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Christoph Gille, Benjamin Haas, Sonja Richter, Jan Wenzel, EDITORIAL in:

Stephanie Bonus, Jörn Fischer, Christoph Gille, Benjamin Haas, Sonja Richter, Jan Wenzel (ed.)

Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung, page 7 - 19

Voluntaris Sonderband

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6284-2, ISBN online: 978-3-7489-0393-2, https://doi.org/10.5771/9783748903932-7

CC-BY-NC-ND

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7 EDITORIAL 10 Jahre Weltwärts – Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung: Eine Einführung1 Dr. Christoph Gille Vertretungsprofessor für Theorien der Sozialen Arbeit Hochschule Koblenz | chgille@hs-koblenz.de Benjamin Haas M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter | Lehrstuhl für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung | Universität zu Köln | benjamin.haas@uni-koeln.de Sonja Richter M.A. I Consultant I Globalcation – Research and Consulting on Global Education sonja.richter@globalcation.de Jan Wenzel VENRO – Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe Bereichsleitung Stärkung der Zivilgesellschaft | j.wenzel@venro.org 1. Hintergrund: Warum eine Tagung zu entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten? „10 Jahre Weltwärts – Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung“ – unter diesem Titel diskutierten im September 2018 Wissenschaftler*innen ihre Forschungsergebnisse mit Vertreter*innen aus Praxis und Politik an der Technischen Hochschule Köln. Im Fokus standen dabei nicht nur Erkenntnisse der vergangenen Dekade hinsichtlich des Weltwärts- Programms, sondern auch Erfahrungen aus anderen internationalen bzw. sogenannten „entwicklungspolitischen“2 Freiwilligendienstformaten. Dieses zweite Sonderheft von Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste versteht sich als zentrales Ergebnis dieser Tagung: In 15 Beiträgen stellen Wissenschaftler*innen 1 Das vorliegende Sonderheft wird vom Kuratorium der Konferenz „10 Jahre weltwärts – Entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Fokus der Forschung“ herausgegeben. Diese Einführung wurde im Namen des Kuratoriums verfasst. 2 Das Politikfeld „Entwicklungspolitik“ beruht historisch auf einem kolonial geprägten Verständnis von „Entwicklung“, nachdem Europa die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Norm darstelle. Dieses Verständnis prägt die „Entwicklungspolitik“ noch heute. Durch das konsequente Setzen von Anführungszeichen – „entwicklungspolitisch“ – in dieser Einführung möchten wir als Autor*innen unsere Distanz zu diesem Verständnis ausdrücken. 8 Editorial die wichtigsten Inhalte ihrer Vorträge vor. In diesem Editorial gehen wir kurz auf die Historie und internationale Verortung des „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienstes Weltwärts ein, welcher mit seinem zehnjährigen Jubiläum im Jahr 2018 der Anlass dieses Resümees ist. Danach stellen wir die Beiträge des Heftes vor, die – angepasst an den Themensträngen der Tagung – vier Rubriken untergeordnet sind: Lernen und Bildung, Postkoloniale Perspektiven, Einschluss und Ausschluss sowie Internationale Perspektiven. Der Beitrag schließt mit einigen Schlussfolgerungen zum Stand der Forschung im Kontext „entwicklungspolitischer“ Freiwilligendienste. 2. Weltwärts: 10 Jahre „entwicklungspolitischer“ Freiwilligendienst der Bundesregierung Mit der Einführung des Weltwärts-Förderprogramms im Jahr 2007 durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wurde erstmals ein Jugendfreiwilligendienst qua Ressortverantwortung offiziell in der Entwicklungspolitik der Bundesregierung verortet. Zwar wurden freiwillige Einsätze von Jugendlichen in den Zielländern deutscher Entwicklungspolitik bereits lange vor Weltwärts organisiert und durch zivilgesellschaftliche Trägerorganisationen begleitet. Jetzt aber standen zum ersten Mal umfangreiche Fördermittel für solche Freiwilligendienste durch das BMZ zur Verfügung. Trägerorganisationen, die die Entsendung ihrer Freiwilligen fördern lassen wollten, mussten den „entwicklungspolitischen“ Charakter der Einsatzstellen darlegen und auch viele Freiwillige nahmen sich fortan als Teil der Entwicklungszusammenarbeit wahr. Seither wird in der Debatte zwischen den verschiedenen Stakeholdern des Programms darum gerungen, was nun genau das „Entwicklungspolitische“ an dem freiwilligen Einsatz junger, meist ungelernter Menschen in den Teilnahmeländern ausmacht. Seit seiner Programmauflage hat Weltwärts diesbezüglich einen konzeptionellen und paradigmatischen Wandel erfahren: Das Programm steht nicht mehr unter dem Motto „Lernen durch tatkräftiges Helfen“, sondern stellt sich als „entwicklungspolitischer Lern-“ und Austauschdienst mit Partnerschaftscharakter vor (Haas/Richter 2019: 4). Statt der Menschen in den Partnerländern rücken die Freiwilligen selbst sowie die Zusammenarbeit der zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen in den Fokus des Programms. Neben Deutschland verfügen zahlreiche andere OECD-Länder über Freiwilligendienste, die ebenfalls „entwicklungspolitisch“ verortet sind. Interessanterweise wird die im deutschen Kontext übliche Unterscheidung zwischen Fachdiensten und Freiwilligendiensten international nicht in dieser Form gemacht. Dienste mit Bezügen zur internationalen Kooperation werden hier als „Volunteering for Development (V4D)“ bezeichnet (Devereux 2008). International 9 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts nimmt Weltwärts als Langzeitdienst, der sich an eine junge Zielgruppe richtet und primär als Lern- und Austauschdienst versteht, eine Sonderrolle ein. Langzeitprogramme anderer Länder richten sich an qualifiziertere – wenn auch teilweise ebenso junge – Zielgruppen und verstehen sich meist als „entwicklungspolitische Fachdienste“. Angebote, die sich auch als Lern- und Austauschdienste beschreiben lassen, wie bspw. NOREC (ehemals FK Norway) oder der International Citizen Service (ICS) aus Großbritannien, entsenden deutlich kürzer. Zudem bewerten diese Programme die entwicklungsbezogenen Wirkungen des Freiwilligeneinsatzes als ebenso bedeutend wie die Bildungsaspekte (Haas/ Richter 2019: 50). Die umfangreichen Entwicklungen der ersten zehn Jahre des Programms, die internationale Sonderrolle und die andauernde Debatte um den „entwicklungspolitischen“ Charakter von Freiwilligendiensten sind Gegenstand einer wachsenden Anzahl von Forschungsarbeiten. Auf der einen Seite wurden eine Reihe von Evaluationen durchgeführt, die der Programmsteuerung dienen (z. B. Stern/ Scheller 2012; Polak/Guffler/Scheinert 2018). Auf der anderen Seite ist eine lebendige Forschungslandschaft insbesondere durch Nachwuchsforscher*innen entstanden, die mit einem von der programmatischen Logik unabhängigen Forschungsinteresse an das Feld herantreten. Weltwärts steht im Fokus zahlreicher Abschlussarbeiten von ehemaligen Freiwilligen. Zugleich wurden eine beachtliche Anzahl von Dissertationen und Projekten der Praxisforschung im Auftrag von Trägern realisiert. 3. Inhalt: Was erwartet Sie in diesem Sonderheft? Das vorliegende Heft gibt diesen Forschungsarbeiten eine Plattform, um bestehendes Wissen zu Weltwärts zu systematisieren. Die Beitragssammlung soll den Dialog über Erkenntnisse zu internationalen Freiwilligendiensten stärken und dazu beitragen, theoretisches und empirisches Wissen vorzustellen und interdisziplinär zu diskutieren. Dabei werden sowohl programmatisch-administrative Untersuchungen sowie Forschungsarbeiten, die aus anderen Interessen entstanden sind, relevant. Evaluationen haben einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des Weltwärts-Programms geleistet und sind für die politische Steuerungsebene unverzichtbar. Erklärtes Ziel dieses Sonderheftes ist es jedoch, über die im Rahmen des Qualitätsmanagements und der innerhalb der Programmakteure geführten Wirkungsdebatte entstandenen Arbeiten hinauszugehen, sie mit den weiteren Forschungsperspektiven in Dialog zu bringen und damit der vielfältigen Forschungslandschaft größere Sichtbarkeit zu verschaffen. Neben dieser Bestandsaufnahme geben die vorgestellten (Forschungs-)Projekte und Perspektiven auch einen Eindruck von den weiterhin bestehenden (Forschungs-)Lücken. Sie helfen zu identifizieren, welche Themen in der zukünftigen 10 Editorial Erkundung „entwicklungspolitischer“ Freiwilligendienste eine Rolle spielen können und welche Methoden für die Untersuchung welcher Fragen angemessen erscheinen. In diesem Sinne kann die in diesem Heft vorgenommene Bündelung auch zu künftiger wissenschaftlicher Auseinandersetzung anregen. Außerdem hoffen wir, dass die Vorstellung der vielfältigen Erkenntnisse und Perspektiven den Akteur*innen des Weltwärts-Programms und ähnlicher internationaler Freiwilligendienste als Reflexionsfolie dienen kann und Ideen für die weitere Umsetzung und konzeptionelle Weiterentwicklung bereithält. Das Sonderheft gliedert sich entsprechend der zentralen Themenstränge, die sich in bisherigen Forschungsarbeiten zu „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendiensten zeigen: Lernen und Bildung; Entwicklung, Macht und Solidarität; Einschluss und Ausschluss und Internationale Perspektiven. Wir möchten nachfolgend in diese vier Achsen einführen, die gleichzeitig als Rubriken das Heft strukturieren. Lernen und Bildung Die Frage, wer in Freiwilligendiensten was, wie und warum lernt, ist für deren Konzeption zentral und Gegenstand vieler Untersuchungen. Eine Spannung besteht dabei insbesondere zwischen der Anregung transformatorischer Bildungsprozesse und dem angestrebten funktionalen Kompetenzerwerb. Den thematischen Auftakt bildet der Beitrag von Susanne Krogull zum „Lernen in entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten“. Sie argumentiert darin, dass der Freiwilligendienst in einem anderen Land nicht automatisch zu weltgesellschaftlichem oder Globalem Lernen führe. In ihrer theoretischen Verortung geht Krogull zunächst auf das Konzept des Globalen Lernens ein, das nicht als verkürzte Vermittlung von Werten zu verstehen sei, sondern sich vielmehr auf den Umgang mit komplexen globalen Zusammenhängen in einer unbestimmten Zukunft richte. Aufbauend auf diesem Verständnis bestätige sich die handlungstheoretische Kontakthypothese nicht, die davon ausgeht, alle Differenzerfahrung führe automatisch zu passenden Lernprozessen. Viel eher müssten einige Parameter erfüllt sein, um Globales Lernen zu ermöglichen. Krogull bestimmt veränderte Erfahrungen im Nahbereich, Perspektivenwechsel, Selbstreflexion, Abstraktion und Reflexion der Begrenztheit des eigenen Wissens als wesentliche Elemente, die der Reproduktion paternalistischer, neokolonialer Einstellungen entgegenwirken und globales Lernen ermöglichen könnten. Eine Lücke in den gegenwärtigen Diskussionen rund um Weltwärts identifizieren Christoph Gille und Stefanie Bonus im Artikel „Überschreitung, Widerspruch und Transformation“, in dem die politische Bildung ins Zentrum rückt. Trotz programmatischer Bestimmung als „entwicklungspolitischen Lern- und Bildungsdienst“ 11 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts habe die Auseinandersetzung mit dem Konzept der politischen Bildung im Programm bislang kaum stattgefunden. Dabei böte Weltwärts dafür einen ausgezeichneten Kontext, argumentieren die Autor*innen. Gerade in der bewussten Auseinandersetzung mit Gegnerschaften, die sich um die sogenannte „Entwicklungspolitik“ entfalten, kann es gelingen, das Politische als Moment der Auseinandersetzung mit bestehenden Agonien zu erkunden. So könnten Räume geschaffen werden, in denen die Überwindung des Gegebenen erprobt werde und damit eine zentrale Bildungsaufgabe gelingen könne. Die Notwendigkeit pädagogischer Reflexionsräume, von der Krogull spricht und die auch für solche politische Bildung grundlegend sind, stützt auch Katharina Mangold. In Ihrem Beitrag „Ringen um angemessenes Verhalten“ sind es das Nichtwissen und die Inkonsistenzen der eigenen Position, die als Ausgangspunkte von Bildungsprozessen erkennbar werden. Auf der Basis einer ethnografischen Erhebung über junge Freiwillige in Uganda zeigt sie, wie sich die Freiwilligen im Alltag immer wieder darum bemühen, sich „richtig“ zu verhalten. In Situationen der Ambivalenz sind es die Rückgriffe auf Ordnungsschemata, die Sicherheit böten, darunter auch solche, in denen Homogenisierungen von Personengruppen vorgenommen werden und stereotypes Wissen zur Reduktion komplexer Situationen reproduziert wird. Doch anders als es die Unsicherheit in den dilemmatischen Situationen zunächst suggeriert, ist es gerade die ambivalente Situation des „Inbetween“, die Mangold zufolge zu einem Möglichkeitsraum werden könne. Nicht im „Entweder-oder“, sondern im „Sowohl-als-auch“ läge die Chance des interkulturellen Lernens. Die „subjektive Bedeutung von internationalem freiwilligen Engagement aus der Sicht ehemaliger Freiwilliger“ nimmt Franziska Müller in den Blick. Zwar seien langfristige Wirkungen der Dienste auf das Engagementverhalten ehemaliger Freiwilliger generell erwünscht, doch seien die bislang dazu vorliegenden, insbesondere quantitativen Studien nicht eindeutig. Zur weiteren Erkundung des langfristigen Engagements schlägt Müller als Ergänzung der quantitativen Daten zum einen entwicklungspsychologische Analysen vor, in denen die Besonderheiten der Lebensphase „Emerging Adulthood“ berücksichtigt würden. Zum anderen müsste über biografieanalytische Analysen der anzunehmende Wandel von Engagementformen über längere Zeiträume hinweg betrachtet werden. Müller stellt Ergebnisse eines solchen Forschungsdesigns für das Ende ihres aktuellen Forschungsprojektes in Aussicht. Der Beitrag von Sonja Richter stellt zentrale Ergebnisse einer qualitativ-empirischen Studie zur Qualität von Lernprozessen in „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendiensten vor. Sie fokussiert sich auf nicht intendierte Lernwirkungen – solche, die konträr zu den jeweiligen Programmzielen im Sinne Globalen Lernens interpretiert werden können. Hierzu beschreibt sie den Selbstbezug der Lernenden 12 Editorial sowie die Verstärkung von rassistischen und stereotypischen Denkmustern gegen- über dem Fremden. Die empirischen Befunde ihrer Studie zeigen auf, dass auch diese negativ konnotierten Wirkungen einen wichtigen Zwischenschritt zu fundierten Lernprozessen Globalen Lernens, die in der Reflexionsphase nach der Programmteilnahme passieren, sein können. Postkoloniale Perspektiven Freiwilligendienste wie das Weltwärts-Programm verstehen sich als Beitrag zur Heranführung an „entwicklungspolitische“ Fragestellungen und „entwicklungspolitisches“ Engagement. Ebenso verfolgen sie den Anspruch, „entwicklungspolitisch“ auf die Zivilgesellschaft in Deutschland und in den Partnerländern zu wirken. Allerdings werden solche normativen Ziele durch postkoloniale Perspektiven infrage gestellt und auf die rassistische Konnotation des westlichen Entwicklungsbegriffs sowie die Machtdiskrepanzen zwischen den Ländern im Globalen Süden und Globalen Norden hingewiesen. Daher stellt sich die Frage, ob durch Freiwilligendienste weiterhin ein durch Länder des Globalen Nordens geprägtes Verständnis von „Entwicklung“ exportiert wird. Können solche Programme zum „Entwicklungspolitischen“ im Sinne globaler Partnerschaften beitragen? In diesem Themenfeld geht es also um empirische und theoretische Erkenntnisse über Ansprüche globaler Solidarität sowie Wiederholung und Verstärkung von Machtdifferenzen in internationalen Freiwilligendiensten. In seinem Beitrag „Die koloniale Gegenwart und dekoloniale Zukunft transnationaler Entwicklungspolitik“ eröffnet Daniel Bendix eine umfangreiche Perspektive auf die postkoloniale Kritik an „Entwicklungszusammenarbeit und -politik“. Er fragt empirisch nach einer kolonialen Gegenwart und einer dekolonialen Zukunft bundesdeutscher „Entwicklungspolitik“. „Entwicklungspolitik“ könne sowohl zur Stabilisierung als auch zur Destabilisierung kolonialer Kontinuitäten beitragen. Die Reflektion seiner Ausführungen in Bezug auf Weltwärts und „entwicklungspolitische“ Freiwilligendienste überlässt er bewusst den Leser*innen bzw. den dann folgenden Beiträgen. In seinem Fazit deutet Bendix jedoch an, dass sich Programme wie Weltwärts, die sich „globaler Gleichheit und Gerechtigkeit und umfassender Dekolonisierung verpflichtet sehen“, einer asymmetrischen Globalisierung entgegenstellen müssten. Das bedeute auch, transnationale Solidarität im Rahmen von Freiwilligendiensten immer auch mit innergesellschaftlicher Solidarität zu verbinden. Manuel Peters stellt in seinem Beitrag Überlegungen zu der spezifischen Zugehörigkeitsposition der „entwicklungspolitischen“ (Freiwilligen-)Mobilität an. Er geht der Frage nach, „ob und wie sich die Geschichte der bürgerlichen Zugehörigkeitskonzepte und ihre Verbindung mit ‚Entwicklungsprojekt‘ in der heutigen entwicklungspolitischen (Freiwilligen-)Mobilität widerfindet.“ Diese Mobilität sei 13 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts eine „sich in ihrer Form wandelnde, klassen- und raumbezogene, spezifisch vergeschlechtlichte und rassifizierte Praxis kultureller Distinktion“. In ihrem Beitrag unterzieht Zita Hoefer Internetseiten verschiedener Entsendeorganisationen sowie die des Weltwärts-Programms selbst einer Diskursanalyse, um zu untersuchen, ob und wie sich eine Auseinandersetzung mit postkolonialer Kritik feststellen lässt. In der Kritik angesprochene Thematiken fänden zwar teilweise Berücksichtigung, eine konkrete Auseinandersetzung mit postkolonialen Perspektiven bliebe jedoch größtenteils aus. Darüber hinaus konstatiert Hoefer eine Verschiebung des Schwerpunktes in der Selbstdarstellung „entwicklungspolitischer“ Freiwilligendienste auf die Freiwilligen. Dies wiederum werfe neue Fragen nach der Wirkungsweise der Dienste auf. Unter der Überschrift „‚Entwicklung‘ im Freiwilligendienst Weltwärts“ beschäftigt sich Lisa Bergmann damit, wie Süd-Nord-Freiwillige die Frage der „Entwicklung“ in ihrem „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienst sehen. Der Beitrag rückt damit ein bisher kaum beachtetes Thema ins Zentrum der Betrachtung: Was ist „entwicklungspolitisch“ an der Süd-Nord-Komponente und wie nehmen die Süd-Nord-Freiwilligen diesen – aus postkolonialer Perspektive – problematischen Entwicklungsdiskurs auf? Dazu untersucht Bergmann die Ansichten und Beobachtungen von Weltwärts-Süd-Nord-Freiwilligen und arbeitet drei Dimensionen von „Entwicklung“ heraus, die diese in ihrem Dienst sehen, nämlich ihre persönliche Entwicklung, Entwicklungen in Deutschland und in der Heimat sowie „Entwicklungshilfe“. Ihre Studie zeigt, dass die interviewten Freiwilligen ein mehrdimensionales Bild von Entwicklung zeichnen und es als ganzheitliches Konzept ansehen. Lucia Fuchs widmet sich den „Erziehungsmaßnahmen für Weltbürger*innen“. Dazu geht sie der Frage nach, wie die Beziehung zwischen Freiwilligen und Partner*innen im Aufnahmeland von beiden Seiten wahrgenommen wird. Der Beitrag basiert auf ersten Ergebnissen einer diskursethnographischen Feldstudie in Ecuador. Das Hauptanliegen der Partner*innen sei es, die Freiwilligen sicher unterzubringen, zufrieden zu halten und sie ausreichend zu disziplinieren, damit sie den Arbeitsablauf der Projekte nicht behindern. Fuchs kommt somit zu der Feststellung: „Entgegen traditioneller postkolonialer Hierarchien in der Entwicklungszusammenarbeit sind es die Freiwilligen aus dem Norden, die durch die Akteur*innen aus dem Süden erzogen und diszipliniert werden.“ Gleichzeitig hätten die Freiwilligen jedoch hohe Erwartungen an Unterstützung und Anerkennung durch die Partner*innen, die oft enttäuscht würden und dann zu einer Abwertung der Partner*innen im Süden führen könnten. Fuchs kommt zu dem Schluss, dass „Freiwilligendienste im globalen Süden zwar das Risiko der Reproduktion traditioneller Nord-Süd-Hierarchien bergen, aber auch Raum für die Transformation bieten“. 14 Editorial Einschluss und Ausschluss Freiwilligendienste wie Weltwärts haben den Anspruch, unterschiedliche junge Menschen zu erreichen und in ihrem Engagement zu fördern. Doch obwohl in den vergangenen Jahren viele Anstrengungen unternommen wurden, unterscheidet sich zum Beispiel die Teilnahme von jungen Menschen verschiedener Bildungsabschlüsse, Geschlechter oder Zuwanderungsgeschichten deutlich voneinander. Welche Selektionseffekte sind am Werk und wie werden diese beeinflusst? Können sie und wenn ja, wie können sie überwunden werden? In ihrem Beitrag „Im Schatten der Selbstverständlichkeit“ beschäftigen sich Stefan Dietrich und Thomas Maier mit solchen Hürden der Erreichbarkeit unterrepräsentierter Zielgruppen. Sie unterteilen die bestehenden Barrieren in zwei unterschiedliche Gruppen: Solche, die mit den Ansprachepraktiken von Entsendeorganisationen zusammenhängen, und solche, die auf tiefere gesellschaftliche Ursachen zurückzuführen sind. Ihren Analysen liegen sowohl theoretische Erkenntnisse der Jugendforschung als auch die empirische Untersuchung ausgewählter Webpräsenzen, Expert*inneninterviews und Nutzer*innentests unterrepräsentierter Zielgruppen zugrunde. Darauf aufbauend schlagen Dietrich und Maier eine systematische Untersuchung der Ansprachepraktiken auf Differenziertheit, Pragmatik und Hindernisse vor, um Trägerorganisationen eine grundlegende Orientierung zu geben, worauf beispielsweise bei der Webseitengestaltung zu achten ist. Mögliche Barrieren werden dabei in den Nutzer*innentests deutlich: Während sich die Ansprache vorwiegend auf universale Kompetenzen junger Menschen richtet, zeigt das Selbstverständnis der Adressat*innen, dass gerade ihre bereits erworbenen, beruflichen hard skills kaum Wertschätzung erfahren. Daneben identifizieren Dietrich und Maier auch einige tiefer liegenden Ursachen und plädieren in der Folge für weitere Sensibilisierung der Trägerorganisationen, zielgruppenspezifische Sprache und dezentrale Zugänge. Die „Partizipation behinderter junger Menschen in internationalen Freiwilligendiensten“ steht im Mittelpunkt des Beitrags von Christian Papadopoulos. Der paradigmatische Wandel des Blicks auf Behinderung, der sich in der UN-Behindertenrechtskonvention niederschlägt, bildet dabei den analytischen Ausgangspunkt. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Konzeptionen erläutert Papadopoulos, wie Behinderung sozial konstruiert wird und als Ergebnis negativer gesellschaftlicher Zuschreibungen entsteht. Er ergänzt dieses Verständnis um eine intersektionale Perspektive, in der sich die Vielfalt der Lebenswirklichkeiten behinderter junger Menschen niederschlägt und das Zusammenwirken mit anderen Ungleichheitskategorien wie Geschlecht und Klasse abgebildet werden kann. Der multiple Behinderungsbegriff, der sich dadurch ableitet, wird durch die Kapitalanalyse Bourdieus geschärft. Um die UN-Behindertenrechtskonvention zur erfüllen, folgert Papadopoulos, dass eine umfangreiche Analyse der Zugänge zu 15 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts den internationalen Freiwilligendiensten auf der Grundlage eines solchen multiplen Behinderungsbegriff notwendig sei. Internationale Perspektiven Immer wieder wird die Frage danach gestellt, wie das Weltwärts-Programm aus der Perspektive der Südpartner*innen verstanden und bewertet wird. Im Themenkomplex der internationalen Perspektiven und Stimmen geht es somit insbesondere darum, die Perspektive der Empfängerorganisationen in den Forschungsdiskurs aufzunehmen, wie es die beiden Beiträge von Paola Ortiz Loaiza sowie von Natascha Geis und Lara Lipsch tun. Der Beitrag von Jörn Fischer und Benjamin Haas hingegen verortet Weltwärts international, in dem er das Programm mit anderen „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendiensten vergleicht. Unter dem Titel „What Germany and Weltwärts can learn from the Global South“ stellt Paola Ortiz Loaiza Ergebnisse einer Fallstudie zu Empfängerorganisationen in Guatemala vor. Dabei arbeitet sie die Spannung zwischen zwei Paradigmen heraus, die die „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienste prägen: Auf der einen Seite stünden die Ideen einer kosmopolitischen globalen Bildung und auf der anderen dezidiert „entwicklungspolitische“ Ansätze und Ansprüche. Sie fordert, die Anforderungen und Erfahrungen des Globalen Südens umfassender in die Agenden und Ziele der im Norden konzipierten Programme einzubeziehen, um beide Perspektiven kohärent zu integrieren und Widersprüche zu vermeiden. Dazu sei eine Stärkung der Beziehungen zwischen entsendenden und aufnehmenden Organisationen unabdinglich. Natascha Geis und Lara Lipsch vergleichen in ihrem Beitrag „Ein ‚Premium‘- Dienst?“ die Perspektiven von Aufnahmeorganisationen in Nicaragua auf das Weltwärts-Programm und auf voluntouristische Formate. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist die Feststellung, dass Voluntourismus als wachsender Trend zunehmend kritisch betrachtet und das Weltwärts-Programm oftmals als bessere Alternative verhandelt wird. Vor dem Hintergrund postkolonialer, reziprozitätstheoretischer sowie Agency-orientierter Theorieansätze macht ihr Beitrag jedoch deutlich, dass sich im lokalen Kontext voluntouristische und Weltwärts-Freiwillige stark vermischen und Aufnahmeorganisationen dem Format der Entsendeorganisation keine besondere Relevanz zuschreiben. Gleichzeitig würden auch Unterschiede deutlich erkennbar, die sich beispielsweise in den gelebten und formulierten Rollen der Organisationen zeigten. Der Beitrag von Jörn Fischer und Benjamin Haas geht von den Beobachtungen aus, dass es weltweit zahlreiche staatlich geförderte „entwicklungspolitische“ Freiwilligendienste gibt und dass in der Freiwilligendienstforschung der Vergleich als Methode bislang vernachlässigt wurde. In ihrem Artikel vergleichen sie Programme aus vier Ländern (Deutschland, Norwegen, Vereinigtes Königreich und 16 Editorial USA) und nehmen dabei vor allem die Perspektive der Entsendeorganisationen in den Fokus. Der Beitrag diskutiert unter anderem, welche Rahmenbedingungen zur Entsendung von Freiwilligen staatlicherseits gesetzt werden. Als theoretisches Analyseraster dient hierbei vor allem die Korporatismustheorie. 4. Fazit Vorab lässt sich festhalten: Die unterschiedlichen Beiträge des Heftes vertreten keine einheitliche Perspektive, sondern ermöglichen eine kritische Auseinandersetzung aus unterschiedlichen disziplinären und theoretischen Blickwinkeln. Dennoch zeichnen die Inhalte ein Bild zum Stand der aktuellen Forschung rund um „entwicklungspolitische“ Freiwilligendienste. Zu den übergeordneten Erkenntnissen zählt, dass die Problematik der Verbindung von Freiwilligendiensten und dem Konzept von Entwicklung weiterhin eine zentrale Rolle in der konzeptionellen Verortung von Freiwilligendiensten spielt. „Entwicklungszusammenarbeit“ und/oder „Entwicklungshilfe“ sind seit jeher eng verwoben mit der Geschichte kolonialer Ausbeutung und auch heute noch von neokolonialen Denkmustern und Handlungspraktiken geprägt (z. B. Crush 1995; Crewe/Harrison 1998; Eriksson Baaz 2005; Kapoor 2008; Kerner 1999; Ziai 2004, 2012). Per Definition und per politischer Verortung in entsprechenden Ministerien zielen somit „entwicklungspolitische“ Freiwilligendienstprogramme darauf ab, durch die Freiwilligen zur „Entwicklung“ beizutragen. Die Beiträge der Tagung zeigen, dass weiterhin die Frage offen ist, wer von „Entwicklungspolitik“ im Rahmen von Freiwilligendiensten profitiert: Steht immer noch der „entwicklungspolitische“ Wirkungsanspruch für das Partnerland im Vordergrund oder geht es eher um die Lernerfahrung der Freiwilligen? Wenn letzteres der Fall ist, wie kann hier der Bogen zu Entwicklungspolitik gespannt werden (oder nicht)? Die Diskussion der Beiträge zum Themenfeld Postkolonialismus macht deutlich: Das Konzept der „Entwicklung“ basiert historisch auf der kolonialen Vorstellung, dass Europa die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Norm darstellt, von der die ehemaligen Kolonien abweichen (Ziai 2012: 4). Diese Logik ist in den Diskurs und in die Praktiken der heutigen Entwicklungszusammenarbeit immer noch eingeschrieben (z. B. Bendix 2013; 2018). Die vorgestellten Forschungsarbeiten zeigen, dass sich Freiwilligendienste nicht aus diesem dominanten Diskurs lösen können, wenn sie sich nicht vom (neo-)kolonial geprägten Entwicklungsprojekt lossagen. Es wird deutlich: Die Diskursordnung wird durch den als „entwicklungspolitisch“ markierten Weltwärts-Dienst aufrechterhalten und entfaltet weiterhin ihre Wirkung in Denkweisen und Praktiken. Die Problematik der Verbindung von Freiwilligendiensten mit dem Konzept von „Entwicklung“ zeigt sich in allen Beiträgen zum Thema Postkolonialismus. Alle Autor*innen zu diesem Themenbereich zeigen auf, dass diese Verbindung problematisch ist und obsolet sein sollte. 17 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts Eine alternative Lesart bieten insbesondere Bergmann und Richter an: Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit können entsprechend der Agenda 2030 auch als globales Projekt gedacht werden, in dem Freiwillige einen Beitrag zur „Entwicklung“ ihrer Heimat leisten. Dann stellt sich die Frage, auf welche Weise sich Länder wie Deutschland „entwickeln“ müssen, um zu einer gerechten Weltordnung beizutragen. Zwar kann durchaus angezweifelt werden, ob in den bestehenden Herrschaftsverhältnissen eine solche Veränderung der mit „Entwicklung“ verbundenen Denk- und Handlungsweisen möglich ist. Würde das Projekt „Entwicklung“ aber in diesem Sinne konzipiert, könnten sich Freiwilligenprogramme aus dem Globalen Norden nicht nur ihrer dekolonialisierenden Verantwortung stellen, sondern würde auch eine Partnerschaftsperspektive eingelöst, wie sie Ortiz einfordert. Wie postkoloniale Machtverhältnisse sind auch die Ein- und Ausschlüsse gesellschaftlicher Gruppen in und aus internationalen Freiwilligendiensten eng mit diskursiven Ordnungen verbunden. Die in diesem Band vorgestellten Forschungsprojekte weisen auf die bestehenden Leerstellen und den langen Weg, der noch gegangen werden muss, um internationale Freiwilligendienste wie Weltwärts als inklusiv bezeichnen zu können. Doch sie machen auch Hoffnung: Papadoupolos zum Beispiel systematisiert eine Reihe theoretischer Konzeptionen, die es ermöglichen, auch mehrdimensionalen Ausschluss in den Blick zu nehmen. In den Fokus rücken dadurch vor allem die Normalitätsvorstellungen von Mehrheiten, die die Ausschlüsse der Minderheiten hervorbringen. Auf der Basis solcher Modelle können konkrete Instrumentarien entworfen werden, um Praktiken von Trägern zu überdenken und anzupassen, wie sie Dietrich und Maier in ihrem Beitrag entwickelt haben. Denn auch wenn die Zugänge und Barrieren in zahlreichen gesellschaftlichen Sphären hergestellt werden, kommt es eben doch darauf an, ob Trägerorganisationen Raum und Anlässe für die Selbstreflexion von Normalitätsvorstellungen schaffen und in welcher Form und an welchen Orten junge Menschen angesprochen werden. Wenn das erfolgt, könnten Freiwilligendienste zum Abbau gesellschaftlicher Hürden und Ungleichheit beitragen – ansonsten wiederholen sie die bestehenden Ausschlüsse. In Bezug auf die Lern- und Bildungsprozesse arbeiten alle Beiträge die Bedeutung professioneller pädagogischer Begleitung in den internationalen Freiwilligendiensten heraus. Sowohl Krogull, Mangold als auch Richter betonen, dass im Hinaustreten aus den scheinbaren Selbstverständlichkeiten des Freiwilligenalltags die strukturierte Möglichkeit zur Reflexion geschaffen wird, die nonformale Bildungsprozesse charakterisiert. Es sind diese Räume, in denen Selbstreflexion, Abstraktion und Reflexion der Begrenztheit des eigenen Wissens systematisch erarbeitet werden können. Umso relevanter erscheint es, dass Entsende- und Empfängerorganisationen diesem fachlichen Anspruch Rechnung tragen und ein angemessener 18 Editorial finanzieller und organisatorischer Rahmen durch die Förderstruktur geschaffen wird, um diese Lernprozesse zu ermöglichen. In Abkehr von erneut kulturalisierender, „interkultureller“ Pädagogik kann dann auch neokolonialen Logiken entgegengewirkt und das „Sowohl-als-auch“, von dem Mangold spricht, als Grundlage für Bildungsprozesse genutzt werden. Ungenützte Möglichkeiten bestehen zurzeit noch durch die kaum vorhandene Bezugnahme auf die politische Bildung: Denn wo kann besser als in der bewussten Auseinandersetzung mit dem Entwicklungskonzept das Politische als Moment der Gegnerschaft und damit die Kontingenz der Welt vermittelt werden? Schon heute bietet das Weltwärts-Programm im Austragen und nicht im Negieren der Konflikte um hegemoniale Ordnungen den Freiwilligen die Möglichkeit, durch eigenes Handeln das Eingreifen in die Welt zu erproben. In der darin angelegten Überwindung bestehender Denk- und Handlungsmuster, so Gille und Bonus, kann für solche Transformationen die Grundlage geschaffen werden, wie sie für das Leben in der Einen Welt nötig werden. Neben diesen übergreifenden Erkenntnissen werden auch einige Lücken der bisherigen Forschung deutlich. Weiteres Potenzial sehen wir unter anderem im methodischen Vergleich zu anderen Freiwilligendiensten – seien es die in Deutschland existierenden internationalen oder nationalen Dienste; seien es die „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienste anderer internationaler Initiativen. Thematische Kongruenzen und Differenzen können so identifiziert und deren Folgen für Freiwillige, soziale Organisationen, ihre Nutzer*innen und weitere Akteure herausgearbeitet werden. Erstaunlich wenig thematisiert wird auch die Wirkung internationaler Freiwilliger auf die Nutzer*innen von sozialen Einrichtungen, in denen Freiwillige zum Einsatz kommen. Kommt es auch hier zu Bildungseffekten und, wenn ja, welche Voraussetzungen brauchen diese? Überschneidungen ergeben sich dadurch zu der wohl größten Leerstelle in der wissenschaftlichen Betrachtung internationaler Freiwilligendienste: ein insgesamt stärkerer Einbezug der Perspektiven aus dem Globalen Süden in die wissenschaftliche Diskussion, sei es der Akteur*innen der Freiwilligendienste dort (Einsatzstellen, Trägerorganisationen, Mentor*innen etc.), der Konzepte oder der Forschenden aus dem Globalen Süden. Wenig ist bekannt über die Wirkung der Freiwilligen auf die Arbeit der Einrichtungen im Globalen Süden und nur selten gelingt es, Stimmen aus dem Süden direkt hörbar zu machen – Gies und Lipsch, Fuchs sowie Ortiz sind auch in diesem Heft die Ausnahmen. Pionierarbeit haben Tiessen, Lough und Grantham (2018) in ihrem Beitrag im Voluntaris-Sonderheft geleistet, in dem Forscher*innen aus dem Süden die Perspektive von Aufnahmeorganisationen im Süden darstellen. Mit dem Ziel, auch wissenschaftliches Wissen zu dekolonialisieren, bleibt es ein Anliegen für die nächste Dekade von Weltwärts, die Südperspektiven umfangreicher zur Geltung zu bringen. Hierfür muss auch der 19 Gille & Haas & Richter & Wenzel, 10 Jahre Weltwärts Wissenschaftsdialog zu den internationalen Freiwilligendiensten, die sich dem Kontext nachhaltiger Entwicklung verschreiben, partnerschaftlicher werden und die Stimmen von Wissenschaftler*innen aus dem Globalen Süden zur Geltung bringen. Vielleicht kann es Praxis, Wissenschaft und Politik gemeinsam gelingen, diese und weitere, hier nicht aufgeführte Lücken bis zum 20-jährigen Bestehen von Weltwärts zu schließen. In diesem Sinne hoffen wir, dass das Sonderheft zum Jubiläum von Weltwärts für die weitere Reflexion und konkrete Ausgestaltung von internationalen Freiwilligendiensten zahlreiche Anregungen gibt. Literaturverzeichnis Bendix, Daniel (2013): The Big Five As Dangerous As Ever – German Development Cooperation, Colonial-racist Imagery, And Civil Society’s Response, in: Critical Literacy: Theories and Practices, 7. Jg., Heft 2, S. 48–57. Bendix, Daniel (2018): Global Development and Colonial Power. German Development Policy at Home and Abroad, London. Crush, Jonathan (1995): Power of Development, London-New York. Crewe, Emma and Elizabeth Harrison (1998): Whose Development?: An Ethnography of Aid, London-New York. Eriksson Baaz, Maria (2005): The paternalism of partnership: a postcolonial reading of identity in development aid, London. Devereux, Peter (2008): International volunteering for development and sustainability: outdated paternalism or a radical response to globalisation?, in: Development in Practice, 18. Jg., Heft 3, S. 357–370. Haas, Benjamin und Sonja Richter (2019): Weltwärts im Kontext I – Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst im nationalen und internationalen Vergleich, Opusculum Nr. 123, hrsg. von Maecenata Institut, Berlin. Kapoor, Ilan (2008): The Postcolonial Politics of Development, London. Kerner, Ina (1999): Feminismus, Entwicklungszusammenarbeit und Postkoloniale Kritik. Eine Analyse von Grundkonzepten des Gender-and-Development-Ansatzes, Hamburg. Stern, Tobias und Jan Oliver Scheller (2012): Evaluierung des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes „weltwärts“, Köln. Polak, Jan Tobias, Kerstin Guffler und Laura Scheinert (2018): weltwärts-Freiwillige und ihr Engagement in Deutschland, hrsg. von DEval – Deutsches Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit, Bonn. Tiessen, Rebecca, Benjamin J. Lough and Kate E. Grantham (2018): Insights on International Volunteering. Perspectives from the Global South, in: Voluntaris Sonderband 2018, Baden-Baden. Ziai, Aram (2004): Imperiale Repräsentationen. Vom kolonialen zum Entwicklungsdiskurs, in: Informationszentrum Dritte Welt, Nr. 276, S. 15–18. Ziai, Aram (2012): Postcolonial perspectives on “development”, ZEF Working Paper Series, Nr. 103.

Chapter Preview

Schlagworte

Freiwilligendienste, Weltwärts, Entwicklungspolitik, Afrika, Internationale Beziehungen, Inklusion, Soziale Arbeit, Pädagogik

Keywords

international volunteering, Africa, international relations

References

Abstract

This special issue of Voluntaris further develops the discussions conducted at the first academic conference on developmental voluntary work, which took place at Cologne’s University of Applied Sciences (TH Köln) in September 2018 to celebrate the ten-year anniversary of the voluntary work programme ‘weltwärts’.This book provides an overview of the current state of research in this regard, with its contributions revealing which research findings are being discussed in politics and in practice and where further research is needed. This issue is edited by the conference’s team of organisers and consists of works by academic specialists in and those involved in the practical application of TH Köln’s research focus of informal education, representatives of the umbrella organisation ‘ventao’ (the Association of Developmental Exchange Organisations) and the editors of Voluntaris (the Journal for Voluntary Work).

Zusammenfassung

Der Voluntaris Sonderband vertieft die Diskussion der ersten wissenschaftsorientierten Fachtagung zu entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten in Deutschland, die im September 2018 an der TH Köln anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Freiwilligendienstprogramms Weltwärts stattfand. Der Band beschäftigt sich mit den Themenfeldern „Lernen und Bildung“, „Postkoloniale Perspektiven“, „Einschluss und Ausschluss“ sowie „Internationale Perspektiven“. Er gibt einen umfassenden Überblick zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu Weltwärts und entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten. Herausgegeben wird er vom Kurator*innen-Team der Tagung und versammelt 15 Beiträge von Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen.

Schlagworte

Freiwilligendienste, Weltwärts, Entwicklungspolitik, Afrika, Internationale Beziehungen, Inklusion, Soziale Arbeit, Pädagogik

Keywords

international volunteering, Africa, international relations