarbeiter*innen das Gefühl suggerierte, als Repräsentant*innen nicht ernstgenommen zu werden. Auf die direkte Frage danach, wie sie ihre eigenen Interventionsmöglichkeiten einschätzen, äußerten weitere Partnerorganisationen den Wunsch, mehr Möglichkeiten zu bekommen, ihre eigene Perspektive auf den Freiwilligendienst kundzutun und dementsprechend als Expert*innen ernstgenommen zu werden. In den meisten Fällen nahmen sich die Organisationen in Fragen der Gestaltungsmöglichkeiten selbst offenbar dennoch nicht als unterdrückt wahr. Die Debatte im Kontext von postkolonialen Fragen der Repräsentation spielt für sie infolgedessen kaum eine Rolle. Dies könnte in den grundlegend anderen Alltagsrealitäten der Organisationen begründet liegen, in denen kaum Zeit bleibt, sich mit möglichen Repräsentationsproblematiken zu beschäftigen. Allerdings war in diesem Zusammenhang 4 Ausschnitt aus einem Interview mit der Leiterin eines Projektes in Nicaragua, das unter anderem auch Weltwärts-Freiwillige aufnimmt 186 Internationale Perspektiven auch das fehlende Wissen vieler Partnerorganisationen über die Strukturen des Programmes auffällig, das sich beispielsweise in einer Unkenntnis der Inhalte der pädagogischen Begleitung der Freiwilligen zeigt. Ihnen kommen ihre Mitgestaltungsmöglichkeiten auf höheren Ebenen oft nicht in den Blick. Dies sollte allerdings nicht als Desinteresse gesehen werden, sondern liegt wohl vielmehr daran, dass kein gleichberechtigter Zugang zu relevanten Informationen besteht – wie es mehrere Organisationen in unseren Interviews formulierten. Dieser käme teilweise sogar nur vermittelt über die Freiwilligen zustande. Das Wissensdefizit scheint insofern auch an der fehlenden Transparenz innerhalb des Programmes hinsichtlich der tatsächlichen Ziele und Möglichkeiten der Partnerorganisationen, diese mitzugestalten, und damit einhergehend ihrer institutionellen Position zu liegen. Zusammenfassend lässt die Ungleichheit in der Verteilung der Handlungsmacht auf Machtasymmetrien innerhalb des Programmes schließen, die Züge neokolonialer Denk- und Handlungsmuster tragen. Nicht nur in der Beziehung zwischen den Partnerorganisationen und den Entsendeorganisationen lassen sich, anhand der bisherigen Analyse, Machtgefälle wiederfinden. Ebenso werden die jungen Freiwilligen in einigen Fällen als „Expert*innen“ und „Vermittler*innen“ über die Mitarbeiter*innen der Partnerorganisationen gestellt. Allerdings konnte durch unsere Forschung auch verdeutlicht werden, dass dies nicht zwangsläufig zu einer ohnmächtigen und unterwürfigen Selbstwahrnehmung und Haltung der Partnerorganisationen führt – innerhalb ihrer lokalen Realität erleben sie sich durchaus als handlungsmächtige Akteur*innen im Sinne des agency-Ansatzes. Klar ist jedoch, die Partnerorganisationen nehmen sich nicht als gleichberechtigten Teil des Programmes wahr. Vielmehr besteht in Gestalt der Freiwilligen eine einfache Verknüpfung zu den Entsendeorganisationen, wodurch der Partnerorganisation lediglich eine Durchführungsrolle zugeschrieben wird (Haas 2012: 60). 5. Weltwärts – ein „Premium“-Dienst? Ein abschließendes Resümee Vergleicht man voluntouristische mit Weltwärts-Aufnahmeorganisationen, so können wir für das Beispiel Nicaragua feststellen, dass die Aufnahmeorganisationen selbst zunächst keine direkte Unterscheidung treffen. Unsere Analyse deckt jedoch Differenzen auf, die sich in den Strukturen der Freiwilligenformate und im Beziehungsgefüge mit den Freiwilligen zeigen. Auf der Programmebene wird deutlich, dass die Weltwärts-Partnerorganisationen, im Vergleich zu voluntouristischen Aufnahmeorganisationen, einen grö- ßeren Einbezug erfahren. Weiterhin entsteht durch die private Finanzierung im Voluntourismus ein Dienstleistungscharakter, der sich im Weltwärts-Programm durch dessen staatliche Förderung so nicht widerspiegelt. Grundsätzlich zeigt sich 187 Geis & Lipsch, Ein „Premium“-Dienst? dadurch ein weniger asymmetrisches Verhältnis zwischen den Akteur*innen im Weltwärts-Gefüge, nicht zuletzt auch durch ein generelles Verständnis des Freiwilligenprogrammes als Lerndienst. Dennoch bleibt die Frage offen, inwiefern das Weltwärts-Programm gegenüber anderen Freiwilligenformaten – wie wir es hier pointiert formuliert haben – als „Premium“-Dienst erscheint. Auf der Ebene der Sprache hat sich im Weltwärts-Programm in den letzten Jahren einiges getan. Aus den früher als „Empfänger*innen“ bezeichneten Organisationen vor Ort sind mittlerweile „Partner*innen“ geworden und der „Hilfsdienst“ will heute ein „Lerndienst“ sein. Die veränderten Begriffe legen auch eine reale Veränderung der Verhältnisse zwischen den Akteur*innen des Programmes nahe. Sie lassen die Überwindung von Schieflagen und ungleichen Positionen im Projekt durch neue Formen der Zusammenarbeit erwarten, die auf gleichwertiger Kooperation und Mitgestaltung basieren, eine Beziehung auf Augenhöhe also. Unsere Erkenntnisse aus dem Feld enttäuschen diese Erwartungen allerdings weitgehend. Sie machen deutlich, dass die Verhältnisse zwischen den Akteur*innen des Weltwärts-Programmes an vielen Stellen weiterhin von Asymmetrien geprägt sind. Wie gezeigt werden konnte, spiegelt sich die im Globalen Norden proklamierte Partnerschaftlichkeit in der Praxis nicht wider, sie ist vielmehr durch Asymmetrien in den Reziprozitätsbeziehungen zwischen den Partnerorganisationen und den Freiwilligen charakterisiert. Obwohl der Kompetenzerwerb der Freiwilligen im Fokus des Dienstes steht und die Partnerorganisationen ihre eigene Rolle eher als Gebende und nicht als Empfangende verstehen, finden ihre Kompetenzen und Professionalität seitens Weltwärts keine angemessene Anerkennung. Weiterhin macht die Darstellung der Sichtweisen der Partnerorganisationen auf ihre Mitentscheidungsmöglichkeiten in organisatorischen Fragen einen mangelnden Einbezug auf der Ebene des Gesamtprogramms deutlich. Ein Problem der Machtasymmetrien innerhalb des Programmes konnte allerdings bereits vor den Fragen nach Mitgestaltungsmöglichkeiten verortet werden: Unsere Forschung fand Gründe dafür in der fehlenden Transparenz innerhalb des Programms hinsichtlich der tatsächlichen Ziele, der Positionen der Partnerorganisationen sowie eventueller Vorteile, die sie aus der Zusammenarbeit ziehen könnten. Der vermeintliche „Premium“-Status des Weltwärts-Programmes erscheint gegenüber anderen Freiwilligendienstformaten angesichts unserer Ergebnisse fragwürdig. Offenbar wird die deutsche Perspektive der nicaraguanischen Realität bis heute nicht gerecht. Allerdings zeigt besonders die Selbstwahrnehmung der Partnerorganisationen als Helfende und Ausbildende, dass die Abhängigkeitsstrukturen und Machtungleichheiten innerhalb des Programms – entgegen Annahmen der postkolonialen Theorie – nicht zwangsläufig zu einer passiven Haltung führen. Angesichts der beschriebenen Handlungsstrategien und Selbstwahrnehmungen 188 Internationale Perspektiven sollte dementsprechend insbesondere der Agency-Ansatz auf dieser Ebene mehr Beachtung finden, weil er neue Perspektiven in den Entwicklungsdiskurs tragen kann. Auch wenn der vermeintlich übergeordnete Status von Weltwärts gegenüber anderen Freiwilligenformaten in diesem Beitrag stark kritisiert wurde, sind zumindest auf konzeptioneller Ebene Bemühungen und Anstrengungen zu erkennen, eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Entsende- und Aufnahmeorganisation zu ermöglichen sowie postkolonialen Mustern entgegenzuwirken. Voluntouristische Freiwilligendienstformate sind von einer kooperativen Beziehung auf Augenhöhe grundsätzlich noch weiter entfernt. Dies konnte durch die teilweise starke Angewiesenheit der Einsatzstellen auf die Mithilfe der Freiwilligen festgestellt werden, die, wie gezeigt werden konnte, zu einer unterlegenden und passiven Selbstdarstellung der Aufnahmeorganisationen führen kann, die postkoloniale Strukturen verstärkt. Hierbei besteht zudem die Gefahr, dass die Einsatzstellen Konditionen eingehen, die für sie nicht von Nutzen sind. Das Geschäftsmodell des Voluntourismus widerspricht durch sein ökonomisches Ziel, möglichst viele Freiwillige zu vermitteln, dem eigentlich nachhaltigen Ziel der sozialen Organisationen, in Zukunft nicht mehr auf die Mithilfe ausländischer Freiwilliger angewiesen zu sein. Die qualitative Forschung, auf der dieser Beitrag gründet, konnte lediglich die Perspektiven eines kleinen Teils der Aufnahmeorganisationen Nicaraguas einfangen. Allerdings konnte hierdurch auf die Dringlichkeit detaillierterer Untersuchungen in den jeweiligen Bereichen aufmerksam gemacht werden. Es bedarf weiterer Studien in anderen Ländern und länderübergreifend, die die Perspektive der Aufnahmeorganisationen als Expert*innen als festen Bestandteil der Diskurse rund um Freiwilligendienste etablieren. Literaturverzeichnis Albert, Anika (2010): Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit: Perspektiven einer Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs, Heidelberg. Bhabha, Homi K. (1994): The Location of Culture, London. BMZ – Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (2016): Förderleitlinie zur Umsetzung des Entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes weltwärts, Bonn. Brot für die Welt, EED, akte und ECPAT (2018): Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus. Herausforderungen für die verantwortungsvolle Gestaltung eines wachsenden Reisetrends, Voluntourismus Policypapier. 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Abstract

This special issue of Voluntaris further develops the discussions conducted at the first academic conference on developmental voluntary work, which took place at Cologne’s University of Applied Sciences (TH Köln) in September 2018 to celebrate the ten-year anniversary of the voluntary work programme ‘weltwärts’.This book provides an overview of the current state of research in this regard, with its contributions revealing which research findings are being discussed in politics and in practice and where further research is needed. This issue is edited by the conference’s team of organisers and consists of works by academic specialists in and those involved in the practical application of TH Köln’s research focus of informal education, representatives of the umbrella organisation ‘ventao’ (the Association of Developmental Exchange Organisations) and the editors of Voluntaris (the Journal for Voluntary Work).

Zusammenfassung

Der Voluntaris Sonderband vertieft die Diskussion der ersten wissenschaftsorientierten Fachtagung zu entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten in Deutschland, die im September 2018 an der TH Köln anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Freiwilligendienstprogramms Weltwärts stattfand. Der Band beschäftigt sich mit den Themenfeldern „Lernen und Bildung“, „Postkoloniale Perspektiven“, „Einschluss und Ausschluss“ sowie „Internationale Perspektiven“. Er gibt einen umfassenden Überblick zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu Weltwärts und entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten. Herausgegeben wird er vom Kurator*innen-Team der Tagung und versammelt 15 Beiträge von Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen.

Schlagworte

Freiwilligendienste, Weltwärts, Entwicklungspolitik, Afrika, Internationale Beziehungen, Inklusion, Soziale Arbeit, Pädagogik Freiwilligendienste, Weltwärts, Entwicklungspolitik, Afrika, Internationale Beziehungen, Inklusion, Soziale Arbeit, Pädagogik

Keywords

international volunteering, Africa, international relations international volunteering, Africa, international relations

References

Abstract

This special issue of Voluntaris further develops the discussions conducted at the first academic conference on developmental voluntary work, which took place at Cologne’s University of Applied Sciences (TH Köln) in September 2018 to celebrate the ten-year anniversary of the voluntary work programme ‘weltwärts’.This book provides an overview of the current state of research in this regard, with its contributions revealing which research findings are being discussed in politics and in practice and where further research is needed. This issue is edited by the conference’s team of organisers and consists of works by academic specialists in and those involved in the practical application of TH Köln’s research focus of informal education, representatives of the umbrella organisation ‘ventao’ (the Association of Developmental Exchange Organisations) and the editors of Voluntaris (the Journal for Voluntary Work).

Zusammenfassung

Der Voluntaris Sonderband vertieft die Diskussion der ersten wissenschaftsorientierten Fachtagung zu entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten in Deutschland, die im September 2018 an der TH Köln anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Freiwilligendienstprogramms Weltwärts stattfand. Der Band beschäftigt sich mit den Themenfeldern „Lernen und Bildung“, „Postkoloniale Perspektiven“, „Einschluss und Ausschluss“ sowie „Internationale Perspektiven“. Er gibt einen umfassenden Überblick zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu Weltwärts und entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten. Herausgegeben wird er vom Kurator*innen-Team der Tagung und versammelt 15 Beiträge von Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen.

Schlagworte

Freiwilligendienste, Weltwärts, Entwicklungspolitik, Afrika, Internationale Beziehungen, Inklusion, Soziale Arbeit, Pädagogik

Keywords

international volunteering, Africa, international relations