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Lukas Novotny, Bewusstsein über die Geschichte des Nachbarlandes in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 159 - 161

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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159 len Altersgruppen, insbesondere aber bei der jüngeren Generation. Sie ist andererseits in jeder stark vertreten. Etwas mehr Personen mit entsprechenden Meinungen ? nden sich den Untersuchungsergebnissen zufolge in Bayern. 10.3 Bewusstsein über die Geschichte des Nachbarlandes Sowohl für die Deutschen wie auch für die Tschechen gilt, dass sie nur wenig oder gar nichts über die historischen Vorkommnisse des Nachbarlandes wissen. Während sie vielleicht im günstigsten Falle noch zumindest Grundkenntnisse der Entwicklung des Nachbarstaates haben und einige wichtige Jahreszahlen der „großen“ Geschichte nennen, kennen sie sich in der regionalen Vergangenheit des Anderen so gut wie gar nicht aus. Dabei gibt es mehrere Ereignisse, die in beiden Grenzgebieten geschahen, auch wenn sie sich jeweils anders ausgewirkt haben wie etwa die Re-Katholisierung der Reichsstadt Eger von 1627, ein Geschehen, das übrigens einmal von einem bayerischen Befragten erwähnt wird. Eger kehrte seinerzeit unter dem Druck der Gegenreformation zum Katholizismus zurück und versuchte Marktredwitz mit einzubeziehen, das sich in seinem Besitz befand. 1560 war der Markt wie die Reichsstadt Eger zur evangelischen Konfession übergewechselt. Als nun die Reichsstadt 1627 unter dem Druck der Gegenreformation zum Katholizismus zurückkehrte, sollte sich auch Redwitz anschließen. Nur unter dem Schutz des Bayreuther Markgrafen konnte sich der Ort gegen die Obrigkeit der Reichsstadt behaupten. Gesprächspartner mit einem ausreichenden historischen Bewusstsein und mit Wissen über solche Vorfälle sind also selten anzutreffen. Etwas zahlreicher sind sie in Tschechien als in Deutschland, was mit dem höheren Interesse am großen Nachbarland und mit der Kenntnis der deutschen Sprache zu erklären ist. Die Kenntnisse sind jedoch in erster Linie vom jeweiligen Bildungsgrad abhängig. Allgemein kann auch bei den Ereignissen des Nachbarlandes beobachtet werden, dass die Bayern öfter die „ältere“ Geschichte der Anderen und die Tschechen die deutschen Daten des 20. Jahrhunderts insbesondere aus der Zeit des Nationalsozialismus nennen. Von der „großen“ Geschichte Tschechiens bzw. der böhmischen Länder kennen die bayerischen Befragten meist nur die Heimatvertreibung und die Hussiten. Die Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen aus den früheren Sudetenländern fällt dabei den meisten Interviewpartnern zuerst ein. Ihnen zufolge „hätte man es ja mit der Vertreibung nicht so durchziehen müssen mit allem drum und dran“. (64,m) Die meisten meinen deshalb, dass „von dem her die Meinung der Vertriebenen zu Tschechen und zur EU-Erweiterung eine völlig andere ist. Die wollen heute noch nichts mit den Tschechen zu tun haben“. (49,m) Auf Grund der noch vor einigen Jahren heftig geführten medialen Diskussion über die Entscheidungen des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Beneš gehört gerade er ebenfalls zu jenen Personen der Geschichte des Nachbarlandes, die in Bayern bekannt sind. Seine Dekrete sind zwar besonders der älteren Generation ein Begriff, aber nur wenige verfügen über detaillierte Informationen. Bei den Vertriebenen kommt noch das sogenannte Amnestiegesetz vom Februar 1946 hinzu. Für alle anderen ist die Vertreibung ein „schreckliches, aber abgeschlos- 160 senes Kapitel“ (49,m). Die jüngsten Befragten bis 30 Jahre wissen dagegen oft gar nicht mehr, wer die Sudetendeutschen eigentlich sind, und nehmen von diesem Thema Abstand. Das gilt vermutlich auch für die Nachkommen der Vertriebenen selber, auch wenn nur ein kleiner Teil untersucht wurde. Sie wissen zwar, woher ihre Großeltern stammen (Sudeten, Schlesien) und dass jene die Tschechoslowakei zwangsweise verlassen mussten, sie selber fühlen sich aber von deren Schicksal nicht betroffen. Ebenfalls nur die Ältesten der Angesprochenen können sich unter Egerland etwas Konkreteres vorstellen. Einige Gesprächspartner aus den Landkreisen Wunsiedel und Tirschenreuth bezeichnen ihre Region auch als Egerland, weil „da ja die Eger entspringt. Deshalb gehören wir ja alle irgendwo mit zum Egerland“ (40,w). „Und das Egerland mit den Egerländern gibt’s heute nicht mehr, die damaligen Egerländer sind ja rausge? ogen, jetzt sind die Tschechen dort. Aber interessant ist, dass die Tschechen, obwohl sie ja mit den Deutschen nicht viel zu tun hatten, inzwischen aus irgendeinem uner? ndlichen Grund sich als Egerländer bezeichnen.“ (70,m) Auffallend ist, dass die bayerischen Befragten ein ziemlich kritisches Bild von den Hussiten besitzen. Sie erscheinen bei ihnen meist als „Krieger“ (55,w) und „Feinde“ (57,w). Dabei sollte kurz vor der Hussitenzeit, also noch in der Blütezeit der bayerisch-böhmischen Beziehungen, nach dem Willen von Karl IV. die Oberpfalz zu einem Neuböhmen werden. Doch die Religionsstreitigkeiten des 15. Jahrhundert und die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Hussiten trübten dieses freundschaftliche Verhältnis. Bemerkenswert ist, wie Interviewpartner ihr negatives Bild von den Hussiten auf die Slawen allgemein ausweiten. Hussiten sind für sie eben Slawen, deshalb sind diese auch ein „kämpferisches Volk, das man nicht versteht, weil sie eine fremde Sprache sprechen“ (57,w) Während für die tschechische Bevölkerung die Hussiten-Bewegung und ihre Abwehrkämpfe gegen die Kreuzritterheere einen der Höhepunkte der böhmischen Geschichte darstellen, akzentuiert man in Bayern ihre Raubzüge und bemerkt dabei, wie sehr die bayerische Grenzlandbevölkerung bei diesen Überfällen gelitten habe. Die Hussiteneinfälle erfahren heute im Gedächtnis der Oberpfalz eine besondere P? ege. Sie erscheinen als ein für die Konstruktion regionaler Identität im gesamten bayerischen Grenzgebiet bedeutsamer historischer Prägestempel. Bei Hiltersried, gelegen im heutigen Landkreis Cham, geschah es nämlich, dass im Jahre 1433 ein entscheidender Sieg gegen die Hussiten gelang. Das wesentlich kleinere Heer des Pfalzgrafen Johann zu Pfalz- Neunburg-Neumarkt unter der Führung des Feldhauptmanns Heinrich P? ug von der Schwarzenburg (Rötz) nutzte das Auffahren zur Wagenburg aus, eine Schwachstelle der hussitischen Taktik. Er setzte auf Schnelligkeit, griff an, noch bevor die Hussiten vollständig zur Verteidigung eingerichtet waren, und besiegte sie. In den Folgejahren ließ die Heftigkeit der hussitischen Bewegung dann nach, wofür die Niederlage bei Hiltersried mit ein Grund war. Pfalzgraf Johann trug seit der Zeit den Beinamen „Hussitengeißel“. Dieses Ereignis präsentiert seit nunmehr 25 Jahren das historische Burgfestspiel „Vom Hussenkrieg“ in Neunburg vorm Wald (Landkreis Schwandorf), bemerkenswer- 161 terweise dargeboten in Oberpfälzer Mundart. Ein weiteres Beispiel für die Ideologisierung der Nachbarschaft im Rahmen des Ost-West-Kon? iktes stellte schließlich das alte Brauchtum des Drachenstichs in Furth im Wald dar. Das mit seiner über 500jährigen Tradition älteste Festspiel Deutschlands erhielt im Jahre 1951 einen neuen Text, und zwar von Josef Martin Bauer. Dabei lieferte die Hussitenbedrohung die Folie für die Herausbildung des Bildes vom „Feind“. Die hussitischen Gottesstreiter werden heute von den Oberpfälzern in den Interviews entsprechend als Unruhefaktor bezeichnet. „Die Hussiten haben damals Angst und Schrecken über das heutige Oberfranken und die Oberpfalz verbreitet. Wurden aber zerschlagen.“ (49,m) Für die Bewohner sei es eine unruhige Zeit gewesen, weil „die Hussiten immer wieder unsere Städte ausgeplündert haben“ (49,m) Inzwischen hat auch der Further Drachenstich eine Korrektur erfahren, als das Antitschechische-Antihussitische zurückgedrängt worden ist (Fassung von Alexander Etzel-Ragusa, 2006). Die tschechischen Nachbarn wissen dagegen meist nur etwas über die wichtigsten Ereignisse des Dritten Reiches wie die Machtergreifung Hitlers von 1933, die Existenz der Vernichtungslager, die Nürnberger Gesetze, die Sudetenkrise und den Verlauf des Krieges. Genannt wird dabei auch das Konzentrationslager Flossenbürg, das viele Au- ßenlager in Böhmen hatte. Sie verweisen praktisch gar nicht auf die lokale und regionale Geschichte des Nachbarlandes. Die Interviewpartner besitzen weiterhin Grundkenntnisse über die Ereignisse der DDR-Geschichte wie die blutige Niederschlagung der Proteste am 17. Juni 1953 oder den Bau der Berliner Mauer von 1961. Der Mauerbau am 13. August 1961 wird als „de? nitiver Schluss“ (49,m) genannt. Die Mauer hatte selbstverständlich auch einen Ein? uss auf das Leben der Tschechen in den Grenzgebieten. Sie schränkte noch mehr als bisher ihre Bewegungsmöglichkeit ein und verursachte neue Ängste. Erwähnt werden auch der Mauerfall und die Durchtrennung des Stacheldrahts an der deutschtschechoslowakischen Grenze. Jedoch haben die Befragten die Entwicklung in Deutschland nach der Wiedervereinigung noch weit mehr gefürchtet. Die Öffentlichkeit der damals noch existierenden Tschechoslowakei (?SFR) war Anfang der 1990er Jahre noch sehr gegen die Wiedervereinigung. Sie fürchtete das größere Deutschland. Mit dem Abstand von fünfzehn Jahren verschwand jedoch diese Angst völlig. Die Grenzlandbewohner halten heute die Wiedervereinigung mehrheitlich für einen positiven Schritt, was die Gestaltung der gegenseitigen Beziehungen betrifft. Diese Meinung teilen nach der repräsentativen Befragung des Soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik (2005) vier Fünftel der Bürger in den Grenzgebieten. Der Rest ist anderer Auffassung und hält die Wiedervereinigung für falsch.399 In meiner Untersuchung haben sich diese Forschungserkenntnisse bestätigt. Die Kritiker der Wiedervereinigung bilden heute eine schwindende Gruppe, sind meistens über 60 Jahre alt und links orientiert. 399 Vgl. Factum Invenio (Hrsg.): ?esko-n?mecké vztahy po vstupu ?R do Evropské unie [Deutschtschechische Beziehungen nach dem Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union]. Unveröffentlichtes Manuskript. Prag 2005.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.