Content

Heinz-Jürgen Niedenzu, Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse. Zum Stellenwert der Geschichte in der soziologischen Theoriebildung in:

Gerda Bohmann, Karl-Michael Brunner, Manfred Lueger (Ed.)

Strukturwandel der Soziologie?, page 69 - 92

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-2993-7, ISBN online: 978-3-8452-7376-1, https://doi.org/10.5771/9783845273761-68

Bibliographic information
II. Sozialer Wandel und Kritik in der soziologischen Theorie Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse. Zum Stellenwert der Geschichte in der soziologischen Theoriebildung Heinz-Jürgen Niedenzu Die Entwicklung der Soziologie als Disziplin, das Aufkommen der verschiedenen soziologischen Paradigmen wie auch deren unterschiedliches Interesse an der Verarbeitung geschichtlichen Materials bzw. an geschichtlichen Perspektivierungen sind unabdingbar an historisch-gesellschaftliche Konstellationen und deren Wandel gebunden. Erkenntnisprozesse und Theoriebildung haben immer einen soziologisch-reflexiv bestimmbaren Raum- und Zeitbezug; so erscheint uns beispielsweise die Entwicklung poststrukturalistischer oder postkolonialer Theorien in der Gründungsphase der Soziologie genauso wenig vorstellbar wie umgekehrt im 21. Jahrhundert einfach gestrickte behaviorale Reiz-Reaktions-Modelle oder geschichtsphilosophisch-evolutionistische Entwürfe Anerkennung finden würden. Beides entspräche nicht dem disziplinären Wissensstand und den Erkenntnisinteressen der Forschenden in der jeweiligen geschichtlichen Epoche mit konkret gegebenen gesellschaftlichen Problemlagen und kulturellen Wissensbeständen. Genauso ist auch der Stellenwert lokaler, regionaler oder globaler geschichtlicher Ereignisse und Prozesse für die soziologische Theoriebildung innerhalb dieses Kontextes zu bestimmen. Niemand in der Soziologie wird diese Bedingtheit und Rückgebundenheit des eigenen Gegenstandsbereiches und des eigenen Erkenntnisprozesses an historisch entstandene soziokulturelle Rahmenbedingungen und Restriktionen ernsthaft in Frage stellen können. Im Folgenden geht es mir nun aber nicht um die disziplinäre Theorieentwicklungsgeschichte im Generellen und den wechselnden Stellenwert von Geschichte innerhalb spezifischer soziologischer Theorien und Paradigmen, also um die jeweilige Art der Bezugnahme auf geschichtswissenschaftliche Wissensbestände und deren Auf- und Verarbeitung. Vielmehr soll, dann aber natürlich vor dem Hintergrund des sich in der Vergangenheit akkumulierten geschichtswissenschaftlichen Wissensbestandes, auf einer allgemeineren und abstrakteren Ebene nur die Frage einer theoriegeleiteten Modellierung langfristiger soziokultureller Wandlungsprozesse thematisiert werden. Jürgen Habermas (1982b) hat diesen Modellbil- 71 dungsanspruch als die eigentliche Differenz zwischen soziologischer Entwicklungstheorie (Evolutionstheorie bzw. Theorie langfristigen soziokulturellen Wandels) und Geschichtswissenschaft ausgemacht, wobei allerdings zu konzedieren ist, dass sich letztere zunehmend sozialwissenschaftlicher Konzepte, Methoden und Theorien für das Erkennen und für die Interpretation geschichtlicher Artefakte bedient (Müller 2003). Für ein tiefergehendes soziologisches Verständnis früherer und gegenwärtiger gesellschaftlicher Strukturformen und Prozesse stellt nunmehr aber, so zumindest meine Behauptung, die Art und Weise der Modellierung makrosozialer Wandlungsprozesse den alles entscheidenden Faktor für jedweden Erklärungsanspruch dar. Heuristisch läuft dabei die Überzeugung mit, dass die theoriegeleitete Erfassbarkeit von geschichtlichen Prozessen, mithin die empirisch manifesten Ereignisse und Ereignisabfolgen sowie die Ausbildung variabler gesellschaftlicher Organisationsformen, ein Kernbestandteil einer jeden reflexiv angelegten soziologischen Theoriearchitektur sein muss. An dieser Stelle muss ich darauf verzichten, die zeitgenössischen Großtheorien oder Paradigmen diskursiv daraufhin zu befragen, inwieweit sie diesem Erfordernis Rechnung tragen bzw. warum das Thema langfristigen Wandels gesellschaftlicher Organisationsformen in den gegenwärtig aktuellen soziologischen Theorien in den Hintergrund getreten ist und nicht im Fokus der Theoriebildung steht. Im unmittelbar anschließenden Teil beschränke ich mich daher auf einige sehr allgemein gehaltene Bemerkungen zum defizitären Umgang mit Geschichte in der Soziologie und zur grundsätzlichen Notwendigkeit einer historisch aufgeklärten Soziologie. Diese Skizze soll den Kontext verdeutlichen, der in den letzten Jahrzehnten quasi als Gegenbewegung zu einer gewissen Renaissance der Historischen Soziologie beigetragen hat, auch wenn diese als eigenständige Forschungsperspektive innerhalb des Faches ein eher randständiges Phänomen geblieben ist. Daraus lässt sich aber keine Folgenlosigkeit für die Disziplin ableiten. Ein exemplarisches Beispiel hierfür ist die, international betrachtet, große Bedeutung von Shmuel N. Eisenstadt, einem Hauptvertreter der Historischen Soziologie, für die zeitgenössische Soziologie sozialen Wandels im Allgemeinen und für die Diskussion um die Moderne versus den Modernen im Speziellen (Bohmann, Niedenzu 2013). Im Hauptteil möchte ich deswegen an der von Eisenstadt betriebenen vergleichenden Kultur- und Zivilisationsanalyse, die in der Vorstellung von rezenten „multiple modernities“ kristallisiert, exemplarisch verdeutlichen, welche Bedeutung der historischen Perspektivierung für eine soziologi- Heinz-Jürgen Niedenzu 72 sche Theorie der Moderne zukommt. Ausgehend davon sollen im abschließenden Kapitel aus der Analyse seiner Argumentation kritische Punkte herausgearbeitet werden, die ihrerseits wiederum für die Entwicklung einer generellen Theorie langfristigen sozialen Wandels zu berücksichtigen sind. Im Hintergrund steht dabei die Generalthese, dass die Soziologie ohne eine genetische Perspektive ihren Erkenntnisgegenstand nur unzureichend erreicht. Soziologie und Geschichte – ein ambivalentes Verhältnis Seit ihren Anfängen ist die Soziologie mit zwei grundlegenden Fragestellungen befasst. Zum einen geht es um die Frage nach einer begrifflichanalytisch adäquaten Erfassung ihres Gegenstandes ‚Gesellschaft‘, wobei anfänglich, orientiert am Vorbild der Naturwissenschaften, die Frage nach grundlegenden Strukturgesetzen im Vordergrund stand. Prototypisch dafür sind die Comteschen Gesetze der Statik und der Dynamik als allgemeine Merkmale des natürlichen Systems ‚Gesellschaft als solche‘. Aber schon in dieser Dualität ist das Problem der Historizität des Gegenstandes auf einer abstrakten Ebene mitangesprochen, welches zuvorderst in der Tradition des evolutionären Denkens, wie es sich seit dem 18. Jahrhundert Bahn bricht und mit Charles Darwins biologischer Evolutionstheorie einen Höhepunkt erreicht, angegangen wird. Der Fokus liegt dabei auf langfristigen Wandlungsprozessen; in menschheitsgeschichtlicher Perspektive soll die historische Vielfalt gesellschaftlicher Organisationsformen und deren Wandel begrifflich-theoretisch erfasst werden, wobei aber natürlich vieles spekulativ bleibt. Im Vordergrund stehen jedenfalls Fragen nach strukturellen Unterschieden zwischen den von historischen Besonderheiten abstrahierten gesellschaftlichen Organisationsformen und nach den Mechanismen des Wandels, also den Übergängen zwischen den diskreten Formen (Niedenzu 2016). Typisch für dieses anfängliche Denken ist das Comtesche Dreistadiengesetz mit dem Wissenszuwachs als Triebkraft, mit dem positiven (wissenschaftlichen) Stadium als Endpunkt in der Entwicklung der Erkenntnisstrukturen und der industriellen Zivilisation als entsprechender Organisationsform; des Weiteren die Spencersche Stadienvorstellung, wo die Entwicklung mit zunehmender Differenzierung der Strukturen und der Ausbildung komplexerer Integrationsmechanismen auf jeweils höherer Stufe einem allgemeinen Gesetz des Fortschritts folgt; schließlich die Marxsche konflikttheoretische Vorstellung einer Abfolge 1 Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 73 von Produktionsweisen als Folge der Lösung von Widersprüchen im Basisbereich der Gesellschaft, die ihren Ausdruck in sozialen Kämpfen finden. Das in diesen drei Modellen verfolgte evolutionäre Verständnis geschichtlicher Prozesse ist mit Bezug auf die Suche nach Entwicklungsgesetzen noch teleologisch-geschichtsphilosophisch bestimmt, demzufolge die postulierten Entwicklungsstufen unilinear und gesetzmäßig durchlaufen werden. Trotzdem verweisen die auf abstrahierende Typenbildung hin angelegten Modelle bereits auf wichtige gesellschaftsverändernde Prozesse in den Erkenntnisstrukturen, auf strukturbezogene Differenzierungsvorgänge sowie konflikthafte Prozesse hin. Diese klassische Tradition evolutionären Denkens mit ihrer Berücksichtigung sowohl des geschichtlichen Gewordenseins kognitiver und struktureller Verfasstheiten als auch von langfristigen Wandlungsprozessen ist mit der Institutionalisierung und Professionalisierung der Soziologie weitgehend in den Hintergrund getreten. Abgesehen von einem kurzen Aufflackern der Diskussion in den 1960er/1970er-Jahren, wo es in der Soziologie um die konzeptionelle Verortung des Geschichtsprozesses bzw. der sozialen Evolution in den Theoriearchitekturen von Parsons (1966), Luhmann (1978) und Habermas (1982a) sowie in der Sozial- und Kulturanthropologie um ökonomisch-sozialstrukturell definierte Stadienmodelle, um die realhistorischen transitorischen Prozesse und um die die Veränderung bewirkenden Mechanismen ging (Sanderson 1990: 75ff., 131ff.), lässt sich wohl zurecht festhalten, dass der Hauptstrom der gegenwärtigen Soziologie mit Fragen von beschränkter Zeit- und Raumperspektive − unter Verzicht auf eine historische Tiefendimension − befasst ist. Dazu gehören so unterschiedliche Forschungen wie etwa die Wertewandelstudien in konkreten gegenwärtigen Gesellschaften oder Regionen, Studien zu Veränderungen der Sozialstrukturen, Lebenswelt- und Milieustudien in konkreten Gesellschaften, Studien zu den Geschlechterverhältnissen in der Gegenwartsgesellschaft, Untersuchungen zu den Transformationsprozessen in den osteuropäischen Staatsgesellschaften nach 1989, genauso aber auch ländervergleichende Studien zu Integrationsprozessen in der Europäischen Union; evolutionäre Fragestellungen fristen demgegenüber eher ein Nischendasein (Meleghy, Niedenzu 2003). Nun soll die Legitimität dieser raumzeitlich beschränkten Forschungen hier keineswegs in Abrede gestellt werden; vielmehr sind diese unverzichtbar für die Aggregation partieller Entwicklungen zu verallgemeinernden Aussagen über langfristigen, die basalen Gesellschaftsstrukturen verändernden sozialen Wandel. Aber obwohl derartige Untersu- Heinz-Jürgen Niedenzu 74 chungen als Materialgrundlage unverzichtbar sind, lässt sich aus ihnen noch nicht auf quasi induktivem Wege eine entsprechende Makrotheorie sozialen Wandels generieren; dafür bedarf es eines nur analytisch zu gewinnenden Theorierahmens, der die einzelnen Prozesse und Strukturver- änderungen erfassen, gewichten und ordnen kann. Einen Versuch in diese Richtung hat beispielsweise Habermas (1982b: 234f., 1982c: 136) unternommen, wenn er begrifflich zwischen Gesellschaftsformationen und deren Organisationsprinzipien als diskrete Strukturform einerseits sowie dem evolutionsfähigen Verbund von Persönlichkeits-, Kultur- und Gesellschaftssystem als prozessuales Moment andererseits unterscheidet (Preglau 2015: 316ff.). Programmatisch sehr wohl einer materialgeschichtlichen Perspektivierung verpflichtet sind die Vertreter einer ‚Historischen Soziologie‘, aber auch in diesem Fall bleibt die Forschung in aller Regel auf bestimmte Zeiträume und/oder Regionen und Systeme beschränkt (Spohn 1998). Selbst makrohistorisch orientierte Forschungsdesigns wie etwa die Debatte zur Entstehung der okzidentalen Moderne, die Modernisierungstheorien, die Weltsystemanalyse von Immanuel Wallerstein oder aktuelle Globalisierungstheorien bleiben bezüglich ihrer historischen Perspektive mehr oder weniger auf die Neuzeit beschränkt. Methodologisch steht dabei häufig immer noch das in der klassischen Phase der Soziologie entwickelte typenbildende und klassifizierende Verfahren im Hintergrund. Leitdifferenz ist dabei in den meisten Fällen implizit oder explizit die Differenzierung zwischen vormodern-traditional auf der einen und modern auf der anderen Seite sowie häufig eine nationalstaatliche Perspektive (Schwinn 2013; Spohn 2010a). Die Einbettung dieser Forschungen in eine umfassendere allgemeine soziologische Geschichtstheorie oder menschheitsgeschichtlich ausgerichtete Theorie sozialen Wandels bleibt ein Desiderat. Die Be- und Verarbeitung von Geschichte im Sinne eines an langfristigen Prozessen sozialen Wandels orientierten Theoriedesigns steht derzeit also, bildlich gesprochen, eher auf einem Nebengleis soziologischer Theoriearbeit. Das Anliegen einer historischen Tiefenperspektive findet sich am ehesten noch bei universalistisch ausgerichteten Vertretern einer Historischen Soziologie aufgenommen, so etwa in den diversen detaillierten Zivilisationsstudien, wie sie von Johann P. Arnason (2002, 2003, 2010) oder von Shmuel N. Eisenstadt (1996, 2006: 253ff.) vorgelegt worden sind. Einer explizit evolutionären Theorieperspektive verpflichtet sind hingegen im deutschsprachigen Raum die Arbeiten an einer Theorie sozialen Wandels bzw. einer prozessual angelegten soziologischen Geschichtstheo- Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 75 rie von Günter Dux (1982, 2000), für den angelsächsischen Raum wären W. G. Runciman (2009) sowie auch Stephen K. Sanderson (2001) als Proponenten eines soziologischen Neoevolutionismus zu nennen. Wir stehen mithin vor einer merkwürdigen Gemengelage. Einerseits ist die Anerkennung der Geschichtlichkeit aller sozialen Phänomene und gesellschaftlichen Strukturbildungen in der zeitgenössischen Soziologie ein unbestrittenes Grundaxiom, andererseits spielt die (tiefen)historische Dimension bei den meisten soziologischen Fragestellungen, und dort durchaus berechtigter Weise, keine prominente Rolle. In den großen Leitparadigmen des Faches wiederum wird dem Stellenwert geschichtlicher Prozesse für die eigene Theoriearchitektur unterschiedlich Rechnung getragen (Welz 1998: 18ff.; Welz, Weisenbacher 1998). Aber macht es, generell gefragt, überhaupt Sinn, das primär in Kultur- und Sozialanthropologie sowie in der Geschichtswissenschaft angesammelte Wissen, welches uns unter Konstrukten wie ‚gesellschaftliche Organisationsformen‘, ‚Geschichte von …‘, ‚Geschichte der …‘ angetragen wird, dem soziologischen Erkenntnisinteresse zuzuführen? Was gewinnen wir damit für das Verständnis rezenter Gesellschaften? Besteht nicht vielmehr die Gefahr, das überaus reiche anthropologische und historische Material unter einem Geschichtsbegriff zusammenzuführen, der selber unter dem Verdacht steht, Geschichte zu substanzialisieren und die Vielfalt der Ereignisse und Ereignisabfolgen unter einer vorausgesetzten ‚Logik des geschichtlichen Prozesses‘ zu subsummieren? Ansatzweise finden wir diese Gefahr ja sogar noch beim Eliasschen Geschichtsverständnis, wie er es in seinem Fragment zur Großen Evolution explizit gemacht hat (Elias 1983). Die Nähe zu Spencer ist dort unübersehbar. Es gibt jedoch zumindest einen recht banalen Grund, der den Verzicht auf eine langfristige Wandlungsperspektive verbietet: Gesellschaftliche Verhältnisse in ihren historisch manifest gewordenen Organisationsformen, von den sozialen Strukturen bis hin zu den Wissensstrukturen, bauen immer auf Vorgängerstrukturen auf. Dabei geht es nicht um eine Abfolgekausalität im Sinne einer soziale Prozesse determinierenden Wenn-dann- Konstellation, also nicht um eine den Veränderungsprozessen innewohnende und diese vorantreibende Logik, die sich in einer vorgegebenen Formenabfolge niederschlägt, sondern es geht um kontingente Entwicklungen in Abhängigkeit von ermöglichenden und beschränkenden Bedingungslagen. Im Sinne einer Pfadabhängigkeit lassen diese ein Spektrum von potentiellen Weiterentwicklungen zu und schließen andere als potentiell instabile Formen auf längere Dauer aus. Mit diesem evolutionären Ver- Heinz-Jürgen Niedenzu 76 ständnis sozialen Wandels sind sowohl die Emergenz neuer Phänomene, deren Variationen, längere Latenzzeiten als auch devolutionäre Prozesse vereinbar. Auf der Ebene von aus den historischen Besonderheiten abstrahierten allgemeinen Strukturformen lässt sich mithin der makrohistorische Prozess rekonstruktiv einholen und damit der Wandel der Formen einsichtig machen. So sind es spezifische historische Konstellationen, die den evolutionär neuen Strukturtyp ‚kapitalistisches System / Moderne‘ hervorbringen, aber gleichzeitig auch die unterschiedlichen Spielarten im angelsächsischen versus dem kontinentaleuropäischen Raum erklären. Auf der Ebene der Wissensstrukturen wurde das im europäischen Mittelalter weitgehend nur latent vorhandene kulturelle Wissen der griechischen und römischen Antike in der Renaissance wieder aufgegriffen, diskutiert und zu gänzlich neuen Reflexionsformen weiterentwickelt. Was sich aus der subjektgebundenen Miterlebensperspektive in aller Regel als ein kontinuierlicher Wandlungsprozess darstellt, wird in der theoretischen Rekonstruktion zum viele Generationen übergreifenden Bruch zwischen gesellschaftlichen Organisationsformen und -prinzipien, wobei aber parallel dazu weiterhin latente oder manifeste Kontinuitätslinien existieren. Andere Beispiele für dieses das Singuläre übergreifende rekonstruktive Verfahren wären die Eliassche Analyse des abendländischen Zivilisationsprozesses (Elias 2010) oder der Duxsche Versuch (2008), die Frage der sozialen Gerechtigkeit einem historischen Entstehungsort zuzuweisen und nicht als ahistorisches Problem sozialer Lebensweise zu verstehen. Letzten Endes verweist eine rekonstruktiv-prozessual angelegte soziologische Geschichtstheorie natürlich auf das Problem des Anfangs zurück, was hier aber noch nicht zur Debatte steht. Vor diesem Hintergrund soll jetzt das Erklärungspotential der Eisenstadtschen Kulturen und Zivilisationen vergleichenden Analyse für das Verständnis unterschiedlicher Formen moderner Gesellschaften ausgelotet werden. Seine Arbeiten sind für die hier diskutierte Thematik insofern von großem Interesse, verbindet er doch in seinen Analysen ein profundes materialgeschichtliches Wissen mit soziologisch-theoretischen Perspektiven über die Entwicklung von Gesellschaftsformen. In seinem Verständnis der Moderne kommen darüber hinaus sowohl Gesichtspunkte einer Pfadabhängigkeit (Kontinuität) als auch die Bruchperspektive (Moderne als neuartiges Phänomen) zum Tragen (Spohn 2011). Gleichzeitig lassen sich an seinem Beispiel aber auch die generellen Anforderungen an eine sachad- äquate Theorie langfristigen sozialen Wandels herausarbeiten. Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 77 Die Tiefendimension der Moderne – Shmuel N. Eisenstadts vergleichende Kultur- und Zivilisationsanalyse Die vorangestellte allgemeine Einschätzung der Bedeutung von Eisenstadt für Fragen des geschichtlichen Wandels soziokultureller Organisationsformen lässt sich mit Bezugnahme auf sein werkgeschichtlich wachsendes Interesse an historischen Fragestellungen und Verortungen präzisieren. Seine intensive Beschäftigung mit dem Wissensstand zu gegenwärtigen wie historisch vorgängigen Gesellschaften und Kulturen, wie es von den Sozialwissenschaften, der Anthropologie und den historischen Wissenschaften, aber auch von der Religionswissenschaft bis hin zur Philosophie zusammengetragen worden ist, findet in der Soziologie kaum seinesgleichen. Die sowohl synchrone als auch diachrone Forschungsperspektive ist global ausgerichtet, d.h. als potentielles Untersuchungsobjekt gerät praktisch jede Weltregion, Gesellschaft und Kultur in den Fokus. Die methodologische Grundausrichtung ist dabei primär auf den universalhistorischen Vergleich von Staaten, Gesellschaften und Kulturen hin orientiert, wobei neben die Strukturanalyse zunehmend Fragen des sozialen Wandels und damit die Prozessperspektive in den Vordergrund getreten sind. Hier steht die Untersuchung unterschiedlicher institutionell-kultureller Entwicklungswege von traditionellen zu modernen Gesellschaften im Vordergrund (Spohn 1998: 302). In seiner letzten Schaffensperiode ist es dann das Zivilisationskonzept, welches eine tiefenhistorische Linie zieht von den sogenannten Achsenkulturen über die erstmalige Ausbildung der Moderne im Okzident bis hin zur Gegenwartdiagnose einer multiplen Moderne (Joas, Knöbl 2004: 452). Die entscheidende Frage im Umgang mit der Mannigfaltigkeit des historischen und zeitgenössischen Wissens, welches selbst ja bereits das Ergebnis von alltagsweltlichen und/oder wissenschaftlichen Konstruktionsakten ist, ist die nach den theoriegeleiteten Kriterien, nach welchem das Material organisiert und in Erklärungsmodellen einer Interpretation zugeführt werden kann. Bei Max Weber diente u.a. das Kriterium des Ausma- ßes der den Weltreligionen immanenten Rationalitätspotentiale als eine Bedingung für Einstellungsmuster und Handlungsweisen von Akteuren, um auf diese Weise die Frage beantworten zu können, warum der Kapitalismus gerade im Okzident entstanden ist. Die Modernisierungstheorien, um ein anderes Beispiel zu nennen, zogen die Parsonschen Mustervariablen als einen Merkmalskomplex für die Unterscheidung von traditionalen und modernen Verhaltensmustern heran und postulierten daran anschlie- 2 Heinz-Jürgen Niedenzu 78 ßend Übergangsstrategien hin zu modern ausgerichteten Menschen und Gesellschaften (Joas, Knöbl 2004: 430ff.). Eisenstadt behält die historisch-komparative und kulturtheoretisch nuancierte Perspektive von Weber mit dessen Betonung der kulturellen Ebene als eines eigenständigen Erklärungsfaktors bei. In Auseinandersetzung mit und in Abhebung vom Parsonschen Strukturfunktionalismus und den funktionalistisch argumentierenden Modernisierungstheoretikern betont er in seinen eigenen Untersuchungen zu langfristigen Wandlungs- und Modernisierungsprozessen jedoch sehr viel stärker akteurs-, prozess- und konflikttheoretische Aspekte. Ebenso versucht er die polarisierende Gegenüberstellung von Tradition und Moderne als sich wechselseitig ausschließend zu überwinden und in ein Sowohl-Als-Auch zu überführen, um damit dem gleichzeitigen Vorhandensein moderner und traditionaler Elemente in Gesellschaften Rechnung zu tragen. Man könnte theoriegeschichtlich von einem in den 1960/70er-Jahren heuristisch innovativen, verschiedene Theorietraditionen integrierenden Analyseraster sprechen. Damit rückt aber auch ein anderes Verständnis vorhandener Strukturen und ablaufender Prozesse in den Vordergrund: Autochthone Traditionen und Kulturen sowie historisch-soziokulturell variierende Bedingungskonstellationen geraten als eigenständige Prozessfaktoren und Konfliktlinien in den Fokus, wodurch das westzentrierte und normativistische Modernekonzept und damit parallel laufende evolutionistisch-konvergenztheoretische Vorstellungen über den Modernisierungs-/Globalisierungsprozess bezüglich seiner theoretischen und empirischen Angemessenheit auf den Prüfstand gerieten. Mit dieser Problematisierung gerät die bis dato verfolgte konvergenzorientierte Theorie sozialen Wandels unter Ideologieverdacht, die mehr oder weniger offen mit einer Entwicklung auf einer unilinearen Fortschrittslinie in Richtung einer einheitlich verstandenen Moderne bei gleichzeitiger Abwertung des kulturell und gesellschaftlich Traditionalen und Autochthonen argumentierte. Eisenstadt nimmt hier teilweise also bereits sehr früh Perspektiven in sein Forschungsdesign hinein, die dann später in der ‚postkolonialen Soziologie‘ (Reuter, Villa 2010) prominent werden. Allerdings wird das Eisenstadtsche Konzept der multiplen Modernen (2000, 2007) von dieser Seite wiederum einer kritischen Revision unterzogen, blende sein Moderneverständnis doch die strukturell machtdurchwirkten Interdependenzen zwischen Gesellschaften und Zivilisationen aus und erhebe die europäische Moderne damit doch wiederum einseitig zum Bezugspunkt und zur Richtschnur der Entwicklung multipler Modernen (Boatcă 2013: 377ff.). Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 79 Das Eisenstadtsche Moderneverständnis (2004, 2005, 2006: 241ff.) umfasst in der Soziologie weitgehend unbestrittene Merkmale und Prozesse wie z.B. strukturelle Differenzierung, Nationalstaatsentstehung, Reorganisation kollektiver Identitäten, Ausweitung politischer, sozialer und kultureller Partizipation, Entwicklung neuer Integrationssymbole, soziale Mobilität etc. sowie als kulturelle Prämisse die Vorstellung einer grundsätzlichen Prozessualität von Strukturen, also die Idee der Wandelbarkeit gesellschaftlicher Grundmuster. Stärker als in vielen Theorien sozialen Wandels üblich betont er aber das konflikthafte dieser Wandlungsprozesse und fragt danach, wie es im Modernisierungsprozess gelingt, die multidimensionalen Konfliktpotentiale institutionell-systemisch zu absorbieren. Da diese verschiedenen Prozesse zusätzlich noch sequenziell und temporal unabhängig voneinander variieren können, kommt er schon sehr früh aufgrund von theoretischen Überlegungen und der Analyse der empirischen Daten zum Schluss: „there exists no single road to modernity“ (Eisenstadt 1966: 45). Damit stellt er bereits in den 1960er-Jahren das unilineare Stadienmodell der Modernisierungstheorien und konvergenztheoretische Annahmen in Frage (Niedenzu 2014: 225). Variabilität und Prozessdynamik sind aber nur die eine Seite des Modernisierungsprozesses, denn parallel dazu werden immer auch Ordnungsstrukturen generiert. Hier kommt nun die akteurstheoretische Ausrichtung zum Tragen. Besonderes Augenmerk richtet Eisenstadt dabei auf das institutionen- und symbolgenerierende Handeln von gesellschaftlichen Eliten und sozialen Protestbewegungen sowie deren Orientierungsmuster. Im Falle von Westeuropa geht er von einem sich primär autochthon aufgrund von gesellschaftsinternen Bedingungslagen in Gang setzenden Modernisierungsprozess aus. Bei der Benennung der Akteure sind es für ihn relativ anpassungsfähige Eliten und Regimes, denen die gestalterische Rolle zufällt. Immer breitere Bevölkerungsschichten werden systemisch inkludiert, Zentrum und Peripherie durchdringen sich bezüglich ihrer Symbolsysteme und Ideen zunehmend wechselseitig; konsequenterweise verbindet Eisenstadt Protestbewegungen, Revolutionen und anomische Zustände dann mit der mangelnden Aufnahmefähigkeit von Forderungen und Ansprüchen durch die herrschenden Eliten. Europa steht für die erste Modernisierungsphase; alle anschließend stattfindenden Modernisierungsprozesse in anderen Staaten oder Kolonien verlaufen bereits in der Auseinandersetzung mit der europäischen Moderne und generieren die bekannten sozialen und kulturellen Folgeprobleme im Spannungsfeld von Tradition und Moderne. Die postulierten unter- Heinz-Jürgen Niedenzu 80 schiedlichen Modernisierungswege und -verläufe können theorieimmanent nur auf die Multidimensionalität der zu modernisierenden Bereiche, also Politik, Ökonomie, Sozialstruktur, Orientierungsmuster und deren unterschiedliche Temporalität zurückgeführt werden. Für die Implementierung neuer institutioneller Muster und Symbol- und Orientierungssysteme ist aber das Zusammenspiel von strukturellen Faktoren und von Machtkämpfen zwischen rivalisierenden Eliten und Gruppen sowie deren Beziehung zu breiteren Bevölkerungsschichten ausschlaggebend. Für die Weiterentwicklung der vorherrschenden Theorie sozialen Wandels sind mit den komparativen Studien von Eisenstadt ab den 1960er-Jahren somit wichtige Wegmarken gesetzt: Absage an Tradition und Moderne dichotomisierende Modelle, die mit Vorstellungen von unilinearen und stadiendurchlaufenden Entwicklungsprozessen operieren; die komparative Heuristik verweist auf pfadabhängige Prozesse, in denen das Aufeinandertreffen von autochthonen Traditionen und westlicher Moderne zu unterschiedlichen sozialen und kulturellen Lösungswegen führt; schließlich die Aufwertung der kulturell-symbolischen Ebene in Erweiterung des damals gängigen auf ökonomische und politisch-institutionelle Fragen verkürzten Analyserahmens sowie eine konflikttheoretisch orientierte Analyse. Dieses ursprüngliche Konzept von Varianten einer einzigen Moderne radikalisiert Eisenstadt ab den 1980er-Jahren hin zum Konzept der „multiple modernities“. Damit gibt er einerseits der Theorie sozialen Wandels eine historische Tiefendimension, die wohl evolutionär argumentiert, aber sich von den evolutionistischen Modellen der soziologischen Klassik freimacht; andererseits zeigt er damit der weitestgehend westzentrisch ausgerichteten Soziologie eine Richtung auf, sich selbstreflexiv aus der Verstrickung in eine spezifische historische Ausgangskonstellation zu befreien und sich perspektivisch als globale Soziologie neu aufzustellen. In Anlehnung an das von Karl Jaspers vertretene geschichtsphilosophische Modell einer Achsenzeit (Bellah, Joas 2012; Breuer 1994), demzufolge in verschiedenen voneinander unabhängigen Kulturräumen innerhalb einer kurzen Zeitspanne historisch völlig neue Formen an Reflexivitätsvermögen aufgekommen seien, wendet sich Eisenstadt der Untersuchung der vor der Zeitenwende und kurz danach entstandenen achsenzeitlichen Hochkulturen und Imperien zu. In Fortführung seines bisherigen komparativen Forschungsprogramms analysiert er systematisch die sozialstrukturellen und kulturellen Entwicklungen in den Achsenkulturen in konfliktund handlungstheoretischer Perspektive, wobei als die entscheidenden Handlungsträger wiederum die sozialen, ökonomischen und kulturellen Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 81 Eliten, deren interne Auseinandersetzungen und deren Mobilisierungspotential in Bezug auf andere Bevölkerungsteile, Ethnien und Klientelbildung in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Ausgangspunkt für die Entwicklung der „multiple modernities“-Vorstellung wird aber die kultursoziologische Akzentverlagerung, die Eisenstadt nunmehr vornimmt. Den Schwerpunkt seiner Analysen legt er jetzt auf die von den kulturellen Eliten ausgedeuteten und vertretenen kosmologischen und religiösen Orientierungssysteme, wobei die Spannung zwischen transzendental begründeter ontologischer Ordnungsvorstellung und weltlicher Realordnung entscheidend wird. Hier zeigt sich das Besondere der achsenzeitlichen Kulturen: Zum ersten Mal in der Geschichte kann die weltliche Ordnung mit einer transzendental begründeten Ordnung in ein Verhältnis gesetzt werden; konkret können irdische Verhältnisse nunmehr in einen Bezug zu einer idealen Ordnung gesetzt werden und auf ihre Entsprechung mit dieser hin befragt und hinterfragt werden. Damit entstehen neue Notwendigkeiten, real existierende Herrschaftsstrukturen, ökonomische Verhältnisse und kulturell-symbolische Orientierungsmuster auf der Folie des Extramundanen zu rechtfertigen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte geraten Herrscher und Herrschaftssysteme potentiell in Gegenlage zu ihrer traditionalen Legitimationsgrundlage, der Gottkönig als soziale und kulturelle Zentralposition verschwindet sukzessive. Bei empfundener Abweichung vom Idealzustand können nunmehr Wandlungsdynamiken ausgelöst werden. Eisenstadt fasst die Dynamik mit den beiden Gegensatzbegriffen Orthodoxie und Heterodoxie sowie Zentrum und Peripherie. Es sind primär die sozialen und kulturellen Eliten, die untereinander in Machtkämpfen um soziale und ökonomische Positionen sowie um die Deutungshoheit transzendentaler Vorgaben stehen (Eisenstadt 2009: 117f.). Heterodoxie und Peripherie stehen für die Verlierer und Au- ßenseiter in diesen Ausscheidungskämpfen, die jedoch in Konfliktsituationen für sich beanspruchen, für die wahre Interpretation der idealen Ordnung zu stehen. Insofern sind die Begriffe relational zu sehen: so werfen die, aus Sicht des Zentrums, heterodoxen Bewegungen dem Zentrum wiederum vor, selber heterodox geworden zu sein, also von den Vorgaben der kulturellen Orientierungsmuster abgewichen zu sein. Damit wird die Heterodoxie im Eigenverständnis zur eigentlichen Vertretung einer wahren Orthodoxie. Innerreligiöse und politische Erneuerungsbewegungen folgen häufig diesem Muster; dabei geht es diesen protofundamentalistischen Bewegungen in den axialen Kulturen jedoch noch nicht um ein neues gesellschaftliches Ordnungssystem, sondern um Readjustierung von aus deren Heinz-Jürgen Niedenzu 82 Sicht fehlgelaufenen Entwicklungen zurück auf einen Normzustand, der seinerseits aus außerweltlichen Bezügen konstruiert wird. Noch mit dem Aufkommen der Moderne lassen sich viele fundamentalistische Bewegungen, religiös wie areligiös gebundene, diesem Muster einer zugrundeliegenden Spannung zuordnen, wobei sich das an neuen gesellschaftlichen Utopien anstelle außerweltlicher Bezüge orientierte, wirklich strukturver- ändernde Handeln, erst mit den Revolutionen der Neuzeit Bahn bricht (Eisenstadt 1998). Für die weiterführende zivilisationstheoretische Argumentation kommt insbesondere den in diesem Zeitraum entstehenden monotheistischen Religionen entscheidende Bedeutung zu. Eisenstadt zufolge ist es die Spannung zwischen transzendentaler und weltlicher Ordnung, die zu heterodoxen Potenzialen führt, die später in den großen politischen Revolutionen der europäischen Neuzeit weiter ausbuchstabiert worden sind. Wie die Spannung gelöst wird, hängt dabei davon ab, inwieweit die kulturellen Eliten in das weltliche Herrschaftssystem eingegliedert sind und inwieweit die Religionen und deren Vertreter eher innerweltlich oder eher außerweltlich orientiert sind. Im Unterschied etwa zum Hinduismus, zum Buddhismus und zum Konfuzianismus lenken insbesondere das Christentum und der Islam das Aktivitäts- und Wandlungspotenzial der Eliten auf die Gestaltung der innerweltlichen Verhältnisse (Joas, Knöbl 2004: 455ff.). Die Zentralthese von Eisenstadt lässt sich also dahingehend ausformulieren, dass die Spannung zwischen dem Transzendenten und dem Mundanen, entstanden in achsenzeitlichen Kulturen, als ontologische Tiefendimension in vielfältig vermittelter Art und Weise bis in moderne soziale Strukturbildungen, institutionelle Formen und interpretative Deutungsmuster fortwirkt (Arnason, Eisenstadt, Wittrock 2005). An die Stelle religiöser Orientierungsmuster mögen areligiöse Utopien getreten sein; die Spannung aber zwischen einer konstruierten Idealität und der faktisch gegebenen Realität bleibt für soziale Bewegungen Ausgangspunkt für reformatorische oder revolutionäre Aktionen und Anstrengungen. Da sozialstrukturelle, institutionelle und kulturell-symbolische Prozesse jedoch nicht parallel verlaufen müssen, finden sich hier erste Anhaltspunkte für die Variabilität von Entwicklungen selbst innerhalb eines Kulturkreises; ich erinnere an die anfangs angesprochene Eisenstadtsche These von Varianten der westlichen Moderne. Der Zivilisationsbegriff löst sich nun vollends von konkreten Gesellschaften oder Nationen sowie konvergenztheoretischen Vorstellungen. Je nach Auflösung der Spannung zwischen Transzendentem und Mundanem Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 83 lassen sich bereits in den Achsenkulturen verschiedene eigenständige zivilisatorische Muster ausmachen. Die Genese dieser kulturellen Grundmatrizen liegt mithin weit zurück in der Vergangenheit, aber als Traditionsbestandteile führen sie dazu, dass sich in der späteren Konfrontation mit der ersten, europäischen Moderne nicht Varianten dieser herausbilden, sondern es zu einer Vielfalt an Modernen kommt. D.h., aus der Konfrontation verschiedener tradierter Zivilisationsmuster, die ihrerseits aus der unterschiedlichen Auflösung der Spannung resultieren, mit Formen der westlichen Moderne resultieren „multiple modernities“. Deren Kennzeichnung setzt also nicht deskriptiv auf der Oberfläche sozialer, institutioneller und kultureller Unterschiedlichkeiten an, sondern argumentiert aus einer tiefenhistorisch verankerten Theorie sozialen Wandels heraus diese Unterschiede als qualitative und nicht als bloße Varianten einer einzigen Moderne bzw. Modernität (so hingegen Schmidt 2010). Damit verabschiedet sich Eisenstadt endgültig sowohl von konvergenztheoretischen als auch von staatsorientierten als auch von monokausalen, deterministischen und universalistischen Vorstellungen über Modernisierungsprozesse. Damit werden auch die in vielen Globalisierungstheorien im Vordergrund stehenden homogenisierenden Effekte der (westlichen) Moderne in ihrer Erklärungskraft bezüglich der ablaufenden (Macht‑)Prozesse relativiert (Schwinn 2009; Inglis 2010). Die multiplen Modernen sind für Eisenstadt das Ergebnis von offenen und konflikthaften Wandlungsprozessen, die vor dem Hintergrund historischer und zivilisatorischer Vermächtnisse ihren Lauf nehmen und damit auch nur historisch-komparativ erfasst werden können. Desiderate einer Theorie langfristigen sozialen Wandels Was ist der Ertrag der hier nur rudimentär vorgestellten zivilisationsvergleichenden Studien von Eisenstadt für die Ausarbeitung einer Theorie langfristigen sozialen Wandels? Soziologisch lässt sich langfristiger Wandel nur als grundlegende Ver- änderung der basalen ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Organisationsstrukturen sowie der Wissensstrukturen von Gesellschaften erfassen. Wandlungstheorien müssen hier in klassifizierender Absicht zwangsläufig mit Typiken historisch diskreter gesellschaftlicher Organisationsmodelle operieren. So verfahren die eingangs erwähnten Modelle von Habermas und die der Sozial- und Kulturanthropologie, die idealtypisch das Allgemeine im Besonderen herauszuarbeiten ersuchen. Schon hier 3 Heinz-Jürgen Niedenzu 84 wurden Vorentscheidungen darüber getroffen, welche Dimensionen des Sozialen, also ökonomische, sozialstrukturelle, kulturelle und/oder kognitive Aspekte, als Hauptunterscheidungsmerkmale zwischen den Entwicklungsstufen herangezogen werden sollen. Des Weiteren sollten die Wirkmechanismen zumindest in abstracto benannt werden können, die grundlegende Wandlungsprozesse in Gang setzen können, ohne dabei deterministischen oder teleologischen Entwicklungsvorstellungen zu verfallen. Schließlich ist innerhalb des Entwicklungsprozesses das Verhältnis von Kontinuität und Bruch zwischen den historisch und entwicklungsmäßig diskreten Organisationsformen herauszuarbeiten. Die Eisenstadtschen Studien zu den Achsenkulturen sowie zur Ausbildung der westlichen Moderne sind geschichtlich perspektiviert und überaus materialgesättigt, aber den soeben genannten Kriterien für die Entwicklung bzw. einer Ausarbeitung einer Theorie langfristigen soziokulturellen Wandels genügen sie nur zum Teil. Förderlich für die Theorieentwicklung ist sicherlich, dass unter Bezugnahme auf ein und denselben analytischen Grundraster (Handeln-Sozialstruktur-Kultur; Orthodoxie-Heterodoxie; Zentrum-Peripherie; Eliten als Hauptakteure; soziale Bewegungen; Konkurrenzsituationen; Mitgliedschaftsregeln für gesellschaftliche Inklusion; Symbolwelt; Außermundanes als Vergleichs- und Orientierungsmaßstab für soziokulturelles Handeln etc.) die Unterschiede zwischen Achsenkulturen und der ersten Moderne als jeweils diskrete gesellschaftliche Organisationsmodelle dargelegt werden (= Bruchperspektive). Gleichzeitig wird das Neue als eigenständiger Lösungsweg für Problemstellungen verstanden, deren Wurzeln bereits in der die Achsenkulturen kennzeichnenden Spannung zwischen transzendentaler und weltlicher Ordnung und den dieser Spannung immanenten heterodoxen Potenzialen angelegt sind (= Kontinuität bzgl. des Wirkmechanismus). Es geht ihm also nicht primär um einfaches Konstatieren einer typologischen Unterschiedlichkeit im Sinne von Klassifikation, sondern er sucht nach dem Verbindungsglied oder, anders ausgedrückt, er versucht Bedingungslagen für die zeitlich sehr viel spätere Emergenz völlig neuer Systemstrukturen zu benennen und diese tiefenhistorisch zu verorten. Da die diachrone Perspektive immer aber schon mit der synchronen verknüpft ist, kann er gleichzeitig das abstraktive Grundmodell der Achsenkulturen einerseits bzw. der Moderne andererseits quasi zivilisationsintern weiter ausdifferenzieren, also die strukturelle Variabilität sowohl traditional-hochkultureller, sich modernisierender als auch moderner Gesellschaften herausarbeiten, ohne die übergeordnete Analyseeinheit (= Zivilisationsbegriff als das Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 85 übergeordnete Allgemeine) aufgeben zu müssen. Auf diese Weise gelingt es ihm, wiederum tiefenhistorisch argumentierend, im Sinne von Pfadabhängigkeiten bzw. spezifischen Bedingungslagen die These der „multiple modernities“ zu entwickeln, wobei kulturell-symbolische Aspekte von besonderer Bedeutung für die Argumentation sind. Ein weiterer Vorteil der Eisenstadtschen Arbeitsweise liegt darin, dass er implizit eine (schwache) evolutionäre Perspektive bzw. eine Entwicklungsvorstellung vertritt, ohne jedoch evolutionistisch zu argumentieren. Völlig zu Recht wendet er sich gegen die älteren evolutionären Stadienmodelle, die mehr oder weniger explizit mit gesetzmäßigen, gradlinigen und universal gültigen Entwicklungen operierten. An die Stelle der Analyse systemimmanenter Eigenschaften und Übergangsmechanismen traten dort allgemeine Ursachen (z.B. wirtschaftliche, technologische, geistige usw.) und Trends, etwa in Richtung auf Komplexitätssteigerung. Sehr oft verwechselten sie Eisenstadt zufolge dabei allerdings allgemeine Trends mit den Ursachen des Wandels oder nahmen an, allgemeine Tendenzen könnten konkrete Wandlungen erklären (Eisenstadt 1970: 75). In Abhebung von diesen Ansätzen legt Eisenstadt in seiner Analyse der Achsenzivilisationen besonderen Wert darauf, die Spezifika dieser Gesellschaften und ihrer Institutionen detailliert herauszuarbeiten (= das Besondere im Allgemeinen). Der Wandlungsmechanismus wird endogen und multifaktoriell unter macht-, konflikt- und kulturtheoretischen Gesichtspunkten als ein kompliziertes Zusammenspiel von Eliten, Machtstrukturen und symbolischen Orientierungssystemen (Weltbilder; Religionen) konzeptualisiert, wodurch es zu kontingenten, weil kontextabhängigen Kristallisationsformen kommt (Eisenstadt 2009: 135ff.). Die komparative Heuristik, die Eisenstadt in seinen Studien verfolgt, beinhaltet gleichzeitig aber auch entscheidende Schwachpunkte für die Entwicklung einer Theorie langfristigen sozialen Wandels. Diese betreffen zum einen die konkreten Analysen, zum anderen aber in Verbindung damit auch das theoretische Design als solches. Im Vordergrund stehen wohl Strukturanalysen der untersuchten Kulturen und Gesellschaften, die aber analytisch einseitig nur aus interessens-, handlungs- und konflikttheoretischer Perspektive aufgearbeitet werden, wodurch eigenlogische systemische Prozesse ausgeblendet werden. So kann sowohl seine Elitenfixierung als auch eine gewisse Kulturlastigkeit seiner Argumentation hinterfragt werden, aus denen endogen Konfliktpotentiale und Veränderungsprozesse abgeleitet werden. Gleichzeitig bleiben exogene interzivilisatorische Prozesse unberücksichtigt (anders Spohn Heinz-Jürgen Niedenzu 86 2010b), genauso wie die Achsenkulturen quasi zu einem Nullpunkt der Analyse für die Erklärung der Genese der Moderne werden. Das typisierende Merkmal einer fast zeitgleich in verschiedenen Regionen auftretenden Grundspannung zwischen den Sphären des Mundanen und des Transzendenten und die damit einhergehende gesteigerte Reflexivität auf die Verhältnisse als neuer Erkenntnis- und Wissensstufe werden selbst nicht mehr historisch-genetisch bzw. prozessual-rekonstruktiv begründet. Da er Interferenzen zwischen den Zivilisationen weitgehend unberücksichtigt lässt, müssen die Ursachen für das parallele Auftreten eines neuen Organisationsmodells und eines neuen Weltverständnisses strukturell in ähnlich gelagerten jeweils rein endogenen Vorbedingungen liegen, also im historischen Vorlauf der differenten Achsenkulturen. Obwohl Eisenstadt grundsätzlich evolutionäre Tendenzen in der Weltgeschichte anerkennt, stellt er seine punktualistische Argumentation in keinen umfassenderen prozessualen Kontext. Vorgängerstrukturen, die etwa erklären könnten, warum es in dieser Epoche in mehreren Kulturen in relativer zeitlicher Gleichzeitigkeit zu einer neuen Art von Reflexivität und Weltverständnis gekommen ist, werden nicht genannt, obwohl es dann im weiteren Geschichtsverlauf gerade Vorgängerstrukturen sind, die die Grundlage für die These von „multiple modernities“ abgeben. Hier mangelt es an einer durchgängigen Entwicklungstheorie, innerhalb deren Achsenzeit und Moderne eingebettet und argumentiert werden können. Für eine Theorie langfristigen Wandels, die Unterscheidungen und Zuordnungen in Bezug auf Entwicklungsniveaus treffen muss, fehlt es an einem mehrdimensional ausgerichteten Analyseinstrument. Bei Eisenstadt wird die kulturelle Ebene und das Weltverständnis zum ultimaten Grund für die, vermittelt über das Handeln elitärer Gruppierungen, differente Ausgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung bzw. das Aufkommen eines neuen Organisationsmodells. Die komparative Vorgangsweise macht wohl die Strukturunterschiede zwischen Achsenkulturen und der Moderne sehr klar, aber die Erklärung der Entstehung der Moderne aus in den Achsenkulturen entstandenen Bedingungslagen kommt über das Plausibilitätsniveau nicht wirklich hinaus. Dafür müssten die transitorischen und lange Zeiträume überbrückenden Prozesse sowohl auf der Ebene der Kulturtradierung als auch auf der Ebene der politischen und kulturellen Trägergruppen in den Fokus der Analyse rücken. Anders ausgedrückt bleibt das heuristische Konzept der Pfadabhängigkeit empirisch weitestgehend unausgeschöpft (Knöbl 2010). Außerdem bedarf es einer stärker ausgearbeiteten Konzeption und Theorie der Moderne, die sich nicht in einer primär kultu- Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 87 ralistischen Terminologie erschöpft (Schmidt 2010: 140), sondern auch Machtverhältnisse und Ressourcenverteilungen berücksichtigt. Um abschließend auf die Ausgangsfrage zurückzukommen. Die Analyse und komparative Verarbeitung historischen Materials, wie sie von Eisenstadt vorgenommen worden ist, ist eine notwendige Vorbedingung für die Entwicklung einer Theorie langfristigen sozialen Wandels, aber aufgrund ihrer selbstauferlegten Beschränkungen auf der Modellebene noch nicht hinreichend für eine solche. Eisenstadt bleibt in letzter Konsequenz Gefangener seiner komparativen und typologisierenden Heuristik, der kein evolutionäres Entwicklungsmodell mit unterscheidbaren mehrdimensional bestimmten Entwicklungsstufen zugrunde liegt. Auf der einen Seite bedarf es parallel und zusätzlich zu den handlungs- und konflikttheoretischen Analysen, die Entwicklungen auf der Mikro- und der Makroebene zumindest programmatisch zu verknüpfen versprechen, einer kognitionstheoretischen Rekonstruktion der Entwicklung von Erkenntnis-, Wissens- und Weltbildstrukturen, wobei die jeweiligen Prozesse natürlich immer in einem Wechselwirkungszusammenhang zu den anderen Dimensionen des Sozialen stehen. Gesellschaftliche Entwicklungen werden wohl über Macht prozessiert, aber in ihren formativen Ausprägungen sind diese auch vom kognitiven Entwicklungsstand abhängig. Während Eisenstadt versucht, die den soziokulturellen Prozessen zugrundeliegende Machtdynamik materialreich zu belegen, bleibt die den axialen Weltbildern zugrundeliegende Denk- und Handlungslogik theoretisch unterbelichtet bzw. deren Aufkommen im Dunkeln. Schlussendlich argumentiert Eisenstadt die Entstehung der ersten Moderne primär kontinuitätstheoretisch aus dem substantiellen Fortwirken der achsenkulturellen Spannungen und den diesen immanenten heterodoxen Potentialen, die sich allerdings in neuen Formen niederschlagen. Prozesse langfristigen sozialen Wandels zeichnen sich jedoch immer durch eine Dialektik von Kontinuität und Bruch aus, d.h. neben das Kontinuitätsmoment muss das Moment der Emergenz als ein eigenständiger Prozess gestellt werden. Menschliches Kreativitätsvermögen und zwischenkulturelle Kontakte können kognitive und kulturelle Sprünge ermöglichen, wodurch die Kontinuität einer pfadabhängigen Entwicklung gebrochen werden kann. Insofern ist auch die Bedeutung der achsenzivilisatorischen Erbschaft für die Ausbildung multipler Modernen hinterfragbar. Bei Eisenstadt bleibt diese prozessuale Rekonstruktion der Dialektik von Kontinuität und Bruch jedenfalls, obwohl postuliert, noch zu sehr unterbelichtet. Heinz-Jürgen Niedenzu 88 Eine Theorie langfristigen sozialen Wandels hat über diese konkreten Einwände hinausgehend noch ein sehr viel grundsätzlicheres Problem zu lösen: Sie bedarf eines theoretisch und empirisch plausiblen Anfangspunkts, von dem aus die Entwicklung der verschiedenen historisch aufgetretenen gesellschaftlichen Organisationsmodelle rekonstruiert werden kann. Um einem infiniten Regress in einem kontinuierlich vonstattengehenden phylogenetischen Prozess auszuweichen, könnte dieser fiktive Nullpunkt im Tier-Mensch-Übergangsfeld gesetzt werden. Hierbei könnten die Arbeiten der Philosophischen Anthropologie zur Bestimmung des heuristisch erforderlichen Ausgangspunkts für eine Theorie langfristigen sozialen Wandels als Darstellung menschheitsgeschichtlicher Organisationsformen dienen (Niedenzu 2003: 282ff.; Fischer 2014). Diesbezüglich bleibt für die soziologische Theoriearbeit bezüglich der Thematik langfristigen sozialen Wandels noch viel zu tun. Literatur Arnason, Johann P. (2002): The Peripheral Centre. Essays on Japanese History and Civilization. Melbourne: Transpacific Press Arnason, Johann P. (2003): Civilizations in Dispute: Historical Questions and Theoretical Traditions. Leiden / Boston: Brill Arnason, Johann P. (2010): The Cultural Turn and the Civilizational Approach, in: European Journal of Social Theory 13, 67-82 Arnason, Johann P. / Eisenstadt, S. N. / Wittrock, Björn (Hrsg.) (2005): Axial Civilizations and World History. Leiden / Boston: Brill Bellah, Robert / Joas, Hans (Hrsg.) (2012): The Axial Age and Its Consequences. Cambridge, MA. / London: Harvard University Press Boatcă, Manuela (2013): Two-Way Street. Moderne(n), Verwobenheit und Kolonialität, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 38, 375-394 Bohmann, Gerda / Niedenzu, Heinz-Jürgen (2013): Multiple Modernities. Chancen und Grenzen eines Konzepts, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 38, 327-332 Breuer, Stefan (1994): Kulturen der Achsenzeit. Leistung und Grenzen eines geschichtsphilosophischen Konzepts, in: Saeculum 45, 1-33 Dux, Günter (1982): Die Logik der Weltbilder. Sinnstrukturen im Wandel der Geschichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Dux, Günter (2000): Historisch-genetische Theorie der Kultur. Instabile Welten – Zur prozessualen Logik im kulturellen Wandel. Weilerswist: Velbrück Dux, Günter (2008): Warum denn Gerechtigkeit. Die Logik des Kapitals. Weilerswist: Velbrück Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 89 Eisenstadt, Shmuel N. (1966): Modernization: Protest and Change. Englewood Cliffs, N.J.: Prentice-Hall Eisenstadt, Shmuel N. (1970): Sozialer Wandel, Differenzierung und Evolution, in: Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Theorien des sozialen Wandels. Köln / Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 75-91 Eisenstadt, Shmuel N. (1996): Japanese Civilization − A Comparative View. Chicago: University of Chicago Press Eisenstadt, Shmuel N. (1998): Die Antinomien der Moderne. Die jakobinischen Grundzüge der Moderne und des Fundamentalismus. Heterodoxien, Utopismus und Jakobinimus in der Konstitution fundamentalistischer Bewegungen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Eisenstadt, Shmuel N. (2000): Die Vielfalt der Moderne. Weilerswist: Velbrück Eisenstadt, Shmuel N. (2004): The Civilizational Dimension of Modernity. Modernity as a Distinct Civilization, in: Arjomand, Saїd  Amir / Tiryakian, Edward A. (Hrsg.): Rethinking Civilizational Analysis. London et al.: Sage Eisenstadt, Shmuel N. (2005): Modernity in Socio-historical Perspective, in: Ben- Rafael, Eliezer / Sternberg, Yitzhak (Hrsg.): Comparing Modernities. Pluralism versus Homogenity. Essays in Homage to Shmuel N. Eisenstadt. Leiden: Brill, 31-56 Eisenstadt, Shmuel N. (2006): Theorie und Moderne. Soziologische Essays. Wiesbaden: VS Verlag Eisenstadt, Shmuel N. (2007): Multiple modernities: Analyserahmen und Problemstellung, in: Bonacker, Thorsten / Reckwitz, Andreas (Hrsg.): Kulturen der Moderne. Frankfurt a. M.: Campus, 19-45 Eisenstadt, Shmuel N. (2009): Axial Visions and Axial Civilizations: The Transformations of World Histories between Evolutionary Tendencies and Institutional Formations, in: Hedström, Peter / Wittrock, Björn (Hrsg.): Frontiers of Sociology. Annals of the International Institute of Sociology, Vol. 11. Leiden: Brill Elias, Norbert (1983): Gedanken über die große Evolution. Zwei Fragmente, in: Ders.: Engagement und Distanzierung. Arbeiten zur Wissenssoziologie I. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 185-268 Elias, Norbert (2010): Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bände. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 32. Aufl. Fischer, Joachim (2014): Von archaischen Menschengruppen zur Moderne. Philosophisch-anthropologische Konzepte zur Menschheitsgeschichte (Gehlen, Claessens, Dux, Popitz), in: Steenblock, Volker / Lessing, Hans-Ulrich (Hrsg.): Vom Ursprung der Kultur. Freiburg / München: Verlag Karl Alber, 289-335 Habermas, Jürgen (1982a): Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 3. Aufl. Habermas, Jürgen (1982b): Geschichte und Evolution, in: Ders.: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 200-259, 3. Aufl. Habermas, Jürgen (1982c): Zum Theorienvergleich in der Soziologie: am Beispiel der Evolutionstheorie, in: Ders.: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 129-143, 3. Aufl. Heinz-Jürgen Niedenzu 90 Inglis, David (2010): Civilizations or Globalization(s)? Intellectual Rapprochements and Historical World-Visions, in: European Journal of Social Theory 13, 135-152 Joas, Hans / Knöbl, Wolfgang (2004): Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Knöbl, Wolfgang (2010): Path Dependency and Civilizational Analysis. Methodological Challenges and Theoretical Tasks, in: European Journal of Social Theory 13, 83-97 Luhmann, Niklas (1978): Geschichte als Prozeß und die Theorie sozio-kultureller Evolution, in: Faber, Karl-Georg / Meier, Christian (Hrsg.): Historische Prozesse. München: dtv, 413-440 Meleghy, Tamás / Niedenzu, Heinz-Jürgen (Hrsg.) (2003): Soziale Evolution. Die Evolutionstheorie und die Sozialwissenschaften. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, SB 7. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag Müller, Albert (2003): Grenzen der Geschichte?, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 28/2, 6-20 Niedenzu, Heinz-Jürgen (2003): Die ‚Große Evolution‘ und die Humangeschichte. Überlegungen zur Verknüpfung von Evolutions- und Entwicklungstheorie bei Norbert Elias, in: Wenzel, Ulrich / Bretzinger, Bettina / Holz, Klaus (Hrsg.): Subjekte und Gesellschaft. Zur Konstitution von Sozialität. Weilerswist: Velbrück Niedenzu, Heinz-Jürgen (2014): Shmuel N. Eisenstadt: Modernization: Protest and Change, in: Salzborn, Samuel (Hrsg.): Klassiker der Sozialwissenschaften. 100 Schlüsselwerke im Portrait. Wiesbaden: Springer VS, 222-226 Niedenzu, Heinz-Jürgen (2016): Evolution, soziale, in: Kopp, Johannes / Steinbach, Anja (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie. Wiesbaden: Springer VS, 73-76, 11. Aufl. Parsons, Talcott (1966): Societies. Evolutionary and comparative perspectives. Englewood Cliffs, N.J.: Prentice-Hall Preglau, Max (2015): Kritische Theorie: Jürgen Habermas, in: Morel, Julius et al.: Soziologische Theorie. Abriss der Ansätze ihrer Hauptvertreter. Berlin / Boston: Walter de Gruyter, 301-330, 9. Aufl. Reuter, Julia / Villa, Paula-Irene (Hrsg.) (2010): Postkoloniale Soziologie. Empirische Befunde, theoretische Anschlüsse, politische Interventionen. Bielefeld: Transcript Runciman, W. G. (2009): The Theory of Cultural and Social Selection. Cambridge: Cambridge University Press Sanderson, Stephen K. (1990): Social Evolutionism. A Critical History. Cambridge, MA. / Oxford, UK: Blackwell Publishers Sanderson, Stephen K. (2001): The Evolution of Human Sociality. A Darwinian Conflict Perspective. Lanham et al.: Rowman & Littlefield Publishers Schmidt, Volker H. (2010): Die ostasiatische Moderne – eine Moderne ‚eigener‘ Art? in: Berliner Journal für Soziologie 20, 123-152 Schwinn, Thomas (2009): Multiple Modernities: Konkurrierende Thesen und offene Fragen. Ein Literaturbericht in konstruktiver Absicht, in: Zeitschrift für Soziologie 38, 454-476 Soziologie und langfristige Wandlungsprozesse 91 Schwinn, Thomas (2013): Aspekte und Probleme eines pluralen Moderne-Verständnisses, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 38, 333-354 Spohn, Willfried (1998): Historische Soziologie zwischen Sozialtheorie und Sozialgeschichte, in: Welz, Frank / Weisenbacher, Uwe (Hrsg.): Soziologische Theorie und Geschichte. Opladen / Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 289-318 Spohn, Willfried (2010a): Einführung. Globale, multiple und (post‑)koloniale Modernen – eine interzivilisatorische und historisch-soziologische Perspektive, in: Boatcă, Manuela / Spohn, Willfried (Hrsg.): Globale, multiple und postkoloniale Modernen. München / Mering: Rainer Hampp Verlag, 1-28 Spohn, Willfried (2010b): Europäische multiple Modernität als interzivilisatorische Konstellation. Zur Transformation Europas durch europäische Integration und Erweiterung in einer sich globalisierenden Welt, in: Berliner Journal für Soziologie 20, 5-22 Spohn, Willfried (2011): Zur globalen historischen Soziologie Shmuel Noah Eisenstadts (1923-2010) – eine Würdigung, in: Zeitschrift für Soziologie 40, 156-163 Welz, Frank (1998): Einleitung: Soziologische Theorie und Geschichte, in: Welz, Frank / Weisenbacher, Uwe (Hrsg.): Soziologische Theorie und Geschichte. Opladen / Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 9-32 Welz, Frank / Weisenbacher, Uwe (Hrsg.) (1998): Soziologische Theorie und Geschichte. Opladen / Wiesbaden: Westdeutscher Verlag Heinz-Jürgen Niedenzu 92

Chapter Preview

References

Abstract

Is sociology facing structural change? On the occasion of Johann August Schülein retiring, this collection of essays analyses theoretical developments that have occurred in sociology in recent centuries. Those essays discuss disciplinary and cross-disciplinary perspectives, together with institutional aspects and the underlying conditions of scientific theory. Their range of topics includes general aspects of sociological thinking, social change, the role of critique in sociology and society, interdisciplinary perspectives as well as problems related to teaching and research.

This book focuses particularly on current trends in sociological thinking in German-speaking countries, and some chapters are especially dedicated to the role of sociology in Austria. It offers wide-ranging insights into past, present and prospective futures of sociological thinking in German-speaking countries and is especially suited to scholars of sociology and the social sciences in general.

Zusammenfassung

Dieser Sammelband wirft die Frage auf, ob sich in den letzten Jahrzehnten ein Strukturwandel der Soziologie feststellen lässt. Aus Anlass der Emeritierung von Johann August Schülein werden Theorieentwicklungen der letzten Jahrzehnte in der Soziologie analysiert. Dabei werden disziplinspezifische Probleme ebenso diskutiert wie disziplinübergreifende. Das Themenspektrum umfasst allgemeine Theoriefragen, soziale Wandlungsprozesse, die Rolle der Kritik, interdisziplinäre Perspektiven und auch Fragen von Lehre und Forschung. Der Soziologie in Österreich ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Neben einer kritischen Rückschau werden auch aktuelle Tendenzen in der deutschsprachigen Soziologie thematisiert.

Das Buch bietet einen breit gefächerten Einblick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutschsprachigen Soziologie und ist für Forschende, Lehrende und Studierende der Soziologie ebenso geeignet wie für allgemein an Sozialwissenschaften Interessierte.

Mit Beiträgen von

Gerda Bohmann, Karl-Michael Brunner, Christian Fleck, Ulrike Froschauer, Evelyn Gröbl-Steinbach Schuster, Rolf Haubl, Manfred Lueger, Gertraude Mikl-Horke, Gerald Mozetic, Sighard Neckel, Heinz-Jürgen Niedenzu, Max Preglau, Michael Schmid, Johann August Schülein