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Lukas Novotny, Böhmen und Mähren als Bestandteil des Großdeutschen Reiches in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 85 - 87

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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85 6. Das Protektorat Böhmen und Mähren und das Londoner Exil 6.1 Böhmen und Mähren als Bestandteil des Großdeutschen Reiches Bereits Ende Oktober 1938 gab Hitler seinen Generälen den Befehl zur Vorbereitung der de? nitiven Beseitigung der „Rest-Tschechei“, wie das übriggebliebene Gebiet der Tschechoslowakei von den Nationalsozialisten genannt wurde. Dabei rechnete er mit fast keinem Widerstand. Am 11. März ließ er ein Ultimatum für die Kapitulation mit sieben Punkten ausarbeiten. Dieses übergaben reichsdeutsche Diplomaten dem tschechoslowakischen Staatspräsidenten Emil Hácha in der Nacht vom 14. auf den 15. März. Dabei hörten sie nicht mehr auf die Proteste der Franzosen und Briten. Auch Chamberlain musste jetzt einleuchten, dass es Hitler um weit mehr ging als nur um peace for our time. Hitler sollte somit selber das Münchener Abkommen brechen. Der nach der Abtretung der Grenzgebiete verbliebene tschechische Teil der Republik wurde nach der deutschen Besetzung Prags zum Protektorat Böhmen und Mähren erklärt. Am 15. März 1939 unterzeichneten Emil Hácha und Außenminister Chvalkovský in Berlin ein entsprechendes Protokoll, demzufolge „im Interesse der Sicherung von Ruhe, Ordnung und Frieden das Schicksal der Tschechen in die Hände des Führers des Dritten Reiches“ gelegt werde. Beide Politiker wollten noch während der Nachtverhandlung versuchen, die Besetzung zu verhindern und für den tschechischen Teil des Landes einen Status ähnlich dem der Slowakei aushandeln. Sie befanden sich jedoch unter Hitlers enormem Druck, der ihre Zustimmung zur Besetzung verlangte und mit der Bombardierung Prags drohte. Deshalb entschlossen sie sich zu einem Akt, der das Erlöschen der Republik bedeutete, auch wenn sie sich bewusst waren, dass sie der Verfassung zufolge dazu nicht allein berechtigt waren. Die Politik der Bedrohungen, die Hitler seit dieser Zeit als „Háchaisierung“ bezeichnete, und der Einmarsch der Wehrmacht in die Tschechoslowakei stießen zwar auf Kritik in kirchlichen und liberalen Kreisen Deutschlands. Diese war aber nicht laut genug, so dass Hitler zum unantastbaren Helden des Reiches werden konnte. Noch bevor Hácha zurück in Prag war, hatte der Führer schon den Erlass über die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren veröffentlicht, in dem er die Besetzung mit den bekannten großdeutschen Argumenten begründete: „Ein Jahrtausend lang gehörten zum Lebensraum des deutschen Volkes auch die Böhmisch-Mährischen Länder. Gewalt und Unverstand haben sie aus ihrer alten historischen Umgebung willkürlich gerissen und […] durch ihre Einfügung in das künstliche Gebilde der Tschechoslowakei den Herd einer ständigen Unruhe geschaffen.“196 Noch am 15. März kam er nach Prag. Er grüßte dort die jubelnde deutsche Bevölkerung von der Prager Burg aus. 196 Zitiert bei Roland J. Hoffmann/Alois Harasko (Hg.): Odsun. Die Vertreibung der Sudetendeutschen. Band I. München 2000, S. 564f. 86 Die Slowaken gründeten gleichzeitig im Bündnis mit den von Konrad Henlein politisch gesteuerten Karpatendeutschen am 14. März 1939 ihren eigenen Staat. Hitler unterrichtete sie über die bevorstehende Besetzung des tschechischen Landesteils und drängte den Ministerpräsidenten Jozef Tiso zur Erklärung der Unabhängigkeit noch vor seinem Einmarsch in Böhmen und Mähren. Die Besatzer führten im Protektorat sofort Terror und Vernichtungspolitik ein. Diese betrafen schnell alle Bevölkerungsschichten, die in der Entstehung des Protektorats die Aufoktroyierung einer neokolonialen Herrschaft sahen. Jeder Tscheche im Protektorat musste in ständiger Angst leben, jeder konnte zu jeder Stunde verhaftet, gefoltert und hingerichtet werden. Die politischen Parteien und das Parlament wurden aufgelöst, das politische Leben erlebte die Gleichschaltung. Die ersten Anzeichen der Germanisierungspolitik konnte die Bevölkerung bereits wenige Tage nach der Gründung des Protektorats beobachten. Mehrere tschechische Dörfer wurden ausgesiedelt. Wichtige Stellen in der Protektoratsverwaltung besetzte man mit Sudeten- oder Reichsdeutschen. Ins Land strömten Tausende von Deutschen aus der Sowjetunion und auf dem ganzen Gebiet entstanden Truppenübungsplätze. Die Geschicke von über 7 Millionen Tschechen im Protektorat lenkte pro forma eine eigene Regierung mit Alois Eliáš als Ministerpräsident und Emil Hácha als Präsident.197 Die tatsächliche Macht übte jedoch ein deutscher Verwaltungsapparat mit dem Reichsprotektor Konstantin von Neurath an der Spitze aus. Der Reichsprotektor wurde vom Führer ernannt und stellte praktisch seinen direkten Stellvertreter dar. Er vertrat die Reichsinteressen, d.h. die Sicherung der Germanisierung mit der Eliminierung des tschechischen Volkes sowie die Eingliederung der böhmischen Länder in das deutsche Reich.198 Die deutschen Institutionen stützten sich zudem auf zahlreiche Mitarbeiter aus den Reihen der 189.000 im Protektorat lebenden Deutschen.199 Nach einigen Angaben gelangten 70.000 und nach anderen 40.000 Sudetendeutsche sowie 20.000 Reichsdeutsche in die verschiedenen Besatzungsämter.200 Im Reichsprotekto- 197 Staatspräsident Hácha bemühte sich geschickt darum, möglichst viel für die tschechische Bevölkerung zu erreichen, was ihm zumindest in den ersten Jahren in dieser schwierigen Lage auch gelang. Zunächst stand Hácha noch in Kontakt mit der Exilregierung von Edvard Beneš. Ab 1941 wurde er von der Besatzungsmacht immer stärker isoliert und unter Druck gesetzt. In Folge seines sich ständig verschlechternden Gesundheitszustandes (Arteriosklerose) war er ab 1943 kaum mehr in der Lage, sein Amt auszuüben, wurde aber von der deutschen Besatzungsmacht als Symbol weiter benötigt und benutzt. Nach der Befreiung Prags kam er am 13. Mai 1945 in Lány in Untersuchungshaft. Er starb wenige Wochen später unter nicht ganz geklärten Umständen in einem Gefängniskrankenhaus. 198 Vgl. Miroslav Kárný/Jaroslava Milotová/Margita Kárná (Hrsg.): Deutsche Politik im „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter Reinhard Heydrich 1941-1942. Eine Dokumentation. Berlin 1997. 199 Vgl. Petr N?mec: Die Lage der deutschen Nationalität im Protektorat Böhmen und Mähren unter dem Aspekt der „Eindeutschung“ dieses Gebiets, in: Bohemia 32 (1991), S. 39-59. 200 Vgl. Jan Gebhart: Die tschechische Bevölkerung während der Okkupation und des Zweiten Weltkriegs, in: Heiner Timmermann/Emil Vorá?ek/Rüdiger Kipke (Hrsg.): Die Beneš-Dekrete. Nachkriegsordnung oder ethnische Säuberung? Kann Europa eine Antwort geben? Münster 2005, S. 162-171, hier 163. 87 ratsamt wurde in die wichtige Position des Staatssekretärs der Sudetendeutsche und Karlsbader Buchhändler Karl Hermann Frank berufen, der ab Ende April 1939 auch die SS und die Protektoratspolizei befehligte. Er wurde somit für seinen radikalen Standpunkt in der Zeit vor München belohnt und machte in der Okkupationsverwaltung eine Karriere. Hitler ernannte ihn im August 1943 sogar zum deutschen Staatsminister für Böhmen und Mähren. Frank war es auch, der den Anstoß zur Einführung des „Judensterns“ in ganz Deutschland gab und im Oktober 1941 zusammen mit Heydrich in Prag eine Konferenz über die „Endlösung“ der Tschechen im Protektorat leitete.201 Frank war es schließlich, der das tschechische Dorf Lidice vernichten ließ. Der NS-Terror im Protektorat, der 1941 mit der Entsendung des Chefs des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich immer mehr anwuchs, vertiefte die Gräben zwischen Tschechen und Deutschen entscheidend. Dieser zerschlug die Protektoratsregierung, ließ Ministerpräsident Eliáš verhaften und zum Tode verurteilen und unterdrückte mit harter Faust die Intellektuellen. Über 400 Personen wurden nach Standgerichtsurteilen exekutiert, weitere 5.000 inhaftiert. Die nationalsozialistische Rassenpolitik sah im Protektorat eine gewaltige „Umvolkung“ vor. Die Tschechen galten nämlich weitgehend als „assimilierungswürdig“, so dass eine rassische Verfolgung der gesamten Bevölkerung zumindest während des Krieges nicht angestrebt wurde. Lediglich die „rassisch unverdaulichen Tschechen“ sollten ausgesiedelt bzw. zusammen mit der „reichsfeindlichen Intelligenzschicht“ einer „Sonderbehandlung“ unterzogen werden.202 Die Brutalität des Besatzungsregimes dokumentiert die Einschätzung von K.H. Frank, demzufolge etwa 100 Hinrichtungen im Monat oft ohne Gerichtsverhandlung vollzogen wurden.203 6.2 Der Widerstand im Protektorat Außerdem versuchte man jeglichen Widerstand im Protektorat bereits im Keim zu ersticken, indem man schon kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen eine rigorose Verfolgung von tschechischen Widerständlern und Regimegegnern entfesselte. Der tschechische Widerstand wird dabei nach Meinung des Historikers Václav Kural in der deutschen wie in der tschechischen Historiographie unterschätzt.204 Au? ehnung muss sich nämlich nicht gerade durch viele offenkundige und aktive Widerstandsakte 201 Vgl. Boris ?elovsky: Germanisierung und Genozid. Hitlers Endlösung der tschechischen Frage. Deutsche Dokumente 1933-1945. Dresden/Brno 2005, S. 37-43. 202 Siehe dazu die „Denkschrift über die Behandlung des Tschechenproblems und die zukünftige Gestaltung des böhmisch-mährischen Raumes“ vom 28.8.1940, abgedruckt bei: Die Deutschen in der Tschechoslowakei 1933 – 1947. Dokumentensammlung, zusammengestellt, mit Vorwort und Anmerkungen versehen von Václav Král, Prag 1964, S. 419. 203 Vgl. Václav Kural: Pläne zum Transfer der deutschen Bevölkerung aus der ?SR, in: Zden?k Beneš/Václav Kural: Geschichte verstehen. Prag 2002, S. 187-191, hier 191. 204 Václav Kural: Kollaboration und der tschechische Widerstand im Protektorat, in: Robert Maier (Hrsg.): Tschechen, Deutsche und der Zweite Weltkrieg. Von der Schwere geschichtlicher Erfahrung und der Schwierigkeit ihrer Aufarbeitung. Studien zur internationalen Schulbuchforschung; 94. Hannover 1997, S. 57-66, hier 60.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.