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Lukas Novotny, Vergangenheitsdiskurs und Vergangenheitsbewältigung in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 38 - 44

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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38 lich zugänglich gemacht werden.64 Zwischen Deutschland und Tschechien besteht dabei eine rege Zusammenarbeit meistens in Form von verschiedenen Schulprojekten, die die historischen Grenzen überschreitenden Ereignisse thematisieren. Im Grenzraum entsteht langsam und mühsam ein merkwürdiger Ver? echtungsraum von Institutionen, der eine solide Basis für die Vergangenheitsdiskurse darstellt. Zu den Elementen der Erinnerungskultur gehören auch die jährlich wiederkehrenden Gedenktage wie die Jubiläen von verschiedenen historisch bedeutenden Persönlichkeiten, Feierlichkeiten und Traditionen, die regelmäßig in unterschiedlichen Formen des kollektiven Gedächtnisses und der Vergangenheitsdiskurse erinnert werden. Das kollektive Gedächtnis erstarrt einerseits infolge der Institutionalisierung in Form der Gedenktage, andererseits durch die Manifestation der Gruppenidentität in feierlichen Ritualen, wie zum Beispiel die das kollektive Gedächtnis massenhaft prägenden Aktionen der Umzüge zum 1. Mai in der kommunistischen Tschechoslowakei bezeugten. Die politischen Träger der Macht verlangten die Teilnahme an Feiern zu verschiedenen „denkwürdigen“ Ereignissen. Sie spielten nicht nur ihre politische und gesellschaftliche Macht aus, sondern eroberten sich auch das Gedächtnis. 2.2 Vergangenheitsdiskurs und Vergangenheitsbewältigung Als fester Terminus hat sich „Vergangenheitsbewältigung“ vor allem in der Bundesrepublik Deutschland eingebürgert, und zwar wegen der Aufarbeitung der katastrophalen Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus.65 Dabei ist sich eine Reihe von Autoren bewusst, dass die Vergangenheit nicht ungeschehen zu machen und dass daher ihre „Bewältigung“ äußerst schwierig zu sein scheint.66 Zugleich herrscht Uneinigkeit über den tatsächlichen Gehalt der Begrif? ichkeiten, die sich auf der semantischen Ebene in unterschiedlichsten Bezeichnungen wie Geschichts-, Vergangenheits- oder Erinnerungspolitik, Umgang mit der belasteten Vergangenheit, Geschichtsaufarbeitung, Aufarbeitung der Vergangenheit und Vergangenheitsbewältigung ausdrückt. Die jeweils verwendete Terminologie trifft bereits eine Vorentscheidung über normative Implikationen, Ausdehnung und Gestaltung des Vorgangs. So ist zum Beispiel der Begriff „Umgang“ vergleichsweise neutral gewählt, während „bewältigen“ und „aufarbeiten“ sich hinsichtlich ihrer emotionalen Stärke deutlich unterscheiden und verschiedene Assoziationen hervorrufen. Die „Bewältigung“ wirkt sprachlich persönlicher und belastender, „Aufarbeitung“ hingegen nüchtern und distanziert. Das, um 64 Vgl. Jörn Rüsen (Hrsg.): Geschichte sehen. Beiträge zur Ästhetik historischer Museen. Pfaffenweiler 1988. 65 Vgl. Michael Townson: The Linguistics of Vergangenheitsbewältigung, in: Roger Woods (Hrsg.): Vergangenheitsbewältigung West und Ost. Birmingham 1989, S. 38-52. 66 Vgl. Eckhard Jesse: Umgang mit Vergangenheit, in: Werner Weidenfeld/Rudolf Korte (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit. Frankfurt a.M./New York 1993, S. 648-655. - Peter Dudek: „Vergangenheitsbewältigung“. Zur Problematik eines umstrittenen Begriffs, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. B1-2 (1992), S. 44-53, hier 47. 39 was es hier geht, ist im Blick auf die Situation im bayerischen Grenzland von großem Interesse: Interessiert man sich dort für das, was gleich nebenan, also jenseits der Grenze geschehen ist? Oder überlässt man die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen anderen Landschaften und ihren Menschen? Oder will man eher das Bild der unschuldigen und abgelegenen Provinz schaffen? Die Vergangenheitsbewältigung als wichtige Grundlage der Vergangenheitsdiskurse setzt erstens Verbrechen, zweitens die Beendigung dieser Taten und Wirkungen und drittens eine Demokratisierung voraus. In der Gegenwart steht jedes Land irgendwie zu seiner Geschichte und leitet aus ihr eine Lehre für Gegenwart und Zukunft ab. Differenzierende und neu gewichtende Auseinandersetzung mit der Historie ermöglicht nicht nur, ja sie verlangt auch die Fähigkeit zum Vergangenheitsdiskurs, der auf der Einsicht in die Partialität und Irrtumsanfälligkeit der eigenen Deutungen und Wertungen und des unterschiedlichen historischen Gedächtnisses beruht. „Unter Vergangenheitsbewältigung ist die Gesamtheit jener Handlungen und jenes Wissens zu verstehen, mit der sich die jeweiligen neuen demokratischen Systeme zu ihren nichtdemokratischen Vorgängerstaaten verhalten.“67 Bei der Bewertung der Vergangenheit – ich meine hier vor allem die Aufklärung und Dokumentation der verübten Verbrechen und dadurch die faktische und of? zielle Anerkennung der Opfer – sind wiederum verschiedene Teilbereiche zu berücksichtigen. Zu den wichtigsten gehören justizielle Aufarbeitung, Verurteilung und Bestrafung der Täter, ? nanzielle Wiedergutmachung, Amnestie, Rehabilitation, öffentliche Auseinandersetzung und die historische Aufarbeitung.68 Für die Außenwahrnehmung und das Selbstverständnis der Deutschen ist die Haftung für die Taten und Folgen des „Dritten Reiches“, für Angriffskrieg, Völkermord u.a. von großer Bedeutung. Die Art und Weise, wie man sich mit der NS-Zeit auseinandersetzt, bildet seit Jahrzehnten eines der beherrschenden Themen in den deutschen Vergangenheitsdiskursen, und zwar „so sehr, dass unter Vergangenheit, wenn nicht eigens anders vermerkt, nahezu automatisch die NS-Vergangenheit verstanden wird.“69 Die Vergangenheitsbewältigung ist ein Phänomen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, was das Vorkommen von dunklen und bestialischen Abschnitten in der vorherigen Zeit nicht ausschließt (vgl. etwa die Judenpogrome im Umfeld der Kreuzzüge, Hexenverbrennungen usw.). Alle diese Untaten sind aber von ihren Dimensionen und Wirkungen her nicht mit denen gleichzusetzen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Und somit entstehen Probleme, die den früheren Generationen 67 Helmut König: Von der Diktatur zur Demokratie, in: Ders./Michael Kohlstruck/Andreas Wöll (Hrsg.): Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Sonderheft 18. Opladen 1998, S. 371-392. 68 Vgl. Eckhard Jesse: Vergangenheitsbewältigung und politische Kultur, in: Politische Bildung 3 (1990), S. 53-66. 69 Hans Günter Hockerts: Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 28 (2001), S. 15-30, hier 22. 40 wesentlich unbekannt waren. Die historischen Ereignisse sind so überwältigend, dass sie eine Gefahr darstellen, weil sie Gegenwart von der Vergangenheit her zu bestimmen drohen. Die Aufarbeitung des Geschehenen, ich denke hier im Wesentlichen an die Grausamkeiten beider totalitären Regime, des Nationalsozialismus und des Kommunismus, ist deshalb wichtig, weil es einfach auszuschließen ist, irgendwann einmal davon eingenommen zu werden. Wichtig war daher die Stabilität der nach dem Krieg neu entstehenden Regierungsweise. Man kann hier von einem politischen Neuansatz sprechen, der mehrere Aufgaben beinhaltete, Umgang mit den Eliten (ist es überhaupt möglich, sie komplett auszutauschen, oder soll man sich bemühen, sie in das demokratische System zu integrieren?)70 oder etwa Gewinn des Vertrauens der Bevölkerung, das Vorgehen gegen die Verbrecher (ihre Disquali? zierung) usw. Die rechtliche Ebene hängt eng mit der politischen zusammen, die zentrale Herausforderung sollte daher nach der Wiederherstellung oder Gründung des Rechtsstaats in einer angemessenen justiziellen Art geschehen und hatte trotz der Justiz als dritter Gewalt im Staat im Einklang mit der Politik zu verlaufen.71 Für das Rechtswesen und seine Methoden (das Verbot belasteter Organisationen, die Bestrafung der Täter) ist die Vergangenheitsbewältigung die erste Probe der Rechtsstaatlichkeit.72 Die Auseinandersetzung mit der Geschichte hat immer auch einen starken ethischen Gehalt. Die Schuldzuweisungen, Beweise und weitere zur Verurteilung der Schuldigen führende Instrumente der politischen und justiziellen Macht schaffen den Raum für die Gerechtigkeit. Damit sind die Fragen des Vergebens und Entschuldigens sowie des kulturellen Umgangs mit der Historie und ihre praktische Umsetzung in der Erinnerungskultur wie Ausstellung, Mahnmale, Museen verbunden. Der Prozess dieser öffentlichen Auseinandersetzung in Form der Vergangenheitsdiskurse hat also Auswirkungen auf die politische Kultur eines Landes. Besonders aktiv verläuft der Prozess der Vergangenheitsbewältigung bei zwei Gruppen von Menschen: bei Tätern und Opfern. Beide nehmen an den Vergangenheitsdiskursen intensiv teil, sei es freiwillig, sei es gezwungen. Die Beschuldigten, sofern ihnen noch Machtpotential geblieben ist, versuchen eventuell die Initiativen zur Aufklärung und Strafverfolgung zu behindern, was besonders in den postkommunistischen Gesellschaften oft der Fall war. Die einst Verfolgten können hingegen den 70 Hierzu vgl. Winfried Loth/Bernd A. Rusinek (Hrsg.): Verwandlungsszene. Nationalsozialistische Eliten in der Nachkriegszeit. Frankfurt a.M. 1998. – Petr Mat?j? u.a.: Social Strati? cation in Eastern Europe after 1989 and Circulation of Elites: The Making of Post-Communist Elites in Eastern Europe. Prag 1996. 71 Vgl. Ulrich Battis/Günther Jakobs/Eckhard Jesse: Vergangenheitsbewältigung durch Recht. Drei Abhandlungen zu einem deutschen Problem. Berlin 1992. 72 Vgl. Jürgen Weber/Peter Steinbach (Hrsg.): Vergangenheitsbewältigung durch Strafverfahren? NS-Prozesse in der Bundesrepublik Deutschland. München 1984. – Peter Graf Kielmansegg: Lange Schatten. Vom Umgang der Deutschen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Berlin 1989. – Peter Steinbach: Nationalsozialistische Gewaltverbrechen. Die Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit nach 1945. Berlin 1981. 41 Prozess durch Aktivität und Protest vorantreiben. Die Akteure sind naturgemäß geprägt durch kontrastierende Erfahrungen und biographische Identitäten, die eventuell zu einer Polarisierung führen. Die Bemühungen eines Staats im Umgang mit seiner belasteten Geschichte hängen in einem hohen Maße vom Modus der Transition, also vom Übergang von einer nicht-demokratischen zu einer demokratischen Form ab.73 Ein großes Hindernis bei der Vergangenheitsbewältigung entsteht möglicherweise dann, wenn die ehemaligen politischen und kulturellen Eliten ihres Machtpotentials zu sichern suchen. Das kann dann zum Beispiel den Ausfall der strafrechtlichen Verfolgung nach sich ziehen. Durch die öffentliche Auseinandersetzung mit der Geschichte wird auch die gesamte Gesellschaft (civic culture) zum Träger der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Sie ist Adressat der Bewusstseinsbildung, die die Verurteilung des ehemaligen Regimes und die Verankerung der neuen Normen und Werte zum Ziel hat. Eine Konsolidierung dürfte freilich erst nach einem großen Zeitraum erreicht werden, eine Form bildet der Generationenwechsel. Dieser Generationenwechsel verändert die Beziehung zu Schuld, Erinnerung und Erfahrung: Als erste Generation gelten in unserem Fall die Träger des Nationalsozialismus, die zweite Generation sind deren Kinder, und die dritte Generation bilden die Enkel der ersten Generation. Die Bedeutung der unterschiedlichen Generationen im Bezug auf die heutige Auseinandersetzung mit der NS-Zeit liegt zunächst in der innerfamiliären Tradierung, also im Transport des kommunikativen Gedächtnisses im Assmannschen Sinne. Mit dem Alter und mit jeder neuen Generation verschiebt sich der Akzent auf die Bedingung zeitgeschichtlicher Erfahrung und der Verarbeitung der Geschichte. Anders sieht ihre Schuld an der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland die Erlebnisgeneration, zumindest auf Grund des Engagements, während die jüngere Generation bereits öfter versucht sich zu distanzieren, mit der Argumentation, dass ihr spätestens mit dem Tod der Akteure auch die Taten des eigenen Volkes nicht mehr vorgeworfen werden können. Der Faktor der Beteiligung oder Nichtbeteiligung an den Ereignissen ist bei der Bemessung der Schuldfrage nur im engeren Sinn anzuwenden, denn gerade auf Grund der kollektiven Vergegenwärtigung der Vergangenheit wirken die vergangenen Taten bis heute weiter und sie beein? ussen das Bewusstsein. Aus diesen Ausführungen wird klar: Die Vergangenheitsbewältigung ist auf der einen Seite etwas Allgemeines und für jede Nation Unverzichtbares, auf der anderen Seite jedoch etwas höchst Spezi? sches. Denn jede Nation hat eine andere Vergangenheit zu bewältigen, jede Nation verfügt über einen anderen Erinnerungshaushalt, also jeweils ein bestimmtes historisches Gedächtnis und spezielle historische Erfahrungen. Außerdem vollziehen sich die öffentlichen Vergangenheitsdiskurse wie die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit den Erinnerungen nicht in hermetisch abgeschlossenen nationalen Räumen: Die Beschäftigung mit der Vergangenheit des eigenen Landes, um es mit Christoph Cornelißen, Lutz Klinkhammer und Wolfgang 73 Wolfgang Merkel: Theorien der Transformation: Die demokratische Konsolidierung postautoritärer Gesellschaften, in: Beyme, Klaus von / Claus Offe (Hrsg.): Politische Theorien in der Ära der Transformation. Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 26 (1995). Opladen 1996, S.36. 42 Schwentker zu sagen, wird durch die Rezeption der Erinnerungsleistungen anderer Kulturen mitbestimmt.74 Die nächste Frage, die an dieser Stelle behandelt werden soll, lautet: Wer eigentlich ist für die Grausamkeiten in der Vergangenheit verantwortlich zu machen? Sie ist deshalb als legitim zu verstehen, weil sich die Zahl derjenigen vermindert, die persönliche Erinnerungen an die Zeit vor 1945 haben. Über 90 Prozent der heutigen Deutschen lebten 1945 noch nicht oder sie waren unter 20 Jahre alt, und über 80 Prozent sind überhaupt erst nach dem Kriegsende 1945 geboren worden. Dasselbe gilt ebenfalls für die Tschechen und ihre Erinnerungen an die NS-Zeit wie an die darauf folgende Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen. Die Erfahrungen und Haltungen einer jeden tschechischen Generation bleiben dabei nie ohne Echo und Interesse der weiteren Nachkommen. Die Söhne erlebten zwar nicht den Kampf von Politikern wie T.G. Masaryk oder E. Beneš um die Entstehung des selbständigen Tschechoslowakischen Staates, sie verstanden aber sehr wohl die vaterlandsliebenden Ansichten in der Zeit des Münchner Abkommens und im Laufe des 2. Weltkriegs. Die Enkelkinder wiederum engagierten sich in diesem Geiste gegen die Besetzung der Tschechoslowakei durch die Sowjets und die Armeen des Warschauer Paktes im Jahre 1968. Ihre Kinder, sehr oft waren es Studenten, bestimmten schließlich die Richtung im November 1989. Solche Erfahrungen verbinden sich im Bewusstsein einer jeden neuen Generation mit tradierten Verhaltensmustern (kommunikatives Gedächtnis) und sie beein? ussen sowohl die Vergangenheitsdiskurse als auch die politische Kultur.75 Die meisten der heute lebenden Bürger beider Länder re? ektieren also die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht mehr unmittelbar und auf Grund der eigenen Lebenserfahrungen, sondern sie wird rekonstruiert, in Museen, in Form der Ausstellungen, wissenschaftlichen Werken usw. Die persönlichen Erinnerungen werden immer mehr durch die historischen Fakten an sich oder durch Unkenntnis, auf jeden Fall durch eine Rekonstruktion und Interpretation ersetzt.76 Dieser Prozess verläuft in gewisser Hinsicht subjektiv und auf jedem Fall selektiv. Die Gegenwart wählt aus der Geschichte aus, was sie interessiert und das formt dann das historische Gedächtnis einer Nation. Was trifft also zu? Vergangenheitsbewältigung und Erinnerung der Zeitzeugen oder der Nachlebenden? In Tschechien kann man die Frage am Beispiel der Aufarbeitung der Jahre der Aussiedlung der Sudetendeutschen dokumentieren. Aus den Erhebungen des Soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften zu den Ansichten über die Ausweisung der Sudetendeutschen, wie sie in der Zeit von 1991 bis 1994 unter der 74 Die Autoren führen das Beispiel an, wonach sich die Vergangenheitspolitik Italiens und Japans im Hintergrund des „deutschen Modells“ abspielt. Vgl. Christoph Cornelißen/Lutz Klinkhammer/Wolfgang Schwentker (Hrsg.): Nationale Erinnerungskulturen seit 1945 im Vergleich, in: Dies. (Hrsg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945. Frankfurt a.M. 2004, S. 9-27, hier 14. 75 Vgl. Emanuel Pecka: ?eská politická kultura je evropská [Die tschechische politische Kultur ist europäisch], in: Josef Dolista/Ladislav Skoepa (Hrsg.): Prom?ny politické kultury v zemích Evropské unie [Veränderungen der politischen Kultur in den Ländern der EU]. ?eské Bud?jovice 2005, S. 114-122. 76 Vgl. Hans Günter Hockerts (Fn. 69). 43 Bevölkerung in den tschechischen Grenzgebieten verbreitet waren, geht hervor, dass zwei Drittel der Befragten sie für richtig oder für richtig mit Vorbehalten hielten (66,5 Prozent im Jahre 1991, 65,1 im Jahre 1994). Sieht man die Erhebungsergebnisse aus der Altersperspektive, ? nden sich unter den Befürwortern öfter Bürger über 60 Jahre. Die Rigidität ihrer Haltungen geht aus ihren Erfahrungen mit den Deutschen hervor oder aus den unmittelbar übernommenen Ansichten und Erlebnissen ihrer Eltern, was vor allem die Rolle der Sudetendeutschen bei der Zerschlagung der demokratischen Tschechoslowakei betrifft. Das kann man als Form des historischen Gedächtnisses einer bestimmten Altersgruppe verstehen. Es handelt sich hier also um ein gesellschaftlich-politisches Problem, denn inzwischen gibt es außer einigen wenigen Senioren niemanden mehr, den man zur Verantwortung ziehen könnte. Die unmittelbaren Zeitzeugen der NS-Zeit wie der Aussiedlung bildeten auch unter meinen Interviewpartnern bereits einen kleinen Anteil. Die NS-Vergangenheit bewältigen heute also in der Mehrheit jene, die in der damaligen Zeit noch gar nicht lebten. Anders verhält es sich mit der kommunistischen Vergangenheit, der KS? in der Tschechoslowakei und der SED in der DDR. In diesem Fall wird sich das Problem freilich ebenfalls „von selbst“, also biologisch lösen. Was heißt es nun, eine Vergangenheit bewältigt zu haben? Wie sehen die Kriterien dieser Aufarbeitung aus, und wann ist sie als erfolgreich bewältigt zu bezeichnen?77 Einen bedeutenden Etappensieg stellen die Bestrafung der Täter sowie die Rehabilitierung der Opfer dar. Als Nächstes sind Vergangenheitsdiskurse durchzuführen, die die Gesellschaft verändern in Richtung einer Neuorientierung. Aus der Geschichte der Vergangenheitsbewältigung wissen wir jedoch, wie kompliziert diese Phasen verlaufen. Oft implizieren sie große zeitliche Dimensionen, sie beanspruchen Jahre und Jahrzehnte. Wir kennen aus der Geschichte allerdings viele historische Ereignisse, die zwar ins Gedächtnis einer sozialen Gruppe (in unsere Nationen) eingegangen sind. Es wird an sie verschiedentlich erinnert als an „normale“ Teile der Geschichte. Sie werden aber nicht vergegenwärtigt, weil das auf Grund der gesellschaftlichen Bedürfnisse und Werte gar nicht nötig ist. Anders formuliert: Wir betrachten die Ereignisse aus der historischen Perspektive, sie sind für uns in gewisser Hinsicht verfremdet – einfach ein Teil der Geschichte geworden. Damit soll nicht gesagt werden, dass jede Vergangenheit einfach vergangen ist und die Individuen wie die sozialen Gruppierungen nur noch über eine tabula rasa verfügen. Zwar gibt es neben der Vergangenheitsbewahrung, die das kollektive Gedächtnis und Traditionen konstruiert, auch die Vergangenheitsvernichtung, aber selbst diese „vernichteten“ (wie zeitlich relativ jene auch sein mögen) historischen Ereignisse ha- 77 „Vom Unbewältigten im Zusammenhang des Nationalsozialismus und des Holocaust zu sprechen, setzt voraus, dass eine Bewältigung möglich ist, mehr noch, dass die Subjekte dieser Bewältigung die Deutschen selber sein können.“ Zitiert nach Harald Walzer: Der Mythos der unbewältigten Vergangenheit. Über ein Interpretament der Zeitzeugenforschung zum Nationalsozialismus, in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Sonderheft 24 (1996), Opladen 1996, S. 587-603, hier S. 587. 44 ben ihr Wirkungspotenzial, und es bestehen Möglichkeiten ihrer Rückkehr ins aktive historische Gedächtnis. Anders verhält es sich zum Beispiel mit der NS-Diktatur und ihrer Bewältigung in Deutschland. Dies gilt auch für die Aufarbeitung der kommunistischen Ära in der Tschechischen Republik. Man begegnet in diesem Fall einer größeren Publizität, einem gesteigerten Interesse. Mit der einfachen Historisierung, also Einordnung in das historische Gedächtnis, ist es dagegen schwieriger. Hier kommen wesentlich mehr nationale Emp? ndlichkeiten, mehr Erinnerungen und ein intensiverer Erinnerungs- und Gedenkensbedarf ins Spiel. Es ist nämlich nicht so, dass die Zeit alles gleichmäßig mit einer versöhnlichen Patina überzieht und die historischen Ereignisse gleich dem historischen Gedächtnis und dem Erinnerungshaushalt zuführt. Noch leben ja einige Zeitzeugen. Ihre Erinnerungen sind unmittelbar sowie intensiver und die betroffenen Mitbürger wollen einfach auf Grund ihrer moralischen Ansichten die Erinnerung und das Gedenken jener Ereignisse. Außerdem kann auf Grund der Aktualität und der unterschiedlichen Intensität des Erinnerns die justizielle Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit als noch nicht abgeschlossen gelten. Beides trifft für die zwei Diktaturen des 20. Jahrhunderts zu, sie werden aus diesen und vielen weiteren Gründen vergegenwärtigt. 2.3 Vergangenheitsdiskurs und Grenze Eine Grenze bleibt keinesfalls konstant, sie erscheint als eine variable historisch determinierte Kategorie, die die eigene regionale, nationale und kulturelle Identität mitgestaltet. Sie ist ein bedeutendes Mittel zur Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Anderen.78 Aus den Antworten der von uns Befragten und aus ihren Biographien geht ihre Bedeutung deutlich hervor. Die Grenze zwischen Deutschland und Tschechien veränderte im 20. Jahrhundert mehrmals ihre Stellung und Funktion. Historisch gesehen handelt es sich allerdings um eine stabile zwischenstaatliche Trennlinie, die sich in ihrer neuesten Geschichte – bis auf die Annexion der Sudetengebiete durch das Dritte Reich – nicht territorial verändert und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch zwei ideologische Welten getrennt hat. Bis 1938 war sie eine Demarkationslinie zwischen zwei Staaten. Sie war jedoch keine Sprachgrenze, da in den tschechoslowakischen Grenzregionen überwiegend Deutsche gelebt haben. Noch während der Münchner Krise schlug der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš ihre Verschiebung vor. Ein großer Teil des Egerlandes sollte Hitlerdeutschland zugeschlagen werden. Zur Verwirklichung dieses Vorhabens kam es bekanntlich nicht, damit hätte sich Hitler niemals zufrieden gegeben. Nach der Besetzung der tschechoslowakischen Randgebiete war die Grenze keine Staatsgrenze mehr. Ihre Funktion erhielt sie erst wieder mit dem Kriegsende. Sie blieb nach der 78 Zum Vergleich siehe Geörgy Éger: Region, Border, Periphery, in: Ders./Josef Langer (Hrsg.): Border, Region and Ethnicity . Results of an International Comparative Research. Klagenfurt 1996, S. 15-30.

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References

Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.